xiii.
20. Oktober 1976
Hermione war nicht in Severus verliebt. Um Himmels willen, sie war auf keinen Fall in Severus Snape verliebt. Ganz gleich, wie sehr Amelia sie damit geneckt hatte, es stimmte einfach nicht. Ganz und gar nicht.
Als sie aus der Großen Halle herauskam und ihn an der Wand lehnen sah, ließ das kleine Grinsen, das sich bei ihrem Anblick auf seinem Gesicht bildete, ihr Herz stottern. Ihr Inneres wirbelte durcheinander, als sich ein breites Lächeln auf ihren Lippen ausbreitete. Sie hielt inne und kniff sich in den Nasenrücken. Amelia blieb neben ihr stehen und schnaubte.
„Willst du es immer noch leugnen?" flüsterte sie mit einem kleinen Lachen.
Hermione belog sich selbst, aber sie verengte trotzdem die Augen zu ihrer Freundin.
„Bitte, Amelia. Hör schon auf damit", schnauzte sie.
Töricht! Gefährlich! Sinnlos! Unpraktisch! Die Worte erklangen laut in ihrem Kopf und versuchten, sie auf dem Boden der Tatsachen zu halten.
Er schritt hocherhobenen Hauptes und mit einem noch selbstbewussteren Auftreten als sonst auf sie zu. Es schien, dass sie auch auf ihn eine große Wirkung hatte. Als sie sah, wie er den Abstand zwischen ihnen verringerte und dann wortlos nach ihren Büchern griff, wurde ihr Mund trocken.
Wie war das passiert? Wie hatte sie es zulassen können, einem solchen emotionalen Unsinn zu erliegen? Sie war Hermione Granger, um Himmels willen! Sie war nicht jemand, der sich von Schwärmereien oder was auch immer ablenken ließ, wenn es um Leben und Tod ging.
Ach ja? Lockhart, dein zweites Jahr. Klingelt's da bei dir? Der aufdringliche Gedanke schoss ihr durch den Kopf.
„Alles in Ordnung, Snape?" fragte Amelia fröhlich.
Hermione stieß sie fast mit dem Ellbogen an.
Er nickte Amelia knapp zu, aber wieder blieben seine Augen auf Hermione gerichtet. Sie spürte, wie ihre Wangen brannten.
„Dann lasse ich euch mal allein", sagte Amelia mit singender Stimme.
Hermiones Zauberstabhand zuckte. Sie wollte ihre beste Freundin nicht verhexen, aber Amelia machte es ihr furchtbar schwer.
„Wir sehen uns später, Amelia", sagte Hermione durch die Zähne, woraufhin Amelia laut lachte und wegging.
Als die beiden allein waren, zog Severus eine Augenbraue hoch.
„Worum ging es da?" fragte er.
Hermione spürte, wie ihr Gesicht noch stärker errötete.
„Keine Ahnung", log sie. „Bereit für den Unterricht?"
Ein verschmitzter Blick blitzte in Severus' Augen auf und ein echtes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Hermione spürte, wie ihr der Atem stockte, als sie seinen Gesichtsausdruck sah. Er sah so jung und sorglos aus! Diese Seite hatte sie noch nie an ihm gesehen, und mit einem weiteren Schlag in die Magengrube stellte sie fest, dass sie ihr wirklich gefiel.
„Ich habe mir überlegt, natürlich nur wenn du dazu bereit bist, dass wir vielleicht... den Tag frei nehmen?"
Er sah in diesem Moment so hoffnungsvoll und aufgeregt aus. So sehr sich Hermione auch gegen die Idee sträubte, den Unterricht zu schwänzen, so sehr zerrte der ängstliche Gesichtsausdruck von Severus an ihren Gefühlen und machte es ihr fast unmöglich, nein zu sagen. Wie hätte sie ihm ein bisschen Glück verwehren können, wenn sie wusste, wie schwer es für ihn war, es zu bekommen?
Sie schwieg so lange und überlegte innerlich, was sie tun sollte, dass Severus annehmen musste, sie wolle ihn abweisen. Seine Lippen verzogen sich zu einem Runzeln und Traurigkeit trübte langsam seine Augen.
„Ich kann verstehen, wenn du nicht willst…"
Hermione brachte ihn zum Schweigen. „Sei nicht albern, Severus." Sie sah sich um, um sicherzustellen, dass niemand in der Nähe war. „Lass uns gehen."
Erneut erhellte sich sein Gesicht. Das war so ungewohnt für sie, dass sie sich ein kleines Kichern nicht verkneifen konnte. Hermione hatte ihr sechstes Jahr bereits hinter sich, was konnte es also schaden, einen Vormittag den Unterricht zu verpassen?
„Ja?" fragte er sehnlich.
Hermione nickte, dann ließ sie sich von ihm durch die Eingangshalle und auf das Gelände führen.
Es war ein kühler Oktobertag, der Wind war frisch und stark, so dass Hermione Strähnen aus ihrem Haar ins Gesicht fielen. Es war klar, dass der Winter im Anmarsch war. Fröstelnd wickelte sie ihren Umhang fest um sich und steckte dann die Hände in die Taschen.
Severus hob seinen Zauberstab und sprach auf jeden von ihnen einen Erwärmungszauber. Die Wirkung des Zaubers trat sofort ein, es fühlte sich an, als hätte sie gerade eine Thermoskanne mit heißer Suppe getrunken, so wie sich die Wärme langsam in ihrem Körper ausbreitete. Sie war dankbar, aber auch leicht irritiert. Sie war monatelang auf der Flucht gewesen und hatte genau denselben Zauber benutzt. Warum hatte sie nicht daran gedacht?
Ihre wachsenden Gefühle für Severus begannen zu einer Ablenkung zu werden, und das konnte sie sich nicht leisten.
Trotzdem schenkte sie ihm ein strahlendes Lächeln.
„Vielen Dank dafür."
Severus winkte ihren Dank ab und griff nach ihrer Schultasche. Er tippte mit seinem Zauberstab darauf und Hermione sah zu, wie sie auf die Größe einer Stecknadel schrumpfte.
„Du brauchst das nicht als Belastung. Steck sie für jetzt in deine Jackentasche", wies er sie an, während er sie ihr in die Hand drückte.
Sie war sich nicht sicher, ob er es absichtlich getan hatte oder nicht, aber er ließ seine Finger einen Moment lang auf ihrer Handfläche verweilen. Seine Augen waren unsicher und sie glaubte, einen Hauch von Rot auf seinen Wangen zu sehen.
Als sie ihre Hand wegnahm und die verzauberte Tasche in ihre Robe steckte, räusperte sich Severus.
„Ich dachte, du würdest mich gerne an einen Ort begleiten, den ich oft besuche. Normalerweise, um allein zu sein."
Es war nicht wirklich eine Frage, aber der Tonfall in seiner Stimme verriet, dass er ihr immer noch die Möglichkeit gab, ihm abzusagen, wenn sie das wollte. Nach allen logischen Überlegungen hätte sie das tun sollen. Sie hätte ihre Begegnungen auf einigermaßen öffentliche Orte beschränken sollen, wo sie sich nicht dem Risiko ausgesetzt hätte, noch tiefer in das zu fallen, was ihre Gefühle für ihn wurden. Aber als sie in seine hoffnungsvollen Augen blickte, zögerte sie. Sie war schließlich auch nur ein Mensch.
„Das klingt wunderbar, Severus."
Ihr Herz schmolz dahin, als sie bemerkte, wie sich seine Lippen nach oben zogen, als sie seinen Namen sagte, und wie seine sonst so dunklen Augen strahlten, als sie zustimmte, ihn zu begleiten.
Severus joggte mehr oder weniger in Richtung Großer See, und Hermione musste sich ganz schön anstrengen, um mitzuhalten.
„Severus!" schrie sie. „M – mach langsam! Meine Beine sind nicht so lang wie deine!"
Zum Glück hielt er an und wartete, bis sie aufgeholt hatte.
„Tut mir leid", murmelte er.
Hermione kam neben ihm an und umklammerte das Stechen, das sich in ihrer Seite gebildet hatte. Sie brauchte einen Moment, um zu Atem zu kommen, und richtete sich dann auf.
„Wohin gehen wir?"
Sie gingen viel weiter, als die meisten SchülerInnen an einem Schultag bei einem lockeren Spaziergang um das Schloss herum zu gehen pflegten. Hätte sie es nicht besser gewusst, hätte sie gedacht, er würde sie zum Bootshaus bringen.
Severus schüttelte den Kopf.
„Auf keinen Fall. Ich will die Überraschung nicht verderben."
Dann begann er wieder zu gehen, während Hermione hinter ihm herlief
Das Innere ihrer Brust flatterte, als sie sah, wie aufgeregt Severus zu sein schien. Sie hatte ihn noch nie so... glücklich gesehen, weder als er erwachsen war, noch als sie ihn als Teenager gekannt hatte.
Wie sie vermutet hatte, blieben sie und Severus stehen, als sie das Bootshaus erreichten. Severus schaute über beide Schultern und schien zu prüfen, ob jemand in der Nähe war, bevor er sie am Handgelenk packte und ins Haus führte.
„Was machst du da?" zischte Hermione. „Dafür könnten wir von der Schule fliegen, weißt du!"
Ein leises Glucksen kam von Severus.
„Mach dir keine Sorgen, Hermione. Wir machen – ich meine, ich mache das schon seit dem dritten Jahr."
Wir, fragte sie sich? Sie runzelte die Stirn. Hatte er die Jungs gemeint, mit denen sie ihn gelegentlich gesehen hatte? Nein, sie hatte das Gefühl, dass er sie nicht gemeint hatte. Er schien sie nicht besonders zu mögen, also konnte sie sich nicht vorstellen, dass er sie irgendwohin mitnahm, wohin er sich gerne schlich.
Dann erinnerte sie sich.
Lily, so nahm sie an, war diejenige, auf die er sich gerade mit seinem Versprecher bezogen hatte. Aus irgendeinem Grund bildete sich eine kleine Blase der Eifersucht in der Mitte ihrer Brust.
„Oh. Also gut."
Hermione lehnte sich mit verschränkten Armen zurück, während Severus eines der kleinen Boote losband, in denen sie einst in ihrer ersten Nacht nach Hogwarts gereist war. Sie sah sich in der kleinen Hütte um, die sie zum ersten Mal bei Tageslicht sah. Spinnweben hingen von der Decke, das Holz war an den meisten Stellen verzogen, was sie auf die Feuchtigkeit zurückführte, die in der Luft lag. Die Fenster waren beschlagen, so dass es fast unmöglich war, etwas zu sehen, und der muffige Geruch war so stark, dass es ihr den Magen umdrehte.
Sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Severus zu, der leise stöhnte, als er die Seile löste, mit denen das Boot am Steg festgemacht war. Bei der ganzen Bewegung klatschte etwas Wasser hoch und traf ihn im Gesicht, sodass er auf der Stelle erstarrte. Hermione schwieg einen Herzschlag lang und begann dann hysterisch zu lachen. Der überraschte Gesichtsausdruck von Severus, dessen Haare nun klatschnass waren, war mit das Lustigste, das sie je gesehen hatte.
Als er sich mit seinem Umhang abtrocknete, hörte Hermione ihn murmeln: „Har, har. Sehr lustig", bevor er nach unten griff und sie anspritzte.
Sie quietschte, denn das Wasser war eiskalt. Ihr Mund klappte vor lauter Schock über das, was er gerade getan hatte, komisch auf. Langsam hob sie ihren Zauberstab und pirschte sich an ihn heran, ein spielerisches Lächeln auf den Lippen.
„Das hättest du wirklich nicht tun sollen", drohte sie.
Severus versuchte, seine Belustigung zu verbergen, und entschied sich stattdessen für eine übertriebene Entschuldigung. Es fiel ihr leicht, zu lachen und sich mit ihm zu amüsieren, womit sie ganz sicher nicht gerechnet hatte. Wer war diese Person, fragte sie sich? Er begann, einige seiner Mauern fallen zu lassen, und je mehr er das tat, desto mehr gefiel ihr, was sie sah.
„So furchteinflößend du auch bist, ich denke, es ist besser, wenn wir losfahren", sagte Severus und deutete auf das Boot, das er losband.
Hermione sprach einen schnellen Trocknungszauber auf sich selbst und nickte, dann verstaute sie ihren Zauberstab wieder in ihrer Tasche.
Severus kletterte als Erster in das Boot, während Hermione nervös am Rande des Stegs stand. Sie hatte keine Ahnung, wohin er sie bringen wollte oder warum sie ein Boot brauchten, um dorthin zu gelangen. Und was, wenn sie erwischt würden? Sie war sich sicher, dass Dumbledore nicht erfreut darüber wäre, dass sie die Regeln brach und unnötige Risiken einging, aufgrund der Natur ihrer Existenz in dieser Zeit. Aber als sie sah, wie Severus seine Hand ausstreckte, um ihr ins Boot zu helfen, und wie sich eine kleine Falte zwischen seinen Augen bildete, fast so, als ob er darauf wartete, dass sie ihre Meinung änderte, waren alle ihre Zweifel wie verschwunden, und sie legte ihre Hand in seine.
Während sie über den See fuhren, schien Severus fast vor Aufregung zu surren. Es war wieder so ungewöhnlich, diesen Teenager, den sie als unglücklichen und manchmal geradezu gemeinen Mann kennen gelernt hatte, so jung und normal erscheinen zu sehen. Selbst die jüngere Version, die sie zum ersten Mal getroffen hatte, war völlig anders als der Junge, der ihr in diesem Moment gegenüber saß. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Worüber denkst du nach?" fragte Severus.
Hermione schüttelte den Kopf. Sie konnte ihm kaum sagen, welche Gedanken ihr gerade durch den Kopf gegangen waren.
„Nichts, wirklich. Ich genieße nur die Fahrt", log sie.
Er zog eine Augenbraue hoch, da er ihr offenbar nicht glaubte, aber er ging nicht weiter darauf ein.
Auf der Fahrt über den See herrschte ein gegenseitiges, aber angenehmes Schweigen. Jeder war in seine eigenen Gedanken versunken. Hermione war immer noch sehr neugierig, wohin sie fahren würden. Plötzlich sah Hermione in der Ferne ein kleines Stück Land und vermutete, dass sie dorthin fuhren.
„Fahren wir dorthin?" fragte sie und zeigte auf die kleine Insel.
Severus nickte, führte es aber nicht näher aus.
In kürzester Zeit prallte das Boot gegen das Ufer, wodurch Hermione nach vorne geschleudert wurde und fast auf Severus' Schoß landete. Ihre Gesichter waren nur wenige Zentimeter voneinander entfernt, und Hermione spürte eine Spannung, die stärker war als alles, was sie je zuvor erlebt hatte. Sie sah ihm in die Augen und spürte eine Gänsehaut am ganzen Körper. Sein Blick brannte sich mit einer infernalen Intensität in ihren. Hermione biss sich auf die Unterlippe und spürte, wie sie sich instinktiv nach vorne lehnte. Mit einem klärenden Kopfschütteln stoppte sie sich dann selbst und wich schnell von ihm zurück.
Das gehört sich nicht, schrie ihr Gewissen. Sie musste die Schwäche, die sie für Severus entwickelte, unterdrücken. Diese Ablenkung könnte sie möglicherweise beide das Leben kosten, wenn sie nicht vorsichtiger wäre.
„Also – ähm ... kommst du oft hierher?" fragte sie mit einer sandpapierartigen Stimme.
Das Runzeln auf Severus' Lippen, nachdem sie zurückgewichen war, blieb von Hermione nicht unbemerkt. Seine Enttäuschung und die Art und Weise, wie sich ihr der Magen umdrehte, machten die Sache für sie gewiss nicht einfacher.
„So oft ich kann", antwortete er.
Der leichte und spielerische Ton seiner Stimme war nun verschwunden. Er klang kälter.
Hermione stand auf und verlor fast das Gleichgewicht, als das Boot durch die plötzliche Bewegung ins Schwanken geriet. Sie stabilisierte sich und streckte dieses Mal ihre Hand aus.
„Wir bleiben doch nicht den ganzen Tag hier drin, oder? Zeig mir, was an diesem Ort so besonders ist", stichelte sie.
Er blickte einen Moment lang auf ihre Hand. So wie er sie ansah, war es, als hätte er fast Angst, sie würde ihn beißen. Doch zu ihrer Freude hob er zaghaft seine Hand und legte seine langen Finger um ihre Handfläche, während sie versuchte, das fast elektrische Gefühl zu ignorieren, das seine Berührung auslöste. Hermione zog und half ihm hoch, und das Boot schaukelte noch mehr. Sie musste sich an der Bordwand festhalten, um nicht umzukippen.
„Lass uns aus diesem Ding aussteigen, bevor ich dich im See verliere", sagte Severus, während er die Augen verdrehte und ein kurzes Lachen ausstieß.
Gemeinsam kletterten sie ans Ufer, und in dem Moment, als ihre Füße den Boden berührten, ließ sie seine Hand los. Es war ein kleines Stück Land, nicht größer als ein Quidditch- Spielfeld. Überall auf der Insel wuchsen sporadisch Weidenbäume, und das Gras reichte ihr bis zu den Knöcheln. Es war offensichtlich, dass dieser Ort nur selten, wenn überhaupt, besucht wurde. Und doch hatte der Ort etwas Charmantes an sich. Es war fast so, als wären sie in ihrer eigenen Welt, nicht nur völlig getrennt von Hogwarts, sondern auch vom Rest der Zauberergemeinschaft und vor allem von dem sich entwickelnden Krieg, der sich außerhalb der Schlossmauern abspielte.
„Es ist wunderschön hier", flüsterte Hermione.
Severus legte ihr beide Hände auf die Schultern und grinste sie an.
„Den besten Teil hast du noch nicht gesehen."
Hermione versteifte sich.
Er übte leichten Druck aus und drehte sie sanft mit dem Rücken zum See. Hermione sog scharf den Atem ein. Die Aussicht war die schönste, die sie je gesehen hatte.
Hogwarts lag in der Ferne, seine Silhouette beherrschte den größten Teil des Raums vor ihr. Die Berge hinter dem Schloss schienen sich bis in alle Ewigkeit zu erstrecken, und der Große See sah aus, als wäre er mit einem Schimmerzauber belegt worden. Über ihnen flogen zwei Vögel durch die Luft, und zur Abwechslung füllten weiße Schäfchenwolken den Himmel. Die Szene vor ihr sah eher wie ein Gemälde aus als etwas, das es im wirklichen Leben geben könnte. Es kam ihr fast so vor, als würde sie Hogwarts wieder zum ersten Mal sehen.
„Severus... das ist – das ist das Wunderbarste, das ich je gesehen habe. Es ist wirklich magisch", sagte sie mit einer Stimme, die so sanft war wie der Wind, der um sie herum wehte.
Bis sie das Schweigen gebrochen hatte, war ihr nicht aufgefallen, dass Severus immer noch seine Hände auf ihre Schultern gelegt hatte. Die Berührung ließ sie leicht erschaudern, und dann noch einmal, als sein Atem ihr Ohr kitzelte, während er mit ihr sprach.
„Ich dachte, du würdest das zu schätzen wissen."
Hermione war sprachlos. Nie hätte sie sich vorstellen können, dass Severus Snape an einen Ort wie diesen kommen würde. Er erschien ihr immer als jemand, der sich lieber an einem dunklen und ruhigen Ort versteckte, wie zum Beispiel in den Kerkern des Schlosses oder, wie sie es oft getan hatten, in der Bibliothek. Sie sah mehr und mehr eine ganz andere Seite an ihm, eine, die es ihr fast unmöglich machte, ihre Gefühle für ihn zu verleugnen.
Ganz behutsam, um ihn nicht zu kränken, löste sie sich aus seinem Griff und tat so, als wolle sie einen Spaziergang machen, um mehr von seinem geheimen Ort zu sehen, den er mit ihr teilen wollte.
„Wie hast du das gefunden?" fragte sie, während ihre Hand sanft die Blätter der Trauerweide streifte, unter der sie stand.
Es war so weit von der Schule entfernt, dass sie es noch nie bemerkt hatte, nicht ein einziges Mal während ihrer gesamten Zeit in Hogwarts.
Als sie sich umdrehte, zog ein dunkler Schatten über Severus' Gesicht. Er atmete laut aus und ließ sich auf den Boden sinken, wo er sich mit ausgestreckten Beinen hinsetzte. Hermione zögerte einen Moment, dann setzte sie sich zu ihm und schlug die Beine zur Seite, als sie sich setzte.
„Ein unangenehmes Ereignis, das sich in eine glückliche Überraschung verwandelte", sagte er ihr mit stählerner Stimme.
Hermiones Interesse war geweckt. Sie neigte ihren Kopf zur Seite und wartete darauf, dass er es näher ausführte.
Severus blickte über ihre Schulter zurück zur Schule, während sie beobachtete, wie sich sein Gesichtsausdruck in einen finsteren Ausdruck verwandelte.
„Ich bin mir sicher, du hast meine... Beziehung zu Potter und seiner lustigen Bande von Idioten bemerkt", erklärte er.
„Ähm... ja", antwortete Hermione, denn sie wusste, dass diese Geschichte, wenn sie etwas mit diesen Jungen zu tun hatte, keine besonders glückliche Erinnerung für Severus sein würde.
„Während unseres dritten Jahres – es war unser erster Ausflug nach Hogsmeade – war ich das glückliche Objekt eines weiteren ihrer lächerlichen Streiche."
Das höhnische Grinsen, das so typisch für Severus war, kehrte zu ihm zurück und ließ ihn viel mehr wie die ältere Version seiner selbst aussehen, als den neckischen und fast fröhlichen Teenager, mit dem sie Minuten zuvor zusammen war.
„Natürlich war ich aufgeregt, das Dorf zu besuchen. Das waren wir alle. Aber auf dem Weg nach unten hatte ich das Glück, ihnen zu begegnen. Natürlich stürzten sie sich auf mich, wie sie es zu tun pflegen. Es ist ja nicht so, dass einer dieser Feiglinge mir allein gegenübertreten würde. Sie müssen sich immer zusammentun, wie ein erbärmliches kleines Rudel tollwütiger Hunde."
Hermione konnte nicht umhin, in diesem Moment einen kleinen Anflug von Abneigung gegen James, Sirius und Remus zu verspüren. Peter hatte sie bereits verachtet, also hatte sich ihre Meinung über diesen Mann nicht geändert. Aber Severus dabei zuzusehen, wie er sich daran erinnerte, dass er so in der Unterzahl war, obwohl sie es selbst gesehen hatte, brachte sie dazu, zurück in die Schule gehen zu wollen und die drei zu verfluchen. Vielleicht würde sie das nächste Mal, wenn sie zusammen waren, ein kleines Gespräch mit Remus führen.
Severus fuhr mit seiner Geschichte fort und riss Hermione aus ihren Gedanken.
„Sie fanden mich allein auf dem Weg zu einem Freund und dachten, es wäre ein guter Witz, mich bewegungsunfähig zu machen. Wir waren in der Nähe des Bootshauses, und Potter schlug vor, mich in ein Boot zu packen und es freizulassen."
Hermione atmete scharf ein. Was für eine schreckliche Sache, jemandem so etwas anzutun, dachte sie. Es war kein Wunder, dass er sie alle so sehr hasste.
„Oh Severus", flüsterte sie und legte ihre Hand auf seine Wade.
Seine Augen weiteten sich ein wenig, als sie das getan hatte, aber sehr schnell verfinsterte sich sein Blick wieder.
„Wie du dir wahrscheinlich denken kannst, haben sie ihren Plan weiterverfolgt. Da war ich nun dreizehn Jahre alt, erstarrt und trieb weiß Gott wo über den See."
Sie nahm an, dass er irgendwann auf der Insel angekommen sein musste, aber eine Sache konnte sie sich nicht erklären.
„Wie in aller Welt hast du es geschafft, zurückzukommen?" fragte sie.
„Dumbledore."
Natürlich, dachte sie.
„Als alle SchülerInnen aus Hogsmeade zurückkehrten, wurde der Schulleiter darauf aufmerksam gemacht, dass ich den ganzen Tag nicht gesehen worden war. Die Person, die zu Dumbledore ging, vermutete oder wusste auch, wer hinter meinem Verschwinden steckte."
Severus begann, Grashalme aus dem Boden zu reißen. Er sah so verletzt aus, dass Hermione gegen den Drang ankämpfte, ihn in den Arm zu nehmen und ihm zu sagen, dass er jetzt sie hatte und dass sich niemand mehr mit ihm anlegen würde, solange sie in der Nähe war.
„Sechs Stunden saß ich in diesem Boot fest. Aber als Dumbledore endlich kam und den Fluch aufhob, sah ich das hier." Er gestikulierte rund um das Land, auf dem sie saßen, und in Richtung der Aussicht auf die Schule und die Berge. „Ich wusste, dass dies der perfekte Ort war, um dorthin zu fliehen, wenn ich ihn brauchte."
Sie schaute sich kurz um und fand, dass sie ihm zustimmte. Niemand würde dort jemals jemanden finden, nicht wenn er nicht gefunden werden wollte.
„Was ist mit Potter und seinen Freunden passiert?" fragte Hermione.
Severus lächelte sie sarkastisch an. „Nachsitzen. Nur einmal." Er warf die Handvoll Gras, die er gerade abgezupft hatte, zurück auf den Boden. „Man hätte sie rausschmeißen sollen", brummte er.
Hermione fühlte sich schrecklich für ihn.
„Das ist alles? Einmal Nachsitzen? Aber Severus, du hättest ernsthaft verletzt werden können! Was, wenn das Boot gekentert wäre? Du hättest getötet werden können!" Sie spürte, wie ihr Gesicht vor Zorn errötete.
„Der alte – ähm ... dein Onkel scheint eine kleine Schwäche für die schwachsinnige Vierergruppe zu haben", sagte er mit zusammengebissenen Zähnen. „So wie die halbe Schule – einschließlich des Personals."
Sie begann zu begreifen, wie Severus so unglücklich und verbittert geworden war. Offensichtlich hatte er sich während seiner Schulzeit allein und schlecht behandelt gefühlt. Sogar von seinen ProfessorInnen, die eigentlich neutral bleiben und niemanden bevorzugen sollten. Aber selbst sie konnte nicht leugnen, dass sie, Ron und Harry aus eigener Erfahrung diejenigen waren, die von Professor Dumbledore immer einen Freifahrtschein zu bekommen schienen. Wenn sie ehrlich zu sich selbst war, gab es zu viele Gelegenheiten, bei denen sie und ihre Freunde von der Schule hätten verwiesen werden müssen.
„Es tut mir so leid, Severus", flüsterte sie.
Er riss den Kopf hoch und sah sie an, immer noch mit Wut in den Augen.
„Ich brauche kein Mitleid", schnauzte er.
Hermione seufzte.
„Ja, das weiß ich. Und ich bemitleide dich nicht. Es tut mir wirklich leid, was dir passiert ist. Niemand hat das verdient."
Severus zuckte mit den Schultern, fast so, als wollte er ihr sagen, dass es keine große Sache sei.
„Ich bin daran gewöhnt."
„Nun... das solltest du nicht sein", sagte sie ihm.
Sie saßen ein paar Minuten lang schweigend zusammen. Hermione versuchte, einen Weg zu finden, das Thema zu wechseln, über etwas zu reden, das ihn aus seiner mürrischen Stimmung herausholen würde.
Dann fiel ihr etwas ein.
„Severus?"
Er schaute wieder zu Hermione und hob den Kopf, als ob er leise fragte ‚Was?'
„Hast du vor, Slughorns Halloween-Party zu besuchen?"
Severus war ein weiteres Mitglied des exklusiven Slug-Clubs, und bei ihrem letzten Treffen waren sie alle über die Party des Professors informiert worden, die er für sie zu veranstalten gedachte und an der, wie er es ausdrückte, ‚einige der wichtigsten und einflussreichsten Hexen und Zauberer Großbritanniens' teilnehmen würden. Hermione verdrehte bei diesem Gedanken die Augen.
„Muss ich irgendwie, wenn man bedenkt, dass ich zu diesem lächerlichen Club gehöre und er mein Hausleiter ist", antwortete er und beäugte sie dann misstrauisch. „Warum?"
„Ich bin nur neugierig", sagte sie achselzuckend.
Nachdem sie geantwortet hatte, senkte Severus seinen Blick auf den Boden. Er begann, an der Manschette seines Ärmels zu ziehen und räusperte sich.
„Hermione?" seine Stimme brach ein wenig. „Willst – ähm .. ich meine, willst du vielleicht, äh... willst du mit mir gehen?" murmelte er, ohne sie dabei anzusehen.
„Wie auf ein Date?" Ihre Stimme stieg panisch um eine Oktave an.
So sehr ihr Herz auch flatterte und so sehr die Vorstellung, dass er sie um ein Date bat, ihren Puls in die Höhe trieb, musste sie sich daran erinnern, dass das nicht der Grund für ihre Anwesenheit war. Wenn sie Gefühle für Severus hatte, war das eine Sache. Das war etwas, das sie wegstecken und bewältigen konnte. Aber wenn er anfing, auch Gefühle für sie zu haben ... das war ein Chaos, das nicht passieren sollte.
Offensichtlich hat er ihren Tonfall bemerkt und wich aus.
„Nein, natürlich nicht", sagte er eilig. „Es sei denn, du willst es so."
Hermione musste das sofort im Keim ersticken.
„Severus, ich denke, es wäre das Beste, wenn wir als Freunde gehen", betonte sie.
Als er wieder zu ihr aufblickte, zerriss es ihr das Herz, als sie das angestrengte Lächeln sah, das er ihr schenkte.
„Ja, natürlich. Freunde", stimmte er mit einer monotonen Stimme zu.
Die Enttäuschung war deutlich auf seinem Gesicht zu sehen, und Hermione wusste, dass es nicht das erste Mal war, dass Severus diese als Freunde Antwort in seinem Leben gehört hatte. Sie hasste es, ihm das anzutun, aber sie hatte wirklich keine andere Wahl.
Nachdem die Unbehaglichkeit des Augenblicks verflogen war, kamen Hermione und Severus wieder in ein lockeres Gespräch. Severus begann, ihr Fragen über ihre Kindheit zu stellen und darüber, wie ihr Leben aussah, bevor sie nach Hogwarts gekommen war. Meistens versuchte sie, sich an die Wahrheit zu halten, wobei sie natürlich Details ausließ, die ihre wahre Identität verraten hätten. Aber im Großen und Ganzen war jede Geschichte über ihre Jugend, die sie ihm erzählte, wahr.
Hermione erfuhr ein wenig über Severus' Vergangenheit. Es gab einige Dinge, über die er beim Sprechen vage blieb, und einige Fragen, die er einfach nicht beantworten wollte. Sie erfuhr jedoch, dass er aus einem vernachlässigenden und an Missbrauch grenzenden Elternhaus stammte. Sein Vater war ein Muggel-Alkoholiker, und seine Mutter hatte schon vor Jahren aufgegeben und die Misshandlung nicht nur ihrer selbst, sondern auch ihres einzigen Sohnes kampflos hingenommen.
Ihr Herz schmerzte für Severus, und je mehr sie über ihn und seine Vergangenheit erfuhr, desto mehr begann sie die Entscheidungen zu verstehen, die er in seiner Zukunft treffen würde. Sie wünschte nur, es gäbe eine Möglichkeit, ihn von diesen Entscheidungen abzuhalten, aber sie wusste, dass sie dazu nicht in der Lage war. Die Realität dieser Tatsache brachte sie zum Erbrechen.
Gegen Mittag beschlossen Hermione und Severus, sich auf den Rückweg zum Schloss zu machen, da sie beide ziemlich hungrig geworden waren. Der Vormittag mit ihm war die meiste Zeit über angenehm gewesen. Nur die wenigen Momente, in denen sie auf schwierige oder schmerzhafte Themen gestoßen waren, waren ein wenig hart gewesen. Aber ansonsten lachte sie mit ihm und fühlte sich so unbeschwert wie seit vielen, vielen Monaten nicht mehr.
Als sie wieder im Schloss ankamen, erinnerte sich Severus daran, dass er noch etwas aus dem Slytherin-Gemeinschaftsraum holen musste, und sagte Hermione, dass er sich später mit ihr treffen würde. Ihre Wege trennten sich in der Eingangshalle und Hermione machte sich auf den Weg in die Große Halle zum Mittagessen.
Gerade als Severus um eine Ecke verschwand, hörte sie eine Mädchenstimme ihren Namen rufen. Als sie sich umdrehte, hatte sie das Gefühl, als wäre die ganze Farbe aus ihrem Gesicht gewichen.
Lily Evans stand allein und blickte den Flur hinunter, in dem Severus gerade gewesen war, und dann mit einem besorgten Gesichtsausdruck zurück zu Hermione. Als Hermione ihr langes rotes Haar, ihre makellose Haut und ihre atemberaubenden grünen Augen betrachtete, kam sie nicht umhin, Lily für außergewöhnlich schön zu halten. Damit könnte sie niemals konkurrieren, dachte sie sich.
„Ich hoffe, du hältst mich nicht für komplett verrückt, aber ich habe mich gefragt, ob ich mit dir sprechen kann", fragte sie.
Hermione wurde fast benommen.
„Ähm, natürlich, Lily. Womit kann ich dir helfen?"
Lily sah genauso unbehaglich aus, wie Hermione sich fühlte. Ihr Gesicht war knallrot und sie schien Schwierigkeiten zu haben, mit Hermione Augenkontakt herzustellen.
„Mir ist gerade aufgefallen, dass wir seit dem ersten Tag nicht mehr viel miteinander gesprochen haben. Wie ist das Semester bisher für dich gelaufen?"
Hermione hatte das Gefühl, dass das nicht der Grund war, warum Lily sie aufgehalten hatte, aber Hermione spielte mit. Sie setzte ein unschuldiges Lächeln auf und schlüpfte mühelos in die Rolle der Hermione Devereux zurück. Sie hatte nicht bemerkt, dass sie sich während ihres Vormittags mit Severus mehr wie Hermione Granger verhielt.
„Eigentlich ganz gut. Die Schularbeiten sind nicht so schwierig, wie ich befürchtet hatte, und alle, die ich kennengelernt habe, waren sehr nett", antwortete sie mit der schüchternen Stimme, die sie für ihre neue Rolle angenommen hatte.
Lily nickte und lächelte Hermione an. „Ich bin froh, das zu hören."
Das Traurige und Überraschende für Hermione war, dass Lily wirklich so klang, als würde sie sich freuen zu hören, dass Hermione sich gut einlebte. Dennoch blieb sie angespannt und wartete auf das Thema, von dem sie sicher war, dass Lily es ansprechen würde.
Hermione brauchte nicht lange zu warten.
„Verzeih mir bitte, wenn ich mich einmische, aber mir ist aufgefallen, dass du ziemlich viel Zeit mit Severus Snape verbringst." Das leichte Kräuseln von Lilys Lippen, als sie seinen Namen sagte, und die Art, wie sich ihre Wangen noch mehr verdunkelten, entging Hermione nicht.
Hermione hielt ihren Gesichtsausdruck so neutral wie möglich und antwortete. „Ja. Er ist sogar einer meiner engsten Freunde geworden."
Lily nickte langsam und schaute zu Boden. Sie sah nicht wirklich traurig aus, aber es gab eine Emotion, die Hermione nicht ganz deuten konnte, die kurz über ihr Gesicht huschte.
„Ich weiß, es steht mir nicht zu, aber da du neu bist, sollte ich dich wenigstens ein bisschen warnen", sagte Lily leise. „Ich weiß, er mag jetzt wie ein anständiger Mensch wirken, aber er hat eine dunkle Seite, Hermione. Und, na ja ... sei einfach vorsichtig."
Hermione wusste, was zwischen Severus und Lily vorgefallen war, und nahm an, dass Lily auf ihre Weise wirklich versucht hatte, sich um Hermione zu kümmern. Trotzdem war sie etwas verärgert. Unabhängig davon, was zwischen den beiden vorgefallen war, war es nicht fair von Lily, zu versuchen, eine mögliche neue Freundschaft für Severus zu ruinieren.
„Danke, Lily. Ich werde das auf jeden Fall im Hinterkopf behalten", sagte Hermione gleichmütig.
Lily sah auf und lächelte Hermione an. Obwohl sie sich ärgerte, war sie wieder einmal ein wenig verblüfft, als sie in ihre Augen sah – Harrys Augen. Aber sie schüttelte sich schnell wieder davon ab. Obwohl sie zu diesem Zeitpunkt schon seit fast zwei Monaten dort war, waren manche Dinge für sie immer noch surreal.
„Komm, ich begleite dich zum Mittagessen", bot Lily an.
„Danke, Lily. Das würde mir gefallen."
Und in einer bizarren Wendung der Ereignisse fand sich Hermione dabei wieder, wie sie zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Hogwarts in diesem Jahr Seite an Seite mit Lily Evans ging und sich dabei köstlich unterhielt.
Obwohl sie wusste, dass sie in Zukunft auf der Hut sein musste, wenn es um Lily Evans ging.
