Kapitel 18 - Undurchdringlich
(Konzentriere dich…)
„Uesaki!", rief Fumiyoka hysterisch.
„Mehr brauche ich nicht."
Mit der Pistolenmündung an seiner Schläfe stand er da und starrte mit irrsinnigem Blick auf die erschrocken Gesichter der einzelnen Familienmitglieder, deren Bediensteten und die Polizisten. Conan blickte sich rasch um. Er musste etwas tun.
„KEINE BEWEGUNG! NIEMAND BEWEGT SICH! WENN SICH JEMAND RÜHRT, DRÜCK ICH AB!", schrie er ihnen zu. Die Polizisten holten auch ihre Dienstpistolen aus ihren Taschen heraus und richteten sie auf Uesaki.
„Wartet, nicht schießen!", rief Inspektor Megure und hielt die Polizisten zurück. Alle starrten kreidebleich in seine Richtung.
„LASST DIE WAFFEN FALLEN!"
Ein Zeichen vom Inspektor und die Polizisten ließen ihre Pistolen sinken.
„Warum tust du das, Uesaki?!", rief Fumiyoka und trat einen Schritt näher.
„ICH SAGTE, NIEMAND RÜHRT SICH!", rief er und hielt den Finger am Abzug. Seine Augen waren weit geöffnet, doch völlig blass. Er trat ein paar Schritte zurück.
„LASS ES SEIN!"
„Sag mir, Fumiyoka, hast du wirklich nie gedacht, dass du nur ein Werkzeug für mich warst?"
„Was?"
„Ich hätte auch gleich deine gesamte Familie ausrotten können. Alles Lügen, Ruhm basierend auf Täuschung und Verleumdung. Ohne meine Familie hättet ihr sowieso nichts ausrichten können. Was sagst du jetzt, Fumiyoka? Plagen dich denn keine Schuldgefühle?"
„Ich…", fing er an und wollte ihm einen Schritt entgegentreten, doch sein Vater unterbrach ihn.
„Das reicht jetzt, Herr Wakuta. Legen Sie die Waffe weg, sofort.", antwortete er. Uesaki lachte erneut.
Der Mann begann rückwärts zu laufen und kam einem Abhang, der sich hinter ihm befand, immer näher.
„Bleiben Sie hier!"
„Wie pathetisch…", murmelte er und ließ sich langsam in die Tiefe stürzen.
„Folgen Sie ihm, schnell!", befahl der Inspektor und deutete auf den Abhang.
Conan zögerte nicht lange und rannte hinterher. Er sprang den Abhang hinunter und rollte seinen Sturz ab.
„Aber Conan…! Das ist zu gefährlich!", hörte er Yuzaki hinter sich rufen, doch er ignorierte es.
„Bleiben Sie stehen!", rief Conan ihm zu. Keine Spur von Herrn Wakuta… verdammt, er war schnell.
„Sucht jeden Blickwinkel ab, er müsste nicht weit entfernt sein!", hörte er die Polizisten von hinten rufen.
Conan dachte nach. Herr Wakuta sprach zuvor mit „sie", also sprach er explizit von einer Frau. Die einzigen Dienstmädchen, die er bei seiner Anwesenheit interagiert hatte, waren Frau Botan und Frau Ogari. Wer von den zwei Frauen könnte sonst der Komplize sein?
—-
Die Morgensonne zeigte sich am Horizont und beleuchtete das verzweifelte Gesicht von Uesaki Wakuta in einem grellen Rot, der so schnell, wie er nur konnte, den Bergabhang hinunter rannte. Er wollte nur noch zu ihr. Seine Göttin, sein ein und alles.
(Du würdest dasselbe für mich tun, wenn ich gehe. Oder, Uesaki?)
Er stolperte ein paar Male über Stock und Stein, rempelte sich an einigen Bäumen an, bis er mit schmerzenden Schultern bei einer kleinen baumlosen Wiese auf das kalte Gras fiel. Ungefähr 10 Minuten war er schon unaufhörlich gerannt und von ihr blieb keine Spur.
(Dein Vater wäre so stolz auf dich gewesen.)
„Nein… ich kann nicht einfach so aufgeben.", murmelte er und erhob sich, um sich danach den Dreck und die herabgefallenen Herbstblätter von der Jacke zu wischen.
„Wo bin ich hier?", fragte er sich selbst.
„Guten Morgen, Herr Wakuta.", hörte er eine Frauenstimme hinter sich. Erschrocken wandte er sich um.
„Sie?"
„Ich schätze, Sie wissen, was Sie falsch gemacht haben?", antwortete sie in einem ruhigen Ton.
„Wie…?"
„Nicht? Habe ich Ihnen überhaupt meine Einverständnis gegeben, das Gerät ohne meine Erlaubnis zu nutzen?"
„Aber ich…"
„Habe ich das?", fragte sie ihn erneut, diesmal eher wütend.
„Nein, aber…"
„Herr Wakuta, das geht gegen unsere Vereinbarung und Sie wissen das. Deswegen erlaube ich es mir Sie zu beseitigen. Mir missfallen Einzelgänger."
Beseitigt werden? Herr Wakuta zitterte am ganzen Körper.
„Nein, warten Sie, das verstehen Sie völlig falsch!"
„Ich denke nicht. Wussten Sie, dass das Agieren auf eigene Faust Ihnen nicht möglich sein sollte? Warum haben Sie es trotzdem getan?"
„Nun, ich…"
„Bedeutet also, Sie haben das Gerät zuerst an sich selbst benutzt, bevor ich es ihnen gab. Sie sträuben sich vor meinen Befehlen, verstehe ich das richtig?"
Sie nahm etwas Kleines aus einer Tasche ihrer Dienstmädchenkleidung heraus und versteckte es hinter ihrem Rücken. Uesaki's Augen weideten sich sofort. Er wusste genau, was ihm blühte.
„Nein, bitte tun Sie es nicht! Ich flehe Sie an!", schrie er verzweifelt und ging bettelnd auf die Knie.
„Wie ekelhaft. Sehen Sie sich selbst nur an. Bettelnd und vor sich hin kriechend, wie eine dreckige Ratte, die sich kurz vom Sterben an alles rettende klammert, was sich in ihrer Nähe befindet. Sie sind wirklich das Letzte. Am Besten töte ich Sie hier und jetzt, bei Ihrem Anblick kann man ja nur kotzen.", sagte sie und spuckte in seine Richtung.
„Ich…"
Er blickte auf den Boden, sah den Tränen zu, wie sie von seinem Hals auf das Gras unter ihm fielen. So eine Demütigung zu erleben…
„Stehen Sie auf.", befahl sie und schnippte mit dem Finger.
Wie auf Befehl rappelte er sich wieder auf und stand mit gesenktem Kopf vor ihr.
„Sie sind leer, haben nichts Signifikantes im Leben erreicht und denken, Sie könnten sich einfach mir widersetzten?"
„Ich bitte Sie, ich kann die Situation noch ändern."
„Das ändert nichts an der Tatsache. Ich wünsche Ihnen gute Nacht."
„NEIN, WARTEN SIE! ICH BIT-"
Sie klatschte zwei Mal mit der Hand und der Mann vor ihr sah nur noch schwarz vor Augen. Der leblose Körper von Uesaki Wakuta fiel wie eine Puppe zu Boden. Seine Augen waren komplett weiß.
„Wenigstens muss ich mir nicht mehr die Hände schmutzig machen.", sagte sie mit angewidertem Ton und wollte schon gehen, hielt jedoch inne.
Irgendetwas bewegte sich hinter ihr.
„Keine Bewegung!"
Sie wandte sich rasch um, doch niemand war zu sehen.
„Ich weiß, wer Sie sind. Sie haben zusammen mit Herrn Wakuta gearbeitet und die Sicherheitsvorkehrungen im Hause außer Betrieb gesetzt, um alle Bewohner dieses Anwesens hier umzubringen. Zusätzlich verfassten Sie den Drohbrief und verkauften sich uns als Schüchtern, damit Sie keine Fragen beantworten mussten. Am Ende ist noch Herr Wakuta für Sie eingesprungen, um das Gesprächsthema auf sich zu lenken, nicht wahr, Frau Asakura Ogari?", fuhr die Stimme fort. Die Frau erstarrte sprachlos für einen Moment. Eine Frauenstimme? Oder vielleicht doch nur ein Kind?
„Und wer sind Sie, wer ich bitten darf?", fragte sie herausfordernd.
„Ich stelle hier die Fragen, ist das klar?"
Wiiiieeeeee…
„Oho…", murmelte sie im spielenden Ton.
„Antworten Sie."
Die Frau lachte.
„Gut kombiniert. Ich muss schon sagen, dass sich ein zweiter Detektiv hier befindet, hat mich wirklich überrascht. Wie heißen Sie? Ich muss ja doch wissen, mit wem ich es zu tun habe, finden Sie nicht auch?"
War das doch nur einer der Polizisten, die dem Einzelgänger hinterhergerannt sind? Wenn ja, wie haben sie sie schon so schnell gefunden? Sie warf einen kurzen Blick auf den toten Körper vor ihr, dann wieder auf die Anhöhe hinter der Leiche. Damit hatte sie nun wirklich nicht gerechnet. Aufpassen, was als nächstes kam, das war ihr jetzt wichtiger als alles andere.
„Na schön.", sagte er und trat aus einem Gebüsch auf dem Abhang über ihr hervor.
„Ein Kind?"
„Da staunen Sie nicht schlecht, was? Und während wir hier plaudern, müsste die Polizei in ein paar Minuten hier sein, also sage ich mal, dass ich gut darin bin, Zeit zu schinden."
Also doch nur ein Kind? Das ist ja zum Lachen.
„Dann hast du auch nichts dagegen, wenn ich dich hier und jetzt umbringe, oder?"
„Da müssen Sie mich erst fangen. Aber ich bezweifle, dass es Ihnen etwas bringen würde, wenn die Polizisten bald die Handschellen mit Ihrem Namen darauf herausholen."
„Lass das mein Problem sein. Verrat mir doch lieber deinen Namen, Junge."
Conan zögerte.
„Conan Edogawa. Detektiv."
„Sehr wohl, Conan."
Sie klatschte einmal.
Auf Wiedersehen, kleiner Detektiv. Sie musste schmunzeln. Er wird nicht einmal merken, dass er stirbt. Irgendwie schade. Er könnte für sie ein gutes Gefolge abgeben. Doch jetzt wird ihm wortwörtlich das Licht ausgeknippst. Wie naiv Kinder doch sind. Sie lachte in sich hinein. Aber bei aller Ehrlichkeit, dieser Junge war nach so kurzer Zeit wirklich interessant. Das wär's dann. Gute Nacht.
Doch bevor sie ein zweites Mal klatschen konnte, vibrierte es in Ihrer Tasche. Conan beobachtete aufmerksam, wie sie das Handy sofort aus ihrer Tasche herausnahm und heranging.
„Entschuldigung, Boss… Ja…"
Ihr Boss? Gehörte sie nicht doch zur Organisation? Dann wäre sie ja ein Mitglied, über das Rena Mitsunashi sie noch nicht informiert hat, oder? Nein, das konnte nicht sein. Kir war wie immer eine gute Informationsquelle, was das anging. Egal, darüber nachzudenken würde ihn nur noch mehr Zeit kosten. Das war die Chance, dachte Conan. Jetzt oder nie.
„Sehr wohl, ich ziehe mich zurück… Ja… Auf Wiederhören."
Sie hing auf und kehrte zum Jungen zurück…
„Was…?"
…nur um zu sehen, dass er nicht mehr da war, wo er zuvor gestanden hatte.
„Wo zur Hölle…?"
Wuuusshhhh…
Weiter kam sie nicht, als sie merkte, dass ein Fußball direkt auf sie zuflog. Conan beobachtete dies von einer anderen Ecke heraus und sah zu, wie der Fußball…
„Was zum…?"
Seine Augen weiteten sich.
…einfach so durch sie hindurch flog.
„Das kann nicht möglich sein. Wie hat sie…?", flüsterte er fassungslos, bevor er bemerkte, dass der Boden unter seinen Füßen nachgab und er den Abhang hinunter geradewegs in ihre Richtung stürzte. Er blickte nach oben und sah die Frau vor ihm.
„Hast du diesen Fußball nach mir geschossen?", fragte sie bedrohlich.
Conan antwortete nicht.
Was sollte er wohl dazu sagen? Nie im Leben hätte er es je geglaubt, was er gerade eben gesehen hatte. Wie war dies denn nur möglich? War es nur eine Erscheinung? Nein, sicherlich nicht, denn Frau Ogari war ständig bei ihnen und die anderen konnten mit ihr ganz normal interagieren. Vielleicht hatte er ja vorbeigeschossen oder sie war im letzten Moment ausgewichen. Das und nur das konnte möglich sein. Eine andere Erklärung dafür gab es nicht.
„Das war's auch für dich. Ich wollte mich gerade eben zurückziehen, doch du gabst mir einen guten Grund dich ebenfalls zu töten.", sagte sie und kniete sich zu ihm hin.
„N-Nein…", brachte er nur noch heraus.
„Nun, wenn ich darüber nachdenke. Eines hast du jedoch übersehen, was deine Schlussfolgerungen angeht, Kleiner… Ich kann mich nie daran erinnern, jemals einen Drohbrief an die Familie Ichigo gesendet zu haben.", fügte sie hinzu und starrte ihm gleichgültig in die Augen.
„Was?"
Conan konnte es nicht fassen. Wenn sie doch Recht behielt, wer schrieb dann den Drohbrief? Wer wusste außerhalb von Herrn Wakuta und Frau Ogari, dass sie den Anschlag planten? Doch nicht etwa…? Nein, das durfte nicht wahr sein…
„Gute Nacht, kleiner Detektiv.", antwortete sie.
Frau Ogari klatschte zweimal in die Hände und er merkte, wie sich plötzlich vor ihm alles schwarz färbte, so als wäre einem Fernseher der Stecker gezogen worden. Auch er fiel leblos auf den Boden. Die Frau blickte missmutig auf die zwei Körper vor ihr.
„Ein Kind…, wie interessant.", murmelte sie und verließ diesen Ort durch das Gebüsch und ließ die Leichen von Herrn Uesaki Wakuta und Conan hinter sich.
—-
Einige Minuten zuvor…
„Was zur…? Was ist passiert?", murmelte Kogoro benommen und rieb sich verwirrt den Schädel.
„Herr Mori, Sie sind endlich aufgewacht!", bemerkte der Inspektor.
„Habe ich den Fall gelöst?"
„Sie sind mir ja'n komischer Kauz. Sie haben den Fall mit Bravour gelöst, doch der Täter ist uns entwischt. Unsere Polizisten suchen gerade nach ihm."
„Anscheinend hatten Sie mit der ganzen Komplizensache recht behalten. Conan ist ihnen gerade nachgelaufen.", antwortete Takagi.
Plötzlich war Herr Mori hellwach.
„Was sagen Sie da?", rief er aufgeregt und packte ihn an der Jacke.
„Herr Mori, was…"
Er wandte sich um zu Yuzaki und blickte ihn wütend an.
„Herr Ichigo, warum haben Sie ihn nicht aufgehalten?! Sie wissen doch, wie schrecklich die Organisation ist!"
„Er ist uns entwischt und wir hatten keine Zeit zu reagieren. Die Polizisten und Conan waren mittlerweile schon alle weg."
(„Sagt Ihnen der Begriff 'Weißer Lotus' etwas?")
„Eine Organisation? He, was meinen Sie damit…?", gab Inspektor Megure von sich, doch er unterbrach ihn.
„Verdammt, ich hätt's mir denken können. So ein Nervenzwerg!", schimpfte er und rannte den Polizisten hinterher.
„Wa-Warten Sie, Herr Mori, wir kommen mit.", antworteten Takagi und der Inspektor und schlossen sich ihm an.
Gemeinsam liefen sie den Abhang hinunter und an den Bäumen vorbei. Die Morgensonne blendete sie von der Seite und ihre Augen gewöhnten sich wieder auf die Helligkeit um sie herum. Mehrere Minuten vergingen, ohne jede Spur von Conan, bis…
„Krrrshhh… Herr Inspektor?", ertönte es aus dem Lautsprecher der Funksprechanlage des Inspektors.
„Sprechen Sie."
„Wir haben den Jungen gefunden. Er ist nicht verletzt, jedoch atmet er nicht mehr richtig.", antwortete einer der Polizisten.
Als Kogoro dies hörte, nahm er dem Inspektor das Gerät aus der Hand.
„Was sagen Sie da?", rief er ins Mikrofon.
„Er scheint nur noch sehr schwach zu atmen. Der Täter Herr Wakuta liegt neben ihm, doch er atmet nicht mehr und sein Puls ist nicht mehr spürbar. Er muss erst vor kurzem getötet worden sein.", bestätigte ein anderer Polizist.
Kogoro atmete auf. Der kleine Rotzbengel könnte also noch gerettet werden.
„Der Junge lebt zwar noch, gibt aber nur schwache Lebenszeichen von sich."
„Geben Sie uns den Ort, wo Sie ihn gefunden haben, wir kommen nach so schnell wie es geht.", sagte der Inspektor.
„Verstanden."
Als die Drei am Fundort ankamen, brachten sie die zwei Körper mit nach oben zum Anwesen, wo die Angestellten und Yuzaki, Natsume und Fumiyoka auf sie warteten. Immer mehr Sonnenstrahlen zeigten sich und der Morgen brach an. Als Natsume Conan's leblose weiße Augen sah, wurde sie ernst. Sie hätte sich schon denken können, was ihr wohl passiert wäre, wenn Frau Ogari sie stattdessen erwischt hätte. Sie legten ihn auf das weiche Gras vor dem Garten und begannen jegliche Lebenserhaltenden Maßnahmen durchzuführen, während er verzweifelt um sein Leben kämpfte.
—-
(„Du kannst hier nicht sterben…")
Es war warm. Conan öffnete langsam seine Augen und blickte um sich. Nach einer Weile merkte er, dass er von einer grün leuchtenden Flüssigkeit umgeben war.
Er versuchte zu atmen, spürte jedoch keinen Sauerstoff. Bewegen konnte er sich auch nicht, als wären seine Gliedmaßen allesamt gelähmt.
(„Du wirst nicht sterben…")
Wiiiiiieeee…
Das Piepsen in seinen Ohren war lauter den je. Das war nicht das Ichigo Anwesen, vor deren Hügel er gelegen hatte, nachdem er zusah, wie Frau Ogari Herrn Wakuta getötet hatte. War er auch gestorben? Nein, das konnte nicht sein. Woher kamen dann sonst die Stimmen, wenn er noch am Leben war?
Grün. Überall, wo er auch hinsah, war es Grün. Haare wehten ihm ins Gesicht. Er konnte sich nie daran erinnern, jemals solch lange Haare zu haben. Die Farbe war auch anders, aber aufgrund der dichten grünen Flüssigkeit konnte er sie nicht erkennen.
(„Warte auf mich.")
War er es, der diese Worte aussprach? Nein, irgendwas ließ ihn diese Worte sagen.
(„Öffne deine Augen.")
Seine Augen waren schon offen. Was bedeutete das? Er konnte sonst nichts anderes bewegen.
(„Wach auf.")
Die Stimme kam ihm jedoch bekannt vor. Gehörte sie nicht doch zu Haibara? Wie konnte das sein? Das Piepsen verschwand langsam.
„Er wacht auf.", sagte eine andere Stimme.
„Er ist am Leben!"
„Sein Puls hat sich wieder stabilisiert!"
Conan öffnete seine Augen und rieb sich benommen am Kopf. Er blickte in die Gesichter von Natsume, Kogoro, Yuzaki, Fumiyoka und dem Inspektor. War das alles nur in seinen Gedanken?
„Wie geht es dir, Kleiner?", fragte Fumiyoka.
„Wa-?"
„Ich habe mir solche Sorgen gemacht, ich dachte, du wärst wirklich tot.", rief Natsume, umarmte ihn und klopfte ihm leidenschaftlich auf den Rücken. Verwirrt blickte er um sich. Er befand sich wohl vor der Eingangstreppe. Die Strahlen der Morgensonne erhellten die Trümmer des zerstörten Anwesens vor ihnen, ein wirklich enttäuschender Anblick.
„Was war das…?", murmelte er und blickte auf seine Hände. Was war mit ihm passiert? Er konnte sich keinen Reim aus den Ereignissen zuvor zusammensetzen.
„Herr Inspektor, die Leiche Wakuta's wird gerade für weitere Untersuchungen in die Autopsiestation gebracht, da seine Todesursache noch sehr unklar ist.", berichtete ein Polizist, der an der Spurensuche beteiligt war.
„Ah… danke."
„Und noch etwas… es scheint, dass die Person, die ihn umgebracht hat, zu den Serienmördern gehört."
„Wie?!"
Was? Conan war plötzlich hellwach.
„Was sagen Sie da?"
„An seiner rechten Hand befinden sich zwei ausgestreckte Finger, die restlichen sind alle in Fäusten geballt."
Zwei? Dann stimmte es also…
Frau Ogari gehörte zu den Serienmördern, genau wie der Mann, der Ayumi angegriffen hatte.
„Das bedeutet…", begann Kogoro und starrte mit ernster Miene in Yuzaki's Richtung, der ihm zustimmend zunickte.
„Dann lag ich wohl richtig mit meiner Vermutung.", antwortete er.
Der Inspektor seufzte.
„Wir werden uns noch über die ungeklärte Todesursache schlau machen, damit hat sich der Fall mit Herrn Wakuta wohl geklärt.", sagte er. Conan starrte nur noch verwirrt auf das Anwesen vor ihnen. Das, was ihm passierte, war ihm unerklärlich im Gedächtnis geblieben.
Kogoro verabschiedete sich von der Familie, die ihm versprach das Geld bis morgen zu überbringen. Er lehnte zwar dankend ab, doch Fumiyoka bestand darauf, dass er seine Arbeit getan hätte und er nur damit seinen Verdienst bekommen würde.
Bevor sie aber die Familie verließen, warf Conan einen letzten, jedoch ernsten Blick auf Natsume, die ihnen lächelnd nachwinkte. War das alles hier von ihr doch noch geplant gewesen? Dieses Mädchen war nicht das, was sie vorgab zu sein, das war er sich zu hundert Prozent sicher. Was verbarg sich nur hinter ihrem unschuldigen Gesichtsausdruck?
„Ich schätze jetzt muss ich mir wohl keine Sorgen mehr um den Schimmel machen, oder?", sagte Yuzaki, als er, sein Sohn und Natsume den beiden Detektiven nachsahen, die zum Parkplatz gingen.
„Nicht witzig, Vater."
„Tut mir leid. Immerhin lässt sich noch einiges aufbauen, oder was meinst du, Natsume?"
„Ja.", murmelte sie und winkte ihm nach. Sie wandte sich von den beiden ab und ging wieder ins zerstörte Anwesen zurück.
„Warte, was willst du eigentlich hier drin noch machen?", fragte Fumiyoka.
„Nichts. Ich such nur was."
„Nach was würde die denn suchen?", fragte er seinen Vater.
„Keinen Schimmer."
Yuzaki seufzte.
„Sieht aus, als müssten wir in unserem Firmensitz übernachten, bis die Reparaturen hier fertiggestellt werden können. Gott, deine Mutter wird mich umbringen."
„Das ganze ist aber nicht deine Schuld, oder?"
„Ja, aber ich muss ihr die ganze Sache noch erklären, wenn du verstehst."
„Ich verstehe. Dann werde ich wohl zum Krankenhaus fahren."
„Ist es wegen Anya?"
„Ja, schon…"
Er warf einen letzten Blick auf das Anwesen, bevor er sein Handy aus der Hosentasche zog und seine Kontaktenliste durchging. Als er bei Herrn Okita ankam, begannen seine Hände zu zittern, als er die Nummer aus seinen Kontakten löschte.
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Die Wände waren schmutzig und kalt. Immer tiefer stieg sie die Treppen in den Schacht hinein, bis sie an einem Gang endete. Sie hustete und wedelte den Staub mit ihrer Hand weg. Mit ihrem Handy als Lichtquelle konnte sie den Lichtschalter an der Wand erkennen und schaltete die Lampen an der Decke an. Am Ende des Ganges befand sich eine Sackgasse, welche jedoch nur aus einer dünnen Wand bestand, die sie mit Leichtigkeit beiseite schob. Hinter ihr befand sich ein Raum, der um einiges großflächiger war.
Überall, wo man nur hinsah, befanden sich lauter Klebezettel an den Wänden, einige Leer, einige vollgekritzelt. Viele hatten einige Passwörter auf ihnen, ein paar bestanden aus Skizzen von einigen Personen. Diese wurden mit Reißzwecken und roten Fäden verbunden. Die Fäden reichten immer weiter in die Mitte, bis sie ein Bild erreichten. Sie ging an der Pinnwand vorbei, zu einem Schreibtisch am Ende des Raumes und schaltete dort das Licht einer Tischlampe an. Unter dem Tisch holte sie einen Laptop aus einem Fach heraus. Sie bließ den Staub vom Gerät und öffnete den Laptop, den sie kurz darauf einschaltete.
Nachdem sie sich auf ihrem User-Account angemeldet hatte, öffnete sie mehrere Dateien und ließ sie ausführen. Auf dem Bildschirm erschien eine Art Radarsender mit GPS Signal und ein Satellitenbild eines Fahrzeugs aus der Vogelperspektive.
Sie lächelte. Das Warten hatte endlich ein Ende. Kopfhörer an und der Ton wurde hochgekurbelt. Heraus hörte sie die Stimme eines älteren Mannes und die eines kleinen Jungen, die sich im Fahrzeug befanden. So wie es sich anhörte, schienen sie mit einander zu streiten.
„…sollte diese Aktion gestern Abend? Bist du lebensmüde?"
„Sie war nicht mehr sie selbst, ich konnte das sehen."
„Das habe ich selbst gesehen. Doch diese Situation war zu gefährlich für einen Hosenscheißer, wie dich."
Stille.
„Mit Ran werde ich noch darüber reden. Ihr beiden habt mir diesmal schreckliche Angst eingejagt. In Zukunft will ich keine Alleingänge mehr von dir, verstanden?"
„Verstanden."
„Gut."
Sie betätigte die Wärmebildfunktion auf der Satelitenübertragung und der Bildschirm gab 3 Personen aus, die sich im Auto befanden.
„Das müssten er und der Detektiv, zusammen mit seiner Tochter sein. Dann hab ich das schon mal erledigt.", murmelte sie nachdenklich. Dann grinste sie und nahm ihren Blick vom Laptop, um ihren Fokus auf etwas anderes zu legen. Sie warf das Licht der Taschenlampe auf die Pinnwand rechts von ihr, genauer gesagt auf das Foto in der Mitte.
„Kann es kaum erwarten, mit dir zu spielen…", sagte sie und nahm aus einer der Schubladen ein weiteres Foto heraus.
„Und du wirst mir dabei helfen, nicht wahr…?", fügte sie hinzu und pinnte das Foto direkt neben dem Bild. Ihr Lächeln wurde breiter.
Das Bild in der Mitte stellte einen Mann in seinen Dreißigern mit Narbe im Gesicht, der eine braune Jacke mit einer etwas zu großen Kapuze trug, dar. Das Foto, welches sie neben dem Bild angepinnt hatte, zeigte einen charismatischen Oberschüler mit schwarzen Haaren und einer blauen Schuluniform, der enthusiastisch mit dem Daumen auf sich zeigte und in die Kamera lächelte.
„…Shinichi."
Sie wandte sich wieder dem Laptop zu und schloss ihn. Dann klemmte sie ihn unter ihre Achsel und verließ diesen Raum. Bevor sie dies Tat, warf sie noch einen letzten Blick auf alles, was dieser geheime Raum zu bieten hatte.
„Fast hätte er diesen Raum doch noch gefunden.", murmelte sie und knabberte an ihrem Fingernagel. Jahre hatte sie hier verbracht, um die Bediensteten nach verdächtigen Aktionen zu beobachten. Sie wusste von Anfang an, dass Herr Wakuta und Frau Ogari etwas im Schilde führten und doch…
Ihr Blick fiel auf einen Gegenstand, der auf dem Tisch gelegen hatte, wo sie den Laptop hergenahm.
„Hätt ich ja fast vergessen."
Sie ging zum Gegenstand und nahm eine Linse heraus. Erleichtert betrachtete sie es. Fast wäre sie kaputt gegangen, ihr Vorhaben somit von ihm aufgedeckt und die Daten wären dann umsonst gewesen.
„Die Vase war wirklich schön. Eine Schande, wenn sie zerbrechen würde."
Das Mädchen betrachtete sie ein letztes Mal und kehrte auch ihr dann den Rücken zu. Natsume verließ den Raum und schaltete das Licht aus, sodass ihre Gestalt von der Dunkelheit verschluckt wurde. Seitdem wurde dieser Ort nicht mehr betreten.
– Kapitel 18 ENDE –
