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10. Oktober 1976

Am Sonntagabend ging Hermione mit zitternden Händen vor der Bibliothek hin und her. Sie war fast zehn Minuten zu früh dran, aber wie sie Severus kannte, nahm sie an, dass er höchstwahrscheinlich schon drin war und auf ihre Ankunft wartete. Sie konnte es nicht leugnen, sie war unglaublich nervös. Was würde sie zu ihm sagen? Bisher hatte sie die meiste Zeit hier damit verbracht, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie ihn dazu bringen konnte, sie zu bemerken und dann mit ihr zu sprechen. Jetzt, wo sie beides geschafft hatte, war sie sich nicht ganz sicher, worüber sie überhaupt mit ihm sprechen sollte. Was, wenn sie das Falsche sagte und genau da landete, wo sie angefangen hatte?

Zu erwähnen, was sie von Amelia über ihn und Lily erfahren hatte, war definitiv vom Tisch. Sie hatte keinen Zweifel daran, dass er, wenn sie das zur Sprache gebracht hätte, schneller weg gewesen wäre, als sie ‚königlich vermasselt' hätte sagen können. Nein, dieses Gespräch würde sie sich für einen späteren Zeitpunkt aufheben müssen. Falls, und hoffentlich wenn sie FreundInnen sein würden.

Ein paar SchülerInnen gingen an ihr vorbei und warfen ihr seltsame Blicke zu, wahrscheinlich fragten sie sich, warum das neue Mädchen auf dem Flur auf und ab ging. Hermione schenkte einigen von ihnen ein halbes Lächeln und eine halbe Grimasse, während ihre Nervosität immer größer wurde. Sie schaute auf ihre Uhr und sah, dass es fast Zeit war, hineinzugehen, um nicht zu spät zu kommen, was Severus sicher verärgert hätte. Nachdem sie den Gurt ihrer Schultasche zurechtgerückt und tief durchgeatmet hatte, hob Hermione den Kopf und marschierte in die Bibliothek, in der Hoffnung, dass sie nicht auch nur einen Bruchteil so unruhig aussah, wie sie sich fühlte.

Als sie hereinkam, war Severus nirgends zu sehen. Sie schaute sich an den Tischen um und konnte seine schwarze, strähnige Haarmähne unter keiner der SchülerInnen entdecken. Eine Welle der Enttäuschung überkam sie. Sie fragte sich, ob er sie versetzt hatte. Aber da sie schon einmal da war, dachte sie sich, dass sie den Abend nicht mit Trübsal blasen vergeuden und lieber etwas lernen sollte. Sie musste in drei Tagen einen zwei Fuß langen Aufsatz für Slughorn schreiben und beschloss, dass sie damit anfangen sollte.

Um nicht von den SchülerInnen gestört zu werden, schlüpfte Hermione leise zwischen den verstreuten Tischen hindurch und machte sich auf den Weg zu einigen der weniger frequentierten Tische im hinteren Teil der Bibliothek. Sie hoffte, dass Amelia oder Remus vielleicht irgendwann im Laufe des Abends zu ihr stoßen würden. Sie mochte es nicht, zu viel Zeit allein zu verbringen. Das gab ihr zu viel Zeit zum Nachdenken. Sie mochte es in letzter Zeit nicht, wenn sie zu sehr in ihren Gedanken versunken war, wenn sie es vermeiden konnte.

Während sie ging, achtete sie nicht auf ihre unmittelbare Umgebung und bekam daher einen ziemlichen Schreck, als eine verärgerte und seidige Stimme leise hinter ihr sprach.

„Du bist spät dran", sagte Severus barsch.

Hermione sprang auf und stieß einen leisen Schrei der Überraschung aus.

Severus saß an einem Tisch zu ihrer Rechten, seine Bücher lagen verstreut vor ihm und nahmen fast die Hälfte des Tisches ein. Er sah zu ihr mit einem Ausdruck auf, der zwischen teilweiser Belustigung und reiner Verärgerung hin- und hergerissen schien. Seine Mundwinkel hoben sich ein klein wenig und formten ein Grinsen, das Hermiones Herz aus irgendeinem Grund doppelt so schnell schlagen ließ. Mit einem kleinen Kopfschütteln versuchte sie sich einzureden, dass sie keinerlei Reaktion auf ihn verspürte, aber unterbewusst fand sie, dass er fast gut aussah, wenn er lächelte.

„Nun, willst du dich nicht setzen, Devereux? Oder willst du den ganzen Abend herumhängen und aussehen, als hätte man dich mit einem Betäubungszauber getroffen?" Severus zog eine Augenbraue hoch und deutete auf den Platz ihm gegenüber.

Hermione sammelte sich gedanklich, ging zum Tisch, an dem Severus saß, und setzte sich auf den Stuhl, auf den er gezeigt hatte.

„Bitte, nenn mich Hermione", sagte sie ihm zum, wie sie glaubte, fünften Mal, seit die beiden irgendwie zu sprechen begonnen hatten.

Severus verdrehte die Augen und stieß ein leises Schnauben aus.

„Gut", atmete er aus. „Hermione. Besser?"

Sie lächelte breit und versuchte, das flatternde Gefühl in ihrem Magen zu ignorieren, das sich einstellte, als er zum ersten Mal ihren Namen aussprach.

„Viel besser", antwortete sie strahlend.

Hermione nahm ihre Schultasche von der Schulter und ließ sie mit einem lauten Plumps auf den Tisch fallen. Severus' Augen weiteten sich ein wenig, als er ihre überfüllte Tasche betrachtete. Sie schien mit ihrer Gewohnheit weiterzumachen, alle ihre Schulbücher auf einmal mit sich zu tragen und nicht nur die, die sie gerade brauchte. Obwohl für Hermione jedes Buch eines war, das sie vielleicht brauchte.

„Was steht heute Abend am Programm? Möchtest du an dem Aufsatz für Slughorn arbeiten oder vielleicht an unserer Aufgabe für Crabtree?" fragte Hermione zögernd, während sie ein paar Bücher, Pergament, mehrere Federkiele und ein Tintenfass aus ihrer Tasche holte.

Severus fuhr sich mit dem Zeigefinger über die Unterlippe und sah nachdenklich aus. „Zaubertränke, glaube ich."

Hermione griff nach ihrer Ausgabe von Zaubertränke für Fortgeschrittene. „Dann also Zaubertränke."

Ohne zu fragen, schob Hermione einige von Severus' Habseligkeiten beiseite und ließ dabei fast zwei seiner Bücher von dem kleinen Tisch fallen. Sie hatte es nicht bemerkt und erschrak deshalb über Severus' leises, verärgertes Knurren.

„Stimmt etwas nicht?" fragte sie mit müder Stimme.

Sie war nicht in der Stimmung für seine schnell wechselnden Stimmungsschwankungen, wo er doch derjenige war, der sie an diesem Abend zum Lernen eingeladen hatte.

Severus öffnete den Mund, um zu antworten, schien es sich aber im letzten Moment anders zu überlegen. Stattdessen seufzte er laut und schüttelte den Kopf.

„Gut", sagte Hermione. „Jetzt sollen wir im Detail die Schritte und Abläufe in-", begann sie in einem Ton, der eher zu einer Hogwarts-Professorin als zu einer Schülerin der Schule passte.

„Stopp", unterbrach Severus sie.

„Wie bitte?" Hermione zog die Augenbrauen hoch.

Hermione sah überrascht zu, wie Severus über den Tisch griff und ihr Buch zuklappte. Er hatte Glück gehabt, dass er nicht einen blutigen Stumpf zurückzog. In ihrer Zeit hatte es jeder besser gewusst, als nach einem von Hermiones Büchern zu greifen oder es zu berühren, während sie ihre Hausaufgaben machte.

„Was machst du da? Ich dachte, wir würden -"

„Ich wollte mit dir reden", unterbrach Severus sie erneut.

Severus sah ihr nicht in die Augen, doch sein Gesichtsausdruck war sehr ernst. Hermione rutschte unbehaglich auf ihrem Sitz hin und her. Worüber in aller Welt wollte er mit ihr sprechen?

„Oh?" antwortete sie lahm. „Worüber genau?"

Sie beobachtete, wie Severus sich in seinem Stuhl bewegte und aus dem Fenster zu ihrer Linken blickte. Es sah so aus, als würde er seine Worte sehr sorgfältig wählen.

Nach ein paar unangenehmen Momenten sah Severus Hermione endlich in die Augen. Zum ersten Mal hatte er nicht böse geblickt oder feindselig gewirkt. Wenn überhaupt, dann wirkte er eher ängstlich, oder verwirrt, mehr als alles andere.

„Warum hast du Black immer wieder abgewiesen?" fragte er unverblümt und verzog bei der Erwähnung von Sirius angewidert den Mund.

Von all den Dingen, von denen Hermione dachte, dass er sie fragen wollte, war ihr das nicht einmal annähernd in den Sinn gekommen. Sie war völlig überrumpelt und, wie es für sie in seiner Gesellschaft schon zur Gewohnheit geworden war, sprachlos.

„Ich – Warum habe? Es – es tut mir leid?" stotterte sie, unbestreitbar verwirrt darüber, warum er das wissen wollte.

„Die Mädchen in dieser Schule schwärmen immer wieder von diesem widerlichen Kerl", fuhr er fort, als hätte Hermione nicht gesprochen. „Doch du scheinst nicht im Entferntesten an ihm interessiert zu sein. Warum ist das so?" fragte er leise, fast als ob er rhetorisch fragen würde.

Hermione hatte in diesem Moment eine Wahl zu treffen. Sie hätte die Wahrheit sagen können. Sie hielt Sirius für harmlos – vielleicht sogar für nervig. Aber sie war in keiner Weise romantisch an ihm interessiert. Wenn sie ihm jedoch ein Kompliment machte, und sei es auch nur ein kleines, lief sie Gefahr, dass Severus sich völlig von ihr abwandte. Wenn sie Severus an sich binden und sein Vertrauen und vor allem seine Freundschaft gewinnen wollte, musste sie lügen und schlecht von ihm reden. Ganz gleich, wie sehr sie Sirius Black wirklich mochte.

Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, setzte sich Hermione aufrecht hin und antwortete in einem fast schon hochmütigen Tonfall, der mehr an ihr elfjähriges Ich erinnerte als an die junge Frau, zu der sie herangewachsen war.

„Ich finde ihn unausstehlich, arrogant und ein bisschen einen Trottel, um ehrlich zu sein." Sie bemerkte, wie sich Severus' Lippen einen Hauch nach oben bewegten. „Ich ziehe es vor, meine Zeit mit Menschen zu verbringen, die intelligent und aufrichtig sind. Nicht grobköpfig und grausam."

Severus' Augenbrauen zogen sich zusammen, als er ihre Antwort zu erwägen schien. Hermione fühlte sich schrecklich für das, was sie gerade gesagt hatte, aber sie wusste, dass es ihr auf lange Sicht helfen würde.

Nach ein paar weiteren Augenblicken nickte Severus nachdenklich.

„Stimmt", sagte er.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück, und Hermione hätte schwören können, dass sie ihn für eine Sekunde tatsächlich lächeln sah.

Hermione war von ihrer Neugierde übermannt worden.

„Warum?" fragte sie ernsthaft. „Warum sollte das überhaupt eine Rolle spielen?"

„Das tut es nicht", antwortete er schnell.

Sie lachte fast laut auf. Natürlich spielte es eine Rolle! Wenn es wirklich keine Rolle spielen würde, dann hätte er sie gar nicht erst gefragt. Sie zog eine Augenbraue hoch, während sie sich auf die Unterlippe biss, um nicht zu lächeln.

„Was?" knurrte er sie fast an, als sie ihn weiter beobachtete.

Hermione verlor den Kampf mit ihren Lippen und lächelte ein wenig.

"Nichts", antwortete sie unschuldig, während sie ihr Zaubertränkebuch wieder aufschlug.

Sie tat einige Augenblicke lang so, als würde sie lesen, spürte aber, dass Severus' Augen immer noch auf ihr ruhten. Je länger sie ihn ignorierte, desto gereizter schien er zu werden. Sie hörte ihn mehrmals ungeduldig schnaufen, während er sie immer noch mit Blicken durchbohrte.

„Gut!" sagte er schließlich, woraufhin Hermione zusammenzuckte.

Behutsam klappte sie ihr Buch zu und blickte amüsiert in sein frustriertes Gesicht.

„Ja?" fragte sie süßlich.

Sein blasses Gesicht begann etwas Farbe anzunehmen. Sie lächelte leise vor sich hin. Um die Wahrheit zu sagen, sie genoss diesen Moment ziemlich.

„Black und Potter machen sich gerne einen Spaß, üblicherweise auf meine Kosten", begann er mit giftiger Stimme zu erklären.

Hermiones Lächeln verließ schnell ihr Gesicht. Sie hatte es mit eigenen Augen gesehen.

„Ich war mir nicht sicher – ich wusste einfach nicht", er sah auf den Tisch hinunter. „Vergiss es einfach, Devereux."

Hermione hätte ihn fast wieder korrigiert, entschied sich aber dagegen.

Ein Teil von ihr dachte sich, dass Severus wahrscheinlich genauso schuldig war wie James oder Sirius, wenn es darum ging, Kämpfe anzufangen. Aber sie musste zugeben, dass das ein bisschen unfair war. Severus hatte nur sich selbst, während die anderen ... da waren meistens vier, zumindest aber zwei gegen einen, wenn es um ihre ständige Rivalität ging. Als sie sah, wie sich sein Gesicht vor Wut und einem Hauch von Traurigkeit verzog, tat er ihr außerordentlich leid.

„Es tut mir leid", sagte sie ihm aufrichtig.

Sein Kopf schnellte sofort hoch. „Ich will dein Mitleid nicht", spuckte er.

Sie zuckte zusammen, dann seufzte sie niedergeschlagen.

„Lass uns einfach mit unseren Hausaufgaben weitermachen. Deshalb sind wir doch hier, oder?"

Severus grunzte in, wie sie annahm, Zustimmung und schlug sein Zaubertränkebuch auf.

Die beiden saßen da und arbeiteten in fast völliger Stille an ihren Aufsätzen. Die einzigen Geräusche waren ihre Federkiele, die über das Pergament kratzten, und das gelegentliche Husten oder Schniefen. Zwei Stunden lang saßen sie und arbeiteten. Was als angespanntes Schweigen begonnen hatte, löste sich schließlich in eine für beide Seiten verträgliche Stille auf. Hermione mochte seine Gesellschaft sehr, das wurde ihr langsam klar. Severus schien Hermione erstaunlich ähnlich zu sein. Er arbeitete schnell und fleißig und hatte nicht das Bedürfnis, die Stille mit sinnlosem Geschwätz zu füllen.

Hermione beobachtete ihn im Laufe des Abends ein paar Mal heimlich. Sie begann, Dinge an ihm zu bemerken. Zum Beispiel die Art, wie er die Nase rümpfte, wenn er etwas schrieb, mit dem er nicht zufrieden zu sein schien; er kratzte das Letzte, was er geschrieben hatte, direkt danach aus. Sein Haar blieb nie lange hinter seinem Ohr, er musste es fast alle paar Minuten aus seinem Gesicht schieben. Sie lächelte, als sie bemerkte, dass er die Angewohnheit hatte, auf seinen Federkielen zu kauen, genau wie sie, und fragte sich, ob er jede Woche eine Menge davon verbrauchte, so wie sie.

Am Ende ihrer Lernstunde, oder vielleicht war es auch das Ende ihres Abends, sah Severus auf und bemerkte schließlich, dass Hermione ihn beobachtete. Seine Augen weiteten sich, dann verbarg er seine Überraschung schnell mit einem höhnischen Grinsen.

„Brauchst du etwas, Devereux?" fragte er sardonisch.

Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sie ihn angestarrt hatte, und warf ihr Tintenfass um, als er sie ertappte.

„Nein! Nein, danke", sagte sie, während sie ihren Zauberstab schwenkte und die Tinte vom Tisch und von einigen ihrer Bücher absaugte.

Severus schüttelte den Kopf und begann zu packen.

„Ich denke, das sollte für heute Abend reichen."

Hermione hätte sich selbst dafür treten können, dass sie sich von ihm erwischen ließ.

„Du hast recht", log sie.

Ehrlich gesagt, wollte sie mehr Zeit mit ihm verbringen. Aber sie wusste, dass sie es nicht übertreiben und versuchen sollte, ihn zu überreden, länger zu bleiben. Sie hatte das Gefühl, dass es an diesem Abend gut gelaufen war. Hoffentlich würde er sie irgendwann wieder zum Lernen einladen.

Es war fast so, als hätte Severus ihre Gedanken gelesen. Er stand auf, legte sich den Riemen seiner Tasche auf die Schulter und räusperte sich.

„Das war nicht annähernd so schmerzhaft, wie ich angenommen hatte", gab er mit einer leichten Krümmung seiner Lippen zu.

Ein echter Charmeur, dieser hier, dachte sie mit einem Schnauben.

„Ich schätze, du hast Recht", sagte sie mit einem Hauch von Säure in der Stimme.

Severus schien zu versuchen, ein Schmunzeln über ihren Tonfall zu verbergen.

„Vielleicht können wir uns morgen Abend wieder treffen? Zur gleichen Zeit?" fragte er, sehr zu Hermiones Erstaunen.

Sie blinzelte ein paar Mal und nickte.

„Ja. Das – das würde ich gerne", antwortete sie mit einem echten Lächeln.

Severus richtete sich bei ihrer Antwort noch ein wenig mehr auf.

„Dann morgen."

Er schockierte sie ein weiteres Mal, als er darauf wartete, dass sie ihre Sachen einsammelte und mit ihr aus der Bibliothek ging. Als sie den Korridor erreichten, blieben sie beide stehen und wussten nicht so recht, wie sie sich voneinander trennen sollten.

„Nun, ähm …", begann Hermione.

„Genieße den Rest deines Abends", sagte Severus in dem freundlichsten Ton, den sie bisher von ihm gehört hatte.

Auf unerklärliche Weise fühlte sich ihr Herz an, als würde es einen Schlag aussetzen. Was war nur los mit ihr? Es muss der Schock gewesen sein, dass er so ... nett klang. Einen Tonfall, den sie ganz sicher noch nie von ihm gehört hatte.

Sie spürte, wie sich Wärme um ihr Gesicht legte und eine leichte Röte auf ihre Wangen stieg.

„Ja. Und du auch."

Severus trödelte noch eine Sekunde, sah aus, als wolle er noch etwas sagen, dann drehte er sich schnell um und eilte den Flur hinunter. Als Hermione ihm nachsah, stand sie da und war zunehmend verwirrt von den seltsamen Reaktionen, die er in ihr hervorzurufen schien.

Das Gefühl der Verwirrung verließ sie schnell und wurde durch pure Irritation beim Klang der Stimme ersetzt, die laut von hinten zu ihr sprach.

„Merlins perlweiße Unterhosen! Devereux?! Was zum Teufel hast du mit Snape gemacht?" fragte Sirius angewidert.

Hermione kniff sich in den Nasenrücken, als sie sich langsam zu ihm umdrehte.

Sirius stand in der Mitte des Flurs und blickte an ihr vorbei auf Severus. Seine Augen waren groß, als er näher kam.

„Hausaufgaben", antwortete Hermione knapp und schürzte die Lippen. „Du weißt schon, diese Aufgaben, die die ProfessorInnen abends von uns verlangen? Das sind dieselben, die du zu Beginn jeder Stunde hastig aufschreibst."

Hermione hatte einmal gehört, dass James und Sirius zwei der klügsten Schüler ihres Jahrgangs waren. Aber nach dem, was sie bisher gesehen hatte, war sie sich nicht ganz sicher, wie sie diesen Ruf erlangt hatten. Sie war sich nicht einmal sicher, wie sie ihre Arbeit überhaupt fertig bekamen. Sie sah sie nur selten in der Bibliothek, und wenn, dann waren sie nie am Arbeiten. Fast immer sah sie die beiden durch die Gänge schlendern, herumblödeln oder sich mit den Slytherins anlegen.

Sirius stieß ein lautes Lachen aus. „Psch! Das Leben ist zu kurz, um sich nachts um Hausaufgaben zu kümmern, Devereux."

Hermione spottete über Sirius' Worte und begann, von ihm wegzugehen. Sirius rannte, um sie einzuholen.

„Aber im Ernst. Warum Snape?"

Hermione ignorierte ihn und hoffte, er würde sie in Ruhe lassen, wenn sie sich weigerte, mit ihm zu sprechen. Sie hatte eine Rolle zu spielen, solange sie dort war, und dazu gehörte jetzt auch, so zu tun, als ob sie Sirius Black nicht mochte.

Sirius schien sich von Hermiones kalter Schulter nicht abschrecken zu lassen.

„Lernst du nicht normalerweise mit Remus und Bones? Ich dachte, du hättest einen guten Geschmack", plapperte er weiter.

Hermione antwortete nicht, sondern schnaubte nur verärgert.

„Er ist ein Volltrottel, Devereux. Frag Lily Evans, die haben immer - "

Hermione war an ihrem Limit, sie ging von so zu tun, als würde sie Sirius nicht mögen dazu über, in diesem Moment ehrlich so zu fühlen. Sie blieb plötzlich stehen und drehte sich zu ihm um.

„Das reicht, Black!" rief sie.

Sirius sah verletzt aus, seine Lippe schob sich zu einem kleinen Schmollmund vor.

„Aber -"

„Nein. Du hast kein Recht, mir zu sagen, mit wem ich befreundet sein kann und mit wem nicht, denn", zischte sie. „Wir. Sind. Keine. Freunde!"

Natürlich trug Hermione ein wenig zu dick auf. Nicht, dass sie seine Belästigung nicht als nervig empfunden hätte, aber unter normalen Umständen wäre sie sicher nicht so grausam gewesen.

Und dann stürmte sie davon und ließ einen verwirrten Sirius zurück.

Zuerst hatte sie gar nicht bemerkt, dass während dieses Austauschs ein kleines Publikum anwesend war. Aber als sie den Gang hinunterblickte, sah sie Severus um die Ecke lugen. Der zufriedene Blick in seinen Augen war selbst aus der Entfernung zwischen ihnen beiden erkennbar. Dann war Severus fast wie vom Erdboden verschluckt und verschwunden.

14. Oktober 1976

Langsam begannen sich die Dinge zwischen Hermione und Severus zu ändern. Am Montag nickte Severus ihr zu, wenn sie auf den Gängen aneinander vorbeigingen, und grüßte sie sogar in den Stunden, die sie gemeinsam besuchten. Die wenigen Male, die sie ihn in der Großen Halle anschaute, hatte er ihr keine bösen Blicke zugeworfen.

Amelia schien zu bemerken, dass Hermione während des Mittagessens auf Snape fixiert war.

„Hermione", flüsterte sie, als Hermione zum dritten Mal zum Slytherin-Tisch blickte.

„Hmm?" antwortete sie abgelenkt.

Sie war damit beschäftigt, Severus' lange Finger anzustarren, die anmutig einen Federkiel hielten, mit dem er auf die Ränder seines Zaubertränkebuchs schrieb. Das war etwas, was er sehr oft machte.

„Du starrst schon wieder", sagte Amelia unnötigerweise.

Hermione war sich sehr wohl bewusst, was sie da tat, aber es gefiel ihr trotzdem nicht, dass sie erwischt worden war. Sie schaute schnell weg und begann, das Essen auf ihrem Teller mit der Gabel herumzuschieben.

Danach musste Hermione sich sehr anstrengen, um nicht zu dem Jungen hinüberzusehen, der sie mehr faszinierte als jeder andere, den sie bisher getroffen hatte.

Später, um acht Uhr abends, traf sie Severus wieder in der Bibliothek. Keiner von ihnen sprach darüber, worüber Hermione wusste, was Severus am Abend zuvor zwischen ihr und Sirius gesehen hatte. Aber etwas hatte sich zwischen ihnen geändert, das war offensichtlich.

Severus und Professor Snape wurden in ihren Gedanken immer mehr voneinander getrennt. Sie betrachtete die beiden als zwei verschiedene Menschen. Der eine war ein gemeiner, verschrobener Lehrer, der sie und ihre FreundInnen während ihrer gesamten Schulzeit in Hogwarts unerbittlich schikanierte. Aber auch ein Mann, der ein Held geworden war. Severus hingegen war ein Gleichaltriger und ein Ebenbürtiger. Ein Junge, über den Hermione mehr und mehr alles wissen wollte. Irgendetwas an ihm hatte begonnen, etwas in ihr zu erregen, das sie noch nie in ihrem Leben gespürt hatte, und das machte ihr Angst.

Sie bewunderte die Art und Weise, wie selbstbewusst er sprach, wenn sie über ihren Unterricht redeten, und wie das leidenschaftlichste Funkeln in seinen Augen auftauchte, wenn er über die Theorien hinter verschiedenen Zaubersprüchen oder Tränken sprach. Es gefiel ihr, dass er genauso entschlossen zu sein schien wie sie selbst, Antworten auf Fragen zu finden, die andere nicht einmal zu stellen wagten. Sie war fasziniert von der Art und Weise, wie er sich nicht scheute, sie herauszufordern oder sie dazu zu bringen, ihr Wissen bis an die Grenzen zu erweitern. Er war einer der brillantesten und faszinierendsten Menschen, den sie je kennen gelernt hatte.

Die nächsten Tage verliefen ziemlich genau so. Er hatte sogar angefangen, nach Zaubertränke auf sie zu warten, wo sie gemeinsam zum Flur im ersten Stock gingen, bevor sie getrennte Wege gingen. Sie sprachen nicht viel miteinander. Severus machte ihr manchmal ein kleines Kompliment über eine beeindruckende Technik, die sie entweder in Zaubertränke oder vor allem in Verteidigung gegen die Dunklen Künste angewandt hatte.

Severus hatte Hermione am Mittwochnachmittag angenehm überrascht, als er eine Bemerkung über ihre, wie er es ausdrückte, „beeindruckende Zauberstabarbeit" machte.

Hermione errötete und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln, während sie wieder diese lästigen Schmetterlinge in ihrem Bauch spürte. Zu Hermiones Erstaunen verzogen sich Severus' Lippen ein klein wenig und der kleinste Hauch von Rot füllte seine Wangen.

Eine Sache, die ihr im Laufe der Woche aufgefallen war, waren die offensichtlichen Blicke, die ihr und Severus von den meisten SchülerInnen zugeworfen wurden. Natürlich verstand sie, warum. Sie war diese neue, brillante, wenn auch stille Schülerin, die sich erst mit einem Mitglied der berüchtigten Herumtreiber und Amelia Bones angefreundet hatte. Dann plötzlich verbrachte sie ihre Zeit mit der Person, die das Lieblingsziel der Herumtreiber war. Ein Einzelgänger aus Slytherin, von dem das Gerücht umging, er sei in die Dunklen Künste vertieft und vernarrt in sie. Sie nahm an, dass die meisten SchülerInnen sich fragten, ob Hermione selbst eine dieser Blutpuristen, zukünftige Todesserin, war. Der Gedanke, dass die muggelstämmige Hermione eine Todesserin war, brachte sie fast zum Lachen.

Am Donnerstagabend setzten Hermione und Severus ihre Woche fort, in der sie gemeinsam in der Bibliothek ihre Hausaufgaben machten. Sie waren noch keine Stunde dort, als ein kleiner, maushaariger Gryffindor aus dem dritten Jahr zu ihrem Tisch trottete.

„Hermione Devereux?" fragte er zögernd.

Hermione sah von ihrer Arbeit auf und schenkte dem nervösen kleinen Jungen ein warmes Lächeln.

„Ja, das bin ich."

Mit leicht zittriger Hand gab er ihr ein zusammengefaltetes Stück Pergament.

„Professor Dumbledore hat mich gebeten, dir das zu geben."

Hermione nahm dem Jungen den Zettel ab und bedankte sich bei ihm. Severus, so bemerkte sie, warf dem armen Jungen einen düsteren Blick zu. Der Gryffindor zitterte und huschte schnell von den beiden älteren SchülerInnen weg.

„Was will Professor Dumbledore?" fragte Severus und beäugte das Papier neugierig.

Hermione zuckte mit den Schultern. „Bin mir nicht sicher. Wahrscheinlich will er nur nach mir sehen und wissen, wie es mir geht?" antwortete sie unsicher.

Hermione,

Ich hatte gehofft, dass du heute Abend in mein Büro kommen

würdest, da ich einige Fragen mit dir besprechen möchte.

Wenn du bitte so freundlich wärst, komm bitte bis spätestens

neun Uhr in mein Büro.

Kürbispasteten sind zu dieser Jahreszeit ganz wunderbar, nicht wahr?

Mit freundlichen Grüßen,

Onkel Albus

Nachdem sie die Notiz von Professor Dumbledore wieder zusammengefaltet hatte, begann Hermiones Herz zu rasen. Über welche Themen hatte er mit ihr sprechen wollen? Außerdem fühlte sie sich immer noch unwohl, wenn sie ihn als Onkel Albus bezeichnete, und als sie das dort geschrieben sah, bekam sie ein ungutes Gefühl im Magen.

Sie blickte auf und sah, dass Severus sie aufmerksam anstarrte, woraufhin sie ihr Gesicht schnell wieder in eine ruhige Miene verwandelte.

„Genau wie ich dachte", log sie. „Er will wissen, wie es mir geht."

Severus nickte. „Mmm", grunzte er und schrieb wieder auf sein Papier.

Hermione sah auf ihre Uhr. Es war zehn Minuten vor neun, was bedeutete, dass sie gehen musste, wenn sie nicht riskieren wollte, zu spät zu kommen. Sie begann, ihre Sachen zusammenzupacken.

„Er will dich jetzt sehen?" fragte Severus.

Sie hatte nicht bemerkt, dass er sie dabei beobachtete, wie sie ihre Sachen zusammensuchte, und es war irgendwie süß, dass er die Stirn runzelte.

„Ja. Er will, dass ich um neun in seinem Büro bin, was bedeutet, dass ich genau zehn Minuten habe, um dorthin zu kommen", sagte sie traurig.

Sie konnte sich nicht selbst belügen, ein großer Teil von ihr freute sich darüber, dass Severus unglücklich darüber war, sie gehen zu sehen. Ihr Herz fühlte sich an, als würde es einen Schlag aussetzen, als sie die Enttäuschung in seinen Augen sah. Eine Enttäuschung, die er nicht einmal zu verbergen schien.

„Richtig. Also... Morgen wieder?" fragte er mit einem Hauch von Unsicherheit in der Stimme.

Hermione lächelte. „Natürlich, Severus."

Mit einem kleinen Winken warf sie sich ihre Tasche über die Schulter und sagte gute Nacht, dann machte sie sich schnell auf den Weg aus der Bibliothek. Sie joggte fast den ganzen Weg zu Dumbledores Büro und kam außer Atem und ein wenig verschwitzt am Eingang an. Sie nuschelte das Passwort, Kürbispasteten, wie sie aufgrund der deplatzierten Zeile in seinem Brief vermutete, und machte sich auf den Weg die Wendeltreppe hinauf und klopfte leise an die große Holztür.

„Herein", rief Dumbledore.

Hermione betrat Dumbledores Büro und fand den Schulleiter, der sie höflich anlächelte, hinter seinem Schreibtisch sitzend vor.

„Bitte", er wies auf einen der Sessel vor seinem Schreibtisch. „Nehmen Sie Platz, Miss Granger."

Hermione setzte sich und blickte erwartungsvoll zu Professor Dumbledore. Er saß mit auf seinem Schreibtisch gefalteten Händen und hatte dieses vertraute Funkeln in seinen klaren, blauen Augen.

Dumbledore hob eine kleine Schachtel von seinem Schreibtisch.

„Kakerlakenhaufen?" bot er an.

Hermione rümpfte die Nase, angewidert von dem Gedanken an diese Süßigkeit.

„Oh. Nein, danke, Sir."

Dumbledore stellte die Schachtel wieder ab und legte direkt los.

„Sie fragen sich sicher, warum Sie hier sind", sagte er freundlich.

Hermione nickte, „Ja, Sir."

Dumbledore öffnete eine Schublade und zog das Pergament heraus, das Hermione ihm bei ihrer Ankunft gegeben hatte.

„Ich möchte mit Ihnen besprechen, wie wir Ihre Rückkehr in Ihre ursprüngliche Zeitachse erreichen."

Hermiones Herz fühlte sich an, als hätte es ganz aufgehört zu schlagen.