47. Jeder braucht ein Ventil – oder eine Faust im Gesicht des Gegenübers. – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Nachdem Jacob gemeinsam mit Jess den Cullens die Nachricht über die Auflösung des Vertrages überbracht hat, wurden sie in ein Handgemenge mit Edward verwickelt. Nicht nur Jacob hat dabei eine Verletzung davongetragen, sondern auch Jess' Auge wurde in Mitleidenschaft gezogen. Währenddessen sie Jacob davon zu überzeugen versucht, dass sie keine langwierigen Schäden davontragen wird, erkundigt sich Embry per Telefon danach, wie alles verlaufen ist. Jess und Jacob berichten gegenseitig von ihren Verletzungen – ohne dass es einer von beiden will – und Jacob betont noch einmal vor Embry, dass er die nun entstandene Situation (auch die mit Renesmee) im Griff hat.


Meine Pläne, wie ich einerseits Jess' Verletzung heimzahlen und andererseits den Auslöser für die Vorkommnisse finden würde, verliefen weitgehend im Sande. Die meiste Zeit überlegte ich, warum ich noch keine Sekunde lang bereut hatte, mich von Renesmee getrennt zu haben. Was es eigentlich bedeutete, sich auf jemanden zu prägen. Oder, warum Jess der Meinung war, dass etwas nicht stimmte, wenn ich diesen Teil meines Lebens so einfach hinter mir lassen konnte. Vielleicht hatte sie recht, vielleicht auch nicht. Fakt war, dass es mich bis jetzt nicht großartig interessierte. Und dass ich noch in diesem Bett versauern würde, wenn Jess mich weiterhin hier festzuhalten versuchte. Ich hatte keine Schmerzen – im Moment zumindest nicht – und ich konnte mir Schlimmeres vorstellen, als einen Arm unbeweglich in einer Schlaufe hängen zu haben.

Es klopfte leise an der Tür, und bevor ich etwas hätte sagen können, betrat Jess den Raum. Selbst nach einem verstrichenen Tag schien sie mir übel zu nehmen, dass ich sie verraten hatte. Oder überhaupt, dass ich so genau darauf eingegangen war, was vorgefallen war.

„Falls du Interesse daran hast, deine Version der Geschichte noch einmal genauer zu erläutern, dann solltest du langsam aufstehen. Sam ist auf dem Weg hierher.", erklärte sie knapp und wollte bereits wieder gehen.

„Sam? Wieso, was will er denn?"

Jess blieb im Türrahmen stehen und hielt sich an der Klinke fest, als würde sie das davor bewahren, mit der Hand nach mir auszuholen.

„Wir haben ihn ordentlich abgespeist, am Telefon. Er wird es sich nicht nehmen lassen, das in der Gesamtfassung von uns zu hören. Vor allem, weil wir da ja nicht ganz unbehelligt rausgegangen sind."

Ihre Stimme war sanft, aber ihr Gesicht hart. Ob sie meine Züge noch genauso sehen konnte, wie ich die ihren? Wie schlimm war die Verletzung an ihrem Auge tatsächlich? Irgendwie und irgendwann würde ich das herausfinden müssen. Ich seufzte: „Wie viel Zeit habe ich?"

„Zehn Minuten."

Und es war genauso, wie sie sagte. Nur, dass Sam nicht der einzige war, der sich mehr oder weniger gewaltsam Zugang zum Haus verschaffte. Auch Embry, Seth und Leah quetschten sich selbstgefällig auf die kleine Couch im Wohnzimmer, währenddessen Jess gerade so auf dessen Armlehne (neben Embry natürlich) und ich stehend Platz fand. Jenny blieb unbeteiligt am Fenster stehen. Sam hingegen hatte den Sessel zu seinem Eigentum erklärt und breitete seine Arme auf den Lehnen aus wie ein König auf seinem Thron: „Ihr scheint noch gut davongekommen zu sein."

Nun, so könnte man es auch bezeichnen.

„Jacobs Arm hat einige Brüche erlitten. Es sollte bald verheilt sein, aber bis dahin muss er ihn ruhig halten."

„…was mich nicht davon abhält, an der Sache dran zu bleiben.", vervollständigte ich diese einseitige Diagnose. Wir wechselten einen Blick.

„Das heißt, wir können die Kontrollgänge fortsetzen? Mittlerweile ist einige Zeit vergangen, in der wir erfolglos geblieben sind. Es werden Fragen gestellt.", sagte Sam, als erwartete er eine entsprechende Lösung hierfür von unserer Seite. Wenn jemand im Stamm Probleme damit hatte, dass wir eine stärkere Präsenz zeigten, um mehr Sicherheit zu garantieren, dann konnte ich ihm auch nicht mehr helfen.

Leah hatte dazu auch etwas zu sagen: „Die Kleinen sind nicht vorsichtig genug. Manche von ihnen gefährden uns mehr, als dass sie uns helfen." „Dann sollten sie besser trainiert oder nach Hause geschickt werden."

Sam stimmte mir nickend zu, währenddessen Jess noch eine ganz andere Angelegenheit hatte: „Wenn das heißen soll, dass wir für sie einspringen, dann erkläre ich mich gerne bereit – aber für Jacob ist eine Verwandlung momentan Selbstmord. Die Knochen sind noch nicht wieder vollständig zusammengewachsen." Das hörte ich gerade zum ersten Mal. Zwar hatte ich damals, als es mich eindeutig schlimmer erwischt und Carlisle sich meiner angenommen hatte, ebenfalls Bettruhe verordnet bekommen. Aber da war ich auch nicht in der Lage gewesen, mich nur irgendwie zu bewegen. Jetzt war das anders.

„Und damit kommst du jetzt?", platzte ich heraus, wurde aber von Sam übertönt: „Dann muss es wohl so sein." Er fuhr fort, ohne auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, dass ich dennoch einsatzbereit war. Unvermittelt fragte ich mich, seit wann er Jess' Meinung eine größere Bedeutung zuwies als der meinen.

„Jedenfalls interessiert mich, was dort genau vor sich gegangen ist. Wer hat mit dieser Schlägerei angefangen?"

Niemand hatte je von einer Schlägerei gesprochen. Edward wollte mich in Stücke reißen, und ich ließ es zu, weil ich glaubte, es verdient zu haben – und mehr war dazu nicht zu sagen. Bevor Jess mich also in ein noch schlechteres Licht rücken konnte, nahm ich es lieber selbst in die Hand: „Wir haben die Nachricht überbracht, wie abgemacht. Jess hat herausgefiltert, dass sie irgendwie verwickelt sind – genauer gesagt einer von ihnen. Also haben wir ihnen den Vertrag aufgekündigt, wie es ebenfalls vereinbart war. Natürlich waren sie nicht gerade erfreut, aber deshalb haben wir auch direkt die Biege gemacht. …nach einem Gespräch mit Renesmee, das sich nicht hat verhindern lassen. Aber sie ist ein großes Mädchen, sie versteht was es heißt, wenn der Vertrag hinfällig ist. Nur Edward versteht das nicht, und deshalb hat er sich in die Sache eingemischt."

Wieder ein Nicken von Sam. Seth und Embry lauschten mit neugierigen Mienen, Leah hob eine Augenbraue. Sie verlieh ihrer Verwirrung Ausdruck: „Und wie genau hat er es geschafft, dir so nahe zu kommen? Warum hast du dich nicht verwandelt?" Da ich es in keinem Wort erwähnt hatte, musste sie es wohl geschlussfolgert haben.

„Dass er komplett die Fassung verliert, damit konnte niemand rechnen. Aber welche Rolle spielt das jetzt? Er hatte es wohl nötig, und Jess war im Recht, sich einzumischen. Sie hat ihn poliert und damit hatte es sich."

Embry lächelte Jess an, als wäre er mächtig stolz auf sie. Aber vielleicht konnten wir hier von Glück reden, dass es für alle Beteiligten bei leichten Verletzungen geblieben war. Wozu sie imstande sein konnte, das wusste hier sowieso niemand.

Leise fragte er sie, ob sie Edward ordentlich eins reingedrückt hatte, und dass es sich wie ein Lob anhörte, machte es in meinen Augen noch unnötiger.

„Und was ist mit dir?", fragte Sam sie. Jess blieb ungerührt: „Eine Verletzung der Pupille, aber es ist weitgehend ungefährlich. Mir verbleibt mein anderes Auge zum Sehen." Meine Kinnlade löste sich vom Rest meines Gesichtes, und ich starrte sie unverhohlen an. Ich hätte es wissen müssen, oder nicht? Sie hatte mir dreist ins Gesicht gelogen, ohne auch nur annähernd mit der Wimper zu zucken. Weil ihr wohl klar sein musste, wie ich reagierte. Und hier, vor versammelter Mannschaft, wähnte sie sich offenbar sicherer, als in direkter Konfrontation mit mir. Was glaubte sie bitter, wie meine Reaktion ausfiel? Gab sie mir die Schuld dafür, und ausschließlich mir? Ich hatte es verdient, keine Frage. Oder schämte sie sich? Nein, dann hätte sie es womöglich überhaupt nicht zugegeben... Und dieser beschissene Blutsauger -

Mein Blut geriet in Wallung und ich spürte, wie unlösbare Wut in mir aufstieg. Wie zu oft in letzter Zeit schien meine Stimmung wechselhaft und viel zu eng an mein Nervengerüst geknüpft. Jess bemerkte es sofort, denn sie versuchte mir stumm zu vermitteln, dass ich mich gefälligst zusammenreißen sollte. Aber mal ehrlich, das war etwas zu viel verlangt! Konnten wir denn nicht offen reden? Sie konnte nicht verhindern, dass ich Edwards Haus stürmen und es Stück für Stück dem Erdboden gleichmachen würde, sie zögerte es nur hinaus.

Meine Hand verkrampfte sich zur Faust und mein Herzschlag geriet beinahe außer Kontrolle.

„Du bist blind?", fragte Embry entgeistert und mit seinem außerordentlichen Talent, das Offensichtliche beim Namen zu nennen, aber Jess setzte ein beruhigendes Lächeln auf: „Wie gesagt, ich habe noch ein zweites Auge. Und es war eine dumme Unaufmerksamkeit meinerseits."

Sam, der als einziger keineswegs verwundert oder erzürnt war, trug wie stets seine unleserliche, schlecht gelaunte Miene. Und ich erwartete bereits, dass sein nächster, dummer Kommentar nicht allzu lange auf sich warten ließ.

„Wie auch immer, uns allen muss bewusst sein, dass dies Konsequenzen nach sich zieht. Eine Aufkündigung des Vertrages bedeutet, dass wir von nun an verfeindet sind. Alle Vereinbarungen sind hinfällig."

Wie auch immer?

Ich starrte ihn an, dann Jess, die sagte: „Ich konnte keine unmittelbaren Absichten aus ihnen lesen. Das heißt, dass ihre nächsten Schritte zwar außerhalb unserer Kenntnis liegen, aber auch, dass sie sie nicht allzu bald einleiten werden."

„Und es gibt keine Möglichkeit, im Nachhinein eine Voraussicht zu treffen?"

Jess schüttelte den Kopf: „Nicht auf diese Distanz jedenfalls."

Währenddessen Sam und sie sich seelenruhig weiter darüber austauschten, was wohl als nächstes zu tun war, hatten Seth, Leah und Embry etwas länger daran zu kauen – genau wie ich. Für mich war vollkommen unverständlich, woher dieses Verständnis zwischen den beiden plötzlich kam. Oder rührte es daher, dass sie beide etwas vom Krieg und Kampf verstanden? Vor nicht allzu langer Zeit hatte Sam Jess als unberechenbar bezeichnet, als Monster im Gegensatz zu uns und allem, das übernatürlich war. Und jetzt? Sein Herumgeschleime nahm größere Ausmaße an als erwartet, was mich befürchten ließ, dass er bereits weitere Pläne für Jess bereithielt – und mit Sicherheit keine, die mir gefallen würden.

Aber, unabhängig davon: hatte hier überhaupt jemand verstanden, was es bedeutete, dass dieser vor Urzeiten geschlossene Vertrag nicht länger Bestand hatte? Wir verloren alles, was unsere Vorväter erarbeitet hatten. Wir verloren Ruhe und Frieden, eine neutrale Übereinkunft, zumindest den Anschein eines Zusammenlebens, wie es zum ersten Mal überhaupt zwischen unseren Arten zustande gekommen war. Und was gewannen wir? Den Kampf an allen Fronten. Feinde, die man zuvor fast als Freunde hätte bezeichnen können. Nicht, dass ich dem hinterher trauern würde. Zeiten änderten sich und auch so war nicht alles an diesem Vertrag gut gewesen. Aber es bedurfte doch ein wenig mehr als der Aufrüstung und Spionage, die Sam im Sinn hatte.

„Es wird nötig sein, härtere Geschütze aufzuziehen, für den Fall, dass sie uns mit einem Angriff antworten.", erklärte Sam, als wäre er der einzige hier, der ein Rudel zu führen und einen Stamm zu beschützen hatte: „Und dann muss uns egal sein, ob sie es tun, weil sie sich bedroht fühlen oder weil wir ihnen aus ihrer Sicht Unrecht getan haben. Wir haben von unserem guten Recht Gebrauch gemacht – und dieses Recht werden wir bis aufs Blut zu verteidigen wissen."