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4. September 1976

Obwohl Hermione hoffte, dass dies nicht der Fall sein würde, dauerte es nicht lange, bis ihre FreundInnen herausfanden, was mit James, Sirius und Severus geschehen war. Als Hermione am nächsten Morgen aufwachte, saßen Amelia und Remus neben ihrem Bett, beide mit dem gleichen besorgten Gesichtsausdruck. Sie setzte sich langsam auf, da ihre Schulter noch ziemlich empfindlich war, und stöhnte.

„Mir geht es gut", jammerte sie, anstatt eine richtige Begrüßung auszusprechen. Das Letzte, was sie wollte, war, dass sich jemand um sie sorgte.

„Klar geht es dir gut", sagte Amelia sarkastisch. „Hattest du einfach Lust, die Nacht im Krankenflügel zu verbringen?" Sie zog herausfordernd eine Augenbraue hoch.

Hermione verdrehte die Augen und griff dann nach ihrem Glas, das auf ihrem Nachttisch stand. Ihr Mund fühlte sich klebrig und heiß an, also begrüßte sie das zimmerwarme, abgestandene Wasser.

Amelia schnalzte ungeduldig mit der Zunge. „Ich habe dir gesagt, dass Snape gefährlich sein kann, Hermione."

Hermione verschluckte sich und träufelte etwas Wasser über ihr Kinn, das Remus freundlicherweise mit einem Schwung seines Zauberstabs wegzauberte. Woher wusste Amelia schon, was passiert war? Dann wurde ihr klar, dass Remus es ihr höchstwahrscheinlich erzählt hatte, als sie ihn böse anschaute, mit einem teils entschuldigenden, teils schuldbewussten Blick auf seinem roten Gesicht. Natürlich hätten sich James und Sirius über ihr bevorstehendes Nachsitzen und den Grund dafür beschwert, als sie am Abend zuvor wieder im Gryffindor-Turm angekommen waren.

Ihr Atem kam in einem übertriebenen Schnauben von Verärgerung heraus, während sie ihren stählernen Blick auf Remus richtete, der sie nicht ansah.

„James und Sirius haben also alles auf Severus geschoben?" fragte sie mit eiskalter Stimme.

Amelias Stirn legte sich in Falten.

„Warte. Also – also war Snape nicht derjenige, der das getan hat", gestikulierte sie auf Hermiones Verbände.

Hermione zuckte mit den Schultern und bereute es sofort, denn ein scharfer Schmerz schoss durch ihren Arm.

„Um ehrlich zu sein, kenne ich die Details nicht so genau", gab sie zu.

Obwohl sie sich mehr als bewusst war, dass Severus der Grund dafür war, dass sie im Krankenflügel gelandet war – sie erinnerte sich an George Weasleys Ohr und wusste, dass es derselbe Zauber gewesen sein musste, der sie getroffen hatte – hatte sie nicht gelogen, als sie sagte, dass ihre Erinnerung an den Vorfall unklar war, sogar als sie an Amelias Gesicht erkennen konnte, dass sie dachte, Hermione würde nicht die Wahrheit sagen. Von dem Moment an, als Hermione zwischen die Jungen gerannt war, bis zu dem Moment, als sie im Krankenflügel aufwachte, war alles verschwommen. Sie erinnerte sich vage daran, dass sie sich inmitten des Duells der Jungen befand, an starke Schmerzen und eine Menge Blut. Danach wurde alles schwarz.

„Hermione", sprach Remus zum ersten Mal. „Es waren nicht James oder Sirius, die dir das angetan haben. Sie benutzen nicht solche Magie."

Sein Gesicht verzog sich vor Wut, als sich sein Blick auf ihre Verletzung richtete.

„Es war aber auch nicht so, dass Sirius oder James völlig unschuldig waren, Remus", spuckte sie.

Remus' Augenbrauen schossen in die Höhe und er lehnte sich in seinem Stuhl zurück.

Sie wusste nicht, warum sie Severus so sehr in Schutz nahm oder warum es sie so wütend machte, dass sie ihm allein die Schuld gaben.

„Wenn Sirius sich nicht wie der arrogante Trottel verhalten hätte, als den ich ihn langsam kenne, wäre ich nicht in diesem Zustand. Punkt."

Hermione konnte spüren, wie ihr die Hitze in die Wangen stieg.

Amelia legte eine Hand auf Hermiones Wade und fragte leise: „Was ist denn passiert, Hermione?"

Nachdem sie einen weiteren Schluck Wasser getrunken hatte, verbrachte Hermione die nächste Viertelstunde damit, Amelia und Remus alles zu erklären. Sie ließ das kleine Detail aus, dass James den Unsichtbarkeitsumhang besaß, weil sie wusste, dass Harry ihn in Zukunft haben würde, und sie wollte nicht, dass eine zukünftige Mitarbeiterin des Ministeriums von seiner Existenz erfuhr. Nicht, wenn sie wusste, wie wichtig der Tarnumhang für ihr, Rons und Harrys Überleben in der Zukunft war.

Als sie geendet hatte, sah Amelia wütend aus, ihre Fäuste waren geballt und ihr Kiefer verkrampft. Remus, das konnte sie sehen, war das Verhalten seiner Freunde peinlich.

„Es tut mir leid, Hermione. Ich weiß, dass sie sich manchmal total daneben benehmen, aber ehrlich gesagt sind sie ganz in Ordnung, wenn man sie erst einmal kennengelernt hat", versuchte er sie zu überzeugen.

Hermione lächelte traurig, sie wusste, dass er recht hatte. Sirius war einer der mutigsten Männer, die sie je gekannt hatte, und deshalb verlor sie auch so oft die Beherrschung über die jugendliche Version von ihm. Es war wie Tag und Nacht zwischen dem Jungen und dem Mann. So wie er sich verhielt, fiel es ihr schwer zu glauben, dass er ein Mann werden würde, den sie sehr schätzte. Derselbe Mann, der ihren besten Freund liebte und behandelte, als wäre er sein eigener Sohn.

„Ich bin mir sicher, dass sie das sind, Remus. Ich sehe diese Seite von ihnen nur noch nicht", erklärte Hermione und versuchte, die Spannung abzubauen.

Bald kam Madam Pomfrey, um nach Hermione zu sehen, und gab ihr weitere Stärkungsmittel und Tränke gegen die Schmerzen und um das verlorene Blut wieder aufzufüllen. Da der Schmerztrank sie extrem schläfrig machen würde, schickte Madam Pomfrey Amelia und Remus weg und versicherte ihnen, dass sie sie später am Nachmittag besuchen könnten.

Amelia versprach, Hermione ein paar Bücher zum Lesen mitzubringen, damit sie nicht verrückt wurde, während sie an das Krankenhausbett gefesselt war. Hermione bedankte sich bei ihr und murmelte einen Abschiedsgruß. Der Trank schien schnell zu wirken. Ihre Augen fühlten sich schwer an und ein Gefühl der Ruhe und des Friedens legte sich wie eine warme Decke über sie. So sehr sie auch dagegen ankämpfen wollte, ihre Augen waren geschlossen, bevor ihre FreundInnen aus der Tür waren.

5. September 1976

Zu Hermiones großer Verärgerung wurde ihr gesagt, sie müsse noch einen Abend im Krankenflügel verbringen, was bedeutete, dass sie ihr ganzes erstes Wochenende dort verbringen würde. Das bedeutete auch, dass zwei Tage Freizeit verschwendet wurden, die sie damit hätte verbringen können, Severus kennen zu lernen.

Es war noch sehr früh am Morgen, noch Stunden vor Sonnenaufgang, als Hermione plötzlich von jemandem geweckt wurde, der neben ihr leise hustete.

Ihr Herz fühlte sich an, als würde es ihr gleich aus der Brust fliegen, als sie sich im Bett aufrichtete und sofort nach ihrem Zauberstab griff. Einen Moment lang dachte sie, sie sei immer noch auf der Flucht, schlief mit Ron und Harry in dem Zelt und dachte, sie würde von Todessern überfallen. Sie sprang aus dem Bett und richtete ihren Zauberstab direkt auf die Brust des jungen Mannes, der vor ihr stand.

Severus' Augen weiteten sich vor Überraschung, als er die Hände hob, um ihr zu zeigen, dass er es nicht böse meinte. Die Kälte des Betonbodens unter ihren Füßen und der Anblick ihres ehemaligen Professors, der zwanzig Jahre jünger war, als sie ihn gekannt hatte, brachten Hermione zur Besinnung. Sie ließ ihren Zauberstab langsam sinken und spürte, wie sich ihr Herzschlag wieder normalisierte, dann setzte sie sich auf die Bettkante.

„Ich nehme an, ich habe eine solche Begrüßung verdient", flüsterte Severus trocken.

Es war nicht zu leugnen: Hermione war verwirrt. Sie war leicht desorientiert, weil sie so plötzlich geweckt worden war, und sie hatte auch keine Ahnung, wie oder warum Severus Snape mitten in der Nacht neben ihrem Bett stand. Sie neigte den Kopf zur Seite und zog die Augenbrauen zusammen.

„Was machst du denn hier?" zischte Hermione. „Madam Pomfrey wird dich bei lebendigem Leib häuten, wenn sie dich findet!"

Hermione schaute ängstlich über Severus' Schulter, um zu sehen, ob Pomfrey den Aufruhr gehört hatte, den sie mit Sicherheit verursacht hatte, als sie aus dem Bett gesprungen war und Severus fast angegriffen hatte. Sie saß ganz still da, hielt den Atem an und spitzte die Ohren, um nach irgendwelchen Geräuschen zu suchen, während Severus in seine Tasche griff.

Er schnippte mit seinem Zauberstab und flüsterte „Muffliato", steckte ihn dann sofort weg und setzte sich auf den Stuhl neben Hermiones Nachttisch. „So. Jetzt wird sie nichts mehr hören."

Hermione schüttelte den Kopf und veränderte vorsichtig ihre Position, um ihn besser ansehen zu können. Er schaute auf den Boden, aus dem Fenster, zu den Gegenständen auf dem Tisch; er schien zu versuchen, alles zu betrachten, was nicht sie war.

„Severus", sagte sie schroff.

Er versteifte sich. Es war das erste Mal, dass sie ihn mit seinem Vornamen angesprochen hatte. Sie konnte sich nicht sicher sein, aber sie glaubte zu sehen, wie sich seine Mundwinkel ein klein wenig nach oben zogen, als sie es tat.

„Was machst du hier?" wiederholte sie.

„Ich – ich ..." Er fummelte an der Manschette seines Ärmels herum, eine nervöse Angewohnheit, wie sie annahm, da sie ihn am Abend zuvor dabei beobachtet hatte, wie er dasselbe tat. „Ich bin mir nicht sicher", sagte er langsam, während er ihr direkt in die Augen sah.

„Es muss doch einen Grund geben, warum du dich nach der Ausgangssperre rausgeschlichen hast, um hierher zu kommen und mich zu wecken", bohrte Hermione nach.

Sie glaubte, ein kurzes Aufflackern von Verärgerung in seinen dunklen Augen zu sehen, gefolgt von einem Anflug von Unentschlossenheit. Warum hatte er das Risiko auf sich genommen, nachsitzen zu müssen, um sie zu besuchen, fragte sie sich?

Während sie auf seine Antwort wartete, holte sie scharf Luft. Plötzlich erinnerte sie sich genau daran, wie sie in der Nacht zuvor im Krankenflügel gelandet war.

„Du – du hast mich Freitagabend hierher getragen, nicht wahr?" sagte sie so leise, dass sie von seinem zustimmenden Nicken überrascht war. „Und du hast mich auch geheilt", sagte sie, fragte sie nicht.

Er nickte noch einmal.

Hermione erinnerte sich an die ganze Sache. An den seltsamen Zauber, mit dem er ihre offene Wunde versiegelte, an den besorgten und entschlossenen Blick in seinen Augen, als er sie behandelte, daran, wie kalt sich seine Hand anfühlte, als sie ihre zum Dank um sie legte, und daran, wie überraschend stark sich seine Arme anfühlten, als sie sie die ganze Zeit an sich drückten, bis sie ohnmächtig wurde.

Vielleicht war er gar nicht so grausam und gefühllos, wie er es nach außen hin darzustellen versuchte.

„Danke", lächelte sie.

Severus' Augen verengten sich. „Danke?" wiederholte er ungläubig.

Das Lächeln verschwand schnell aus Hermiones Gesicht.

„Warum in aller Welt solltest du dich bei mir bedanken?"

Hermione zuckte mit den Schultern. „Nun. Du hast mich hierher gebracht. Du hast mich vor dem Verbluten bewahrt", sagte sie, als ob es selbstverständlich wäre.

Mit einem grausamen Zug um die Lippen schnaubte Severus. „Ich war derjenige, der dich zu Beginn verletzt hat, Devereux."

„Ja, nun- "

Er schüttelte den Kopf. „Wie bist du – Warum bist – Was stimmt nicht mit dir?" spuckte er.

Hermione spürte, wie die Wut in ihrer Brust zu brodeln begann. Was stimmte nicht mit ihr? Er war absolut unausstehlich!

„Bist du immer so nett zu Leuten, die wirklich versuchen, freundlich zu dir zu sein?" fragte sie mit giftiger Stimme.

„Warum mischt du dich in meine Angelegenheiten ein?" konterte er.

Die Wut vermischte sich jetzt mit Irritation. Sie wurde von Sekunde zu Sekunde wütender.

„Du warst derjenige, der an diesem Abend angehalten hat, um mit mir zu reden! Und du warst derjenige, der sich hierher geschlichen hat, um mich jetzt zu sehen!" rief sie.

Severus knirschte mit den Zähnen und warf ihr einen Blick zu, der sie beängstigend an den erinnerte, den sie bei vielen Gelegenheiten im Zaubertränke-Klassenzimmer gesehen hatte – normalerweise wenn sie etwas gesagt hatte, ohne an der Reihe zu sein, oder bei den Gelegenheiten, wo sie Neville bei seiner Arbeit half. Doch sie gab nicht nach und ließ sich nicht erschüttern, wie sie es vielleicht getan hätte, als er noch ihr Professor war. Jetzt war sie auf Augenhöhe mit ihm, und sie wollte sich nicht länger von ihm einschüchtern lassen.

Hermione rückte näher an ihn heran und straffte ihre Schultern. „Jetzt frage ich dich noch einmal, Severus Snape. Warum. Bist. Du. Hier?"

Er holte tief Luft. „Weil ich sehen musste, ob es dir gut geht!" knurrte er, scheinbar unfähig, sich zurückzuhalten. Selbst er schien von seiner Antwort überrascht zu sein.

Langsam verflog ihre Empörung ihm gegenüber und wurde durch pures Erstaunen ersetzt. Hermione zog eine Augenbraue hoch und beobachtete nachdenklich seine verlegene Miene. Er blickte zu Boden und verdrehte die Finger. Er war wirklich ein Rätsel. Eines, das sie unbedingt entschlüsseln wollte.

„Oh. Nun, ja. Mir – mir geht es sehr gut. Nur ein bisschen empfindlich, das ist alles", antwortete sie mit leiser Stimme.

Severus zuckte mit den Schultern und stieß ein leises Grunzen aus.

„Du bist gar nicht so wortkarg, wie du vorgibst zu sein, nicht wahr, Severus?" überlegte sie laut.

„Du weißt gar nichts über mich", antwortete er mit trauriger, gedämpfter Stimme.

Hermione konnte nicht anders, als Mitleid mit ihm zu haben. Er klang so einsam und gebrochen. Es brachte sie dazu, ihn noch mehr kennenlernen und ihm ihre Freundschaft anbieten zu wollen, als sie es bisher schon getan hatte.

Zögernd griff sie nach vorne und legte ihre Hand auf seine Schulter.

„Dann lass mich dich kennenlernen."

Er zog seine Schulter unter ihrer Berührung weg und schüttelte den Kopf.

„Du willst mich nicht kennenlernen, Devereux. Glaub mir", spottete er.

„Hermione", korrigierte sie ihn.

Sie saßen einige Augenblicke in gegenseitigem Schweigen, bis Severus plötzlich aufstand.

„Ich – ich kann nicht. Ich brauche niemanden. Ich will nicht dein Freund sein!" Sein Tonfall kehrte zu dem unfreundlichen, kalten Ton zurück, an den sie sich gewöhnt hatte.

„Aber Severus – ", sie stand vor ihm auf.

Er sah sie mit einem brennenden Blick an, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er sah aus, als ob er etwas sagen wollte, bevor er sich selbst stoppte und sein Gesicht schnell zu einer emotionslosen Maske formte, während er sich von ihr entfernte und begann zu gehen.

„Bitte. Halte – halte dich einfach von mir fern. Es wäre besser für dich." Er klang fast verzweifelt.

Severus schwenkte seinen Zauberstab – sie nahm an, dass er den Muffliato-Zauber aufgehoben hatte – und ging zügig auf die Tür zu. Bevor er sie öffnete, blieb er kurz stehen, schaute zu ihr zurück und öffnete den Mund, wieder so, als wollte er etwas sagen. Stattdessen atmete er laut aus, öffnete die Tür und ging, wobei er eine völlig verwirrte Hermione zurückließ, die ihm nachblickte.

11. September 1976

Die folgende Woche in der Schule verging für Hermione quälend langsam. Severus schien ihr um jeden Preis aus dem Weg zu gehen, was so weit ging, dass er in dieser Woche sogar den Unterricht in Zaubertränke schwänzte. Obwohl er an den anderen gemeinsamen Stunden teilgenommen hatte, war Professor Slughorn davon ausgegangen, dass Severus krank war und deshalb nicht am Unterricht teilnehmen konnte. Sie nahm an, dass er auch für seine Mahlzeiten extra früh in die Große Halle kam, da er in dem Moment, in dem Hermione eintraf, mit dem Essen fertig war und schon weg sein würde, wenn sie sich setzte.

Amelia bemerkte Hermiones mürrisches Verhalten und befragte sie dazu, was Hermione darauf zurückführte, dass sie Heimweh hatte und von der neuen Atmosphäre einer so großen Schule überfordert war. Sie war sich nicht ganz sicher, aber es schien, als ob Amelia

ihr ihre lahme Ausrede abkaufte.

Sie begann zu befürchten, dass es ein unmögliches Unterfangen sein würde, sich mit Severus anzufreunden und ihm schließlich das Leben zu retten. Der einzige Lichtblick war ihr Nachsitzen an diesem Samstagabend – an das James sie in dieser Woche im Verwandlungsunterricht fröhlich erinnerte, denn Hermione konnte sich nicht daran erinnern, dass McGonagall es ihr erteilt hatte. Sie hoffte, dass sie wenigstens ihr Nachsitzen mit Severus verbringen würde, denn sie wusste, dass er dort keine Chance hatte, ihr aus dem Weg zu gehen.

„Ich finde es immer noch total unfair, dass McGonagall dich zusammen mit den Jungs nachsitzen lässt", beschwerte sich Amelia, als sie sich auf die Couch vor dem Kamin im Ravenclaw-Gemeinschaftsraum plumpsen ließ. „Es ist ja nicht so, dass du dich duelliert hättest. Du hast versucht, sie aufzuhalten, um Merlins willen!"

Es musste mindestens das fünfzigste Mal gewesen sein, dass Hermione das von ihr gehört hatte.

„Ich weiß, aber was kann ich tun?" sagte Hermione und setzte sich ihr gegenüber in einen Sessel.

„Hoffentlich kommst du nicht zu spät zurück. Bagman hat es geschafft, seinem Bruder etwas Feuerwhiskey zu klauen", flüsterte sie mit einem breiten Grinsen.

Hermione war immer noch völlig schockiert von diesen SchülerInnen. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass auf den Gryffindor-Partys Alkohol getrunken wurde, wie es diese Ravenclaws jedes Wochenende zu tun schienen. Die 70er Jahre waren einfach eine andere Zeit, nahm sie an.

„Ja, hoffentlich", antwortete sie halbherzig.

Hermione schaute auf die Uhr und sah, dass sie noch fünfzehn Minuten Zeit hatte, um pünktlich zum Nachsitzen zu kommen. Sie verabschiedete sich von Amelia und versprach, dass sie versuchen würde, danach zu ihrem Treffen zu kommen. Ehrlich gesagt war es ihr so oder so egal. Sie wusste, dass sie auf keinen Fall trinken würde.

Vorhin hatte man ihr mitgeteilt, dass sie bei Professor Slughorn im Zaubertränke- Klassenzimmer nachsitzen sollte – offenbar hatte er darum gebeten, die Aufsicht zu übernehmen. Sie nahm an, dass dies auf ihre hervorragenden Leistungen in seinem Unterricht zurückzuführen war und wusste, dass er es wahrscheinlich kaum erwarten konnte, sie in seinen Slugclub einzuladen. Leider würde sie das noch einmal in ihrem Leben ertragen müssen, dachte sie mit einem schweren Seufzen.

Als sie ankam, war nur Slughorn anwesend, der an seinem Schreibtisch im vorderen Teil des schwach beleuchteten Klassenzimmers saß. Sie bemerkte zwei Lappen und eine Auswahl an Kesseln und anderen Vorräten, die auf drei der Tische in der ersten Reihe verstreut waren. Sie ließ die Schultern hängen. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass sie für ihr Nachsitzen putzen musste.

„Oh Miss Devereux!" Er begrüßte sie mit einem breiten Lächeln. „Früh dran, wie ich sehe?"

„Guten Abend, Sir", versuchte sie zurück zu lächeln.

„Nun, setzen Sie sich irgendwo hin, meine Liebe. Ich nehme an, Mr. Snape wird in Kürze eintreffen. Dann können Sie beide sich an die Arbeit machen."

„Ja, Sir."

Hermione machte sich widerwillig auf den Weg zu dem Tisch, den sie in der ersten Woche mit Severus geteilt hatte, setzte sich und wartete auf ihre Anweisungen.

„Ich muss sagen, Miss Devereux, ich war ein wenig enttäuscht, als ich die Nachricht von Ihrem und Mr. Snapes Nachsitzen hörte", versuchte er streng zu klingen, doch er lächelte freundlich.

„Es tut mir leid, Professor. Hoffentlich kommt das nicht wieder vor", murmelte sie und spürte, wie sie rot wurde.

Nach allem, was sie durchgemacht hatte, hasste sie immer noch den Gedanken, einen ihrer Professoren zu enttäuschen.

„Oh ho! Wenn man vom Teufel spricht, so erscheint er! Guten Abend, Mr. Snape", rief Slughorn in Richtung der Tür.

Hermione spürte, wie ihr ein Schauer über den Rücken lief. Es war das erste Mal, dass sie ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, seit fast einer Woche zuvor. Sie erstarrte und blieb mit dem Gesicht nach vorne stehen.

„Professor", grüßte er, als sie seine Schritte näher kommen hörte.

Severus saß an dem Schreibtisch, der am weitesten von ihr entfernt war, und hatte nicht einmal in ihre Richtung geschaut.

„Nun, da Sie beide angekommen sind – "

„Sie meinen, es sind nur wir, Professor?" fragte Severus mit einem Hauch von Erleichterung in seiner Stimme.

Slughorn lachte. „ Natürlich, lieber Junge. Professor McGonagall hielt es für... äh – konstruktiver wenn Sie während Ihres Nachsitzens von Ihren Gryffindor-Freunden getrennt wären."

„Das sind keine Freunde von mir", murmelte Severus.

„Wir wollten nicht, dass sich das, was letztes Wochenende passiert ist, wiederholt", beendete Slughorn und tat so, als hätte Severus nicht gesprochen. „Aber ganz unter uns", flüsterte er, „bei mir sind Sie besser aufgehoben. Man munkelt, Professor McGonagall lässt sie im Krankenflügel Bettpfannen putzen. Keine Magie", zwinkerte er wieder.

Hermione konnte sich ein Kichern nicht verkneifen und stellte sich die Gesichter von Sirius und James vor, als sie erfuhren, wie ihre Strafe aussehen würde. Sie blickte zu Severus und sah, dass er ein Lächeln aufgesetzt hatte, und sie nahm an, dass er sich dasselbe vorstellte. Als er sie jedoch ansah, verschwand das Lächeln schnell aus seinem Gesicht, und er wandte

sofort den Blick ab.

Professor Slughorn teilte den beiden dann die zu reinigenden Gegenstände zu. Hermione sollte sich um Waagen, Rührstäbe und Phiolen kümmern. Severus wurde angewiesen, sich um die Kessel zu kümmern. Im folgenden Monat würden sie alle Gegenstände reinigen, auch die Ersatzgegenstände, die normalerweise im Schrank lagen und im Klassenzimmer nicht zum Einsatz kamen.

Während Hermione eine besonders schmutzige Waage schrubbte, versuchte sie, einen Plan auszuarbeiten, wie sie Severus nach dem Nachsitzen in die Enge treiben konnte, da sie ihn vor ihrem Professor nicht gerade ansprechen konnte. Ihr fiel nichts Konkretes ein und sie hatte sich schon fast dafür entschieden, ihm einen Ganzkörperbindefluch aufzuerlegen, entschied sich dann aber dafür, dass ihr das höchstwahrscheinlich noch ein paar Wochen Nachsitzen einbringen würde.

Sie beobachtete ihn im Laufe des Abends ein paar Mal aus dem Augenwinkel. Er reinigte pausenlos und akribisch jeden Zentimeter der Kessel. Er streckte sich nicht, ruhte sich nicht aus und sah die ganze Zeit nicht von den Gegenständen vor ihm weg. Er schien sich wirklich Mühe zu geben, so zu tun, als würde Hermione nicht existieren.

Nach fast drei Stunden räusperte sich Professor Slughorn. „Also gut, also gut. Ich denke, das reicht für diese Woche."

Hermione war dankbar, als sie den Lappen und den Rührstab, den sie gerade putzte, ablegte und die Arme ausstreckte, um ihre verkrampften Finger zu beugen.

„Machen Sie sich keine Sorgen um das Wegräumen, das übernehme ich für Sie", sagte Slughorn freundlich.

„Danke, Sir", sagten Hermione und Severus gleichzeitig, dann drehten sich beide um und sahen sich an.

Hermione schenkte ihm ein halbes Lächeln, was Severus mit einem Schnauben und Augenrollen beantwortete.

Slughorn beäugte die beiden mit einem fast misstrauischen Ausdruck in den Augen. „Gut. Na dann, ab mit Ihnen."

Als Hermione gute Nacht sagte und sich zum Gehen wandte, sah sie Severus mehr oder weniger aus dem Klassenzimmer rennen. Sie wollte versuchen, ihn einzuholen, aber kurz bevor sie die Tür erreichte, hielt Professor Slughorn sie auf.

„Oh, Miss Devereux. Auf ein Wort, bitte?"

Hermione spürte, wie die Enttäuschung sie durchfuhr, während sie ein falsches Lächeln aufsetzte.

„Sir?"

„Ich weiß nicht, ob Sie es schon von Miss Bones gehört haben, aber ich bin bekannt dafür, dass ich ab und zu eine Dinnerparty organisiere."

Jetzt kommt es, dachte sie.

„Nein, Sir. Das habe ich nicht." Hermione bemerkte, wie sich sein Mund zu einem kleinen Stirnrunzeln verzog. „Zumindest noch nicht. Vielleicht wollte sie nur nicht, dass ich mich bei etwas so Exklusivem ausgeschlossen fühle", fügte sie hinzu und spielte damit auf sein Ego an, das fast so groß war wie sein dicker Bauch.

Es schien gewirkt zu haben, denn das Lächeln kehrte im Nu in sein Gesicht zurück.

„Natürlich", nickte er. „Nun, es ist für die Besten und Klügsten von Hogwarts und ich würde mich freuen, wenn Sie sich uns einmal anschließen würden."

Es kostete Hermione all ihre Kraft, nicht ihre Augen zu verdrehen.

„Ich danke Ihnen, Sir. Es wäre mir ein großes Vergnügen!"

Ihr Gesicht begann davon zu schmerzen, ein falsches Lächeln aufzusetzen.

„Ausgezeichnet! Sie werden bald eine Eule erhalten, meine Liebe!" Er strahlte. „Jetzt besser ab mit Ihnen. Sie wollen doch nicht, dass Filch Sie nach der Ausgangsperre aus dem Bett erwischt."

„Gute Nacht, Professor."

Wie sie vermutet hatte, war Severus schon lange weg, als sie aus dem Klassenzimmer kam. Sie spürte einen kleinen Stich der Traurigkeit, als sie den dunklen und leeren Korridor hinunterblickte. Ein weiterer vergeudeter Tag.

Als sie zum Ravenclaw-Turm zurückkehrte, versprach sie sich, in der nächsten Woche ein paar wesentliche Fortschritte zu machen, und wenn es das Letzte war, was sie tat.

Offenbar hat sie eine tolle Party verpasst, dachte sie, als sie den Gemeinschaftsraum betrat. Rita und Lockhart lagen ohnmächtig auf einem der Sofas, immer noch aufrecht sitzend. Edgar lag auf einem Sessel, eine leere Flasche immer noch in der Hand. Bagman lag mit dem Gesicht nach unten auf dem Teppich vor dem Kamin, der schon lange ausgebrannt zu sein schien. Die beiden anderen Mädchen und Sturgis lagen übereinandergeschlagen auf der anderen Couch. Das Schnarchen war unwirklich.

Hermione lachte leise vor sich hin, zauberte mehrere Decken herbei und deckte ihre MitschülerInnen zu, bevor sie sich auf den Weg zu ihrem Bett machte. Als sie den Schlafsaal betrat, hörte sie ein Würgen aus dem Badezimmer, das sie mit den anderen Mädchen teilte.

Als sie hereinkam, lag Amelia auf dem Boden, den Kopf an die Wand neben der Toilette gelehnt.

„Her – Her-minn-oh-nee", stöhnte sie und massakrierte ihren Namen.

„Oh Amelia…" Hermione konnte sich ein Lachen nicht verkneifen. „Sieh mal, wie du aussiehst. Brauchst du irgendetwas? Wasser vielleicht?"

Amelia nickte. Dann weiteten sich ihre Augen, und sie bedeckte ihren Mund, bevor sie ihren Kopf schnell über die Toilette steckte, wo sie sich heftig übergeben musste.

Hermione rümpfte die Nase und spürte, wie sich ihr Magen von dem Geruch umdrehte. „Ich bringe dir gleich dein Wasser."

Sie eilte hinaus und zurück in ihren Schlafsaal.

Zum Glück standen jede Nacht Krüge mit Wasser und Gläser neben den Betten. Hermione ging zu Amelias Tisch und schenkte ein Glas ein, um es mit zurück zu nehmen. Sie war sich nicht sicher, ob die SchülerInnen in dieser Zeit wilder waren als zu ihrer Zeit oder ob die LehrerInnen nachsichtiger waren, aber die Szene im Ravenclaw-Turm hatte sie noch nie gesehen. Es amüsierte sie ebenso sehr wie es sie entsetzte.

Als Hermione wieder bei Amelia ankam, war sie nun genauso bewusstlos wie der Rest ihrer FreundInnen. Mit einem schweren Atemzug holte Hermione ihren Zauberstab heraus und ließ Amelia in ihr Bett schweben.

Als sie ihr die Schuhe auszog, regte sich Amelia.

„Wie war Nachsitznnn", lallte sie.

„Es war Nachsitzen", sagte Hermione achselzuckend und kicherte leicht.

„Schade, dass du es verp- pppasst hast."

Hermione lachte und warf Amelias Schuhe auf den Boden.

„Ja, das ist wirklich schade", stimmte sie zu.

Amelia rollte sich auf die Seite, worüber Hermione froh war, als sie sich unter ihre Decke kuschelte. Sie gähnte laut.

„War Snape ein Idiot?" flüsterte sie.

Hermione zog sich ihr Nachthemd an und legte sich ins Bett, bevor sie antwortete. Technisch gesehen war er es nicht. Er hat nicht einmal mit ihr gesprochen.

„Wir haben kein Wort miteinander gesprochen", antwortete sie schlicht.

„Das ist schön", murmelte Amelia, bevor sie zu schnarchen begann.

Mit einem leichten Kopfschütteln machte es sich Hermione bequem und schloss die Augen. Aber das würde sich ändern, dachte sie. Selbst wenn sie ihm durch das Schloss nachstellen müsste, würde sie ihn kriegen. Das musste sie, denn was machte sie sonst überhaupt hier?

Bald darauf schlief sie ein. Ihre Träume waren erfüllt von Blitzen dunkler Augen, verzauberten Blasen, großen Schlangen, viel Blut und einem hohem, grausamen Lachen. Es war keine erholsame Nacht.