40. Der Krieg – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Nachdem ich Jasper zur Rede gestellt und so erfahren hatte, dass er einen Krieg zur Vernichtung des Mädchens mitsamt der Wölfe heraufbeschwören wollte, griff ich ihn in einer Kurzschlussreaktion an. Edward ging dazwischen, doch als ich ihn in mein Wissen einweihen wollte, verteidigte er Jaspers Ansichten und schickte mich verständnislos zu Renesmee. Sie war allerdings nirgends aufzufinden, weswegen ich sofort aufbrach, um sie zu suchen – erfolglos. Währenddessen in mir die Vermutung aufkeimte, dass das Mädchen womöglich dem kompletten Gegenteil von Jaspers Darstellung ihrer Person entsprach, wurde ich zu einer weiteren Besprechung gerufen.
Jasper war sich seiner Sache sicher. Sicher genug, um aufzutreten, als wäre rein gar nichts vorgefallen. Niemand würde mir Glauben schenken, wenn ich meine Zweifel bezüglich ihm äußerte, und das wusste er. Stattdessen behandelte Edward mich, als wäre ich ein ungezogenes Kind gewesen und wies mir einen Platz zu, an dem ich sitzen und möglichst den Mund halten sollte – letzteres blieb unausgesprochen, aber seine Miene verriet, dass er keine weiteren unfundierten Anschuldigungen hören wollte. Ich hatte mir verflucht nochmal selbst alles vermasselt, weil ich falsch an diese Sache herangegangen war. Und nun hockte ich hier, obwohl Renesmee irgendwo dort draußen war und meine Hilfe brauchte… Das hier musste schnell vorüber gehen.
„Es haben sich viele Dinge offenbart, die wir so nicht erwartet hätten.", begann Carlisle vorsichtig, aber zielgerichtet, fast als hätte er meine stumme Bitte vernommen: „Dinge, die ihr sicher nun überdacht habt und für euch selbst zu einer Erkenntnis diesbezüglich gelangt seid. Fraglich ist jetzt, welchen Weg wir einschlagen werden, und ob wir überhaupt handeln sollten."
„Ob wir handeln sollten?"
Emmet verschränkte die Arme, als Rosalie ihn mit einem einzigen Blick zum Schweigen brachte. Er ließ sich zurück auf das Sofa sinken und wandte die Augen ab. Daraufhin fuhr Carlisle fort: „Ich wünsche mir, dass wir gemeinschaftlich eine Entscheidung treffen, mit der jeder hier leben kann. Gibt es Vorschläge?"
„Ich werde nicht dabei zusehen, wie weitere unschuldige Personen verletzt werden. Ich muss meine Familie sicher wissen und das geht nur, indem wir jede Gefahr abwenden.", erklärte Edward direkt und mit einer beneidenswerten Gelassenheit: „Denn ich sehe sie als Gefahr, die Frau und auch Jacob, und alle anderen ebenfalls. Sie haben versucht, Bella zu töten. Das kann ich nicht vergeben…also erwarte ich, dass wir zurückschlagen." Was sagte er da? Trotzig widersprach ich ihm: „Du kannst uns nicht schützen, wenn wir uns auf einen Kampf einlassen." Sein Gesicht blieb unverändert.
„Aber es ist besser, dieses Risiko ein Mal in kauf zu nehmen und dabei organisiert vorzugehen, als nicht zu wissen, wann und wie oft sie vielleicht zuschlagen.", konterte Rosalie. Von ihr hatte ich nichts anderes erwartet.
„Vielleicht.", zischte ich ungehalten: „Du sagst es. Wir wissen nicht, ob sie überhaupt vorhaben, uns anzugreifen." Nun erhielt ich eine Warnung von ihr und Edward gleichermaßen. Ich wollte darauf reagieren, doch Carlisle hob abwehrend die Hände: „Wer sich nicht beherrschen kann, sollte keine Entscheidung über Krieg oder Frieden treffen." Dass er das Wort ‚Krieg' überhaupt in den Mund nahm, erschreckte mich zutiefst. Doch meine Wut auf Jasper war noch lange nicht verkocht und begann bereits wieder zu brodeln. Ich wollte nicht zulassen, dass er mir seinen durchtriebenen Vorstellungen durchkam.
„Ich möchte, dass wir in Ruhe gemeinsam leben können. Das ist alles, was zählt…deshalb sollten wir ihnen helfen, nach dem Täter zu suchen."
Esmes ruhige Stimme war bestechend, aber sie wirkte nicht auf alle gleich. Schließlich machte sie auch deutlich, dass hier jeder mit einem anderen Wissens- und Glaubensstand an die Sache heranging. Ich fragte mich unvermittelt, was Rosalie wohl wusste.
„Dafür bin ich auch.", erklärte dann plötzlich Alice. Jasper saß neben ihr wie eine Statue, was mich zu der Annahme brachte, dass sie sich abgesprochen haben mussten. Ich hob kurz andeutend die Hand: „Ebenfalls." Ein knappes Lächeln umspielte Carlisles Mund, doch es währte nur bis zur folgenden Bemerkung seitens Rosalie.
„Wenn wir auf ihre Anfrage eingehen, sind wir dumm genug, diese Lügen zu glauben. Ich", - sie stand auf, als wolle sie dadurch überzeugender wirken –: „sage, wir sollten keines ihrer Worte ernst nehmen. Dieses Szenario ist an den Haaren herbeigezogen. Sie erwarten, dass wir ihnen Vertrauen schenken oder uns darum bemühen, ihres wiederzugewinnen. Und dann rammen sie uns das Messer in den Rücken." Je mehr sie sagte, desto mehr glaubte sie wohl sich selbst. Emmet machte wortlos seinen Zuspruch deutlich.
„Es kann keine Täuschung sein. Charlie würde nicht lügen.", sagte ich und erntete prompt die Retourkutsche – zu meinem Missfallen von Edward höchstpersönlich: „Charlie nicht, aber Jacob schon."
„Und deinen Vater für ihre Lügen zu benutzen zeigt ja wohl, dass sie keinen Funken Respekt haben.", ergänzte Rosalie. Sie und Edward waren sich offenbar mehr als nur einig in dieser Angelegenheit, und das gefiel mir ganz und gar nicht, weswegen ich direkt konterte: „Dann ruf ihn doch an und frag ihn selbst!" Herausfordernd starrte ich in ihre vor Zorn geweiteten Augen. Die Luft füllte sich langsam merklich mit Anspannung, doch wieder ging Carlisle dazwischen.
„Ob es der Wahrheit entspricht oder nicht ist gar nicht von Belang. Tatsächlich wäre es jedoch nur sinnvoll, Charlie danach zu fragen. …der eigentliche Punkt ist, ob wir auf diese offene Drohung - auch wenn ich nicht begeistert bin, Jacobs Begleitung und seine Handlungen so zu bezeichnen - eingehen sollten. Wir wissen, wozu sie imstande ist, aber nicht, ob das zu unserem oder generell jemandes Nachteil sein muss."
Carlisle verfügte scheinbar beinahe über dasselbe außerordentlich nützliche Talent wie Esme, Gemüter mit Worten zu besänftigen. Wenn auch nicht für lange.
„Ich unterstütze Edwards Meinung. Wir sollten ihnen zeigen, dass wir sehr wohl wissen, wen sie uns da vorgeführt haben. Und dass wir nicht dulden, dass sie unsere Familie so feige attackieren."
Emmet nickte: „Wir müssen klar machen, wer hier das Sagen hat." Damit stand es offenkundig drei zu drei. Fehlten nur noch Jasper und Carlisle, um eine Entscheidung zu treffen. Und auf Jaspers Erklärung war ich bereits mehr als nur gespannt.
„Jasper?", fragte Carlisle nach kurzem Schweigen, um ihm die längst überfällige Stellungnahme zu entlocken. Ich taxierte Jasper mit Blicken, weil ich hoffte, ihn so unter Druck setzen zu können, doch er beachtete mich gar nicht. Und selbst wenn, hätte ich wahrscheinlich nicht viel Eindruck damit gemacht. Schließlich setzte er eine unbekümmerte Miene auf, und ich konnte mir beinahe denken, was dann folgte: „Sie ist eine absolute Bedrohung für jeden von uns. Ich kenne ihre Persönlichkeit und weiß, was sie anrichten könnte. Es ist nicht auszuschließen, dass sie unsere Gaben gestohlen hat, um sie gegen uns einzusetzen. Und es ist ebenfalls wahrscheinlich, dass sie Rache an mir nehmen will. Sie hat bereits zuvor Personen aus ihrer Vergangenheit aufgesucht, um sie brutal und kaltblütig hinzurichten." Ich stöhnte tonlos und konnte nur knapp verhindern, dass ich mir die Hand vor die Stirn schlug. Mir hätte klar sein müssen, dass er diese Karte ausspielte. Eine andere hatte er schließlich nicht.
„Weshalb? Wovon sprichst du?", fragte Carlisle prompt.
„Sie hat unter anderem ihren Vater getötet, nachdem sie ihn über Jahre suchte. Es war Mord, definitiv. Und ich bin ihr damals nicht weniger ein Vater gewesen. Ich habe ihr alles gelehrt, was es über diese Welt zu wissen gibt, sei es übernatürlicher Natur oder nicht."
Ich hasste ihn. Es wurde von Sekunde zu Sekunde schwieriger für mich, den Drang, ihm an den Hals zu springen, zu unterdrücken. Er log, denn er wusste all das eigentlich nicht, zumindest nicht sicher. Das konnte er gar nicht! Als es mir unmöglich wurde, länger still zu sitzen, sprang ich auf und platzte wie eine übervolle Wasserbombe: „Das ist nicht wahr! Jasper weiß es nicht. Das ist eine vage Vermutung, eine Behauptung." Ich sprach an die anderen gewandt, nicht an ihn selbst, weil das sowieso keinen Sinn hatte. Überrascht darüber, wie sehr mich das aus der Fassung brachte, starrten mich alle an. Edward fasste meine Hand und wollte mich daran zurück auf das Sofa ziehen, doch ich entriss sie ihm.
„Ist das wahr, Jasper? Du weißt es nicht?"
Nun sah er mich an, und ich erkannte in seinen Augen, dass er mich dafür ebenso verabscheute wie ich ihn. Nach einem kaum merklichen Zögern sagte er schlicht: „Ich war nicht dabei, wenn sie das meint."
„Pah!", fuhr ich ihn an und ging mit erhobenem Zeigefinger auf ihn zu: „Du bist ein vermaledeiter Lügner! Du machst sie schlecht, dabei kennst du sie gar nicht. Du kennst sie nicht mehr."
„Aber du schon?"
Seine Stimme war ein drohendes Flüstern, aber das hatte er gar nicht nötig. Ich hatte nichts gegen ihn in der Hand und spätestens jetzt war das allen anderen auch klar geworden. Carlisle versuchte mich zu beschwichtigen: „Bella, ich verstehe, dass das eine schwierige Situation ist. Das ist sie für uns alle. Die Werwölfe sind in den letzten Jahren enge Verbündete gewesen. Aber wir sollten uns nicht noch gegeneinander wenden." Sie waren keine Verbündete, sie waren Familie. Jasper hingegen…
„Wir sollten unsere Stärke demonstrieren.", äußerte Jasper schließlich seine Meinung und ich ließ mich enttäuscht zurück auf das Sofa sinken. Carlisle war meine letzte Hoffnung, und obwohl ich zu wissen glaubte, wofür er stand, fürchtete ich mich davor.
„Dann ist es entschieden.", ließ er verlauten, bevor er jede Vorstellung, die ich davon hatte, wer er war und woran er glaubte, mit den folgenden Worten zerstörte: „Denn ich enthalte mich." Was? Ich musste mich verhört haben. Nein, er…das würde er doch nicht zulassen?
„Was meinst du damit?", fragte Esme unsicher und bestätigte, dass ich nicht irrte. Carlisle tätschelte ihre Hand: „Ich werde mich vorerst enthalten." Es zu wiederholen machte die Sache nicht besser. Das konnte er doch nicht erst meinen?
„Was soll das heißen?"
Ich bemerkte erst, dass ich gesprochen hatte, als er meinen Blick erwiderte und sagte: „Es ist für mich zu früh, um mir eine endgültige Meinung darüber bilden zu können. Ich möchte nichts überstürzen und durch eine falsche Entscheidung unsere Zukunft gefährden. Deshalb werden wir nach der jetzigen Abstimmung verfahren und die Wölfe in einer Konferenz mit unseren Anschuldigungen konfrontieren. Je nachdem, wie dieses Gespräch verläuft, werde ich meine Wahl treffen." Das hier war die falsche Entscheidung! Er gab damit Rosalie, Jasper und deren verqueren Ansichten Raum und ließ zu, dass sie die Situation für sich ausnutzen konnten. Er mochte es so meinen, wie er es sagte, und hoffte womöglich darauf, wirklich eine Erkenntnis daraus zu gewinnen. Doch er spielte ihnen damit in die Hände und ahnte nicht einmal, wie schamlos sie seine Gutgläubigkeit auszunutzen gedachten. Erwartete er wirklich, dass sie sich beherrschen würden, bis er ein Urteil gefällt hatte? Sie würden alle aufeinander losgehen und es würde Verletzte, ja, vielleicht sogar Tote geben! Ich wollte und würde dafür sicher nicht die Verantwortung übernehmen.
„Du zögerst es hinaus.", kritisierte Rosalie und lud meinen Zorn noch zusätzlich auf: „Oh, bitte! Du hast doch, was du wolltest!" Ich konnte Jaspers Grinsen förmlich spüren, weigerte mich aber zwanghaft, mich davon zu überzeugen.
„Bella.", warnte Edward mich, aber ich würde nicht darauf reagieren. Er konnte mir nicht vorschreiben, was ich zu glauben oder zu tun hatte. Besonders von ihm hätte ich mehr erwartet.
„Bella, vielleicht ist es besser, wenn du erst einmal zur Ruhe kommst. Es bleibt genügend Zeit bis zur Besprechung."
Was sollte das heißen? Genügend Zeit für ihn, um sich anders zu entscheiden? Oder dass ich mich währenddessen einlullen lassen konnte? Als ich nicht reagierte, sondern nur entgeistert dreinblickte, packte Edward meine Hand und sorgte dafür, dass ich mich diesmal nicht so leicht lösen konnte.
„Ich bringe sie nach draußen.", sagte er fest und tonlos und zog mich mit sich, bevor ich überhaupt verstanden hatte, was hier gerade passierte. Mit schnellen, großen Schritten führte er mich aus dem Zimmer und ich hörte gerade noch so, wie Alice fragte, wann denn nun besagte Versammlung stattfinden würde.
Edward ließ erst los, als er mich zurück in unser Häuschen gebracht hatte, als wäre das neuerdings sein Gefängnis für mich. Als würde ich mich hier einsperren und belehren lassen, als würde ich hier zur Vernunft kommen. Als ich seinem Gesicht begegnete, sprach daraus blanker Zorn: „Du bist ungehalten und unüberlegt, Bella. Und nichts davon bringt uns weiter. Die Entscheidung ist gefallen und du tätest gut daran, sie zu akzeptieren."
„Ich werde sie nicht akzeptieren.", erwiderte ich nur, woraufhin er kurz die Luft ausstieß, als würde er sogleich zu einem schallenden Lachen ansetzen. Es sah ihm nicht ähnlich, nichts davon. Was bitte hatte ihn umgestimmt? Der Angriff auf mich? Dass ich auf Jasper losgegangen war? Vielleicht hatte er von Beginn an so darüber gedacht.
„Gut, dann spiel eben weiter das beleidigte Kind. Aber ich werde das nicht unterstützen. Ich erwarte, dass du vernünftig wirst."
„Das kann nicht alles sein, was deine Meinung geändert hat!", fuhr ich ihn an, weil es schlichtweg stimmte. Mit festem, durchdringendem Blick sah er mich daraufhin an und ich bereute bereits, es erneut angesprochen zu haben.
„Ich habe gespürt, was diese Frau tun kann, Bella. Ich spürte Schmerz und Dunkelheit und Stille – und nichts davon war real. Sie ist wesentlich stärker, als ihr alle glaubt."
Ich versuchte herauszufinden, worüber in aller Welt er sprach, als er sich bereits von mir abwendete. Abgesehen von seinem Kampf mit ihr gab es nichts, worauf er sich beziehen könnte, wenn nicht…wenn er nicht genau das meinte. Der Moment, in dem sie ihn gepackt und nach oben gestemmt hatte. Und wie er schrie, beinahe als hätte ihm das körperliche Schmerzen bereitet. Was, wenn es so war? Es musste so sein, denn es existierte eine Gabe, die genau das tat. Und sie gehörte niemand geringerem als Jane. Schnell versuchte ich, diese Vorstellung zu verdrängen, doch der Schaden war bereits angerichtet.
„Wann ist die Versammlung?", fragte ich, bevor er gehen konnte, und versuchte, dabei möglichst neutral zu klingen. Er hatte es sicher gehört, weil er es aus Carlisles Gedanken vernommen hatte. Aber seine Antwort warf nur weitere Fragen auf.
„Das ist nicht länger von Belang für dich."
„Was – was soll das heißen?"
Ich versuchte, nur einen kleinen Teil meiner Verzweiflung und Verwirrung in meinem Blick auszudrücken, aber es prallte ungesehen an ihm ab: „Weil du nicht dabei sein wirst. Weil ich dir verbiete, daran teilzunehmen, dir und Renesmee. Ihr bleibt in Sicherheit und du hast keinen Grund, dich weiter darüber aufzuregen." Ich glaubte, mich verhört zu haben, doch als er die Türklinke ergriff, wurde mir klar, dass er mich mit diesen Worten hier stehen lassen wollte.
„Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich mir das von dir sagen lasse?", fuhr ich ihn an und stoppte die Tür mit einer Hand in ihrer Bewegung. Er sah mich ein letztes Mal an, und aus seinen Augen sprach nichts weiter als Enttäuschung: „Beruhige dich einfach, Bella."
