43. Lügen und andere Wahrheiten – TEIL 2
Was zuvor geschah…
Nachdem mir das Gespräch mit Jacob bestätigt hatte, dass ich ihm vertrauen konnte und dass er keinerlei feindliche Absichten uns gegenüber hegte, kehrte ich nach Hause zurück, um auch alle anderen davon zu überzeugen. Als ich zuerst Renesmee aufsuchen wollte, traf ich jedoch auf Rosalie, die mir vorwarf, mich nicht um meine Tochter zu kümmern. Renesmee wollte allerdings allein sein und rang mir noch dazu das Versprechen ab, sie in alles einzuweihen. Um Jacobs Aussage noch einmal zu bestätigen und gleichzeitig nach Neuigkeiten zu fragen, rief ich danach Charlie an, der mir aber keine weitere Auskunft geben konnte. Stattdessen gab ich auch hier ein Versprechen: dass ich sehr bald mit Renesmee vorbeikommen würde.
Als ich aus dem Fenster sah, entdeckte ich Alice' Wagen, der vor dem Haus parkte. Stimmen drangen an mein Ohr und augenblicklich war ich diejenige, die sich zu sorgen begann: „Gut, also…Dad, ich werde mit Renesmee sprechen und mich noch einmal melden. Es klappt sicher ganz bald."
„Wie auch immer. Bis bald."
Seufzend antwortete ich ebenfalls ein leises ‚Bis bald'. Dann legte ich auf und ging nach unten, um nachzusehen, was dort vor sich ging.
Alice begegnete mir auf der Treppe: „Oh, Bella, hier bist du! Ich habe schon nach dir gesucht. Möchtest du mit uns kommen?" Irritiert beobachtete ich, wie Rosalie gefolgt von Esme den Flur durchquerte und draußen ins Auto stieg. Ich hatte nichts erwidert, doch mein Blick schien mich zu verraten.
„Wir wollen nach Seattle fahren und noch ein paar Besorgungen machen. Vielleicht hast du Lust, etwas zu shoppen? Emmet will diese Angelegenheit mit unserer Hausfront selbst in die Hand nehmen und hat schon einen Plan gemacht, was er dafür braucht. Ich denke, eine Ablenkung täte dir auch ganz gut."
Sie war so aufgeregt und gut gelaunt, wie es nur Alice sein konnte. Und hätte ich nicht den Kopf voller Dinge, die zu erledigen und zu überdenken waren, wäre sie vielleicht in der Lage gewesen, mich zu überzeugen, ihr der Freundlichkeit halber nachzugeben. So aber lehnte ich ab, darauf bedacht, möglichst neutral zu klingen.
„Gern, aber…nicht jetzt. Ich glaube, etwas Ruhe kann ich gut gebrauchen. Ein andermal vielleicht."
„Natürlich.", sagte sie mit derselben hohen und gutgelaunten Stimme, obwohl ich ihr ansah, dass ihr klar sein musste, dass ich einen anderen Grund hatte. Ich wusste nicht, ob ich Alice noch vertrauen konnte, auch wenn es früher immer so gewesen war. Sie war mir wie eine Schwester und die beste Freundin in einer Person gewesen, doch dass sie Jasper in dieser wirren Situation den Rücken stärkte, verunsicherte mich. Vielleicht gab es irgendeinen anderen Anlass dafür und ich wollte glauben, dass es so war; aber vielleicht hatte sie sich dieses eine Mal einfach auf die falsche Seite geschlagen.
Alice machte sich ebenfalls auf den Weg nach draußen und ich stieg die letzten Stufen hinab bis zur Haustür. Auch Emmets riesiger Jeep, der schnell und massig genug war, um selbst für das Loch in der Hauswand verantwortlich zu sein, war davor geparkt und in diesem Moment drängte sich Emmet an mir vorbei nach draußen. Carlisle folgte, doch ich hielt ihn auf: „Carlisle?" Er drehte sich zu mir herum und kam sogar zurück, als ahnte er, was ich vorhatte.
„Kann ich dich kurz sprechen?"
Ohne ein Wort begleitete er mich zurück ins Haus, ins nächstbeste Zimmer, dessen Tür ich schnell hinter ihm schloss. Ich musste mir etwas bewusst werden, musste mir wenigstens einer einzigen Person sicher sein, die ich zu meiner Familie zählte.
„Wir dürfen es nicht zulassen.", erklärte ich kurzerhand im Flüsterton, woraufhin er fragend die Augenbrauen nach oben zog: „Wir müssen verhindern, dass es zu irgendeiner Art von Auseinandersetzung kommt." Ein milder, nichtssagender Ausdruck breitete sich auf seinem Gesicht aus und ich sprach weiter, bevor er die Gelegenheit bekam, etwas zu sagen, das ich nicht hören wollte.
„Du kannst Jasper nicht vertrauen, niemand von uns sollte das. Er ist nicht Herr seiner Sinne. Und was auch immer wir seinetwegen über Jacob und Jess zu wissen glauben, ist nicht wahr."
„Jess?", hinterfragte er den Namen des Mädchens, der sich wie von selbst in meinen Wortschatz geschlichen hatte, und den zu gebrauchen mir plötzlich völlig normal vorkam: „Bella, was weißt du?" Eher widerwillig musste ich mir eingestehen, dass ich seine Unterstützung nicht erlangen konnte, ohne dafür einen Preis zu zahlen. Aber weil ich hoffte, dass es das wert war, antwortete ich ohne Umschweife: „Ich habe mit ihm gesprochen."
„Du warst auf ihrem Gebiet, ganz allein? Du solltest dich nicht in diese Gefahr begeben, es hätte so vieles passieren können…"
Seine ernsthafte Sorge machte mir ein schlechtes Gewissen, aber es hielt nicht lange an. Schließlich war es notwendig gewesen, um mir der ein oder anderen Sache klar zu werden.
„Ich musste ihm in die Augen sehen, wenn ich ihn danach frage."
Carlisle wirkte, als fühlte er sich schuldig, dass ich dieses Risiko auf mich genommen hatte. Vielleicht war er es auch ein wenig, aber das war jetzt egal. Ich hatte es auch für mich getan und für alle von uns: „Und ihm war nicht bewusst, was er ausgelöst hat. Er hätte niemals geglaubt, dass wir darin eine Kriegserklärung sehen. Er hat darüber gelacht, als ich es ihm sagte." Weil es ungewöhnlich ruhig um uns herum war, mahnte ich mich, noch leiser zu sprechen. Carlisle sah aus, als wäge er ab, ob stimmen konnte, was ich sagte. Ein Teil von ihm schien nicht verstehen zu können, was das bedeutete.
„Es ging ihm einzig und allein darum, uns diese Nachricht zu überbringen und das hat er getan. Jacob verdächtigt uns tatsächlich, sonst würde er diesen Schritt nicht machen."
„Und was bringt ihn zu dieser Erkenntnis?"
Das war eine der Antworten, die ich ihm nicht geben konnte: „Er hat von Beweisen gesprochen, aber nichts genaueres. Ich glaube, dass sie sie ihm verschafft hat, nur weiß ich nicht genau wie. Jedenfalls stimmt, was wir über sie herausgefunden haben. Vielleicht nicht alles, aber der Großteil." Es enttäuschte ihn offensichtlich, wie es auch mich enttäuscht hatte. Nur musste er auch wissen, was ich gesehen hatte.
„Carlisle, es ist nicht, wie man meinen sollte! All das mag wahr sein, aber es fand vor langer Zeit statt. Ich habe sie gesehen, ich habe Jacob mit ihr zusammen gesehen und – und dieses tiefe Verständnis, das sie haben. Er vertraut ihr und er hat einen guten Grund dafür. …als Billy gestorben ist, war sie für ihn da; das hat er mir selbst gesagt. Es klang, als wäre er am Boden zerstört gewesen, beinahe so, als wollte er damit nicht weiterleben. …aber sie hat ihm geholfen. Du hättest hören müssen, wie er von ihr gesprochen hat. Sie verstehen einander blind, wahrscheinlich fühlen sie sogar dasselbe. Jess ist ihm eine wahrhaftige Schwester, sie würde niemals etwas tun, das ihm zuwider wäre."
Einen Moment schien er darüber nachzudenken. Ich sah ihm an, dass er mit sich haderte, obwohl er doch bereits zuvor an das Gute in Jacob geglaubt hatte. Diese Informationen waren die einzigen aus erster Hand, die einzigen, die ich höchstpersönlich bezeugen konnte. Wenn ich mir irgendetwas sicher sein konnte, dann genau dieser Tatsache. Und zum Glück verstand er, dass es so sein musste: „Ich glaube dir, Bella. Ich hatte darüber nachgedacht, nur gab es nichts, das es hätte belegen können."
„Du musst mir versprechen, dass wir an dieser Stelle ansetzen, um einen Gewaltkonflikt zu verhindern. Sie werden uns nicht angreifen, das hat Jacob mir versichert."
…zumindest nicht, solange der erste Angriff nicht von unserer Seite kam. Nicht, wenn sie sich verteidigen mussten. Ich hoffte so innständig, dass es nicht dazu kam, dass ich mich zwang, jede andere Vorstellung aus meinen Gedanken zu verbannen. Es durfte nicht anders sein. Aber währenddessen Carlisle weiter sprach, bemerkte ich etwas, das ich zuvor nicht so gesehen hatte.
„Ich möchte genauso wenig eine kriegerische Handlung wie du, Bella. Es gibt hunderte andere und weitaus bessere Wege, dieses Missverständnis zu handhaben. Aber wie du weißt, habe ich eine Versammlung eingefordert und dabei werde ich bleiben. Es ist die beste Möglichkeit für alle, ihre wahren Absichten offenzulegen."
Ich starrte ihn an, weil ich nicht glauben konnte, dass er so naiv war. Verstand er denn nicht, dass Rosalie, Emmet und Jasper und womöglich auch Edward diese Gelegenheit schamlos ausnutzen konnten? Und ganz sicher würden sie es tun. Für Jasper brauchte es vielleicht nicht mehr als ihren Anblick, um schlechte Erinnerungen an längst vergangene Zeiten heraufzubeschwören, die ihn die Fassung verlieren ließen. Edwards Wut hingegen konzentrierte sich auf Jacob, sodass dessen erster unüberlegter Kommentar ausreichte, dass sie beide erneut aufeinander losgingen. Es lag zu viel Spannung und Unausgesprochenes in der Luft, wodurch ein normales Gespräch auf Augenhöhe gar nicht möglich war. …ganz zu schweigen davon, was Sam von diesem Aufmarsch hielt. Denn wenn ich Jacobs Verhalten im Nachhinein richtig interpretierte, so war nicht er das Problem auf Seiten der Wölfe, sondern Sam. Von ihm hatte ich weder eine Zusicherung bekommen, noch vertraute ich ihm genug, um sie ihm zu glauben, auch wenn er mir eine gegeben hätte. Und wenn ich genauer darüber nachdachte, so fragte ich mich, ob es tatsächlich Jacobs alleinige Entscheidung gewesen war, auf diese Weise gegen uns vorzugehen.
„Sie werden es nicht dazu kommen lassen! Sie haben sich doch alle bereits festgelegt…niemand glaubt Jacob, niemand hält ihn für vertrauenswürdig. Es wäre nicht klug, es darauf ankommen zu lassen - wenn nur einer von ihnen angreift, gehen die Rudel auf uns los, auf alle von uns!"
Panik stieg in mir auf, die nackte Angst, dass jemand verletzt werden könnte, den ich liebte und von dem ich geglaubt hatte, dass er die Ewigkeit mit mir verbringen würde. Wenn irgendjemand zwischen die Fronten geriet…oder wenn Jacob verletzt wurde… Es würde nicht bei Verletzungen bleiben. Ich glaubte nicht an die Verlässlichkeit jedes einzelnen, weder auf unserer, noch auf deren Seite. Auch, wenn ich Jacob und vielleicht sogar Jess vertraute, konnte ich nicht vorhersehen was passierte, wenn sie die Fassung verlor. Allein der Gedanke daran, dass sie Edward beinahe getötet hätte, reichte aus, um einen Nervenzusammenbruch in mir herauszubeschwören.
„Bella, es wird nicht so weit kommen. Ich verspreche es dir.", sagte er und glaubte sich wohl selbst nicht einmal mehr, was er da von sich gab.
„Jasper wird dafür sorgen. Ich weiß es.", erwiderte ich nur: „Ich weiß es."
