45. Stiche – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Weil Jasper mich während unseres aufschlussreichen Streitgesprächs über seine und Jess' mögliche Hintergründe – er behauptete, sie wolle sich an Jacob heranmachen, um Nachkommen mit ihm zu zeugen - erneut angriff, flüchtete ich mich mit Renesmee zu Charlie und Sue. Dort überlegten wir, was weiter zu tun war und inwiefern wir überhaupt noch eine kriegerische Auseinandersetzung verhindern konnten. Jasper war nicht zur Vernunft zu bringen, und Jacob würde zur Gegenwehr ansetzen, sobald es Angriffe gegen ihn gab. Doch während wir beschlossen, dass er nichtsdestotrotz über aktuelle Geschehnisse informiert werden musste, unterbrach uns jemand ganz und gar Unerwartetes: Alice.


„Bella.", begrüßte mich Alice mit einem Lächeln, das sie verriet. Sie wusste nicht, was ich tun würde, genauso wenig wie ich wusste, was sie getan hatte. Es würde dennoch nicht einfach sein, ihr zu begegnen, wie sie es vielleicht verdiente.

„Was ist los, Alice?"

Meine Frage schien sie traurig zu machen, obwohl es dafür keinen Grund gab. Noch hatte ich sie nicht aufgegeben, auch wenn es womöglich besser so wäre.

„Es tut mir leid, was passiert ist. Ich hatte nicht erwartet, dass es so kommt.", erklärte sie und ich musste mir bewusst werden, dass sie absolut im Bilde darüber war, was hier gerade vor sich ging: „Nun, vielleicht habe ich es erwartet, aber dennoch etwas anderes gehofft." Leere Worte brachten mich nicht weiter. Sie schien es zu bemerken.

„Bella, ich kann dir nicht sagen, dass du mir vertrauen sollst. Aber das musst du. Ich kann dir keinen Grund geben, außer dem, dass ich weiß, was ich tue. Für Jasper bin ich auf seiner Seite, und daran darf sich nichts ändern, egal was passiert."

Natürlich war sie das, was hätte ich auch erwarten sollen? Ich dachte an Edward und mich und auch an Jacob, und konnte ihr keinen Vorwurf machen. Aber etwas an ihrer Formulierung ließ mich stutzen…für ihn war sie auf Jaspers Seite?

„Wieso bist du hier?", fragte ich ganz direkt und mit unverhohlener Ablehnung, weil sie ruhig wissen durfte, dass ich nichts von alledem gutheißen konnte. Ihr Blick wurde noch trauriger, aber ich ließ es an mir abprallen – Mitleid war das Letzte, das ich im Augenblick geben konnte. Nicht, wenn meine Familie und meine Freunde gleichermaßen in Gefahr waren.

„Er weiß nicht, dass ich hier bin. Niemand weiß das."

„Das konnte ich mir denken."

Sie mimte ein seichtes Lächeln, aber es misslang ihr voll und ganz: „Ich bin froh, dass ihr hier seid und in Sicherheit. Aber ich habe nicht viel Zeit. Ich kenne jemanden, der uns hierbei helfen kann, aber dafür muss ich eine Reise auf mich nehmen. Und ich weiß nicht, ob ich davon rechtzeitig zurückkehren werde…"

Uns? Jemand, der uns helfen konnte? Ich wusste nicht, ob wir auf einer Seite standen, aber aus irgendeinem Grund musste sie das wohl annehmen. Und wer sollte das bitte sein? Ich konnte mir niemanden vorstellen, der diese Situation würde auflösen können. Oder sprach sie von Eleazar und unseren Bekannten aus Denali? Deshalb musste sie reisen…?

„Du sprichst in Rätseln, Alice.", wies ich sie darauf hin, dass sie mir damit nicht weiterhalf. Wenn ich richtig verstand, waren wir sowieso am Ende, wenn sie nicht früh genug zurückkehrte. Wenn der Krieg bereits…

„Ich habe nicht viel Zeit.", wiederholte sie sich mit Nachdruck: „Aber du musst etwas wissen. Wir haben niemanden getötet, Bella, du bist dir darüber genauso klar wie ich. Aber wir haben es unterstützt. Jemand von uns hat daran Teil und du kennst diese Person. Jemandem von uns nutzt es, mächtige Vampire in diese Sache hineinzuziehen." Ich starrte sie an und versuchte aus ihrem schönen, klaren Gesicht herauszulesen, ob sie die Wahrheit sagen konnte. Und von wem oder was in aller Welt sie sprach. Es gab tatsächlich Beweise? Und sie kannte sie? Und Jess kannte sie ebenso. Und diese mächtigen Vampire waren –

Alice schnitt meine Gedanken ab: „Es ist zu deren Vorteil, und ausschließlich zu deren. Man plant ein Komplott. Wir sind nicht stark genug, es mit ihnen aufzunehmen, das waren wir nie. Erinnerst du dich? Wir hätten es schon einmal gewagt. Aber die Situation ist nun anders, und deshalb muss ich Hilfe holen." Ich war perplex, weil ich verstand, was sie sagte, ohne dass sie es noch weiter ausführen musste. Sie hatte schon einmal jemand Bekannten gesucht und gefunden und uns damit das Leben gerettet, allen voran Renesmee. Damals war Jasper bei ihr, aber heute…

„Warne Jacob. Du kannst ihnen vertrauen, Bella, ihnen allen. Und pass auf Renesmee auf."

Ihre Worte verwirbelten, als sie mit dem nächsten Luftzug verschwand und mich in absoluter Unwissenheit zurückließ und mit dem Gefühl, dass ich ihr entgegen jeder Regel glauben musste, weil sie wusste, was sie tat.


„Scht.", machte ich entnervt und bedachte Renesmee mit einem warnenden Blick, als das tiefe Piepen am anderen Ende der Leitung zum dritten Mal erklang. Ich wusste, was zu tun war, auch wenn ich mir nicht sicher war, ob und wie viel es nutzen würde.

„Ja?", fragte eine mir nur zu bekannte, weibliche Stimme in dem immer gleichen scharfen Ton, sodass ich beinahe annehmen musste, dass sie bereits wusste, wen sie nun sprechen würde. Wie sich jedoch herausstellte, war dem nicht so.

„Hier ist Bella.", und: „Kann ich mit Jacob reden? Ist er da?" Besser kam ich direkt zur Sache, statt uns beide länger als nötig auf die Folter zu spannen.

Sie wartete einen Moment zu lange: „Du kannst auch mit mir reden." Was hätte ich auch erwarten sollen. Sie machte nicht nur äußerlich den Anschein, mit der Verbissenheit einer mordlustigen Bulldogge mithalten zu können. Womöglich glaubte sie tatsächlich, dass sie mich damit überzeugen konnte, wenn sie am Telefon dieselbe Mentalität an den Tag legte. Aber soweit ich mich richtig erinnerte, war noch immer Jacob es, den man als Alpha bezeichnete. Und es war in seiner Verantwortung, die beste Entscheidung für sie alle zu treffen – auf Basis dessen, was ich zu berichten hatte.

„Wenn er wieder da ist, dann sag ihm bitte, dass ich angerufen habe. Es ist dringend."

In der Bewegung zum roten Hörer bemerkte ich ein Randgespräch im Hintergrund. Jacob war da, genauso wie ich es angenommen hatte, und sie versuchte dennoch, mich abzufangen. Ich bemerkte, dass ich misstrauisch war, obwohl ich glaubte, das hinter mich gebracht zu haben. Sie verdiente mein Misstrauen nicht, aber mit Jacob zu sprechen ergab angesichts meiner zu überbringenden Nachricht einfach mehr Sinn.

„Bella?", erklang dann plötzlich seine Stimme direkt durch das Telefon. Ich lächelte aus dem Wissen heraus, dass ich ihm vertrauen konnte – trotz oder gerade wegen aller Widrigkeiten, die wir gemeinsam überwunden hatten.

„Jacob, schön dich zu sprechen. Wie geht es euch?"

Meine Stimme glich einem Seufzen, währenddessen er absolut neutral klang. Als erwartete er, was nun folgen würde.

„Alles gut, nur keine Sorge. Aber das hängt auch davon ab, was du zu berichten hast.", erwiderte er, fast schon mit dem Anschein guter Laune.

„Nun ja, ich habe nicht wirklich Neuigkeiten. Um ehrlich zu sein, habe ich nicht viel bewegen können."

Er gab ein halbherziges und vollkommen nichtssagendes ‚Hm' von sich.

„Carlisle besteht auf eine Versammlung, aber Jasper wird diese Gelegenheit ausnutzen, dessen bin ich mir sicher. Er war nicht in der Lage, ein normales Gespräch mit mir zu führen – zumindest nicht eines, in dem er nicht körperlich wird. Aber es ist nichts passiert. Wir sind jetzt bei Charlie, Renesmee und ich.", erklärte ich und sah es nur als logisch an, Renesmee zu erwähnen. Ich wusste, dass es ihn dennoch interessierte, was mit ihr war. Eines der Zeichen dafür, dass er sie bei Weitem nicht aufgegeben hatte.

Jacob wartete einen Augenblick, bevor er mich mit seiner Reaktion beehrte, weswegen ich mir sicher war, dass er Jess darüber in Kenntnis setzte: „Schade, aber das war zu erwarten. Und sonst?"

Ja, und sonst… Ich hatte mir keine Sekunde lang überlegt, was oder wie ich es ihm sagen würde. Renesmee sah mich neugierig an.

„Da wir nun gewissermaßen geflohen sind, kann ich dich nicht darüber informieren, was als nächstes passieren wird. Ich weiß nicht, wann die Versammlung sein wird und auch nicht, ob ich daran überhaupt teilnehmen können werde. Aber es besteht…vielleicht die Hoffnung auf Unterstützung.", begann ich langsam und wählte meine Worte mit Bedacht, um ihn nicht in Aufruhr zu versetzen: „Es scheint etwas wesentlich Größeres im Gange zu sein, seitens Jasper. Und offenbar werden wir nicht die einzigen beiden Parteien sein, die bei der Versammlung anwesend sind."

„Ungebetene Gäste also? Und von wem genau reden wir da?"

Es ihm zu sagen würde uns beiden nichts bringen. Ihn interessierte es nicht, welche Vampire er tötete, solange sie ihnen oder den Menschen feindlich gesinnt waren.

„Das weiß ich nicht. Und ich weiß auch nicht, ob meine Quelle wirklich sicher ist. Wie dem auch sei…es könnte gefährlich werden, für uns alle. Also was immer ihr tut, seid vorsichtig.", warnte ich ihn, obwohl ich fast darauf wetten konnte, dass es ihm egal war, was ich ihm riet. Letztendlich lief es auf eine Entscheidung von ihm als Alpha hinaus, wie er sein Rudel und seinen Stamm zu beschützen gedachte. Und ich konnte nicht einschätzen, über wen er dabei alles hinwegsehen würde.

„Okay, geht klar. Wenn es etwas gibt, das ihr wissen solltet, schicke ich jemanden. Keine Sorge, ihr werdet merken, dass es an euch gerichtet ist, und es wird niemandem auffallen."

Weil er klang, als wollte er das Gespräch beenden, musste ich handeln. Ich konnte es ihm nicht verschweigen, ich sollte…wenigstens einen Hinweis musste ich geben. Wenigstens die Spur einer Chance, dass er mit Misstrauen an diese Sache heranging, musste ich legen.

„Und da wäre noch etwas."

Obwohl ich ihn nicht brauchte, ging mein Atem zittrig ein und aus.

„Ja?", kam es zögerlich.

„Auch hier kann ich nicht mit Sicherheit sagen, was oder ob es der Fall ist. Aber Jasper kennt sie sehr gut, und ich schließe nicht aus, dass sie ebenfalls mehr als genug über ihn weiß. Und…und Jasper ist auch nicht der einzige, der etwas plant."

Weil er nicht reagierte, musste ich wohl oder übel deutlicher werden. Auch, wenn ich damit sein Vertrauen in mich riskierte…er musste, sollte es wissen. Egal, ob dieser Sache mehr Wahrheit innewohnte, als gedacht, oder nicht. Schließlich sagte ich: „Sie kommt dir vielleicht näher, als du dir bewusst bist. Und sie bezweckt etwas damit."

Und damit hatte nicht nur ihn ein Gedanke erreicht, der gefährlicher und infektiöser war, als wir beide uns derzeit ausmalen konnten.