KAPITEL 5

Ein Boot der Küstenwache hatte Inspektor Cotta, Bob und Peter nach nur kurzem Warten eingesammelt und aufs Meer hinausgefahren. Sie hatten sich Santa Clarita bis auf drei Seemeilen genähert. Dichter wollte der Kapitän nicht heran, um unentdeckt zu bleiben.

Peter blickte hinaus auf das dunkle Meer. Die See war ruhig, und der Mond und die Sterne spiegelten sich auf der glatten, dunklen Oberfläche. Unter anderen Umständen hätte Peter den Anblick genossen. Doch heute hatte er überhaupt kein Auge für die Schönheit des Ozeans. In ihm herrschte ein komplettes Gefühlschaos. Auf der einen Seite hatte er schreckliche Angst und hätte sich am liebsten unter Deck verkrochen und gewartet, bis alles vorbei wäre. Gleichzeitig konnte er vor Nervosität kaum still stehen und wäre am liebsten sofort nach Santa Clarita aufgebrochen, um seinen Freund zu retten. Dazu kam eine schreckliche Wut. Auf sich selbst, weil er so lange gebraucht hatte, um Justus zu finden. Auf White, weil er sie so eiskalt belogen und Justus weh getan hatte. Und ungerechterweise auch auf Justus selbst, weil er sich selbst in eine so schlimme Situation gebracht hatte.

Peter warf einen Blick zur Seite auf Bob. Der dritte Detektiv hatte die Hände tief in die Taschen seiner Jacke vergraben und starrte gedankenverloren auf seine Füße. Er war blass und seine Fußspitzen wippten unruhig auf und ab. Neben Bob stand Inspektor Cotta. Er blickte grimmig zur Insel hinüber, und hatte tiefe Sorgenfalten auf der Stirn. Peter kannte den Inspektor inzwischen lange genug um zu wissen, dass er mit seiner grimmigen Fassade nur zu überspielen versuchte, welche Sorgen er sich um Justus machte.

Nach ein paar Minuten drehte sich der Inspektor zu den beiden Jungen um und sah sie forschend an. "Während wir warten, könnt ihr mir nochmal der Reihe nach alles erzählen, was ihr mittlerweile herausgefunden habt. Worum geht es hier eigentlich?"

Bob begann er erzählen. Er sprach von dem Überfall auf Mr. Dwiggins, wie Peter die beiden Inder verfolgt hatte und ihrem Besuch bei Solomon Charles. Er erzählte dem Inspektor alles, was sie über die silberne Hand, das feurige Auge und den Tempel der Gerechtigkeit wusste. Zuletzt berichtete er davon, wie sie mit Hilfe der Telefonlawine Justus' Motorrad und seinen Rucksack am Jachthafen gefunden hatten und den anschließend Besuch bei Gabriel White. Als er jedoch zu ihrer Fahrt zu Quecksilbermine kam, geriet er ins Stocken und warf Peter einen hilfesuchenden Blick zu. "Ehrlich gesagt weiß ich immer noch nicht, wie das alles mit der Quecksilbermine zusammenhängt. Ist das feurige Auge wirklich dort versteckt? Und warum waren wir neulich dort?"

"Ob Justus vielleicht das feurige Auge dort versteckt hat?", überlegte Peter laut, "Und vorhin war Gabriel White mit seinen Leuten und Justus in der Mine, um das feurige Auge zu holen."

Bob schüttelte den Kopf. "Ich denke nicht, dass sie das feurige Auge aus der Mine geholt haben. Gabriel White wirkte nicht sehr zufrieden, als sie aus der Mine kamen. Aber was wenn…", Bob zögerte einen Moment, dann sprach er weiter. "Was wenn Justus geblufft hat? Vielleicht wollte er White nur in die Mine locken, um in den dunklen Gängen zu entkommen, oder vielleicht hatte er gehofft, wir würden mit der Polizei dort auftauchen. Immerhin hatte er den Peilsender in dem Kastenwagen platziert. Hätten wir doch nur schneller geschaltet, vielleicht hätten wir dann…"

"Jungs, nur wegen eurer Ermittlungen wird gleich ein ganzes S.W.A.T. Team diese Insel stürmen und Justus befreien. Ihr habt alles richtig gemacht", unterbrach in der Inspektor.

Peter grübelte über Bobs Worte nach. "Wenn Justus also White von der Mine erzählt hat, warum hat White dann uns gegenüber behauptet, er wäre dort dieser Dhaarmikwar Abbildung begegnet? Das macht doch keinen Sinn."

"Das war ein Test. Justus hat ihm wahrscheinlich von der Mine erzählt und White hat sie uns gegenüber scheinbar beiläufig erwähnt, um zu sehen, wie wir reagieren. Und als wir ihm versichert haben, dass wir erst vor Kurzem dort waren, hat er den Köder geschluckt. Und weißt du… ich glaube, deshalb hat Justus die Mine für seinen Bluff genommen, eben weil wir kurz vorher dort waren. White hätte auch Timothy oder Tanta Mathilda fragen können, alle hätten ihm unseren Besuch in der Mine bestätigen können."

Peter nickte langsam. Das klang tatsächlich logisch. Und es würde auch bedeuten, dass Justus wegen ihres Besuchs in der Mine nicht gelogen hatte. Das war zwar nur ein kleiner Trost, aber der zweite Detektiv fühlte sich zumindest etwas besser.

Cotta nickte langsam. "Ok, dann hat Justus Mr. White also in die Mine gelockt, in dem er behauptet hat, das feurige Auge sei dort versteckt. White ist dann mit seiner Truppe und Justus dorthin gefahren, hat aber das feurige Auge nicht gefunden. Justus hat möglichweile einen Fluchtversuch unternommen, wurde aber geschnappt, dem Aussehen nach zusammengeschlagen und dann zurück nach Santa Clarita verfrachtet." Der Inspektor machte eine kurze Pause und holte tief Luft, dann sprach er weiter. "Dann hängt jetzt alles davon ab, ob White immer noch glaubt, dass Justus das Versteck des feurigen Auges kennt oder nicht."

Peter brauchte einige Momente, bis er verstand, was Inspektor Cotta damit sagen wollte. Dann keuchte er entsetzt auf und warf Bob einen Blick zu. Der dritte Detektiv hatte seinen letzten Rest Gesichtsfarbe verloren und schüttelte nur verzweifelt den Kopf. "Meinen Sie damit… wollen Sie damit sagen, dass…" Bob brachte es nicht über sich, den Satz zu Ende zu sprechen.

"Solange White glaubt, dass Justus wertvolle Informationen hat, wird er ihn zumindest am Leben lassen. Wenn er zu dem Schluss kommt, dass Justus nichts weiß, wird er ihn möglicherweise aus dem Weg räumen. Er wird ihn nicht freilassen, Justus kennt ihre Gesichter und Identitäten, ihr Versteck und ihre Pläne."

Peter sah den Inspektor sprachlos an. Er wollte ihm widersprechen, hatte aber keine Ahnung, was er sagen sollte. Bob schien es ähnlich zu gehen. Er schüttelte immer noch den Kopf und öffnete mehrmals den Mund, um etwas zu sagen, brachte aber keinen Ton hervor.

Für einige Zeit standen alle drei schweigend an der Reling und starrten zur Insel hinüber. Dann klingelte Cottas Telefon.