KAPITEL 16
Samstag, 04. Oktober
Es war ein goldener Herbsttag. Die Sonne schien an einem wolkenlos blauen Himmel, und die 75 Fahrenheit, die an diesem Nachmittag herrschten, lockten normalerweise viele Leute an den Strand. Heute jedoch hatte sich fast ganz Rocky Beach am Stadtrand versammelt. Dort, wo der Seaside Cemetery lag.
Cotta stand etwas abseits am Rand der Menschenmenge, neben der kleinen Kapelle. Die Trauerfeier für Justus hatte im kleinen Kreis stattgefunden. Neben seinem Onkel und seiner Tante waren natürlich Peter und Bob sowie deren Eltern dabei gewesen. Außerdem Inspektor Cotta, Kommissar Reynolds und Morton, der Chauffeur der Jungen.
Der pensionierte Hauptkommissar stand neben dem Inspektor. Ihn hatte die Nachricht von Justus' Tod genauso hart getroffen, wie Cotta selbst. Obwohl er natürlich nicht mehr der Jüngste war, hätte Cotta ihn früher nie als alt beschrieben. Rüstig vielleicht, gut bei Kräften. So wie er jetzt neben ihm stand, sah Samuel zum ersten Mal alt aus. Tiefe Falten durchzogen sein Gesicht, der Rücken war leicht gekrümmt, die Hautfarbe käsig. Als wäre er schlagartig um zehn Jahre gealtert.
Auch Morton war blasser, als Cotta ihn in Erinnerung hatte und wirkte noch steifer als sonst. Der Inspektor kannte ihn eher flüchtig, wusste aber, dass er in all den Jahren ein sehr gutes Verhältnis zu den drei Detektiven aufgebaut hatte. Wenn er sich richtig erinnerte, hatten die drei Fragezeichen ihm sogar mal das Leben gerettet.
Während der Trauerfeier hatten Cotta, Reynolds und Morton hinten gesessen. Ein Reverend hatte ein paar gut gewählt Worte gesagt, angemessene Musik wurde gespielt und auf einem kleinen Tisch standen zwei Bilder. Eines von Justus, das andere von Justus, Peter und Bob, die Arme umeinander geschlungen und heiter in die Kamera lächelnd. Der Sarg, ein schlichtes, weißes Modell, war auf ausdrücklichen Wunsch von Mathilda Jonas geschlossen gewesen.
An der Beisetzung durfte jeder teilnehmen, der sich von Justus verabschieden wollte. Und wenn sich Cotta jetzt so umsah, waren das verdammt viele Menschen. Neben ihm und Reynolds war fast das gesamte Police Department von Rocky Beach anwesend, mit Ausnahme der Kollegen, die heute Dienst hatten. Außerdem waren etliche Polizisten aus anderen Polizeidienststellen vor Ort. Cotta erkannte ein paar Kollegen aus Waterside, Santa Monica und Ventura, und ein paar schienen sogar aus anderen Bundesstaaten gekommen zu sein. Zumindest glaubte der Inspektor, das Wappen von Arizona auf einer Uniform zu erkennen.
Auch Coronel Simmons war mit seinem ganzen Team da. Alle trugen ihre besten Ausgehuniformen. Als der Coronel Cottas Blick bemerkte, nickte er ihm höflich zu, kam aber nicht herüber.
Selbst ein paar der hohen Tiere hatten sich eingefunden. Der Bürgermeister von Rocky Beach stand neben Commissioner Prescott und dem Herausgeber der Rocky Beach Today. Nur Letzterem traute der Inspektor zu, aufrichtig traurig zu sein. Schließlich hatten die drei Detektive ihm regelmäßig etwas gegeben, womit er seine Zeitung füllen konnte.
Unabhängig davon waren unzählige Menschen gekommen. Etliche kannte Cotta, noch mehr allerdings nicht. Viele waren vermutlich frühere Klienten der drei Detektive. All die Leute hier zu sehen, machte dem Inspektor nochmal mit aller Deutlichkeit bewusst, wie vielen Menschen die drei Jungen durch ihre Arbeit als Detektive geholfen hatten. Sogar ein paar Promis waren dabei. Cotta glaubte, den Schauspieler Solomon Charles, die ehemaligen Schauspielerinnen Amanda Black und Lys de Kerk sowie den Rockmusiker Lenny the Rock zu erkennen.
Natürlich waren auch viele Jugendliche anwesend. Die meisten von ihnen waren wahrscheinlich Freunde und Klassenkameraden von Justus. Neben Bob und Peter standen jetzt August, der junge Engländer sowie ein Mädchen im Rollstuhl. Sie hatte eine Geige auf dem Schoß und der Inspektor fragte sich, ob sie wohl etwas spielen würde. Selbst Skinny Norris war da, in zerrissenen Jeans und ärmellosem T-Shirt stand er mit finsterer Miene am Rand des Friedhofs. Unweit von ihm entdeckte Cotta den Stadtstreicher, den alle nur Rubbish Georg nannten.
In diesem Moment gab der Reverend Cotta ein kleines Zeichen. Daraufhin gingen er, Reynolds und sechs weitere Polizisten zurück in die Kapelle und nahmen ihre besprochene Positionen um den Sarg herum ein. Alle trugen ihre Ausgehuniformen und unbewegte Minen. Cotta hatte etwas Zweifel, ob Samuel das schaffen würde, aber der ehemalige Hauptkommissar hatte kompromisslos darauf bestanden.
Der Sarg wurde mit der Flagge der vereinigen Staaten abgedeckt. Auf Cottas Anregung hing wurde Justus ein volles Staatsbegräbnis zuteil, wie jedem Polizisten, der in Ausübung seiner Pflicht ums Leben gekommen war. Und da Samuel die Jungen nun einmal zu Mitarbeitern der Polizei gemacht hatte, schien das nur angemessen. Er hatte erwartet, seinen Vorschlag gegen viel Widerstand durchsetzen zu müssen. Zu seiner Überraschung hatten aber fast alle Kollegen ohne Vorbehalte zugestimmt.
Die acht Sargträger beugte sich hinunter und hoben den Sarg vorsichtig an. Cotta und Reynolds gingen voran, hinter ihnen kamen Goodween und Donnatelli, gefolgt von Devlin, Forrester, Morales und Ford. Mit langsamen Schritten gingen sie voran und verließen die Kapelle. Zu beiden Seiten des Weges hatten sich sämtliche Polizei- und Militärangehörige aufgestellt und salutierten. Und während der Sarg langsam die Stufen zur Kapelle hinunter und dann über den kiesbedeckten Weg getragen wurde, spielte eine einzelne Trompete "Taps". Abgesehen davon war es mucksmäuschenstill, lediglich ein leises Schluchzen war hier und da zu hören.
Nach etwa zwei Minuten standen sie vor dem sauber ausgehobenen Grab. Langsam stellten sie den Sarg auf Brettern ab, die über dem Grab platziert worden waren. Dann traten drei Soldaten in Paradeuniform vor. Sie trugen jeder eine M16. Nachdem die Trompete ihr Spiel beendet hatten, legten die Soldaten mit komplett synchronisierten Bewegungen die Gewehre an, und feuerten, ebenfalls in perfekter Synchronität, hintereinander drei Salutschüsse ab.
Zum Abschluss wurde die Flagge, die Justus Sarg bedeckte, zu einem Dreispitz gefaltet. Alle Sargträger wusste genau, welche Bewegungen sie auszuführen hatten und falteten gemeinsam die amerikanische Flagge zu einem perfekten, gleichseitigen blauen Dreieck mit weißen Sternen. Von den roten und weißen Streifen war nichts mehr zu sehen. Dann nahm Cotta die gefaltete Flagge und überreichte sie mit steinerner Miene Mathilda Jonas. Diese nahm sie unter Tränen entgegen.
Nun war es an der Zeit, den Sarg in die Erde zu lassen. Die Sargträger hoben die große, weiße Holzkiste erneut an und zwei Helfer entfernten die Holzbretter. Dann ließen sie, mit Hilfe der vorbereiteten Seile, den Sarg ganz langsam hinunter in das Grab, wo er mit nahezu banaler Endgültigkeit auf dem Boden aufkam. Sechs Fuß tief.
Cotta straffe sich und trat ein paar Schritte zurück. Er fühlte eine merkwürdige Mischung als Erleichterung und Trauer. Der heutige Tag war der schmerzliche Abschluss der drei schlimmsten Wochen seines Lebens. Von jetzt an musste das Leben irgendwie weitergehen. Er würde morgens aufstehen, zur Arbeit fahren und seinen Job machen. Bei jedem Telefonklingeln würde er sich kurz fragen, ob das wohl mal wieder Justus wäre, bis ihm einfiel, dass er Justus' Stimme nie wieder am Telefon hören würde. Er würde in der Zeitung von einem merkwürdigen Einbruch oder mysteriösen Vorkommnissen lesen und sich denken, dass das nach einem Fall für die drei Fragezeichen klang. Auf dem Heimweg von der Arbeit würde er eine Luxuslimousine sehen und an die Jungs in ihrem Rolls Royce denken.
Sein Leben würde weitergehen wie immer. Nur etwas leerer. Und während langsam Erde auf das Grab von Justus Jonas geschaufelt wurde, blickt Cotta zum ersten Mal auf den schichten, weißen Grabstein.
Justus Jonas
Erster Detektiv
* 04.06.2002
† 18.09.2019
Die Grenzen, die Leben und Tod scheiden, sind unbestimmt und dunkel. Wer kann sagen, wo das eine endet und das andere beginnt? - E.
