KAPITEL 10

Blinzelnd kam Peter zu sich. Irritiert blickte er an eine weiße Decke. Definitiv nicht sein Zimmer, dort blickte er beim Aufwachen auf eine Dachschräge, die mit einem Poster von Michael Jordan dekoriert war. Er war unsäglich müde, also schloss er die Augen wieder. Als nächstes nahm er den Geruch um sich herum wahr. Es roch fremd und leicht stechend, als hätte jemand ein Putzmittel mit künstlichem Zitrusduft verwendet.

Langsam öffnete er die Augen wieder und blickte an sich herab. Er lag in einem weißen Bett, auf einem weißen Laken unter einer dünnen, weißen Decke. Selbst das Nachthemd, dass er trug war weiß. Er wollte die Arme heben um sich die Augen zu reiben, da bemerkte er etwas merkwürdiges an seinem rechten Arm. Etwas stach in der Ellenbeugen und irgendwas hing an seinem Zeigefinger. Er zog die Decke beiseite und warf einen Blick auf den Arm. Eine Nadel stecke in der Ellenbeuge, an die ein Schlauch angeschlossen war. Er folgte dem Schlauch mit seinem Blick. Er endete in einem Beutel mit einer durchsichtigen Flüssigkeit, der an einem Ständer neben seinem Bett hing.

An seinem Zeigefinger war eine Kunststoffklemme befestigt. Von dieser führte ein hellgraues Kabel zu einem Monitor, der ebenfalls neben seinem Bett stand. Langsam wurde ihm bewusst, dass er sich in einem Krankenhaus befand. Er konnte sich aber überhaupt nicht mehr erinnern, wie er hierhergekommen war. Hatte er einen Unfall gehabt?

Er drehte den Kopf zu beiden Seiten. An der gegenüberliegenden Wand stand ein weiteres Bett. Sofort erkannte er dort Bobs blonden Haarschopf auf dem weißen Kissen. Er schien noch fest zu schlafen. War Justus auch hier? Peter blickte sich suchend im Raum um, konnte den ersten Detektiv jedoch nirgendwo entdecken. Vielleicht hatten nur Bob und er einen Unfall gehabt.

Der zweite Detektiv dachte angestrengt nach. Was war das Letzte, woran er sich erinnern konnte? Aus irgendeinem merkwürdigen Grund fiel ihm Geheimagent Blake Turner ein. Hatten sie einen Filmabend in der Zentrale gemacht? Und wieso erinnerte er sich dann, dass ihm Blake Turner eine Tasse Kaffee serviert hatte? Vielleicht hatte er ja doch nur einen sehr schrägen Traum gehabt.

Nein! Nicht Blake Turner. Solomon Charles war sein Name, und er war kein Geheimagent, sondern Schauspieler! Bob und Peter waren bei ihm gewesen, weil

Justus! Ihr Erster war verschwunden! Bob und Peter suchten ihn. Irgendwas hatte sein Verschwinden mit dem feurigen Auge und einer silbernen Hand zu tun, die Mister Charles gestohlen worden war. Immer schneller kamen die Erinnerungen zurück. Ihr Besuch bei Gabriel White, die Verfolgung des weißen Kastenwagens bis zur Mine in Dalton und dann zurück bis zum Hafen von Leo Carrillo. An dem Punkt, an dem sie sich mit Cotta dem S.W.A.T. Team angeschlossen hatten, wurden seine Erinnerungen unscharf und merkwürdig fragmentiert. Als würde er versuchen, sich an einen Traum zu erinnern. Da waren nur vereinzelte Bilder von dunklen Räumen, langen Fluren und steinernen Treppen. Und ein Hubschrauber war auch dort gewesen. Je angestrengter Peter versuchte, sich zu erinnern, umso weniger gelang es ihm. Er bekam nur Kopfschmerzen, also ließ er es erstmal sein. Früher oder später würde es ihm schon wieder einfallen.

Er ließ den Kopf wieder auf das Kissen fallen. So richtig wach fühlte er sich immer noch nicht. Sein Körper kribbelte merkwürdig. Vielleicht würde ja etwas Bewegung helfen. Langsam setzte er sich auf. Ein leichter Schwindel überkam ihn, doch er blieb aufrecht sitzen und wartete, bis sein Kopf klarer wurde. Dann zog er die Decke beiseite, schwang die Beide aus dem Bett und berührte mit den nackten Füßen den kalten Linoleumboden. Seine Beine fühlten sich immer noch leicht taub an, und seine zitternden Knie machten nicht den Eindruck, als könnten sie den zweiten Detektiv tragen. Doch bevor er einen Versuch unternehmen und sich hinstellen konnte, öffnete sich die Tür und eine kräftige Krankenschwester mit modisch kurzen Haaren betrat das Zimmer.

"Ah, Peter. Schön, dass du wach bist!", grüßte sie freundlich. "Mit dem Aufstehen solltest du noch etwas warten, das Beruhigungsmittel hat dich ziemlich ausgeknockt. Du hast fast 10 Stunden geschlafen. Am besten bringe ich dir erstmal etwas zu Essen und dann sehen wir weiter, einverstanden?"

Peter nickte irritiert. Beruhigungsmittel? Warum hatte man ihm denn ein Beruhigungsmittel geben müssen? Er blickte erneut an sich herab. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er keine offensichtlichen Verletzungen hatte. Nirgendwo war ein Verband oder auch nur ein Pflaster zu sehen, abgesehen von dem, welches die Kanüle in der Ellenbeuge fixierte. Er berührte seinen Kopf und sein Gesicht, doch auch dort schien alles in Ordnung zu sein. Wieso war er denn dann im Krankenhaus?

In diesem Moment kam die Schwester wieder herein, diesmal mit einem Tablett in der Hand. Sie stellt es Peter auf den Nachtschrank, doch dieser beachtete es gar nicht. "Können Sie mir sagen, warum ich hier bin?", fragte er die Schwester stattdessen.

Diese sah ihn etwas mitleidig an. "An was kannst du dich denn erinnern?"

Peter schüttelte den Kopf. "Ich weiß, dass wir meinen Freund retten wollten, er wurde auf Santa Clarita in dieser alten Piratenfestung gefangen gehalten. Können Sie mir sagen, ob es ihm gut geht? Hat Coronel Simmons ihn gefunden?"

"Er ist tot", kam plötzlich eine tonlose Stimme aus dem anderen Bett. "Oder zumindest so gut wie."

Ruckartig drehte Peter seinen Kopf zur Seite und blickte Bob an. Der dritte Detektiv lag reglos in seinem Bett und starrte zur Decke. "Wir waren zu spät, Peter. Wir haben versagt. Sie haben Justus fast zu Tode gefoltert. Haben ihn erst zu Brei geschlagen und ihn dann an Eisenketten stundenlange von der Decke hängen lassen. Selbst wenn er noch lebt, wird er sich wünschen, er wäre tot." Bobs Stimme war völlig emotionslos. Und klang in Peters Ohren so fremd, dass er beinahe glaubte, jemand anders hätte gesprochen.

Peters Atmung beschleunigte sich. Als hätte jemand einen Vorhang zur Seite gezogen, prasselten die fehlenden Erinnerungen plötzlich auf ihn ein. Der Kerker unter der Festung. Justus, der reglos in seinen Fesseln hing.

Blut.

Fleisch.

Knochen.

Peter wurde schlagartig schlecht. Zum Glück hatte die Krankenschwester scheinbar damit gerechnet, denn sie drückte ihm blitzschnell eine halbmondförmige Pappschale in die Hand, bevor der zweite Detektiv sich erbrach. Er hatte seit Stunden nichts gegessen, und so würgte er lediglich kleine Mengen bitteren Magensafts hervor. Nachdem er noch einige Male trocken gewürgt hatte, ließ die Übelkeit ein wenig nach. Die Schwester nahm ihm die Schale ab, und Peter stützte sich schwer atmend mit seinen Ellenbogen auf den Knien ab.

"Hört mal, Jungs. Macht euch jetzt bitte nicht unnötig verrückt. Esst und trinkt ein wenig, damit die Wirkung des Beruhigungsmittels schnell nachlässt. Danach kommt jemand vorbei, der euch über alles aufklärt, in Ordnung?"

Nein, nichts war in Ordnung! Doch die Aussicht darauf, Informationen über Justus zu erhalten, half Peter, seine Zunge im Zaum zu halten. Er nickte nur müde und wandte sich seinem Tablett zu.

Ihm war überhaupt nicht nach Essen zu Mute, also griff er erstmal nach dem Becher und trank ein paar Schlucke eisgekühltes Wasser. Es war Balsam für seine wunde Kehle und half tatsächlich, einen klaren Kopf zu bekommen. Die Schwester betrat erneut das Zimmer mit einem Tablett für Bob und nickte Peter aufmunternd zu, bevor sie das Zimmer wieder verließ und die Tür hinter sich schloss. Bob lag immer noch reglos auf seinem Bett, starrte die Decke an und machte keine Anstalten, etwas zu essen. Peter hatte jedoch keine Idee, was er seinem Freund sagen sollte, also griff er lustlos nach einer Banane und aß ein paar Bissen.

Es dauerte fast eine Stunde, bis sich ihre Tür wieder öffnete und eine Frau im Arztkittel eintrat. Sie war vielleicht Ende 40, hatte schulterlanges, braunes Haar mit grauen Strähnen und ein freundliches Gesicht. Bob hatte sich in der ganzen Zeit kein Stück bewegt.

"Guten Tag. Ich bin Dr. Patricia Piers, und ihr seid Bob und Peter, richtig?"

Peter nickte, Bob reagierte überhaupt nicht. Dr. Piers zog sich einen Stuhl heran und setze sich neben das Fenster. "Erstmal zu euch beiden. Ihr seid im Southern California Hospital auf der psychiatrischen Station. Ihr wurdet beide letzte Nacht mit dem Rettungswagen eingeliefert. Angesichts des erlittenen Traumas mussten wir euch beiden ein Beruhigungsmittel verabreichen. Ihr habt seitdem geschlafen. Könnt ihr mir sagen, wie ihr euch momentan fühlt?"

Peter blickte sie verständnislos an. "Uns geht es gut, aber was ist mit Justus? Können wir ihn sehen? Ist er…"

Die Ärztin ließ ihn nicht ausreden. "Eins nach dem anderen. Was ist mit dir, Bob?" Der dritte Detektiv zuckte nur mit den Schultern, ohne den Blick von der Decke abzuwenden.

Dr. Piers nickte verständnisvoll, dann sprach sie weiter. "Ein solches Trauma zu erleben, kann zu langanhaltenden psychischen Beeinträchtigungen führen. Deshalb ist es enorm wichtig, dass ihr umgehend psychologische Betreuung erhaltet. Den Anfang machen wir hier im Krankenhaus, und dann übergeben wir euch in die ambulante Behandlung. Das Erlebte zu Verarbeiten ist enorm wichtig. Nehmt das bitte nicht auf die leichte Schulter." Sie warf einen besorgten Blick auf Bob, der jedoch nach wie vor teilnahmslos auf seinem Bett lag. Peter fragte sich, ob sie von Bobs schlechten Erfahrungen mit kriminellen Psychotherapeutinnen wusste.

Dr. Piers räusperte sich. "Ok. Dann kommen wir zum schwierigen Teil. Die guten Nachricht vorneweg, euer Freund ist am Leben."

Nun regte sich Bob zum ersten Mal. Er hob den Kopf vom Kissen und richte seinen Oberkörper auf. Jetzt konnte Peter sein kreidebleiches Gesicht und die schwarzen Augenringe erkennen. Der dritte Detektiv sah furchtbar aus, aber zumindest starrte er nicht mehr die Decke an.

Dr. Piers fuhr fort. "Ob das so bleibt, ist leider unklar. Er wurde vergangene Nacht fast fünf Stunden lang notoperiert. Ich langweile euch jetzt nicht mit medizinischen Details. Er hatte mehrere gebrochene Rippen und verletzte Organe, allen voran die Lunge und die Leber, weshalb er enorm viel Blut verloren hat. Dazu kommen die schweren Wunden an den Handgelenke. Aktuell sind die Wunden noch offen, da sich das Gewebe infiziert hat. Von dort aus gelangen Bakterien ins Blut und verursachen eine Blutvergiftung, wir nennen das Sepsis. Diese müssen wir unbedingt unter Kontrolle bekommen, da eine Blutvergiftung sonst tödlich ist. Wir versuchen momentan, die Wunden an den Handgelenken zu behandeln und die Sepsis mit Medikamenten, so genannten Antibiotika zu bekämpfen. Sollte das nicht erfolgreich sein, bleibt uns leider nur noch eine Amputation."

Peter hatte ein Klingeln in den Ohren. "Sie wollen… Sie wollen Justus die Hände abschneiden?!", fragte er völlig fassungslos. Er versuchte sich Justus ohne seine Hände vorzustellen. Es klappte nicht. Dann erinnerte er sich an Bobs Satz von vorhin.

Selbst wenn er noch lebt, wird er sich wünschen, er wäre tot.

Dr. Piers schüttelte den Kopf. "Das wäre die allerletzte Maßnahme. Bis dahin tun wir alles, um seine Hände zu retten. Wir machen einen Schritt nach dem anderen. Im Moment liegt er auf der Intensivstation. Er wird beatmet und wir halten ihn in einem künstlichen Koma. Es ist aktuell am besten, wenn er sich so wenig wie möglich bewegt. Wir beobachten den Verlauf der Sepsis und den Heilungsprozess der Organe. Wenn alles gut läuft und die Sepsis durch die Antibiotika in den Griff zu kriegen ist, werden wir die Handgelenke operieren. Wir müssen dort Gewebe und Nerven transplantieren, um die Funktion der Hände wieder herzustellen und die Narbenbildung zu weit wie möglich zu reduzieren. Euer Freund hat noch einen weiten Weg vor sich, und er wird seine Freunde dafür brauchen. Also vergesst eure eigene Gesundheit nicht. Nur, wenn es euch gut geht, könnt ihr eurem Freund helfen. Habt ihr dazu noch Fragen?"

Diesmal antwortete Bob. "Können wir Justus sehen?"

Dr. Piers runzelte die Stirn. "Normalerweise nicht. Allerdings sind das alles andere als normale Umstände. Ihr könntet ihn eventuell für ein paar Minuten sehen, sofern ich mir sicher sein kann, dass ihr in der Verfassung dafür seid." Sie warf einen demonstrativen Blick auf Bobs unangetastetes Tablett. Bob bemerkte ihren Blick, griff nach einem Apfel und biss beherzt hinein. Dr. Piers musste schmunzeln und nickte. "Einverstanden. Zieht euch etwas an, dann bringe ich euch hoch. Eure Eltern waren heute Vormittag einige Zeit bei euch und haben euch etwas zum Anziehen mitgebracht." Erst jetzt bemerkte Peter seinen Rucksack, der vor dem schmalen Schrank neben der Tür stand. "Ich bitte euch auch, eure Eltern zu informieren. Ich habe sie gegen Mittag gebeten zu gehen, musste aber versprechen, dass ihr euch meldet, sobald ihr wach seid. Außerdem ist da ein Polizeiinspektor, der nach euch gefragt hat. Er wollte später nochmal vorbeikommen."

Peter sah Bob verdutzt an. Cotta wollte sie sehen? Bob blickte ihn genauso überrascht an. "Darf er zu uns?", fragte der dritte Detektiv vorsichtig.

"Wenn das für euch in Ordnung ist, selbst verständlich. Jetzt zieht euch erstmal an, damit ich euch auf die ITS bringen kann. Alles weitere können danach klären."

Bob und Peter schlüpften in Rekordzeit und ihre Trainingshosen und T-Shirts, streiften die Schuhe über und standen nach weniger als zwei Minuten angezogen vor Dr. Piers. Die Ärztin nickte, dann führte sie die beiden Jungen durch die langen Gänge des Krankenhauses.

Auf dem Weg durch das Gebäude ergriff Dr. Piers erneut das Wort. "Bevor wir gleich auf der ITS sind, möchte ich euch noch über zwei Dinge aufklären. Ihr könnt Justus zwar sehen, aber nur durch die Scheibe. Der Raum, in dem er liegt, wurde so gut wie möglich sterilisiert, um die Keimbelastung gering zu halten. Nur medizinisches Personal hat Zutritt, und auch nur in spezieller Kleidung."

Peter schluckte schwer. Seinen Freund nur durch eine Glasscheibe sehen zu dürfen, war nicht ganz das, was er sich erhofft hatte.

Dr. Piers fuhr fort. "Außerdem ist er leider nicht ganz so stabil, wie wir uns das wünschen würden. Wir haben…"

"Was meinen Sie mit nicht ganz so stabil?", fiel Bob ihr ins Wort.

Die Ärztin räusperte sich. "Die Verletzungen und die Infektion stellen eine enorme Belastung für das Herz-Kreislaufsystem dar. Ohne Unterstützung schafft sein Herz das momentan nicht. Deswegen geben wir ihm Medikamente, die den Blutdruck oben halten und den Puls stabilisieren sollen. Leider macht sein Körper das aktuell noch nicht ganz so gut mit. Der Kreislauf sackt immer wieder ein, und wir müssen die Medikamentengabe anpassen. Das ist nicht ungewöhnlich nach so großen Eingriffen. Wie müssen einfach beobachten und abwarten."

Peter wurde langsam schwindelig von all den medizinischen Fakten. Er wollte jetzt einfach nur noch zu Justus. Sie gingen zwei Treppen hinauf, dann standen sie vor einer großen gläsernen Doppeltür mit der Aufschrift Intensiv Care Unit. Dr. Piers drückte den Türöffner und die Türen schwangen auf. Sie folgten der Ärztin den Flur entlang, bis sie vor einem großen Fenster stehen blieb. Peter drehte den Kopf zur Seite und blickte durch die Glasscheibe.

Im ersten Moment erkannte er ihn nicht. Zwischen all den Kabeln, Schläuchen und Verbänden war es schwer, überhaupt eine Person zu erkennen. Dann bemerkte er die schwarzen Haare.

Er spürte, wie seine Knie zu zittern begannen. Seine Beine fühlten sich an wie Gummi und er bekam nicht mehr richtig Luft. In seinen Ohren rauschte es. Plötzlich packten ihn zwei Hände fest an den Oberarmen. Bob sah ihm entschlossen ins Gesicht. "Ganz ruhig, Zweiter. Tief einatmen und langsam wieder ausatmen." Peter gehorchte und holte ein paar zitternd, aber tief und gleichmäßig Luft. Das Rauschen wurde weniger, und der Boden hörte auf zu schwanken.

Erschöpft, aber dankbar fiel er seinem Freund in die Arme. Ein Schluchzen entwich seiner Kehle, aber einen Moment später hatte er sich wieder gefangen und ließ Bob los. Dr. Piers lächelte die beiden warm an. "Ich sehe schon, ihr bekommt das hin. Ihr könnt gerne eine Zeit hier stehen bleiben und euren Freund sehen. Ihr hört aber bitte auf die Anweisungen des Stationspersonals, ok?" Die beiden Detektive nickte. Dann drehten sie sich gemeinsam um und sahen durch die Scheibe.

Von Justus war nicht viel zu sehen. Zwei Schläuche führten von seinem Mund zu einem großem Apparat. Die Platzwunde an seinem Kopf war genäht worden und jemand hatte ihm das Blut aus dem Gewicht gewischt. Nur an den Haaransätzen waren noch ein paar rote Spuren zu sehen.

Beide Arme lagen auf der Bettdecke. Die Handgelenke waren von den Fingerknöcheln bis zu den Unterarmen in dicke weiße Verbände gewickelt. Auch hier war kein Blut mehr zu sehen.

Etwas war an seinem Hals festgeklebt. Mehrere Schläuche und Kabel waren dort befestigt. Die Schläuche und Kabel führten zu verschiedenen Apparaten und Monitoren. Den einen Monitor erkannte Peter, neben seinem Bett stand auch so einer. Viele Zahlen und bunte Linien waren dort zu erkennen. Peter konnte sie zwar nicht lesen, war sich aber sicher, dass man den Herzschlag daran ablesen konnte.

Seitlich an Justus' Bett hingen mehrere Beutel in unterschiedlichen Farben. Peter war sich nicht sicher, ob er überhaupt wissen wollte, wofür die da waren.

Etliche Minuten stand der zweite Detektiv da und starrte durch das Fenster. Bob tat es ihm gleich. Die einzige erkennbare Bewegung war das gleichmäßig auf und ab der Bettdecke auf Justus' Brustkorb. Für Peter war das auch das einzige erkennbare Zeichen, dass sein Freund wirklich noch lebte.

Mit einem Mal ertönte ein schriller Alarmton. Einer der Monitore neben Justus' Bett blinkte plötzlich rot und die Linie, die eben noch wie die sanften Wellen des Pazifiks ausgesehen hatten, war plötzlich eine ungleichmäßig Zackenlinie. Sofort brach Hektik um ihn herum aus. Drei Leute stürmten in den kleinen Vorraum, zogen sich in Windeseile große, hellblaue Kittel und Masken über und standen wenige Sekunden später um Justus Bett herum. Durch die Scheibe hörte Peter die Stimmen von drinnen nur gedämpft.

"VT, Frequenz 250!"

"Das ist das dritte Mal in dieser Stunde."

"Defi auf 120."

"Alle weg!"

Knall

"Kein Sinusrhythmus."

"Laden auf 200. Weg!"

Knall

"Asystolie. Einen Moment."

"Ok, bradykarder Sinusrhythmus."

"Amiodaron auf 500 Milligramm erhöhen. Und eine Ampulle Atropin."

"Frequenz jetzt 71. Druck 85 zu 60."

"Ok, das war's. Hoffentlich bleibt er jetzt eine Weile stabil."

Dann verließen alle drei das Zimmer so schnell, wie sie gekommen waren und es war beinahe, als wäre nichts gewesen. Peter stand wie geschockt da und konnte sich nicht bewegen. Schon wieder gingen ihm Bobs Worte durch den Kopf.

Selbst wenn er noch lebt, wird er sich wünschen, er wäre tot.

Vielleicht wäre es wirklich besser gewesen, Justus wäre auf der Insel gestorben. Das hier war fast noch schlimmer, als tot zu sein. Im nächsten Moment schimpfte er sich selber für diesen morbiden Gedanken. Dr. Piers hatte gesagt, er und Bob müssten stark für Justus sein. Und genau das hatte er auch vor. Aktuell war Justus am Leben und kämpfte, und nur das war wichtig.

Plötzlich legte ihm Dr. Piers eine Hand auf seine Schulter. "Es tut mir leid, dass ihr das sehen musstet. Genau das meinte ich vorhin mit nicht ganz so stabil. Kommt, ich bringe euch wieder auf euer Zimmer."

"Dürfen wir Gus besuchen?", fragte Bob.

Die Ärztin schaute ihn irritiert an. "Gus?"

"Sein richtiger Name ist August August. Er ist gestern gemeinsam mit uns hier eingeliefert worden."

"Ach ja, der junge Englänger. Ich frage mal nach." Sie griff zu ihrem Telefon und telefoniert eine Minute lang. Dann legte sie auf und schaute Bob an. "Mr. August geht es soweit gut, er war nur etwas entkräftet und unterkühlt. Allerdings schläft er im Moment noch. Er liegt auf der inneren Station, Zimmer 119, sobald er wach ist, dürft ihr ihn besuchen. Versucht es einfach später noch einmal."

Bob und Peter nickten. Dann folgten sie der Ärztin zurück auf ihr Zimmer.