KAPITEL 12

Bob erwachte am nächsten Morgen mit hämmernden Kopfschmerzen. Der Besuch seiner Eltern am vorherigen Abend war kaum aushaltbar gewesen und hatte Bob völlig erschöpft zurückgelassen. Sie hatten wissen wollen, was zum Henker denn nun genau passiert war, dass er und Peter plötzlich traumatisiert in der Psychiatrie gelandet waren. Anscheinend hatte Cotta ihnen keine Details verraten.

Bob hatte die meiste Zeit nur stur geradeaus gestarrt. Selbst wenn er gewollt hätte, konnte er seinen Eltern nicht erzählen, was auf der Insel passiert war. Sein Dad war vor Sorge ganz blass gewesen, seine Mutter hatte geweint, und er hätte sie zu gerne getröstet, wenn er gekonnt hätte. Nur leider war dem nicht so.

Bob fühlte sich unglaublich schwer. Jede Bewegung war anstrengend, sprechen kostete ihn Überwindung, selbst das Denken fiel ihm schwerer als sonst. Er hatte das Gefühl, als läge er am Boden eines tiefen Loches und würde hinauf zum Licht gucken. Dieses tiefe, schwarze Loch schien ihn zu verschlingen und nie wieder freigeben zu wollen.

Seine Gedanken steckten in einer Art Spirale fest. Er konnte nicht an Justus denken, es tat zu sehr weh. Es schmerzte so unglaublich, dass ihm das Atmen schwer fiel und ihm schwindelig davon wurde. Es fühlte sich an, als würde jemand eine Eingeweide herausreißen und sie durch glühend heiße Steine ersetzen.

Er konnte aber auch nicht nicht an Justus denken. Alles drehte sich um seinen Kollegen, einen seiner zwei besten Freunde, quasi seinen Bruder. Ihre bloße Anwesenheit in diesem Krankenhaus, jedes Gespräch, das sie führten, jeder Gedanke. Alles hatte mit Justus zu tun. Er war der sprichwörtliche rosa Elefant im Raum. Und so lag Bob müde auf seinem Bett und versuchte verzweifelt, nicht an den rosa Elefanten zu denken.

Sein einziger Trost war Peter. Sein anderer bester Freund, sein zweiter Bruder. Der genauso litt wie er, der genau wusste, wie Bob sich fühlte. Die beide Detektive versuchten, über irgendwas zu sprechen, dass nicht mit ihrem Ersten zu tun hatte. Es war überraschend schwer. Die drei waren seit Jahren unzertrennlich und es gab kaum Aspekte in ihren Leben, die die beiden anderen nicht mit einschlossen. Und so lagen sie die meiste Zeit auf ihren Betten und hingen ihren düsteren Gedanken nach.

Gegen 8 Uhr wurde ein Tablett mit Frühstück gebracht und eine halbe Stunde später betrat Dr. Piers wieder den Raum. Sie erklärte ihnen, was als nächstes passieren würde. "Ich werde nachher mit jedem von euch ein diagnostisches Gespräch führen um zu beurteilen, wie schwer das Trauma ist, dass ihr erlitten habt und mit euch einen Behandlungsplan erstellen. Grundsätzlich gibt es für einen weiteren Aufenthalt im Krankenhaus keine Notwendigkeit, die Therapie kann in aller Regel ambulant durchgeführt werden. Es sei denn …", hier brach ihre Stimme ab und ihr Blick blieb mit gerunzelter Stirn erst an Peter, dann an Bob hängen, "es sei denn, es liegt eine Selbst- oder Fremdgefährdung vor. Ohne jetzt ausführlicher mit euch gesprochen zu haben, können wir eine Fremdgefährdung wahrscheinlich ausschließen. Ich sehe keinerlei Neigung zu Gewaltausbrüchen, bei keinem von euch. Beim Thema Selbstgefährdung bin ich mir da noch nicht so sicher." Wieder blieb ihr Blick an Bobs Tablett hängen, dass auch wie am vorherigen Abend noch weitestgehend unangetastet da lag.

Bob setzte an zu protestieren, da hob Dr. Piers die Hand und fuhr fort. "Wie gesagt, wir werden das in einem Gespräch gemeinsam erörtern. Macht euch jetzt noch nicht allzu viele Sorgen." Bob konnte diesen Satz langsam wirklich nicht mehr hören. Wie stellten die sich das denn eigentlich vor? Wie machten man sich denn keine Sorgen? Bob behielt diesen Gedanken aber für sich. Stattdessen fragte er, "Wann soll dieses Gespräch denn stattfinden?"

Dr. Piers blickte auf ihre Uhr. "Ich mache jetzt erstmal meine Visite zu Ende. Um 10 Uhr habe ich eine Gruppentherapie, ich würde so gegen 11 Uhr vorbei kommen, und dann erst den einen von euch und danach den anderen mitnehmen. Einverstanden?"

Peter und Bob nickten. Dann erhob sich Dr. Piers, erinnerte Bob noch einmal an daran, etwas zu essen und verließ den Raum.

Während Bob nach einem Jogurtbecher griff und lustlos begann, ihn leer zu löffeln, saß Peter auf der Bettkante und wippte unruhigen mit den Knien. Nach einer Weile stand er auf und begann, in ihrem Zimmer auf- und abzugehen. Er schien vor Nervosität zu platzen, doch bevor Bob eine Frage stellen konnte, wandte sich der zweite Detektiv ihm zu. "Ich möchte nochmal nach Justus sehen, Bob. Jetzt. Ich kann… ich kann hier nicht einfach ruhig setzen, wenn ich nicht weiß, ob… ob er…"

Frustriert fuhr sich Peter mit den Händen durch die Haare. Bob saß ein paar Minuten nachdenklich auf seinem Bett, dann nickte er entschlossen und stand auf. "Ok, dann lass uns gehen."

Peter blickte ihn verdattert an. "Wie, einfach so? Meinst du, wir dürfen das? Fällt denen hier auf der Station nicht auf, dass wir weg sind?"

"Ach, du hast doch Dr. Piers gehört, die kommt frühstens in zwei Stunden wieder. Wir gehen einfach so wie gestern auf die Intensivstation und schauen durch die Scheibe. Was ist denn da schon dabei?"

Peter schien einem Moment mit sich zu ringen, dann nickte er und verließ mit Bob das Zimmer. Es war zwar einiges los auf ihrer Station, doch niemand hielt sie auf. Auch auf den übrigen Fluren des Krankenhaus würdigte sie kaum jemand eines Blickes, alle schienen es eilig zu haben, irgendwo hinzukommen. Sie brauchten eine ganze Weile, doch schließlich fanden sie sie Intensivstation wieder. Zögernd drückte Bob den Türöffner. Auch hier war einiges los, doch momentan schien sie niemand zu beachten. So unauffällig wie möglich schlichen sie den Flur entlang und tatsächlich gelangten sie bis zu dem Fenster, durch das sie gestern geblickt hatten, ohne, dass sie jemand aufhielt. Bob blickte durch die Scheibe und erstarrte.

Das Zimmer war leer.

Irritiert blickte er sich um. Hatten sie sich in der Raumnummer geirrt? Nein, vor genau diesem Fenster hatten sie gestern gestanden. Vielleicht war Justus im OP? Oder hatte man ihn eventuell auf eine andere Station verlegt?

"Kann ich euch irgendwie helfen?"

Bob zuckte zusammen und drehte sich um. Hinter ihnen stand eine hagere Krankenschwester, ungefähr Anfang 50, mit kurzen blondierten Haaren. Ihr Namensschild wies sie als Schwester Susan an.

"Ähm, wir wollten nur mal kurz nachsehen, wie es unserem Freund geht", antwortete Bob und versuchte es mit seinem charmantesten Lächeln. Normalerweise hatte er damit Erfolg, besonders bei Frauen. Und auch diesmal schien es seine Wirkung nicht zu verfehlen, auch wenn das Lächeln, das über das Gesicht der Krankenschwester huschte, merkwürdig mitleidig aussah.

"Ach, ihr meint den Jungen, der hier lag?"

Bei der Formulierung klingelte eine Alarmglocke in Bobs Kopf, aber er versuchte, sie zu ignorieren. Stattdessen nickte er eifrig. "Ja, genau. Sein Name ist Justus Jonas, können Sie uns sagen, wo wir ihn finden? Wurde er verlegt?"

"Ähm, wartet kurz hier, ich schicke jemanden, der euch, ähh … informieren kann." Ohne auf Antwort zu warten, eilte Schwester Susan davon und verschwand im Schwesternzimmer. Es dauerte fast fünf Minuten, in denen Bob vor Unruhe nahezu vibrierte, dann kam ein Mann im weißen Kittel auf sie zu. "Ihr hattet nach Justus Jonas gefragt, richtig?"

Bob und Peter nickten.

"In Ordnung, dann kommt mal mit. Ich bin übrigens Dr. Mitchel."

Die beiden Jungen folgten Dr. Mitchel in ein kleines Büro, das von einem großen Schreibtisch dominiert wurde, der über und über mit Briefen, Akten und Laborberichten bedeckt war. Dr. Mitchel nahm in dem Bürostuhl hinter dem Schreibtisch Platz, während sich Bob und Peter sich auf die beiden kleinen Stühlen davor setzen.

Dr. Mitchel räuspert sich. "Dr. Piers hat euch ja gestern grob aufgeklärt. Hat sie mit euch über den Verlauf einer Sepsis gesprochen?"

Beide Jungen schüttelten zeitgleich die Köpfe.

Der Arzt seufzte schwer. "Nun gut. Bei einer Sepsis dringen Bakterien in den Blutkreislauf ein. Durch das Blut gelangen sie in den ganzen Körper, in sämtliche Organe und verursachen dort Schäden. Die stark durchbluteten Organ leiden am meisten, allen voran die Lunge, die Leber und die Nieren. Wenn es zum Nierenversagen kommt, werden Giftstoffe nicht mehr aus dem Blut herausgefiltert und belasten den Körper zusätzlich. Durch die Schädigung der Lunge nimmt die Sauerstoffsättigung ab, und der Körper erhält nicht mehr ausreichend Sauerstoff. Dadurch nimmt auch der Herzmuskel Schäden, sodass das Herz nicht mehr ausreichend Kraft hat, Blut durch den Körper zu pumpen. Wir sprechen dann von Multiorganversagen. Am Ende versagt das Herz." Dr. Mitchel hielt kurz inne. Bob wagte nicht, etwas zu sagen, oder sich auch nur zu bewegen. Er saß stocksteif auf seinem Stuhl und wartete, dass Dr. Mitchel endlich sagte, was mit Justus war.

Der Arzt fuhr fort. "Heute Nacht gegen 4 Uhr haben Justus' Nieren versagt. Wir haben ihn an eine Dialyse angeschlossen, das ist ein Gerät, dass die Funktion der Nieren übernimmt. Leider waren auch die Leber und die Lunge zu dem Zeitpunkt schon schwer beschädigt. Gegen 6 Uhr hat sein Herz aufgehört zu schlagen. Wir haben über eine Stunde versucht, ihn zu reanimieren, leider erfolglos. Um 7:12 Uhr mussten wir Justus Jonas für tot erklären. Es tut mir leid."

Rauschen.

Dumpfes Rauschen.

Es wurde lauter. Immer lauter.

Es dröhnte in seinen Ohren.

Er hört nichts anderes.

Wie das Meer.

Dunkel.