Kapitel 22 – Nach der Beerdigung & Kapitel 23 – Horkruxe

Am Tag unserer Apparierprüfung saßen Harry, Ron und ich draußen auf dem sonnigen Hof und lasen Merkblätter des Ministeriums, was wir alles beachten mussten, als ein Mädchen mit einer Nachricht für Harry kam.

Er öffnete sie und es war ein Brief von Hagrid, dass Aragog gestorben war und wir heute Abend zu seiner Beerdigung gehen sollten. Das ging natürlich nicht: Erstens, weil Aragog und seine Spinnenfamilie Harry und Ron einmal fast getötet hätten, und zweitens, weil wir uns nicht im Dunkeln aus dem Schloss schleichen konnten, das war viel zu gefährlich in der aktuellen Lage.

Übrigens", sagte ich zu Harry, „heute Nachmittag wird es in Zaubertränke fast leer sein, weil wir alle weg sind und die Prüfung machen. Versuch doch mal, Slughorn ein wenig weich zu kochen!"

Du meinst, beim 57. Mal hab ich Glück?"

Glück!", rief Ron. „Harry, das ist es – hol dir dein Glück! Nimm deinen Glückstrank!"

Ron, das ist – das ist die Idee!" Ich war ganz begeistert von ihm und erstaunt, dass ich nicht selbst darauf gekommen war.

Harry beschloss also, wenn er Slughorn am Nachmittag nicht zum Reden bringen konnte, den Trank heute Abend zu nehmen und es damit zu versuchen.

Die Montgomery-Schwestern gingen traurig an uns vorbei – kein Wunder, denn ihr Bruder war von einem Werwolf getötet worden.

Harry, du musst diese Erinnerung unbedingt beschaffen", sagte ich ernst. „Es geht doch darum, Voldemort aufzuhalten, oder? Diese schrecklichen Dinge, die passieren, da steckt überall er dahinter…" Dann würde auch Severus endlich frei sein können und nicht mehr um seine Gesundheit oder sein Leben bangen müssen.

Die Schulglocke klingelte und Ron und ich eilten zur Eingangshalle. Wie immer war ich vor einer Prüfung ganz nervös, obwohl ich bestens vorbereitet war und sowieso alles mit Höchstleistung meistern würde. Aber was, wenn nicht? Gerade als Jahrgangsbeste hatte man den Druck, auch die Beste zu bleiben oder man würde sich immer Sprüche anhören müssen…

„Miss Granger."

Ich blickte erschrocken auf, als Severus vor mir stand.

Er starrte Ron böse an, bis dieser weiterging.

Als wir allein waren, hellte sich Severus' Miene auf. „Ich wollte dir nur viel Glück wünschen", sagte er leise.

„Danke", lächelte ich.

„Ich weiß, dass du das schaffst!" Er zwinkerte und ging dann schnell weiter.

Ich blieb noch einen Moment glücklich lächelnd stehen, dann eilte ich zur Eingangshalle, wo schon alle versammelt waren.

„Ah, die letzte", sagte Twycross. „Dann können wir ja losgehen." Und er ging hinaus nach Hogsmeade.

„Was wollte Snape denn?", fragte Ron.

„Mir wieder mal sagen, dass mein Aufsatz zu lang war", log ich. Darüber beschwerte er sich wirklich manchmal, wenn wir zusammen in seinem Büro saßen, weil er dann immer so viel zu korrigieren hatte. Aber scherzhaft gemeint, hoffte ich. Ich glaube, in Wahrheit mochte er meine Wissbegier und Genauigkeit.

In Hogsmeade standen weitere Prüfer des Ministeriums. Unsere Aufgabe war einfach: Wir sollten von den Drei Besen zu Zonkos altem Laden und dann zum Weg, der zur Heulende Hütte führte, apparieren und wieder zurück zu den Drei Besen. Also insgesamt drei exakte Sprünge.

Es ging alphabetisch, also war ich vor Ron dran. Ich schaffte alles mühelos und strahlte, als mir der Endprüfer zunickte und einen Haken auf seinem Klemmbrett machte. Geschafft.

Dann wartete ich gespannt auf Ron, der ebenfalls in der richtigen Zeit am richtigen Ort landete. Der Prüfer wollte gerade einen Haken machen, als er Ron anstarrte und dann mit dem Kopf schüttelte.

„Was ist denn?", wollte Ron wissen.

Der Prüfer deutete mit seiner Feder auf Rons Gesicht. „Ihnen fehlt eine halbe Augenbraue."

„Was?!", rief Ron. „Deswegen lassen Sie mich durchfallen? Die wächst doch wieder nach."

„Und was, wenn es das nächste Mal ein halbes Auge ist?", meinte der Prüfer. „Die Regeln sind eindeutig: Bleibt etwas von der Person zurück, was auch immer es ist, ist die Prüfung nicht bestanden."

Ich war so entsetzt wie Ron und konnte seine Wut sehr gut verstehen. Aber Regeln sind nun einmal Regeln.

Zurück in Hogwarts erzählten wir Harry von der Prüfung und er war ganz auf Rons Seite – wie ich wohl eher, um ihn zu trösten, was auch anscheinend gelang.

Abends saßen wir auf Harrys Bett und er hielt seinen Felix Felices in der Hand, da er am Nachmittag wieder kein Glück mit Slughorn gehabt hatte. Mit seinem Unsichtbarkeitsumhang in der Hand nahm er einen Schluck.

Wie fühlt es sich an?", fragte ich ihn vorsichtig und auch neugierig.

Harry lächelte langsam immer breiter und stand zuversichtlich auf. „Ausgezeichnet", grinste er. „Wirklich ausgezeichnet. Gut, ich geh runter zu Hagrid."

Was?", riefen Ron und ich und wir versuchten, Harry daran zu erinnern, dass er Slughorn suchen musste, doch er versicherte uns, dass wir dem Trank vertrauen sollten.

Er trug seinen Tarnumhang und verschwand aus dem Gemeinschaftsraum.

„Na, ob das was wird", meinte Ron und wir wechselten einen besorgten Blick.

Wir gingen aus dem Jungenschlafsaal, als uns Lavender entgegenkam. Sie blieb abrupt stehen und zeigte dann mit dem Finger auf mich. „Was hast du denn bitte mit Hermine allein in deinem Schlafsaal gemacht?!", kreischte sie.

Ich verließ die Szene schnell. Sollte Ron gerne allein versuchen, das aufzuklären.

Dafür stritten sich Ginny und Dean im Gemeinschaftsraum – bis Ginny einfach so mit ihm Schluss machte.

Ich wollte gerade zu ihr, um sie eventuell zu trösten, doch sie rannte aus dem Gemeinschaftraum nach draußen und ich erwischte sie nicht mehr. Wir wussten aber beide, dass sie früher oder später mit Dean Schlussmachen musste, wenn sie weiterhin Harry liebte…


Harry war bei Slughorn und ich versuchte, mich auf meine Hausaufgaben zu konzentrieren, doch es gelang mir nicht. Ich hatte ein ungutes Gefühl, so als würde bald etwas Schlimmes passieren und ich wollte handeln. Die Zeit, in der wir aktuell lebten, war höchstgefährlich. Jeden Tag berichtete der Tagesprohet von Personen, die verschwanden oder gefoltert wurden oder tot waren. Selbst in Hogwarts waren wir nicht sicher, denn irgendein Verrückter wollte unbedingt jemanden töten und brachte dabei auch andere in Gefahr. Meine Mutter hatte mir geraten, bis nach meinem Abschluss zu warten, bevor ich versuchte, mehr mit Severus zu werden als Freunde, aber was, wenn wir diese Zeit nicht mehr hatten? In einem Jahr konnte sich die Lage drastisch ändern. Was, wenn er oder ich vorher getötet wurden, bevor wir eine Chance hatten?

Ich hielt meine quälenden Gedanken nicht mehr aus, sondern stand entschlossen auf.

„Wo gehst du denn hin?", fragte Ron verwundert.

„In die Bibliothek", war meine Standardantwort und es war ein Glück, dass Ron nicht wusste, dass sie schon längst geschlossen war.

Es war kurz nach der Sperrstunde, doch als Vertrauensschülerin hatte ich Sonderrechte. Ich war trotzdem froh, dass ich niemandem begegnete.

Mit wild pochendem Herzen klopfte ich an Severus Privattür. Meine Zweifel wurden durch seinen Blick nach meinem Kuss auf seine Wange unterdrückt. Außerdem hatten wir uns die letzten Tage immer verstohlene Blicke zugeworfen. Ich wollte das jetzt durchziehen, denn ich glaubte, dass ich nicht falsch in der Annahme lag, dass er mich ebenso mochte wie ich ihn.

Er öffnete die Tür und sah mich verwundert an. „Ist alles in Ordnung?"

Ich nickte und er ließ mich eintreten.

„Was gibt es denn?"

Ich sah ihn an und wusste, wenn ich anfangen würde zu reden, würde ich meinen Mut verlieren. Also trat ich auf ihn zu, streckte mich und küsste ihn auf den Mund. Ein paar Sekunden verharrten meine Lippen auf seinen, dann trat ich wieder zurück. Mit großen Augen sah ich ihn an und wartete.

Er blinzelte verdutzt. „Was... war das?"

Meine Wangen waren rot, ich musste schlucken, aber ich wich nicht zurück. „Ich wollte dir sagen, wie ich für dich empfinde, falls ich bald keine Gelegenheit mehr dazu habe."

„Wie du für mich empfindest?"

„Ja", murmelte ich und nahm seine Hand.

„Also du? Mich?", stammelte er und ich musste mir ein Grinsen verkneifen.

„Ja", betonte ich. „Ich mag dich mehr als nur einen Freund." Ich wusste nicht, ob es wirklich Liebe war, aber es war zumindest eine starke Verliebtheit.

„Hermine", seufzte er dann und lehnte er seine Stirn an meine. „Das geht nicht."

„Ja, ja, ich weiß, Lehrer-Schüler-Beziehung, Voldemort, Dumbledore, ja, ja, ich weiß. Aber es interessiert mich nicht. Was ist, wenn morgen der Krieg ausbricht und wir uns nicht mehr wiedersehen und einer von uns oder wir beide sterben? Ich will die Zeit, die uns bleibt, nutzen, und ich will sie mit dir verbringen."

Da küsste er mich innig und ich schlang meine Arme um ihn.

„Aber wir können es keinem sagen", keuchte er danach.

„Natürlich", grinste ich und küsste ihn erneut.

Später saßen wir auf seinem Sofa und ich erzählte ihm von meinem Amortentiatrank.

„Ich rieche also nach Kräutern auf einer Waldlichtung?", fragte er schmunzelnd. „Interessant."

„Und wann hat es sich für dich ergeben?" Wir beide schifften immer wieder um das Wort Liebe herum – dafür war es noch zu früh. Man musste ja nicht immer allem einen Namen geben.

„Graduell. Je mehr Zeit ich mit dir verbrachte, desto mehr mochte ich dich."

Ich lächelte und küsste seine Hand.

Um kurz vor Mitternacht kehrte ich zurück. Ron war schon schlafengegangen und so wusste ich nicht, ob Harry schon zurück war. Also ging ich auch ins Bett und schlief so entspannt wie schon lange nicht mehr ein.