45. Stiche – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Um herauszufinden, was sich noch alles hinter Jaspers Fassade verbarg, verwickelte ich ihn in ein Streitgespräch. So offenbarte er mir, dass er Jess aufgesucht hatte, um sie fort zu schicken – schließlich wolle sie ihn nur demütigen und Rache üben. Weil sie sich ihm jedoch widersetzte, obwohl er wohl eine gewisse Kontrolle auf sie ausüben konnte, plante er ihre andere Schwäche, ihre Familie, auszunutzen. – So, wie sie sie ebenfalls ausnutzte. Das zumindest behauptete Jasper, und erklärte, Jess käme Jacob näher als gedacht…um sich mit seiner Hilfe fortzupflanzen. Doch weil ich mir nicht sicher sein konnte, inwieweit das Jaspers in Hass gewandelte Liebe ihr gegenüber und damit seiner kranken Vorstellung entsprang, tat ich es vorerst als unsinnig ab. Beim Versuch, ihn zu bekehren, griff er mich jedoch erneut an. Allein durch Renesmees Hilfe schafften wir es, zu fliehen.
„Das ging ja schneller als gedacht!", hatte Charlie sich gefreut, als wir ohne jede Anmeldung zu ihm gekommen waren. Tatsächlich war diese Sache alles andere als überlegt, doch mir war kein anderer Ort eingefallen, an den wir hätten gehen können. In der Kürze der Zeit war ich weder dazu gekommen, Renesmee zu danken, noch hatte ich ihr oder mir erklären können, was das nun für uns bedeutete. Zum Glück hatte Charlie uns sofort hereingebeten und Sue angewiesen, für uns zu kochen, obwohl das natürlich nicht nötig war. Wohl aus Erleichterung aß Renesmee sogar ohne jede Beschwerde, obwohl sie normalerweise eher selten menschliches Essen zu sich nahm. Währenddessen wir uns beide darum bemühten, Charlie angemessen zu unterhalten und ihn soweit möglich in unsere aktuellsten Neuigkeiten einzuweihen, wuchs in mir Unmut darüber, was nun passieren würde. Ich wusste nicht, wie lange wir bleiben konnten, bevor jemand nach uns suchte. Und falls es doch so kommen sollte, hoffte ich, dass es zumindest nicht Edward sein würde.
„Um ehrlich zu sein, ich glaube, ich habe zu viel gegessen.", platzte Renesmee nach einiger Zeit heraus: „Ich würde mich gern ein wenig hinlegen." Sie hatte sich am Tisch schon einige Minuten lang damit beschäftigt, ihre Finger aufs Genauste zu inspizieren und wirkte nun, als gehe es ihr ernsthaft schlecht. Weil ich etwas ahnte, spielte ich jedoch mit, als Charlie sagte: „Oh, klar, natürlich. Wenn du willst, kannst du in Bellas altes Zimmer gehen. Ist alles noch so, wie es war. Das Bett ist auch bezogen."
„Ich komme kurz mit, falls das in Ordnung ist."
Charlie nickte besorgt und ich half der halb schlurfenden Renesmee die Treppen hinauf, geradewegs in mein Zimmer. Wie er gesagt hatte, sah es genauso aus wie eh und je. Als wäre es gerade erst gestern gewesen, dass ich von meiner Mutter aus Arizona gekommen war, um hier im verregneten Forks unerwarteter Weise mein Glück zu finden. Wer hätte schon voraussehen können, wohin mich all das führte? Ich lächelte beim Anblick meiner einzigen Tochter, der noch ebenso viel bevorstand, da holte sie mich bereits ins Hier und Jetzt zurück: „Was machen wir jetzt?" Ich seufzte beim Gedanken daran, dass ich sie nicht länger schonen konnte.
„Wenn ich das wüsste."
Weil sie mir das Versprechen entlockt hatte, dass ich sie in alles Wichtige einweihen musste, das passiert und besprochen worden war, war ich gezwungen gewesen, ihr wenigstens das Nötigste zu erzählen. Dass Jacob gekommen war, um den Vertrag mit uns aufzukündigen - allerdings erst, nachdem er aus welchen Gründen auch immer zu dem Entschluss kam, dass wir uns mehrerer Morde schuldig gemacht hatten. Dass er tatsächlich Beweise hatte und dass es nie in seiner Absicht stand, einen Krieg anzuzetteln; denn das war ganz allein Jaspers Wille. Jasper, der so lange ein Teil unserer Familie gewesen war und nun keine Sekunde zögerte, sie auseinanderzureißen. Aus Rache an einem Mädchen, das er zu seinem ganz eigenen Monster gemacht hatte. Ich wusste nicht, wie sie es schaffte, dem zu entrinnen, aber es spielte auch keine Rolle.
„Wenn ich geahnt hätte, was mit Jasper passiert…", setzte Renesmee zu etwas an, schien aber keine Lösung für diese sich selbst auferlegte Aufgabe zu finden: „Ich meine, er ist ja vollkommen durchgedreht. Und ich habe gar nichts davon mitbekommen, was da passiert. Allgemein. Im Hintergrund…wie auch immer. Ich bin froh, dass du es mir erzählt hast. Auch, wenn ich jetzt weiß, dass wir beide die einzigen sind, die noch etwas daran ändern können." Und selbst die Chancen dafür waren außerordentlich gering. Zumal ich mir nicht ausmalen konnte, was nötig war, um Jasper zur Vernunft zu bringen. Er schien davon weiter entfernt, als ich geglaubt hatte, dass es jemand sein könnte.
„Niemand konnte das ahnen. Die Frage ist, wie wir nun vorgehen. Vielleicht ist es besser, vorerst hier zu bleiben, aber…"
„Hier können wir nichts bewirken. Mum, wir müssen etwas tun! Wir müssen Jacob warnen, sie alle!", flehte Renesmee aus ihren Gefühlen für ihn heraus, die lange nicht verblasst waren und von denen ich nicht wusste, ob sie das überhaupt jemals würden. Ich bedachte sie mit einem sanften Blick; betrachtete mit Stolz eine Tochter, wie ich mir keine hübschere, lebensfrohere und mutigere hätte wünschen können. Trotzdem musste ich ihrem Drang Einhalt gebieten: „Jacob weiß über Jasper bescheid. Zumindest weiß er, dass er etwas im Schilde führt und nicht zu unterschätzen ist. Er wird abwarten, bis Jasper den ersten Schritt macht. Das verschafft uns vielleicht Zeit, vielleicht auch nicht. Aber verhindern können wir es nicht." Wenn es nur jemanden gäbe, der Jasper auf den Boden der Tatsachen zurückholen könnte. Jemanden wie Alice, dem Jasper vertraute und der ihn kannte – aber niemand kannte Jasper so, wie es Alice tat. Niemand, außer womöglich Jess. Nur wollte ich weder sie tiefer in diese Sache hineinziehen und etwas Derartiges von ihr verlangen, noch konnte ich mich auf Alice verlassen. Wie stets stand sie an Jaspers Seite, in guten wie in schlechten Zeiten. Was sollte ich auch anderes von ihr erhoffen? Sie liebte ihn, wie ich Edward liebte. Und ich würde Edward niemals im Stich lassen.
Trotzdem war es wohl besser, Jacob die ganze Wahrheit zu erzählen. Ich sollte ihn einweihen in diese irrwitzigen Hirngespinste, die sich Jasper in seinen dunkelsten Stunden zusammenreimte und die ihn letztendlich für uns alle erst gefährlich machten. Auch oder gerade weil nichts von alledem der Realität entsprach – so zumindest hoffte ich. Ich hoffte es wirklich.
„Aber du hast wohl recht, wir sollten ihn über die jüngsten Ereignisse informieren. Solange – "
Das unvermittelte Knirschen der Fensterscheibe ließ mich innehalten. Ich fühlte mich noch weiter zurückversetzt in meine Vergangenheit, eine Vergangenheit als verletzlicher Mensch, der wie ein loses Blatt im Strudel der Liebe trieb und mal das eine, mal das andere Ufer erreichte. Damals war es Jacob gewesen, der mich nachts durch Steinchen an meinem Fenster geweckt, und in mir nicht nur die Überlegung, dass er Teil der übernatürlichen Welt war, sondern auch erste wahrhaftige Gefühle heraufbeschworen hatte. Nur wer war es jetzt? Ich wartete das nächste Geräusch ab, das dem vorherigen aufs Genauste glich und meine Vermutung damit hundertprozentig bestätigte. Während ich Renesmee bedeutete, absolut still zu sein, wagte ich mich näher zur Zimmerwand und linste durch das Fensterglas. Mein Herz machte einen Satz, als ich Alice am Fuße des Baumes erblickte, der unterhalb des Fensters im Garten stand. Sie war die einzige Person, die zu sehen ich erhofft und gleichzeitig gefürchtet hatte. Sie konnte uns entweder helfen oder auch das letzte bisschen Hoffnung endgültig unter meterhoher, dichter Erde begraben. Sie hatte mich bereits entdeckt, als ich gerade zurücktreten wollte, und winkte, wie es nur Alice tat. Sie schien gut gelaunt und freundlich wie eh und je und machte es mir damit nur noch schwerer. Ohne einen Laut zu machen, formte ich mit den Lippen Alice' Namen in Richtung Renesmee, die daraufhin ebenso erstaunt wie verunsichert wirkte.
Dann öffnete ich das Fenster und begab mich nach draußen, währenddessen Renesmee sicherheitshalber zurückblieb.
„Bella.", begrüßte mich Alice mit einem Lächeln, das sie verriet. Sie wusste nicht, was ich tun würde, genauso wenig wie ich wusste, was sie getan hatte. Es würde dennoch nicht einfach sein, ihr zu begegnen, wie sie es vielleicht verdiente.
