KAPITEL 2
Aus ihrem Versteck in den Büschen heraus beobachtete Bob, wie sich der Mineneingang öffnete und Mr. White, gefolgt von der blonden Frau mit dem Tigers Cappi heraus trat. Hinter ihnen folgten ein junger Mann mit dunkler Haut und dunklen Haare und ein muskelbepackter Hüne, die jemanden zwischen sich herzogen.
Plötzlich wurde Bob schlecht, und im gleichen Moment keuchte Peter neben ihm entsetzt auf. Im blassen Mondlicht erkannte Bob Justus' Gestalt, die schlaff zwischen den beiden Männern hing. Viel konnte der dritte Detektiv nicht erkennen, doch er wusste auch so, dass ihr Erster ihre Hilfe brauchte, und zwar dringend. Er wollte schon aufspringen, da spürte er Peters Hand auf seinem Arm.
Der zweite Detektiv schüttelte den Kopf. "Die sind zu viert, und wahrscheinlich auch bewaffnet. Das schaffen wir nicht", flüsterte Peter.
Bob wollte protestieren, musste aber einsehen, dass er recht hatte. Sie beobachteten, wie Justus zu Boden sank, während der dunkelhäutige Mann (ein Inder, wie Bob vermutete) den Mineneingang wieder verriegelte. Die blonde Frau und der Hüne zerrten Justus wieder auf die Beine und schleiften ihn dann zu dem weißen Kastenwagen. Justus wirkte völlig entkräftet und wehrte sich nicht. Seine linke Gesichtshälfte war merkwürdig schwarz und seine Beine stolperten nur kraftlos vorwärts. Entsetzt beobachtete Bob, wie Mr. White plötzlich eine Pistole aus seinem Jackett zog und sie Justus an die Schläfe drückte. Er beugte sich vor und schien Justus etwas zuzuflüstern, Bob konnte es jedoch nicht verstehen. Von Justus kam keine hörbare Antwort.
Am Wagen angekommen stieß der große Mann Justus grob in das Fahrzeug hinein. Dann verschwanden auch alle anderen im Inneren des Fahrzeugs und nach wenigen Augenblicken setzte sich der Wagen in Bewegung und rollte langsam zurück in Richtung der Hauptstraße.
Peter wollte schon zurück zu seinem MG rennen, da hatte Bob eine Idee. "Warte kurz, Zweiter. Ich will kurz etwas prüfen." Schnell rannte er hinüber zum Mineneingang, Peter folgte ihm. Der dritte Detektiv kniete sich auf den Boden, ungefähr da, wo auch Justus nur Minuten vorher gelegen hatte.
"Bob, wir haben keine Zeit dafür!" Panisch zerrte Peter ihn am Ärmel. "Wir müssen so schnell wir können zu meinem Wagen zurück und die Leute verfolgen. Wir dürfen sie nicht entkommen lassen, du hast doch gesehen, was sie mit Justus…"
"Hier, schau mal!", unterbrach ihn Bob. Er hatte eine kleine Kritzelei auf dem Boden entdeckt. Widerwillig ging Peter neben ihm in die Hocke. "'St Ce', oder vielleicht 'St Cl'" las der zweite Detektiv vor, "Was soll uns das denn sagen? Hätte uns Justus nicht…"
"Mensch, Peter", unterbrach Bob seinen Freund erneut, "du hast doch gesehen, wie die mit Justus umgegangen sind. Er durfte auf keinen Fall riskieren, erwischt zu werden. Komm, wir machen ein Foto von dem Hinweis, dann folgen wir dem Kastenwagen. Wir kommen schon noch darauf, was Justus uns damit sagen wollte."
Der zweite Detektiv nickte, während Bob schnell ein Foto mit seinem Telefon machte. Danach rannten die beiden so schnell sie in der Dunkelheit konnten zurück zu Peters MG. Der zweite Detektiv fuhr sofort los, während sich Bob den Peilempfänger schnappte.
"Wir haben Glück, sie sind immer noch in Reichweite. Fahr zurück zur Hauptstraße und dann nach links, Richtung Camarillo."
Peter nickte nur stumm und konzentrierte sich darauf, den Sportwagen unbeschadet so schnell er konnte über die holprige Piste zu steuern. Zurück auf der Hauptstraße gab der zweite Detektiv Gas und nach kurzer Zeit hatten sie den weiße Kastenwagen beinahe eingeholt. Peter hielt ausreichend Abstand und Bob behielt die ganze Zeit über den Peilempfänger im Auge. Dann warf er einen Seitenblick auf Peter.
"Was machen wir denn jetzt, Zweiter? Rufen wir die Polizei? Wir haben ja das Kennzeichen von dem Kastenwagen."
Peter warf dem dritten Detektiv einen verzweifelten Blick zu. "Und wenn sie Justus dann etwas antun? Mr. White ist bewaffnet, was, wenn er…" Peter sprach seinen Satz nicht zu Ende.
In Bobs Augenwinkeln brannten Tränen, doch er blinzelte sie entschlossen weg und schluckte zweimal kräftig. Jetzt war der falsche Zeitpunkt, um die Nerven zu verlieren. "Ich informiere jetzt Inspektor Cotta darüber, was heute passiert ist und warne in, dass die Gruppe bewaffnet ist. Und du verfolgst inzwischen weiter den Wagen."
Peter nickte und starrte weiter konzentriert auf sie Straße. Bob wählte inzwischen die Nummer von Inspektor Cotta. Dieser meldete sich nach dem dritten Freizeichenton. "Cotta hier", drang es aus Bobs Telefon.
"Inspektor, hier spricht Bob Andrews. Hören Sie, wir haben Justus gefunden, er ist aber noch in den Händen seiner Entführer. Aktuell verfolgen wir einen weißen Kastenwagen auf dem Freeway 101, wir sind jetzt bei Ventura und fahren Richtung Los Angeles. Der Wagen hat ein Kennzeichen aus Kalifornien, 6CHI880. Wir haben beobachtet, wie vier Personen Justus gewaltsam in den Wagen gezerrt haben. Einer von Ihnen ist Gabriel White, er ist Leiter des California Heritage Institutes und hat sein Büro in Camarillo. Im Wagen befindet sich einer von Justus' selbstgebauten Peilsendern, den er da vermutlich platziert hat. Wir haben das Empfangsgerät und folgen dem Wagen. Wir haben beobachtet, wie Mr. White Justus eine Waffe an die Schläfe gedrückt hat, Sir. Die Typen sind brutal."
"Ok, Bob. Hör mir gut zu", drang Inspektor Cottas tiefe, ruhige Stimme aus dem Telefon. "Ich schicke eine zivile Streife zum California Heritage Institute und halte meine Männer einsatzbereit. Ihr folgt dem Wagen weiterhin, aber seit um Gottes Willen unauffällig und haltet genug Abstand."
"Schicken Sie bitte auch eine Zivilstreife zum Jachthafen von Leo Carrillo. Dort haben wir Justus' Motorrad und seinen Rucksack mit dem Peilempfänger gefunden. Wir vermuten, dass er von dort aus mit einem Boot irgendwo hingebracht worden ist. Vielleicht ist die Truppe wieder dahin unterwegs."
"Das klingt durchaus wahrscheinlich. Ich werde selber zum Jachthafen kommen. Ruft mich bitte sofort an, wenn ihr Neuigkeiten habt. Und in spätestens zehn Minuten möchte ich ein kurzes Update von euch haben, habt ihr das verstanden? Gott bewahre, dass mir noch zwei Detektive verloren gehen. Habt ihr sonst noch etwas, das uns helfen könnte?"
Bob wollte schon verneinen, als ihm Justus' Kreidehinweis einfiel. "Ja, Justus hat uns mit Kreide einen Hinweis hinterlassen, mit dem wir bisher noch nichts anfangen konnten. Ich habe ein Foto davon gemacht, das schicke ich Ihnen gleich zu."
"Danke, Bob. Fahrt vorsichtig, und meldet euch spätestens in zehn Minuten!"
"Natürlich, Inspektor", antwortete Bob und legte auf. Schnell schickte er dem Inspektor das Foto mit Justus' Hinweis zu, dann starrte er selber noch einige Zeit auf die Kreidenotiz, aber der erhoffte Geistesblitz wollte nicht kommen. Mittlerweile hatten sie Camarillo erreicht.
"Peter, wir müssen hier vom Freeway runter auf die Las Possas Road Richtung Küste." Der zweite Detektiv nickte, setzte den Blinker und verließ den Freeway. Eine Zeitlang verfolgten sie den Wagen vorbei an Obstplantagen und Getreidefeldern, bis sie den Pacific Coast Highway erreichten und dort nach Süden Richtung Leo Carrillo abbogen. Bob gab Cotta das versprochene Update und informierte den Inspektor, dass sie vermutlich zum Jachthafen von Leo Carrillo unterwegs waren. Der Inspektor war ebenfalls auf dem Weg dorthin und würde wahrscheinlich kurz vor ihnen dort eintreffen.
Auf dem Pacific Coast Highway war selbst um diese Uhrzeit noch einiges los, sodass Peter keine Schwierigkeiten hatte, sich im Verkehr zu verstecken. Dennoch hielt er mehr als einen Kilometer Abstand zu dem weißen Kastenwagen, schließlich mussten sie davon ausgehen, dass White und seine Bande Peters Wagen wiedererkennen würden. Die Jungen sprachen kaum ein Wort miteinander, jeder hing seinen düsteren Gedanken nach. Alle zehn Minuten gab Bob Inspektor Cotta eine kurze Meldung, dass sie weiterhin dem weißen Wagen auf dem Pacific Coast Highway folgten. Dann, nach scheinbar endlosen 30 Minuten, verließ der Kastenwagen den Highway Richtung Leo Carillo. Knapp zwei Minuten später folgten Peter und Bob ihnen und rollten langsam mit ausgeschalteten Scheinwerfern auf den Parkplatz am Jachthafen.
