43. Lügen und andere Wahrheiten – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Jacob, den ich für ein klärendes Gespräch bei ihm Zuhause aufsuchte, gab offen zu, dass das Mädchen ihm Beweise dafür geliefert hatte, dass jemand von uns für die Toten verantwortlich war. Er war unschuldiger, als jeder geahnt hätte, denn statt uns den Krieg erklären zu wollen, hielt er uns tatsächlich nur für schuldig – es war ihm mit dieser Sache ernst. Jacob betonte, dass Jess nicht mehr unmenschliche Dinge getan hatte als wir, und dass Jasper einen wesentlichen Anteil dazu beigetragen hatte. Vor allem aber wollte er keinen Krieg unterstützen, zumindest nicht, wenn von unserer Seite kein Angriff stattfand. Egal welche Entscheidung auch gefällt wurde, ich würde sie ihm mitteilen. So begleiteten mich beide sicher zurück bis zur Grenze und nachdem Jacob mir gestanden hatte, dass er Jess sein Leben und noch mehr verdankte, wurde ich mir zumindest einer Sache bewusst: Renesmee hatte recht, Jacob liebte dieses Mädchen. Wie eine Schwester.
Es war mehr als nur unangenehm zu sehen, dass Rosalie an Renesmees Bett saß, als ich zurückkehrte. Ich hatte direkt nachsehen wollen, ob sie bereits aufgewacht war und wie es ihr nun ging. Beide Fragen erübrigten sich jedoch auf einen Schlag. Wie bereits einige Male sah ich in ein Gesicht, das gerötet und von schwarzen Tränenspuren gezeichnet war. Doch ihre Augen schienen nicht länger feucht, sondern eher, als würden sie niemals wieder auch nur eine einzige Träne geben können. Renesmees Blick war starr und wütend, und nicht ohne Grund verdächtigte ich Rosalie, dass sie dabei ihre Finger im Spiel hatte. Augenblicklich überlegte ich, worüber sie wohl gerade sprachen und was sie ihr bereits verraten hatte. Beides war von Bedeutung, wenn ich nun erneut versuchen wollte, auf Renesmee einzugehen.
„Wo bist du gewesen?", fragte Rosalie direkt und mit einem Ton in der Stimme der verriet, dass sie mehr als nur wütend war. Aber auf eine Konfrontation mit ihr konnte ich getrost verzichten, es würde sowieso nichts Sinnvolles dabei herauskommen. Als ich dann das Bett umrundete, um mich an Renesmees freier Seite niederzulassen, verfolgte sie mich mit ihren Blicken.
„Danke, Rosalie, du darfst jetzt gehen.", antwortete ich beiläufig, währenddessen ich Renesmee über ihr Haar strich. Sie wirkte ganz und gar nicht erholt, aber wie sollte sie auch? Ich hatte ihr zwar von meinem Gespräch mit Jacob erzählen wollen, doch nun wusste ich nicht länger, ob das überhaupt eine so gute Idee war. Wahrscheinlich würde es sie nur noch mehr aufreiben.
Als ich bemerkte, dass Rosalie sich nicht von der Stelle bewegt hatte, erwiderte ich ihr Starren. Sie schien gewillt zu sein, etwas aus mir herauszubekommen. Aber wenn es im Moment jemanden gab, der ganz sicher nichts von mir zu erfragen hatte, dann war sie es. Nur Jasper stand noch weiter unten auf meiner Liste.
„Muss ich mich wiederholen? Ich möchte gern mit meiner Tochter allein sein."
Sie presste die Lippen so fest aufeinander, dass ich glaubte, sie würden ebenso weiß werden wie ihre Haut. Dann zischte sie: „Du wirst sehen, was du davon hast. Nicht einmal für deine eigene Tochter da sein kannst du, wenn sie es gerade am meisten braucht.", und ließ beim Gehen die Zimmertür mit einem lauten Knall ins Schloss fallen, um ihrem Unmut Luft zu machen. Ich ahnte, dass sie später auf mich zurückkommen oder mich bei der nächstbesten Gelegenheit bloßstellen würde, und fragte mich zugleich, wie es nur so weit hatte kommen können. Mit einem mühsam aufgesetzten Lächeln wandte ich mich wieder Renesmee zu und tätschelte erneut ihren Kopf, dann ihre Wange.
„Konntest du etwas schlafen?"
„Ich bin gerade erst aufgewacht.", antwortete sie und innerlich atmete ich erleichtert auf. Rosalies Wut stachelte mich an, aber ich versuchte, es zurückzudrängen.
„Möchtest du einen Tee? Ich kann dir auch einen Kakao kochen. Oder ein Eis holen… Alles, was du willst."
Sie schüttelte den Kopf und sah aus dem Fenster. So durfte es nicht weitergehen…ich wollte nicht, dass sie von nun an kaum mehr sprach, geschweige denn lachte. Renesmee hatte immer gelacht, weswegen es mich ängstigte mit vorzustellen, dass sie es niemals wieder tun würde. Ob ich ihr sagen konnte, was ich beobachtet hatte? Ob ich sie in meine Gedanken einweihen konnte? Vielleicht war es nicht schlau, es sie wissen zu lassen, weil es alles wieder aufwühlte. Womöglich machte sie sich dann Hoffnung, wo keine war. Jacob hatte nicht gewirkt, als plante er, sich allzu bald bei ihr zu entschuldigen und um eine zweite Chance zu bitten… Und wenn ich nicht wüsste, dass er auf sie geprägt war und sich deshalb nicht für immer von ihr fernhalten konnte, würde ich glauben, dass diese Beziehung für ihn tatsächlich vorbei war.
„Ich möchte mich noch etwas ausruhen.", flüsterte sie abwesend, bevor ich mich für eine der unzähligen Möglichkeiten entschieden hatte. Ich hätte es eindeutig früher durchdenken müssen, nur war vielleicht nie genug Zeit, um eine Entscheidung zu fällen, mit der ich vollends zufrieden sein konnte.
„Bist du sicher?"
Ich war nicht der Überzeugung, dass sie nicht doch wieder etwas Unüberlegtes tun würde. Was, wenn sie noch einmal zu ihm lief?
Als sie erneut nickte, ärgerte es mich, doch ich gehorchte ihr. Nicht jedoch, ohne noch etwas hinzuzufügen: „Versprich mir, dass du nicht wieder weggehst. Es ist zu gefährlich. Ich würde es mir nicht verzeihen, wenn dir etwas geschieht." Das tat ich schon jetzt nicht. Deshalb musste ich sie darum bitten.
Sie sah mich kurz an, bevor sie sagte: „Wenn du mir versprichst, dass du mich einweihst in diese Dinge, die ihr besprochen habt?"
Am anderen Ende der Leitung ertönte bereits das vierte tiefe Piepen. Ich war kurz davor, aufzugeben, da hob er endlich ab. „Swan."
„Hey, Dad."
Es ertönte ein Grunzen, dann vernahm ich ein eindeutiges Lächeln, das in jedem seiner Worte mitschwang: „Bella, Schatz, du bist es! Sag, wie geht es dir? Du hast so lange nichts von dir hören lassen, ich dachte schon, du hättest mich vergessen." Es war unerhört, dass er auch nur auf diese Idee kam.
„Es ist alles gut. Ich war…sehr beschäftigt. Ist zuhause alles in Ordnung? Ist Sue bei dir?"
Ich sah mich unauffällig um, doch es war niemand in der Nähe. Womöglich hatte bereits eine erneute Diskussion begonnen, aber darauf konnte ich gut und gerne verzichten. Mit Charlie zu sprechen war so angenehm und vertraut, dass ich mich augenblicklich etwas erleichtert fühlte.
„Oh ja, ja. Sie hört mit zu.", antwortete er und im Hintergrund war ein Rascheln zu hören, wie auch Sues ferne Stimme: „Du hast Glück, dass du uns erreichst. Wir haben unseren Ausflug auf morgen verschoben, wegen des schlechten Wetters - man hat so viel Zeit, wenn man erst einmal sein Arbeitsleben hinter sich hat! Aber ist ja nichts Neues mit diesem elenden Regen…wenn man ein Mal etwas plant! Also, erzähl' du nur, was hast du so getrieben?" Ich überlegte, ob es irgendetwas gab, das passiert war, das ich ihm ohne zu lügen erzählen konnte. Ich seufzte schwach.
„Uns geht es ähnlich. …aber wir hatten Besuch von Carlisles Verwandten aus dem Norden. Sie haben es sich nicht nehmen lassen, auf der Durchreise bei uns vorbeizuschauen."
Es war nicht gerade viel, um nicht zu sagen gar nichts, und vermutlich war es für ihn völlig irrelevant. Aber ich wollte ihm nicht das Gefühl geben, dass er nicht wenigstens etwas an meinem verqueren Leben teilhaben durfte. Da war schon genug, was er nicht wissen durfte. Charlie gab ein merkwürdiges Grummeln von sich: „Hmm…Verwandte also, ja? Kenne ich die? Mann, ich habe euch so lange nicht gesehen. Wollt ihr nicht mal vorbeikommen? Du und die Kleine, Renesmee?" Er war selten so offen damit, dass er uns vermisste. Ich konnte wohl kaum ablehnen, auch wenn gerade ganz und gar nicht die richtige Zeit war. Es würde schwer werden, Renesmee davon zu überzeugen, irgendetwas zu unternehmen – und sei es ein Besuch bei ihrem Großvater. Und Charlie zu erklären, wie sie es geschafft hatte, so schnell so groß zu werden, war eine noch wesentlich größere Herausforderung.
„Natürlich, wir…das machen wir. Ich werde mit ihr sprechen, aber – nun, ja, eigentlich habe ich noch etwas anderes auf dem Herzen.", begann ich langsam, und dachte dann, dass es vielleicht am Besten war, es ganz unbedacht zu verpacken: „Ich wollte fragen, ob du doch noch einmal etwas gehört hast, wegen der Toten im Wald." Meine geübten Atemzüge waren abgehackt, weil ich glaubte, sie würden mein Gehör trüben. Aber als er ohne Umschweife darauf reagierte, entspannte ich mich: „Dann hat er also mit euch darüber gesprochen… Tja, nein, leider nicht. Aber ich hätte nichts anderes erwartet; dieser Miller schirmt alles von mir ab. Ist klar, dass nichts davon an die Öffentlichkeit dringen darf, aber wenn ein ehemaliger Chief danach fragt, sollte er schon den Mund aufmachen." Ich atmete rasselnd aus und hoffte, dass ich meine Erleichterung vor ihm verbergen konnte. Jake hatte die Wahrheit gesagt, aber dessen war ich mir bereits sicher gewesen.
„Nein, tut mir leid, Bella. Ich hätte gerne geholfen, aber was soll man machen.", wiederholte er sich, bevor er schnell hinzufügte: „Aber ihr werdet euch doch nicht einmischen wollen? Das ist keine gute Idee, sicher nicht. Jacob soll sich darum kümmern, er und seine…seine Wolfskollegen. Denen passiert schon nichts." Ein seichtes Lächeln glitt über meine Züge, weil er sich grundlos Sorgen machte. Er konnte es nicht wissen, ja, aber sicherlich ahnte er etwas. Charlie wollte nie Bescheid wissen, aber er kannte die Cullens lange genug um zu bemerken, dass etwas an ihnen anders war. Genauso wie Jacob und seine Geschwister anders waren.
„Nein, nein. Er hat uns nur informiert, schließlich wohnen wir nicht weit davon entfernt. Es hat mich sowieso gewundert, warum nichts davon in den Nachrichten zu hören war. Ich denke, man hätte die Bevölkerung informieren sollen."
Ich versuchte, so unbekümmert und normal zu klingen wie nur möglich. Es gefiel mir nie, wenn ich ihm gegenüber lügen musste, aber ich hatte es in der Vergangenheit oft genug tun müssen, um darin geübt zu werden. Gewöhnen würde ich mich jedoch nicht daran.
„Die haben ein Recht darauf, klar. Aber es scheint ein großes Ding zu sein, und nicht gerade ungefährlich. Man will keine Panik auslösen. …haltet euch trotzdem fern vom Wald, ja? So gut es eben geht."
Ich nickte, obwohl er es nicht sehen konnte: „Machen wir. Es ist alles gut, Charlie. Und es geht uns allen auch gut. Edward wird nicht zulassen, dass etwas passiert." Dessen war ich mir allerdings nicht mehr ganz so sicher.
„Natürlich wird er das.", sagte er daraufhin und klang dabei ganz nach sich selbst, dem besorgten Vater – zumindest so besorgt, wie Charlie es sein konnte.
Als ich aus dem Fenster sah, entdeckte ich Alice' Wagen, der vor dem Haus parkte. Stimmen drangen an mein Ohr und augenblicklich war ich diejenige, die sich zu sorgen begann: „Gut, also…Dad, ich werde mit Renesmee sprechen und mich noch einmal melden. Es klappt sicher ganz bald."
„Wie auch immer. Bis bald."
Seufzend antwortete ich ebenfalls ein leises ‚Bis bald'. Dann legte ich auf und ging nach unten, um nachzusehen, was dort vor sich ging.
