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14. Oktober 1976
Hermiones Mund wurde trocken. Sie konnte doch jetzt unmöglich nach Hause zurückkehren! Nicht, wenn sie gerade erst begonnen hatte, die Mauer zu durchdringen, mit der Severus sich so sorgfältig abschirmte. Sie war noch nicht fertig, ihr Auftrag war noch nicht erfüllt. Wie konnte Dumbledore sie schon zurückschicken wollen?
Hermione schluckte laut. „Sir?" flüsterte sie mit rauer Stimme.
Sie hatte versagt? Aber sie konnte nicht versagt haben. Hermione hatte noch nie versagt! Panik machte sich in ihr breit. Ihr Atem wurde unregelmäßig und sie begann zu schwitzen.
„Mein liebes Mädchen", begann Dumbledore sanft, „bitte machen Sie sich keine Sorgen."
Keine Sorgen machen? Wie hätte sie das nicht tun können, wenn sie ihren Auftrag so eindeutig nicht erfüllt hatte?
„Miss Granger", sagte er etwas strenger. „Bitte hören Sie, was ich Ihnen sage. Ich möchte nur mit Ihnen besprechen, wie wir Sie in Ihre Zeit zurückschicken. Ich sage nicht, dass es in diesem Augenblick geschieht."
Sie würde nicht gehen? Sie hatte nicht versagt? Sie hatte noch Zeit?
Als sie ihn das sagen hörte, löste sich die Angst, die sie noch eine Sekunde zuvor empfunden hatte, in Luft auf. Er hatte nicht die Absicht gehabt, sie zurückzuschicken. Sie hatte noch Zeit, sagte sie sich wieder.
Hermione blickte verlegen zu Dumbledore auf, denn sie kam sich langsam dumm vor, weil sie es zugelassen hatte, sich so gehen zu lassen.
„Es tut mir leid, Sir. Der Gedanke, in diesem Moment nach Hause zurückzukehren, war einfach ein kleiner Schock."
Dumbledores Augen wurden weicher.
„Miss Granger. Ich werde Sie nicht zur Rückkehr zwingen, wenn Sie nicht bereit sind. Wenn die Zeit gekommen ist, kommen Sie zu mir, und erst dann werde ich Ihnen bei Ihrer Heimreise helfen", versprach er.
Als sie in 1976 ankam, war Hermione besorgt, dass sie nicht in ihre ursprüngliche Zeit zurückkehren könnte. Sie befürchtete, dass sie in der Vergangenheit feststecken und gezwungen sein könnte, den Rest ihres Lebens in einer Zeitspanne zu verbringen, in die sie nicht gehörte. Aber nach dem, was Dumbledore sagte, ging sie davon aus, dass sie nach Hause zurückkehren würde. Das war zumindest eine große Last, die von ihr abfiel.
„Danke, Sir."
Dumbledore nickte und lächelte traurig.
„Die Last, die ich auf Ihre jungen Schultern gelegt habe", sinnierte er leise, während er die goldene Kette des Zeitumkehrers zwischen seinen Fingern drehte.
Hermione zog eine Augenbraue hoch. Professor Dumbledore hatte Harry, Ron und ihr selbst erlaubt, sich in gefährliche Situationen zu begeben, seit sie elf Jahre alt waren. Sie konnte sich nicht daran erinnern, dass er jemals Gewissensbisse gehabt hätte. Es kam ihr irgendwie ironisch vor, dass der Dumbledore der Vergangenheit, der nie erlebt hatte, dass Kinder so lebensgefährliche Aufgaben übernahmen, derjenige war, der sich dafür entschuldigte. Vielleicht war es ihre Reise in die Vergangenheit und die Übernahme dieser Verantwortung, die seine Sicht auf das, was junge Männer und Frauen bewältigen konnten, veränderte und der Grund dafür war, dass er ihr und ihren Freunden erlaubte, viel mehr zu übernehmen, als es Jugendlichen hätte erlaubt werden sollen.
„Nun", begann Dumbledore und riss Hermione aus ihren Gedanken. „Warum habe ich Sie heute Abend herbestellt."
„Ja, Sir?"
Dumbledore legte den Zeitumkehrer behutsam auf seinen Schreibtisch zurück und faltete die Hände. Er begann zu sprechen, als ob sie nichts Komplizierteres als das Wetter oder was sie zum Abendessen gegessen hätten besprechen würden.
„Glücklicherweise war mein zukünftiges Ich so gnädig, mir Anweisungen zu hinterlassen, wie man das Gerät, das Sie zu uns gebracht hat, möglicherweise verändern kann. Nach dem, was ich bisher herausgefunden habe, scheint dies keine leichte Aufgabe zu sein, Miss Granger, und wird viel Zeit und eine Fülle von komplexen Zaubersprüchen erfordern", erklärte er."
„Sie werden mich also definitiv zurückschicken können?" hoffte Hermione laut.
Dumbledore seufzte. „Definitiv ist ein starkes Wort, Miss Granger."
Hermione spürte, wie ihr das Herz in die Hose rutschte.
„Es ist also immer noch nicht sicher, dass ich nach Hause zurückkehre, Sir?" fragte sie mit gedämpfter Stimme.
Er schüttelte den Kopf. „Wie heißt es so schön? Nur zwei Dinge auf dieser Welt sind uns sicher: Der Tod und die Steuer. Ja?" fragte er leichthin.
Hermione verspürte einen starken Drang zu schreien.
Hatte er den Ernst ihrer Lage nicht erkannt? Wie konnte er nur dasitzen und es auf die leichte Schulter nehmen? Dumbledore war brillant, das war sicher, aber manchmal war er geradezu ärgerlich, dachte sie säuerlich.
„Ja, Sir. So lautet das Sprichwort" Ihre Stimme klang sauer.
Dumbledore kicherte leise über ihren Tonfall. Hermione hätte ihn verhexen können.
„Bevor Sie jetzt Ihren Zauberstab gegen mich richten, wie es Ihnen anscheinend in den Fingern juckt", betrachtete er ihre Zauberstabhand mit Humor in seinen Augen. „Seien Sie versichert, dass es eine fast sichere Möglichkeit gibt, dass Sie nach Hause zurückkehren. Ich habe großes Vertrauen in meine Fähigkeit, die Anweisungen zu befolgen, die ich selbst so großzügig gegeben habe."
Hermiones Kopf begann zu schmerzen. Es gefiel ihr nicht, ihren Glauben auf ‚fast sicher' zu stützen. Aber wenn das alles war, was sie hatte, dann musste sie Dumbledore vertrauen.
„Danke, Sir."
15. Oktober 1976
Am nächsten Tag war die ganze Schule in heller Aufregung, da an diesem Wochenende das erste Quidditchspiel des Jahres stattfand; Gryffindor gegen Ravenclaw. Offensichtlich war es ein mit Spannung erwartetes Spiel, denn beim Meisterschaftsspiel im letzten Jahr waren es dieselben beiden Mannschaften. Zur großen Enttäuschung ihrer MitbewohnerInnen hatten sie den Pokal nur um zwanzig Punkte verloren und waren fest entschlossen, die Gryffindors spektakulär verlieren zu sehen.
Hermione war es eigentlich egal, aber sie setzte ein Lächeln auf und tat so, als würde sie sich für den morgigen Ausgang interessieren. Das lag vor allem daran, dass sie sich in letzter Zeit mit fast der Hälfte des Ravenclaw-Teams angefreundet hatte.
Das Frühstück ähnelte dem, was sie aus ihrer eigenen Zeit in Hogwarts in Erinnerung hatte. Mitglieder von Gryffindor versuchten, sich über die Ravenclaws lustig zu machen, indem sie eine übertrieben dramatische Nachahmung von Otto machten, der wild mit den Armen fuchtelte, als er anscheinend von einem Klatscher am Kopf getroffen wurde, der von Sirius Black stammte, und vom Besen fiel. Dieser Zug hat sie das Spiel gekostet, erzählte Otto traurig über einem kaum angerührten Teller mit Essen.
„Lass sie nicht an dich heran, Otto", sagte Hermione und starrte Sirius an, der gerade von einer Semmel, die James nach ihm geworfen hatte, am Kopf getroffen wurde, dann wie ein Vogel mit den Armen flatterte und rückwärts auf den Boden fiel. Die Gryffindors brachen in schallendes Gelächter aus.
Nach dem Frühstück packten Hermione und Amelia ihre Sachen und verließen gemeinsam die Große Halle. Hermione wurde unterbrochen, als sie Severus sah, der an der Wand lehnte und sie direkt ansah. Amelia schaute Hermione mit großen Augen und dann Severus mit demselben Ausdruck an. Severus warf keinen Blick in ihre Richtung.
„Devereux", nickte er. „Ich habe mich gefragt, ob du mit mir zum Unterricht gehen willst?"
Ein Lächeln breitete sich automatisch auf Hermiones Gesicht aus. Sie fühlte sich nervös, und ein Teil von ihr wusste, dass das nichts mit dem Kaffee zu tun hatte, den sie gerade getrunken hatte.
Sie hörte Amelia neben sich seufzen.
„Wir sehen uns im Unterricht, Hermione", flüsterte sie und warf ihr beim Weggehen einen Blick zu, der Hermione verriet, dass sie sie ganz sicher später noch befragen würde.
Die ganze Zeit über hatte Severus seinen Blick nicht von Hermione abgewandt.
Als Amelia außer Sichtweite war, ging Severus auf Hermione zu und gestikulierte den Flur entlang.
„Wollen wir?"
Das war eine Premiere. In letzter Zeit waren sie nur kurz nach dem gemeinsamen Unterricht zusammen gegangen, nie hatte er sie am Morgen begrüßt. Diese Zeit verbrachte sie normalerweise mit Amelia.
Sie fand es jedoch seltsam angenehm, mit ihm zusammen zu sein. Sie war bei weitem nicht mehr so eingeschüchtert von ihm, wie sie es bei ihrer Ankunft war. Sie würde sogar sagen, dass sie den Weg zur Freundschaft beschritten hatten.
„Wie war dein Treffen mit Dumbledore gestern Abend?" fragte er.
Ehrlich gesagt war es nicht so schlimm, wie sie es sich vorgestellt hatte, aber sie würde sich selbst belügen, wenn sie behaupten würde, dass ihr Gespräch mit Dumbledore sie an diesem Morgen nicht nervös gemacht hatte. Es hatte sie nur daran erinnert, dass sie aus einem bestimmten Grund dort war. Und dieser Grund sah sie mit einem neutralen Blick an und wartete auf eine Antwort.
„Es war gut, danke. Er fragte, wie das Semester läuft und ob ich schon FreundInnen gefunden habe. Ob es mir schwer fällt, mich anzupassen. Du weißt schon, typischer Onkelkram", scherzte sie mit einem kurzen Lachen.
Severus nickte. „Und kommst du gut zurecht?"
Er klang besorgt, wie sie feststellte, auch wenn sein Gesicht etwas anderes zu zeigen versuchte.
„Das tue ich", gab sie zu und war schockiert, als sie merkte, dass sie es ernst gemeint hatte.
Severus schenkte ihr ein Lächeln. „Gut zu hören."
Wenn jemand Hermione vor einem Monat gesagt hätte, dass sie mit Severus zum Unterricht gehen, sich mit ihm unterhalten und ihn sogar zum Lächeln bringen würde, hätte sie sie für verrückt erklärt. Aber in letzter Zeit hatte er sich verändert. Sie konnte nicht genau sagen, wann es passiert war, aber es schien in der Nacht begonnen zu haben, als er sich zu ihr in den Krankenflügel geschlichen hatte. In dieser Nacht hatte er versucht, ihr etwas mitzuteilen – sie zu warnen wäre vielleicht etwas genauer gewesen. Sie wusste, dass die Warnung sich darauf bezog, dass sie versuchte, sich mit ihm anzufreunden, aber das schien ihn nicht mehr zu beunruhigen. Nicht mehr, seit sie begonnen hatten, jede Nacht zusammen zu lernen. Vor allem in der letzten Woche schienen die beiden in eine Routine gefallen zu sein. Der Gedanke daran gefiel ihr sehr.
„Hey Devereux -"
Sie verdrehte die Augen. „Wirklich, Severus. Ich denke, wir sind über Devereux hinaus, oder? Wirst du mich nie Hermione nennen?"
Er atmete dramatisch aus.
„Was ich gerade zu sagen versuchte", fuhr er laut fort.
Hermione schürzte ihre Lippen.
„Gehst du morgen zum Quidditchspiel?" fragte er.
Das war eine seltsame Frage, die er da stellte, dachte sie. Sie dachte sich, wenn sich jemand weniger für Quidditch interessierte als sie, dann war es Severus. Sie hatte eigentlich nicht vor, hinzugehen, aber dann fragte sie sich, ob sie es tun sollte. Wenn er mit ihr gehen wollte, meinte sie.
Sie wusste nicht, wie sie antworten sollte. „Ähm ..."
Sein Mundwinkel hob sich.
„Denn wenn du nicht gehen würdest, wollte ich vorschlagen, vielleicht nonverbale Bannsprüche zu üben. Ich...", er brach ab, aber für Hermione hörte es sich so an, als hätte er etwas in der Art gemurmelt, dass er ihre Hilfe dabei bräuchte.
Bei dem Gedanken, den Nachmittag allein mit ihm im Schloss zu verbringen, wurde sie sofort hellhörig.
„Natürlich!" stimmte sie mit echter Begeisterung zu.
Severus räusperte sich und antwortete mit einem steifen Nicken.
Als sie das Klassenzimmer betraten, nahm Hermione ihren üblichen Platz neben Amelia ein, und Severus setzte sich neben das Slytherin-Mädchen. Hermione versuchte, das Loch, das Amelia durch sie starrte, zu ignorieren, aber nach ein paar Minuten konnte sie es nicht mehr.
„Was?" zischte Hermione.
Amelia warf einen kurzen Blick auf Severus, der damit beschäftigt war, seine Sachen für den Unterricht auszupacken, und wandte sich dann mit einem Grinsen im Gesicht wieder Hermione zu.
„Du stehst auf ihn!" flüsterte sie und rümpfte die Nase, als ob sie etwas Fauliges riechen würde.
Amelia hätte sich nicht mehr irren können. Natürlich stand Hermione nicht auf ihn! Was für ein absurder Gedanke, den sie da hatte. Hatte sie gedacht, dass Severus interessant war? Ja. Hatte sie ihn auf seltsame Weise attraktiv gefunden? Vielleicht ein wenig. Hatte sie in letzter Zeit die lästige Angewohnheit, Schmetterlinge im Bauch zu bekommen, wenn sie ihn sah? Möglicherweise. Aber stand sie auf ihn? Nein. Nein, das war einfach völlig daneben. Sie war mit Ron zusammen – sozusagen. Hermione war nicht der Typ Mädchen, der mit einem neuen Kerl durchbrennt, sobald der alte außer Sichtweite ist. Sie genoss nur Severus' Gesellschaft, das war alles. Ganz zu schweigen davon, dass sie versuchte, sein Leben zu retten.
Hermione schnaubte.
„Du könntest nicht falscher liegen, Amelia", spottete sie.
Amelia verdrehte die Augen. „Genau. Was immer du sagst, Hermione."
Für den Rest der Stunde bemühte sich Hermione, Amelia zu ignorieren. Um ehrlich zu sein, ärgerte sie sich über sie, weil sie zu solch einer absurden Annahme kam. Konnte Hermione nicht einfach nur einen neuen Freund finden wollen? Wäre das so schwer zu glauben gewesen?
Unnötig zu erwähnen, dass sie sich besonders anstrengen musste, ihren Blick die ganze Stunde über nicht auf Severus' gebeugte Gestalt fallen zu lassen.
Während Hermione ihre Freistunde hatte, saß sie mit einigen ihrer MitbewohnerInnen vor dem Schloss. Zu ihrem Unbehagen waren auch einige der Gryffindors dort draußen.
Als James, Sirius, Peter und Remus vorbeikamen, glaubte sie, James sagen zu hören: „Aber wirklich, Tatze, meinst du nicht, wir sollten es tun? Ich meine, wir könnten eine Menge Ärger bekommen, wenn wir uns nicht anmelden und erwischt werden."
„Krone", flüsterte Sirius, „denk mal an den Ärger, den wir bekommen würden, wenn Dumbledore herausfindet, was wir jeden Monat mit Moony hier gemacht haben."
„Ich bin der gleichen Meinung wie Sirius", mischte sich Peter ein.
„Natürlich bist du das", zischte James.
Hermione drehte den Kopf und sah Remus in die Augen, der knallrot wurde und sofort wegschaute.
„Lassen wir es gut sein, ja? Wir besprechen das später", sagte Remus schnell.
Hermione hatte ein mulmiges Gefühl, denn sie dachte, sie wüsste genau, wovon sie sprachen. James, Sirius und Peter waren alle unregistrierte Animagi, und sie wusste, dass das auch so bleiben musste. Wenn James Zweifel hatte, hätte es vielleicht nicht geschadet, ihn in die richtige Richtung zu schubsen.
„Hey, ich wollte euch alle etwas fragen", begann sie laut und sprach zu der kleinen Gruppe von Ravenclaws, in der Hoffnung, dass die Gryffindors zuhören würden.
Die Köpfe ihrer FreundInnen drehten sich alle in ihre Richtung. „Was ist los, Hermione?" fragte Edgar.
„Hat jemand von euch schon einmal daran gedacht, ein Animagus zu werden? Ich spiele nämlich schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken."
Ihre Frage hatte die gewünschte Wirkung. Sie warf einen Blick nach rechts und bemerkte, dass die vier Jungen alle stehen blieben. Jeder von ihnen versuchte, so zu tun, als ob er nicht zuhörte, aber es gelang ihnen nicht gerade gut, dies zu verbergen. Remus warf James und Sirius einen panischen Blick zu, als ob er dachte, Hermione hätte sie gerade gehört und verstanden, worüber sie redeten. James brachte ihn schnell zum Schweigen, und sie setzten sich ein paar Meter entfernt ins Gras.
Amelia tippte mit ihrer Feder gegen ihre Lippen.
„Daran habe ich kurz gedacht, nachdem ich Professor McGonagall bei ihrer Verwandlung gesehen habe. Aber es ist eine Menge Arbeit und auch ziemlich gefährlich, oder? Ich weiß nicht, ob das etwas ist, was ich unbedingt machen will und dabei riskiere, mich dauerhaft zu verletzen, wenn etwas schief geht."
Zusätzlich zu den Gryffindor-Jungen, die Hermiones Gespräch belauschten, bemerkte sie eine gewisse Blondine, die so eng mit Lockhart umschlungen war, dass es fast so aussah, als wären sie eine Person, und die Aufmerksamkeit der zukünftigen Reporterin richtete sich plötzlich auf sie.
Hermione hätte sich ohrfeigen können. Natürlich wäre das auch ein für Rita interessantes Thema gewesen! Rita Kimkorn würde auch ein weiterer unregistrierter Animagus werden, der das auch bleiben musste. Ohne Hermione, die Rita am Ende ihres vierten Jahres erpresste, hätte Harry niemals diesen Artikel für den Klitterer in ihrem fünften Jahr schreiben können.
„Wenn du es ernsthaft in Erwägung ziehst, Hermione, bin ich sicher, dass McGonagall dir gerne dabei helfen würde. Vielleicht gibt sie dir ein paar Tipps und sagt dir, wie du dich registrieren kannst, wenn du es geschafft hast", schlug Sturgis vor.
Hermione hätte ihn für die Erwähnung der Registrierung küssen können. Es war die perfekte Überleitung zu dem, was sie sagen wollte, ohne es völlig offensichtlich zu machen.
„Weißt du, ich glaube nicht, dass ich mich registrieren möchte", sagte sie mit einem kurzen Blick in Richtung der Jungen.
Sie glaubte, ein zufriedenes Grinsen auf Sirius' Gesicht zu erkennen, das in James' Richtung adressiert war.
„Aber du müsstest es tun, Hermione", begann Amelia in ernstem Ton und legte die Stirn in Falten. „So steht es im Gesetz."
Hermione hoffte inständig, dass ihre Worte bei den noch nicht registrierten Animagi um sie herum ankommen würden, die so taten, als würden sie nicht zuhören.
„Aber warum?" fragte sie. „Denk darüber nach. Wie sollte das Ministerium jemals davon erfahren? Und würdest du dich wirklich wohl fühlen, wenn sie dich so genau im Auge behielten? Ich glaube, das würde ich nicht."
Sturgis und Amelia schauten entsetzt.
„Aber wenn du erwischt wirst..." Sturgis brach ab.
Edgar lächelte. „Ich stimme Hermione zu. Stell dir nur vor, was du alles anstellen könntest, wenn du nicht registriert wärst. Und wie aufregend es wäre, wenn niemand wüsste, was du tun könntest."
Amelia verdrehte die Augen. „Was du alles anstellen könntest? Sag mir, lieber Bruder, was für einen Blödsinn könntest du als Tier anstellen?"
„Nun, für den Anfang, meine liebe Schwester, hätte ich es leichter, mich in die Mädchentoiletten zu schleichen", lachte er und alle außer Amelia stimmten ein.
Amelia schloss die Augen und atmete laut aus.
„Natürlich", stimmte sie sarkastisch zu.
Das Gespräch verstummte bald darauf, und mit einem verstohlenen Blick in Richtung der Gryffindor-Jungen stellte Hermione fest, dass James' Augen glasig aussahen, und sie hoffte inständig, dass er darüber nachdachte, was sie gerade gesagt hatte.
16. Oktober 1976
Am Samstagmorgen, als die SchülerInnen nach dem Frühstück die Schule verließen, ging Hermione in die entgegengesetzte Richtung, in Richtung des Zauberkunst-Klassenzimmers, in dem sie sich mit Severus verabredet hatte. Sie hatte ihren FreundInnen nicht gesagt, dass sie nicht zum Spiel gehen würde, und sie hoffte, dass sie ihre Abwesenheit entweder nicht bemerken würden oder nicht allzu sauer auf sie wären, wenn sie es täten.
Ein Teil von ihr war froh, einen Grund zu haben, nicht zu gehen. Sie hatte das Gefühl, dass der Anblick von James' Spiel sie zu sehr an Harry erinnert hätte, was bei ihr ein unglaubliches Heimweh ausgelöst hätte. Und sie konnte es sich nicht leisten, die Konzentration zu verlieren.
Als sie das Klassenzimmer betrat, war sie überrascht, dass Severus noch nicht da war. Sie hatte erwartet, dass er schon da sein würde, da sie ihn beim Frühstück nicht gesehen hatte. Während sie auf ihn wartete, zückte sie ihren Zauberstab und beschwor die flauschigen, lilafarbenen Kissen, die Professor Flitwick im Raum aufbewahrte, damit sie Bann- und Beschwörungszauber üben konnten, und stapelte sie ordentlich auf zwei getrennte Stapel auf dem Boden.
Sie warf einen Blick auf ihre Uhr und beschloss, dass sie, wenn er in fünfzehn Minuten noch nicht aufgetaucht war, davon ausgehen würde, dass er nicht kam, und sich in die Bibliothek begeben würde, um die Leere dort auszunutzen.
Mit einem weiteren Schwung ihres Zauberstabs entfernte sie eines der Kissen, legte es vor sich hin und setzte sich in den Schneidersitz. Um sich die Zeit zu vertreiben, holte sie ihr Verteidigungsbuch aus der Tasche, schlug es auf und begann das Kapitel über Vampire zu lesen, das sie vor der nächsten Stunde lesen musste.
Nachdem sie nur wenige Augenblicke gelesen hatte, hörte sie das leise Geräusch einer sich schließenden Tür, gefolgt von leisen Schritten und dem Räuspern einer Person. Hermione klappte ihr Buch zu und legte es neben dem Kissen auf den Boden. Severus ragte über ihr und sah so unbehaglich aus, wie sie ihn noch nie gesehen hatte. Er schlurfte mit den Füßen und spielte mit der Manschette seines Ärmels.
„Devereux", begrüßte er sie, als sie aufblickte.
Sie verdrehte Augen und beschloss, dass sie sich nicht noch einmal die Mühe machen würde, ihn zu korrigieren. Hermione hoffte, dass er sich eines Tages daran gewöhnen würde, ihren Vornamen zu benutzen, aber für den Moment würde sie ihn einfach lassen, sie mit dem falschen Nachnamen anzusprechen. Egal, wie unglücklich sie das machte.
„Guten Morgen, Severus", lächelte sie. „Bereit, an die Arbeit zu gehen?"
Als sie ihr Gewicht verlagerte und versuchte, aufzustehen, bemerkte sie zu ihrem Entsetzen Severus' ausgestreckte Hand. Sie erstarrte einen Moment lang, völlig überrumpelt von der überraschend freundlichen Geste, dann griff sie zögernd nach vorne und legte ihre Hand in seine. Sie war viel wärmer, als sie erwartet hatte, und wieder einmal spürte sie bei seiner Berührung dieses flaue Gefühl im Magen.
„Danke", flüsterte sie.
Er nickte einmal als Antwort und ließ ihre Hand los, sobald sie auf den Beinen war.
Severus sah an Hermione vorbei auf die Kissen auf dem Boden und zog eine Augenbraue hoch.
„Hast du vor, ein Nickerchen zu machen?" fragte er.
Hermione schüttelte den Kopf.
„Warum sind wir hier, Severus?" fragte sie langsam, als würde sie mit einem Kind sprechen.
Er sah über ihren Tonfall nicht amüsiert aus.
„Sie sind für uns zum Üben."
„Oh. Richtig."
„Komm", befahl sie, während sie sich zu einem der Kissenstapel begab, ihren Zauberstab zückte und das verirrte Kissen lautlos auf die anderen beschwor.
Als jeder von ihnen neben seinem eigenen Stapel stand, fiel es Hermione leicht, in die Nachhilfe-Mentalität zu schlüpfen, die sie von den Tagen, an denen sie Ron und Harry geholfen hatte, gewohnt war.
„Nun", begann sie. „Wie es im Standardbuch der Zaubersprüche, Seite zweihundertsiebzig, steht -"
Severus stöhnte.
„Devereux, ich muss mir nicht anhören, wie du das Lehrbuch wiederkäust. Zufälligerweise besitze ich ein Exemplar und könnte es genauso gut selbst lesen."
Hermione schürzte die Lippen und spürte, wie ein Blitz der Wut durch ihren Körper fuhr.
„Ich dachte, du brauchst meine Hilfe, Severus."
„Das habe ich nie gesagt", antwortete er eilig.
So schnell hatte sie ihn noch nie sprechen hören.
Sie lachte laut auf, und seine Augen verengten sich.
„Oh? Dann war es wohl ein anderer großer, übermäßig verschrobener, dunkelhaariger Junge, der gestern gemurmelt hat, ich, ähm... könnte vielleicht Hilfe gebrauchen", forderte sie ihn mit einer treffenden Imitation seiner Stimme heraus.
Früher hätte sie sein Aufblähen der Nasenflügel und der feindselige Blick, den er ihr zuwarf, beunruhigt, aber jetzt nicht mehr. Jetzt starrte sie direkt zurück in seine schwarzen Augen, grinsend wie jemand, der wusste, dass er gerade einen Streit gewonnen hat.
„Du bist unausstehlich, das weißt du doch, oder?" knurrte er.
Hermione gluckste. „Das wurde mir gesagt."
Von ihm, viele, viele Male in der Zukunft.
„Na dann komm, zeig mal, was du kannst. Da du ja offensichtlich nicht gesagt hast, dass du Hilfe brauchst", spottete sie weiter.
Severus stieß ein lautes Seufzen aus und umklammerte seinen Zauberstab so fest, dass Hermione sah, wie seine Knöchel weiß wurden. Sie sah zu, wie er seinen Zauberstab schwang, aber das Kissen auf seinem Stapel blieb fest an seinem Platz. Mit jeder Bewegung seines Zauberstabs wurde sein Gesicht immer roter. Nachdem fast zehn Minuten lang nichts passiert war, fletschte er die Zähne, und Hermione hörte ihn tatsächlich knurren. Sie wusste es jedoch besser und unterdrückte das Kichern, das ihren Lippen zu entweichen drohte. Sie biss sich auf die Innenseite ihrer Wange, um still zu bleiben.
Hermione konnte es nicht länger mit ansehen, wie er sich abmühte.
„Severus?" fragte sie zaghaft.
Nur weil sie zu diesem Zeitpunkt nicht völlig eingeschüchtert war, bedeutete das nicht, dass es nicht immer noch Zeiten gab, in denen er sie nervös machte.
„Was?" knurrte er mit zusammengebissenen Zähnen.
„Ein kleiner Ratschlag?"
Er ließ seinen Arm zur Seite fallen und wand sich zu ihr, Schweiß rann ihm von der Stirn.
„Wenn es sein muss."
Sie hatte ehrlich gesagt erwartet, dass er ihr sagen würde, sie solle sich verpissen. Aber, wenn es sein muss, war in ihren Augen so gut wie, ja, Hermione, bitte zeig mir deine Mittel.
„Du strengst dich zu sehr an. Versuche, nicht so viel darüber nachzudenken, was du tust. Mach es… einfach irgendwie", erklärte sie.
Severus stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus.
„Das ist hilfreich. Mach es… einfach irgendwie...", sagte er mit einer quietschenden Nachahmung ihrer Stimme.
„Willst du meine Hilfe oder nicht, Severus?" schnauzte sie.
Merlin, er war manchmal wirklich ärgerlich, dachte sie.
Er antwortete nicht, sondern sah sie erwartungsvoll an. Für Hermione war das so etwas wie ein Ja.
„Also gut. Versuche, die Beschwörungsformel nicht in deinem Kopf zu schreien. Denke eher daran, wie sich der Zauber anfühlt, wenn du ihn sprichst. Schau zu."
Hermione hob ihren Zauberstab und richtete ihn auf ihren Kissenstapel. Während sie ihren Zauberstab schwang, dachte sie nicht an den Namen des Zaubers, sondern stellte sich vor, wie sich das Kissen von Punkt A nach Punkt B bewegte. Es war, als wäre ihr Geist mit dem Zauberstab in ihrer Hand verbunden, der außerdem mit dem Gegenstand, den sie bewegen wollte, verbunden war, alles durch eine imaginäre Schnur.
Als sie fertig war, lächelte sie, als sie den beeindruckten Gesichtsausdruck sah, den Severus schnell zu verbergen versuchte.
„Wenn ich es schaffe, schaffst du es auch, Severus", ermutigte sie ihn.
Sie glaubte, kurz ein kleines Lächeln auf seinen Lippen aufblitzen zu sehen und auch, dass er sich ein wenig aufrechter hinstellte.
„In Ordnung. Ich werde es noch einmal probieren", sagte er.
Während sie ihm dabei zusah, wie er es wieder und wieder versuchte, musterte Hermione sein Gesicht genau. Sie versuchte so gut es ging, den Gedanken zu ignorieren, der ihr durch den Kopf schoss, Er ist wirklich ziemlich attraktiv. Ihre Aufmerksamkeit wurde von seinen schwarzen Augen abgelenkt, als sie das Kissen in ihrem Blickfeld wackeln sah.
„Das ist es, Severus! Du schaffst es!" feuerte sie ihn an.
Sie war sich nicht sicher, ob es an ihrer Ermutigung lag oder nicht, aber kurz darauf hob sich das Kissen in die Luft und flog quer durch den Raum, bis es sanft vor der Tür landete.
„Du hast es geschafft!" rief sie aus.
Severus lächelte aus vollem Halse, dann begann er, den Rest seines Stapels quer durch den Raum zu schicken, ein Kissen nach dem anderen.
Sie übten noch eine halbe Stunde weiter, dann beschlossen sie, dass es für heute genug war. Die beiden nahmen sich jeweils ein Kissen, legten es auf den Boden und setzten sich einander gegenüber. Severus griff nach seiner Tasche.
„Hungrig?" fragte er, während er sie durchwühlte.
Sie waren schon seit ein paar Stunden hier drinnen, aber Hermione hatte nicht bemerkt, dass sie Hunger hatte, bis er sie fragte.
„Ja, tatsächlich."
„Gut", sagte er und holte ein paar Gurkensandwiches und zwei Flaschen Butterbier heraus.
Hermione war geradezu verblüfft. Wie – wie... aufmerksam, dachte sie.
„Ich habe mich in die Küche geschlichen", erklärte er und beantwortete damit die unausgesprochene Frage, die Hermione deutlich ins Gesicht geschrieben stand. „Deshalb war ich spät dran."
„Das war sehr aufmerksam von dir, Severus. Danke", sagte sie, während sie nach ihrem Sandwich griff.
Die beiden aßen einige Augenblicke schweigend, doch als Hermione aufblickte, sah sie, dass Severus sie mit einem höchst merkwürdigen Ausdruck anstarrte. So wie er sie ansah, war es, als würde er versuchen, ein Rätsel zu lösen oder eine besonders schwierige Rune zu übersetzen. Hermione fühlte sich unbehaglich und exponiert.
„Ja?" fragte sie, nachdem sie einen Bissen hinuntergeschluckt hatte.
Es schien, als hätte Severus nicht bemerkt, dass er sie anstarrte. Er senkte den Blick und nahm einen großen Bissen von seinem Essen, dann schüttelte er den Kopf.
Während sie dem jungen Mann vor ihr beim Essen zusah, fiel es ihr schwer zu glauben, dass er derselbe war, der sich schon bald mit Voldemort und den Todessern verbünden würde. Er schien nicht der Typ zu sein, der diesen Unsinn glauben würde, und sie fragte sich, was ihn dazu gebracht hatte, diesen dunklen Weg einzuschlagen. In diesem Moment schien er ein missverstandener Junge zu sein, der ein wenig unbeholfen, super intelligent und sehr einsam war. Vielleicht brauchte er nur eine wahre Freundin? Das war etwas, wozu sie in der Lage sein würde. Deshalb war sie ja da.
Bald waren sie mit dem Essen fertig und waren sich einig, dass es Zeit war, sich für den Nachmittag zu trennen. Sicherlich war das Spiel vorbei und ihre FreundInnen waren wahrscheinlich besorgt, da sie seit dem Frühstück nicht mehr gesehen worden war.
Nachdem sie ihre Sachen gepackt und das Klassenzimmer verlassen hatten, bevor sie in entgegengesetzte Richtungen gingen, blieb Severus direkt vor ihr stehen. Er räusperte sich und vermied den Blickkontakt mit ihr.
„Was ist los, Severus?" fragte sie.
Er trödelte einen Moment, dann sah er ihr direkt in die Augen. Hermiones Herz pochte.
„Ich wollte nur – ich meine – ähm...", er fuhr sich mit der Hand durch die Haare, es war klar, dass er sich unglaublich unwohl fühlte. „Danke, Hermione", sagte er mit so viel Nachdruck, dass es schien, als würde er ihr für mehr als nur ihre Hilfe an diesem Tag danken.
Hermiones Blick erweichte, und sie verfluchte im Geiste diese verdammten Schmetterlinge, die sich jetzt in ihrem Bauch in Fledermäuse zu verwandeln schienen. Nie hatte ihr eigener Name schöner geklungen.
