xviii
7. November 1976
Hermiones Wangen standen in Flammen. Wie würde sie reagieren? Er sah sie erwartungsvoll an. Sein eigenes Gesicht errötete ein wenig.
Sie musste ihm die Wahrheit sagen, oder zumindest einen Teil davon. Es war keinem von ihnen beiden gegenüber fair, wenn sie weiter log. Und sie hatte auch das Gefühl, dass sie ihn völlig verlieren würde, wenn sie ihre Gefühle für ihn weiterhin verleugnete. Schließlich konnte ein Mensch nur so oft zurückgewiesen werden, bis er völlig aufgab. Hermione wollte nicht, dass er aufgab, und sie war ganz sicher nicht bereit, ihn zu verlieren.
Nach einem tiefen Atemzug und während sie ihre Finger ineinander verschränkte, antwortete Hermione schließlich.
„Ich mag dich, Severus", gab sie mit leiser Stimme zu.
Ja, ihre Antwort war schwach und nicht ganz das, was sie hatte sagen wollen, aber sie war nur ein Mensch. Obwohl die meisten seiner Worte und Handlungen stark auf ein Interesse an ihr hindeuteten, wollte sie noch immer nicht alle Karten auf den Tisch legen, wegen der kleinen Angst vor einer möglichen Ablehnung.
Aber an der Art und Weise, wie sich sein Mund verzog, erkannte sie, dass er erwartete, dass sie mehr sagen würde.
„Ich meine, ich verbringe gerne Zeit mit dir, mehr als mit jedem anderen, um ehrlich zu sein", fügte sie hinzu.
Er wirkte immer noch nicht besänftigt von ihrer Antwort. Sein Blick löste sich von dem ihren und ein leichtes Runzeln umspielte seine Lippen.
„Ich ... genieße auch unsere gemeinsame Zeit", sagte er ihr leise.
Sie saßen beide schweigend da. Hermione kaute auf der Innenseite ihrer Lippe, während sie im Geiste darüber nachdachte, ob sie mehr hätte sagen sollen oder ob sie warten sollte, bis er wieder sprach. In ihrem Inneren tobte ein Kampf, während sie mit sich selbst darüber stritt, ob sie die Dinge einfach auf sich beruhen lassen oder ihren Wunsch äußern sollte, etwas mehr mit ihm zu versuchen. Sie wollte es so sehr, dass es fast weh tat.
„Hermione, ich möchte ehrlich zu dir sein, denn das ist etwas, woran ich noch arbeiten muss, ehrlich zu sein", begann er. Ihr Herz klopfte wie verrückt. „Ich will nicht nur dein Freund sein. Und wenn ich richtig liege, glaube ich auch nicht, dass du nur an einer Freundschaft interessiert bist."
Sie war völlig sprachlos, aber sie konnte wenigstens den Kopf schütteln.
„Und was machen wir jetzt?" fragte er.
Verdammt noch mal, wenn sie es wüsste. Der arme Severus hatte keine Ahnung, was er da verlangte.
„Wir lassen es langsam angehen und lernen einander weiter kennen? Ich weiß nicht, wie es dir geht, Severus, aber ich denke im Moment nicht an jemand anderen", sagte sie.
Severus beugte sich vor und griff nach ihrer Hand. Als er seine Hand um ihre legte, war der Kontrast zwischen seiner Alabasterhaut und ihrem goldenen Hautton auffallend. Er strich mit dem Daumen sanft über ihre Knöchel.
„Damit könnte ich arbeiten." Dann schenkte er ihr ein herzzerreißendes Grinsen. „Und nein, Hermione, ich spiele auch nicht mit dem Gedanken an eine andere."
Als Hermione die seltene Freude auf Severus' Gesicht sah, wusste sie, dass es kein Zurück mehr gab. Vor die Wahl gestellt, entweder gar keine romantische Zeit mit ihm zu verbringen oder ein kleines Stückchen Zeit mit ihm in dieser Eigenschaft, hatte sie sich für das kleine Stückchen entschieden. Nach allem, was sie beide durchgemacht hatten oder noch durchmachen würden, hatten sie zumindest so viel verdient. Ganz gleich, wie egoistisch es war, dass sie so empfand.
Als Severus zu seiner Arbeit zurückkehrte, bemerkte Hermione, dass er mit mehr Elan und Zuversicht zerkleinerte, als vor ihrem Gespräch. Als sie ihn beobachtete, wurden ihre Zweifel beiseite geschoben, und all die Aufregung und das Kribbeln, die mit dem Versprechen einer neuen Beziehung einhergingen, nahmen ihren Platz ein.
8. November 1976
Montagabend, während Severus sein letztes Nachsitzen verbüßte, saß Hermione auf einer der vielen Steinbänke in den Korridoren der Schule und las ihr Zeitreisebuch. Wie es ihrer Natur entsprach, begann sie nun, da sie sich entschlossen hatte, eine Beziehung mit Severus zu versuchen, wenn auch eine langsame, mit Nachforschungen zu diesem Thema.
Obwohl romantische Beziehungen in der Vergangenheit nicht verboten sind, werden sie nicht gerade dazu ermutigt. Machen Sie sich klar, dass Sie unbestreitbar Ihre Anwesenheit in einer Welt verlassen, in die Sie nicht gehören. Die Person, mit der Sie sich einlassen, wird sich mit Sicherheit an Sie erinnern, und zwar mehr als jede andere Person, mit der Sie in Kontakt kommen. Der emotionale Schaden, den Sie Ihrem Partner zufügen, falls oder wenn Sie in Ihre eigene Zeit zurückkehren, könnte schwerwiegend sein.
Es ist jedoch wahr, dass manche Liebe die Zeit überdauert. Wenn das Band, das Sie mit dieser Person haben, sich als stark genug erweist, kann es sein, dass es Ihnen bestimmt ist, diese Person zu finden. Vielleicht treffen Sie diese Person eines Tages wieder. Es liegt an Ihnen, zu entscheiden, ob die Vorteile die Risiken überwiegen.
Dieser letzte Satz lastete schwer auf ihren Gedanken. Würden die Vorteile die Risiken aufwiegen? Möglicherweise, dachte sie. Wenn die Belohnung darin bestand, dass ihre Liebe ihn möglicherweise retten konnte, dann ja. Ein einziges Mal wünschte sie sich, sie wäre nicht Hermione Granger und müsste nicht jeden einzelnen Schritt in ihrem Leben analysieren, sondern hätte einfach das getan, was sich richtig anfühlte. Denn ehrlich gesagt, fühlte sich das Zusammensein mit Severus einfach richtig an.
Sie war so in ihre Gedanken und ihre Lektüre vertieft, dass sie nicht hörte, wie sich jemand näherte, bis er sie ansprach.
„Zeitreisen? Das ist ein ungewöhnliches Thema", sagte Remus und stellte sich vor sie.
Hermione erschrak so heftig, dass ihr das Buch aus den Händen und auf den Boden flog. Remus blickte auf das Buch und dann wieder zu Hermione, seine Augen blitzten mit tausend Fragen.
„Beim Barte des Merlin, Remus!" rief Hermione aus, bevor sie hastig nach ihrem Buch griff und es in ihre Tasche steckte. „Du hast mich halb zu Tode erschreckt."
Remus' Augen waren auf ihre Tasche gerichtet, als er sich neben sie setzte.
„Tut mir leid", sagte er zu ihr. „Warum liest du das?"
Wie dumm von ihr, dieses Buch in aller Öffentlichkeit zu lesen. Der einzige Grund, warum sie es tat, war, dass die Bibliothek voller SchülerInnen war, die für ihre Prüfungen am Ende des Semesters, vor den Ferien, lernten. Da es schon recht spät war, ging sie davon aus, dass sie auf den Fluren niemandem mehr begegnen würde, aber sie hatte nicht mit den VertrauensschülerInnen gerechnet, die gerade mit ihren Patrouillen begonnen hatten.
„Ach, weißt du, nur etwas leichte Lektüre. Etwas, das mich ein wenig vom Lernen ablenkt", log sie, wobei ihre Stimme eine Oktave höher wanderte.
Als Remus sie ansah, tasteten seine Augen ihr Gesicht ab, als ob er die Antwort auf ein besonders schwieriges Rätsel suchte. Hermione zuckte in ihrem Sitz zusammen. Remus war zu scharfsinnig für ihr eigenes Wohl. Das wusste sie, seit sie ihn als Erwachsenen kannte. Sie musste schnell das Thema wechseln.
„Wie läuft es mit Amelia?" fragte sie, bevor er sie weiter ausfragen konnte.
Das schien gewirkt zu haben. Er lächelte.
„Es scheint eigentlich ganz gut zu laufen."
Hermione freute sich für Remus, weil sie wusste, dass Amelia so viel Freude in sein Leben zu bringen schien. Die Art und Weise, wie er aufleuchtete, wenn er über sie sprach oder in ihrer Nähe war, war etwas, worüber sie Amelia immer dankbar sein würde. Hermione wusste, dass Remus eine schwierige Zeit in der Schule hatte, weil er sich Sorgen machte, dass die Leute sein Geheimnis herausfinden könnten, deshalb war es wunderbar, ihn so verliebt zu sehen.
„Das ist toll, Remus. Ich weiß, dass sie wirklich sehr von dir angetan ist", sagte Hermione. „Aber das habe ich nie gesagt", fügte sie schnell lachend hinzu.
Remus riss die Augen weit auf und versuchte, so unschuldig wie möglich auszusehen.
„Was hast du gesagt, Hermione?" Er grinste.
Bald kamen sie ins Gespräch über die Schule, die Prüfungen und ihre Pläne für die Ferien. Als Hermione ihm erzählte, dass sie in den Ferien in Hogwarts bleiben würde, schien er ein Lächeln verbergen zu wollen.
„Ich habe gehört, dass Snape in den Ferien auch immer hier bleibt", sagte Remus verschmitzt.
Hermione sah auf ihre Schuhe hinunter.
„Tut er das? Er hat nichts erwähnt."
Remus legte seine Hand auf Hermiones Unterarm, und sie sah zu ihm auf. Sein Gesicht veränderte sich wieder von ihrem Schulkameraden zu dem Professor, den sie einst gekannt hatte, und sie befürchtete, dass ein weiterer Vortrag bevorstand.
„Hermione, hör zu. Ich – ich mag ihn vielleicht nicht und ich verstehe es vielleicht nicht, aber er scheint dich glücklich zu machen. Also... ich will nicht klischeehaft klingen, aber solange du glücklich bist, freue ich mich für dich", sagte er ihr und überraschte sie damit völlig.
Ihre Kehle schnürte sich zu, nachdem Remus ihr das gesagt hatte. Sie war nicht auf der Suche nach dem Segen von irgendjemandem, ganz im Gegenteil. Aber endlich einen Freund zu haben, der ihre Gefühle für Severus akzeptierte, vor allem nach all der Ablehnung, die sie erfahren hatte, bedeutete ihr sehr viel.
Sie ergriff seine Hand, die noch immer auf ihrem Unterarm ruhte, und drückte sie sanft.
„Danke, Remus."
11. November 1976
Ohne den wärmenden Zauber und die heißen Thermoskannen Kaffee – Hermione schnitt sichtlich eine Grimasse, als Severus ihr sagte, er hätte seinen schwarz genommen – wären sie bis auf die Knochen durchgefroren, während sie auf einer Decke saßen und über den Großen See auf den herrlichen Ausblick von Hogwarts starrten.
Hermione hatte Severus, der vor dem Mittagessen auch noch eine freie Stunde hatte, gefragt, ob er nicht noch etwas Zeit allein mit ihr verbringen wolle, bevor sie am Nachmittag zur Doppelstunde in Zaubertränke mussten. Severus war nur zu gerne bereit, ihr den Gefallen zu tun.
Hermione liebte die winzige Insel, auf die sie und Severus manchmal flüchteten, sehr. Die Tatsache, dass sie so weit von allem und jedem entfernt war, brachte ihr eine willkommene Ruhe und Frieden, wenn sie sonst ein Wirrwarr aus Stress und Nervosität war.
Trotz des Wärmungszaubers spürte sie immer noch den peitschenden Wind, und so drückte sie sich näher an Severus heran, in der Hoffnung, sich in seiner Körperwärme zu wärmen. Fast wie aus einem Instinkt heraus lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter. Sie spürte, wie er starr wie Stein wurde, als sie das tat, doch nach einigen Sekunden legte er langsam seinen Arm um sie und zog sie näher zu sich heran. Es war die intimste Geste, die einer von ihnen dem anderen bisher gezeigt hatte, und sie musste zugeben, dass sie sich in seiner Umarmung vollkommen zu Hause fühlte.
Während sie dort saß, dachte sie darüber nach, wie unglaublich es war, dass sie es geschafft hatten, an diesen Punkt zu gelangen. Wie Severus sich von offen feindselig zu gleichgültig, zu widerwillig höflich, zu etwas freundlich, zu angenehm und lustig, bis hin zu manchmal süß und irgendwie romantisch entwickelt hatte.
Vor zehn Wochen hatte Hermione befürchtet, dass sie nie in Severus' Gunst kommen würde, jetzt saß sie an seiner Seite, und die beiden wurden von Tag zu Tag wichtiger füreinander. Er war nicht mehr nur eine Mission für sie. Er war ein Mensch, bei dem ihr die Knie weich wurden. Jemand, der sie dazu brachte, anders zu denken und so viele Dinge neu zu bewerten, von denen sie nie gedacht hätte, dass sie das tun müsste. Wie zum Beispiel ihre Beziehung mit Ron.
Sie hatte immer gedacht, dass sie und Ron füreinander bestimmt waren. Dass es so enden musste. Aber warum? Weil sie so viele schwere Zeiten zusammen durchgemacht hatten und ihre Loyalität zu Harry gemeinsam hatten? Wenn es darauf ankam, passten sie und Ron einfach nicht zusammen. Es stimmte zwar, dass sich Gegensätze anziehen, aber es musste doch eine Grenze geben. Sie und Ron waren einfach zu verschieden, und jetzt, wo sie klarer und objektiver darüber nachdachte, hätten sie es auf Dauer nie geschafft.
Bei Severus hingegen machte es Sinn. Sie waren gerade so gegensätzlich, dass sie sich zueinander hingezogen fühlten, und doch hatten sie genug gemeinsam, dass es funktionierte. Mit jemandem wie Severus würde sie sich nie langweilen, er würde sie immer intellektuell anregen können. Mit ihnen beiden wusste sie, dass es immer irgendeine Art von Debatte oder tiefgründiger Diskussion über Themen und Ideen geben würde, für die sie sich begeisterte. Severus war der Typ Mensch, von dem sie wusste, dass er nie mit dem Lernen aufhören würde, und sie auch nicht. Und sie würde gerne die Chance haben, mit ihm an ihrer Seite durch das Leben zu gehen, den Status quo in Frage zu stellen und alles zu lernen, was ihr möglich war, mit ihm an ihrer Seite.
Ihr innerliches Grübeln brachte eine Frage in ihr Bewusstsein.
„Severus?" fragte sie leise. „Was willst du nach Hogwarts machen?"
Da sie so viele Jahre seine Schülerin gewesen war, hatte sich ein Teil von ihr immer gefragt, ob es ihm wirklich Spaß gemacht hatte, zu unterrichten. Es hatte sich nicht so angefühlt, und nachdem sie die Wahrheit über ihn erfahren hatte, wusste sie, dass er mehr oder weniger in diese Position gezwungen worden war. Jetzt, da sie die Gelegenheit dazu hatte, wollte sie wissen, welche Ziele er verfolgte, bevor sein Leben aus den Fugen geraten war.
„Um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht ganz sicher", sagte er. „Ich habe ein paar Ideen, aber nichts hat mich wirklich angesprochen... bis vor kurzem jedenfalls." Dann sah er zu Boden und lächelte. „Vielleicht werde ich eine Lehre in Zaubertränken machen."
Hermione spürte dieses vertraute Kribbeln in ihrem Magen. Wie sehr wünschte sie sich, sie könnten das wirklich zusammen tun. Aber sie beschloss, erst einmal mitzuspielen.
„Ach wirklich?" Sie grinste. „Was hat deine Meinung geändert?"
Er stupste sie unvorbereitet in die Seite, was sie zum Quieken brachte. Nicht viele Leute wussten, dass sie sehr kitzelig war. Er lachte über ihre Reaktion, und ein teuflischer Blick trat in seine Augen. Hermione lief bei diesem Anblick das Wasser im Mund zusammen.
„In letzter Zeit ist die Idee viel attraktiver geworden, könnte man sagen."
Hermiones Erwiderung ging ins Leere, weil Severus sie erneut piekste und dann vollends kitzelte, nachdem sie aufgesprungen war und ein zweites Mal quietschte. Als er sie angriff, fiel Hermione nach hinten und versuchte verzweifelt, wegzukriechen, doch Severus war zu stark. Sie versuchte, ihm zwischen dem Kichern zu drohen, doch die Drohungen klangen für beide hohl. Diese spielerische Seite von Severus zu sehen, ließ sie noch tiefer in den Wahnsinn fallen, der sich zwischen den beiden entwickelt hatte, aber das war Hermione in diesem Moment völlig egal.
Als er endlich aufhörte, lag Hermione keuchend auf dem Boden. Severus kniete über ihr und beobachtete sie mit einem neuen Feuer in seinen Augen.
Ihr Herz hämmerte, als sie die Augen zusammenkniff, sich langsam aufsetzte und das Haar, das ihr ins Gesicht gefallen war, wegschob.
„Das wirst du mir büßen, Severus Snape", drohte sie mit einem raubtierhaften Lächeln.
Severus verdrehte die Augen und winkte sie mit einem Zucken seines Zeigefingers nach vorne.
Als sie auf ihn zuging, hob sie den Arm und richtete ihren Zauberstab auf ihn, um ihm einen kleinen Flederwichtfluch entgegenzuschleudern. Ihr Puls beschleunigte sich, als Severus sie völlig überraschend am Handgelenk packte und sie gegen seine schlanke Gestalt zog. Bevor sie Zeit zum Handeln oder Überlegen hatte, drückte er seine Lippen mit einem keuschen Kuss auf ihre, zog sie dann sofort weg und ließ ihren Arm fallen.
Hermione hörte völlig auf zu atmen. Severus' Augen waren so weit aufgerissen, dass es ein Wunder war, dass sie nicht aus ihren Höhlen gefallen waren. Ihre Gesichter leuchteten hell auf, als sie sich schockiert anstarrten. Hermione führte ihre Hand an die Lippen, immer noch ungläubig darüber, was gerade passiert war.
„Es tut mir leid", sagte er schnell.
„Musst es nicht", antwortete Hermione ebenso schnell.
Bevor sie noch etwas sagen konnte, stand er auf und ging ein paar Schritte weg. Hermione blieb wie angewurzelt stehen, erstarrt von den Dutzenden von Gefühlen, die sie durchströmten.
Sie hatten sich gerade zum ersten Mal geküsst, und es war in einem Wimpernschlag vorbei. Sie hoffte, dass es, wenn es schon passiert war, eher ihren Träumen entsprochen hätte. Aber die Wirklichkeit war nie wie ein Traum. Das wusste sie. Trotzdem war es nicht so, dass sie sich über das, was passiert war, beschwert hätte. Jetzt, wo es passiert war, fragte sie sich, warum sie es nicht früher zugelassen hatte. Es fühlte sich dumm an, so viel darüber nachzudenken, wie sie es getan hatte. Und ganz ehrlich, sie kämpfte gegen jeden Impuls an, aufzustehen und es noch einmal zu tun. Die Art und Weise, wie Severus reagierte, sagte ihr jedoch, dass das im Moment nicht die beste Idee gewesen wäre.
„Ich hätte nicht... ich meine. Du hast langsam gesagt. Es tut mir leid, ich – bitte sei nicht böse", stammelte er und drehte ihr den Rücken zu.
Hermione konnte nicht zulassen, dass er sich deswegen selbst fertigmachte. Ohne etwas zu sagen, stand sie auf, ging zu ihm hinüber und schlang beide Arme um seine Taille. Er bewegte sich nicht.
„Ich bin nicht wütend", sagte sie ihm.
Es herrschte Stille, bis auf den heulenden Wind und das Wasser, das an das Ufer der Insel klatschte.
„Ja, ich habe gesagt, dass ich es langsam angehen will, aber ... vielleicht – hat es mir nichts ausgemacht", gab sie zu, nicht nur ihm, sondern auch sich selbst gegenüber .
Langsam drehte er sich um, während Hermione immer noch die Arme um ihn gelegt hatte. Er blickte auf sie herab, wobei sein Gesichtsausdruck fast ein wenig verwundert war. Er schüttelte unmerklich den Kopf, während er lächelte.
„Nein?" fragte er.
Hermione lächelte zurück.
„Nein", versprach sie.
Er griff nach unten und strich mit dem Handrücken über ihren Wangenknochen. Eine Gänsehaut bildete sich auf ihrem Fleisch und ein Schauer lief ihr über den Rücken.
„Wir sollten uns wahrscheinlich zurück zur Schule aufmachen", sagte er traurig.
Alles in ihr wollte dort bleiben, allein, in seinen Armen, aber sie wusste, dass er Recht hatte. Selbst unter normalen Umständen hätte sie die Dinge nicht zu schnell vorantreiben wollen, und wenn sie dort blieben, war sie sicher, dass ihre Kräfte schwinden würden.
„Ja, das sollten wir wohl", stimmte sie widerwillig zu, bevor sie sich aus seinem Griff löste.
Auf der Bootsfahrt zurück zum Schloss sagten Hermione und Severus nicht viel. Sie saßen einfach nebeneinander und hielten Hände. Sie hatten nicht weiter darüber gesprochen, was gerade zwischen ihnen passiert war, aber Hermione wusste, dass jetzt alles anders sein würde. Und zwar ausnahmsweise auf eine positive Art und Weise.
Als sie zu Severus aufblickte und er mit einem Kuss auf ihren Scheitel antwortete, wusste Hermione, dass sie nicht versagen durfte, wenn sie sein Leben retten wollte. Sie wusste, dass es jetzt über den Wunsch hinausging, das Richtige zu tun. Denn wenn Hermione versagte und Severus diese letzte Nacht, bevor sie in die Vergangenheit reiste, nicht überlebte, wäre das etwas, was sie unmöglich verkraften könnte. Wenn Severus Snape starb, war sich Hermione sicher, dass ein Teil von ihr ebenfalls sterben würde. Und sie würde verdammt sein, bevor sie das zulassen würde.
