KAPITEL 15

Zwei Wochen später

Bob und Peter standen reglos auf dem Gelände des Gebrauchtwarencenters T. Jonas. Es war seit fast zwei Wochen geschlossen. Vor ihnen lag, wie ein stummes Mahnmal, ihre rostige Zentrale. Früher war sie ihr Zufluchtsort gewesen, ein sicherer Hafen, ein zweites Zuhause. Heute richtete sie sich drohend und unheilvoll vor den Jungen auf. Allein bei dem Gedanken, sie wieder zu betreten, begann Bob zu zittern. Er ergriff Peters Hand. Sie hatten seit einigen Tagen vorgehabt, ihre Zentrale wieder zu betreten, es jedoch nicht über sich gebracht.

Heute sollte es soweit sein, das hatten sie sich fest versprochen. Bobs Therapeut hatte immer wieder betont, wie wichtig es sein, sich nicht vor der Vergangenheit zu verschließen. Er sollte sie annehmen, als Teil seines Lebens, der nun vorbei war. Also stand er jetzt mit Peter vor seiner Vergangenheit und fühlte sich in keinster Weise vorbereitet.

Peter war nach drei Tagen aus seiner Katatonie erwacht. Bob selbst war fast 36 Stunden bewusstlos gewesen. Beide hatte noch einige Tage im Krankenhaus verbracht, bis die Ärzte sicher waren, dass man sie gefahrlos in die Obhut ihrer Eltern übergeben konnte. Seitdem besuchten die beiden täglich Dr. Hemingway, einen Traumatherapeuten aus Rocky Beach, der Bob zu seiner Erleichterung überhaupt nicht an Dr. Franklin erinnerte.

Dr. Hemingway versuchte, mit ihnen das Erlebte aufzuarbeiten und zeigte ihnen Strategien, wie sie mit ihren jeweiligen Diagnosen umgehen konnten. Bei Peter war eine Angststörung diagnostiziert worden. Er konnte plötzlich nicht mehr alleine einschlafen, bekam Panik in dunklen und engen Räumen und war allgemein enorm schreckhaft. Bob hingegen hatte eine klinische Depression entwickelt. Er war enorm antriebslos, lag oft stundenlang auf seinem Bett, aß wenig und sprach noch weniger. Außerdem hatten beide eine PTBS.

Laut ihrem Therapeuten waren das alles ganz normale Folgen eines Traumas und gut therapierbar, solange die Jungen nur weiter machten und regelmäßig zur Therapie kamen. Bob erschien das alles komplett sinnlos, aber solange sein Vater ihn täglich zur Therapie brachte und wieder abholte, hatte er ohnehin keine Wahl. Dr. Hemingway betonte immer wieder, wie wichtig es war, über die Vergangenheit zu sprechen und sich auch an das Gute zu erinnern. Dazu gehört auch, Orte zu besuchen, an denen man früher oft war und mit denen man positive Erinnerungen verband.

Und so standen die beiden Jungen nun vor ihrer alten Zentrale. Seit gut zehn Minuten hatten sie sich keinen Meter bewegt. Bobs Beine waren wie Blei, und Peter wirklich erstarrt wie ein Kaninchen vor dem Fuchs.

Mr. und Mrs. Jonas waren nicht zu Hause. Scheinbar hatte es beide in dem leeren Haus ohne Justus schlicht nicht mehr ausgehalten und waren zu Mathildas Verwandtschaft gefahren. Was aus dem Schrottplatz werden würde, war zur Zeit völlig unklar. Bob und Peter hatten über einen ihrer geheimen Zugänge das Gelände betreten. Doch nun fehlte beiden der Mut, den nächsten Schritt zu machen. Im wahrsten Sinnes des Wortes.

Nach weiteren zehn Minuten schaffte es Bob, sich der Tür den Zentrale zu nähern. Mit zitternden Händen stecke er den kleinen Schlüssel ins Schloss und drehte ihn um. Die Tür öffnete sich von selbst. Der Geruch, der Bob entgegenschlug, raubte ihm den Atem. Es roch nach Früher, nach Justus, nach der guten, alten Zeit. Er schloss die Augen und sog tief die Luft ein. Etwas von dem Eis, dass ihn seit zwei Wochen fest im Griff hatte, begann zu schmelzen. Mit einem großen Schritt betrat er den alten Wohnwagen. Drinnen war alles noch genau so, wie sie es hinterlassen hatten. Justus dreckiges Glas stand noch in der Spüle. Die Akte vom „Fluch des Rubins" lag auf dem Schreibtisch. Das Licht des Anrufbeantworters blinkte. Bob überlegte einen Moment, ob er ihn abhören sollte, entschied sich aber dagegen.

Hinter ihm betrat nun auch Peter die Zentrale. Er wirkte immer noch verängstigt, aber auch ihn schien der vertraute Anblick zu beruhigen. Ohne zu sprechen nahmen die beiden auf dem abgewetzten Sofa Platz. Es verstand sich von selbst, dass sich keiner in Justus' Chefsessel setzte.

Bob legte seinen Arm um Peter, dieser lehnte seinen Kopf an Bobs Schulter. Und so saßen sie nebeneinander, in ihrem gemeinsamen Früher, und versuchten, ein wenig zu heilen.