42. Meine persönliche Sonne – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Jacob, den ich für ein klärendes Gespräch bei ihm Zuhause aufsuchte, gab offen zu, dass das Mädchen ihm Beweise dafür geliefert hatte, dass jemand von uns für die Toten verantwortlich war. Dass er uns den Krieg erklären wollte, wies er jedoch von sich, weil es ihm mit dieser Sache ernst war. Er hielt uns tatsächlich für schuldig und deshalb erklärte ich ihm ehrlich, dass eine Versammlung einberufen werden würde und dass Rosalie, Emmet und auch Edward dies für sich nutzen wollten. Um Jacob deutlich zu machen, dass das Mädchen womöglich mehr Geheimnisse vor ihm hatte, als ihm bewusst war, weihte ich ihn zudem in alles ein, das ich wusste, auch über Jasper – aber umsonst: denn ihm war all das bekannt. Und er verteidigte sie dennoch, trotz dessen, dass anscheinend alles stimmte, das ich über sie in Erfahrung gebracht hatte. Renesmee hingegen schien er aufgegeben zu haben, weil sie, auch aufgrund ihres Alters, wohl nicht bereit war, eine ernsthafte Beziehung mit ihm zu führen. Und ich glaubte ihm, dass das Mädchen zumindest daran unbeteiligt war. – Jacob war unschuldiger, als jeder geahnt hätte. Nur würde das niemand glauben wollen, der ihn nicht wirklich gut kannte.


„Bella, ich kann dir keine Geschichte auftischen, die irgendetwas davon, was du über sie erfahren hast, in ein anderes Licht rückt. Vielleicht eine, die einiges davon erklärt, aber das wird dir nicht sonderlich viel nutzen. Mehr als mein Versprechen, dass sie sich verändert hat, kann ich dir nicht geben. Sie mag Dinge getan haben, die unmenschlich sind, aber das habe ich auch… Das hat jeder von uns. Und allein schon, weil dieser verdammte Idiot sich ordentlich Mühe gegeben hat, ihr den letzten Funken Menschlichkeit aus dem Leib zu prügeln, kann sie nicht für alles davon verantwortlich gemacht werden.", antwortete er auf meine bereits vor ein paar Wortwechseln gestellte Frage nach handfesten Beweisen dafür, dass von ihnen nichts zu erwarten war. Er klang so aufrichtig dabei, dass ich nicht umhin konnte, es ihm abzunehmen. Schließlich stimmte mein letzter Eindruck von Jasper mit seiner Version überein, auch wenn ich es ungern zugeben wollte.

„Hast du sie unter Kontrolle?", fragte ich aus einem Impuls heraus, weil seine Aussage verlauten ließ, dass sie durchaus gefährlich sein konnte, wenn sie es wollte.

„Ich kontrolliere sie nicht."

„Aber du könntest es?"

Etwas in seinen Augen verriet mir, dass es ihm nicht gefiel, damit konfrontiert zu werden. Ich konnte nicht sagen, ob es daher rührte, dass er es nicht konnte, oder dass er den Eindruck hatte, dass ich seine Gunst überstrapazierte. Dann sagte er nur: „Sie muss nicht kontrolliert werden."

Nun war es an mir, den Blick in die Ferne schweifen zu lassen. So kamen wir nicht voran, das wusste er genauso gut wie ich. Es war eigentlich alles gesagt, aber ich konnte das nicht so stehen lassen. Diese eine Frage brannte in mir, seitdem Edward mir verraten hatte, wie er sich in ihren Händen gefühlt hatte, während des Angriffs. Weil ich jedoch nicht wusste, wie ich am besten darauf eingehen sollte, fragte ich ganz direkt: „Und ihre Gabe, sie – kann sie mehrere davon gleichzeitig anwenden? Stimmt es, dass sie unsere Gaben gestohlen hat? Dass sie auch aus diesem Grund mit dir zu uns gekommen ist? ...hat sie Alice verletzt, um Jasper zu drohen?" Sein Gesichtsausdruck bröckelte, als hätte ich mit einem riesigen Hammer dagegen geschlagen wie gegen eine Mauer. Aber es war nur für einen Moment, nicht lange genug, dass ich hätte erkennen können, was sich hinter der Gerölllawine verbarg. Ich konnte nicht einschätzen, ob ich damit richtig lag oder ob er es leid war, sich das anzuhören.

„Wollen wir nun weiter über Jess reden?"

Er war so hartnäckig, wenn es um sie ging, dass es beinahe unangenehm war. Merkte er nicht, dass er mir so nur noch mehr den Eindruck vermittelte, dass sie beide etwas zu verbergen hatten? Es half nichts. An dieser Stelle kam ich bei ihm nicht weiter.

Nach einer unangenehmen Schweigeminute setzte ich deshalb zu etwas anderem an: „Wie gehen wir jetzt vor? Ich meine, ich kann versuchen, sie umzustimmen. Aber das habe ich bereits getan…und es war nicht sonderlich erfolgreich. Sie werden mir nicht glauben, geschweige denn überhaupt zuhören. Ich habe nichts gegen Jasper in der Hand, sie haben allerdings einiges, das gegen Jess spricht." Ich nannte sie zum ersten Mal bei ihrem Namen, weil ich es für angebracht hielt. Er sollte sich sicher sein, dass ich auf seiner Seite war. Er hatte mich überzeugt, und das ohne großen Aufwand. Einfach dadurch, dass er Jacob war und dass er es immer sein würde. Das mochte dumm von mir sein oder naiv, man mochte es nennen wie man wollte, aber da er keinerlei feindliche Absichten hegte – zumindest keine unbegründeten -, war es die logischste Schlussfolgerung.

„Ich werde keinen Krieg unterstützen, das zumindest steht fest. Es sei denn, ich bekomme einen waschechten Beweis dafür, dass tatsächlich jemand von euch hinter diesen Morden steckt. Aber selbst dann wird nur derjenige auch dafür büßen. …allerdings kann ich damit nicht für Sam sprechen.", erwiderte er und ich wusste, dass er damit meinte, dass er denjenigen zur Strecke bringen lassen würde - nur warum Sam dabei auf einmal eine Rolle spielte, war mir schleierhaft, doch er ging nicht weiter darauf ein -: „Wir können nur abwarten. Du musst mich auf dem Laufenden halten, was ihre Vorgehensweise betrifft." Ich nickte, obwohl sich etwas in meiner Brust zusammenkrampfte bei dem Gedanken, er könnte jemanden von uns in Stücke reißen. Es half nicht, mich damit zu beruhigen, dass derjenige es auch verdiente.

„Und wenn sie diese Versammlung einberufen und sich für sie herausstellt, dass ihr eine Gefahr darstellt? Sie werden genauso nach einem Beweis fragen wie ich. Wenn du ihnen keinen geben kannst…werden sie das als Bestätigung sehen."

Plötzlich fühlte ich mich schuldig, obwohl es dazu kaum einen Grund geben konnte. Ich war wesentlich daran beteiligt, dass wir so viel über sie herausfanden, weil ich Carlisle überredete, Eleazar um Hilfe zu bitten. Ohne mich hätten wir womöglich nicht ganz so viel Schlechtes auf sie gehalten…

„Dann werden wir kämpfen.", gab er trotzig zurück und auch wenn ich so etwas in der Art erwartet hatte, war ich bestürzt darüber. Sie würden kämpfen, wenn wir es herausforderten, natürlich würden sie das. Ich konnte nichts anderes von ihnen verlangen.

„Ich will nicht, dass jemand verletzt wird, weder von euch noch von uns. Das ist das Letzte, was ich will."

Meine Stimme klang so flehentlich, wie ich ihn wohl anblicken musste, sodass er darauf reagierte, als würde er auf ein verängstigtes Kind einreden: „Ich habe ganz bestimmt kein Interesse daran, einen Krieg zu führen. Aber wir werden nicht tatenlos zusehen, wenn sie uns angreifen. So ist das nun einmal, Bella, wir bekämpfen Vampire. Und ihr bekämpft uns." Das stimmte nicht und das wusste er. Aber ich fand nichts, das gut genug war, um ihm zu widersprechen.

„Wahrscheinlich ist unsere Zeit schon abgelaufen.", sagte er dann mit einem Lächeln in der Stimme und setzte sich langsam in Bewegung, woraufhin ich mich umblickte. Doch sie war nirgends zu sehen. War das vielleicht wieder eine Verständigung ohne Worte? Spürte er, was sie dachte oder wo sie war?

„Es tut mir leid."

Diese Worte entwichen mir, weil ich schlichtweg keine Erklärung dafür fand, was hier gerade vor sich ging. Er blieb stehen, als glaubte er, er habe sich verhört.

„Es gibt eine Menge Leute, die ich für diesen Schlamassel hier verantwortlich mache, Bella, aber du gehörst nicht dazu."

Dann drehte er sich um und ging davon, zurück zu dem roten Häuschen auf der Lichtung. War das eine erneute Andeutung, dass vielleicht auch Sam in diese Sache involviert war? Ich konnte keinen Zusammenhang finden. Es dauerte einen Augenblick, bis ich es schaffte, ihm nachzufolgen. Allein die Vorstellung, nun zurückgehen und mir womöglich noch weitere Vorwürfe anhören zu müssen, verursachte mir einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Ich hatte gerade zu ihm aufgeschlossen, da hielt er erneut inne: „Ich sage es dir nun genauso, wie ich es Sam gesagt habe. Jess hat mir das Leben gerettet, und das nicht nur ein Mal. Sie hat es getan, ohne dass ich es wollte und ich habe es ihr übel genommen. Als Dad gestorben ist…war sie alles, das mich am Leben erhalten hat. Damals war es eine Qual für mich, aber heute gibt es keine Worte dafür, wie dankbar ich bin." Der Ausdruck in seinen Augen war klar und unendlich ehrlich. Mich machte nicht nur sprachlos, dass er es mir nun gestand, sondern auch, dass ich dadurch das Gefühl vermittelt bekam, einen Teil dieses innigen Verständnisses zwischen ihnen beiden nachvollziehen zu können. Es hatte dieses lange, von Anschuldigungen und auch Geständnissen gezeichnete Gespräch gebraucht, dass er sich dazu durchrang, mir einen kleinen Einblick zu gewähren. Mehr brauchte es für mich nicht.

Sie wartete bereits an der Tür, genauso wie wir sie zurückgelassen hatten. Obwohl ich wusste, dass sie nicht die ganze Zeit über da gestanden haben konnte, kam es mir genauso vor. Ihr Ausdruck war unverändert, nichtssagend und gleichzeitig abweisend. Ich versuchte, mir vorzustellen, wie das aus ihrer Sicht wirkte. Vielleicht sah sie mich als eine Art Eindringling in ihre Welt; als die Mutter einer völlig missratenen, wild gewordenen und pubertären Tochter; als einen Vampir, der noch dazu der Gegenseite angehörte und sich nun einzuschleimen versuchte. Zugegeben, das war ein wenig dick aufgetragen. Und doch war es das, was ihre Miene mir vermittelte. Ich wusste, dass ich ihr nie ganz würde vertrauen können, aber solange Jacob es tat, brauchte ich mich nicht zu sorgen. Wenn sie mich und meine Familie verschonte, dann nur, weil er es so wollte. Und das würde er.

„Danke", sagte ich mit einem seichten Lächeln: „dass ihr mich empfangen habt. Ich weiß, es ist nicht gerade die beste Zeit dafür."

„Kein Problem."

Jacob gesellte sich zu ihr und augenblicklich schienen sich beide zu entspannen. Als wäre es für sie unangenehm, sich von einander zu entfernen. Auch, als er daraufhin sprach, war es an sie gewandt, obwohl sie keine offene Frage gestellt hatte: „Wir werden vorerst abwarten, wie sie entscheiden werden. Bella wird uns darüber informieren, soweit es ihr möglich ist…und wenn wir tatsächlich eine Einladung bekommen sollten, dann nehmen wir sie an. Es wird keinen Angriff unsererseits geben, solange man uns keinen androht." Jess blieb ungerührt stehen, als wäre das alles nichts Neues für sie. Bedeutete das, dass sie tatsächlich alles mitgehört hatte? Über diese Entfernung? Oder las sie in diesem Augenblick Jacobs Gedanken?

„Das ist ein Versprechen, Bella.", erklärte Jacob und ich nickte. Als ich mich daraufhin zum Gehen abwenden wollte, fügte er noch einmal etwas hinzu.

„Ich werde dich bis zur Grenze begleiten, nur für den Fall."

Bevor ich hätte protestieren können, weil es nicht nur unnötig, sondern auch unangenehm war, die Nerven des Mädchens noch weiter zu strapazieren – ich war mir nicht sicher, ob ich das tat, aber Vorsicht war besser als Nachsicht -, kam er erneut an meine Seite.

„Ich komme mit.", sagte Jess daraufhin und trat ebenfalls über die Schwelle. Beim Versuch, die Türe hinter sich zu schließen, stoppte Jacob sie mit einem festen ‚Nein', als hätte er den Fuß zwischen Tür und Angel gestellt. Dieser Appell konnte sie jedoch nur einen Atemzug lang davon abhalten, ihren Willen durchzusetzen. Jacob reagierte dementsprechend harsch: „Nein, wirst du nicht."

„Doch, werde ich."

Er zögerte, und ich nutzte die Gelegenheit, um mich aus der Schusslinie zu manövrieren. Gerade eben hatte Jacob nicht wirklich reagiert bei der Frage danach, ob er sie unter Kontrolle hatte. Nun wusste ich vielleicht, warum. Schnell versuchte ich, die Situation zu entschärfen: „Oh, es ist kein Problem, ich schaffe das auch allein." Doch Jacob ignorierte mich ganz und gar, als hätte ich überhaupt kein Wort von mir gegeben.

„Du hast bereits genug getan.", sagte er in einem Ton an sie gewandt, der überdeutlich war. Er prallte dennoch an ihr ab wie ein Geschoss am Panzerglas. Ich konnte nicht umhin zu glauben, dass das ein Vorwurf gewesen war.

„Es ist mir egal, ob es dir gefällt oder nicht. Ich treffe meine eigenen Entscheidungen und ich sage, dass ich mitkomme.", erwiderte sie nur und stapfte in Richtung Wald. Mit einem schweren Atemzug beließ er es dabei, gab mir wortlos zu verstehen, dass ich vorangehen sollte, und folgte mir schließlich nach.

So kehrte ich zur Grenze zurück, flankiert von zwei monströsen Wölfen, die einander weder in Schnelligkeit noch in Größe unterlegen waren. Ich schätzte es, dass Jacob diese Sicherheitsvorkehrung hatte treffen wollen, auch wenn ich es nicht für unbedingt notwendig gehalten hätte. Ich hatte es allein bis zu ihm geschafft. Umso überraschter war ich, dass auch sie, die ich für äußerst mächtig und deshalb auch gefährlich gehalten und damit maßlos übertrieben hatte, sich dazu bereiterklärte, mich zurück zu begleiten. Jess, die sich unerwartet direkt vor meinen Augen in einen riesigen, schneeweißen Wolf verwandelt hatte, wie um zu beweisen, dass sie wirklich zu ihnen gehörte. Sie mochte auf den ersten Blick den Anschein machen, dass sie genauso war, wie sie jeder einschätzte, verhielt sich aber doch ganz anders. Sie konnte eine Bedrohung sein, keine Frage. Aber im Moment war sie es nicht. Nicht, solange ich einen Weg fand, meine Familie zu überzeugen. Nicht, wenn ich es schaffte, Jasper zur Vernunft zu bringen. Ich hatte keine sonderlich glaubhaften Argumente, aber ich wusste, wo ich ansetzen konnte. Und Jacob dabei auf meiner Seite zu wissen, gab mir das Gefühl, dass ich diese Missverständnisse wieder geradebiegen konnte.

Als ich den Fluss überquert hatte und mich noch einmal nach ihnen umdrehte, um zu beobachten, wie sie Schulter an Schulter zwischen den Bäumen verschwanden, wurde ich mir zumindest einer Sache bewusst.

Renesmee hatte recht, Jacob liebte dieses Mädchen. Wie eine Schwester.