48. So viel zum Thema: Familie über alles. – TEIL 2


Was zuvor geschah…

Nachdem Jacob gemeinsam mit Jess den Cullens die Nachricht über die Auflösung des Vertrages überbracht hat und sie beide in ein Handgemenge mit Edward verwickelt wurden, will Sam die Wölfe auf einen eventuellen Angriff und dessen Verteidigung vorbereiten. Seth ist jedoch ganz und gar abgeneigt davon, eine Auseinandersetzung mit den Cullens zu beginnen, ganz zu schweigen davon jemanden zu verletzen oder sogar zu töten. Jenny und Jess sehen ihn deshalb, und weil er enge Verbindungen zu den Cullens pflegt, als Schwachstelle an. Vielleicht könnte sogar jemand versuchen, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Aber auch Renesmee könnte versuchen, sich Jacob zu nähern.


Ein erneuter Schlag auf meinen Sessel brachte mich dazu, Sam ungewollt meine Aufmerksamkeit zu schenken, währenddessen er erklärte, dass man sich darauf durchaus einigen könnte. Aber dass er natürlich dennoch vollen Einsatz und ständige Verfügbarkeit erwartete, sollte tatsächlich jemand Unerwünschtes unser Gebiet betreten.

Ich bemerkte erst, als er sich erhob, dass Seth und Jess noch immer miteinander kommunizierten oder…was auch immer. Nun war ich sicher, dass sie irgendetwas tat, von dem niemand hier wissen wollte, was es war.

„Jacob, du solltest dir überlegen, wem du hierbei vertraust.", sollte heißen, dass ich Seth entweder bekehren oder loswerden musste. Oder ihn von allem ausschließen sollte, das Quileute, Stamm, Reservat oder Rudel hieß.

„Sicher.", antwortete ich und meinte damit nur: ‚Du kannst mich mal.'

Begleitet von Jenny und Leah verfrachtete er sich nach draußen, ohne auch nur ein weiteres Wort mit mir zu wechseln. Fast so, als unterläge alles weitere jetzt meiner Verantwortung und die Details überließ er der Einfachheit mir. Missmutig verfolgte ich, wie Embry nur widerwillig das Haus verließ. Den Blick auf Jess geheftet und mit einem plötzlich nicht enden wollenden Wortstrom – zuvor hatte er sich nur spärlich bis gar nicht am Gespräch beteiligt – machte er es einem schwer, ihn loszuwerden. Jess hingegen schenkte ihm diesmal weit weniger Aufmerksamkeit, als gewöhnlich. Das hatte jedoch einen weiteren, beunruhigenden Grund: Seth.

Mit einem Lächeln, das alles versprach, ohne je etwas zu geben, fragte sie Seth, ob er nicht Interesse daran hätte, dass sie ihm kampftechnisch etwas beibrächte. Woher diese Idee kam und was sie damit zu erreichen gedachte, konnte ich mir nicht erklären. Ebenso wenig war es mir verständlich, weshalb Seth so begeistert davon war.

„Ich bin praktisch die meiste Zeit hier, also falls zu Lust hast, komm einfach vorbei."

„Jess?", wiederholte sich Embry nun zum dritten Mal, und schaffte es, dass sie ihn ansah: „Wann, heute?" Ich starrte ihn an. Statt in Ruhe Pläne für weitaus wichtigere Dinge zu schmieden, würde es also heute eine Pyjamaparty geben?

„Oh…ich fürchte, das habe ich ganz vergessen. Aber vielleicht ein andermal?"

Sofort nahm sie Seth wieder in Beschlag, diesmal jedoch nur, um ihm für den Bruchteil einer Sekunde die Schulter zu tätscheln. Dann verabschiedete sie beide und verzog sich ins Haus.

Währenddessen Embry und ich dastanden wie frisch abserviert, machte sich Seth offenbar guter Dinge auf den Heimweg. Also erwiderte ich ebenfalls eine matte Verabschiedung und schloss die Tür hinter mir, auf der Suche nach Jess.

„Das nenne ich mal eine Kehrtwende um hunderundachtzig Grad.", begann ich und beobachtete, wie sie einige scheinbar unnötige Handgriffe in der Küche erledigte, so als wollte sie sich beschäftigt geben. Merkwürdigerweise wirkte sie stets sehr behändig in diesen Dingen, obwohl ich fast sicher war, dass sie, bevor ich ihr angeboten hatte, hier zu wohnen, nicht allzu viel damit zu tun hatte. Wahrscheinlich lag es eher daran, dass sie schon genug Lebensjahre auf dieser Erde verbracht hatte, um so einige Leben zu führen.

Ich wollte gerade nachfassen und ihr nun eine offensivere Frage stellen, da reagierte sie von selbst: „Wenn du etwas sagen möchtest, Jacob, dann tu es."

Zumindest konnte ich so schon einmal sicher gehen, dass sie etwas getan hatte, das ich nicht unbedingt gutheißen würde. Und dass dort definitiv irgendetwas gelaufen war zwischen Seth und ihr.

Ich überlegte einen Moment, ob es sinnvoller war, sie jetzt darauf anzusprechen, oder ob ich besser die Früchte ihrer Arbeit abwarten sollte. Nur war nicht abzusehen, wie lange es dauerte, bis Seth die Gelegenheit bekam, sich zu beweisen.

„Muss ich mir Sorgen machen?"

„Weswegen?", fragte sie und sah mich womöglich zum ersten Mal an diesem Tag direkt an, wobei sie mir unvermittelt aus der Seele las: „Sorgen um Seth? – Ich glaube nicht." Sie tat es damit mehr oder weniger ab und fuhr in ihrer Arbeit fort.

„War das abgesprochen?"

Ich dachte dabei an dieses merkwürdige Verhalten, das man geradezu Vertrauen und Loyalität nennen konnte, welches ihre Schwester, sie und Sam zu verbinden schien. Erschwerend kam hinzu, dass ich mir Gedanken machen musste, ob sie nun ihm zugeneigt war, anstatt mir.

„Sam gibt mir keine Befehle, falls du das damit sagen willst. Also, er tut es schon, aber das bedeutet nicht, dass ich sie zu befolgen habe. Ich wollte lediglich helfen, diese Situation unter Kontrolle zu halten. Mehr nicht."

Jess klang erschöpft und vielleicht auch enttäuscht. Ich wollte sie nicht anzweifeln, aber was dachte sie denn, wie das auf mich wirkte? Oder auf irgendjemand anderes? Wobei ich wohl oder übel sicher gehen konnte, dass niemand der anderen etwas bemerkt hatte. Dafür kannten sie Jess nicht gut genug. Aber konnte ich das denn von mir behaupten?

„Erklärst du mir, was du gemacht hast?", bat ich sie also. Als sie in ihrer Bewegung innehielt, einen weiteren Stapel Geschirr neben der Spüle zu platzieren, nutzte ich die Gelegenheit, mich ihr zu nähern. Mit einem Lächeln wandte sie sich mir zu: „Möchtest du das denn?"

„Würde ich sonst fragen?"

Und damit sagte sie mir, dass alles, was sie jetzt erzählte, schlimmer auf mich wirken würde, als es war. Dass sie Seth bewusst beeinflusst hatte, indem sie ihm ihren Willen aufzwang. Für ihn – und das betonte sie mehrmals – würde es sich aber keinesfalls so anfühlen. Für Seth war das, als hätte man ihn mit Argumenten überzeugt. So als würde es ihm einleuchten und er könne von ganz allein zu dieser Erkenntnis gelangen.

Sie verriet mir nicht genau, wie es funktionierte oder was sie ihm eingebläut hatte. Jess versicherte mir jedoch, dass Seth loyal und ausgeglichen sein würde. Er handelte nicht entgegen seines Willens, da er nun anders darüber dachte.

Was also sollte ich sagen? Ich musste ihr glauben. Und so sehr es mir widerstrebte, Seth auf diese Weise zu etwas zwingen zu müssen, war mir bewusst, dass es im Moment wohl keinen anderen Weg gab. Und irgendwann, wenn wir diese Situation überwunden hatten und sich die Wogen glätteten, dann könnte er wieder ganz der Alte sein.

Das zumindest war es, was Jess mir versprach.

Ich hatte lange überlegt, wann ich wohl das erste Mal hierher zurückkommen würde. Schließlich gab es immer wieder Situationen, in denen ich es vielleicht gewollt, aber doch nicht getan hatte. Ich könnte mir deshalb Vorwürfe machen, ich müsste es sicherlich. Aber letztendlich ging es mir besser damit, es erst jetzt zu tun.

Die letzten Schritte, kurz bevor ich das Grab meines Vaters erreichte, waren lang. Es wirkte befremdlich auf mich – der Stein, die Umgebung, das alles hier… Die Erinnerung an seine Beerdigung war längst nicht mehr frisch, aber sie kam sofort wieder zurück.

Damals hatte ich mich irgendwie über Wasser gehalten. Ich zeigte den Leuten eine Fassade, die nur so lange existierte, bis ich wieder allein war. Wie es dahinter aussah, wusste ich nur zu gut…und Jess ebenso. Ich verdankte ihr viel zu viel, denn in den schlimmsten Momenten war sie für mich da. Ich hätte meinem Vater nicht wieder entgegentreten können, aus Angst, dass all das wieder hervorbrach. Und weil scheinbar nichts mehr von demjenigen übrig geblieben war, den er seinen Sohn nannte. Nun jedoch konnte ich mit Stolz vor ihn treten, konnte sagen, was aus mir geworden war und erzählen, was er während seines Nickerchens schon alles verpasst hatte.

Letztendlich fehlten mir dennoch die Worte.

Ich starrte den Grabstein zu meinen Füßen an und wusste, dass nichts mehr so war wie früher. Ich wollte zu meinem Vater, doch im Grunde würde ich ihn nirgendwo finden – denn er kehrte niemals wieder. Es würde kein Gespräch geben, kein Lächeln aus seinen weisen Augen. Nicht einmal einen spitzen Kommentar. Meine Gedanken überschlugen sich und der Verlust überrollte mich aufs Neue, fand mich noch in der letzten Ecke meines Verstandes, um beinahe wieder alles über den Haufen zu werfen. Wie sollte ich jemals darüber hinwegsehen können, dass mein eigener Vater mich für immer verlassen hatte? In einer Welt, in der Menschen unsterblich werden und sich gegenseitig niedermetzeln konnten wie Maschinen? Vielleicht war es sein Glück, dass er dem entkommen war, vielleicht aber einfach mein Pech. Wenn ich allein damit gewesen wäre, hätte es sicher auch mit mir ein schnelles Ende gefunden. …aber so war es eben nicht. Jess hatte diesen Berg an Gefühlen, mit denen niemand so recht umzugehen wusste, einfach abgefangen. Als machte sie das öfter. Sie schluckte diesen energiegeladenen Wulst, ohne mit der Wimper zu zucken.

„Du hättest sie sehen sollen, Dad.", plapperte ich dann doch plötzlich drauf los und ein heiseres Lachen quälte sich aus meinem Hals: „Sie ist so stark. Also, du weißt, wie ich das meine…so stark wie du. Ein Fels in der Brandung." Ein Schwarm Vögel erhob sich aus einem nahegelegenen Baum, als wäre er von etwas aufgescheucht worden.

„So ungefähr.", antwortete ich mit brüchiger Stimme: „Ich wünschte, du hättest sie mit meinen Augen sehen können." Wehleidig dachte ich an seine letzten Momente mit Jess zurück, wie er sie verwechselte oder anging, weil er zu verwirrt gewesen war. Aber eines hatte er sicher gewusst: dass man ihm helfen konnte…wenn er es nur wollte. Er hatte seine Entscheidung getroffen und wir alle mussten damit leben. Nach einer Ewigkeit, die er hier ohne meine Mutter verbringen musste, konnte ich schließlich nichts anderes, als es zu akzeptieren.