KAPITEL 7
Lautlos betrat Coronel Simmons als erster der Gruppe die unterste Ebene der Festung. Bisher war die Mission wie am Schnürchen verlaufen und er hoffte, auch die letzte Geisel schnell finden zu können. Da sie nicht sicher sein konnten, ob nicht noch weitere Geiselnehmer im Gebäude waren, gingen sie weiterhin mit höchster Vorsicht und Diskretion vor.
Hier unten fiel nur noch sehr wenig Licht von außen durch ein paar schmale Lichtschlitze. Er konnte vage etliche Gitterstäbe erkennen, die kleine Bereiche voneinander abtrennten. Dies hier schien ein mittelalterlicher Kerker zu sein. Simmons schauderte bei dem Gedanken, die Entführer könnten den vermissten Jungen hier unten eingesperrt haben. In einer Zelle zu seiner Rechten hing etwas von der Decke, vielleicht ein Mantel oder ein Sack. Es war zu dunkel, um mehr zu erkennen.
Da sie den Rest des Gebäudes bereits gesichert hatten und nicht mehr mit starkem Widerstand zu rechnen war, ging der Coronel das Risiko ein, seine Taschenlampe einzuschalten. Der Lichtkegel wanderte durch den Raum. Der Kerker hatte eine geringere Grundfläche als die anderen Etagen. Der Gang in der Mitte maß etwa 60 Fuß, und zu beiden Seiten des Ganges lagen etliche Zellen, die je etwa 10 Fuß tief waren. Von der Treppe aus konnte man den kompletten Kerker überblicken. Hier schien niemand zu sein. Dann fiel der Lichtkegel seiner Taschenlampe auf die Zelle zu seiner Rechten.
Der Coronel erkannte augenblicklich, was da von der Decke baumelte. Oder besser gesagt, wer. Den entsetzten Ausrufen hinter ihm nach zu schließen, hatte der Rest seiner Truppe es ebenfalls erkannt.
"So eine verfickte Scheiße!", fluchte Michels neben ihm.
Der Coronel reagierte sofort. "Denning, Guterres, geben Sie uns Deckung, falls doch noch welche von den Mistkerlen hier herumlaufen. Michels, Garcia, holen sie den Jungen da runter, sofort!"
Sein Team folgte seinen Befehlen augenblicklich. Michels und Garcia bedienten vorsichtig die Winden, die Justus' Fesseln oben hielten und ließen den Jungen langsam auf den Boden runter. Coronel Simmons half, ihn vorsichtig auf dem Boden abzulegen. Dann beugte sich Michels über den bewusstlosen Jungen.
Captain Michels und Sergeant Garcia waren beide hervorragende Rettungssanitäter, weshalb sie auch in aller Regel die Nachhut bei ihren Operationen bildeten. Was die beiden hier ausrichten konnten, wusste Simmons allerdings nicht. Er hockte sich auf den Boden neben Michels und warf einen genauen Blick auf den Jungen.
Er hatte schon viele unschöne Verletzungen in seinen Jahren beim Militär und später als Anführer eines S.W.A.T. Teams gesehen, aber Folteropfer waren immer ein besonders grausamer Anblick. Erst recht, wenn es sich um Kinder oder Jugendliche handelte. Der Junge hatte eine Platzwunde an der Stirn, und die Hälfte seines Gesichts war blutüberströmt. Der Rest seines Gesichts war totenblass. Die Eisenhandschellen hatte tief in seine Handgelenke eingeschnitten und die Ärmel seiner Sweatjacke waren blutgetränkt. Michels und Garcia schienen etwas überfordert mit der Situation.
"Nun nehmen Sie ihm doch endlich diese verdammten Fesseln ab!", befahl der Coronel und sofort griff Garcia vorsichtig nach dem linken Handgelenk. Mit einem Quietschen entfernte er den Sicherungsbolzen, dann öffnete er vorsichtig die erste Fessel.
Mit einem widerlichen Schmatzgeräusch löste sich das rostige Eisen aus der tiefen Wunde, die es gegraben hatte und gab für einen Moment den Blick auf gerötetes Fleisch und weißen Knochen frei, bevor die Wunde sich sofort mit frischem Blut füllte, welches seitlich auf den Steinboden rann und dort einen Pfütze bildete.
Plötzlich nahm Simmons hinter sich eine Bewegung war. Er drehte sich um und stellte entsetzt fest, dass er die beiden Jungen und den Inspektor für einen Moment völlig vergessen hatte.
Der kleinere von den beiden Jungen hatte sich den Helm vom Kopf gerissen, die Hände auf die Knie gestützt und erbrach sich auf den Steinboden. Der größere Junge lehnte sich mit zitternden Knien an die Gitterstäbe neben ihm und sah aus, als würde er jeden Moment in Ohnmacht fallen. Selbst der sonst nur grimmig dreinblickende Inspektor hatte jedes bisschen Gesichtsfarbe verloren und sein Atem ging doppelt so schnell wie normal.
"Inspektor!", sprach Simmons ihn an. Keine Reaktion. "INSPEKTOR!", wiederholte er, so laut er konnte. Der Polizist löste sich aus seiner Starre und blickte den Coronel aus glasigen Augen an. "Los, bringen sie die Jungen nach oben. Das hier ist zu viel für sie!"
Cotta nickte wie betäubt, dann führte er die Jungen nach draußen. Beide wehrten sich nicht. Simmons befürchtete, dass der Anblick ihres Freundes bei den Jungen ein Trauma verursacht hatte. Auf jeden Fall musste er nach Ende der Mission dafür sorgen, dass beide entsprechend betreut wurden. Und der Inspektor wahrscheinlich ebenfalls. Nun bereute er es, dass er die drei auf die Insel mitgenommen hatte. Mit solch einem Horrorszenario hatte keiner vorher gerechnet.
Währenddessen hatte Garcia Justus einen Druckverband am linken Handgelenk angelegt. Nun griff Michels zum rechten Handgelenk. Er löste vorsichtig den Bolzen und wollte gerade die Fessel öffnen, da begann der Junge plötzlich, das Bewusstsein wieder zu erlangen. Er gab einen kehligen Laut von sich, gefolgt von einem Wimmern und einem rasselnden Atemzug. Er versuchte, sich zu bewegen, war jedoch zu schwach für mehr als ein Kopfschütteln.
"Verdammt, er kommt zu sich!", fluchte Michels. "Schnell, 150 Mikrogramm Fentanyl." Während er das zweite Handgelenk aus der Fessel löste, welches kein bisschen besser aussah, als das andere, zog Garcia eine Spritze auf und injizierte sie dem Jungen gekonnt in die Ellenbeuge. Schon nach wenigen Momenten hörte dieser auf, sich zu bewegen und schien erneut das Bewusstsein zu verlieren.
Während Michels einen Druckverband um das rechte Handgelenk legte, befestigte Garcia eine Blutdruckmanschette an Justus' linkem Oberarm. Das Gerät piepte ein paar Mal, pumpte sich auf und zeigte dann verschiedene Werte an.
"Der Druck ist komplett im Keller, Puls kaum messbar", kommentierte Michels. "Legen Sie einen Zugang und verabreichen Sie 0,6 Milligramm Adrenalin!"
Garcia beugte sich über den Jungen und versuchte mehrmals erfolglos, eine Butterfly Kanüle in die Ellenbeugenvene zu legen. "So ein Mist!", fluchte er, "der Druck ist viel zu niedrig, ich bekomme keinen Zugang." Nach zwei weiteren Versuchen war er endlich erfolgreich und klebte die Kanüle fest. Er zog ein Medikament auf, spritzte es direkt in die Kanüle und hing dann einen NaCl Beutel an. Anschließend warf er einen Blick auf den kleinen Monitor. "Druck jetzt 70 zu 44, Frequenz 136. Er hat zu viel Blut verloren, Michels."
"Ich weiß", antwortete Michels mit zusammengebissenen Zähnen. Dann wandte er sich an Simmons. "Sir, können Sie bitte die Trage vorbereiten? Wir müssen den Jungen so schnell wie möglich ins Krankenhaus bringen."
"Natürlich!", antwortete Simmons und griff nach der Falttrage. Michels injizierte dem Jungen zwei Gramm Ampicillin, während Garcia vorsichtig Justus' Sweatjacke öffnete und das T-Shirt zerschnitt.
Der Anblick darunter verschlug selbst den erfahrenen Sanitätern für einen Moment den Atem. Der Torso des Jungen war fast vollständig blau-schwarz verfärbt. An beiden Seiten waren einige Beulen zu erkennen, die möglicherweise von gebrochenen Rippen stammten. Michels nahm sich das Stethoskop und hörte mit geschlossenen Augen ein paar Sekunden lang den Oberkörper des Jungen ab. Dann schüttelte er resigniert den Kopf. "Da ist eine Menge Flüssigkeit in der Lunge. Außerdem blutet er innerlich." Er zögerte einen Moment, dann blickte er auf und erklärte mit fester Stimme, "Der Junge ist hypovolämisch, möglicherweise septisch, hypoton und steht kurz vor einem Kreislaufkollaps."
Er blickte dem Coronel ernst in die Augen. "Er überlebt den Transport auf dem Boot nicht, Sir. Wir brauchen einen Hubschrauber, das ist seine einzige Chance."
Coronel Simmons nickte und gab die Anweisung sofort an die Einsatzleitstelle weiter. Die Falttrage war mittlerweile bereit und gemeinsam hoben sie den schwerverletzten Jungen darauf und fixierten ihn mit den Gurten. Das Funkgerät an Simmons Gürtel erwachte zum Leben. "Coronel, der Hubschrauber ist unterwegs", drang eine weibliche Stimme aus dem Gerät, "Er ist in zehn Minuten bei Ihnen."
"Ihr habt es gehört, Leute", rief Simmons. "Lasst uns den Jungen nach oben bringen und dann nichts wie runter von dieser gottverdammten Insel." Vorsichtig und mit einem leichten Ächzen hoben Michels und Garcia die Trage an und machten sich auf den Weg nach oben. Es war nicht einfach, die Trage die enge Treppe hinauf zu manövrieren, und so dauerte es gut fünf Minuten, bis die Gruppe wieder in der Eingangshalle angekommen war.
In der Halle war das komplette Team versammelt, genauso wie die vier Gefangenen. Am Rand saßen Bob und Peter gemeinsam mit dem anderen befreiten Jungen auf dem Boden. Der Schock stand ihnen allen ins Gesicht geschrieben. Der Inspektor stand neben ihnen, die Stirn in tiefe Falten gezogen. Als die beiden Sanitäter mit Justus die Treppe hinauf kamen, blickten alle gleichzeitig auf.
Coronel Simmons sprach zu der versammelten Gruppe. "Die Mission war weitestgehend erfolgreich. Die Geiseln sind befreit, die Geiselnehmer in Gewahrsam. Leider ist eine der Geiseln schwer verletzt, ein Hubschrauber wird jeden Moment hier eintreffen und ihn ins Krankenhaus bringen. Michels, sie begleiten den Jungen." Der Captain nickte. "Der Rest von uns bringt die Gefangenen an Bord und dann verlassen wir diesen Ort. Clarkson, bitte legen Sie mit dem Boot am Bootsanleger an, ich möchte die Gefangenen nicht über die Felsen tragen müssen."
Der Angesprochene nickte und machte sich auf den Weg zum Boot. Da hörten sie auch schon den sich nähernden Hubschrauber. Michels und Garcia trugen Justus nach draußen vor die Festung. Als der Hubschrauber über ihnen flog, tauchte er mit seinem Flutstrahler die gesamte Insel in gleißendes Licht. Von oben ließ sich eine Person an einem Seil herunter, in der Hand hielt sie eine orangene Trage.
Der Sanitäter landete mit beiden Füßen auf dem Boden und sah sich kurz um. Er entdeckte Michels und Garcia, die mit der Falttrage auf ihn zukamen. "Wir können auf der Insel nicht landen!", brüllte er gegen den Lärm der Rotoren an. "Wir müssen den Patienten aus der Luft bergen!"
Michels nickte und vorsichtig hoben sie Justus auf die orangefarbene Rettungstrage und schnallten ihn sicher fest. Der Sanitäter von der Luftrettung befestigte die Gurte an allen vier Ecken der Trage und hakte das Seil ein, dann gab er ein kurzes Zeichen nach oben. Augenblicklich hob sich die Trage in die Luft und wurde Meter für Meter nach oben gezogen, bis sie schließlich im Hubschrauber verschwand.
Der Sanitäter blickte Michels und Simmons an. "Wird einer von Ihnen uns begleiten?", rief er. Michels nickte und trat vor. Der Sanitäter legte ihm einen Rettungsgurt um und hakte das Seil, nachdem es wieder herunter gelassen worden war, am Gurt fest. Er gab ein weiteres Zeichen nach oben, und Michels wurde ebenfalls hinauf in den Hubschrauber gezogen. Kurze Zeit später wurde das Seil wieder heruntergelassen. Der Sanitäter nickte einmal kurz in die Runde. "Wir kümmern uns gut um den Jungen, versprochen!", rief er. Dann hakte er sich ein und wurde nach oben gezogen. Kaum, dass er im Hubschrauber war, wurde die Tür geschlossen und der Helikopter drehte ab in Richtung Festland.
Simmons blickte ihm einige Sekunden hinterher. Dann sammelte er sich und wandte sich wieder seinem Team zu. "Ok, Leute, auf geht's." Mit einer ausladenden Handbewegung bedeutete er allen, ihm zum Bootsanleger zu folgen. Clarkson hatte ihr Boot mittlerweile dort vertäut. Je zwei seiner Teammitglieder beförderten einen der Gefangenen aufs Boot und banden sie dort an den Haltegriffen fest. Zuletzt folgten die drei Jungen und der Inspektor. Simmons sah sie besorgt an. Gerne hätte er etwas Tröstendes oder Aufbauendes gesagt. Doch leider fiel ihm nichts ein. Auch ihm machte diese Mission ziemlich zu schaffen, und er hatte es nur seinem Training zu verdanken, dass er seine Gefühle für den Moment beiseiteschieben und die Operation beenden konnte. Also nickte er den Jungen nur einmal kurz zu, dann gab er Clarkson ein schnelles Zeichen und nur wenige Sekunden später legte das Boot ab. Sie ließen die Festung schnell hinter sich und Coronel Simmons betete, dass er diesen gottverlassenen Ort nie wieder betreten musste.
