KAPITEL 3

Seit knapp fünf Minuten parkten Inspektor Cotta und Sergeant Goodween unauffällig am Straßenrand zwischen anderen Autos vor dem Jachthafen von Leo Carrillo. Sie saßen in einem zivilen Polizeifahrzeug, einem dunkelblauen Chevrolet Malibu, und behielten gleichzeitig den Pacific Coast Highway und den Jachthafen von Leo Carrillo im Auge. Sofern Justus' Entführer nicht vorher abbogen, würden sie sie sehen. Und tatsächlich, in dem Moment näherte sich auf dem Highway ein weißer Kastenwagen. Er wurde langsamer und bog Richtung Leo Carrillo ab. Als der Wagen an ihnen vorbeifuhr, warf Cotta einen Blick auf das Kennzeichen. Es handelte sich tatsächlich um das Fahrzeug der Entführer. Der Kastenwagen fuhr langsam auf das Hafengelände und parkte direkt am Bootsanleger neben einer großen weißen Jacht mit dem Namen Raider.

Leise öffnete Cotta die Beifahrertür und stieg aus. "Sie bleiben hier und halten sich abfahrbereit!", wies er Sergeant Goodween an, dann schlich er geduckt hinter den anderen Fahrzeugen auf den weißen Kastenwagen zu. Hinter einem Müllcontainer ging er in Deckung, nur knapp 20 Meter von der Jacht entfernt.

Plötzlich wurde die Schiebetür des Kastenwagens von innen geöffnet und eine große blonde Frau sowie ein riesiger, muskelbepackter Mann stiegen aus. Kurz danach verließen auch ein schlanker blonder Mann und ein junger Inder das Fahrzeug und gingen direkt an Bord der Jacht. Die Frau und der Riese griffen zusammen ins Innere des Wagens und zogen etwas Großes und Schweres heraus. Nein, nicht Etwas. Jemanden. Entsetzt erkannte Cotta Justus' schwarzen Haarschopf. Der Junge war an Händen und Füßen gefesselt und mit Klebeband geknebelt. Seine linke Gesichtshälfte war blutüberströmt, die Kleidung völlig verdreckt. Die beiden Entführer schleiften seine reglose Gestalt aus dem Kastenwagen heraus auf das Boot zu. Justus' Kopf hing schlaff herunter und Cotta vermutete, dass er bewusstlos war.

Für einen Moment überlegte der Inspektor, ob er mit Sergeant Goodween die Jacht stürmen sollte. Dann fiel sein Blick auf die große blonde Gestalt an Board der Raider, laut Bobs Beschreibung vermutlich Gabriel White, und auf den im Mondlicht glänzenden Revolver in seiner Hand. Solange sie Justus als Geisel hatten, musste Cotta mit allergrößter Vorsicht vorgehen.

Im nächsten Moment legte die Raider auch schon ab und verließ den Hafen. Sie wurde rasch schneller und war in der Dunkelheit bald nicht mehr zu erkennen. Kurz darauf hörte der Inspektor leise Schritte hinter sich. Er blickte sich um und erkannte Bob und Peter, die geduckt hinter den Fahrzeugen auf ihn zu eilten.

"Inspektor, was ist passiert?"

"Haben Sie Justus gesehen, Inspektor?"

Gleichzeitig bestürmten die beiden Detektive den Inspektor mit Fragen. Dieser hob jedoch abwehrend die Hand und griff nach seinem Funkgerät. "Goodween, bitte kontaktieren Sie die Küstenwache und fragen Sie nach der Raider. Wo ist Ihr Heimathafen, wem gehört sie, welche Routen ist sie in letzter Zeit gefahren? Alles, was sie herausfinden können."

"Verstanden, Inspektor", ertönte Goodweens vertraute Antwort aus dem Funkgerät. Cotta steckte es zurück an seinen Gürtel und wandte sich dann den Jungs zu.

"White und seine Männer haben Justus vor zwei Minuten auf ihre Jacht gebracht und den Hafen verlassen. Habt ihr irgendeine Ahnung, wo sie hin wollen?"

"Nein, aber wir glauben, dass Justus uns einen Hinweis geben wollte. Haben Sie das Bild gesehen, dass ich Ihnen geschickt habe?", fragte Bob.

Der Inspektor kramte sein Handy hervor und öffnete das besagte Foto. Eine kleine Kreidekritzelei, im Dunkeln schlecht zu erkennen. Die Buchstaben St und Cl waren zu lesen.

"Ihr glaubt, dass Justus damit das Versteck der Bande meint?", fragte Cotta.

"Wir denken schon", antwortete Bob.

"Wie weit würden Sie denn mit so einer Jacht kommen?", fragte Peter.

"Wenn sie vollgetankt sind mehrere hundert Seemeilen, wahrscheinlich sogar bis nach Mexiko. So finden wir sie nie!", antwortete der Inspektor frustriert.

"Nein, Sir", widersprach Bob, "Ich glaube nicht, dass ihr Versteck weit entfernt liegt. Sie haben die Strecke in den letzten Tagen mindestens dreimal zurückgelegt. Ich vermute, dass sich ihr Versteck in der Nähe von diesem Jachthafen befindet. Vielleicht eine Villa mit einem privaten Anleger, oder…"

"Eine Insel!", rief Peter dazwischen, "Eine Insel, das muss es sein! Die Inseln hier vor der Küste heißen alle irgendwas mit San oder Santa! Vielleicht steht St für Santa!"

Der Inspektor starrte Peter einen Moment sprachlos an, genauso wie Bob neben ihm. Dann stürmte Cotta zu seinem Polizeiwagen und kramte die Straßenkarte aus dem Handschuhfach hervor. Er breitete die Karte auf der Motorhaube aus und leuchtete mit seiner Taschenlampe auf den Küstenabschnitt zwischen Los Angeles und Santa Barbara.

Peter fuhr mit dem Finger die Inseln entlang. "Hier sind die kalifornischen Kanalinseln. Da ist Santa Cruz, daneben Santa Rosa und San Miguel. Weiter im Süden liegen San Nicholas und Santa Catalina."

"Da, seht doch!", rief Bob und zeigte auf eine bestimmte Stelle auf der Karte, "Der winzig kleine Punkt dort! Das ist Santa Clarita! Nicht viel mehr als ein Felsen im Meer mit einem Leuchtturm und einer alten Piratenfestung. St Cl! Santa Clarita!"

Der Inspektor fackelte nicht lange. Er wandte sich an Sergeant Goodween, der mittlerweile ausgestiegen war und sich ebenfalls über die Karte beugte. "Sergeant, sprechen Sie nochmal mit den Kollegen von der Küstenwachen. Die sollen ein Auge auf Santa Clarita haben und uns sofort Bescheid geben, sollte die Raider dort auftauchen." Goodween nickte und setzte sich im Fahrzeug an die Funkanlage.

Dann drehte sich Cotta zu den beiden Detektiven um. "Jungs, das war hervorragende Arbeit! Sollte Justus wirklich auf Santa Clarita gefangen gehalten werden, werden wir ihn da herausholen. Aber ab hier übernimmt ein Spezialkommando. Ich informiere jetzt meine Chef, und dann wird eine Einheit der Special Forces sich um die Bande kümmern. Bei einer Geiselnahme steht das wohl der Geisel an oberster Stelle, ganz besonders wenn die Geisel minderjährig ist. Unser größter Vorteil ist, dass die Bande derzeit vermutlich nicht weiß, dass wir sie verfolgt haben. Wir müssen um jeden Preis unauffällig bleiben. Von daher: keine Alleingänge von hier an, habt ihr verstanden? Ihr bleibt ab jetzt bei mir und tut, was ich euch sage!"

Die beiden Jungdetektive sagen ihn aus großen Augen an und nickten stumm. Beide waren blass, hatten rote Augen und wirkten so verzweifelt, dass der Inspektor sie am liebsten in die Arme genommen hätte. Stattdessen legte er jedem von ihnen eine Hand auf die Schulter und sah sie mit so viel Zuversicht an, wie er aufbringen konnte. "Justus schafft das. Euer Freund ist tapfer und unglaublich einfallsreich. Wenn einer das übersteht, dann Justus Jonas." In dem Moment schob sich ein Bild vor seine Augen. Justus, blutüberströmt und gefesselt, wie er reglos auf die Raider gezerrt wurde. Mit aller Macht verdrängte er die Erinnerung. Es half niemandem, wenn er jetzt auch noch die Nerven verlor.

Stattdessen griff er sich sein Telefon und rief Commissioner Prescott, seinen Vorgesetzten an. Er informierte ihn über die gesamte Situation und forderte ein Spezialeinsatzkommando an. Dann blieb er in der Leitung, während sich Prescott mit dem FBI in Verbindung setzte und entsprechende Unterstützung anforderte. Leider machten Bürokratie und Zuständigkeitsgerangel auch vor solchen Situationen nicht halt, und so musste Inspektor Cotta immer wieder erklären, wer die Geiselnehmer waren, was sie wollten und für wie gefährlich er die Situation einschätzte. Bei den ersten beiden Fragen halfen ihm Bob und Peter aus, die letzte Frage konnte er selber ausreichend gut beantworten.

Nach zehn Minuten trat Goodween an ihn heran. "Sir, die Küstenwache hat soeben bestätigt, dass die Raider vor Santa Clarita festgemacht hat", flüsterte er dem Inspektor zu. Cotta gab die Information an das FBI weiter, und kurze Zeit später hatten sie die Bestätigung, dass ein S.W.A.T. Team die Insel stürmen und die Geiseln befreien würde. Cotta würde, gemeinsam mit Bob und Peter, ebenfalls zur Insel fahren, sie aber erst betreten, wenn das S.W.A.T. Team grünes Licht gegeben hatte. Lieber wäre ihm gewesen, die Jungen würden hier an Land bleiben. Ihm war aber auch klar, dass die beiden dann einen anderen Weg auf die Insel finden würden. Die drei Detektive voneinander zu trennen schien schlicht unmöglich zu sein. Dann war es dem Inspektor doch lieber, wenn sie zumindest in seiner Nähe waren.

Er informierte Bob und Peter über das geplante weitere Vorgehen und dann gingen alle vier hinunter zum Hafen. Dort würde die Küstenwache sie einsammeln und so nahe es ging an die Insel heranbringen. Von jetzt an konnten sie nicht mehr tun, als zu warten.