KAPITEL 8

Bob saß völlig benommen an Bord des schwarzen Bootes. Rechts neben ihm saß Gus, Peter und Inspektor Cotta saßen links von ihm. Er fühlte sich, als wäre er Unterwasser. Alle Geräusche um ihn herum waren gedämpft. Gus blickte ihn an und fragte etwas, doch Bob verstand nichts. Er blinzelte nur träge und schaute wieder geradeaus.

Er spürte Peter neben sich zittern. Vielleicht war ihm kalt. Etwas Nasses tropfte auf seine Hände, die verschränkt auf seinen Oberschenkeln lagen. Irritiert blickte er nach oben. Der Himmel war wolkenlos. Also kein Regen. Er beobachtete, wie ein Tropfen an seiner Hand herunterlief. So wie das Blut an Justus' Hand heruntergelaufen war.

Ein Zittern durchlief seinen ganzen Körper. Vielleicht war ihm auch kalt, so wie Peter. Ob Justus auch kalt gewesen war? Bestimmt. Der Kerker hatte ziemlich kalt ausgesehen.

Eine Hand legte sich auf seine Knie. Coronel Simmons kniete vor ihm. Er sagte etwas und blickte Bob fragend an. Über das Rauschen des Blutes in seinen Ohren konnte Bob nichts verstehen. Oder ob es das Rauschen des Meeres war? Klang das Rauschen von Wasser so wie das Rauschen von Blut? Schließlich tropfte Wasser auch genauso wie Blut.

Der Coronel hatte sich wieder aufgerichtet. Kurze Zeit später legte ihm jemand etwas großes, weiches um seine Schultern. Das Zittern hörte trotzdem nicht auf. Er blickte wieder hinunter auf seine Hände. Verwundert schaute er seine Handgelenke an. Sie sahen so unscheinbar aus. So gewöhnlich. Ob sie von innen auch so merkwürdig rot und weiß waren, wie die von Justus? Er begann, mit dem Daumennagel der rechten Hand über sein linkes Handgelenk zu kratzen. Schon nach kurzer Zeit färbte es sich rot. Kurz danach trat ein Tropfen Blut hervor und lief das Handgelenk hinab. Genau wie bei Justus.

Bob hielt den Kopf schief und beobachtete, die der Tropfen für einige Momente an seinem Handgelenk hängen blieb und dann auf das Deck des Bootes tropfte. Er fragte sich, wie viele Tropfen wohl nötig wären, damit sich eine Pfütze bildete. So wie bei Justus.

Plötzlich griff jemand nach Bobs Handgelenk. Cotta hatte sich über Peter gebeugt und hielt Bobs Arm gepackt. Er blickt erst auf das Blut, dann in Bobs Gesicht. Sein Gesichtsausdruck war merkwürdig. Es erinnerte Bob ein wenig an Justus, wenn er angestrengt nachdachte. Also an den Justus von vorher. Vor der Insel. Wenn Bob jetzt an Justus dachte, sah er nur rot und weiß. Wie Ketchup und Mayonnaise auf einer extragroßen Portion Pommes. Justus Lieblingsessen. Oder Mozzarella und Tomatensauce auf einer Pizza. Auch die aß Justus gerne. Oder Zuckerstangen. Vielleicht aß er deshalb gerne rot-weiße Sachen, weil er von innen auch rot-weiß war. Das klang doch logisch.

Der Inspektor hielt immer noch Bobs Handgelenk fest. Er wehrte sich nicht dagegen. Es half ein klein wenig gegen das Zittern. Plötzlich ging ein Ruck durch das Boot. Bob blickte auf und stellte überrascht fest, dass sie angelegt hatten. Sie waren am Hafen von Marina del Rey in Venice. Von hier aus konnte man das Mermaid Court sehen, das Hotel, in dem sie damals ihren Fall "heimlicher Hehler" gelöst hatten. Justus war damals im Schacht des Speiseaufzugs stecken geblieben. Bei der Erinnerung lachte Bob auf. Justus war damals ganz rot im Gesicht gewesen. So wie heute auch. Das weiße Fragezeichen mit dem roten Gesicht. Scheinbar drehte sich in Justus Leben alles um diese beiden Farben. Er nahm sich vor, Peter später davon zu erzählen.

Sie verließen das Boot und betraten den Hafen. Nur ein kurzes Stück entfernt standen zwei Krankenwagen. Rot-weiße Krankenwagen. Wieder musste Bob kichern. Zwei Leute in rot-weißen Jacken kamen auf ihn zu. Einer griff nach seinem Handgelenk und Bob wollte ihm schon sagen, dass er bereits nachgesehen hatte und dort auch Blut drin war. Die andere Person leuchtete mit einer sehr hellen Taschenlampe direkt in seine Augen. Er blinzelte und drehte den Kopf weg. Dann führten die Leute ihn in den Krankenwagen und setzten ihn drinnen auf einen Sitz. Man legte ihm eine Blutdruckmanschette um den Oberarm und eine kleine Kanüle in die Ellenbeuge, durch die über einen kleinen Schlauch eine durchsichtige Flüssigkeit aus einem Beutel in ihn hinein tröpfelte. Das erinnerte ihn wieder an Justus. Auch er hatte so einen Schlauch in der Ellenbeuge und eine Blutdruckmanschette am Oberarm gehabt, als man ihn hoch in den Hubschrauber gezogen hatte. Wie ein Engel war er in den Himmel geschwebt. Vielleicht saß er ja inzwischen auf einer Wolke und sah ihnen zu. Ein kleiner, barocker Engel. Auf einer rot-weiß gestreiften Wolke.

Das war Bobs letzter Gedanke, bevor das Beruhigungsmittel seine Wirkung entfaltete und er in einen tiefen, traumlosen Schlaf fiel.