47. Jeder braucht ein Ventil – oder eine Faust im Gesicht des Gegenübers. – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Nachdem Jacob gemeinsam mit Jess den Cullens die Nachricht über die Auflösung des Vertrages überbracht hat und er dabei in ein Handgemenge mit Edward verwickelt wurde, kümmert sich Jess um ihn und seine Verletzungen. Jess lässt durchblicken, dass sie während des Besuchs herausfinden konnte, dass es eine Beteiligung der Cullens an den Leichenfunden gibt und dass auch weitere außenstehende Personen involviert sind. Enttäuscht muss Jacob jedoch feststellen, dass sie keine genaueren Hinweise liefern kann und dass er vor Sam ohne Rückendeckung dasteht. …und dass Jess etwas vor ihm verborgen hält.
Das war natürlich vollkommen irrsinnig. Ich wusste, dass er es war. Wusste, dass Edward ihr mit seinen Reißzähnen ein Tal ins Auge gegraben hatte, das ich ohne Zweifel mit seinem Blut füllen würde. Meine Faust hatte sich so fest zusammengezurrt, dass sich meine Fingernägel in mein Fleisch gruben. Jess musste sich nicht bemühen, es mitzubekommen.
„Jacob –"
Ich schnitt ihr das Wort ab, weil sie den Ernst der Lage nicht zu begreifen schien oder versuchen wollte, mich dennoch zu besänftigen. Es war zwecklos.
„Er hat dir das Augenlicht genommen! War das vorhin, als er dir so nahegekommen ist? Dieser elende Mistsack. Dieser beschissene Blutsauger! Was, wenn er…", ich stockte, weil mich eine weitere Erkenntnis erreichte: „Er hat dich gebissen. Sein Vampirgift – es…was, wenn es auf dich übertragen wurde?" Daran hatte ich eben erst gedacht. Entweder, weil die Tatsache, dass Edward ein Vampir war, sich für mich so gewöhnlich und alltäglich anfühlte, dass ich die Hintergründe dessen einfach überging. Oder ich war dumm genug zu glauben, dass er etwas in dieser Art ohne Grund versuchen würde. Nein. Wenn, dann war genau das seine Absicht gewesen. Wenn, dann hatte er darauf abgezielt, sie zu vergiften. Und sie gleichzeitig zu blenden. Eine Ablenkung für jetzt, die sie kampfunfähig machte, und der sichere Tod auf Zeit. Nun, zumindest in einer Sache hatte er sich geirrt: Jess war nicht schwach und sie würde sich von einer solchen Attacke nicht aufhalten lassen. Aber…
„Jacob, du übertreibst maßlos…", versuchte sie es noch einmal, aber allein der Klang ihrer Stimme bewegte mich dazu, mich weiter hineinzusteigern. Denn wenn ich mich damit abfinden musste, sie nie wieder zu hören…wenn ich annehmen musste, dass eine solche Dreistigkeit und Dummheit zugleich dafür sorgte, dass sie von mir ging…
„Wie hätte ich das nicht bemerken können? Und wie schamlos er ausnutzt, dass er ein verdammtes Gift in sich trägt…du warst gar nicht sein Ziel! Ich sollte bezahlen. Er wollte, dass ich dafür bezahle…" Ich wollte, dass ich dafür bezahlte. Und schließlich war sie diejenige, auf deren Schultern meine Schuld abgewälzt wurde. Oder sollte ich sagen, dass ich es war, der dafür sorgte? Zwischen Wut und Sorge hin- und hergerissen sprang ich auf, im Versuch, das plötzliche Zittern meiner Arme unter Kontrolle zu bringen. Es passierte selten genug, dass es dazu kam, dass ich Schwierigkeiten hatte, mich zu fassen. Als ich Jess' Hand auf meinem Rücken spürte, zuckte ich zusammen. Beim Blick in ihre Augen musste ich mich zwingen, nicht wahllos auf irgendetwas einzuschlagen und gleichzeitig meine Tränen zurückzuhalten. Ich ergriff ihr Gesicht, hielt ihre Wangen, als wäre es das letzte Mal, das ich es tat. Von einer Sekunde auf die nächste überkam mich ein tiefes Ziehen in der Magengegend, das sich gen Herzen durch meinen Körper zog. Ich zog sie näher zu mir und betrachtete ihre Verletzung. Der Riss war zu nah an ihrer Pupille, als dass er sie hätte verschonen können. Dennoch bewegte sich ihr Auge zielsicher, fand die meinen und bedachte mich mit einem scharfen, beinahe schon physisch spürbaren Blick.
Wenn sie Gift in sich trug, müsste es bereits Wirkung zeigen. Aber wie genau es sich auf sie als Hybrid auswirkte, wusste wohl niemand. Vielleicht brauchte es bei ihr länger, vielleicht ging alles viel langsamer vonstatten. Sterben jedoch würde sie gewiss. Und nun, da bereits Stunden vergangen waren, war es zu spät für den Versuch, das Gift aus ihr herauszuholen. Wieso in aller Welt war sie dann so ruhig? Weil sie wusste, was sie erwartete? Weil sie sich bereits damit abgefunden hatte? Der Ausdruck auf ihrem Gesicht verriet rein gar nichts.
„Wir müssen etwas tun. Wir werden dir helfen, ich – ich trete mit Old Quil in Kontakt. Er muss wissen, was zu tun ist. Und danach reiße ich diesem Drecksack den Arsch auf."
Ich ließ von ihr ab, um zum Telefon zu gehen, da hielt sie mich auf.
„Es ist alles in Ordnung. Ich sehe…vielleicht nicht ganz so gut wie zuvor, aber es ist zumindest nichts wichtiges kaputt gegangen."
Ich wog ab, ob sie das sagte, weil es tatsächlich so war oder ob sie mich lediglich besänftigen wollte. Jess fuhr fort: „Er kann mir nichts anhaben. Nicht mit einem so kurzweiligen Biss, bei dem womöglich nicht einmal Gift auf mich übertragen wurde. Das weiß ich nicht sicher, es hat auch etwas gebrannt…aber ich bin noch immer zur Hälfte Vampir. Und damit gegen Vampirangriffe immun – wenn auch nicht gänzlich." Sie meinte es ernst.
„Was soll das heißen?", fragte ich, noch immer misstrauisch. Natürlich erhoffte ich mir, dass diese Angelegenheit für sie ohne Folgeschäden blieb, aber das war dann auch fast schon zu viel des Glücks. Obwohl sie sich hätte Mühe geben können, mich zu überzeugen, war ihre Reaktion alles andere als beruhigend.
„Ich schätze, dass es nicht abheilen kann, solange sich Gift in der Wunde befindet, das ist alles."
Das war alles?
„Das ist alles?", fuhr ich sie an, als wäre es ihre Schuld. Sie blieb gelassen für jemanden, der jeden Moment platzen konnte wie eine Bombe, wenn man auch nur ein falsches Wort von sich gab. Jess blieb sich treu, das musste man ihr lassen. Immer eine Reaktion, die anders war als das, was man erwartete. Immer für eine Überraschung gut.
Das Telefon klingelte und unterbrach den langen Blick, den wir uns gegenseitig zugeworfen hatten. Ich sah zuerst weg, weil es die vielleicht einzige Chance war, die ich bekam. Und mein klopfendes Herz war nicht gerade hilfreich dabei.
Mit wenigen Schritten erreichte ich den Hörer, hob ab und brummte die übliche Version einer Begrüßung in Form meines Nachnamens.
„Hey, Jake.", erklang es von Sams Boten am anderen Ende und ich hasste es, dass das erste, woran ich bei ihm dachte, Jess war. Embry und Jess, Jess und Embry. Und was auch immer sie beide da hatten.
„Embry.", wiederholte ich, um es ihr unbemerkt mitzuteilen - falls das überhaupt nötig war -, und fragte dann: „Was gibt's?"
„Was es gibt? Ihr hättet euch längst melden sollen! Ich bin froh, dass du direkt ran gegangen bist. Sonst hätten wir uns Sorgen machen müssen."
Sonst hätten sie auch einfach vorbeikommen und nachsehen können. Embrys Stimme war viel zu gut gelaunt für einen Anruf bei mir, nachdem wir letztlich so unsere Schwierigkeiten hatten. Deshalb war ich mir beinahe sicher, dass Sam neben ihm saß und ihm jedes Wort diktierte. Mein Auftraggeber wollte wissen, ob ich den Job nach seinen Vorstellungen erledigt hatte. Deshalb war er es auch, den ich nun direkt ansprach: „Wir haben den Vertrag aufgekündigt. Es gibt Hinweise darauf, dass jemand von ihnen involviert ist – das konnte Jess in Erfahrung bringen. Wir wissen nicht, wer es ist oder was genau er vorhat, aber wir sind dran." Die ganze Zeit über war ich mir sicher, dass Jess mich prüfend betrachtete und bereits meine Gedanken las, bevor ich sie aussprach. Nur um sicher zu gehen, dass ich nichts Falsches sagte – etwas, das sie belastete oder mich oder das alles infrage stellte. Aber ich war zumindest wieder soweit bei klarem Verstand, dass ich das auf die Reihe bekam.
„Wie haben sie es aufgenommen?"
Ich schnaubte: „Wie schon? Nicht gerade erfreut, aber das war zu erwarten. Sie spielen die Unschuldigen oder sie wissen tatsächlich nicht, wer von ihnen der Maulwurf ist." Das war alles, was Sam zu interessieren hatte. Jess' Reaktion folgte prompt, sie unterstrich ihre Empörung mit einer drohenden Geste. Ich versuchte, sie zu ignorieren, aber als ihre Hand eine Bewegung in Richtung Hörer machte, zog ich mich leicht zurück. Mein warnender Blick ging im Feuer ihrer Augen unter. Ich brauchte gar nicht erst versuchen, ein solches Duell gegen sie zu gewinnen.
„Und was ist mit Jess?", erkundigte er sich unvermittelt und ich seufzte innerlich auf, weil es ihn verdammt nochmal einen feuchten Dreck anging. Sie mochte unser beider Schwester sein, aber sie wohnte immer noch in meinem Haus…und sie hatte mein beschissenes Leben viel zu oft wieder in die Spur gebracht. Wenn ich derjenige sein sollte, der sie den Blutsaugern zum Fraß vorwarf und zusah, wie sie verschlungen wurde, dann mochte mir der liebe Gott gnädig sein. Zugegeben, ich hatte sie auf dem Silbertablett serviert. Aber sie war mehr von Nutzen gewesen, als ein gefühlsverwirrter Embry Call.
„Sie steht neben mir und sieht kerngesund aus, falls das deine Sorge sein sollte.", gab ich giftig zurück, woraufhin er nur stoisch erklärte: „Ich will sie sprechen." Als würde ich ihn damit anlügen?
Im Hintergrund ertönte ein Raunen. Sams Geduldsfaden erschien mir heute stabiler, als es sonst der Fall war. Ich verdrehte die Augen, verfluchte mich selbst, dass ich nicht eine vertrauenswürdigere Antwort vermittelt hatte und drückte Jess schließlich doch das Telefon in die Hand.
Sie starrte mich an, dann sprach sie zu Embry: „Es ist alles gut verlaufen." Ihre Stimme war nichtssagend, was mich ein wenig beruhigte. Diese Geschichte nach der Vertragsauflösung konnten wird gern vergessen.
Ich glaubte zu verstehen, dass Embry sie noch einmal dasselbe fragte wie zuvor mich. Sie reagierte gefasst, weil sie es vermutlich so von ihm nicht anders kannte: „Es war schwer, Informationen herauszufiltern. Wer auch immer der Schuldige ist, kann seine Gedanken geschickt verbergen. Er muss gewusst haben, was wir vorhaben, und hat sich entsprechend abgesichert. Es ist anzunehmen, dass der Rest von ihnen nicht involviert ist." Embrys Antwort klang abgehackt. Jess zögerte einen Moment.
„Nun, ja."
„Was ist los?", kam es jetzt deutlicher aus dem Hörer. Und sogleich wurde mein Vertrauen bestraft: „Es…gab eine Auseinandersetzung mit Edward. Er hat Jacob angegriffen." Ich konnte nicht glauben, dass sie mir in den Rücken fiel. Bevor ich eine geeignete Reaktion darauf fand, fuhr sie bereits fort.
„Er wurde verletzt, aber ich habe mich darum gekümmert. In wenigen Wochen sollte alles verheilt sein."
Embry erfragte, was es denn sei, das mehrere Wochen der Schonung bedurfte. Dann übernahm hörbar Sam das Telefonat: „Was ist da vorgefallen? Es war vereinbart, dass alles ruhig über die Bühne geht." Ich forderte ebenfalls mein Gesprächsrecht bei Jess ein, bevor ich ihr schroff den Hörer aus der Hand riss: „Es war auch nicht geplant, dass er dort einen Aufstand veranstaltet, weil seine Tochter anfängt rumzuheulen! Es war alles unter Kontrolle, wir haben die Situation geregelt." Jess' Mimik war abzulesen, dass sie der Meinung war, sie allein hätte die Situation geregelt.
„Das klingt mir aber anders. Erklär' mir das."
Ich war sprachlos über diese Art der Taubheit. Was ich bereits gesagt hatte, war ausreichend und beschrieb die Sache eindeutig. Aber ich ließ mich zu einer ausführlicheren Version herab: „Renesmee war nicht erfreut über die getroffene Entscheidung. Und wenn einem kleinen Mädchen das Herz gebrochen wird, dann ist ihr Vater nicht weit, um dir ordentlich eine aufs Maul zu geben. Jess und ich haben dafür gesorgt, dass er Abstand hält und dann haben wir uns verzogen. Wir haben beide Verletzungen davongetragen, aber das ist jetzt nicht weiter der Rede wert. Nichts davon beeinflusst unser Vorhaben und es gibt auch nichts, was uns deswegen nun im Weg steht."
Ich ignorierte Jess, die mich entgeistert zu fragen schien, ob das tatsächlich nötig gewesen war. Aber wenn sie mich nicht schonte, dann tat ich ihr diesen Gefallen auch nicht.
Embrys Nachfrage übergehend fragte Sam: „Nichts und niemanden? Jacob, wenn du da jetzt wieder persönlich in eine Angelegenheit verwickelt bist -"
„Das bin ich nicht. Ich habe es im Griff."
Schweigen am anderen Ende. Dann erklärte Sam, dass dies vorerst genug der Information sei und dass wir uns auf die Suche nach weiteren Hinweisen auf den Schuldigen machen sollten, sobald wir dazu körperlich in der Lage wären.
„Wir sprechen uns noch einmal.", sagte er abschließend und legte auf.
Ich hängte das Telefon ein.
„Eine Prägung hat man nicht im Griff.", rügte mich Jess, aber ich schob ihre Worte mit einer abfälligen Handbewegung beiseite und zog mich in mein Zimmer zurück.
