xv.

30. Oktober 1976 - Teil 1

Hogsmeade

Seine Hand ruhte auf Hermiones Schulter und drückte sie sanft. Sie widerstand dem Drang, sich zu ihm umzudrehen, und blieb still, hob nur zaghaft den Arm, um ihre Hand auf seine langen, schlanken Finger zu legen. Die Stille in der Bibliothek war bedrückend und erinnerte sie nur noch mehr daran, wie allein sie in diesem Moment waren, denn es war fast schon Ausgangssperre. Ihr ganzer Körper reagierte auf seine Nähe, ein Strom schien durch ihre Adern zu fließen, als sie seinen warmen Atem in ihrem Nacken spürte.

„Hermione?" fragte er in einem rauen Flüsterton.

Langsam erhob sie sich von ihrem Stuhl und wandte sich ihm zu. Als sie in seine schwarzen Augen blickte, schienen sie ein Funkeln in sich zu haben, das sie noch nie gesehen hatte. Ihr Magen verkrampfte sich bei diesem Anblick. Severus' Lippen öffneten sich nur um einen Hauch und Hermione sah die Entschlossenheit in seinen Augen. Sie schluckte, als ihr klar wurde, was gleich passieren würde.

Hermione hatte nicht die Absicht, es zu verhindern.

Zielstrebig und mit ruhiger Hand griff er nach vorne, wickelte seine Finger in ihr langes schwarzes Haar und zog ihren Kopf zurück. Sie holte scharf Luft, als sie sah, wie sich seine Pupillen weiteten. Als er sich zu ihr hinunterbeugte, schloss Hermione die Augen, und ihr Herz pochte vor Erwartung. Sie war fertig damit, dagegen anzukämpfen. Wer wusste schon, wie lange sie in der Vergangenheit bleiben würde? Ihre Gefühle waren zu stark und zu real, um sie zu ignorieren. Sie würde sich und Severus dieses kleine Stückchen Glück gönnen.

Nach einer gefühlten Ewigkeit streiften Severus' Lippen leicht die von Hermione. Dann schlug sie alle Vorsicht in den Wind, schlang ihre Arme um seinen Hals und zog ihn näher an sich.

Er war erfahrener, als sie erwartet hatte, denn seine Lippen schmiegten sich an ihre, als wären sie zwei Teile eines Puzzles, die dazu bestimmt waren, zusammenzupassen. Ihr Herz schwoll an; sie verspürte ein Glücksgefühl, an das sie sich nicht erinnern konnte, es jemals zuvor gefühlt zu haben. Sie fühlte sich ganz.

Hermione?"

Plötzlich begann alles um sie herum zu brodeln, wie Dampf in einer heißen Dusche. Es wurde immer schwieriger, Severus durch den Nebel zu sehen. Ein eisiges Gefühl kroch ihren Magen hinauf und bildete einen festen Griff um ihre Brust.

Hermione?"

Ihre Umgebung verblasste weiter.

Wach auf, Hermione."

Severus und alles andere um sie herum begannen sich zu verflüchtigen. Sie griff nach ihm, aber ihre Hand ging durch ihn hindurch, als ob er ein Geist wäre.

„Nein!" rief sie, als er aus dem Blickfeld verschwand.

„Hey, es ist Zeit aufzustehen", rief Amelia leise an der Seite von Hermiones Bett.

„Nein", stöhnte Hermione, diesmal laut, während sie versuchte, sich an die Reste des Traums zu klammern, aus dem sie unsanft herausgerissen wurde.

Ihre Augen blieben geschlossen, aber sie sah nur noch die Dunkelheit. Alles, was sie spürte, war die Wärme ihres Kissens an ihren Lippen. Das Einzige, was sie umhüllte, war ihre Bettdecke. Severus und seine Umarmung waren verschwunden.

Amelia gluckste, als sie Hermione die Decke wegzog.

„Komm schon, wir kommen zu spät, wenn du deinen Hintern nicht aus dem Bett bewegst."

Hermione blickte ihre Freundin finster an, setzte sich auf und wischte sich den Schlaf aus den Augen. Sie wusste nicht, worüber sie sich mehr ärgerte, über die Tatsache, dass sie aus einem wunderbaren Traum gerissen wurde, oder darüber, dass sie gerade fror, nachdem Amelia ihr die Decken weggerissen hatte.

„Reg dich nicht auf, ich komme", brummte Hermione.

Als Hermione sich streckte und die Beine über die Bettkante schwang, war der Traum noch frisch in ihrem Gedächtnis. Natürlich hatte sich die Nacht in der Bibliothek nicht ganz so abgespielt. Ja, er hatte seine Hand auf ihre Schulter gelegt, aber anstatt die Berührung zu erwidern, die er anfangs gemacht hatte, hatte Hermione ihn abgewiesen, erschrocken über ihre neu entdeckten Gefühle für Severus Snape.

Die folgende Woche war eine der verwirrendsten, die sie je erlebt hatte. Jedes Wort, jede Handlung, jede Berührung und sogar jeder einzige Atemzug, den sie tat, wurde sorgfältig abgewogen. Sie war zu dem Entschluss gekommen, ihre Gefühle für Severus auf keinen Fall auszuleben. Das wäre unglaublich töricht gewesen, ganz zu schweigen von außerordentlich gefährlich. Aber das machte es nicht leichter, in seiner Nähe zu sein. In seiner Gegenwart zu sein, erwies sich sogar als schwieriger, als sie es erwartet hatte. Als sie zum ersten Mal merkte, dass sie für Ron schwärmte, musste sie sich höchstens Gedanken darüber machen, ob er sie auch mochte oder nicht, aber bei Severus machte sie sich Sorgen, dass sie möglicherweise das Gefüge der Zeit selbst zerstören könnte. Sie konnte nicht zulassen, dass ihre Gefühle das Leben so vieler Menschen gefährdeten – einschließlich ihres eigenen.

„Willst du den ganzen Morgen hier sitzen bleiben, oder machst du dich fertig, um nach Hogsmeade zu gehen?" fragte Amelia, die vor Hermione stand und die Hände in die Hüften stemmte.

Hermione zwang sich zu einem Lächeln und stand auf.

„Tut mir leid", murmelte sie. „Ich werde mich jetzt fertig machen."

Als die Mädchen in der Großen Halle ankamen, war die Aufregung in der Luft spürbar, wie immer beim ersten Hogsmeade-Besuch des Schuljahres. Die Gespräche schienen lauter zu sein als sonst, während die SchülerInnen sich das Essen in den Mund stopften und versuchten, so schnell wie möglich zu essen, um sich ins Zaubererdorf zu beeilen. Fast alle ihre FreundInnen waren mit dem Frühstück fertig, als Hermione und Amelia eintrafen.

„Warum habt ihr so lange gebraucht?" jammerte Edgar, als die Mädchen sich setzten.

Amelia zuckte mit dem Kopf in Richtung Hermione.

„Jemand, die nicht namentlich genannt werden will, hatte einen etwas verschlafenen Start in den Tag", beschwerte sie sich scherzhaft.

Hermiones Wangen erröteten, als Edgar enttäuscht den Kopf schüttelte.

„Tss, tss, Hermione", sagte er.

Otto stieß Hermione spielerisch mit dem Ellbogen in die Seite.

„Wenn jemand nicht so lange mit einem gewissen Slytherin unterwegs gewesen wäre, hätte sie vielleicht mehr Schlaf bekommen", schimpfte er mit einem Zwinkern und einem frechen Grinsen.

Hermiones Gesicht glühte noch heißer, als sie die Augen verdrehte und ihm sagte, er solle die Klappe halten. In der letzten Woche hatte sie versucht, ihr Temperament zu zügeln, wenn es um die Witze ging, die sie über Severus ertragen musste. Ihr war klar, dass sie jetzt unvermeidlich waren, wenn man bedachte, wie viel Zeit sie mit ihm verbrachte.

Amelia, die sich schrecklich fühlte, nachdem Hermione am letzten Wochenende weggestürmt war, wechselte sofort das Thema.

„Edgar, vergiss nicht, dass Mum nächste Woche Geburtstag hat. Wir sollten ihr etwas kaufen, wenn wir heute in Hogsmeade sind."

Während Amelia und Edgar sich darüber stritten, was sie ihrer Mutter schenken sollten, versank Hermione in ihren Gedanken. Severus hatte ihr immer noch keine klare Antwort gegeben, ob er ins Dorf gehen wollte oder nicht. Sie wusste, dass er sich Sorgen über James und Sirius machte, denn er hatte keine guten Erfahrungen mit ihnen gemacht, als er versuchte, mit den anderen MitschülerInnen ins Dorf zu gehen. Wenn er zurückbleiben wollte, würde sie mit ihm im Schloss bleiben, aber ehrlich gesagt, wollte sie gehen. Es gab ein paar Dinge, die ihr noch fehlten, und außerdem fand sie, dass es schön gewesen wäre, von Hogwarts wegzukommen, wenn auch nur für ein paar Stunden.

Plötzlich bemerkte sie, dass ihre FreundInnen ungewohnt still wurden, und Amelia schaute an Hermione vorbei, mit einem Gesichtsausdruck, der dem von jemandem entsprach, der gerade einen Hippogreif auf seinen Hinterbeinen in die Große Halle tanzen sah. Es dauerte nicht lange, bis Hermione herausfand, was diesen verblüfften Blick verursachte.

„Hey, Snape…", sagte Amelia mit einem Tonfall, der es eher wie eine Frage klingen ließ.

Hermione war fassungslos. Severus war noch nie an ihren Tisch gekommen. Edgar und Otto verengten die Augen und widmeten sich dann leise wieder ihrem Essen.

„Bones", antwortete Severus freundlich, als Hermione sich umdrehte. „Bist du bereit?" fragte er und sah zu ihr hinunter.

Sein Unbehagen wäre von ihren MitbewohnerInnen unbemerkt geblieben, aber Hermione bemerkte die kleine Falte zwischen seinen Augenbrauen und die Art, wie er am Bündchen seines linken Ärmels zog.

Sie war noch nicht ganz fertig mit dem Essen, aber ihre Nerven schienen den Rest ihres Magens auszufüllen. Selbst wenn sie es versucht hätte, wäre sie nicht in der Lage gewesen, einen weiteren Bissen zu essen.

„Ähm ... ja. Ja, wir können jetzt gehen, wenn du willst", sagte sie und erntete einen lauten Seufzer von Amelia.

„Du kommst nicht mit uns, nehme ich an?" fragte Amelia.

Hermione drehte sich schuldbewusst der Magen um, als sie die Enttäuschung in ihrer Stimme hörte. Wieder musste sie sich daran erinnern, dass sie sich deswegen nicht schlecht fühlen durfte. Severus war ihre oberste Priorität.

„Es tut mir leid, Amelia. Wir hatten schon Pläne gemacht, und...", sie brach ab, nicht ganz sicher, wie sie es weiter erklären sollte.

Amelias Blick wanderte zwischen Severus und Hermione hin und her, bevor sie niedergeschlagen die Schultern hängen ließ.

„Ich verstehe", sagte sie. „Nimm dir nachher ein bisschen Zeit für mich, ja?"

„Das werde ich, Amelia. Versprochen", sagte Hermione aufrichtig.

Nach einer kurzen Verabschiedung von Edgar und Otto erhob sich Hermione von ihrem Platz und folgte Severus aus der Großen Halle in den Korridor.

„Also ... Hogsmeade?" fragte er, als sie allein waren.

„Warum hast du deine Meinung geändert?" Hermione versuchte, ihr Lächeln zu verbergen.

Severus blickte sie aus den Augenwinkeln an, und ein kleines Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus.

„Ich hatte das Gefühl, dass du nicht im Schloss eingesperrt sein wolltest", sagte er und zuckte mit den Schultern. „Außerdem habe ich deine Zauberkünste gesehen. Wenn irgendwelche… Probleme auftauchen sollten, werde ich mich wenigstens nicht so unterlegen fühlen."

Hermione strahlte über das Kompliment. Er hatte mit seiner Vermutung recht. Sie hatte nicht die Absicht, sich von irgendjemandem oder irgendetwas den Tag in der Stadt mit Severus verderben zu lassen.

Als sie im Dorf ankamen, wimmelte es nur so von aufgeregten DrittklässlerInnen, die mit der Ausgelassenheit von Leuten herumsprangen, die glaubten, wenn sie sich schnell genug bewegten, könnten sie an zwei Orten gleichzeitig sein.

Das Klingeln von Ladentüren, unschuldiges Lachen und der süße Duft vom Honigtopf erfüllten die Luft um sie herum. Der Anblick, der sich ihr bot, war so hell und frei von der Dunkelheit, die sie den größten Teil ihrer Jugend verfolgt zu haben schien, dass ihr ein kleines Kichern über die Lippen kam. Die Begeisterung der jüngeren SchülerInnen war ebenso ansteckend wie berauschend. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sie sich wie eine normale Teenagerin.

„Was ist so lustig?" fragte Severus mit gerunzelter Stirn.

Hermione zeigte auf eine Gruppe von DrittklässlerInnen, die sich gegenseitig an den Roben zerrten und auf Zonko's zeigten.

„Sie freuen sich einfach so sehr, hier zu sein", antwortete sie lächelnd.

Severus grunzte unwillig.

Für einen Moment hatte sie vergessen, dass seine erste Hogsmeade-Erfahrung das genaue Gegenteil von dem war, was die Kinder vor ihr erlebten.

„Ist es für dich in Ordnung, hier zu sein?" fragte sie.

„Natürlich", antwortete er sofort. „Du wolltest doch hierher, oder?"

Hermione biss sich auf die Lippe. Wie nett von ihm, wegen ihr dorthin zu gehen.

„Das wollte ich ..." Sie drehte sich um, um sein Gesicht besser sehen zu können. „Aber ich möchte auch sicher sein, dass du Freude hast. Ich meine, wenn du dich unwohl fühlst, können wir gehen."

Severus' Mundwinkel zuckten, als ob er gegen ein Lächeln ankämpfte.

„Mach dir keine Sorgen um mich. Lass uns einfach ein bisschen herumlaufen, ja?"

Hermione nickte und hielt kurz inne, als er ihr seinen Ellbogen anbot. Sie sah mit rasendem Puls darauf hinunter. Hätte sie die Grenzen ihrer Freundschaft wirklich weiter verwischen sollen? Vielleicht meinte er es nicht so, wie sie befürchtet hatte. Es war nur sein Arm. Sie war sich sicher, dass es nur eine freundschaftliche Geste war. Bevor sie ihn beleidigen konnte, indem sie dastand und seinen Arm ansah, als sei sie verrückt, verschränkte sie ihren Arm mit seinem. Die beiden begannen, in gemächlichem Tempo die Straße entlang zu gehen.

Als sie den Eingang zu den Drei Besen erreichten, brachte Severus Hermione zum Stehen.

„Lust auf ein Butterbier?" fragte er und wies mit dem Kopf in Richtung des Pubs.

Es war ziemlich kühl draußen, und ein Butterbier war immer ein sicherer Weg, um sich aufzuwärmen.

„Eigentlich schon, Severus. Das klingt wunderbar."

Drinnen war ziemlich viel los, wenn man bedenkt, wie früh am Morgen es war. Es war noch nicht einmal Mittag, und schon waren die meisten Tische mit randalierenden TeenagerInnen besetzt. Hermiones Augen landeten automatisch auf dem lautesten Tisch und ihr Herz setzte einen Schlag aus, als sie sah, wer dort saß.

„Fuck..." Severus fluchte leise vor sich hin. Es schien, als hätte er sie auch gesehen.

Sirius und James drehten sich beide um und sahen zu ihnen. Sirius flüsterte James etwas ins Ohr, und sie sah, wie sich ein schelmisches Grinsen auf Sirius' Gesicht ausbreitete. Sie wusste, dass nichts Gutes dabei herauskommen würde, wenn sie alle dort wären.

„Wir können gehen", sagte Hermione schnell.

Bevor er antworten konnte, rief eine Stimme quer durch den Raum.

„He! Devereux! Warum lässt du Snivelly nicht stehen und kommst zu uns!" rief Sirius und winkte sie herbei.

Sie spürte, wie Severus sich versteifte und neben ihr vor Wut zu zittern begann. Remus, der wohl früher gekommen war, um Zeit mit seinen Freunden zu verbringen, bevor er mit Amelia loszog, verdrehte die Augen und murmelte tonlos Es tut mir leid, dann schlug er Sirius auf den Arm.

„Lass uns einfach gehen, Severus. Wir können später wiederkommen", sagte sie erneut, als Sirius' Aufmerksamkeit abgelenkt war.

Als sie zu ihm aufblickte, sah sie, dass Severus' Kiefer zusammengebissen war und wahrer Hass in seinen Augen brannte.

„Gut", stimmte er durch die Zähne hindurch zu.

Ohne einen Blick zurück auf die vier Jungen zu werfen, drehten sich Hermione und Severus um, und sie zog ihn halb durch die Tür, bevor es zu einem Kampf kommen konnte.

Vielleicht war es ein Fehler, hierher zu kommen, dachte sie. Severus' gesamte Stimmung hatte sich in einem Augenblick verändert. Warum konnten sie ihn nicht einfach alle in Ruhe lassen?

Severus trat frustriert gegen einen Stein.

„Es tut mir leid, Hermione", sagte er wütend. „Diese – diese – diese – "

Sie beobachtete, wie sein normalerweise blasses Gesicht an Farbe gewann, während er um ein Wort rang, um die vier jungen Männer zu beschreiben. Es war ja nicht so, dass zwischen ihnen etwas anderes vorgefallen wäre als ein unhöfliches Wort, also versuchte sie, ihn zu beruhigen und das Beste aus dem Rest des Tages zu machen.

Als er mit dem Rücken zu ihr stand und seine Robe im starken Wind flatterte, trat Hermione vor und legte ihre Hand sanft um seinen Bizeps. Außer einem reflexartigen Zucken seiner Muskeln bewegte er sich nicht.

„Hey", sagte sie leise. „Es ist nichts passiert. Lass uns einfach woanders hingehen und mit dem schönen Tag, den wir hatten, weitermachen."

Schweigen.

„Bitte, Severus?"

Langsam drehte er sich um und schenkte ihr ein zaghaftes Lächeln, wodurch sich die Spannung in ihren Schultern löste.

„Nochmals, es tut mir leid", sagte er zu ihr, den Blick auf den Boden gerichtet.

„Was denn?"

Er hatte keinen Grund, sich zu entschuldigen.

Als er aufblickte und ihr in die Augen sah, waren seine dunklen Augen groß und aufrichtig.

„Ich wollte nur einen normalen Ausflug hierher machen. Wie ... wie alle anderen ...", brach er ab.

Hermione brach das Herz, als sie den Schmerz in seiner Stimme hörte. Severus konnte Hogsmeade nie erleben, ohne dass es zu einer Auseinandersetzung zwischen ihm, Sirius und James kam.

Wie aus einem Instinkt heraus nahm sie seine Hand in ihre und verschränkte ihrer beiden Finger miteinander. Seine Augen weiteten sich für den Bruchteil einer Sekunde, bevor sich seine Mundwinkel ein klein wenig nach oben zogen.

„Und das wirst du auch", antwortete sie mit sicherer Stimme.

Severus drückte ihre Hand als Antwort, dann begannen die beiden, durch die Menge der HogwartsschülerInnen und der DorfbewohnerInnen zu gehen, die sich auf der belebten Straße tummelten.

Als sie an Scrivenshaft's Federkielladen vorbeikamen, beschlossen sie, dort anzuhalten. Da sie beide die schreckliche Angewohnheit hatten, auf ihren Federkielen herumzubeißen, hielten sie es für das Beste, sich dort mit Vorräten einzudecken.

Danach sahen sie sich in Dogweed & Deathcap um, um zu sehen, ob es dort irgendwelche Zutaten für Zaubertränke gab, die sie mitnehmen konnten. Dann machten sie einen langsamen Spaziergang zu Derwish & Banges, damit Hermione ihre eigene Waage kaufen konnte, da sie sich eine der Ersatzwaagen in Slughorns Klassenzimmer ausgeliehen hatte.

Als sie auf dem Rückweg zum Drei Besen waren, war der Vorfall von vorhin schon fast vergessen. Hermione und Severus unterhielten sich während der ganzen Zeit, die sie zusammen waren, fast ununterbrochen. Eigentlich hätte sie nie geglaubt, dass Severus so viel reden konnte. Er schien an allem, was sie zu sagen hatte, sehr interessiert zu sein, von den banalsten Dingen, wie ihren Lieblingsspeisen, bis hin zu tiefer gehenden Themen, wie ihre Gedanken über verschiedene Zaubermethoden und neue Techniken, die sie auszuprobieren gedachte. Ihre Hände blieben die ganze Zeit über miteinander verschränkt.

Die Luft war rein, als sie zum zweiten Mal das Lokal betraten, und die beiden fanden einen kleinen Tisch ganz hinten. Hermione saß dort allein, während Severus etwas zu trinken kaufte, als sie plötzlich das Gefühl hatte, ihr ganzer Körper sei in Eis gehüllt, als sie drei Tische weiter eine vertraute weißblonde Haarmähne bemerkte. Lucius Malfoy war hier.

„Oh nein...", keuchte sie.

Sie bemerkte, dass Lucius Severus direkt anzuschauen schien, während er auf ihre Butterbiere wartete. Sie hoffte verzweifelt, dass sie sich irrte, aber ihre Befürchtungen wurden bestätigt, als seine Augen ihm den ganzen Weg zurück zu ihren Plätzen folgten.

„Das sollte uns ein wenig aufwärmen", sagte Severus, während er eine Tasse vor ihr abstellte und sich setzte.

Hermiones Dankeschön blieb auf ihren Lippen hängen, weil Lucius und ein stämmiger, Mann mit sandfarbenem Haar und grausamen Augen auf beiden Seiten von Severus auftauchten. Der Mann kam Hermione vage bekannt vor, und einen Moment lang konnte sie nicht genau sagen, wer er war, bis er sprach. Die Härchen in ihrem Nacken stellten sich auf. Es war Yaxley. Ein weiterer Todesser.

„Severus", sagte Lucius langgezogen zur Begrüßung, doch sein Blick blieb auf Hermione gerichtet.

Hermione riss ihren Blick von den beiden Männern los und verfolgte den von Severus. Seine Schultern sanken, sie konnte fast spüren, wie sein Ärger über die beiden jungen Männer von ihm abstrahlte.

„Lucius. Yaxley", antwortete er und klang gelangweilt.

„Ich entschuldige mich dafür, dass ich euer ... Date störe?" Lucius hob eine Augenbraue und sah Hermione immer noch an. „Aber ich habe mich gefragt, ob ich kurz mit dir sprechen kann?"

Severus blickte erst nach links, dann nach rechts und atmete hörbar aus.

„Wenn es sein muss."

Die kalte und sorgfältig gesetzte, gleichgültige Maske war wieder auf Severus' Gesicht. Vorbei war der jüngere, fast unbekümmerte Ausdruck, den er die meiste Zeit, die sie an diesem Tag miteinander verbracht hatten, aufgesetzt hatte.

Hermione versuchte, ihn mit ihren Augen leise anzuflehen, ihm zu sagen, dass er nicht gehen sollte. Sie ahnte, worüber – über wen – sie mit ihm zu sprechen wünschten.

Lucius, der ihren Gesichtsausdruck falsch verstanden haben muss, lächelte gezwungen.

„Wir werden ihn dir nicht lange vorenthalten...", er brach ab, als warte er darauf, vorgestellt zu werden.

„Hermione Devereux", sagte Severus. „Hermione, das sind Lucius Malfoy und Corban Yaxley."

Lucius streckte seine Hand aus, die Hermione ergriff, da sie wusste, dass sie den Schein wahren musste und nicht den Anschein erwecken durfte, dass sie die Männer, die vor ihr standen, verabscheute.

„Angenehm", sagte sie kurz.

Yaxley grunzte nur in ihre Richtung.

Severus entschuldigte sich vom Tisch und versprach, in Kürze zurückzukehren, dann folgte er den beiden Todessern zu dem Tisch, den sie kurz zuvor verlassen hatten.

Hermione umklammerte ihre Tasse mit beiden Händen, während sie die drei aufmerksam beobachtete.

Das Gespräch schien recht ernst zu sein. Lucius und Yaxleys Augenbrauen waren gerunzelt, Severus hingegen schien fast zu zucken, denn er blickte alle paar Sekunden über seine Schulter zu ihr zurück. Zu ihrem Entsetzen bemerkte sie, dass die beiden Männer ihre Zauberstäbe auf dem Tisch liegen hatten und beide Hände auf ihnen ruhten. Sie befürchtete, dass sie Severus bedrohten, aber den Gästen vorgaukelten, dass es sich nur um eine höfliche Unterhaltung handelte. Hermione steckte ihre Hand in ihren Umhang und hielt ihren Zauberstab fest umklammert, nur für den Fall, dass sie ihn brauchen würde.

Sie wusste, dass sie versuchten, ihn zu rekrutieren. Es würde nicht mehr lange dauern, bis er sich Voldemort angeschlossen hätte. Nach dem, was sie von Harry erfahren hatte, war es nur noch etwas mehr als ein Jahr. Wie sehr sie sich wünschte, ihn aufhalten zu können. Aber so sehr es sie auch schmerzte, sie wusste, dass sie der Sache ihren Lauf lassen musste. Severus musste sich Voldemort anschließen, sonst würde Harry niemals der Auserwählte werden. Wer hätte dann Voldemort aufgehalten? Vielleicht hätte es jemand getan, aber Hermione wusste, dass sie das nicht dem Zufall überlassen konnte.

Sie kämpfte gegen die Tränen der Frustration an, die überzulaufen drohten, als sie daran dachte, was Severus in den kommenden Jahren durchmachen würde. So gerne hätte sie ihn vor all dem Schmerz bewahrt.

Nach ein paar Minuten kehrten sie alle an den Tisch zurück. Severus nahm seinen Platz ein und sah etwas blasser aus als zuvor, als er gegangen war, während die beiden anderen an seiner Seite standen.

„Danke, dass wir ihn ausleihen durften, Miss Devereux. Es ist eine wahre Freude, ihn zur Abwechslung mal mit einer richtigen Hexe zu sehen", spottete Lucius.

Severus' Knöchel wurden weiß, als er den Henkel seines Bechers zusammendrückte.

Hermiones Nasenflügel blähten sich angesichts der offensichtlichen Anspielung auf Severus und Lily Evans.

Es kam selten vor, dass Hermione sich auf die Zunge biss, aber in Anbetracht dessen, wo sie sich befand, mit wem sie zusammen war und welche Rolle sie zu spielen hatte, war dies einer der Fälle, in denen sie es getan hatte. Sie beschränkte sich auf ein schmales Lächeln, dann wandte sie sich wieder ihrem Butterbier zu und tat so, als sei sie an einem weiteren Gespräch mit den beiden völlig uninteressiert.

„Überleg es dir, Snape", drohte Yaxley, und seine steinige Stimme verursachte ihr eine Gänsehaut.

Als sie Hermione und Severus schließlich allein ließen, war Severus wie immer verschlossen. Er sagte kaum ein Wort zu ihr und ignorierte das Getränk, das er vor gefühlten hundert Jahren gekauft hatte, völlig.

Nach etwa zwanzig Minuten unangenehmen Schweigens schaute Severus auf seine Armbanduhr.

„Wir sollten uns auf den Weg nach oben machen, wenn du pünktlich zu Slughorns Party erscheinen willst", sagte er.

Bei all dem, was passiert war, hatte Hermione die Party völlig vergessen. Und wenn sie ehrlich zu sich selbst war, hatte sie jeden Ehrgeiz verloren, dorthin zu gehen.

„Willst du immer noch gehen?" fragte sie.

Er blickte schnell mit großen Augen auf.

„Natürlich", sagte er. „Du – Du nicht?"

Er sah in diesem Moment so enttäuscht aus. Hermione fühlte sich schrecklich, weil sie überhaupt gefragt hatte. Obwohl er in den meisten Dingen selbstbewusst war, wusste sie, dass es einen großen Teil von ihm gab, der immer noch unsicher mit sich selbst war. Besonders, wenn es um Mädchen ging.

„Ja", log sie. „Ich war mir nur nicht sicher, ob du es immer noch willst oder nicht. Du…", sie biss sich auf die Lippe. „Du hast nach dem anders gewirkt", gab sie zu.

Sein Mund war so weit geöffnet, dass man gerade noch die oberste Reihe seiner Zähne sehen konnte. Sie konnte gerade noch sein leises Einatmen wahrnehmen, bevor sich seine Augen entspannten. Sie war überrascht, als er über den Tisch griff und seine Hand um ihre legte.

Hermione wusste nicht, wie sie es erklären sollte, aber irgendetwas fühlte sich in diesem Moment anders an als sonst. Ja, sie hatte die meiste Zeit des Tages seine Hand gehalten, aber das war irgendwie anders. Die Art, wie er sie ansah, als wäre sie der einzige Mensch, der ihm jemals wahres Mitgefühl gezeigt hatte, und wie er mit seinem Daumen sanft über ihre Knöchel strich, rührte etwas Unbekanntes in ihr. Sie hatte keine Worte, aber sie hatte Gefühle. Gefühle, von denen sie sicher war, dass sie sie nie zuvor gehabt hatte.

„Natürlich will ich das noch, Hermione", versicherte er ihr mit einer sanften Stimme, die so ganz anders war als alles, was sie bisher von ihm gehört hatte.

Ihr Herz flatterte. Sie versuchte, sich zu sagen, dass sie sich zusammenreißen sollte. Dass sie nicht für das hier war. Was auch immer das war.

Als sie lächelte und in seine schwarzen Augen blickte, war klar, dass sie endlich seine Mauern durchbrochen hatte. Aber was machte er dabei mit ihr?