KAPITEL 4

Justus wurde schlagartig wach. Im wahrsten Sinne des Wortes, wie er merkte, denn seine rechte Wange brannte und ehe er begriff, was geschehen war, hatte ihn Helena erneut geohrfeigt. "Komm schon, Fettmops, wach auf!", herrschte sie ihn an.

Er hob abwehrend die Hände und stellte im selben Moment fest, dass er nicht mehr gefesselt war. Auch seine Beine konnte er wieder bewegen. In diesem Moment packte jemand das Klebeband, das seinen Mund zuklebte und riss es unsanft von seinem Gesicht. Blinzelnd sah er sich um. Sie waren wieder auf Santa Clarita. Scheinbar war er während der gesamten Rückfahrt bewusstlos gewesen. Ihm sank das Herz in die Hose. Er hatte seine einzige Chance zu fliehen vertan. Von dieser Insel gab es kein Entkommen.

"Vikram, Bruce, helft ihm auf die Beide!", befahl Mr. White. Die Männer packen Justus an beiden Armen und zerrten ihn unsanft auf die Füße. Die lange Ohnmacht hatte Justus' Zustand nicht merklich verbessert. Sein Kopf und seine Rippen taten noch immer schrecklich weh, und kaum, dass er wieder auf den Beinen war, setzte auch das Schwindelgefühl wieder ein. Der erste Detektiv stolperte zwischen Vikram und Bruce den Weg zur Festung hinauf. Die beiden Männer hatten seine Oberarme so fest gepackt, dass an eine Flucht nicht zu denken war. Nach kurzer Zeit hatten sie den Eingang zu dem alten Gemäuer erreicht.

"Bringt ihn nach unten", wies White seine Gehilfen mit einem bösen Funkeln in den Augen an.

"Nach unten, Sir?", fragte Vikram unsicher nach, "nicht zurück in die Zelle?"

"Nein. Dies hier ist schließlich eine alte Piratenfestung. Zeigen wir Justus doch einmal, was Piraten mit Verrätern gemacht haben. Bringt ihn in den Kerker, ich komme gleich nach!" Mit diesen Worten verschwand er im Inneren der Anlage.

Nun bekam Justus langsam Panik. Er war mit der Geschichte ihres Landes und auch mit der europäischen Geschichte durchaus vertraut und wusste genau, wie grausam und brutal Piraten oft gewesen waren. Verzweifelt drehte er den Kopf nach rechts und links und stemmte die Füße auf den Boden, doch gegen Vikram und Bruce hatte er keine Chance. Die beiden zerrten ihn einige halb verwitterte Treppen hinunter, immer tiefer in die Festung hinein. Ganz unten angekommen, blickte Justus in einen langen Gang. Zu beiden Seiten des Ganges lagen mehrere Verliese, die durch massive Eisengitter voneinander getrennt waren. In vielen hingen schwere Eisenfesseln von der Decke und den Wänden, in einigen lagen vergammelte Reste von Decken oder Kleidung. Durch schmale Luftschlitze ganz oben an den Wänden drang fahles Mondlicht herein, doch ohne das Licht von Vikrams Taschenlampe würde sie kaum etwas erkennen.

In dem Moment kamen auch schon schnelle Schritte hinter ihnen die Treppe hinunter und kurze Zeit später stand Gabriel White mit einer kleinen Laterne in der Hand hinter ihnen. Er hängte die Laterne an die Wand, dann öffnete er eine der Zellentüren.

"Bringt den Jungen hier rein!", befahl er seinen Leuten. Bruce und Vikram zerrten Justus in das Verlies hinein. Der erste Detektiv hatte den Eindruck, dass Vikram zögerte, er tat jedoch nichts, um Justus zu helfen.

Zu Justus' purem Entsetzen griff White nach zwei eisernen Fesseln, die von der Decke hingen und öffnete sie, indem er den rostigen Schließbolzen entfernte. "Los, bringt ihn her und haltet seine Arme hoch!"

Der erste Detektiv brachte all seine Kräfte auf und versuchte, sich aus dem Griff der beiden Männer zu befreien. Es war jedoch völlig zwecklos, in seinem entkräfteten Zustand konnte er keinen nennenswerten Widerstand aufbringen. Bruce zerrte zuerst seinen linken Arm nach oben, und mit einer raschen Bewegung hatte White die erste Fessel um Justus' linkes Handgelenk geschlossen und mit dem Eisenbolzen verriegelt. Nur wenige Augenblicke später hatte der Hüne auch Justus' rechtes Handgelenk gepackt und White hatte die zweite Eisenfessel darum geschlossen.

Sobald Bruce seinen Arm losgelassen hatte, stand Justus mit über seinem Kopf angeketteten Händen wackelig auf seinen zwei Beinen. Er taumelte leicht zur Seite, schaffte es jedoch, sich auf den Beinen zu halten. Zum Glück hingen die Fesseln niedrig genug, dass er mit den Füßen komplett auf dem Boden stehen konnte.

Doch kaum, dass ihm dieser Gedanke gekommen war, ging ein Ruck durch eine der Ketten. Er blickte auf und sah White ein paar Meter entfernt neben einer Winde stehen. Auf der Winde war eine schwere Eisenkette aufgerollt, und Justus' wacher Verstand realisierte sofort, was White vorhatte. Mit einem diabolischen Grinsen kurbelte der blonde Mann einige Male an der Winde und mit jeder Umdrehung spannte sich die Kette um Justus linkes Handgelenk etwas mehr, bis er schließlich auf Zehenspitzen stehen musste. Er versuchte, sich mit der anderen Kette etwas abzustützen, doch nur einen Moment später drehte Mr. White eine zweite Winde und auch die rechte Kette begann sich zu straffen. Immer höher und höher wurde Justus gezogen, bis er an beiden Handgelenken von der Decke hing und mit den Zehenspitzen nur noch leicht den Boden streifte.

Die rostigen Fesseln gruben sich tief in seine Handgelenke hinein, die beide sofort zu bluten begannen. Die Schmerzen waren schlimmer als alles, was Justus je ertragen hatte, und heiße Tränen liefen ihm übers Gesicht. Er stöhnte vor Schmerz und versuchte angestrengt, seine Atmung zu kontrollieren, doch es war zwecklos. Seine Schultern pochten, ebenso seine Ellenbogen, doch der Schmerz in den Handgelenken, an denen sich die rostigen Fesseln durch sein nicht unerhebliches Gewicht immer tiefer und tiefer in die Haut gruben, war schier unerträglich. Ein Schmerzensschrei entfuhr ihm, der ihn wieder an seine lädierten Rippen erinnerte. Flach atmend und wimmern hing Justus in den Fesseln und betete verzweifelt darum, das Bewusstsein zu verlieren, um nur irgendwie dieser Tortur zu entkommen. In einem verzweifelten Versuch, die Schmerzen irgendwie zu lindern, versuchte er, nach den Ketten oberhalb der Fesseln zu greifen. Doch bei der Bewegung rieben seine Handgelenke über das rostig Eisen und der Schmerz ließ ihn würgen. Sofort hielt er in seinem Versuch inne und bemühte sich stattdessen, sich so wenig wie möglich zu bewegen.

Wie aus weiter Ferne hörte er wieder Gabriel Whites Stimme. "Na, Justus? Wie gefällt dir die Gastfreundschaft der Piraten? Ich schlage vor, du bleibst einfach mal eine Weile hier unten, und überlegst dir, ob du mich noch einmal hintergehen möchtest. Aber vielleicht brauchst du noch eine kleine Lektion, damit du nicht vergisst, was passiert, wenn man sich mit mir anlegt. Bruce, wärst du bitte so freundlich?"

Ein dumpfer Schlag in die Magengegend, wo Bruce' Faust ihn getroffen hatte, raubte Justus den Atem. Zudem versetzte der Schlag seinen Körper in Schwingung, wodurch sich die Fesseln noch tiefer in seine Handgelenke gruben. Justus konnte nicht atmen, nicht schreien und sich nicht wehren und so hing er nur vor Schmerzen zuckend in seinen Fesseln, während ihm Tränen übers Gesicht liefen.

Ein zweiter Schlag traf ihn, diesmal etwas höher, in seine bereits verletzten Rippen. Es fühlte sich an, als würde ihm jemand ein Messer in die Brust rammen. Schreien konnte er nicht mehr, es drang nur ein tonloses Wimmern aus seinem Mund. Sehen konnte er ebenfalls nichts mehr. In seinen Ohren hörte er seinen eigenen Herzschlag, rasend schnell und unregelmäßig.

Der letzte Treffer ging wieder in die Magengegend. Erneut würgte er, aber nichts kam hoch. Er spürte, wie irgendetwas in seinem Inneren riss. Der Schmerz in seinem Oberkörper pulsiert mit dem in seinen Handgelenken um die Wette.

Justus bekam nicht mehr mit, wie White und seine Helfer die Zelle verließen. Er sah auch nicht, wie sein Blut auf den Boden tropfte und dort langsam eine Pfütze bildete. Und bald wusste er auch nicht mehr, wo er war oder wieviel Zeit bereits vergangen war. Alles, was er spürte, war Schmerz. Alles beherrschender, unbeschreiblicher, allumfassender Schmerz. Er war sich sicher, dass er hier sterben würde, allein in einer Zelle auf einer verlassenen Insel. Er konnte nicht atmen, sich nicht bewegen, nicht denken und endlich, ob nach Sekunden, Minuten oder Stunden wusste er nicht, übermannte ihn die Dunkelheit und er versank zum zweiten Mal in dieser Nacht in eine tiefe, erlösende Ohnmacht.