KAPITEL 9
Die Sanitäter hatten Cotta durchgecheckt und für körperlich gesund befunden. Er beobachtete, wie ein völlig apathischer Bob und kurze Zeit später ein nahezu hysterischer Peter in einen Krankenwagen verfrachtet und gleich darauf Richtung Southern California Hospital gefahren wurden. Simmons hatte ihm berichtet, dass auch Justus in dieses Krankenhaus gebracht worden war.
Der junge Engländer, den sie aus der Festung befreit hatten, wurde ebenfalls ins Krankenhaus gebracht. Scheinbar hatten die Entführer ihm mehrere Tage nichts zu essen gegeben und ihn auch sonst alles andere als zuvorkommend behandelt. Ansonsten war er glücklicherweise unversehrt.
Nachdem beide Rettungswagen abgerückt waren, ging Cotta noch einmal auf Simmons zu. Dieser beobachtete gerade, wie White und seine Leute in einen Gefangenentransporter verladen wurden. Als der Inspektor näher kam, drehte er sich zu ihm um.
Cotta räusperte sich. "Ich möchte mich für Ihre Unterstützung heute bedanken, Coronel. Ich will nicht darüber nachdenken, wie die Nacht ohne Sie und Ihr Team verlaufen wäre." Er reichte dem Coronel die Hand.
Dieser schüttelte sie einmal kräftig. "Und ich danke Ihnen, Inspektor. Dank Ihnen und den beiden cleveren Jungen konnten beide Geiseln lebend befreit und alle Geiselnehmer verhaftet werden. Außerdem möchte ich mich bei Ihnen entschuldigen."
Cotta sah ihn fragend an. "Entschuldigen? Wofür denn?"
Simmons schluckte einmal schwer, bevor er antwortete. "Ich hätte Sie und vor allem die Jungen nicht mitnehmen dürfen. Ich habe die Situation im Vorhinein falsch beurteilt. Ich wollte den Jungen die Chance geben, bei der Befreiung ihres Freundes dabei zu sein, nachdem sie ihn und die Entführer ganz allein ausfindig gemacht hatten. Selbst im Traum wäre ich nicht darauf gekommen, dass wir dort in eine verfickte Folterkammer stolpern würden. Das ist… das ist einfach nur krank. Ich verspreche Ihnen, ich werde dafür sorgen, dass jeder von denen für lange Zeit hinter schwedischen Gardinen verschwindet."
Cotta wusste nicht, was er darauf antworten sollte, also nickte er nur. Das schiere Entsetzen, dass ihn überkommen hatte, nachdem sie Justus in diesem Kerker gefunden hatten, wallte wieder auf. Nur mit Mühe behielt er eine gefasste Miene und hoffte, der Coronel würde das Zittern seiner Hände nicht bemerken.
Coronel Simmons sah ihn aufmerksam an. Dann runzelte er die Stirn. "Erlauben Sie mir noch eine Frage, Inspektor."
Wieder nickte Cotta nur stumm. Simmons räusperte sich. "Gehe ich Recht in der Annahme, dass Ihnen etwas an den Jungen liegt? Ich will Ihnen natürlich nichts unterstellen, aber ich hatte den Eindruck, dass die ganze Mission etwas Persönliches für Sie ist."
Simmons schwieg und Cotta überlegte einige Zeit, ob er antworten sollte. Dann seufzte er. "Die drei Jungen haben ein Detektivclub bei uns in Rocky Beach. Sie sind, zugegebenermaßen, überaus erfolgreich und schleppen mir mindestens einmal im Monat irgendwelche Kriminellen ins Police Department. Sie waren diejenigen, die vor einiger Zeit Victor Hugenay geschnappt haben. Und erinnern Sie sich an 'Project Dragon', diesen Waffentestskandal der CIA? Den haben die Drei aufgedeckt." Hier bekam der Coronel große Augen. Cotta fuhr fort. "Die Jungs sind seit etlichen Jahren ein Detektivteam und haben schon mit meinem Vorgänger zusammen gearbeitet. Er hat sie zu Junior Mitarbeitern der Polizei von Rocky Beach ernannt und Ihnen sogar Ausweise gegeben." Cotta schmunzelte kurz, dann wurde er wieder ernst. "Seit einiger Zeit werden ihre Fälle immer größer und gefährlicher. Alle paar Wochen sitzen die drei in irgendeinem Schlamassel und dann rücke ich mit meinen Leuten aus, rette sie und verhafte bei der Gelegenheit ein paar Verbrecher. Bei fast jedem Fall werden sie irgendwo eingesperrt, mit Waffen bedroht oder begeben sich sonst irgendwie in Gefahr. Am Ende halte ich Ihnen eine Predigt, dass sie solche Fälle der Polizei überlassen sollen. Dann nicken sie eifrig und ein paar Wochen später geht das Spiel von vorne los."
Cotta räusperte sich und schaute etwas verlegen zu Boden. So viele Worte hatte er gar nicht sagen wollen. Trotzdem fuhr er fort. "Die Jungen sind wirklich auf Draht und auch, wenn sie mir einen Haufen Kopfschmerzen und Überstunden bescheren, sind sie mir ans Herz gewachsen. Ich fühle mich für sie verantwortlich, das sind meine Jungs. Ich frage mich seit Jahren, wann wohl der Tag kommt, an dem einer ihrer Fälle mal gewaltig schief geht. Aber das hier heute… das hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht ausmalen können. Keine Ahnung, wie lange sie ihn so gequält haben… Dieses Maß an Grausamkeit… selbst, wenn Justus das überlebt, hab ich keine Ahnung, ob er wieder der Alte wird. Die drei haben sich immer auf mich verlassen, und diesmal war ich nicht rechtzeitig da, um die Katastrophe zu verhindern."
Jetzt traten dem Inspektor Tränen in die Augen. Energisch wischte er sie weg, doch kamen ungefragt einfach neue. Simmons legte ihm eine Hand auf die Schulter. "Hören Sie, Inspektor. Machen Sie einen Schritt nach dem anderen. Fahren Sie zu den Jungs ins Krankenhaus und vergewissern Sie sich, dass alle bestmöglich versorgt werden. Wenn Justus so taff ist, wie ich glaube, wird er das schaffen. Und dann braucht er Sie und seine beiden besten Freunde an seiner Seite. Er kann das schaffen, Schritt für Schritt. Ich werde in ein paar Tagen auch einmal im Krankenhaus vorbeischauen, und hoffentlich erzählen mir die Drei dann die ganze Geschichte. Sie haben da drei großartige Schützlinge, Inspektor. Sie können stolz auf sie sein."
Der Inspektor lachte einmal kurz auf. "Ich wusste gar nicht, dass man beim FBI lernt, so aufbauende Reden zu halten."
Simmons grinste. "Nicht beim FBI. Meine Teenie-Kinder schauen aktuell dauernd Superhelden Serien. Glauben Sie mir, nicht eine Folge ohne irgendeine Selbstkrise und einen Pep Talk. Bei unserem nächsten Gespräch organisiere ich auch ein Streichquartett."
Grinsend schüttelte der Inspektor den Kopf. Aber er nahm sich Simmons Hinweis dennoch zu Herzen. Er verabschiedete sich von dem Coronel und verließ den Pier. Nur 300 Fuß entfernt stand Goodween mit dem Polizeiwagen. Cotta hatte ihn nach dem Anlegen am Hafen kontaktiert und den Sergeant gebeten, ihn hier abzuholen.
Er setzte sich auf den Beifahrersitz und seufzte tief. Dann wies er Goodween an, ins Southern California Hospital zu fahren. Ein paar Minuten herrschte Stille im Auto, dann klärte der Inspektor den Sergeant darüber auf, was in den vergangenen Stunden geschehen war. Als er zu dem Punkt kam, an dem sie Justus gefunden hatten, zögerte er. Doch dann überwand er sich und berichtete Goodween genau, in welchem Zustand sie den Jungen gefunden hatten, von den Versuchen der Sanitäter und dem Abtransport im Hubschrauber.
Danach herrschte wieder Stille im Auto. Cotta wusste, dass auch Goodween die Jungen mochte. Schließlich war er fast jedes Mal dabei, wenn es wieder eine Last-Minute-Aktion gab. Daher ließ auch ihn diese Nacht alles andere als kalt.
Das Southern California Hospital war nicht weit von Venice entfernt und schon nach kurzer Fahrt parkten sie den Einsatzwagen vor dem Krankenhaus und traten ein. Um diese Uhrzeit war die Empfangshalle nahezu menschenleer. Nur eine ältere Damen saß gelangweilt hinter dem Empfangstresen. Cotta legte ihr seine Marke auf Tisch und fragte nach Justus, Bob und Peter. Der zweite und dritte Detektiv lagen in einem Zimmer auf der psychiatrischen Station. Bei beiden lag der Verdacht auf eine akute Belastungsstörung nahe.
Justus wurde scheinbar immer noch operiert. Cotta war sich nicht sicher, ob das eine gute oder eine schlechte Nachricht war. Immerhin war er noch am Leben. Allerdings war er seit fast zwei Stunden im OP, und Cotta hatte keine Ahnung, wie es um ihn stand.
Der Inspektor warf einen Blick auf seine Uhr. Es war 5:10 Uhr. Die Ereignisse dieser Nacht lagen wie zentnerschwere Gewichte auf seinen Schultern. Am liebsten würde er sich irgendwo hinlegen und schlafen. Er wusste jedoch, was er sehen würde, sobald er die Augen schloss, und auch, wovon er träumen würde. Entschlossen folgte Cotta der Beschilderung in Richtung Notaufnahme, in der Hoffnung, dass man ihm dort mehr sagen konnte. Doch auch die übermüdet wirkende Nachtschwester, die er dort antraf, konnten ihm nur das Gleiche sagen, wie die Dame am Empfang. Der Junge wurde noch operiert und er müsse auf das Ende der OP warten.
Resigniert ließ sich der Inspektor auf einen der Sitze im Wartebereich fallen und wischte sich mit der Hand übers Gesicht. Dann sah er zu seinem Kollegen auf, der unentschlossen neben ihm stand. "Fahren Sie nach Hause, Sergeant. Ich bleibe über Nacht hier und warte auf Neuigkeiten aus dem OP."
Goodween sah ihn besorgt an. "Sir, sind Sie sicher? Vielleicht sollten Sie sich auch etwas…"
"Nein, ich bleibe hier. Ich werde heute ohnehin keinen Schlaf finden."
Goodween nickte unsicher, dann verabschiedete er sich mit dem Versprechen, sich später zu melden und verließ das Krankenhaus.
Cotta schloss die Augen und lehnte den Kopf nach hinten. Sofort flammten die Bilder der vergangenen Nacht hinter seinen geschlossenen Augenlidern auf. Im ersten Moment, als er Justus dort hatte hängen sehen, hatte er ihn für tot gehalten. Erst, als der Junge auf dem Boden lag, hatte Cotta bemerkt, dass sich sein Brustkorb hebte und senkte. Dann hatten die Sanitäter begonnen, die Fesseln zu lösen.
Inspektor Cotta war seit vielen Jahren im Polizeidienst tätig. Er hatte schwer verletzte und tote Verkehrsunfallopfer, angeschlossene und zusammengeschlagene Bandenmitglieder und Drogendealer und sogar ertrunkene Wassersportler gesehen. Auch Suizide waren leider keine Seltenheit. Folteropfer waren jedoch bisher noch nicht darunter gewesen. Unabhängig von der Schwere der Verletzungen war allein die Vorstellung von Folter beinahe unerträglich. Kein Unfall, kein Kampf oder nachvollziehbares Motiv. Einzig pure Grausamkeit und Brutalität konnten einen Menschen dazu befähigen, einem anderen so etwas anzutun. Ihn zu foltern. Einen Jungen, nicht mal alt genug, um Alkohol trinken oder wählen zu dürfen. Fast noch ein Kind. Einer seiner Jungs.
Wieder kamen Cotta die Tränen. Doch da niemand sie sehen konnte, ließ er sie einfach laufen. Die körperliche und mentale Erschöpfung, die ihn jetzt befiel, war lähmend. Er konnte sich nicht mehr bewegen, geschweige denn aufstehen. Selbst die Augen konnte er nicht mehr öffnen. Er saß einfach so da, den Kopf an die Wand hinter ihm gelehnt, bis er irgendwann in einen unruhigen Schlaf fiel.
