KAPITEL 14

Kommunikationskaskade. Die systemische Weitergabe von Informationen durch verschiedene Organisationseinheiten und Hierarchiestufen. In allen größeren Unternehmen und auch im Polizeidienst ein unverzichtbares Mittel, um sicherzustellen, dass alle relevanten Informationen zeitnah bei allen beteiligten Personen landeten.

In Cottas Fall kamen die Informationen bei dringenden Angelegenheiten von seinem Chef, bei weniger dringenden Themen oder Angelegenheiten mit reinem Informationscharakter von der Verwaltungsstelle der Polizei.

Die weitergeleitete E-Mail von der Verwaltung, die lediglich mit "FYI" überschrieben war, ignorierte der Inspektor vorerst. In den meisten Fällen waren das Belanglosigkeiten. Wahrscheinlich nur eine Erinnerung an die jährlich anstehende Arbeitssicherheitsunterweisung oder was ähnliches.

Den Vormittag hatte er hinter seinem Schreibtisch verbracht. Noch war er vom Außendienst entbunden, doch er hoffte, dass sein geplantes Gespräch mit Mrs. Harding an diesem Nachmittag etwas daran ändern würde. Er bemühte sich, seine Gedanken nicht zu oft abschweifen zu lassen. Dennoch verbrachte er den größten Teil seiner Zeit damit, sich zu fragen, wie es den Jungs ging und ob er nicht doch nochmal im Krankenhaus vorbei schauen sollte. Auch wenn er dort überhaupt nichts ausrichten konnte, hatte er das Gefühl, unbedingt dort sein zu müssen. Gegen Mittag hielt er es nicht mehr aus und beschloss, nach der Pause ins Krankenhaus zu fahren. Vorher prüfte er nur noch schnell seine ungelesen E-Mails, um nichts Wichtiges zu übersehen.

Während er die E-Mail von der Verwaltung öffnete, war er gleichzeitig mit den Gedanken schon bei der Frage, ob er sich zum Mittag einen Burrito oder einen Ceasar Salat holen sollte. Die Gedanken ans Mittagsessen verstummten schlagartig, als er sah, dass die Verwaltung der Polizei eine Nachricht von der Verwaltung des Southern California Hospitals weitergeleitet hatte. Die wiederum war weitergeleitet worden von der Patientenverwaltung des Krankenhauses.

Der eigentliche Inhalt war kurz und prägnant formuliert. "... Patient mit der . 0024611, Justus Jonas, geb. 05.06.2002, wurde am 18.09.2019 um 07:12 Uhr PST für tot erklärt, Todesursache: Herz-Kreislaufversagen in Folge eines septischen Schocks…"

Für das, was jetzt in Cottas Kopf passierte, hat die Psychologie einen Begriff. Kompartmentalisierung. Die strikte Trennung von einander widerstreitenden Gedanken, Emotionen und Handlungen. In der Ausbildung hatte der Inspektor diesen Ausdruck gelernt. Hatte sogar gelernt, dies als Mittel zum Umgang mit extremen Stresssituationen anzuwenden. Es ermöglicht Polizisten und Einsatzkräften, auch in Extremsituationen fokussiert zu bleiben und sich nicht von Emotionen überwältigen zu lassen. Allerdings kann Kompartmentalisierung zu dissoziativen Störungen führen, weshalb eine anschließende Aufarbeitung und Verarbeitung von traumatischen Einsätzen auch so wichtig war. Inspektor Cotta war sich sicher, dass Justus das gewusst hätte.

Er schloss die E-Mail, sperrte seine PC und ging in die Tiefgarage, wo er sein privates Fahrzeug geparkt hatte. Völlig ruhig setzte er sich hinters Steuer und fuhr nach Culver City ins Southern California Hospital. Es war 12:23 Uhr, Justus war also bereits seit über fünf Stunden tot. Wahrscheinlich wussten Peter und Bob schon Bescheid, aber falls nicht, würde er sie informieren.

Er betrat das Krankenhaus, ging zielstrebig zum Fahrstuhl und fuhr in die vierte Etage. Er versuchte, sich seine Worte zurechtzulegen. Aber leider lief der empfindungsfähige Teil seines Gehirns gerade auf Sparflamme. Also musste er wohl notgedrungen auf Standardfloskeln zurückgreifen.

Vor Zimmer 416 blieb er kurz stehen, schluckte und trat nach kurzem Klopfen ein. Das etwas nicht stimmte, bemerkte er sofort. Bob lag auf seinem Bett, an eine Infusion und einen Überwachungsmonitor angeschlossen und schien zu schlafen. Peter lag ebenfalls auf seinem Bett, steif wie ein Brett und starrte die Decke über ihm an. Die Augen waren geöffnet, aber sonst deutete nichts darauf hin, dass er wach war. Sein Gesicht war völlig leer und er reagierte in keinster Weise auf Cottas Ansprache.

Man musste kein Detektiv und auch kein Inspektor der Polizei sein um dahinter zu kommen, was diesen Zustand ausgelöst haben musste. Die Jungs wussten schon Bescheid. Cotta hoffte nur, dass sich jemand die Mühe gemacht hatte, den Jungen die Information halbwegs schonend beizubringen. Zumindest schonender als ihm. Er setzte sich einige Zeit neben Peters Bett und überlegte, ob er was sagen sollte. Doch nach wie vor war er nicht in der Lage, tröstende Worte zu finden. Knapp zehn Minuten später erhob er sich wieder und ging zur Tür. Als er schon im Türrahmen stand, drehte er sich nochmal um.

"Ich bin immer für euch da, Jungs. Ihr seid damit nicht allein." Damit verließ er den Raum. Auf dem Weg zum Ausgang spürte er, dass der Schock langsam nachließ und die Mauer, die er vor seinen Emotionen aufgebaut hatte, zu bröckeln begann. Vorher hatte er aber noch eine Aufgabe zu erledigen.

Er verließ das Krankenhaus, griff nach seinem Telefon und rief die zentrale Vermittlungsstelle des FBIs an. Nur wenige Minuten später erklang ein Freizeichenton, das plötzlich von einer bekannten Stimme unterbrochen wurde. "Simmons?"

"Guten Tag, Coronel. Hier spricht Inspektor Cotta", meldete sich der Inspektor formell.

"Cotta, schön von Ihnen zu hören. Haben Sie Neuigkeiten für mich, wie geht es den Jungen?" Die fröhliche Stimme des Coronels war für Cotta kaum auszuhalten.

"Ich habe Neuigkeiten, leider keine guten. Das Krankenhaus hat mich vorhin informiert, dass Justus heute Morgen an den Folgen seiner Verletzungen gestorben ist." Das war das erste Mal, dass er es laut aussprach. Aus irgendeinem Grund schien es dadurch noch schlimmer zu werden. Endgültig. Unwiderruflich.

"Fuck", fluchte Simmons. Dann schwieg er einige Sekunden, bevor er weitersprach. "Das tut mir aufrichtig leid, Inspektor. Ich weiß, das macht es nicht besser, aber ich verspreche ihn, ich sorge dafür, dass die Schweine nie wieder etwas anderes sehen, als das Innere ihrer Zellen." Als von Cotta keine Antwort kam, räusperte sich der Coronel. "Danke, dass Sie mir Bescheid gegeben haben, Inspektor. Und alles Gute." Damit hatte er aufgelegt.

Cotta steckte das Handy wieder ein. Nun gab es nichts mehr, dass er noch tun konnte. Mit zitternden Knien ging er zurück zu seinem Polizeiwagen, setzte sich hinters Steuer und schloss die Fahrertür. Dann brach die Mauer.

Ohne jede Zurückhaltung ließ Cotta seinen Gefühlen freien Lauf. Tränen strömten über sein Gesicht. Sein ganzer Körper wurde von Schluchzern durchgeschüttelt. Mit den Fäusten hämmerte er auf das Lenkrad und das Armaturenbrett ein. Und er schrie. Schrie aus Leibeskräften, sodass man ihn sicher über den ganzen Parkplatz hören konnte. Es war ihm völlig egal. Noch nie hatte er eine solche Verzweiflung gespürt. Er wurde sich bewusst, schmerzhaft bewusst, dass er ein Kind verloren hatte. Einen Sohn. Ganz gleich, dass er gar keine eigenen Kinder hatte. Die drei waren seine Jungs. Es war seine Aufgabe gewesen, sie zu beschützen, und er hatte versagt. Auf ganzer Linie. Nichts konnte diese Qual lindern. Er würde sie mit sich tragen, für den Rest seines Lebens.

Eine gefühlte Ewigkeit saß Cotta so im Auto. Bis ihm irgendwann die Kraft ausging. Er schaffte es nicht mal mehr, die Arme zu heben und sich übers Gesicht zu wischen. Er hing nur völlig erschöpft auf seinem Sitz, den Kopf nach hinter gelehnt und starrte ins Leere. Tränen kamen keine mehr und das Schluchzen hatte einem Zittern Platz gemacht, dass seinen ganzen Körper beherrschte. Und so konnte Cotta nichts weiter tun, als dazusitzen und in eine tiefe Depression zu versinken.

Bis es plötzlich an die Scheibe klopfte. Goodween stand draußen vor dem Auto. Wie er ihn hier gefunden hatte, war dem Inspektor ein Rätsel. Der Sergeant ging um den Wagen herum, öffnete die Beifahrertür und setzte sich neben ihn.

"Ich hab die E-Mail gelesen und mir gedacht, dass ich dich hier finde", sprach er mit leiser Stimme. "Es tut mir leid, dass ich erst jetzt komme, ich hab heute Spätdienst und hab's gerade erst erfahren."

Cotta nickte nur stumm.

Goodween hob eine Papiertüte und einen Pappbecher hoch. "Hier, ich hab dir ein Sandwich und einen Kaffee mitgebracht." Als der Inspektor nicht reagierte, fuhr er fort. "Lass dir Zeit. Ich hab auf der Wache Bescheid gesagt, dass du für heute nicht mehr erreichbar bist. Wenn du magst, können wir einfach eine Weile hier sitzen bleiben."

Und genau das taten sie. Sie saßen einfach nur schweigend in Cottas Auto und beobachteten, wie die Sonne langsam über den Himmel wanderte. Und ein kleiner Teil von Cotta hoffte, sie würde untergehen und nie wieder aufgehen.