KAPITEL 11
Cotta betrat zum zweiten Mal an diesem Tag das Southern California Hospital. Vor über fünf Stunden war er nach ebenso vielen Stunden mit erheblichem Schrecken und steifem Nacken im Wartezimmer des Krankenhauses aus einem unruhigen Schlaf erwacht. Helles Sonnenlicht schien durch die Flure und um ihn herum saßen Menschen aller Hautfarben und Altersstufen. Niemand hatte auf ihn geachtet.
Nachdem er wieder halbwegs beisammen war, hatte er sich nach den Jungen erkundigt und in Erfahrung gebracht, dass Justus auf der Intensivstation lag und Bob und Peter noch immer schliefen. Da er kein Angehöriger war, durfte er keinen von ihnen besuchen. Also hatte er die unangenehme Aufgabe übernommen, Bobs und Peters Eltern zu informieren. Er war am Telefon sparsam mit Details gewesen und hatte sie gebeten, vorbei zu kommen und frische Kleidung mitzubringen.
Anschließend hatte er sich ein Taxi gerufen und war nach Hause gefahren, um sich umzuziehen und frisch zu machen. Nachdem er sich wieder halbwegs wie ein Mensch fühlte, machte er sich auf den Weg zum Schrottplatz von Titus Jonas. Mit dem Gefühl, zu seiner eigenen Hinrichtung unterwegs zu sein, hatte er seinen Wagen auf dem staubigen Gelände geparkt und die Veranda betreten. Mathilda Jonas war ihm bereits aufgeregt entgegen gekommen.
Das anschließende Gespräch war genau so furchtbar verlaufen, wie der Inspektor befürchtet hatte. Und dabei hatte er auch hier mit Details gespart und die Worte "Kerker" und "Folter" tunlichst vermieden. Und obwohl der Inspektor dem Ehepaar erklärt hatte, dass Justus auf der Intensivstation keinen Besuch empfangen könnte, hatten die beiden sich umgehend in ihren Pick-up gesetzt und waren zum Krankenhaus gebraust.
Danach hatte der Inspektor kurz auf der Wache vorbeigeschaut, sich um einige dringende Fälle gekümmert und nebenbei zwei Bagel und drei Tassen Kaffee inhaliert. Gegen 15:30 Uhr hatte er sich dann einen der Polizeiwagen genommen und war wieder zum Krankenhaus gefahren. Nun stand er erneut in der Eingangshalle des Southern California Hospitals fühlte sich merkwürdig fehl am Platz. Seine Aufgabe in diesem Fall bestand genau genommen nur noch darin, ihn sauber zu den Akten zu legen. Die Geiseln waren gerettet, die Verbrecher verhaftet. Fall abgeschlossen.
Seufzend machte er sich auf den Weg zur psychiatrischen Station und beschloss erneut nach Bob und Peter zu fragen. Zu seiner großen Überraschung nickte die Schwester im Dienstzimmer nach einem Blick in die Krankenakte nur knapp und wies ihm den Weg zu Zimmer 416.
Vor besagtem Zimmer angekommen zögerte er einen Moment, dann nahm er seinen Mut zusammen und klopfte an.
"Herein", klang eine Stimme von drinnen. Cotta betrat den Raum und erblickte Bob und Peter, die in bequemer Kleidung gemeinsam auf einem Bett saßen und sich bis eben scheinbar leise unterhalten hatten. Als sie ihn sahen, trat für einige Sekunden eine betretene Stille ein. Und dann, völlig unerwartet, stand Peter auf und fiel dem Inspektor in die Arme. Nachdem er seine Überraschung überwunden hatte, legte Cotta dem großen Jungen eine Hand auf den Rücken, während die andere etwas unbeholfen seinen Kopf tätschelte. Peters Schultern zuckten, und wo sein Kopf auf Cottas Schulter lag, bildete sich ein nasser Fleck. Bob beobachtete das ganze Schauspiel mit bedrückter Mine.
Nach einer Weile löste sich Peter von dem Inspektor und blickte beschämt zu Boden. "Tut mir leid, Sir", sagte er mit einem Hicksen, "ich weiß wirklich nicht, was da gerade…"
"Schon gut, Peter. Kein Grund, sich zu entschuldigen", antwortete Cotta sanft. Dann setzte er sich auf den Stuhl am Fenster und erkundigte sich bei beiden nach ihrem Befinden.
"Uns fehlt nichts, Inspektor", antwortete Bob. "Dr. Piers besteht auf eine psychologische Betreuung, um das "Erlebte zu Verarbeiten", wie sie es nennt. Solange es nicht wieder eine kriminelle Psychotherapeutin ist, soll es mir recht sein."
Cotta nickte zustimmend. "Da hat sie recht, das ist wirklich wichtig. Wie ihr wisst, haben wir eine Polizeipsychologin, auch wenn wir sie uns mit dem L.A.P.D. teilen müssen. Ich werde mich auch ein paar Mal mit Frau Harding treffen und mit ihr sprechen müssen. Das ist Dienstvorschrift. Sie muss mich für diensttauglich erklären, bis dahin bin ich vom aktiven Außendienst entbunden und darf im Büro die Schreibarbeit erledigen." Er letzte Satz klang etwas trotziger, als er beabsichtigt hatte.
Dann überwand er sich und stellte die Frage, die ihm seit Stunden auf der Zunge brannte. "Wisst ihr, wie es Justus geht?"
Peter drehte den Kopf zur Seite und machte keine Anstalten zu antworten. Bob schien eine Weile mit sich zu ringen, dann holte er tief Luft und begann zu erzählen, wie sie Justus besucht hatten. Dass er noch am Leben, aber wohl nicht sonderlich stabil war. Dass er in einem sterilen Raum lag, und Peter und Bob ihn nur durch das Fenster hatten sehen dürfen. "Er hat wohl eine Blutvergiftung, weil sich die Wunden an den Handgelenken entzündet haben. Dr. Piers sagt, dass es ihn umbringen wird, wenn sie das nicht unter Kontrolle bringen. Und dass sie ihm im Notfall die… dass sie ihm… dass sie…"
"Ihm die Hände amputiert müssen, wenn die Infektion nicht weg geht", vollendete Peter den Satz an Bobs Stelle.
Wieder herrschte Stille im Raum. Schwere, dröhnende Stille. Der Inspektor versuchte verzweifelt, diese Hiobsbotschaft zu verkraften und gleichzeitig aufmunternde Worte zu finden. Er fand keine. Coronel Simmons wären bestimmt welche eingefallen…
Nach ein paar Minuten sprach Bob weiter. "Dr. Piers sagt, dass wäre die allerletzte Maßnahme und dass sie bis dahin alles versuchen, um seine Hände zu retten. Wir sollen Geduld haben und uns um uns selbst kümmern."
Cotta nickte. "Ok, dann werden wir genau das tun. Wisst ihr, wie es dem anderen Jungen geht, den wir auf Santa Clarita befreit haben?"
Diesmal antwortete Peter. "Gus geht es halbwegs gut. Er liegt auf der inneren Station und schläft anscheinend noch. Sobald er wach ist dürfen wir ihn besuchen."
"Na das sind doch wenigstens gute Neuigkeiten. Wisst ihr schon, wie lange ihr hier bleiben sollt?"
Bob schüttelte den Kopf. "Dr. Piers sagte nur, dass sie die psychologische Betreuung hier im Krankenhaus beginnen und uns dann in die ambulante Behandlung übergeben würden. Über das Wann und Wie haben wir bisher noch nicht gesprochen."
Der Inspektor seufzte. "In Ordnung. Ihr sagt mit bitte Bescheid, wenn ihr irgendetwas braucht, ja?"
Die Jungen nickten stumm. Cotta wollte sich gerade verabschieden, da blickte Peter auf. "War es unsere Schuld?"
Der Inspektor hob verdutzt die Augenbrauen, antwortete aber nicht. Peter fuhr fort. "Ich frage mich die ganze Zeit, ob wir es hätten verhindern können. Wir hätten schneller sein müssen! Und wir hätten merken müssen, dass mit Gabriel White etwas nicht stimmt. Wenn wir früher da gewesen wären, oder…"
An dieser Stelle unterbrach ihn der Inspektor. "Ihr habt alles getan, was ihr konnten. Nur dank euch lebt Justus noch. Die einzigen, die hier Schuld haben, sind White und seine Handlanger. Ihr beiden habt alles richtig gemacht. Ich bin stolz auf euch."
Peter nickte, dann ließ er wieder den Kopf hängen. "Wieso tut jemand so etwas, Sir? Ich meine, welcher Mensch tut einem anderen so etwas mutwillig an? Ich will es einfach nur verstehen."
Dieselbe Frage hatte sich Cotta am Tag zuvor ebenfalls gestellt. Eine zufriedenstellende Erklärung hatte er nicht, aber er setzte trotzdem zu einer Antwort an. "Es gibt für so etwas keine Rechtfertigung. Und du wirst es nie verstehen. Du wirst es nie verstehen, weil es keinen Sinn macht, es gibt da nichts zu verstehen. Eine solche Tat entspringt aus einem kranken, verdrehten Geist und ist für einen Menschen mit gesunden Verstand nicht nachvollziehbar. Ich weiß, dass ist keine befriedigende Antwort, aber es ist die einzige, die ich dir geben kann."
Peter nickte schniefend und wischte sich mit der Hand über die Augen. Bob wirkte beunruhigend gefasst und Cotta vermutete, dass er immer noch unter Schock stand. "Was passiert denn jetzt mit White und seinen Leuten?", fragte der dritte Detektiv.
Cotta schluckte. "Die ganze Truppe sitzt im Selamore Gefängnis in U-Haft. Über ihr Schicksal wird ein Gericht entscheiden. Hier hängt es auch davon ab, ob Justus durchkommt und ob die Anklage auf "schwere Körperverletzung" oder "schwere Körperverletzung mit Todesfolge" hinaus läuft. Bei der enormen Schwere der Tat, und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Justus noch minderjährig ist, halte ich die Höchststrafe nicht für ausgeschlossen. Es gibt zwar in Kalifornien keine Todesstrafe mehr, aber wahrscheinlich wird zumindest White den Rest seinen Lebens hinter Gittern verbringen. Bei seinen Handlanger sieht es etwas anders aus. Hier muss geklärt, werden, wer sich wie schuldig gemacht hat, und ob vielleicht einer von ihnen unter Zwang gehandelt hat. Der Prozess wird sich wahrscheinlich etwas hinziehen. Da Justus noch nicht erwachsen ist, greift zum Glück das Jugendschutzgesetz, sodass die Verhandlungen unter Ausschluss der Presse geführt werden."
"Schade", antwortete Bob mit so emotionsloser Stimme, dass es dem Inspektor eiskalt den Rücken hinunter lief, "White hätte den Tod verdient."
Cotta wusste nicht, was er darauf antworten sollte. Gerne hätte er Bob widersprochen, doch wenn er ehrlich zu sich selbst war, musste er dem Jungen zustimmen. Er war eigentlich ein vehementer Gegner der Todesstrafe und hatte das Moratorium zu Beginn diesen Jahres bejubelt. Aber für White würde er eine Ausnahme machen. Dieser Mensch hatte keine zweite Chance verdient.
In diesem Moment klopfte es an der Tür. Zwei Elternpaare traten ein und fielen ihren Kinder weinend um den Hals. Für den Inspektor war das das Zeichen, zu gehen. Mit einem kurzen Gruß und einem Lächeln verabschiedete er sich von den Jungen und verließ das Zimmer.
Draußen auf dem Flur rang er eine Zeit lang mit sich. Er musste Justus sehen. Musste wissen, wie es dem Jungen ging. Ganz eigentlich hatte er auf der Intensivstation keinen Zutritt. Allerdings war er in Uniform und trug seine Marke bei sich. Die Erfahrung hatte gezeigt, dass ein ausreichend autoritäres Auftreten einige Türen öffnete.
Er beschloss, sein Glück zu versuchen. Schnellen Schrittes folgte er den Schildern zur Intensivstation. Vor dem Eingang zur Station schluckte er einmal, dann drückte er den Türöffner und betrat den langen, weißen Flur. Seine schweren Schuhe knirschten auf dem blanken Linoleumboden. Das Stationspersonal warf ihm neugierige Blicke zu, aber niemand hielt ihn auf.
Er sprach eine Schwester an, die eben aus einem der Zimmer kam. "Verzeihung, ich suche einen Jungen. Sein Name ist Justus Jonas."
Die Schwester zog die Augenbrauen hoch. "Sind die ein Angehöriger?"
Der Inspektors schüttelte den Kopf. "Nein. Der Junge wurde Opfer eines Verbrechens. Ich möchte mich nur im Zuge der Ermittlungen über seinen Zustand erkundigen."
Ein Bluff. Nein, eigentlich eine glatte Lüge. Eine, die ihn in erhebliche Schwierigkeiten bringen könnte. Was ihm gerade völlig gleichgültig war.
Es funktionierte. Die Schwester führte ihn ein paar Meter weiter und blieb vor einem großen Fenster stehen. "Hier drin. Der Junge ist septisch und nach der OP noch nicht wieder stabil. Wir tun für ihn, was wir können." Mit diesen Worten nickte sie dem Inspektor zu und ging wieder ihrer Arbeit nach.
Cotta schluckte einmal, dann warf er einen Blick durch die Scheibe. Von Justus war kaum etwas zu sehen. Es war kaum vorstellbar, dass unter all den Schläuchen, Verbänden und Kabeln, versteckt hinter Maschinen und Monitoren, niemand anderes lag als Justus Jonas, erster Detektiv. Ein genialer, starrköpfiger, mutiger Junge. Sein Junge. Die Vorstellung, einen seiner Jungs zu verlieren war unerträglich. Bisher hatte er es irgendwie fertig gebracht, diesen Gedanken nicht zuzulassen. Aber hier, auf der Intensivstation, traf ihn die Erkenntnis mit aller Macht. Justus könnte hier sterben. Seine Verletzungen waren schwer, der Zustand, wie hatte es die Schwester genannt, nicht stabil. Das hier könnte das Ende der Drei Fragezeichen sein.
Oh, wie hatte er die drei manchmal verflucht. Wenn sie wieder mal kurz vor Feierabend anriefen und ihn baten, ganz schnell irgendwo ins Nirgendwo zu fahren und ein paar Verbrecher zu verhaften. Wenn sie mal wieder irgendwo eingebrochen waren und er hinterher Schadensbegrenzung betreiben musste, damit sie nicht vor Gericht landeten. Wenn sie mal wieder vor ihm in seinem Büro saßen und die x-te Predigt über sich ergehen ließen.
Jetzt würde er alles geben, um noch einmal von ihnen hochgejagt zu werden. Sie noch einmal aus einem Keller zu befreien, verängstigt aber unverletzt. Noch einmal Justus' Monolog zur Aufklärung eines Falles zu lauschen.
Es war nicht fair. Selbst in seinen Gedanken klar das trotzig, aber dennoch wollte er am liebsten schreien.
Unfair! Unfair! Unfair!
Schlagartig traten ihm Tränen in die Augen. Seine Schultern bebten, sein ganzer Körper zitterte, aber er konnte überhaupt nichts dagegen tun. Er konnte nur hier vor dieser Fensterscheibe stehen und stumme Tränen vergießen. Tränen des Kummers, Tränen der Wut, Tränen der Angst. Der Inspektor rechnete jeden Moment damit, dass ihn jemand von der Station verweisen würde, aber niemand sprach ihm an. Vielleicht bot er einen derart jämmerlichen Anblick, dass es niemand fertig brachte, ihn wegzuschicken. Cotta war es gleich. Er blieb einfach stehen weinte solange, bis er sich völlig leer fühlte. Als hätte er schlicht alle Emotionen und Tränen verbraucht.
Mit einem letzten Blick auf Justus wandte der Inspektor sich zum Gehen. Für eine Sekunde fühlt es sich wie ein Abschied an. Im nächsten Moment schob Cotta diesen düsteren Gedanken resolut beiseite, straffte seine Schultern und verließ die Intensivstation.
