KAPITEL 1

Sobald Bruce den Hebel betätigt hatte, setzte sich der Förderkorb in Bewegung. Justus sprang mit einem Hechtsprung kopfüber in den hinein, doch bevor er die Tür schließen konnte, hatte Bruce bereits seine Füße gepackt und ihn zurück in den Stollen gezogen. Der Riese drückte ihn bäuchlings auf den felsigen Boden und drehte dem ersten Detektiv die Arme auf den Rücken, sodass dieser vor Schmerz aufstöhnte.

Mr. White beugte sich über ihn und funkelte Justus böse an. "Was? Hast du geglaubt, du kannst mit dem Förderkorb abhauen? Und was dann, wolltest du uns hier unten einsperren?" White kauerte sich vor Justus auf den Boden und packte den ersten Detektiv am Haarschopf. Mit einem brutalen Ruck zog er Justus' Kopf in den Nacken und zwang den Jungen so, ihm direkt ins Gesicht zu sehen. "Wenn du glaubst, mich hinters Licht führen zu können, dann liegst du falsch. Du wirst nicht noch einmal versuchen, mich hereinzulegen, dass verspreche ich dir!"

Ohne mit der Wimper zu zuckten, rammte White den Kopf des ersten Detektivs auf den harten Untergrund, dann stellte er sich hin und trat Justus mit aller Kraft in die Rippen. Vor Schmerz konnte sich der erste Detektiv einige Momente überhaupt nicht bewegen. Sein Kopf pochte und etwas heißes und klebrigen rann ihm übers Gesicht und in die Augen. Der Boden unter ihm schwankte und vor seinen Augen tanzten Sterne. Durch seine gesamte rechte Seite zog sich ein stechender Schmerz, und für etliche Sekunden konnte er nicht atmen.

Dann hörte er wieder Whites Stimme über sich. "Bruce, Vikram, helft ihm auf die Füße und dann schnell zurück zum Wagen. Ich will keine Minute länger in dieser gottverdammten Mine bleiben."

Zwei kräftige Arme packten Justus unter den Achseln und er wurde unsanft auf die Füße gezerrt. Seine Beine waren wie Gummi und völlig unfähig, sein Gewicht zu tragen. Linkerhand wurde er von Bruce aufrecht gehalten, rechterhand von Vikram. Ihm wurde schlagartig übel und er begann zu würgen, doch da er seit mehreren Tagen nichts gegessen hatte, erbrach er lediglich ein wenig Magensaft. Der bittere, saure Geschmack füllte seinen Mund.

Als Bruce und Vikram begannen, ihn zurück zum Mineneingang zu schleifen, versuchte Justus, wieder auf die Füße zu kommen, doch sein Körper wollte ihm nicht richtig gehorchen. Er fühlte sich hundeelend. Ihm war unsäglich schwindelig, jeder Atemzug verursachte stechende Schmerzen in seinem Brustkorb und von seiner Stirn tropfte immer noch Blut herunter. Und noch schlimmer, er hatte absolut keine Idee, wie er White entkommen sollte. Sein Plan in der Mine war grandios gescheitert und ihm war klar, dass White ihn nicht gehen lassen würde, schließlich wusste Justus viel zu viel über seine Pläne. Seine letzte Hoffnung waren jetzt Bob und Peter. Er musste ihnen irgendwie einen Hinweis auf Whites Versteck auf Santa Clarita geben, nur wie?

Nach kurzer Zeit hatten sie wieder den Eingang der Mine erreicht. Justus sah seine einzige Gelegenheit gekommen, als Vikram die Eingangstür wieder verriegelte und Bruce in dem Moment den ersten Detektiv alleine stützte. Während Bruce seinen linken Arm festhielt, ließ sich Justus zur rechten Seite wegsacken und nutzte dabei sein nicht unerhebliches Gewicht aus. Bruce keuchte überrascht auf und ließ Justus dann wie einen Sack Kartoffeln zu Boden plumpsen. Dieser blieb auf dem Boden liegen, als hätte er das Bewusstsein verloren. Heimlich zog er jedoch mit der rechten Hand, die unter ihm eingeklemmt war, dass kleine Stück Kreide aus seiner Jackentasche und kitzelte die Buchstaben "St" und "Cl" auf den Boden. Mehr schaffte er nicht, dann zog ihn Bruce wieder auf die Beine, diesmal auf der rechten Seite von Helena unterstützt. Gott sei Dank war es so dunkel, dass keiner die Markierungen auf dem Boden bemerkte oder die schnelle Handbewegung, mit der Justus das Stück Kreide wieder in seiner Jackentasche verschwinden ließ.

"Schluss jetzt mit den Faxen, Fettmops!", schnauzte Helena den Jungen an, und dann zerrten sie und Bruce ihn gemeinsam zurück zum weißen Kastenwagen. Justus versuchte den Kopf zu heben und sich umzusehen. Ob Bob und Peter ihnen bis hierher gefolgt waren? Er überlegte gerade, ob er um Hilfe rufen oder seinen Freunden, wenn sie ihn denn hören konnten, einen Hinweis geben sollte, da spürte er schon Whites Pistole an seiner Schläfe. "Komm ja nicht auf dumme Gedanken, Justus Jonas, sonst drück ich ab!", raunte der blonde Mann Justus zu.

Justus schluckte, sagte aber nichts. White war eiskalt und skrupellos und der erste Detektiv zweifelte nicht eine Sekunde daran, dass White seine Drohung auch umsetzen würde.

Vor ihm riss Vikram die Schiebetür des Kastenwagens auf und mit einem kräftigen Hieb in den Rücken beförderte Bruce Justus in das Fahrzeug hinein. Dieser fiel stöhnend auf den Fußboden, und noch bevor er sich wieder aufrappeln konnte, hockte Helena schon neben ihm. Mit Klebeband fesselte sie dem ersten Detektiv die Hände auf dem Rücken, band seine Füße zusammen und klebte ihm zum Abschluss auch noch den Mund zu.

Justus lag zwischen den Vordersitzen und der mittleren Sitzreihe im Fußraum und war völlig bewegungsunfähig. Sein Kopf pochte nach wie vor im Rhythmus seines Herzschlags, und auch, wenn er scheinbar aufgehört hatte zu bluten, war Justus sich ziemlich sicher, dass er zumindest eine leichte Gehirnerschütterung hatte. Auch seine Rippen schmerzten noch immer höllisch und das Atmen fiel ihm schwer. Er hoffte, dass keine Rippe gebrochen war, auch wenn das stechende Gefühl in seinem Brustkorb sich genau danach anfühlte.

Vikram setzte sich hinters Steuer des weißen Kastenwagens und Mr. White nahm auf dem Beifahrersitz Platz, während Helena und Bruce es sich auf der hinteren Sitzbank gemütlich machten. Langsam fuhr der junge Inder den Wagen über den holprigen Weg zurück zur Hauptstraße. Justus spürte jedes Schlagloch als scharfen Schmerz in seinem Oberkörper. Dann überkam ihn ein Gefühl bleierner Schwere. Die Schmerzen, die Erschöpfung, der Hunger und die Verzweiflung wurden zu viel für ihn und mit einem letzten Gedanken an seine Freunde sank der erste Detektiv in tiefe Bewusstlosigkeit.