KAPITEL 6
Inspektor Cotta zog sein Diensthandy aus der Tasche und meldete sich mit dem üblichen "Cotta hier."
"Hier spricht Prescott. Cotta, das S.W.A.T. Team ist auf dem Weg zu euch. Sie wollen sich mit euch treffen, wie sind eure Koordinaten?"
Der Inspektor ging hinüber zum Kapitän, las auf dem GPS Gerät die Koordinaten ab und gab sie Prescott durch.
"Danke. Das Team wird in wenigen Minuten bei euch sein, haltet euch bereit." Cotta steckte sein Handy weg und ging zurück an die Reiling, um Bob und Peter zu informieren. Die beiden nickten nur stumm und blickten weiter zur Festung hinüber, die in der Dunkelheit kaum zu erkennen war.
Beide Jungs waren blass, erschöpft und verängstigt. Cotta hätte sie gerne getröstet, ihnen gesagt, dass alles gut werden würde. Doch das wäre eine Lüge gewesen und die beiden Detektive hätten es auch gewusst.
Dem Inspektor lag die Angst wie ein schwerer Stein im Magen. Leider konnte er die Situation kaum einschätzen, da er weder Gabriel White noch einen seiner Gehilfen kannte. Alles hing jetzt von Erfolg ihrer Rettungsmission ab.
Da hörte er auch schon, wie sich Ihnen ein Motorboot näherte, auch wenn er es noch nicht sehen konnte. Erst, als es nur noch wenige Meter entfernt war, bemerkte er das komplett schwarze Boot. Alle Personen an Bord waren ebenfalls komplett in schwarz gekleidet und in der Dunkelheit nahezu unsichtbar. Das Boot kam direkt neben sie, legte eine Planke aus und warf einige Taue hinüber. Dann kam eine große, ebenfalls komplett schwarz gekleidete Gestalt auf das Boot der Küstenwache hinüber und ging direkt auf Inspektor Cotta und die Jungen zu.
"Guten Abend, ich bin Coronel Simmons. Sind sie Inspektor Cotta?" Der Mann hatte eine freundliche, tiefe Stimme und hielt dem Inspektor zur Begrüßung die Hand hin. Cotta schüttelte sie. "Ja, der bin ich. Schön, Sie kennen zu lernen, Coronel. Leiten Sie diesen Einsatz?"
"Ja, das tue ich." Dann wandte er sich Bob und Peter zu. "Dann seid ihr beide Bob Andrews und Peter Shaw? Die beiden Jungs, die das Versteck der Verbrecher gefunden haben?" Er streckte auch ihnen die Hand aus. Bob und Peter wirken etwas verblüfft, dass der Coronel ihre Namen kannten, doch dann schüttelten sie ihm ebenfalls die Hand und stellten sich vor.
"Ok. Nach dieser Mission würde mich wirklich interessieren, wie es dazu gekommen ist, aber jetzt haben wir keine Zeit dafür. Ich erkläre euch jetzt kurz, wie die Mission laufen wird, dann kommt ihr rüber auf unser Boot und es geht los."
Der Inspektor glaubte, sich verhört zu haben. "Coronel, sollen die Jungs etwa auch… ? Ich meine, wäre es nicht sicherer, wenn die beiden hier…?"
"Nein, die beiden haben nach meinem Kenntnisstand den besten Überblick über die Gesamtsituation und können alle Personen schnell identifizieren. Sie kommen mit. Wir sprechen von vermutlich vier Geiselnehmern und zwei Geiseln, korrekt? Ist etwas über den Zustand der Geiseln bekannt?"
Der Inspektor war etwas empört, dass der Coronel seinen Einspruch so rigoros abgeschmettert hatte. Er wollte Peter und Bob auf keinen Fall in Gefahr bringen, hatte aber auch keine passende Erwiderung auf die Aussage des Coronels parat. Die beiden steckten, sehr zu seinem Leidwesen, wieder einmal bis über beide Ohren mit drin.
Peter hatte mittlerweile zu einer Antwort angesetzt. "Es sind auf jeden Fall vier Geiselnehmer auf der Insel. Mister White ist groß, blond, Anfang 60 und hat eine Pistole. Außerdem ist da noch diese große blonde Frau, eine junger Mann, vermutlich aus Indien und ein riesiger muskelbepackter Mann, der ein bisschen wie Vin Diesel aussieht. Wir haben gesehen, wie sie Justus auf die Insel gebracht haben, er war verletzt. Außerdem vermuten wir, dass auch unser Freund Gus dort festgehalten wird. Er ist 20 Jahre alt, hat schulterlanges dunkelblondes Haar und einen britischen Akzent."
"Sehr gut, damit können wir arbeiten", antwortete Coronel Simmons. "Es läuft folgendermaßen: Ihr kommt jetzt mit mir rüber auf unser Boot, dort erhaltet ihr schusssichere Westen und Helme. Diese zieht ihr sofort an und erst wieder aus, wenn einer von uns das sagt, verstanden?" Peter und Bob nickten mit großen Augen. "Sehr gut. Ihr werden uns auf der Mission begleiten, zusammen mit Captain Michels und Sergeant Garcia bildet ihr die Nachhut. Ihr haltet euch genau an ihre Anweisungen, keine Alleingänge, verstanden?" Diesmal schüttelten beide Jungs stumm die Köpfe. "Ok, sobald die Mission startet, nur noch missionsrelevante Kommunikation. Wir müssen so leise sein wie möglich. Die Befreiung der Geiseln hat oberste Priorität. Inspektor." Damit wandte sich der Coronel ihm zu. "Für Sie gilt weitestgehend das Gleiche. Eine Weste tragen Sie bereits, einen Helm erhalten Sie ebenfalls von uns. Sie bleiben bei den Jungen und sorgen für ihre Sicherheit. Sie dürfen natürlich von ihrer Dienstwaffe Gebrauch machen, aber bitte nur im Notfall. Mein Team verwendet nichttödliche Munition, wenn möglich wollen wir die Geiselnehmer überwältigen und festnehmen, nicht töten. Gibt es bis hierher noch Fragen?"
Cotta verneinte, und auch die Jungen schüttelten nur erneut die Köpfe. Dann führte der Coronel sie auch schon an Bord des schwarzen Bootes. Im Dunkeln konnte er Inspektor nicht viel erkennen außer der kleinen überdachten Brücke mittig des Bootes und der Sitzreihen an Backbord und Steuerbord.
Coronel Simmons führte die drei zu einer großen Truhe nahe des Bugs und gab jedem einen schwarzen Helm mit einem Plexiglasvisier. Die beiden Detektive erhielten außerdem schwarze Westen mit der Aufschrift SWAT auf dem Rücken. Cotta fühlte sich plötzlich wie in einem Actionfilm, als er Peter und Bob in diesem Aufzug sah und hoffte für einen Moment, dass er gleich aus diesem völlig verrückten Albtraum aufwachen würde. Er zwickte sich kräftig in den Oberschenkel, doch statt aufzuwachen, bekam er nur einen blauen Fleck.
Ausgestattet mit Westen und Helmen führte Coronel Simmons sie zu den Sitzplätzen, auf denen der Rest des Teams saß. Er ging auf zwei Teammitglieder zu und stellte sie vor. "Garcia, Michels, das sind Peter Shaw, Bob Andrews und Inspektor Cotta. Sie bilden gemeinsam mit euch die Nachhut. Peter, Bob, das sind Captain Michels und Sergeant Garcia." Alle Anwesenden nickten sich gegenseitig höflich zu. "Ihr bleibt die ganze Zeit über bei Ihnen und folgt genau Ihren Befehlen, dann kann euch nichts passieren."
Cotta hob ob dieser mutigen Behauptung eine Augenbraue, sagte aber nichts. Ihm fielen dutzende Szenarien ein, in denen den Jungs etwas passierte und nur in jedem zweiten davon hielten sich die Jungen nicht an ihre Anweisungen. Es wäre in dem Moment aber wohl nicht konstruktiv, den Coronel darauf hinzuweisen.
Dann knackte in seinem Helm ein Lautsprecher und er hörte Coronel Simmons Stimme direkt neben seinem Ohr. "Ok, Mädels. Sie haben Ihre Befehle. Oberstes Ziel ist die Befreiung der Geiseln. Wir gehen da leise rein, machen alle Geiselnehmer bewegungsunfähig und holen die Jungen da raus. Scharfe Munition nur, wenn es nicht anders geht. Wir haben heute Gäste, also benehmt euch! Let's go! Ab jetzt nur noch missionsrelevante Kommunikation!"
Damit setzte sich das Boot in Bewegung. Der Inspektor nahm zusammen mit Peter und Bob auf einigen freien Sitzen an Steuerbord Platz und beobachtete, wie Santa Clarita in der Dunkelheit langsam näher kam. Das Boot bewegte sich langsam und nahezu geräuschlos durchs Wasser und legte nur wenige Minuten später an der Rückseite der Insel an.
Das gesamte S.W.A.T. Team erhob sich und verließ einer nach dem anderen das Boot über den Ausstieg am Heck. Die Felsen waren glatt und steil, doch Cotta schaffte es an Land, ohne ins Wasser abzurutschen. Danach drehte er sich um und half auch Bob und Peter beim Ausstieg. Dann folgten sie Michels und Garcia die Insel hinauf. Zwei Männer blieben zurück und bewachten das Boot, zwei weitere gingen nicht zur Festung, sondern in Richtung des Bootsanlegers und auf die Raider zu. Der Rest des Teams näherte sich langsam im Schatten der Dunkelheit dem Haupteingang der Festung.
Das Gebäude wirkte angsteinflößend. Es thronte wie ein Relikt aus früheren Zeiten auf den kargen Felsen und strahlte eine ungeheure Kälte aus. Beinahe glaubte der Inspektor, in dem Gemäuer die Schreie verlorener Seelen zu hören. Dann fiel ihm wieder ein, warum sie eigentlich hier waren und er verdrängte diesen Gedanken mit aller Macht.
An der Spitze ihrer Truppe betrat Coronel Simmons mit seiner M16 im Anschlag die Festung. Cotta zückte seine Dienstwaffe und wenige Momente später hatten sie mit der Nachhut ebenfalls das Gebäude betreten. Neben ihm schlichen Peter und Bob leise vorwärts. Keiner gab auch nur einen Mucks von sich. Langsam bewegte sich die Gruppe durch die große Eingangshalle auf die Treppen im hinteren Bereich zu. Um sie herum war es totenstill.
Ein Teil der Gruppe schlich die Treppe hinauf, der Rest ging nach unten. Die Nachhut folgte der Gruppe von Coronel Simmons nach oben. Dort tat sich ein langer Gang auf. Am Ende des Ganges stand eine Tür halb offen. Dahinter konnte das S.W.A.T. Team die ersten beiden Geiselnehmer ergreifen. Die blonde Frau und der junge Inder schliefen auf Feldbetten zu beiden Seiten eines großen Raumes, den die Truppe scheinbar als Aufenthaltsraum nutzen. Auf dem Tisch in der Mitte lagen Essensreste, Spielkarten und einige leere Bierflaschen. Der Raum hatte große Fenster und da sich ihre Augen bereits an die Dunkelheit gewöhnt hatten, konnten sie einigermaßen gut sehen.
Der Zugriff erfolgte so blitzschnell, dass die ganze Action schon nach wenigen Sekunden vorbei war. Die beiden Gefangenen lagen bäuchlings auf den Liegen, geknebelt und mit hinter dem Rücken gefesselten Händen. Das S.W.A.T. Team hatte nicht einen einzigen Schuss abgefeuert und die ganze Aktion nahezu geräuschlos über die Bühne gebracht. Eine Person blieb zurück und bewachte die Gefangenen, während der Rest, der jetzt nur noch aus Coronel Simmons und der Nachhut bestand, weiter die Etage durchkämmte. Sie fanden jedoch niemanden mehr.
Plötzlich ertönte eine Stimme aus dem Lautsprecher in Cottas Helm und er zuckte leicht zusammen. "Clarkson hier. Eine Person an Board der Jacht aufgegriffen und bewegungsunfähig gemacht. Die Person ist schätzungsweise 6 Fuß groß und wiegt mindestens 240 Pfund. Over."
"Verstanden, Clarkson", kam Simmons Antwort, "Wir haben zwei Personen festgenommen, eine Frau und einen jungen Inder. Bisher keine Spur von White oder den Geiseln. Weitermachen!"
Auf ihrer Etage war sonst niemand mehr, also stiegen sie mucksmäuschenstill hinauf in das oberste Geschoss. Diese Etage erstreckte sich nur über einen Teil der Burg und bestand nur aus wenigen Räumen. Die ersten beiden waren bis auf ein paar Regale mit Vorräte leer. Im dritten Raum fanden sie etliche Bücher, Kartenmaterial und einen Lederbeutel mit einer silbernen Hand darin. Im vierten Raum lag Gabriel White auf einer Luftmatratze und schlief.
Wieder ging alles so schnell, dass Cotta kaum folgen konnte. Nach nur wenigen Sekunden lag Mr. White gefesselt und geknebelt auf dem Boden neben der Matratze und funkelte sie böse an. Nur wenige Augenblicke später hatte Captain Michels seine Pistole unter der Luftmatratze hervorgezogen und eingesteckt. White gab diverse Obszönitäten und Drohungen von sich, die jedoch aufgrund des Knebels nicht zu verstehen waren und von Simmons Team auch gründlich ignoriert wurden.
Erneut hörte Cotta Simmons Stimme aus dem Lautsprecher im Helm. "Simmons hier. Wir haben White. Kommen jetzt runter. Over."
Simmons und Michels packten White unter den Armen und schleiften ihn die Treppe hinunter in die Eingangshalle. Dann halfen Sie, auch die Frau und den Inder in die Halle zu bringen. Zwei Mann blieben dort und bewachten die Gefangenen, während sich der Rest auf den Weg nach unten machte.
Da drang eine neue Stimme aus dem Helm. "Verbinski hier. Wir haben hier eine mögliche Geisel, der Junge war in einen Raum eingesperrt war. Könntet ihr bitte die beiden Jungen runterbringen, um ihn zu identifizieren. Wir sind zwei Etagen unterhalb der Eingangshalle, rechter Gang. Over"
"Verstanden, Verbinski. Wir sind auf dem Weg. Over", antwortete Garcia. Damit machten sie sich, begleitet von Coronel Simmons, auf den Weg nach unten. Auf der entsprechenden Etage angekommen, bogen sie in den rechten Gang ein, der eine langgezogene Linkskurve beschrieb. Zu beiden Seiten befanden sich Türen, die von außen verriegelt werden konnten und eher den Eindruck von Gefängniszellen machten.
Dann sahen sie ein Mitglied des S.W.A.T. Teams auf dem Flur stehen, das sie in einen Raum auf der linken Seite wies. Die Jungen traten gemeinsam mit Cotta ein und eilten sofort auf einen jungen, sportlichen Mann zu, der in der Ecke auf einer Decke saß. Seine Kleidung war verdreckt und teilweise zerrissen, doch er schien bis auf ein paar Kratzer unverletzt zu sein.
Als er Bob und Peter erblickte, blieb ihm für einen Moment der Mund offen stehen, dann sprang er auf und fiel den beiden Jungen in die Arme. "Bob, Peter! Wo kommt ihr denn her? Was soll das Outfit, wer sind…?"
Weiter kam er nicht, da fiel ihm Bob ins Wort. "Gus! Mensch, du glaubst ja gar nicht, wie ich mich freue, dich zu sehen. Wir sind mit einem S.W.A.T. Team hier, um dich und Justus zu retten! Verrückt, was? Hast du Just gesehen, ist er auch hier?"
Bob sah sich suchend um, doch außer ihnen war niemand sonst in der Zelle. Gus schüttelte den Kopf. "Nein, White und seine Leute sind vorhin mit Justus zu irgendeiner Mine aufgebrochen, scheinbar weiß Justus, wo das feurige Auge versteckt ist. Vor ein paar Stunden sind sie wieder gekommen, aber Justus hab ich seitdem nicht gesehen."
In dem Moment trat Simmons vor. "Ok, alles Weitere besprechen wir später. Gus, du folgst bitte meinen Leuten nach oben, wir bringen dich in Sicherheit, hab keine Angst. Wir suchen jetzt weiter nach Justus."
Gleich danach erklang wieder die Stimme des Coronels aus dem Helmlautsprecher. "Simmons hier, eine Geisel gesichert. Gehen jetzt weiter runter. Over."
Verbinski führte den sprachlosen Gus nach oben, während Simmons mit dem Rest der Truppe weiter die Räume durchsuchte. Sie fanden jedoch niemanden mehr. Dann stiegen sie die Treppen hinab zur untersten Etage.
