41. Starke Bande – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Rosalie, Emmet, Jasper und zu meinem Missfallen auch Edward verfolgten offenbar denselben Plan, und so wurde mit Carlisle Zustimmung entschieden, dass eine Versammlung mit den Wölfen einzuberufen war. Nur war ich mir sicher, dass Jasper jede Gelegenheit für eine Provokation ausnutzen würde, statt diese Sache ruhig zu klären. Beim Versuch, sein wahres Gesicht aufzudecken, verlor ich jedoch ganz meine Glaubwürdigkeit. Edward kündigte daraufhin an, dass er weder meine Anwesenheit bei der Versammlung noch jede anderweitige Einmischung meinerseits dulden würde. Wenigstens fand ich eine völlig aufgelöste Renesmee bei einer erneuten Suche auf deren Seite der Grenze und brachte sie in unser kleines Häuschen. Danach machte ich mich selbst auf zu einem Gespräch mit Jacob, der mich alles andere als freundlich empfing: denn er behauptete, dass es Beweise dafür gäbe, dass jemand von uns für die Toten verantwortlich war.


„Erzähl mir von diesen Beweisen.", sagte ich. Nun war es an ihm, zu schnauben.

„Reicht es dir nicht, wenn ich sage, dass ich es von einer sicheren Quelle habe?"

Er lehnte sich gelassen an den Türrahmen, weil er sich offenbar schon an den Ton dieses Gesprächs gewöhnt hatte. Vielleicht führte er derartige Dialoge auch einfach öfter in letzter Zeit. Ich zögerte, woraufhin er ergänzte: „Wobei ich mir vorstellen kann, dass du weißt, von welcher Quelle ich spreche." Das wusste ich in der Tat. Dem Drang, einen Blick auf das Geschehen hinter ihm zu erhaschen, widerstehend, fragte ich mich, was sie wohl gerade tat.

„Woher weiß sie es?"

„Sie hat da so ihre Mittel."

Das glaubte ich ihm aufs Wort. Ich ließ mich davon nicht beeindrucken, schließlich kannte ich ihre Gabe besser, als mir lieb war: „Nehmen wir einmal an, sie hat Recht. Wieso, glaubst du, sollte jemand von uns das tun? Davon abgesehen, dass es schon dumm ist, in eurer Nähe oder gar auf eurem Gebiet Menschen zu töten, ist es doch beinahe dreist, sich an Stammesmitgliedern zu vergreifen." Er nickte, als stimmte er mir zu. Doch bevor er etwas sagen konnte, setzte ich noch einmal zu etwas anderem an.

„Wieso uns alle bestrafen, wenn das auf die Unbeherrschtheit eines Einzelnen zurückfällt? Ich sehe nicht ein, weswegen ich für die Untaten eines Mörders geradestehen sollte. Und schon gar nicht akzeptiere ich, dass Renesmee darunter leiden muss."

Beinahe wäre er mir über den Mund gefahren, so prompt erfolgte seine Reaktion: „Das ist eine andere Geschichte. Ich verstehe, was du meinst. Und egal, ob es nun willentlich war oder nicht – wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass man sich nach so vielen Jahren Übungszeit nicht einmal mehr zusammenreißen kann - , sehe ich das doch als eine eindeutige Provokation an. Als den Versuch, den Verdacht auf jemand anderes zu lenken. Jemand von uns." Es war unnötig, vor mir sein Revier zu markieren. Ich verstand auch so, dass er auf das Mädchen und ihre Schwester ansprach, und dass er glaubte, wir müssten sie auf diese Weise bei ihm in Ungnade fallen lassen. Jedoch störte mich, dass er nicht auf Renesmee eingegangen war.

„Ich kann das nicht sicher behaupten, aber ich glaube, dass wir es nicht waren."

Er musterte mich einen Moment: „Du glaubst nicht, dass es diese Toten wirklich gegeben hat, oder?" In seiner Stimme schwang so viel Misstrauen mit, dass es mich verunsicherte. Wenn er nicht einmal mehr mir vertrauen wollte, dann wusste ich nicht, worauf ich bauen sollte. Ich hingegen glaubte an ihn, mehr noch als vielleicht gut für mich war. Und das musste ich ihm zeigen.

„Im Gegensatz zu einigen anderen tue ich das schon.", erwiderte ich und versuchte, das auch durch meine Körpersprache deutlich zu machen: „Zwar war ich beleidigt, als ich hörte, dass du es von Charlie wusstest und er es noch nicht einmal mir gesagt hat –"

„Du hast ihn nicht mal angerufen? Meine Güte, das wäre die einfachste Methode, um meine Aussage zu überprüfen, oder nicht? Ich wusste ja, dass ihr verbohrt seid, aber das…"

Ich starrte ihn an, wie er da halb mit einem Grinsen auf dem Gesicht und zur anderen Hälfte verzweifelt seine Stirn gegen den Türrahmen presste. Als hätte er es geahnt und doch nicht glauben wollen. Aber ich musste ihm zustimmen, es wäre außerordentlich simpel gewesen, meinen Standpunkt zu verdeutlichen. Rosalie hätte vermutlich sogar dagegen etwas einwenden können. Sie hätte behauptet, das man ihm das in den Kopf gepflanzt hatte…was gar nicht so abwegig war.

„Ich muss ihn nicht darüber ausfragen, wenn ich dir glaube. Und es hätte mir auch sonst nichts genutzt, denn abgesehen von mir ist sich niemand sicher, ob man dir Glauben schenken kann. Nicht nur, weil du keine Beweise hast, sondern auch aufgrund der Tatsache, dass deine Freundin keine gute Begleitung abgibt.", sagte ich beinahe schnippisch und bemerkte dann, dass ich sie auch einfach als seine Schwester hätte betiteln können. Was sie ja schließlich war. Es schien ihm egal zu sein, was mich stutzen ließ: „Wenn sie das nicht glauben, dann halten sie es also für irgendeinen Vorwand? Einen Plan? Mir ist es mit dieser Sache ernst, das ist alles, was ich deutlich machen wollte." Na ja, gut, das war ihm gelungen. War es ihm auch mit ihr ernst?

„Sie glauben, du wolltest uns drohen. Sie will uns drohen."

Ich musste es so konkret ausdrücken, weil ich nicht wusste, wie ich es ihm sonst klarmachen sollte. Nur schien ihn das zu verwundern, mehr noch, beinahe zu belustigen. Er wartete länger, als ich es an dieser Stelle getan hätte, bis er darauf antwortete.

„Du machst Witze."

Es war so typisch für Jacob, dass ich mich augenblicklich etwas erleichterter fühlte. Ich spürte den Hauch des Gefühls, dass all das gar nicht so dramatisch enden musste, wie es anfangs ausgesehen hatte.

„Leider nicht.", widersprach ich.

„Wäre sie nicht mitgekommen, hätte ich allein da gestanden, umzingelt von Vampiren. Währenddessen ich ihnen meine frohe Kunde überbringe, selbstverständlich."

Das war alles? Sie hatte ihn begleitet, um ihn…nicht allein zu lassen? Es erinnerte mich an diverse Vorträge und Schularbeiten, bei denen sich alle meiner Mitschüler stets bemüht hatten, sie mit einem Freund oder einer Freundin zusammen vortragen zu können. Nur, um nicht einsam vorn an der Tafel zu stehen und all den herausfordernden Blicken ausgeliefert zu sein. Im Vergleich dazu, was wir vermutet hatten, war das nahezu lachhaft. Doch ich konnte es ihm nicht übelnehmen: ohne sie hätte er weitaus schlimmere Verletzungen davongetragen. Sofort bedachte ich seinen Arm mit einem unauffälligen Blick, doch er schien verheilt zu sein. Wenn er auch bei genauerem Betrachten etwas weniger angewinkelt war als der andere. Ich spielte mit dem Gedanken, mich für Edward bei ihm zu entschuldigen, doch dann sah ich Renesmee vor mir und ihre schier endlose Trauer.

„Ich glaube, als Alpha bin ich bedrohlich genug. Nicht, dass sie das nicht unterstützen könnte, aber… Wirklich, daran hätte ich im Traum nicht gedacht. Was habt ihr euch noch zusammengesponnen?", fragte er und verhinderte, dass ich ihn direkt damit konfrontierte.

„Du solltest das nicht auf die leichte Schulter nehmen."

Diese Warnung verfehlte ihren Zweck ganz und gar, er brach in Gelächter aus: „Oh, mache ich nicht, versprochen! Ich nehme es auf den Arm." Als Beweis hob er seinen ehemals verletzten Arm leicht an, aber das zeigte mir, dass er doch noch nicht wieder ganz gesund war. Er schien unbeweglich, beinahe steif. Womöglich hatte er Schmerzen. Als er daraufhin zurückzuckte, glaubte ich kurz, meine Bestätigung dafür bekommen zu haben, aber ich irrte mich. Einen Augenblick später tauchte das Mädchen an seiner Seite auf, mit einer Hand die Tür haltend - fast als wollte sie sie mir bei der ersten Gelegenheit vors Gesicht schlagen -, die andere offenbar an Jacobs Rücken liegend. Ihre Augen leuchteten so hell, dass ich blinzeln musste.

„Du hast schon bessere Scherze gerissen, Jake.", sagte sie mit einer Stimme wie der Klang einer Harfe, deren Saiten man einmal komplett angespielt hatte: „Guten Morgen, Bella." Sie sprach mich an wie eine Bekannte, obwohl wir uns noch niemals sonst begegnet waren. Ich wusste eigentlich nichts über sie und doch alles.

„Sie denken, wir hätten ihnen drohen wollen.", wiederholte er meine Worte, auch wenn wir beide wussten, dass sie sie gehört hatte. Weshalb sie nun offensichtlich an diesem Gespräch teilnehmen musste, war mir jedoch nicht ganz klar. Den Anflug eines Lächelns auf ihren Lippen wusste ich nicht recht zu deuten, also plapperte ich einfach weiter, als wäre nichts passiert: „Wir denken es nicht nur, es scheinen alle der Ansicht zu sein. Und deshalb werden sie auch darauf reagieren, als wäre es eine Drohung gewesen."

Irgendetwas daran gab Jacob zu verstehen, dass ich es tatsächlich ernst meinte und dass wir im Begriff waren, zu handeln. Er zog die Stirn kraus, doch irgendwie wirkte er nun ruhiger und gefasster. Vielleicht war es ihrer Berührung geschuldet, vielleicht auch nicht.

„Was habt ihr vor?", verlangte er zu wissen, mich noch immer als Mitverursacher sehend. Der Blick des Mädchens brannte auf mir wie sommerliche Sonnenstrahlen auf ungeschützter Haut.

„Nicht wir, Jacob. Falls es dir noch nicht aufgefallen sein sollte, bin ich ohne deren Wissen hier. Um mich davon zu überzeugen, dass nicht wahr ist, was sie für feststehend halten. Ich muss dich warnen…sie sehen deinen – euren Auftritt als eine Kriegserklärung. Und der Angriff auf mich hat es nicht gerade besser gemacht."

Ich hatte beschlossen, dass es das Beste war, reinen Tisch zu machen. Ich wusste nicht, warum ich glaubte, dass ich ihm vertrauen konnte, doch er erweckte vollends den Eindruck, als hielte er uns tatsächlich für schuldig. Das erklärte den Großteil seiner Handlungen.

„Der Angriff war gerechtfertigt, weil ihr hier eingedrungen seid, nachdem wir es euch ausdrücklich verboten haben. Es war vielleicht nicht die feine Art, aber es war nötig, um zu zeigen, dass wir euch keine leeren Phrasen aufgetischt haben.", versuchte er diesen Vorfall zu erklären und verärgerte mich damit ungewollt: „Nicht die feine Art? Mein Bein zu verlieren wäre noch das Harmloseste gewesen, das sie mit mir angestellt hätten." Es war unsinnig, das Gespräch in diese Richtung zu lenken, aber er sollte mitbekommen, dass ich es ihm übelnahm. Dass er nicht einfach sein Rudel auf uns hetzen konnte, wie er gerade lustig war. Vor allem nicht, wenn er ihnen vorher eine Gehirnwäsche verpasst und ihnen so jeden Skrupel genommen hatte.

„Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, solange Unschuldige sterben.", erwiderte er ungerührt: „Weshalb bist du hier, Bella?" Ich hatte noch nicht einmal richtig den Finger in die Wunde gesteckt. Aber was durfte ich schon erwarten? In gewisser Hinsicht hatte er auch recht.

„Können wir dieses Gespräch unter zwei Augen fortführen?"

Unvermittelt folgte ein wortloser Blickwechsel zwischen den beiden und wie schon bei ihrem plötzlichen Besuch hatte ich das Gefühl, dass sie so kommunizierten. Neugierig versuchte ich, jede Regung ihrer Mimiken zu registrieren, um nachvollziehen zu können, was da gerade vor sich ging. Doch da war nichts, das mir auch nur in irgendeiner Weise hilfreich gewesen wäre. Dann antwortete Jacob plötzlich ebenfalls mit einer Frage: „Wieso?" Ich wusste nicht, wie ich mich begründen sollte, außer damit, dass ich ihr eben nicht vertraute. Ich konnte unmöglich sagen, dass ich mit ihm über sie sprechen musste. Und wenn ich log, was, wenn sie gerade meine Gedanken las? Mit einem Blick direkt in ihre stechenden Augen wollte ich mich vom Gegenteil überzeugen, doch ich traf nur auf einen undefinierbaren Ausdruck. Mein Schutzschild war unter meiner Kontrolle, also wähnte ich mich vorerst sicher.

„Ich möchte das mit dir allein klären."

Diese Antwort überzeugte ihn augenscheinlich nicht, und doch nickte er. Das Mädchen hingegen war darüber ganz und gar nicht erfreut, äußerte ihr Unbehagen aber so, dass sie bei mir dasselbe bewirkte: „Wir haben keine Geheimnisse." Jacob machte eine halbe Grimasse. Ihre Hände berührten sich flüchtig, Finger verschlossen sich ineinander und öffneten sich sofort wieder. Die Bewegung war kaum nachvollziehbar.

„Ist okay, Jess."

Er löste sich vom Türrahmen und kam neben mich, doch ihre Augen verfolgten mich. Sie brauchte nicht einmal das Gesicht verziehen, um abgrundtiefe Abneigung auszudrücken. Es war überdeutlich, dass ihr das hier gegen den Strich ging. Selbst nachdem wir uns einige Schritte entfernt hatten, stand sie unverändert am Eingang des Hauses und sah uns nach.

„Sie wird uns nicht folgen.", versprach Jacob ungerührt, als er meinen Blick bemerkte, und wollte mich damit wohl beruhigen: „Zumindest nicht, solange wir sie nicht allzu lange auf die Folter spannen."