iii
1. September 1976
Hermione erwachte am nächsten Tag und vergaß für einen Moment völlig, wo sie war. Sie brauchte ein paar Sekunden, um sich daran zu erinnern, dass sie in den Ravenclaw Schlafsälen geschlafen hatte, zweiundzwanzig Jahre in der Vergangenheit. Es war nicht alles irgendein seltsamer Traum gewesen.
Als sie sich aufsetzte und sich den Schlaf aus den Augen rieb, raste ihr Herz, als sie an den Tag der ihr bevorstand dachte. Es war der erste September, was bedeutete, dass ein Zug voller SchülerInnen, die in ihrer Zeit Erwachsene waren, in Hogwarts ankommen würde. James Potter, Lily Evans, Remus Lupin, Sirius Black, Peter Pettigrew und – die Person, vor der sie sich am meisten fürchtete, sie zu sehen – Severus Snape würden in diesem Zug sitzen. Ihr Puls beschleunigte sich bei dem Gedanken, sie alle zu sehen, noch mehr und doch knurrte ihr Magen immer noch vor Hunger, trotz ihrer Nervosität. Sie hatte nicht gegessen, seit sie, Ron und Harry von Aberforth Dumbledore in den Eberkopf gebracht wurden, in der Nacht der Schlacht.
Sie erhob sich langsam, zog die gleichen Kleider an, die sie in den letzten zwei Tagen getragen hatte, und fand es gut, dass Dumbledore sie für sie gereinigt hatte. Hermione blickte auf das Kapuzensweatshirt und das Jeans-Ensemble, das sie trug, und dachte, dass sie nicht zu unangemessen für die Zeit aussah, in der sie sich gerade befand, was tröstlich war, angesichts der Tatsache, dass sie sich in die Stadt wagen musste, um Dinge zu kaufen, die sie brauchen würde. Wie zum Beispiel Kleidung, oder andere Gegenstände, die Dumbledore ihr nicht zur Verfügung stellen konnte.
Als sie zu ihrem Koffer ging, um den Beutel mit dem Geld zu holen, den Dumbledore ihr gegeben hatte, knurrte ihr Magen erneut. Sie legte ihre Hand darauf und fragte sich, wo sie wohl zum Essen hingehen sollte? Sie glaubte nicht, dass die Große Halle funktionieren würde, da es in Hogwarts außer ihr bis später am Abend keine SchülerInnen gab. Vielleicht konnte sie in Hogsmeade etwas kriegen, dachte sie.
Sie hatte immer noch ihre perlenbesetzte Tasche bei sich, steckte den Beutel hinein und stopfte ihren Zauberstab in ihre Vordertasche und ging aus dem Schlafsaal, durch den Gemeinschaftsraum und hinaus auf die Treppe. Als sie hinunterging, erkannte sie, dass sie dem Stand der Sonne am Himmel nach ziemlich lange geschlafen hatte. Zu diesem Zeitpunkt muss es früher Nachmittag gewesen sein. Sie ging durch das stille Schloss, ohne jemanden zu sehen, als sie die Eingangshalle verließ und auf das Gelände ging.
Draußen angekommen, hielt sie einen Moment inne, um ihre Umgebung auf sich wirken zu lassen. Der Himmel war stark bewölkt. Das Sonnenlicht lugte kaum durch die Lücken der Wolken, als der Wind sanft wehte und sie mit den moschusartigen Düften des Spätsommers umgab. Sie schaute sich die Szenerie um sich herum an, immer noch erstaunt, dass für sie alles hier gerade auseinandergesprengt und zerstört war.
Hermione schüttelte die Gedanken an den Krieg aus ihrem Kopf, atmete tief durch und machte sich auf den Weg in Richtung Hogsmeade. Der Weg hinunter schien allein doppelt so lange zu dauern, was nichts Gutes war. Es gab ihr mehr Zeit, sich in ihrem Kopf zu verlieren.
Okay, also heute Abend, dachte sie. Sie durfte mit niemandem sprechen, es sei denn, sie sprachen sie zuerst an. Auf keinen Fall sollte sie Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie trat frustriert gegen einen Stein. Oh, natürlich würden die Leute mit ihr sprechen! Sie war neu. Anders. Ein Objekt der Neugierde. Wie würde sie nicht Aufmerksamkeit auf sich ziehen? Einfach nur da zu sein würde ausreichen, damit jeder sie bemerkt.
Als die Silhouette des vertrauten Dorfes näher rückte, erreichte ihre Angst ihren bisherigen Höchststand. Sie wusste, dass es am besten wäre, wenn sie nicht auffiele, aber sie konnte sich ehrlich gesagt nichts ausdenken, um das zu erreichen. Es gab schlicht keine Möglichkeit, dass sie in der Lage sein würde, es zu vermeiden von einigen dieser SchülerInnen in Erinnerung behalten zu werden. Sicherlich würden die Mädchen, mit denen sie einen Schlafsaal teilen würde, sie in Zukunft wiedererkennen? Sollte sie ihr Aussehen ändern?
Nein, das würde nicht funktionieren. Madam Pomfrey hatte sie bereits gesehen. Wie um alles in der Welt würde sie das erklären? Wenn Dumbledore sie nur nicht in den Krankenflügel gebracht hätte.
Als sie das Dorf betrat und sich auf den Weg zu den drei Besen machte, versuchte sie sich irgendeine Weise auszudenken, wie sie sich verändern könnte, ohne es für Madam Pomfrey zu offensichtlich zu machen, aber genug, um ein bisschen anders auszusehen.
Die Leute färbten sich die ganze Zeit ihr Haar. Sie könnte vielleicht ihre Haarfarbe ändern, überlegte sie, als sie die Tür zur Kneipe öffnete.
Als sie eintrat, entspannten sich Hermiones Schultern sofort und sie atmete erleichtert aus. Die Kneipe war relativ leer. Nur eine Handvoll Hexen und Zauberer waren an verschiedenen Tischen verstreut. Sie schaute hinter die Bar und sah eine sehr junge und so sehr sie auch hasste, es zuzugeben, eine überaus schöne Madam Rosmerta, die ein Glas putzte und ihr freundlich zulächelte. Hermione erwiderte das mit einem knappen Lächeln und machte sich zügig auf den Weg zu einem leeren Tisch in der hinteren Ecke des Pubs.
Sie zog einen Stuhl hervor und setzte sich an die Wand, mit dem Gesicht zum Eingang. Nach so vielen Monaten auf der Flucht, ständig über ihre Schulter blickend, war ihr das Gefühl geblieben, nicht mehr mit dem Rücken zu einer Tür sein zu wollen. Sie ließ sich tief in ihren Sitz fallen, versuchte, ungesehen zu bleiben und dachte weiter darüber nach, wie sie ihre Identität verbergen könnte. Ihre Konzentration wurde unterbrochen, als sie von der statuenhaften Bardame angesprochen wurde, die im Grunde nur gehende, sprechende Beine und Brüste war. Alte Gewohnheiten ließen sich nur schwer ablegen und Hermione konnte nicht anders, als einen leichten Stich von Eifersucht zu fühlen, während sie das freundliche Lächeln der Frau vor ihr sah.
„Hallo, Liebes!" begrüßte sie Rosmerta herzlich.
„Hallo", murmelte Hermione.
„Kann ich dir etwas bringen?" Sie lächelte strahlend, während sie eine Feder und einen Block in der Hand hielt.
Hermione, die versuchte, Blickkontakt zu vermeiden, bestellte ein Butterbier und ein Sandwich. Nachdem Rosmerta ihre Bestellung entgegen genommen hatte und sich davon machte – wobei einige der Zaubereraugen ihrem kurzen schwarzen Rock folgten, als sie es tat – griff Hermione in ihre perlenbesetzte Tasche und zog ein Buch heraus, um zu lesen.
Ihre Augen nahmen die Worte nicht wirklich auf, als sie über die Seite schweiften. Sie war abgelenkt von den Geräuschen geflüsterter Gespräche, von Gläsern, die auf Tische krachten und Besteck das auf Tellern klirrte. Sie blickte über die Kante ihres Buches und schaute sich zu den Gästen vor ihr um. Es war eine schmerzlich vertraute Szene, wie die Leute sich unterhielten; ruhig, über ihre Schultern blickend, zur Seite schauend. Es war offensichtlich, dass der erste Zaubererkrieg in den Kinderschuhen steckte.
Als sie die angespannte Atmosphäre um sich herum beobachtete, kehrte Rosmerta mit ihrem Essen und Trinken zurück.
„Bitte schön", sagte sie, als sie es vor Hermione platzierte.
Hermione legte ihr Buch sanft auf den Tisch und sah ihr zufällig in die Augen. „Danke", erwiderte sie leise.
Rosmerta musterte Hermione neugierig. „Du siehst ein bisschen jung aus, um auf dich allein gestellt zu sein, Liebes. Du könntest immer noch in Hogwarts sein", sagte sie.
Hermione war von ihrer Unverblümtheit überrascht und wusste nicht, was sie sagen sollte.
„Ich – äh – Naja."
„Ich will nicht neugierig sein", sagte Rosmerta lächelnd. „Es ist einfach nicht gerade sicher, im Moment alleine zu reisen."
Hermione konnte nicht umhin, zu bemerken, dass in Rosmertas Augen nichts als Mitgefühl lag.
Sie schüttelte den Kopf. „Nein, es ist in Ordnung. Ich verstehe schon", beruhigte Hermione. „Ich bin in Hogwarts, um genau zu sein."
„Oh!" Rosmerta sah verwirrt und ein wenig überrascht aus. „Ich ging davon aus, dass die SchülerInnen immer noch mit dem Zug kommen."
„Sie – ich meine – wir tun das", bestätigte Hermione und beobachtete, wie sich Rosmertas Augenbrauen zusammenzogen. „Ich bin gestern angekommen", fuhr Hermione fort. „Ich war noch nie in Hogwarts – ich wurde zu Hause unterrichtet – aber ich werde meine letzten zwei Jahre dort beenden. Mein Onkel ist der Schulleiter und hat sich bereit erklärt, mich aufzunehmen. Ich wollte die Möglichkeit haben, meine UTZ-Prüfungen zu machen."
Hermione spürte, wie sich ihr Gesicht erhitzte, als sie log, und wünschte, Rosmerta hätte sie allein gelassen, um in Ruhe zu Essen. Leider geschah das Gegenteil. Rosmerta zog einen Stuhl heran und setzte sich zu ihr.
„Oh, du bist Dumbledores Nichte? Wie schön!" rief sie und streckte die Hand aus. „Ich bin Rosmerta, Liebes. Dein Onkel ist ein wunderbarer Mann."
Hermione nahm ihre Hand und erwiderte ihren Händedruck. „Schön, dich kennenzulernen", murmelte sie. „Ich bin Hermione Devereux."
Rosmerta blieb mit ihr am Tisch, während Hermione ihr Mittagessen aß. Sie erzählte Hermione, dass ihr Vater die Kneipe besaß und sie ihr eines Tages überlassen würde, gab ihr Ratschläge über Hogwarts – da Rosmerta die Schule erst vor zwei Jahren verlassen hatte – und erzählte ihr Geschichten über einige der SchülerInnen. Sie sprach fast zehn Minuten lang über zwei junge Unruhestifter, Sirius Black und James Potter. Hermione bemerkte, dass Rosmerta ein wenig errötete, als sie über Sirius sprach, was sie sich fast an ihrem Butterbier verschlucken ließ. Es schien, als hätte die kurvige Bardame eine Schwäche für den Patenonkel ihres besten Freundes, und sie fragte sich, ob Sirius wirklich so charmant war, wie man es ihm nachgesagt hatte, als er jung war. Bevor Askaban ihn aushöhlte und ihn der Tod holte. Hermione zitterte bei dem Gedanken.
Als Hermione mit dem Essen fertig war und Geld hervorholte, um ihr Essen zu bezahlen, winkte Rosmerta ab.
„Nein, nein, Hermione! Es war mir so ein Vergnügen, mit dir zu sprechen. Das geht auf mich!", beharrte sie.
„Ich kann unmöglich – "
„Wirklich. Es ist überhaupt nichts. Dein Geld taugt hier nichts", zwinkerte Rosmerta.
Hermione, die Rosmerta nie wirklich mochte – vor allem wegen Rons Verliebtheit in sie – war gerührt von ihrer freundlichen Großzügigkeit. Sie erwiderte ein aufrichtig dankbares Lächeln und gab ihr Geld zurück in ihre perlenbesetzte Tasche.
„Danke, Rosmerta. Das ist wirklich sehr nett von dir."
„Nicht der Rede wert. Stell nur sicher, dass du bei deinem nächsten Besuch in Hogsmeade vorbeischauen und mich besuchen wirst. Ich habe es wirklich genossen, mit dir zu sprechen", sagte Rosmerta, als sie begann, Hermiones leere Teller und Tasse abzuräumen.
So viel dazu, bei niemandem einen Eindruck zu hinterlassen, brummte Hermione innerlich. „Absolut. Es war auch wirklich schön, mit dir zu sprechen", antwortete sie etwas fröhlicher als für sie üblich.
Nachdem Hermione und Rosmerta sich endgültig verabschiedet hatten, packte Hermione ihre Sachen zusammen und machte sei auf den Weg, die Kneipe zu verlassen. Als sie die Tür öffnete, fiel ihre Tasche auf den Boden und sie bückte sich hinunter, um sie aufzuheben. Als sie aufstand, rannte sie direkt in eine Frau, die ihr die Haare auf ihren Armen zu Berge stehen und Galle in ihre Kehle steigen ließ. Askaban hatte der atemberaubenden jungen Frau vor ihr wirklich eine ganze Reihe von Dingen angetan, erkannte sie. Die junge Bellatrix Lestrange, die finster blickend vor ihr stand, hatte Haare, die lang, pechschwarz, glänzend und voll waren. Ihre Zähne – als sie sie vor Hermione fletschte – waren weiß und gerade. Ihr Gesicht war voll und glatt, die eingesunkenen Wangen und dunklen Ringe unter ihren Augen fehlten. Sie war groß, schlank und tadellos in was sie als teure schwarze Roben erkennen konnte, gekleidet. Die Frau war genauso hinreißend, wie erschreckend.
„Pass auf, wo du hingehst, Dreck!" spuckte Bellatrix sie an. Sie sah aus, als würde ihre Hand nach ihrem Zauberstab greifen.
„Ich – es tut mir so leid", würgte Hermione kaum heraus.
Gerade als Bellatrix aussah, als würde sie Hermione gleich zerreißen – entweder verbal oder mit Magie – umklammerte eine blasse Hand mit langen, schlanken Fingern ihren Oberarm. Hermione fühlte sich wirklich, als ob sie kurz davor wäre, ihr Mittagessen zu verlieren, als sie die weiche, seidige Stimme hörte, die zu dem Mann, der Bellatrix festhielt, gehörte.
„Na, na, Bella. Wir dürfen doch nicht bei jedem kleinen Zwischenfall die Beherrschung verlieren", tadelte Lucius Malfoy sanft.
Bellatrix schnaubte widerwillig und riss ihren Arm aus seinem Griff. Sie ging an Hermione vorbei und stellte sicher, dass sie ihre Schulter in Hermione rammte, als sie vorbei schritt. Dann stand eine identische Nachbildung von Draco vor ihr; blondes Haar, gerade Nase, graue Augen, spitzes Kinn und eine unverwechselbare Aura von Reichtum. Der einzige Unterschied zwischen Draco und seinem Vater war Lucius' schulterlanges Haar. Hermione war immer noch auf der Stelle erstarrt.
„Entschuldigen Sie bitte meine Schwägerin", seine Lippe kräuselte sich um den Titel, als würde er ihm höchst missfallen.
„K-Kein Problem", stotterte Hermione leise. „Wenn - wenn Sie mich entschuldigen."
Sie duckte sich um Lucius herum und eilte so schnell sie konnte aus der Kneipe, ohne zu rennen.
Sie raste fast die Straße hinunter und bog zwischen zwei Gebäuden ab. Als sie sich mit dem Rücken an eine Wand lehnte und versuchte, wieder zu Atem zu kommen, umschloss sie instinktiv ihren inneren linken Unterarm mit der rechten Hand. Es war die Stelle, an der Schlammblut von Bellatrix in Hermiones Arm geschnitzt worden war, nur wenige Wochen zuvor.
Die Möglichkeit, Bellatrix oder Lucius Malfoy zu begegnen, hatte sie nicht erwartet. Es war ihr bewusst, dass sie ein paar Jahre älter waren als Harrys Eltern oder Professor Snape, also wusste sie, dass es keine Chance gab, ihnen in der Schule über den Weg zu laufen. Sie kam sich töricht vor, weil sie nicht einmal die Möglichkeit in Betracht gezogen hatte, dass sie in Hogsmeade sein könnten. Natürlich war es möglich, dort auf sie zu treffen – oder auf irgendeinen anderen Todesser.
Hermione verharrte fast fünf Minuten lang an dieser Stelle, während sie sich beruhigte. Sie dachte sich, sie sollte ihre Einkäufe so schnell wie möglich erledigen, damit sie ihnen nicht ein weiteres Mal über den Weg lief. Irgendetwas sagte ihr, dass Bellatrix ein zweites Mal vielleicht nicht so nachsichtig mit ihr sein würde.
Eine Stunde vor der Ankunft der SchülerInnen war Hermione wieder in den Ravenclaw Schlafsälen und zog sich ihre Schulrobe an. Sie nahm die Miniaturkisten, die sie auf ein Zehntel ihrer tatsächlichen Größe verwandelt hatte, aus ihrer Tasche und brachte sie wieder in den Normalzustand zurück. Sie war sehr überrascht, in Hogsmeade ein Fachgeschäft zu finden, das Muggelkleidung verkaufte – zu ihrer Zeit gab es das Geschäft nicht. Sie war in der Lage, ein paar zeitlich passende Outfits, Unterwäsche und ein paar Accessoires für die Dauer ihres Aufenthalts zu finden. Es gab auch einen Laden, der Schuluniformen verkaufte, von denen sie einige Artikel gekauft hatte.
Als sie ihre neue Kleidung in ihren Kleiderschrank legte, verkrampfte sich ihr Magen. Es würde nicht mehr lange dauern, bis sie so viele Menschen sehen würde, die sie gekannt hatte. Menschen, die gestorben waren. Sie hatte in ihrem kurzen Leben viel durchgemacht, aber sie wusste, dass nichts mit dem vergleichbar war, was auf sie zukam. Ihre Nervosität begann sie zu überwältigen. Ihre Handflächen schwitzten, und ihr Herz fühlte sich an, als würde es in ihrer Kehle schlagen. Sie versuchte aufzustehen, aber sie zitterte von Kopf bis Fuß und begann, sich ein bisschen schwindlig zu fühlen. Sie setzte sich auf die Bettkante und legte ihren Kopf in ihre Hände.
Atme, Hermione, atme einfach, sagte sie sich. Sie konnte das. Ja, es wäre ein ziemlicher Schock, James und Lily zu sehen. Sie wusste, dass das der größte Schock von allen sein würde. Und einen jungen Professor Snape zu sehen, würde einfach... seltsam sein. Aber sie konnte das.
Hermione stand auf und ging ins Badezimmer. Sie holte ihren Zauberstab heraus und benutzte einen Glamour Zauberspruch, um ihr Haar lang zu machen, glatt und tiefschwarz. Danach rollte sie ihren linken Ärmel auf und ließ ihre Narbe verschwinden. Wenn sie so tun würde, als wäre sie keine Muggelgeborene, wäre es nicht ideal, wenn jemand gesehen hätte, was in ihren Arm geschnitzt war. Sie schaute in den Spiegel und entschied, dass sie mit dem Ergebnis des Zaubers zufrieden war. Sie sah immer noch wie sie selbst aus, aber nicht ganz; genau das, was sie zu erreichen hoffte. Nach einem letzten Blick auf sich selbst streckte sie ihre Brust heraus und verließ das Badezimmer.
Sie wiederholte weiterhin ihr Mantra Du kannst das, während sie sich zwang, aus dem Schlafsaal und durch den Gemeinschaftsraum zu gehen. Aber es trug nicht viel dazu bei, ihre Nerven zu beruhigen.
Als sie am Ende der Treppe ankam, war sie sich nicht sicher, ob sie mit Dumbledore in die Große Halle hätte gehen sollen oder versuchte sollte, mit den anderen SchülerInnen hineinzuströmen. Sie stand im Korridor und verlagerte ihr Gewicht jedes Mal hin und her, als sie ihre Entscheidung änderte. Endlich fasste sie einen Entschluss und ging auf eigene Faust auf die Große Halle zu. Auf ihrem Weg nach unten hörte sie das aufgeregte Gebrabbel der SchülerInnen, die gerade angekommen waren. Sie blieb bei dem Klang stehen. Die Angst lähmte sie.
Tief durchatmen, dachte sie. Sie konnte das! Hermione zwang ihre Füße, sich wieder zu bewegen und setzte ihren langsamen Gang in Richtung der ankommenden Schülerschaft fort.
Als sie um eine Ecke bog, sah sie sie – die SchülerInnen. Fast wäre sie noch einmal stehen geblieben, aber etwas in ihr zwang sie, sich weiter zu bewegen. Ein paar Mädchen blieben bei ihrem Anblick stehen, flüsterten einander zu und setzten kichernd ihren Weg fort. Hermione hielt ihren Kopf gesenkt und marschierten geradewegs in die Halle, direkt hinter ihnen. Sie entdeckte den Ravenclaw-Tisch und setzte sich schnell ganz am Ende hin und nahm den Platz, der der Tür, durch welche die SchülerInnen hereinkamen, am nächsten lag.
Obwohl sie vorhatte, sich nicht umzusehen, übermannte sie ihre Neugier. Sie beobachtete die SchülerInnen, als sie eintraten und begann, einige Gesichter zu erkennen. Ihre Augen wären fast aus ihren Höhlen gefallen, als sie einen sehr jungen, extrem gutaussehenden blonden Zauberer mit einem breiten, wunderschönen Lächeln und funkelnden blauen Augen herein stolzieren und sich sich ein paar Plätze von ihr entfernt am Ravenclaw-Tisch setzen sah. Es war Professor Lockhart.
Wow... dachte Hermione, als sie ihn ansah.
Lockhart ertappte sie dabei, wie sie ihn anstarrte, und schenkte ihr ein Augenzwinkern und ein Lächeln. Hermione errötete und senkte den Kopf im Versuch, ihr schüchternes Lächeln zu verbergen. Dann erinnerte sie sich plötzlich, wie er aussah als sie, Harry, Ron und Ginny ihn an Weihnachten ihres fünften Jahres in St. Mungos sahen. Ihr Lächeln verschwand schnell.
Immer mehr SchülerInnen strömten herein, alle lachten und unterhielten sich über den voneinander getrennt verbrachten Sommer auf. Ravenclaws Tisch war fast voll, ebenso wie der Rest der Tische, aber sie hatte immer noch nicht die Leute gesehen, vor denen sie am nervösesten war.
Ein paar Augenblicke später hörte sie hinter sich lautes Lachen, dann das Geräusch von jemandem, der zu Boden fällt. Vier Jungen standen um eine zusammengekauerte Gestalt, die auf dem Boden ausgestreckt vor ihnen lag, seine Sachen überall verstreut.
„Hoppla! Tut mir leid, Snivelly! Ich habe dich nicht gesehen", schrie ein wunderschöner junger Mann, den Hermione sofort erkannte, und stieß ein bellendes Lachen aus. Es war anhand des Tonfalls seiner Stimme offensichtlich, dass er den Jungen, den er zu Boden gestoßen hatte, definitiv gesehen hatte.
Zwei der anderen Jungen lachten, einer von ihnen klatschte mit der Hand auf die Schulter des hübschen Jungen. Als sie ihn genau ansah, erkannte sie, was alle all die Jahre hinweg meinten. Er trug eine Brille und sah ihrem besten Freund auffallend ähnlich, sah aber auch irgendwie... anders aus. Sie sahen beide außerordentlich gut aus, dachte Hermione, als sie auf wen sie für James Potter und Sirius Black hielt blickte.
Sirius war groß, braun gebrannt, muskulös, hatte verspielte graue Augen und ein verschmitztes Grinsen. Sie konnte es immer noch nicht glauben, wie sehr James Harry ähnelte. Die einzigen Unterschiede waren, dass sein Haar ein bisschen länger war, dass er haselnussbraune Augen hatte und ihm offensichtlich eine Narbe fehlte. James war ein bisschen sperriger als Harry und vielleicht um einen Hauch größer.
Sie wusste, dass der andere Junge, der lachte, Peter Pettigrew war. Er war in seiner Jugend genauso unauffällig wie als Erwachsener. Er war klein und mollig mit unordentlichem, sandfarbenem Haar und wässrigen braunen Augen. Er hatte ein sehr unattraktives Lachen; es war eher ein Gackern. Es machte Hermione Gänsehaut.
Der einzige, der nicht lachte, war Remus Lupin. Hermione dachte, dass James ein größerer Schock für sie sein würde, aber jetzt, wo sie ihn ansah, war es Remus, der sie am meisten überraschte. Er hatte einige Narben im Gesicht, aber bei weitem nicht so viele wie in ihrer Zeit. Sein blondes Haar war dicht, glänzend und reichte ihm bis zu den Schultern. Aber den größten Unterschied machten seine Augen. Sie waren groß, golden und voller Leben. Ihr war niemals aufgefallen, wie tot seine Augen in ihrer Zeit ausgesehen hatten, bis sie sie jetzt sah, als er noch jung war.
Hermione konnte ihre Augen nicht von ihnen allen abwenden.
„Wahrscheinlich ist er auf dem Fett ausgerutscht, das von seinen Haaren fällt", lachte James, während er den Zauberstab des Jungen auf dem Boden wegtrat.
„James…", warnte Remus.
„Wa- "
„James Potter!" kreischte ein Mädchen hinter ihnen.
James wurde starr; seine Augen waren weit aufgerissen und ängstlich.
„Oh oh. Die Aufseherin ist hier", scherzte Sirius und eilte schnell zum Gryffindor-Tisch.
Peter rannte ihm hinterher und Remus schüttelte den Kopf, dann folgte er den anderen beiden Jungs.
„James!" schrie das Mädchen wieder.
„Verdammte Hölle", hörte Hermione James murmeln. Sie beobachtete, wie er sich langsam umdrehte. „Ja, Lily?"
Lily? Wirklich? Alle auf einmal?! beschwerte sich Hermione in ihrem Kopf.
Während Hermione das schöne rothaarige Mädchen anstarrte – das James wegen Mobbings eines weiteren Schülers beschimpfte – vergaß sie fast den Jungen auf dem Boden, bis er sich regte und aufstand.
Hermione hörte auf zu atmen.
Lilys Augen verengten sich, als sie den Jungen zu erkennen schien. „Ach... macht nichts, James", sagte sie kühl, bevor sie den beiden den Rücken zuwandte und sich dem Rest der Gryffindors anschloss.
„Lily! Warte!" schrie James und rannte Lily hinterher, aber Hermiones Augen waren immer noch auf den Jungen gerichtet, der gerade aufgestanden war.
Er war nicht zu verkennen. Lange Vorhänge aus schwarzem Haar, eine lange, hakenförmige Nase und tiefschwarze Augen, mit einem Ausdruck äußerster Abscheu in ihnen, als sie den Rückzug von James' und Lilys Gestalten verfolgten.
Es war Severus Snape.
