Kapitel 2: Die Last des Alltags
Am nächsten Tag war es gegen Nachmittag, als Sephiroths Handy erneut vibrierte. Er saß gerade in einer Besprechung mit einigen höheren Shin-Ra-Offizieren, die über Truppenbewegungen und Ressourcenverteilung diskutierten. Die monotone Stimme des Kommandanten wurde von dem leisen Summen seines Handys unterbrochen. Er warf einen Blick auf den Bildschirm. Es war eine Nachricht von Lea.
„Hey Sephiroth, ich hoffe, du hast nen besseren Tag als ich. Ich hab echt das Gefühl, ich werd hier wahnsinnig..."
Er legte das Handy unauffällig auf seinen Oberschenkel und tippte eine schnelle Antwort.
„Das klingt nach einem schlechten Tag. Was ist passiert?"
Die Antwort kam sofort.
„Wo soll ich anfangen?! Erst mal war ich heute früh komplett verschlafen, weil ich gestern mit dir geschrieben hab."
Ein leichtes Lächeln huschte über Sephiroths Gesicht.
„Dann war im Krankenhaus die Hölle los. Ich hab eine Schicht übernommen, die eigentlich nicht meine war, weil jemand ausgefallen ist. Weißt du, wie anstrengend es ist, mit drei Patienten gleichzeitig zu jonglieren, während der Arzt dich anmeckert, als wärst du schuld, dass die Welt untergeht?"
Sephiroth warf einen kurzen Blick zu den Offizieren, die weiterredeten, ohne ihn zu beachten, und tippte erneut.
„Das klingt nach einer ziemlichen Belastung. Hast du wenigstens irgendwann eine Pause bekommen?"
„Pause? Haha, guter Witz. Ich hab mir zwischendurch einen halben Müsliriegel reingeschoben, aber der ist mir fast im Hals stecken geblieben, weil jemand mich nach einem Verband gefragt hat, bevor ich überhaupt kauen konnte."
Sephiroth konnte sich ein leises Schnauben nicht verkneifen. Ihre Worte hatten eine ungewöhnliche Mischung aus Frust und Humor, die ihn amüsierte.
„Du scheinst einiges aushalten zu können. Vielleicht bist du belastbarer, als du denkst."
„Belastbarer? Na ja, manchmal fühl ich mich eher wie ne tickende Zeitbombe."
Bevor Sephiroth darauf antworten kommte, kam schon ihre nächste Nachricht.
„Aber weißt du was? Es hilft, dass ich dir das alles schreiben kann. Ich hab sonst niemanden, dem ich das so sagen könnte."
Sephiroth hielt inne, überrascht von der Offenheit in ihren Worten.
„Das ist... nett von dir zu sagen. Ich denke, jeder braucht jemanden, der einfach zuhört... oder in unserem Fall, liest."
„Ja, stimmt. Und du bist ziemlich gut darin. Besser, als ich erwartet hätte."
Sephiroth konnte nicht leugnen, dass diese Worte ihm eine ungewohnte Art von Zufriedenheit gaben. Er tippte eine Antwort.
„Ich habe nichts dagegen, dir zuzuhören, bzw zu lesen. Schreib mir, wann immer du willst."
„Pass auf, was du sagst, Sephiroth. Sonst spam ich dich irgendwann zu."
„Ich bin sicher, ich komme damit klar."
Eine kleine Pause entstand, bevor Lea ihm zurückschrieb und Sephiroth ertappte sich dabei nachzudenken, was sie wohl gerade tat.
„Danke. Ernsthaft. Heute war scheiße, aber irgendwie fühlt es sich jetzt weniger schlimm an."
Sephiroth legte das Handy beiseite, diesmal mit einem Gefühl von Wärme, das er nicht ganz einordnen konnte. Es war seltsam, wie eine Frau, die er nie getroffen hatte, ihn so direkt erreichen konnte.
Am nächsten Abend saß Sephiroth an seinem Schreibtisch, vertieft in Berichte und Analysen. Die kühle Atmosphäre seines Büros wurde nur von dem gelegentlichen Klicken der Tastatur unterbrochen. Er war gerade dabei, eine Strategiekarte zu überarbeiten, als sein Handy vibrierte. Er griff danach und sah sofort, dass es Lea war. Die Nachricht war ungewöhnlich lang, ganz anders als ihre sonst eher lockeren, humorvollen Nachrichten.
„Sephiroth... ich weiß nicht, warum ich dir das schreibe, aber ich hab das Gefühl, ich muss es loswerden. Der heutige Tag war einfach... ich weiß nicht mal, wo ich anfangen soll."
Er zögerte kurz, bevor er antwortete.
„Schreib es mir. Ich höre zu."
Ein paar Sekunden vergingen, dann kam ihre Antwort.
„Heute war einfach alles zu viel. Im Krankenhaus hatten wir einen Notfall nach dem anderen. Ein kleiner Junge... er ist einfach vor meinen Augen gestorben, und ich konnte nichts tun. Es war schrecklich. Ich hab versucht, professionell zu bleiben, aber ich wollte einfach nur schreien. Und dann hatte ich noch Stress mit einer Kollegin, die mir ständig vorwirft, ich würde mich in ihre Arbeit einmischen. Dabei wollte ich doch nur helfen!"
Sephiroth hielt kurz inne. Das war keine Angelegenheit, die er mit einfachen Worten abtun konnte. Nach einigen Sekunden überlegen, schrieb er ihr zurück.
„Das klingt nach einem unfassbar schweren Tag. Es tut mir leid, dass du das durchmachen musstest."
„Danke. Aber das ist noch nicht alles. Als ich nach Hause kam, hat mein Vermieter mir eine Nachricht hinterlassen. Die Miete wird erhöht. Ich weiß nicht mal, wie ich das bezahlen soll. Und als wäre das nicht genug, hat mein blöder Wasserkocher beschlossen, den Geist aufzugeben. Es ist, als würde alles auf einmal zusammenbrechen."
Er überlegte kurz, bevor er schrieb.
„Manchmal scheint es, als würde alles gegen einen arbeiten. Aber es ist okay, sich überfordert zu fühlen. Hast du jemanden, mit dem du reden kannst?"
Die Antwort kam schnell.
„Ich rede doch gerade mit jemandem. Mit dir. Und weißt du was? Ich bin froh, dass ich dir schreiben kann. Auch wenn ich das Gefühl hab, dass ich dich mit meinem Chaos überfalle."
Sephiroth starrte auf ihre Worte, dann tippte er.
„Du überfällst mich nicht. Wenn es dir hilft, dann schreib mir alles, was du willst. Ich bin da."
Nach einer kurzen Pause kam ihre Antwort.
„Danke, Sephiroth. Das bedeutet mir mehr, als ich sagen kann. Ich glaub, ich brauch das gerade einfach, jemanden, der mir zuhört."
Er lehnte sich zurück, die Strapatzen und Vorfälle ihres Tages lastete nun auch auf ihm. Doch gleichzeitig spürte er, dass sie ihm vertraute, ein seltsames, fast ungewohntes Gefühl für jemanden wie ihn.
Die Unterhaltung setzte sich nicht mehr lange fort. Lea schrieb noch, dass sie versuchen würde, sich mit einer heißen Dusche und etwas Schlaf zu beruhigen. Sephiroth wünschte ihr eine ruhige Nacht, bevor das Handy still blieb.
Er saß eine Weile da und dachte an ihre Worte. Trotz der Distanz, physisch und emotional, hatte sie beschlossen, sich ihm anzuvertrauen. Und ohne, dass er es ganz verstand, fühlte er sich verpflichtet, für sie da zu sein.
Die nächsten drei Tage vergingen, und Sephiroth bemerkte, dass sein Handy ungewöhnlich still blieb. Obwohl er in seinen täglichen Aufgaben vertieft war, Besprechungen, Berichte und taktische Planungen, fand er sich immer wieder dabei, auf das Display seines Handys zu blicken. Keine neuen Nachrichten von Lea.
Es war seltsam. Ihr Fehlen hinterließ eine Lücke, die er nicht erwartet hatte. Er schüttelte den Gedanken ab, wann immer er sich dabei ertappte, sich zu fragen, wie es ihr ging. Sie war schließlich nur eine Fremde, die er nie getroffen hatte. Und doch...
Am Abend des vierten Tages vibrierte sein Handy endlich. Er griff danach, fast instinktiv, und sah Leas Namen auf dem Display. Das kleine Schmunzeln auf den Lippen konnte er nicht unterdrücken.
„Hey Sephiroth, sorry, dass ich mich nicht gemeldet hab. Es war eine anstrengende Woche, und ich hab kaum Zeit gefunden, zu schreiben. Ich hoffe, dir geht's gut?"
Er zögerte nicht, bevor er antwortete.
„Lea. Es ist gut, von dir zu hören. Ich hatte schon gedacht, etwas sei passiert."
Es dauerte nicht lange, bis ihre Antwort kam.
„Naja, passiert ist auch was. Ich hab mir einen zweiten Job gesucht. Wegen der Miete. Ich werd das aber nur so lange machen, bis ich umziehen kann."
Sephiroths Augenbrauen zogen sich leicht zusammen. Die Worte hinterließen ein Gefühl der Unruhe in ihm, obwohl er sich nicht sicher war, warum.
„Ein zweiter Job? Das klingt nach einer großen Belastung. Hast du überhaupt noch Zeit für dich?"
„Haha, nicht wirklich. Aber was soll ich machen? Es ist nur vorübergehend. Sobald ich eine günstigere Wohnung finde, hör ich damit auf. Außerdem... ich brauch irgendwie die Ablenkung."
Sephiroth lehnte sich zurück und überlegte, bevor er antwortete.
„Ablenkung mag kurzfristig helfen, aber überforder dich nicht. Du kannst nicht alles alleine tragen."
„Ich weiß, du hast recht. Aber ich hab keine andere Wahl. Und ehrlich gesagt... manchmal tut es gut, so beschäftigt zu sein, dass man nicht über alles nachdenkt."
Er spürte die Schwere in ihren Worten, die sie trotz ihres leichten Tons nicht ganz verbergen konnte.
„Wenn du irgendwann das Gefühl hast, dass es zu viel wird, schreib es mir. Du musst nicht alles allein tragen."
Ein paar Sekunden vergingen, bevor ihre Antwort kam.
„Du bist wirklich... anders, Sephiroth. Danke. Es ist gut zu wissen, dass da jemand ist, der zuhört."
Die Unterhaltung war kurz, aber sie hinterließ einen bleibenden Eindruck bei Sephiroth. Lea war eine Frau, die sich durchkämpfte, egal, wie schwer es wurde. Doch gleichzeitig bemerkte er, dass sie diese Last allein trug, und irgendetwas in ihm wollte sie davon abhalten, sich vollständig zu verausgaben. Woher diese Gedanken kamen, waren ihm schleierhaft und er versuchte diese schnell los zu werden.
Er legte das Handy beiseite und starrte eine Weile gedankenverloren auf die Skyline von Midgar.
Sephiroth saß an seinem Schreibtisch, vertieft in einen Stapel Berichte, als Genesis unerwartet in sein Büro marschierte. Wie immer trug er eine Aura von Selbstsicherheit und einen Hauch von Theatralik mit sich, während er das Buch Loveless in der Hand hielt. Innerlich wappnete er sich bereits, einige Strophen aufgesagt zu bekommen.
„Sephiroth, du arbeitest dich mal wieder zu Tode. Wann hast du das letzte Mal etwas Sinnvolles getan?"
Sephiroth sah kaum von seinen Papieren auf. „Das hier ist sinnvoll, Genesis. Ich habe keine Zeit für deine Spielchen."
Genesis ließ sich in einen Sessel fallen und es wirkte mehr als theatralisch dabei. „Spielchen? Ach, Sephiroth, deine Definition von Sinnhaftigkeit ist so trocken wie dieses Büro. Vielleicht solltest du dir eine andere Beschäftigung suchen, um nicht vollständig zu versteinern."
Sephiroth wollte gerade antworten, als sein Handy vibrierte. Die leise Bewegung reichte aus, um seine Aufmerksamkeit von Genesis abzulenken. Schnell griff er danach und entsperrte das Display.
Eine Nachricht von Lea.
„Hi Sephiroth, sorry für die sporadischen Nachrichten. Ich hoffe, dir geht's gut. Der neue Job ist echt hart, aber irgendwie komme ich durch. Wie läuft's bei dir?"
Ohne nachzudenken, huschte ein beinahe unmerkliches Lächeln über sein Gesicht, während er die Nachricht las. Genesis, der den ganzen Vorgang genau beobachtete, hob eine Augenbraue.
„Moment mal..." Er lehnte sich vor, seine Stimme vor Neugier triefend. „Habe ich das gerade richtig gesehen? Der große General Sephiroth, der sonst nichts und niemandem Beachtung schenkt, reagiert auf eine Nachricht und lächelt sogar?"
Sephiroth ignorierte ihn und begann, eine Antwort zu tippen.
„Es freut mich, dass du durchhältst. Bei mir ist alles wie gewohnt, nichts Besonderes. Denk daran, dir Pausen zu gönnen."
Genesis ließ nicht locker. „Wer ist es? Eine Nachricht, die dich zum Lächeln bringt? Das muss etwas Besonderes sein."
Sephiroth sah von seinem Handy auf und musterte seinen alten Freund mit einem kühlen Blick. „Das geht dich nichts an."
Doch Genesis ließ sich nicht abschrecken. „Oh, doch, das tut es. Du bist nicht der Typ, der einfach so Nachrichten verschickt. Was ist geschehen? Ein neuer Krieg? Ein unbesiegbares Monster?"
Sephiroth spürte einen Anflug von Unbehagen, den er schnell unterdrückte. „Es ist nur eine belanglose Unterhaltung."
Genesis lehnte sich zurück und verschränkte die Arme, sein Blick funkelte vor Neugier. „Belanglos? Sephiroth, wenn es belanglos wäre, würdest du nicht so reagieren."
Bevor Sephiroth antworten konnte, vibrierte das Handy erneut.
„Danke, Sephiroth. Ich versuche, mir Pausen zu gönnen, aber du weißt ja, wie das ist. Irgendwie hält mich der Gedanke daran aufrecht, dass ich irgendwann umziehen und neu anfangen kann."
Sephiroth überlegte kurz, bevor er tippte.
„Ein Neuanfang kann Wunder wirken. Du wirst das schaffen."
Genesis war inzwischen aufgestanden und beugte sich neugierig über den Schreibtisch, um einen Blick auf das Display zu erhaschen. Sephiroth schob das Handy zur Seite und warf ihm einen warnenden Blick zu.
„Genesis, ich rate dir, dich zurückzuhalten."
Genesis grinste nur. „Oh, Sephiroth, du kannst mir nichts vormachen. Wer auch immer es ist, derjenige hat es geschafft, dich aus deinem ewig frostigen Panzer herauszuholen. Ich bin beeindruckt. Ist es eine Frau?"
Sephiroth antwortete nicht, sondern wandte sich wieder seiner Arbeit zu. Doch Genesis ließ nicht locker. Während er sich zurückzog, murmelte er leise. „Das werde ich im Auge behalten. Es wird spannend, zu sehen, wie der unnahbare General sich plötzlich menschlich zeigt."
Sephiroth ignorierte ihn, aber als Genesis gegangen war, sah er auf sein Handy. Die kurzen Nachrichten, die Lea geschickt hatte, hatten etwas in ihm bewegt. Sie schaffte es, mit wenigen Worten eine Verbindung herzustellen, die er nicht verstand und Genesis hatte recht. Es war anders.
