41. Starke Bande – TEIL 1


Was zuvor geschah…

Renesmee war verschwunden und mich beschlich das ungute Gefühl, dass sie versuchte, mit Jacob zu sprechen. Nach einer erfolglosen Suche musste ich mich jedoch zuallererst mit einer weiteren Besprechung auseinandersetzen: Carlisle wollte klären, wie wir nun verfahren sollten und schlug vor, eine Versammlung einzuberufen. Währenddessen ich mich strikt dagegen aussprach, aus dieser Sache mehr zu machen, als eigentlich dahintersteckte, verfolgten Rosalie, Emmet, Jasper und zu meinem Missfallen auch Edward offenbar denselben Plan. Sie hielten es für unabdingbar, zu handeln, doch ich vermutete, dass Jasper jede Gelegenheit für eine Provokation ausnutzen würde. Beim Versuch, sein wahres Gesicht aufzudecken, verstrickte ich mich nur noch mehr in meinen Vermutungen und verlor jede Glaubwürdigkeit. Edward kündigte daraufhin an, dass er weder meine Anwesenheit bei der Versammlung noch jede anderweitige Einmischung meinerseits dulden würde.


Wenige Augenblicke nach dieser mehr als verstörenden Unterhaltung hatte ich mich keinesfalls beruhigt, sondern befand mich auf dem schnellsten Weg zur Grenze. Edwards Reaktion hatte mir erneut vor Augen geführt, wie weit sie alle bereit waren zu gehen, wenn es darum ging, die Wölfe für ihre Entscheidung haftbar zu machen. Dass Edward tatsächlich verlangte, dass ich zuhause blieb, währenddessen Jasper einen Krieg anzettelte, den er schließlich austragen würde, war der Gipfel dieser ganzen Misere. Er hatte sich nicht nur im Ton vergriffen, er musste sich auch zu sehr hineingesteigert haben – er musste überreagiert haben. Ich konnte nicht glauben, dass das sein vollster Ernst war…wenngleich mich die Vorstellung, dass das Mädchen Janes grausame Gabe beherrschte und ohne Zögern anwendete, ebenfalls ängstige.

Noch weniger konnte ich allerdings glauben, dass Carlisle tatsächlich eine kriegerische Auseinandersetzung zulassen würde. Er musste einen Plan haben oder zumindest diese Geschichte zu einem anderen Ende führen wollen. Dass es ihm gelingen würde, in Anbetracht der aufgeheizten Stimmung, war kaum vorstellbar. Ein falsches Wort seitens Jacob oder ein schiefer Blick des Mädchens würden reichen, um Jasper einen Grund zu geben, auf sie los zu gehen.

So beschäftigte mich diese Sache noch den ganzen Weg über, bis zum Fluss und damit der Grenze, und sogar darüber hinaus. Ich wusste, dass ich vorsichtig sein und meine Umgebung beobachten musste, doch es fiel mir schwer, mich darauf zu konzentrieren. Als dann plötzlich ein Geräusch nur knapp neben mir an meine sensiblen Ohren drang, rollte ich mich geduckt zur Seite weg hinter einen Baum. Ich lauschte, wartete und erkannte erleichtert Renesmee an der Art, wie sie sich bewegte. Sie war sehr langsam unterwegs, taumelte geradezu vor sich hin, und schien mich nicht bemerkt zu haben. Mit einem Aufatmen trat ich aus meinem Versteck hervor und wollte sie in meine Arme schließen, da sah ich zum ersten Mal in ihr Gesicht. Es war zerfurcht von schwarzen Tränenspuren, sie hatte gerötete Wangen und ganz verkrustete Mundwinkel. Ihr Auftreten wirkte nicht nur unsicher, so als hätte sie ihr Ziel aus den Augen verloren, sondern erschreckte mich ebenso sehr. Als sie realisierte, dass ich es war, fiel sie laut schluchzend in sich zusammen. Sofort beugte ich mich zu ihr, versuchte, sie wieder zum Stehen zu bringen und gleichzeitig zu beruhigen – denn wir waren bereits in deren Gebiet, weswegen jede zu laute Äußerung gefährlich sein konnte. Ich ging davon aus, dass seit unserer letzten Erscheinung regelmäßig jemand entlang der Grenze patrouillierte.

„Renesmee, Schatz –", begann ich, doch das nahm sie als direkte Aufforderung, hemmungslos zu weinen. Kurzerhand nahm ich sie auf meine Arme, trug sie zurück auf sicheres Gelände und ließ sie im Schutz des Gebüschs herunter. Ihre Hände klammerten sich fest in meine Jacke, da überrollte sie ein weiterer großer Schwall an Tränen. Man hätte meinen müssen, dass ihr Reservoire dafür bereits erschöpft war, doch das komplette Gegenteil schien der Fall zu sein.

„Shht.", machte ich und streichelte ihr Haar: „Renesmee, was machst du hier? Ich habe dich überall gesucht, ich hatte Angst, dass dir etwas zugestoßen ist." Sie wirkte wie ein Häufchen Elend, wie sie da zusammengekauert am Boden lag, sodass ich mich direkt tiefer über sie lehnte. Ich küsste ihre Stirn und strich einige feuchte Strähnen zurück.

„Du warst bei ihm, nicht wahr?", fragte ich leise und vernahm ein zaghaftes, wenn auch abgehacktes Nicken ihrerseits. Mitfühlend zog ich sie in eine aufrechte Sitzposition und drückte sie erneut an mich. Ich hatte gewusst, dass sie versuchen würde, zu ihm zu gelangen. Offenbar war es ihr tatsächlich gelungen, ohne entdeckt zu werden. Nur was war dabei herausgekommen? Hatte er sie wieder verletzt? Oder sie einfach fortgeschickt? Beides würde ihren Zustand erklären, und beides war dumm genug, dass er dafür mindestens eine Ohrfeige verdiente.

„Was hat er gesagt?", fragte ich, da begann sie heftig zu zittern.

Sie w-war da."

Das war alles, was ich auch nach weiteren Fragen aus ihr herausbekam. Es brachte nichts, es weiter zu versuchen, und zumuten wollte ich ihr sowieso nicht noch mehr. Ich nahm sie wieder auf meine Arme, auch wenn sie diesmal protestierte, und brachte sie zurück nach Hause, wo ich sie in ihrem Bett ablegte und zudeckte. Wenn das Mädchen noch immer bei Jacob war, war das die beste Gelegenheit, die ich bekommen würde. Nicht nur, um herauszufinden, wie er auf Renesmees plötzliches Erscheinen reagiert hatte, sondern auch, um mir eine eindeutige Meinung zu bilden. Und um ihn zu warnen. Tatsächlich war ich mir trotz allem sicher, dass er wissen sollte, was wir – oder zumindest der restliche Teil meiner Familie – zu tun gedachten. Also blieb ich bei Renesmee, wiegte und beruhigte sie, bis sie widerstrebend eingeschlafen war. Dann brach ich auf.


Das mir nur allzu bekannte rote Häuschen tauchte wesentlich früher als erwartet zwischen den Bäumen auf. Ich war niemandem begegnet, hatte nicht einmal entfernt jemandes Anwesenheit vernommen, was mehr als ungewöhnlich war. Aber ich war sicher, dass Jacob mir nichts tun würde und ich zumindest auf seinem Grund und Boden keine Angriffe befürchten musste. Was ich jedoch sicher erwarten durfte, war, dass er mich direkt zum Gehen aufforderte. Oder dass seine Begleitung einen Blick an mich sandte, der deutlich genug war, dasselbe innerhalb eines Sekundenbruchteils auszudrücken.

Mit einem Kopfschütteln versuchte ich, jeden überschüssigen Gedanken aus meinen Gedanken zu drängen. Ich musste nun überlegt handeln, ich musste versuchen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Konzentriert lauschte ich und vernahm zwei schlagende Herzen, eines war schwer und stark, das andere hingegen stolperte beinahe über seine eigenen Schläge. Obwohl es so gar nicht zu ihr passte, musste es dem Mädchen gehören. Ich tastete nach meinem Schutzschild. Es war da und ich hoffte, das würde es auch bleiben. Als ich an die Tür trat und nervös mehrmals klopfte, war ich mir meiner Sache recht sicher, zumindest in Anbetracht der Umstände. Doch nachdem sich die Tür geöffnet hatte und ich in Jacobs so erwachsenes Gesicht mit den vertrauten Augen blickte, sank mein Selbstvertrauen auf ein Minimum. Er wirkte ganz und gar nicht offen für ein ruhiges, gesittetes Gespräch, sondern angespannt, wenn nicht sogar aufgebracht. Es war nicht lange her, dass Renesmee ihn konfrontiert hatte. Was sollte ich erwarten? Vielleicht war es eine dumme Idee gewesen, nichtsdestotrotz war es notwendig. Ich durfte es nicht weiter hinauszögern.

Als ich prüfend einen Blick hinter ihn sandte, um das Mädchen zu suchen, das ich nicht allzu weit entfernt vermutete, nutze er jedoch die Gelegenheit und schlug mir die Tür vor der Nase zu. Ich reagierte gerade schnell genug, um es zu verhindern, indem ich meinen Fuß zwischen Tür und Angel stellte.

„Was willst du?", fragte er ohne Umschweife. Seine Stimme trug ebenso wenig Interesse in sich wie der Ausdruck in seinem Gesicht. Da war nichts von der Wärme, die er für gewöhnlich ausstrahlte, nichts mehr von dem Jacob, den ich an der Seite meiner Tochter akzeptiert hatte. Er stand da wie eine Hülle, deren Inhalt man gestohlen hatte.

„Wir müssen reden."

Er schnaubte, tat einen Moment so, als könnte er nicht fassen, dass ich es wagte, eine so lächerliche Forderung zu stellen. Dann schüttelte er den Kopf und öffnete – komplett gegensätzlich seiner Reaktion – die Tür weit genug, dass er dazwischen Platz hatte. Ich wusste nicht, ob er so zu verhindern gedachte, dass ich mich erneut nach ihr umsah. Jedenfalls sagte er nichts weiter dazu und befahl stattdessen: „Dann rede." Etwas sammelte sich nasskalt in meinem Nacken und ich widerstand nur schwer dem Drang, mir mit der Hand darüber zu fahren.

„Weißt du eigentlich, was du da angerichtet hast?"

„Oh bitte, Bella!", fuhr er mich direkt an: „Ernsthaft? Deshalb bist du hergekommen? Ist ja nicht so, als wäre das hier Land, das ihr nicht länger betreten solltet. Ist das jetzt der neue Kick, sich in Lebensgefahr zu begeben, um mir dumme Fragen zu stellen?" Er sah mich als Teil dieser Familie an, die gerade ein Komplott gegen ihn plante und seinen Stamm bedrohte. Als Teil dieser Horde wild gewordener, blutrünstiger Idioten, denen nicht aufzugehen schien, was sie da im Begriff waren zu tun. Davon abgesehen, dass ich mich allein dadurch schon beleidigt fühlte, war diese Anmerkung zu Renesmees kürzlichem Besuch mehr als nur unverschämt. Ich versuchte mich mit dem Gedanken zu beruhigen, dass er es ja nicht besser wissen konnte. Zumindest was die anderen und deren Pläne anging, die nicht auf meinen Mist gewachsen waren.

„Nein, ich bin mir des Risikos bewusst, danke der Nachfrage! Aber das muss ich wohl auf mich nehmen, wenn ich Antworten will."

Mein Ton war bissig und er schien verblüfft, dass ich ihm ebenso aufgebracht begegnete. Dann verschränkte er die Arme und erwiderte: „Antworten worauf? Ich dachte, ich hätte mich deutlich genug ausgedrückt." Er war ein harter Brocken, das musste ich zugeben.

„Das muss ich verneinen. Ehrlich gesagt habe ich mich noch niemals so zu Unrecht verurteilt gefühlt, nicht mal, als man behauptet hat, ich hätte Renesmee nicht höchstpersönlich in diese Welt gesetzt."

Ihr Name entlockte ihm ein Zucken des Mundwinkels, doch damit hatte es sich auch. Es machte mich wahnsinnig, dass ich nicht wusste, was da zwischen ihnen vorgefallen war. Wenn ich es schon nicht aus Renesmee selbst herausbekam, dann musste er mir eben seine Sicht der Dinge schildern. Weil er allerdings schwieg, nahm ich das als Zeichen, meine Taktik zu ändern: „Warum das alles, Jacob? Niemand von uns hat sich irgendetwas schuldig gemacht. Es ist so, wie ich es sage. Warum dieser rigorose Schritt? Hätten wir nicht darüber reden können, wie erwachsene Menschen? Im Grunde weißt du doch, dass wir das nicht zu verantworten haben." Ich spekulierte auf sein schlechtes Gewissen, aber ich hatte mich verschätzt.

„Du scheinst dir da sehr sicher zu sein. Nur weiß ich im Gegensatz zu dir, dass es den ein oder anderen Blutsauger unter euch gibt, der dazu mehr als nur in der Lage wäre. Und ich habe…Beweise."

Mir entfuhr ein unkontrolliertes Schnauben, das er mit einem nichtssagenden Blick quittierte. Einerseits war es amüsant zu hören, dass er tatsächlich der Meinung war, jemand aus meiner Familie würde dahinterstecken. Andererseits spürte ich beinahe wieder den Kloß in meinem Hals, als ich dabei an Jasper dachte. Nicht, dass ich ihn verdächtigte, aber er war in letzter Zeit außerordentlich sprunghaft und vor allem unberechenbar. Also sagte ich: „Erzähl mir von diesen Beweisen." Nun war es an ihm, zu schnauben.