Kapitel 6
Der Mann näherte sich einer alten verlassenen Gasse nicht unweit entfernt von der Stadt Beika und durchquerte sie. An beiden Wänden hingen an der Seite lauter gelb-grüne Flecken hinunter, doch das störte ihn nicht weiter. Er trug eine lange braune Jacke, dessen Kragen so weit hochstand, dass man von hinten nur noch seine schwarzen Haare sehen konnte. Die Sonne versteckte sich langsam hinter den dunkelgrauen Wolken und lugte hier und da ein wenig hervor, wobei es sich dabei beließ. Mehr brauchte er nicht.
Der Weg führte ihn in ein eher schäbiges Restaurant, was trotz ihrem äußerlichen Aussehen vor lauter Kunden nur so zu überlaufen schien. Er hatte sich schon lange gewundert, warum dieser Laden immer noch standhaft durchgehalten hatte, wo sie vor kurzem noch um Geld und Mitarbeiterprobleme klagten. Damals herrschte ein gewaltiger Skandal, der sich im Block schnell herumgesprochen hatte. Angeblich sollte ein Angestellter auf Befehl seines Vorgesetzten Selbstmord begangen haben und daraufhin wurde der Fall für mehrere Jahre geheim gehalten.
Als jedoch ein Detektiv mit auffälligem Schnauzbart und einem blauen Anzug, der in Begleitung seiner Tochter und einem Jungen im Grundschulalter auftauchte, wurde der Fall jedoch schleunigst zu den Akten gelegt. Der Mann überführte den Täter wortwörtlich im Schlafe, so hieß es für mehrere Monate in der gesamten Nachbarschaft rund um die Häuserblocks. Ein wirklich absurder Vorfall, nicht?
Der Fall sprach sich jedenfalls in Windeseile um den gesamten Umkreis und nach kurzer Zeit rettete sich das Restaurant mit Einnahmen der Interessierten, die sich in dieses Etablissement „hineintrauten" und es als zusätzliche Attraktion betrachteten, von dem ihm zu drohenden finanziellen Aus.
Er grinste. Er konnte es immer noch nicht fassen, wie verzweifelt sich dieses Restaurant an die hungrigen Mäuler ihrer Kunden geklammert hatte. Und jetzt ist aus diesem hässlichen Entlein doch noch ein Schwan geworden. Er konnte sich noch daran erinnern, wie sehr er das Essen in so einem Lokal genossen hatte. Jedes Mal schlug er sich von Mal zu Mal den Magen mit leckeren Ramenspeisen und Udonnudeln vollschlagen, wobei ihm jeder Biss und jede ach so winzige Portion auf der Zunge zerging wie Butter. Es schien so, als wäre seine gesamte Kindheit von diesem Laden abhängig gewesen.
Diesmal lachte er. Er war trotz seines Auftrages glücklich darüber, endlich nach einer Ewigkeit (jedenfalls schien es ihm so) ihre neuesten Delikatessen wieder zu schmecken.
„Das ist es.", sagte er mit einem strahlenden Gesicht und sah auf das Holzschild, auf dem mit schwarzer Farbe „Zum Drachen" geschrieben stand. Er konnte den Geruch dieses Ladens meilenweit erkennen, jedoch ist er stärker und deutlicher als je zuvor und er spürte schon, wie das Wasser in seinem Mund zusammenlief. Er war unfassbar glücklich darüber, diesen Laden als Treffpunkt vorgeschlagen zu haben, sonst hätte er womöglich einen schwerwiegenden Fehler begangen.
„Verdammt, da vergess ich ja fast schon den Auftrag.", murmelte er und grinste umso mehr. Er konnte es nicht mehr zurückhalten. Er hatte verdammten Hunger und bisher hat er nur noch fertigzeug gefuttert, weil er bei mehreren Aufgaben nichts Gescheites zum Essen zusammenstellen konnte. Verkorkst noch mal, jetzt musste es sein!
Endlich betrat er den Laden und staunte nicht schlecht, als er die große Schlange vor sich sah.
„Scheiße, auch das noch.", fluchte er und versuchte sich die Zeit zu vertreiben, indem er eine ungefähre Zeit auszurechnete, für die er brauchen würde, um letzten Endes bestellen zu können. Die Schlange jedoch schien nicht enden zu wollen.
Er rieb sich den Hinterkopf und sah sich erst einmal um, womöglich um sich zu beruhigen und um möglicherweise wieder auf andere Gedanken zu kommen. Voll war das Lokal ja wirklich nicht, jedoch konnte er einige Stammkunden an den Tischen weiter links neben sich erkennen, die seit langer Zeit tagein tagaus diese Spelunke besuchten. Sein Blick schweifte weiter über die Plätze und dann…
Dann sah er sie.
Weiße Haare, blaue Augen, schwarze Jacke. Kein Zweifel, da saß sie, ganz weit hinten an der Ecke und sich hinter einer Vase versteckend, um nicht aufzufallen. Er sah hinunter auf das, was sie neben ihren Stuhl angelehnt hatte. So wie es aussah, hatte sie auch schwarzen Aktenkoffer dabei, aber wozu denn das? Was will eine Frau wie sie mit einem Aktenkoffer? Ist es diesmal irgendetwas wichtiges? Naja, man wird ja sehen, wohin das führen wird. Er seufzte schwer. Wenn er sich mal neben ihr gesetzt hatte, wird er sie schon darüber gründlich ausfragen, keine Sorge.
Er drehte sich wieder um und bemerkte, dass die Kasse ihm schon wieder näher gekommen war. Schon gut, denn er hatte genügend Zeit. Bloß bei der Frage, ob sein Magen mit dieser Ausdauer durchhalten wird, würde er seine Situation als sehr problematisch einschätzen.
„Du bist spät dran.", fauchte sie, bevor er sich mit seiner Mahlzeit auf den Stuhl gegenüber von ihr gesetzt hatte. Sie hatte überhaupt nicht den leisesten Schimmer vom Begriff „Temperament", davon war er sich im Klaren, schließlich kannten sie sich schon sehr lange und er hatte sich an ihre Launen und ihr Meckern längst gewöhnt.
„Hätte nicht gedacht, dass du so früh hier antanzt. Ich hab dir doch gesagt, du sollst um 17 Uhr kommen, stattdessen ist es gerade mal halb fünf. Sag mir, was hat dich dazu verleitet, mich so aus dem Nichts aus meiner Arbeit hierherzubestellen?", fragte er, während er mit der freien Hand abwinkte.
Er spürte, wie ihr wütender Blick auf ihm ruhte. Ihn kümmerte es wenig, wenn seine Partnerin ihre Gefühlsausbrüche nicht im Zaum halten konnte. Er hielt es eher für eine ihrer Phasen, die ihm zur eigenen Belustigung dienten.
„Was war das den für eine Aktion gestern? Deinetwegen wären wir fast in Bedrängnis geraten."
„Was meinst du?", antwortete er, als er schon seinen ersten Biss von seinen bestellten Takoyaki nahm und diesen dann mit einem glücklichen Ausdruck der Zufriedenheit verspeiste.
„Du hast fast ein unschuldiges Mädchen in diese Sache verwickelt. Jetzt haben wir früher oder später die Polizei am Hals. Was hast du zu deiner Verteidigung zu sagen, häh?"
„Dein wütendes Gesicht steht dir überhaupt nicht, meine Liebe. Pass darauf auf, sonst bilden sich noch deine Sorgenfalten und auf das habe ich momentan keine Lust.", antwortete er, als würde er ihre Anschuldigungen einfach nehmen und sie gezielt aus dem Fenster schmeißen.
Sie schlug mit ihrer Handfläche auf den Tisch. Einige Gäste drehten sich zu ihnen um, wobei sich einige schon fragten, was da drüben los sei.
„Das reicht jetzt! Dass du dich hier so aufspielst, bringt uns hier nicht weiter. Hast du mir etwa vorhin nicht zugehört?", brüllte sie ihn an. Als jedoch sie die Blicke der anderen Gäste bemerkte, hielt sie inne und setzte sich still hin. Mit einem wutverzerrten und schamvollen Blick starrte sie auf den Mann, der vom runden Tisch ihr gegenüber saß und sich jetzt in aller Ruhe genüsslich seiner Udonbestellung widmete. Er ließ sich trotz der Blicke hinter ihm nicht beirren und konzentrierte sich vollends auf den Geschmack einer seiner Lieblingsspeisen, was die Frau umso wütender machte.
„Du hörst mir gefälligst zu, verdammt! Wage es ja nicht, mich zu ignorieren, hast du mich verstanden?", zischte sie ihm entgegen. Er antwortete ihr mit einem Fingerheben seines Zeigefingers, so als würde er sie auffordern darauf zu warten, bis er die Nudeln endlich zu Ende geschlürft hatte.
Als er fertig wurde, trocknete er sich den Mund bei einer Serviette ab und hob den Kopf, nur um ihr kurz in die Augen zu sehen.
„Nun, wenn ich mich recht entsinne, warst du nicht diejenige, die mich am ersten Arbeitstag ermahnt hatte, weil ich mit vollem Mund geredet habe?", erwiderte er gelassen.
Sie machte eine kurze Pause, um sich wieder zu sammeln. Es brachte ihr nichts, sich jetzt ewig noch darüber zu streiten, also wechselte sie das Thema.
„Hier geht es weder um die Nudeln, noch sonst was Anderes. Du hast ein unschuldiges Kind mit hineingezogen. Die Polizei könnte sonst noch was bemerkt haben. Wir haben einen Auftrag und wenn wir den nicht ordnungsgemäß ausführen, sind du und ich beide am Arsch, klar?", flüsterte sie ihm so deutlich wie möglich zu.
„Hab's kapiert. Reg dich nicht mehr so auf. Komm schon, genieß es solange du noch kannst. Das ist das erste Mal seit langem, dass wir in so einem genialen Restaurant essen können. Geb dir mal nen Ruck. Du hast ja deine Portion noch gar nicht angerüh-"
„Lass das mal sein. Wichtiger ist jetzt, wie wir das Problem jetzt beseitigen. Möglicherweise hat dieses Mädchen zu viel von dir erfahren, so wie du mit deiner Zielperson herumgespielt hast. Wahrscheinlich willst du doch nur das Thema wechseln, weil du keine Lust hast, dich mit dem Problem zu befassen, habe ich recht?", unterbrach sie ihn und lehnte sich so weit wie möglich vor, um ihm in die Augen zu sehen, damit dieser Vollidiot endlich kapierte, wie ernst seine derzeitige Lage geworden ist.
Er stellte seine Schüssel hin und erwiderte ihre Blicke mit einer ernsten Miene.
„Wie viel war es diesmal?", fragte sie ihn.
„18700 bis 19400.", antwortete er, ohne zu zögern oder von ihrem Blick zu weichen.
„So tief?", sagte sie erstaunt und setzte sich darauf gleich wieder auf ihren Stuhl. Eine solche ungefähre Antwort hatte sie von ihm erwartet, jedoch konnte sie es nicht fassen, dass der Schwachkopf sie wirklich geben würde.
„Du bist allen Ernstes so weit gesunken, dass du dich schon mit einem Wert zwischen D11 bis D#11 abgibst? Ich dachte, wir hatten einen Wert von über 21000 ausgemacht."
„Liebes, es geht nicht darum wie tief es gehalten wird, sondern wie lange dieser Wert konstant bei einer Person abgespielt wird. Bei einem höheren Wert würde dies kürzer andauern, da hast du schon recht behalten. Doch je höher dieser Wert ist, desto mehr gelangt dieser Wert aus dem Radius der menschlichen Wahrnehmung und verliert somit an Effektivität.", erklärte er ihr und stellte seine zweite Schale ab, die er im Nu verputzt hatte.
„Ja, aber…"
„Aber," fuhr er fort, „wenn man bedenkt, dass ein tieferer und zugleich konstanter Radius eine höhere Effektivität aufweist, ist es doch nicht falsch ihn zu seinem Gunsten zu nutzen, oder?"
„Du wolltest doch nur mal wieder eine weitere Puppe, mit dem du deine kranken Spielchen treiben kannst, richtig?", spekulierte sie und rollte die Augen.
„Geeenau.", antwortete er und hob seine fünfte Udonschale, um deren Inhalt in sich hinein zu kippen.
„Und jetzt iss, sonst werden deine Ramen noch kalt.", fügte er noch hinzu, während er mit dem Finger auf die Schale zeigte, dessen Nudeln schon langsam an Wärme verloren hatten und sich mit Wasser vollsaugten.
Sie seufzte. Als sie beide fertig mit dem Essen waren, bezahlten sie ihre Bestellungen und verließen das Lokal. Die Sonne schien beiden ins Gesicht, worauf sie ihre mit der Hand bedeckten. Der graue Himmel von vorhin hatte sich jetzt endlich gelegt und ließ den strahlend blauen Himmel hinter sich hervorblicken.
„Und jetzt? Wie gedenkst du jetzt zu urteilen?", fragte der Mann.
„Was fragst du mich das? Du hast das ganze Chaos hier zu verantworten.", versuchte sie sich zu verteidigen und zog sich eine Sonnenbrille an.
Der Mann hielt inne, um kurz nachzudenken. Dann rieb er sich am Kinn und gab seine Antwort gleich darauf.
„Tja… Ich schlage erst einmal vor, dass wir uns mal um unseren nächsten Klienten kümmern sollten. Woher war der nur gleich? Aus China, stimmt's?"
„Mal sehen… Genau, aber der Termin ist in ungefähr 3 Tagen. Bis dahin haben wir unseren wohlverdienten Urlaub noch. Naja, solange du mir hier keine Auffälligkeiten verstreust, müssen wir uns darüber keine Sorgen machen.", sagte die Frau, während sie auf ihren Terminkalender auf ihrem Handy sah, welches sie aus ihrer Hosentasche herausgenommen hatte und ihm bei Gelegenheit böse Blicke zuwarf. Er winkte ab.
„Ich werd mir noch n Hotel mieten und mir bis dahin eine schöne Zeit machen. Lust, mal mitzukommen?", sagte der Mann, während er sich streckte.
„Wie meinst du das?", fragte sie mit ernstem Gesicht und hob eine Augenbraue.
„Na, ich meine halt so etwas wie eine Stadtbesichtigung, oder sowas in der Art. Ich war bisher noch nie in Beika und hätte Lust mir die Stadt mal genauer Anzusehen.", erwiderte er, in den Himmel starrend.
„Wirklich…? Jemand so verspielt und zwielichtig wie du lädt mich ein für eine Stadtbesichtigung?", antwortete sie und rollte mit den Augen.
„Ist das nicht offensichtlich? Alleine macht es ja keinen Spaß, weißt du?", sagte er und klopfte ihr auf die Schulter.
„Von allen anderen Partnern, die ich betreut hatte, warst du am nervigsten, weißt du das?", murmelte sie und rieb sich die Augen.
„Klar weiß ich das. Aber ich weiß auch noch, dass das Leben mehr für uns bereithält als nur Lügen und Fassaden. Und das macht das Leben wirklich lebenswert, nicht wahr, Vermillion?"
„Dass ausgerechnet so ein Mörder wie du mir das sagt, ist einfach nur unfassbar.", antwortete sie und lächelte dabei.
„Also kommst du mit?", antwortete der Mann und streckte seine Hand aus.
Sie seufzte wieder.
„Na gut, aber nur dieses eine Mal, ja?"
„Kein Problem. Ich sag dir, das wird genial! Du wirst es nicht bereuen."
„Wir werden ja sehen, wie du's diesmal ruinieren wirst, Hive."
Sie streckte ihre Hand und er zog stattdessen an ihrem Unterarm. Zuerst gingen sie gemeinsam die Hauptstraße, die in die Richtung Beikas führte. Dann begannen sie zu laufen, bis sie so schnell wie sie nur konnten, die Straße hinunterrannten und den kühlen Gegenwind im Gesicht spürten.
„Werd ich nicht.", sagte er.
„Wirst du wohl!", sagte sie.
„Werd ich nicht!"
„Wirst du wohl!"
So rannten sie gemeinsam weiter, bis sie zur nächsten Bahnhaltestelle ankamen. Der Nachmittag erfüllte diese mit Lügen besetzte Stadt mit neuem Glanz und ließ einen Hauch von Alltag über das sonst bald schleierhafte Aufeinandertreffen von zahlreichen Gefahren legen.
„Also was das angeht, bin ich mir da noch nicht sicher. Was war denn da so wichtig, weshalb wir so schnell wie möglich hierherkommen sollten?", antwortete Conan, während er und Ai beide zu Professor Agasa's Haus liefen.
„Entweder hat er vielleicht mehr über die Männer in Schwarz herausfinden können, oder er hat die Süßigkeitendose unter der Küchenkommode gefunden und liegt jetzt mit Magenschmerzen im Bett.", schlussfolgerte Ai.
„Süßigkeiten? Warum hast du so etwas überhaupt?", fragte Conan mit gehobener Augenbraue.
„Frag mich nicht, ich bin ja nicht diejenige, die sich diese Dose gekauft hatte. Jetzt muss ich das ganze Zeug vor ihm verstecken, damit er erst recht nicht auf die Idee kommt.", erwiderte sie mit ärgerlichem Ton.
Conan lachte. Ja, das ist der Professor, wie er ihn kannte. Er wusste schon lange über das überhebliche Essensverhalten des Professors Bescheid und Ai sah sich in dem Falle verantwortlich, ihn darüber im Auge behalten.
Sie kamen endlich am Eingangstor zur Gartenterasse an. Die Sonne im Horizont setzte sich langsam und ihr rotes Licht ließ ihre Schatten immer länger ziehen. Das Tor war jedoch geschlossen, was Conan nach ein wenig ziehen schnell feststellte.
„Hat der Professor das Tor abgeschlossen? Das sieht ihm ja gar nicht ähnlich.", murmelte Conan vor sich hin und sah zu Ai rüber, die neben ihm stand und hielt plötzlich inne, als er hinter ihr einen merkwürdigen Schatten bemerkte.
„Aber warum hat er uns dann so dringend angerufen?", antwortete sie nachdenklich. Sie schaute zu Conan und sah, wie seine Augen sich verengten, während er an ihr vorbei starrte.
„Was hast du?"
„Warte mal, Ai, ich glaube ich habe da jemanden gesehen, der uns womöglich verfolgt hat. Ich habe ihn vorhin aus dem Augenwinkel gesehen und er ist uns definitiv bis hierher gefolgt.", unterbrach er sie im ruhigen Ton.
„Wirklich?", sagte sie überrascht und wollte sich umdrehen, aber Conan hielt sie zurück.
„Warte hier. Ich seh mal nach.", flüsterte er und näherte sich der Ecke hinter der sich zuvor ein Schatten versteckt hatte.
Er linste hinter der Ecke hervor und machte seinen Narkosepfeil bereit zum Abschuss, doch der Schatten war schon verschwunden. Lautlos, als wäre dieser nie da gewesen.
„Was denn jetzt…?", murmelte Conan und sah nachdenklich die leere Seitenstraße hinunter.
Er kam mit einem etwas Perplexem Gesicht zurück und kratzte sich am Hinterkopf. Erst dieser mysteriöse Mordfall und dann werden sie aus heiterem Himmel von einer Person verfolgt. Hat es da jemand auf sie abgesehen? Vielleicht weiß jemand über Ayumi Bescheid und hat sie deswegen verfolgt. Merkwürdig.
„Da war doch nichts, du hast dich geirrt.", sagte Ai und hob die Augenbraue, womöglich als Anzeichen, dass die eine Erklärung von ihm erwartete. Sie hatte schon die Klingel betätigt und wartete gerade auf eine Antwort des Professors, der ihnen das Tor aufmachen sollte.
„Ja, ich glaube du hast recht, hehehe…", sagte Conan und lachte ein wenig schief, worauf er sich einen genervten Blick von Ai abfing.
Ein Buzzer ertönte, das Schloss entriegelte sich und so traten beide auch gleich danach in die Gartenterrasse ein. Bei der Hauseingangstür angekommen, klopfte Ai ein paar Male an der Tür, bei der Erwartung, der Professor würde die Tür aufmachen, merkte jedoch, dass sich im Gebäude außer dem Professor noch eine Stimme befand und drückte ihr linkes Ohr an die Tür, um sie besser erkennen zu können.
„Warte mal. Das ist doch Ran, oder?", murmelte sie.
„Ran? Was macht sie denn hier?", antwortete Conan überrascht.
„Keine Ahnung, aber ich kann nicht bestreiten, dass sie sich bei ihm aufhält.", bestätigte sie und entfernte sich wieder von der Tür.
„Das ist ja komisch."
Diesmal klopfte Conan an der Tür und von innen des Hauses ertönte die Stimme des Mädchens, das womöglich, so wie Ai beschrieben hatte, wirklich Ran sein könnte.
„Ich komme schon!"
Er hörte, wie die Stimme sich der Tür näherte und wie jemand versuchte von innen am Türgriff zu drehen. Die Tür ging auf und ein Mädchen im Oberschulalter trat hervor. Es war keinesfalls jemand wie Ran, das konnte Conan schon am Gesicht, an der Statur und an der Stimme erkennen. Aber wer war es dann?
„Ha-Hallo, Conan und Ai. Bin ich froh, dass ihr da seid.", antwortete sie kleinlaut und ließ sie beide hinein, bevor sie hinter sich die Tür schloss.
„Äh hallo.", sagte Conan, während er mit überraschtem Blick in ihr Gesicht starrte.
„Was ist? Stimmt etwas nicht?", sagte sie und errötete dabei ein wenig.
„Nein nein, schon gut, es ist nur… du siehst jemanden, den ich kenne ähnlich, das ist alles hehehe…", sagte Conan und lächelte verlegen.
Ai starrte sie nur mit verengten Augen an und musterte sie äußerst gründlich. Ihre Gesichtszüge sahen Ayumi wirklich ähnlich, jedoch kann dies unmöglich sie sein, oder? Sie dachte scharf nach. Ist sie es denn wirklich? Wenn ja, dann würde es auch Sinn machen, dass sie die beiden erkannt hatte und deren Namen wusste, bevor sie sie genannt hatten.
Conan setzte sich auf das Sofa und nahm die Tasse Tee in die Hand (deren Inhalt war schon längst kalt geworden, aber er trank ihn trotzdem) und setzte ihn wieder ab. Irgendwie fühlte sich die Atmosphäre etwas angespannter an, jedoch konnte er nicht den Grund dahinter erkennen. Sicher war das wegen dem Verfolger vor kurzem oder so ähnliches. Er nahm wieder einen Schluck.
„Sagen Sie mal, Professor, ist das hier wirklich Ayumi?", fragte Ai einfach direkt, was Conan ehrlich gesagt schon mehr überraschte, als die Sache mit der Süßigkeitendose vorhin.
„Du wirst es mir nicht glauben, aber die Person, die vor euch steht, ist niemand anderes als sie.", beantwortete der Professor die Frage, nachdem er sich hin und her überlegte, ob er nicht doch die Sache diskret halten sollte. Was soll's? Irgendwann hätten sie's ja eh bemerkt, also könnte er sich das ganze ersparen und es ihnen gleich sagen. Die Reaktion dazu war jedoch viel heftiger, als er es zuvor erwartet hatte.
Mehrere Dinge passierten gleichzeitig. Conan prustete seinen Tee heraus, dessen Fontaine direkt auf dem gegenüberliegenden Sofa landete und musste daraufhin stark husten, weil der Tee in seinen Hals gelangt war. Ai's Augen weiteten sich und ihr fiel fast vor lauter Erstaunen der Kinnladen herunter. Beide starrten Ayumi ins Gesicht.
„Moment mal, jetzt wo ich mir mal das Gesicht genauer ansehe, haben Sie natürlich recht, Professor. Aber… wie konnte das passieren?", fragte sie in die Runde.
Niemand sagte etwas. Die Stille wurde nur noch von Conan gestört, der immer noch lautstark hustete.
„Ich weiß es nicht.", kam es aus Ayumi heraus.
„Das Einzige, was sie zuvor noch wusste, war, dass sie die Schmerztabletten genommen hatte, die auf ihrer Kommode in ihrem Zimmer lagen.", antwortete der Professor, um ein wenig mehr Kontext mit in die Situation zu geben.
„Warte mal Kudo, gestern hattest du doch die…", begann Ai und stockte urplötzlich.
Der Satz traf Ai und Conan gleichzeitig wie ein Schlag auf den Kopf.
„Das kann nicht sein. Unmöglich.", sagte Conan, als er sich nach dem Husten erholt hatte. Er sprang vom Sofa und näherte sich Ayumi.
Aus der Nähe betrachtet, sah sie fast aus wie Ran, nur etwas niedlicher und das musste Conan ehrlich zugeben. Er machte eine kleine Runde um sie und sah sie von oben bis unten an. Ai merkte dabei, wie Ayumi langsam aber sicher errötete.
„Lass das Conan, hör auf mit dem Blödsinn!", rief sie voller Schamgefühl.
„Hey, jetzt w-warte doch, Ayumi, das verstehst du komplett falsch, ich wollte doch nur…", stotterte er, während er mit seinen Händen wild um sich gestikulierte und verzweifelt versuchte ihr die Sache zu erklären. Er drehte sich hilfesuchend nach Ai um.
„Jetzt erklär's ihr doch bitte mal für mich!"
„Perversling.", entgegnete sie ihm mit einem hämischen Grinsen.
„Eine tolle Hilfe bist du mir!", rief er ihr wütend und zugleich voller Verlegenheit entgegen. Dass diese Schnepfe sich auch noch so aufzog, zeigte ihm deutlich genug, wie unverschämt sie sein kann und genau das konnte er bei ihr ganz und gar nicht ausstehen.
„Und überhaupt, warum-", wollte er fortfahren, doch dann wurde er von einer Klingel unterbrochen. Anscheinend hatten sie noch einen Besuch.
„Komisch, wer könnte das denn sein? Heute hatte ich eigentlich niemanden sonst erwartet.", fragte der Professor, während er Richtung Schalter ging, um den Knopf zu drücken, der das Tor entsperrte. Doch davor nahm er den Hörer ab.
„Hallo, hier bei Agasa?"
Aus dem Lautsprecher ertönte eine Stimme, die Conan sehr bekannt vorkam, er sie aber nicht zuordnen konnte. Vorsichtig näherte er sich der Eingangstür und versuchte ein wenig davon aufzuschnappen.
„Guten Abend, Professor. Ich bin nur hier wegen einer Kleinigkeit. Wird nicht lange dauern. Wir haben doch beide etwas wegen ihrer Erfindung ausgemacht, nicht wahr?", ertönte es aus dem Lautsprecher.
„Einer Erfindung… warte mal. Ach soooo, ja klar natürlich. Entschuldige, fast hätte ich das vergessen. Kein Problem, komm doch rein!", sagte er und öffnete sogleich das Terrassentor mit dem Knopf. Dann, so schnell wie er nur konnte, lief er in sein Erfinderlager und holte eines seiner „Meisterleistungen" aus dem Zimmer.
Während seiner Abwesenheit stand Conan vor der Tür und hörte, wie die Schritte kontinuierlich näher kamen. Ein Blick rüber zu Ayumi verriet ihm, dass er, nein alle, die sich in diesem Moment in diesem Gebäude befanden sich jetzt so unauffällig wie möglich verhalten sollen, damit Ayumi's Geheimnis nicht an die Öffentlichkeit gelangt oder sonst noch jegliche Aufmerksamkeit aufwühlt. Ist das an der Tür wahrscheinlich der Verfolger von neulich? Wenn ja, was hat er vor? Und warum sucht er nach ihnen? Ihm schossen so viele Fragen durch den Kopf, dass es ihm schwer fiel, sich zu konzentrieren. Es half alles nichts. Vorsicht ist besser als Nachsicht. Von der anderen Seite ertönten ein paar Klopfgeräusche.
„Hallo, Herr Professor? Sind Sie noch da?", kam es gedämpft von der anderen Seite der Tür.
Er zückte sein Narkosechronometer ein weiteres Mal und machte langsam die Tür auf, als er einen Jungen im Oberschüleralter erblickte, der zuerst geradeaus blickte, dann als er nach einer Weile niemanden sehen konnte, mit verwirrter Miene nach unten sah und sein Blick auf ihn stieß. Jetzt wurde Conan alles klar.
Diese dunkle Jacke, diese graue Kappe, dieses Gesicht, der Fangzahn, der aus ihrer Oberlippe hervorschaute und dann noch diese burschikose Statur und die schwarzen kurzen Haare. Kein Zweifel. Das war kein Junge, sondern ein Mädchen.
Vor dieser Eingangstür stand Masumi Sera.
- Kapitel 6 ENDE -
