Kapitel 1: Aus Versehen die richtige ‚falsche' Nummer
Das kühle Licht des Shin-Ra-Hauptquartiers fiel durch die großen Fenster von Sephiroths Büro. Der General der Soldier-Einheit saß auf seinem schwarzen Ledersessel, vertieft in strategische Berichte und Truppenaufstellungen. Sein Schwert, Masamune, lehnte wie immer griffbereit an seinem Schreibtisch, ein stummer Zeuge seiner unnahbaren Gegenwart.
Ein leises Vibrieren durchbrach die Stille. Sephiroth hob eine Augenbraue und nahm sein Handy zur Hand, eine Seltenheit, da er Nachrichten meist ignorierte. Auf dem Display blinkte eine Nachricht von einer unbekannten Nummer.
„Hast du noch alle Latten am Zaun?"
Sephiroth runzelte die Stirn. Wer wagte es, ihm solch eine respektlose Nachricht zu senden? Ein Soldier-Rekrut, der sich einen Scherz erlaubte? Ein Shin-Ra-Mitarbeiter, der dringend einen Disziplinarverweis brauchte? Oder war es ein Versehen?
Seine Finger glitten über das Display, während er eine knappe Antwort eintippte.
„Wer fragt?"
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten.
„Du weißt ganz genau, wer fragt. Spar dir die Unschuldstour, du bist aufgeflogen!"
Sephiroth lehnte sich zurück, ein leichtes, amüsiertes Lächeln spielte um seine Lippen. Es war offensichtlich, dass die Nachricht nicht für ihn bestimmt war, doch die direkte, freche Art des Absenders hatte etwas Faszinierendes.
„Ich fürchte, da haben Sie die falsche Nummer erwischt."
Sephiroth tippte die Antwort sorgfältig ein und ließ seinen Blick für einen Moment auf der Nachricht ruhen, bevor er sie abschickte.
Einige Sekunden vergingen, bevor das Handy erneut vibrierte.
„Haha, sehr witzig. Als ob du das nicht absichtlich sagen würdest, um dich rauszureden!"
Sephiroth zog leicht die Augenbrauen hoch. Es war ungewöhnlich, dass jemand so unerschrocken mit einem Fremden sprach, oder ahnte die Person wirklich nicht, mit wem sie es zu tun hatte?
„Ich versichere Ihnen, ich weiß nicht, wer Sie sind. Und ich bin mir sicher, dass ich nichts getan habe, das Ihre Frage rechtfertigt."
Die Antwort kam schneller, als er erwartet hatte.
„Okay, das wird mir jetzt echt zu blöd. Wenn du so tun willst, als ob du mich nicht kennst, bitte. Ich bin Lea. Und jetzt sag endlich, wer du bist, oder hör auf, Spielchen zu spielen!"
Sephiroth lehnte sich in seinem Stuhl zurück, sein Blick wanderte kurz zur Stadtlandschaft von Midgar. Die Unbekannte Lea schien selbstsicher, vielleicht ein wenig aufgebracht. Das war nicht die Art von Unterhaltung, die er erwartete, doch etwas an ihrer Hartnäckigkeit hielt ihn davon ab, die Sache einfach zu ignorieren.
„Lea also. Ein schöner Name. Ich heiße... nennen Sie mich einfach jemanden, der offenbar aus Versehen in diese Unterhaltung geraten ist."
Die nächste Nachricht ließ einen Moment auf sich warten, was Sephiroth nutzte, um die Situation weiter zu analysieren. Es war lange her, dass ihn etwas, oder jemand, auf eine Weise herausforderte, die nichts mit Gewalt zu tun hatte.
„Okay, also bist du nicht die Person, an die ich das eigentlich schicken wollte?"
Sephiroth schmunzelte leicht. Endlich dämmerte es ihr.
„Nein, bin ich nicht. Und bevor Sie fragen, ich habe wirklich keine Ahnung, wer Sie sind. Oder an wen diese Frage eigentlich gerichtet war."
Ein paar Minuten vergingen, bevor Lea antwortete.
„Oh Gott, das ist mir jetzt so peinlich! Ich hab wohl die Nummer falsch eingegeben... Sorry!"
Der General konnte nicht anders, als leicht zu schmunzeln. Es war ungewöhnlich, wie sehr diese Nachricht seine Monotonie durchbrach. Er tippte eine Antwort.
„Kein Grund zur Sorge. Aber da Sie nun meine Zeit in Anspruch genommen haben, sagen Sie mir doch: Wer ist dieser Mensch, der offenbar alle Latten am Zaun verloren hat?"
Das Handy vibrierte fast augenblicklich.
„Oh, nur jemand, der mich echt genervt hat. Aber das würde dich sicher nicht interessieren. Ich hoffe, ich hab dich nicht gestört."
Sephiroth schüttelte kaum merklich den Kopf. Stören? Diese kleine Episode war erfrischend und sie bot mehr Rätsel, als er auf den ersten Blick vermutet hatte.
„Im Gegenteil. Es hat meinen Abend belebt. Und wer weiß? Vielleicht gibt es ja doch einen Grund, warum diese Nachricht ausgerechnet mich erreicht hat."
Er wartete auf ihre Reaktion und fragte sich, ob Lea neugierig genug war, diese ungewöhnliche Bekanntschaft fortzuführen.
Lea antwortete zögerlich, als ob sie nicht sicher war, ob sie die Unterhaltung fortsetzen sollte.
„Na ja, wenn du es so siehst... Dann erzähl mir mal was über dich. Wer bist du und was machst du? Vielleicht gibt es etwas spanndes zu erfahren, und die Nachrichten an dich hatten wirklich einen Zweck."
Sephiroth hob eine Augenbraue. Die Frau war mutig, oder vielleicht einfach naiv. Aber die Idee, jemandem zu schreiben, der keine Ahnung hatte, wer er war, hatte ihren Reiz. Er beschloss, sich auf das Spiel einzulassen, ohne sich zu sehr zu offenbaren.
„Ich arbeite für eine große Organisation. Mein Job ist es, Dinge unter Kontrolle zu halten."
„Klingt wie ein Security-Typ. Oder bist du so ein Boss, der nur rumsitzt und andere für sich arbeiten lässt?"
Ein leises Lachen entwich Sephiroths Lippen. Die Direktheit dieser Frau war erfrischend.
„Ich würde sagen, mein Job ist ein bisschen... vielseitiger als das. Und du? Was machst du?"
Lea antwortete schnell.
„Ich bin Krankenpflegerin. Arbeite in einem Krankenhaus. Du kannst dir nicht vorstellen, was für Idioten man da manchmal trifft."
Sephiroth lehnte sich zurück, die Antwort überraschte ihn. Lea war also keine einfache Plaudertasche, sondern jemand, der mit Ernsthaftigkeit und Stress umzugehen wusste.
„Das klingt nach einer anspruchsvollen Arbeit. Und offenbar auch nach einer, bei der man viele ‚Latten-am-Zaun'-Momente erlebt."
„Oh, jede Menge. Aber manchmal reicht schon eine falsche Nummer, um meinen Abend aufzuheitern. Du bist immerhin nicht langweilig, ‚Unbekannter mit vielseitigem Job'."
Sephiroth zögerte. Es war lange her, dass er auf so ungezwungene Weise mit jemandem interagiert hatte. Er genoss diese anonymen Gespräche mehr, als er erwartet hätte.
„Ich nehme das mal als Kompliment."
„Das war es auch. Aber jetzt will ich's wissen. Wie heißt du wirklich?"
Der General starrte auf sein Handy. Sollte er seinen Namen preisgeben? Er entschied, das Spiel noch ein wenig in der Schwebe zu lassen.
„Vielleicht verrate ich es dir, wenn du mir noch ein bisschen mehr von dir erzählst."
Lea schickte ein lachendes Emoji zurück.
„Na gut, Deal. Aber pass auf, dass du mir keinen falschen Namen nennst, sonst kriegst du Ärger!"
Sephiroth grinste leicht. Er wusste nicht, wo das hinführte, aber eines war klar. Diese Unterhaltung war der ungewöhnlichste und doch angenehmste Teil seines Tages.
Lea ließ sich nicht lange bitten. Ihre nächste Nachricht kam prompt.
„Okay, ich sag dir, was du wissen willst. Ich bin 23, arbeite seit ein paar Jahren als Krankenpflegerin und versuche irgendwie, mein Leben auf die Reihe zu kriegen. Und du? Was treibt dich so um?"
Sephiroth starrte einen Moment lang auf die Nachricht, bevor er antwortete. Es war eine seltsame Art von Offenheit, die ihn gleichermaßen irritierte und faszinierte.
„23. Ein gutes Alter. Ich bin ein paar Jahre älter als du, und mein Job ist… sagen wir mal, fordernd. Manchmal mehr, als mir lieb ist. Aber er ist notwendig."
Lea antwortete schnell.
„Klingt, als hättest du echt Verantwortung. Ist das nicht manchmal anstrengend? Ich meine, immer derjenige zu sein, der alles regeln muss?"
Sephiroth dachte über ihre Frage nach. Sie klang beiläufig, hatte aber einen tiefen Kern. Verantwortung war ein Thema, das sein ganzes Leben dominierte, und er konnte sich nicht erinnern, wann er zuletzt jemanden hatte, mit dem er darüber so einfach sprechen konnte.
„Es ist Teil meines Lebens. Es bleibt einem nicht viel Wahl, wenn man in einer gewissen Position ist."
„Das klingt… irgendwie einsam, wenn ich ehrlich bin."
Sephiroth hielt inne. Ihre Worte trafen einen Nerv, den er sonst sorgfältig ignorierte. Einsamkeit war ein Schatten, der ihn oft begleitete, doch er ließ sich das nie anmerken.
„Vielleicht. Aber das gehört dazu. Einsamkeit ist kein Fremdwort, wenn man oben steht."
Eine Pause entstand, dann vibrierte das Handy wieder.
„Wow, das klingt echt traurig. Jetzt tut's mir fast leid, dass ich dich mit meiner dummen Nachricht gestört habe."
Sephiroth schüttelte leicht den Kopf.
„Das brauchst du nicht. Deine Nachricht war eine… willkommene Abwechslung."
Ein paar Sekunden vergingen, dann kam eine neue Nachricht.
„Weißt du was? Ich mag dich. Du bist direkt, aber nicht arrogant. Irgendwie geheimnisvoll, aber nett. Ich wünschte, mehr Leute wären so."
Das brachte Sephiroth tatsächlich zum Schmunzeln.
„Nett, hm? Das höre ich nicht oft. Vielleicht liegt es daran, dass du mich nicht wirklich kennst."
„Vielleicht. Aber weißt du was? Das macht's spannend. Und ich bin froh, dass ich deine Nummer erwischt hab. Auch wenn's ein Versehen war."
Sephiroth starrte auf den Bildschirm. Die Unterhaltung war erfrischend, und er spürte, wie ihn etwas daran hinderte, sie zu beenden. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich nicht als der General, nicht als die Waffe, sondern einfach… als jemand, der gehört wurde.
„Manchmal entstehen die besten Dinge aus Versehen, Lea."
Die Minuten verstrichen, und ihre Unterhaltung nahm einen unerwartet lockeren Verlauf. Lea erzählte von ihrem Alltag im Krankenhaus, von skurrilen Patienten und langen Nachtschichten. Sephiroth hörte zu, oder besser gesagt, las ihre Worte, während er gelegentlich mit kurzen Bemerkungen antwortete.
Für einen Mann, der gewohnt war, Befehle zu geben und Strategien zu planen, war es eine seltsame, aber angenehme Erfahrung, einfach zuzuhören.
Schließlich schrieb sie.
„Also, bist du bereit, mir endlich deinen Namen zu verraten? Ich meine, jetzt, wo wir fast beste Freunde sind?"
Sephiroth betrachtete die Worte. Lea hatte keine Ahnung, wer er wirklich war, und das war genau der Reiz daran. Aber sollte er ihren Wunsch erfüllen?
Er entschied sich für die Wahrheit, auch wenn es nun wohl enden würde.
„Sephiroth."
Die Antwort ließ einen Moment auf sich warten und er war sich bereits bewusst, dass sie nicht mehr schreiben würde. Um so mehr war er verwundert, als sein Handy erneut vibrierte.
„Sephiroth? Wie der Typ von Shin-Ra? Dieser Elite Krieger? Jetzt erzähl mir nicht, das ist dein richtiger Name! Das glaubt dir doch keiner!"
Ein kleines Lächeln zog über seine Lippen.
„Vielleicht ja, vielleicht nein. Vielleicht ist das ein Name, den ich gewählt habe, weil ich wusste, dass er dich überraschen würde."
„Ha! Sehr clever."
Eine Pause folgte, bevor eine weitere Nachricht eintraf.
„Egal, ob echt oder nicht, es passt irgendwie. Klingt ein bisschen dramatisch, geheimnisvoll… und gefährlich. Aber glaub nicht, dass ich dir abnehme, dass es dein echter ist!"
Sephiroth lehnte sich in seinem Stuhl zurück, ihre Worte belustigten ihn.
„Dramatisch, geheimnisvoll und gefährlich? Du kennst mich kaum, Lea. Wie kommst du darauf?"
„Keine Ahnung. Ist nur so ein Gefühl. Du wirkst wie jemand, der eine Menge mit sich herumträgt. Aber ich wette, du erzählst das nicht jedem, oder?"
Das Handy vibrierte erneut, bevor Sephiroth antworten konnte.
„Sorry, ich laber dich voll. Wenn ich nerve, sag's einfach. Ich hab die Angewohnheit, zu viel zu reden."
Sephiroth tippte schnell eine Antwort.
„Du nervst nicht. Es ist… angenehm, jemanden zu haben, der so offen spricht."
Die nächsten Sekunden waren still, dann kam eine kurze, fast schüchterne Nachricht.
„Danke. Ich mag es auch, mit dir zu reden... und in Ordnung, ich werde dich eben Sephiroth nennen, auch wenn du echt nicht alle Latten am Zaun hast."
Die Nachricht kam mit einem augenzwinkernden Emoji bei ihm an.
Sephiroth ließ das Handy sinken und sah hinaus in die Lichter von Midgar. Lea wusste nicht, wer er war, glaubte ihm nicht und vielleicht war das gut so. Für einen Moment war er nicht der gefürchtete General oder ein Symbol von Macht und Schrecken. Er war einfach nur jemand, der mit einer Fremden plauderte und sich überraschend gut dabei fühlte.
Doch tief in seinem Inneren fragte er sich, wie lange dieses Spiel noch aufrechterhalten werden konnte, bevor die Wahrheit ans Licht kam.
Sephiroth starrte eine Weile auf die Lichter der Stadt, bis das Handy erneut vibrierte. Eine neue Nachricht von Lea erschien auf dem Display.
„Hey, Sephiroth, ich muss leider Schluss machen. Ich hab morgen Frühschicht und sollte längst schlafen. Aber es hat echt Spaß gemacht, mit dir zu schreiben."
Er überlegte kurz, bevor er antwortete.
„Verständlich. Schlaf ist wichtig, besonders für jemanden in deinem Beruf. Es war auch interessant, mit dir zu reden."
„Interessant? Das klingt ja fast wie ein halbes Kompliment." Ein Lach-Emoji folgte. „Aber im Ernst. Ich bin froh, dass ich aus Versehen die richtige ‚falsche' Nummer erwischt hab. Du bist... anders. Im positiven Sinn."
Sephiroth schmunzelte leicht. Ihre Offenheit war eine angenehme Abwechslung.
„Das Kompliment gebe ich zurück. Ich freue mich auf weitere Gespräche, Lea."
Ein paar Sekunden vergingen, bevor sie antwortete.
„Morgen nach der Arbeit? Ich melde mich, wenn ich Zeit hab, okay?"
„Ich werde darauf warten."
„Gute Nacht, Sephiroth. Versuch, dich nicht zu sehr in deinen vielseitigen Job zu vergraben."
„Gute Nacht, Lea. Ruh dich aus."
Die Nachricht wurde zugestellt, und dann blieb das Handy still. Sephiroth legte es beiseite und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Die unerwartete Begegnung hatte seinen Abend auf seltsame Weise bereichert.
Ein kleines Lächeln spielte um seine Lippen, während er den Blick auf die leuchtende Skyline richtete. Morgen würde sie sich wieder melden und so unscheinbar diese Unterhaltung war, er verspürte eine seltene Vorfreude.
