49. Was zu erwarten war – und was nicht. – TEIL 1
Was zuvor geschah…
Nachdem Jacob gemeinsam mit Jess den Cullens die Nachricht über die Auflösung des Vertrages überbracht hat und sie beide in ein Handgemenge mit Edward verwickelt wurden, will Sam die Wölfe auf einen eventuellen Angriff und dessen Verteidigung vorbereiten. Seth ist jedoch ganz und gar abgeneigt davon, eine Auseinandersetzung mit den Cullens zu beginnen, ganz zu schweigen davon jemanden zu verletzen oder sogar zu töten. Doch als er plötzlich deutlich zurückhaltender wird, hinterfragt Jacob seine plötzliche Kehrtwende und Jess gibt zu, dass sie ihn mit ihren Gaben beeinflusst hat.
Seitdem mir Jess gewissermaßen das Verbot erteilt hatte, mein zweites Ich auszuleben, waren nur wenige Tage vergangen. Unser Gebiet blieb nach wie vor unangetastet, was einerseits zwar gut war, aber andererseits nicht bedeuten musste, dass wir uns sicher fühlen konnten. Tatsächlich hätte ich mit einer Reaktion jeder Art gerechnet, zumindest mit irgendetwas.
Nachdem ich mich illegaler Weise körperlich betätigt hatte beim Versuch, meinen Vorgarten von einem Haufen an Autoteilen zu befreien, die in der Werkstatt übriggeblieben waren und nun einen neuen Halter suchten, schleppte ich mich zurück ins Haus. Meine Schulter machte Anstalten, sich zu beschweren, aber sie hatte genug Erholung gehabt. Genau wie ich – zumindest, wenn es nach mir ging. Jess war da anderer Meinung.
„Hast du einen Moment?", hörte ich Sam hinter mir, als ich gerade über die Schwelle trat. Wäre er auch nur eine Sekunde später aufgeschlagen, hätte ich sorgenfrei die Füße hochlegen und so tun können, als wäre niemand zuhause. Tja, aber heute bekam ich keine Sekunde.
Ich lud ihn nach drinnen ein, denn er hatte mir ja praktisch keine Wahl gelassen. Mit seiner mürrischen Miene machte er Billy beinahe Konkurrenz, das musste ich ihm zugestehen.
„Wie kann ich dir weiterhelfen?", fragte ich diplomatisch und sicherte mir erst einmal den Sesselplatz. Sam verblieb stehend, wahrscheinlich verstand er also den Wink.
„Wie geht es dir?"
Einen Moment überlegte ich, ob ich mir eingebildet hatte, dass es tatsächlich Sam war, der gerade sprach. Aber doch, es musste wohl wahr sein.
„Scheinbar recht gut. Ich kann laufen, reden. Und mich am Rücken kratzen."
„Das freut mich zu hören. Du weißt, dass wir jede Unterstützung da draußen gebrauchen können.", erwiderte er und klang dabei fast schon ehrlich. Ich musste mir das einbilden. Wenn ich ihn so ansah, fiel mir außerdem auf, dass neben diesem Ansatz eines freundlich gemeinten Lächelns einige Fältchen zu sehen waren. Meine Augen verfolgten, wie er zum Fenster ging und wieder zurück. Mich beschlich immer mehr das Gefühl, dass es hier um eine ernste Sache ging, die er loswerden wollte. Die Frage war nur, ob ich es überhaupt wissen wollte.
„Weißt du, Jacob", begann er, und ich spürte bereits einen leichten Brechreiz am oberen Ende meiner Speiseröhre: „Ich hatte heute mehrere Gespräche mit meiner Frau, die mich nachdenklich gemacht haben." Ich beäugte ihn mit einer Mischung aus Unglauben und Verwunderung. Dass er sich auf mein Sofa setzen durfte, bedeutete noch lange nicht, dass ich in irgendeiner Weise therapeutische Zwecke für ihn erfüllen würde. Welche Angelegenheit, die er mit Emily besprach, hatte denn für mich Relevanz?
„Das ist natürlich ausgesprochen interessant.", gab ich zurück, woraufhin er mich mahnend ansah.
„Diese Sache mit Renesmee. Wie ernst ist es dir damit? Mit der Trennung, dem Schlussstrich."
Oh, daher wehte also der Wind. Er hielt mich für nicht für ausreichend zurechnungsfähig. Für ihn war ich ebenso eine Sicherheitslücke, wie Seth es gewesen war.
„Ich wüsste zwar nicht, inwiefern dich das betrifft. Oder was es dich angeht – meiner Meinung nach nämlich einen Scheißdreck."
„Jacob."
Noch so eine Geste und dieser väterliche, erzieherische Ton. Für wen hielt er sich denn? Ich schnaubte: „Was glaubst du denn, was ich dir dazu sage? Das war meine Beziehung und damit auch meine Angelegenheit, allein meine. Das hat weder dich noch irgendwen sonst zu interessieren."
„Das hat es schon, wenn dadurch der Stamm in Gefahr gerät. Und wie soll ich das einschätzen, wenn ich nichts darüber weiß?"
Wir bedachten uns gegenseitig mit Blicken, die den jeweils anderen zu durchleuchten versuchten. War erwartete er von mir? Dass ich meine Gefühlswelt so breittreten ließ, wie er es damals mit Leah getan hatte?
Ich überlegte, ob es etwas gab, womit er sich beschwichtigen lassen würde. Etwas, das ihn mir vom Leib hielt und gleichzeitig meine Privatsphäre bewahrte.
„Man hat sich auseinandergelebt, das passiert in den besten Beziehungen. Und das hat sie auch gemerkt – also habe ich es uns beiden leicht gemacht. Irgendwann wird sie das verstehen.", erklärte ich, obwohl er nichts davon verdient hatte, zu hören: „Und dass sie alt genug ist, um ihre Angelegenheiten nicht von Mami und Papi klären zu lassen, das will ich doch schwer hoffen." Zugegeben, dass entsprach mehr meiner Hoffnung, als der Wahrheit. Edwards Drohungen waren vielfältig gewesen und ließen sich nicht unbedingt schnell vergessen. Andererseits war Renesmee nun wirklich nicht mehr das kleine Mädchen, das sie äußerlich zu sein schien.
„Ich kann diese Sache keinen Spekulationen überlassen. Wir müssen vorbereitet sein."
Dafür, dass er ganz schön oft den Kopf verloren hatte in letzter Zeit, wirkte Sam außerordentlich gefasst.
„Das verstehe ich. Aber sollte Renesmee einen Aufstand machen, dann habe ich das unter Kontrolle.", machte ich deutlich. Sie würde mir gegenüber zwar ihre Empathie verloren haben, aber ich war dadurch nicht ohne Bedeutung für sie.
Sam wandte sich erneut ab und schnaufte mehrmals. Ich fragte mich, was Emily gesagt hatte, um ihm diesen Denkanstoß zu geben. Oder vielleicht hatte sie ihm ihr Misstrauen deutlich gemacht.
„Weißt du, Jacob, wenn man alt wird, fängt man an, sich um alles zu Sorgen. Man sieht Schatten hinter jeder Ecke."
Er redete tatsächlich wie ein alter Mann: „Kommt auf den Sonneneinfall an, oder nicht?" Sam zeigte mir sein faltiges Lächeln, aber es verschwand schnell genug, um behaupten zu können, es wäre nie da gewesen.
„Es passieren noch Zeichen und Wunder.", kommentierte ich sein Verhalten und streckte mich im Sessel. Jess musste jeden Moment wiederkommen, wenn sie nicht doch noch jemand anderem ein Date versprochen hatte.
„Da hast du allerdings recht. Ich hätte nicht gedacht, dass du der erste bist, der es erfährt. – Ich werde Vater."
Ich starrte Sam an, als hätte er nun ebenfalls einen Witz gemacht. Eine Sekunde lang überlegte ich, ob es angebracht war, darüber zu lachen…aber glücklicherweise verwarf ich diesen Gedanken rechtzeitig. Es war verrückt. Geradezu unglaublich, wenn man bedachte, in welcher Situation wir uns gerade befanden – aber das konnte man sich ja bekanntlich nicht aussuchen. Erklärte das Sams Handlungen? Hatte er einfach nur Angst um seine junge Familie? Apropos, jung. Das würde zweifellos bedeuten, dass er über kurz oder lang die Verwandlungen einstellen und sich ganz auf sein Menschenleben konzentrieren würde. Dass er sich aus seinem Rudel zurückzog…und wem das Steuer überließ? Es passte irgendwie so gar nicht zu ihm.
„Das ist tatsächlich mal etwas Neues.", brachte ich heraus und versuchte, es möglichst positiv klingen zu lassen: „Darf man denn schon offiziell gratulieren? Oder muss ich jetzt ein Schweigegelübte unterzeichnen?"
„Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht."
Für den Augenblick wirkte Sam wie früher, ganz früher, als er noch wie ein zweiter Vater für mich war. Alles, was es über das Wolfs-Dasein zu wissen gab, hatte er mich gelehrt. Er war mein Mentor gewesen und mein Freund, und ich hatte zu ihm aufgeblickt. Ja, früher…
„Ich weiß es erst seit heute, genau wie du also. Und ich möchte nicht sagen, dass es ungelegen kommt, aber ist auch nicht gerade die Zeit, die ich mir dafür gewünscht hätte."
Ich grübelte noch immer darüber, wie die Jahre so schnell vergangen sein konnten, dass einer von uns bereits die nächste Generation ins Leben rief. Und um ehrlich zu sein, war dies das erste Mal, dass ich für mich selbst dachte, ob das für mich überhaupt jemals infrage kam.
Sam kam nun doch zu mir und ließ sich auf das Sofa fallen. Den Kopf hinten angelehnt und die Beine ausgestreckt, sah er mich an. Als würde er fragen: ‚Und jetzt?' Tatsächlich jedoch sagte er: „Jacob, ich weiß nicht, ob ich mich darüber freuen soll oder nicht. Was, wenn diese ganze Sache hier in die Luft geht, und wir gleich mit? Ich kann Emily nicht dieser Gefahr aussetzen." Gerade so verhinderte ich, dass mir die Kinnlade herunterklappte. Er war doch derjenige, der die Feindseligkeit stets befeuert hatte! Ohne Rücksicht auf Verluste. Aber jetzt kitzelte ihn scheinbar der Angstschweiß an den Nackenhaaren.
„Was für eine Antwort soll ich dir darauf geben? Wir haben etwas angestoßen und es ist ins Rollen geraten. Ich denke nicht, dass es eine Möglichkeit gibt, das jetzt wieder aufzuhalten."
Er schüttelte den Kopf: „Nein, das meine ich nicht. Daran gibt es auch nichts mehr zu ändern. Aber wenn ich Emily fortschicken würde, an einen sicheren Ort…" Ah, daher wehte also der Wind. Er hatte vor, sie aus der Schusslinie zu befördern. Angesichts der aktuellen Lage und was noch daraus entstehen könnte, war das tatsächlich eine seiner besseren Ideen.
„Und jetzt hole ich meinen Globus, damit du den Finger irgendwo auf die Landkarte setzen kannst?"
Ich wollte herausfinden, wie weit weg er sie haben wollte. Denn wir alle wussten nur zu gut, wie fein das Gespür von Blutsaugern sein konnte, die die Chance auf einen saftigen Gegenschlag witterten. Trotz allem wirkte Sam ratlos. Zugegebenermaßen war es auch schwierig, so eine Entscheidung zu treffen, wenn man zeitlebens nicht über Stammesgrenzen hinausgedacht hatte.
„Reden wir bereits von einem anderen Kontinent?", bohrte ich weiter nach, aber in Sams Augen stand nichts als Leere. Vielleicht war das auch erst einmal genug zum Nachdenken für einen Tag. Ich beugte mich nach vorn, um ihm nicht nur körperlich entgegenzukommen: „Also, ich gebe zu, dass ich da kein besonders guter Ansprechpartner bin. Aber ich kenne jemanden, der da vielleicht weiterhelfen kann."
Renesmees gedankliche Weltreisen waren mir lebendig in Erinnerung. Jess jedoch hatte diese Weltreisen tatsächlich gemacht – wenn jemand also jemanden kannte, der jemanden kannte, …dann sie.
Blieb nur noch zu bedenken, ob das auch in Emilys Sinne war. Schließlich sprachen wir hier über sie und ihr zukünftiges Leben – als Mutter. Zugegeben, dieser Gedanke erstaunte und beunruhigte mich gleichermaßen. Wenn es für Sam an der Zeit war, alle Zelte abzubrechen und sich auf sich selbst zu konzentrieren, dann war dieser Schritt für mich womöglich auch nicht allzu weit entfernt. Es fühlte sich allerdings so an.
„Du würdest mir damit wirklich weiterhelfen.", sagte Sam mit einem Funken Anerkennung in der Stimme, der sich wohl positiv auf mein Gemüt legen sollte. Ich hatte jedoch noch nicht vergessen, wie sehr er an mir zweifelte, wenn es um Renesmee ging. Er wusste dazu alles, was ich ihm darüber sagen konnte. Um ehrlich zu sein, hatte ich gar keine Lust, weiter darüber nachzudenken.
„Dann gehe ich jetzt wohl mal eine Grußkarte kaufen. Oder macht man das heutzutage gar nicht mehr? Weiß man denn schon, was es wird?"
Sam erkannte meinen Tonfall und brachte ein müdes Lächeln zustande. Ich hoffte für ihn, dass er sich vor Emily mehr Mühe gegeben hatte. Sam setzte zu etwas an: „Ich werde ihr deine Glückwünsche ausrichten, Jacob, keine So- "
Wir starrten einander an und wussten sofort, dass etwas nicht stimmte. Ein durchdringendes Heulen drang tief aus dem Wald und sagte nur eines… Kommt sofort.
