Du bist kein Monster
eine Fanfic von soeinzufall
Frostiron 1/25
Kapitel 1 – Kampf um New York 2.0
Das Portal knisterte und strahlte viel zu hell. Loki konnte spüren, wie Thyra die Kontrolle darüber verlor. Es erzeugte viel zu viel Energie, um diese noch kontrollieren zu können. Leider war ihr das selbst wohl nicht bewusst, denn sie machte immer weiter.
Derweil wurden die Kämpfe um ihn herum immer heftiger. Die Avengers gaben ihr Bestes, aber die Biester, mit denen Thyra sich verbündet hatte, waren eine schier übermächtige Gewalt.
Loki kämpfte sich hoch. Das hier durfte einfach nicht passieren. Wenn diese Wahnsinnige so weitermachte, dann war das das Ende von Midgard. Die Welt würde entzwei gerissen und einfach vom Angesicht des Universums getilgt werden. Die Macht des Portals würde auch vor den anderen Planeten der neun Welten nicht Halt machen. Dies alles würde in einer großen Leere enden.
„Captain, Status?" schrie er in seinen Kommunikator und rappelte sich dabei wieder hoch. Er blutete aus mehreren Wunden, und seine Rüstung war an mehr Stellen beschädigt, als ihm lieb war.
„Wir sehen euch. Sind in unter einer Minute da. Haltet durch!"
Loki stieß die Luft aus. Ihm war nicht bewusst gewesen, dass er den Atem angehalten hatte. „Beeilt euch, wir können nicht mehr lange standhalten. Banner ist hoffentlich richtig wütend ..."
„Darauf kannst du dich verlassen, der Grüne kann's kaum erwarten", bellte Banner in die Com.
Loki blickte sich um. Sein Bruder kämpfte gut zehn Meter entfernt gegen gleich drei dieser Monstrositäten. Blitze umzuckten den Donnergott, und mit Mjölnir in der Hand tötete er ein Wesen nach dem anderen. Es war beängstigend zu sehen, wie sich die ansonsten sanften, blauen Augen seines Bruders vor Hass verdunkelten, als er auf die Majutas einhieb.
Majutas – eine Ausgeburt der Hölle, fürwahr. Eine blutrünstige Rasse aus dem letzten Winkel des Universums. Wenn man (oder in diesem Fall eine Frau) Söldner wollte, die einen ganzen Planeten mit Krieg überziehen konnten, und wenn man wahnsinnig genug war, dann, ja, dann sicherte man sich die Dienste der Majutas. Diese echsenartigen Biester waren über zwei Meter groß, mit zu vielen Klauen und Zähnen für Lokis Geschmack. Sie verständigten sich untereinander mit widerlichen Zischlauten, und ihre graugrün geschuppten Körper zuckten ständig unvorhersehbar mal hier, mal dorthin. Es war wirklich kein leichtes Unterfangen, gegen sie zu kämpfen – zumal die einzige wirkliche Schwachstelle in dieser dicken Schuppenhaut der Nacken war. Was wiederum bedeutete, man musste entweder verdammt gut zielen oder, wie in seinem Fall, man kam den messerscharfen Zähnen der Biester verflucht nahe.
Loki löste seinen Blick vom Rücken seines Bruders und blickte zu den Agenten Romanoff und Barton. Der Falke hatte eine ausgezeichnete Stellung über dem Schlachtplatz bezogen und streckte einen Majuta nach dem anderen mit seinen Pfeilen nieder. Natasha blutete ebenfalls aus mehreren Wunden, hielt sich aber noch sehr gut auf den Beinen und lenkte ein Biest nach dem anderen in Bartons Schussfeld. Loki machte sich nur Sorgen darüber, was passieren würde, wenn dem Falken die Pfeile ausgingen.
Doch sein Blick verweilte nicht auf den beiden Assassinen. Er suchte den Himmel nach einem Funken von Rot und Gold ab. Und ja, da war er! Iron Man schwebte über dem Geschehen auf der Plattform des Raumschiffs und feuerte unaufhörlich auf die Invasoren. Sein mutiger Gefährte schien unverletzt zu sein; zumindest konnte Loki keine Schäden am Iron-Man-Anzug entdecken.
Tony hatte zusammen mit Rhodey die Aufgabe übernommen, die Majuta daran zu hindern, ihre dreckigen Pfoten auf die Erde zu setzen. Nun umkreiste er das riesige Raumschiff, das vor einer Stunde am Himmel über New York erschienen war. Er schoss alle Feinde ab, die versuchten, durch den Verteidigungsring der Avengers auf die Erde zu kommen.
Der Verteidigungsring, der nur wegen Lokis Beharren so effektiv standhielt und die Invasoren abblockte. Wäre es nach dem Direktor von S.H.I.E.L.D. gegangen, hätte er sie alle wie Vieh zur Schlachtbank geführt. Und alles nur, weil Fury ihm nicht glauben wollte, was die Majutas anbelangte. Na gut, er wollte Loki allgemein nicht trauen. Der Direktor sah in ihm immer noch einen Feind und keinen Verbündeten – und schon gar keinen Freund. Das würde wohl in tausend Jahren nicht passieren. Aber wenigstens hatte er ihn mithilfe von Tony und Thor davon überzeugen können, dass eine Schlacht mit den Majutas am Boden in einem Desaster enden würde. Er hatte darauf bestanden, das Schiff zu stürmen, sobald dieses am Himmel auftauchen würde, und auf einen Verteidigungsring am Boden gepocht, der sich um eventuelle Ausreißer und die Gefallenen kümmern würde. Und er hatte mehrmals betont, dass sie um jeden Preis verhindern müssten, dass diese Missgeburten Midgard betraten. Würde das passieren, wäre es um einiges schwieriger, sie zu bekämpfen.
Diese Echsen waren gerissen, sie waren tödliche Gegner und wussten sowohl aus dem Hinterhalt als auch auf freiem Feld anzugreifen. Sie machten keine Gefangenen und metzelten alles nieder, was ihnen in die Quere kam. Nun ja, manchmal machten sie Gefangene ...
Loki schüttelte den Kopf, um sich von der Erinnerung zu befreien. Dies war nicht der Ort und nicht die Zeit für solche Gedanken.
Er drehte sich in einer eleganten Bewegung zur Seite und entging somit einem wütenden Hieb eines Majutas. Das Biest zischte ihn an und hieb ein weiteres Mal nach seinem Gesicht. Loki duckte sich unter der Klaue hindurch und ließ seine Dolche aufblitzen. Er versenkte sie nacheinander im Nacken seines Gegners. Der Majuta fiel vor ihm zu Boden. Leider trafen ihn dessen Klauen in einem letzten Aufbäumen an der Seite. Loki verzog schmerzhaft das Gesicht. Verdammt, wenn das so weiterging, war er bald nur noch ein blutiges Bündel.
Er war zwar ein Gott, und seine Magie heilte seine Wunden sehr effektiv, aber er durfte seine Kraft nicht dafür einsetzen. Er war nun schon seit knapp einer Stunde hier und kämpfte ununterbrochen gegen diesen Ansturm.
Wie viele Söldner hatte Thyra angeheuert? Nach der Größe des Raumschiffs zu urteilen, könnten es zwischen 1000 und 3000 Majutas sein. Wie viele hatten sie bereits erledigt? Nicht genug ...
Er musste das jetzt beenden, aber dazu brauchte er die Verstärkung. Er konnte nicht kämpfen und gleichzeitig ein Portal erschaffen, um diese Biester dahin zurückzuschicken, woher sie gekommen waren.
„Captain!"
„Wir sind jetzt da, Loki! Der Hulk ist gerade auf dem Weg nach unten. Ich folge ebenso wie die Krieger von Wakanda."
Wurde aber auch Zeit. Den Göttern sei Dank, dachte Loki.
„Sehr gut, wir können sie nicht schlagen, es sind zu viele. Ich muss das Portal öffnen", sagte er in die Com.
„Ich gebe dir Deckung."
Dieser Satz kam simultan von den beiden Personen, die ihm am meisten bedeuteten: Thor und Tony.
Natürlich. Wie oft hatte er schon mit seinem Bruder gekämpft? Dieser wusste genau, wann er Loki den Rücken freihalten musste, damit dieser seine Magie wirken konnte. Tony ... Tony war einfach nur starrköpfig. Loki hatte ihm gesagt, er solle sich nur auf seine Aufgabe konzentrieren, aber natürlich hörte er nicht auf ihn. Umgekehrt wäre es das Gleiche gewesen, gestand er sich ein. Trotzdem wollte er ihn nicht in der Nähe wissen, wenn der riskante Part des Plans in die Tat umgesetzt wurde.
„Tony, wir hatten das besprochen. Bleib, wo du bist! Thor reicht mir als Rückendeckung aus!" presste Loki hervor und stach einen weiteren Majuta nieder.
„Tja, Babe, zu spät. Ich bin schon hier."
Mit einem dumpfen Knall landete Iron Man vor ihm und ließ sein Visier hochgleiten. Er schenkte Loki ein atemberaubendes Lächeln und zog den Gott an sich.
Das Kampfgetümmel verstummte, und die Zeit stand für einen kurzen Moment still, als Tony ihn in einen innigen Kuss zog. Loki fühlte sich losgelöst von allem Schmerz und allen Sorgen. Ihm war schwindelig, und er löste sich in der Berührung auf – so wie jedes Mal, wenn ihn sein Sterblicher küsste. Es war so schnell vorbei, wie es gekommen war. Das Visier war wieder an Ort und Stelle, und Iron Man ging in Verteidigungsstellung. Loki blinzelte und versuchte, sich wieder zu konzentrieren.
Plötzlich begann die Luft um ihn herum elektrisch zu knistern, und Thor trat an seine Seite. „Wie sieht es aus, Bruder? Kannst du ein Portal öffnen, um diese Plage zur Hölle zu schicken? Und was zum Teufel tut Thyra mit ihrem eigenen Portal? Diese Energie ist nicht normal, oder?"
Loki blickte in die Ferne zu dem rotglühenden Kreis. „Nein, es ist definitiv nicht normal. Ich glaube, sie hat die Kontrolle verloren. Ich muss es schließen, bevor sie diese Welt in Stücke reißt. Aber zuerst die Majutas."
Loki war besorgt. Hatte er noch genug Energie für beides? Er hatte seine Magie mit Absicht daran gehindert, seine Wunden zu heilen, damit er im entscheidenden Moment genug zur Verfügung haben würde. Er musste sich beeilen. In der Ferne sah er Thyras knisterndes Portal immer größer werden. Er durfte keine Zeit verlieren.
„An alle: Ich beginne jetzt mit dem Portal. Haltet noch einen kurzen Moment die Stellung. Auf mein Kommando zieht ihr alle die ‚Reißleine' und begebt euch in Sicherheit. Haltet euch an den Plan – ich will keine Verluste!"
Loki wartete auf die Antwort seiner Mitstreiter. Als das beruhigende „Roger" von allen Seiten ertönte, machte er sich an die Arbeit.
2 Wochen zuvor
Sie saßen nun schon seit Stunden an diesem vermaledeiten Tisch im S.H.I.E.L.D.-Hauptquartier. Es waren nicht nur der Direktor und die Assassinen Romanoff und Barton anwesend. Auch Captain America, Steve Rogers, und eine Handvoll ranghoher S.H.I.E.L.D.-Agenten saßen um den runden Tisch.
Loki fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. Er war erschöpft, ja, aber vor allem war er wütend und frustriert wegen S.H.I.E.L.D. Nie glaubte ihm hier jemand, nie vertraute ihm jemand. Er wusste nicht einmal, warum er überhaupt hier war.
Vor einer Woche waren er und Tony aus der Gefangenschaft der Majutas geflohen. Vor einer Woche hatte man ihm, in dem Glauben, er sei halb tot und nicht mehr bei Bewusstsein, mitgeteilt, dass der Plan, die neun Welten zu unterjochen, in Midgard seinen Anfang nehmen würde. Vor einer Woche hatte er blutend und gebrochen auf dem Boden eines Raumschiffs gelegen und sich das Gezische der Majutas angehört, die sich über ihn lustig machten. Hatte Thyras Ansturm standgehalten. Thyra, die ihn in Ketten gelegt und ihn gefoltert hatte, um Informationen über die Neun zu erhalten. Über deren Verteidigungsanlagen, die Heerstärken und so weiter.
Loki war vielleicht selbstsüchtig oder erschien so, weil er sich nicht unnötig in Gefahr begab, aber er sorgte sich um die Neun. Zeit seines Lebens hatte er die Welten zusammen mit seinem Bruder verteidigt, und er würde jetzt nicht damit aufhören. Er war ein Prinz Asgards, er würde nicht zulassen, dass diese widerlichen Kreaturen über seine Heimat herfielen. Nur anscheinend schien ihm das niemand glauben zu wollen.
Gott der Lügen und des Unfugs, Silberzunge, Verräter ... All seine Titel sprachen nicht gerade für ihn, und die S.H.I.E.L.D.-Agenten um diesen Tisch, insbesondere Direktor Fury, waren nicht gewillt, ihm auch nur ein einziges Wort von dem zu glauben, was er ihnen sagte. Sie hielten das Ganze wohl für eine List, mit der er ... was genau sollte er damit wohl bezwecken wollen? Wieso sollte er sie anflehen, eine Verteidigung gegen den bevorstehenden Sturm zu ersinnen?
„Ich glaube dir nicht, Loki. Ich vertraue dir nicht. Ich habe keinerlei Beweise, nur dein Wort", sagte Direktor Fury gerade zum neunten Mal. Loki knirschte mit den Zähnen.
„Und wieso sollte ich Sie belügen? Was hätte ich davon? Die Erde ist in Gefahr, wir brauchen einen Plan, um diese Kreaturen aufzuhalten, bevor sie ihre Klauen in diese Welt schlagen können. Fällt Midgard, fallen die Neun Welten eine nach der anderen! Wieso wollen Sie das nicht verstehen? Fällt es Ihnen wirklich so schwer zu glauben, dass auch mir etwas an meiner Heimat und den Neun liegt?!"
Loki war laut geworden. Er atmete tief durch, versuchte sich zu beruhigen, und sprach mit gemäßigter Stimme weiter: „Was brauchen Sie von mir, Fury, um mir – sagen wir nicht, um mir zu vertrauen, sondern um mir zu glauben, dass ich Ihnen die Wahrheit sage?"
Der Direktor überlegte einen Moment und fixierte ihn mit seinem verbliebenen Auge. „Du sagst, du hättest diesen Invasionsplan gehört, als diese Majutas dachten, du wärst durch die Folter ohnmächtig geworden? Woher weißt du, dass du nicht hereingelegt wurdest und sie wussten, dass du eben nicht ohnmächtig warst?"
Loki stieß die Luft aus und wollte antworten, wurde aber durch einen Tumult vor der Tür unterbrochen.
Diese flog wenige Augenblicke später polternd auf, und Anthony Stark sowie sein Bruder Thor betraten den Besprechungsraum. Loki erhob sich abrupt von seinem Stuhl und eilte an Tonys Seite. Der Mann war immer noch schwach und sollte eigentlich in seinem Bett liegen. Zumindest hatte Loki ihn dort vor einigen Stunden in der Obhut seines Bruders zurückgelassen. Nun, anscheinend hatten sich die beiden dazu entschlossen, Loki bei seinem – wie es aussah – hoffnungslosen Unterfangen zu unterstützen, S.H.I.E.L.D. davon zu überzeugen, dass eine Invasion bevorstand.
„Anthony, was tust du hier? Du solltest doch ..." begann Loki, wurde aber von Tony barsch unterbrochen.
„Fury, er sagt die Wahrheit, Sie müssen ihm zuhören. Wir haben keine Zeit für Ihr paranoides, misstrauisches Verhalten! Ich war da, ich habe diese Scheißdinger gesehen." Tony hielt dem stählernen Blick des Direktors mühelos stand, obwohl er sich schwer auf Lokis Arm stützen musste. Loki konnte die unterdrückte Wut in Tonys Augen sehen, die auf den Einäugigen abzielte. Er hatte Loki gesagt, dass Fury ihm nicht glauben würde. Nichtsdestotrotz hatte Loki darauf bestanden, alleine zu gehen und es zu versuchen. Tony war nach der tagelangen Gefangenschaft ausgezehrt und mental geschwächt. Thor sollte eigentlich dafür sorgen, dass der Sterbliche eben nicht hier auftauchte und sich total verausgabte.
Sein Bruder warf ihm einen entschuldigenden Blick zu und sagte an Fury gewandt: „Ich zweifle nicht an der Aufrichtigkeit meines Bruders, Direktor. Wenn es um die Verteidigung der Neun geht, standen wir immer Seite an Seite an vorderster Front. Es hat keinen Sinn, Sie zu belügen, wenn die Sicherheit unserer Heimatplaneten auf dem Spiel steht."
„Verdammt, Fury, Sie Bastard! Loki wurde gefoltert und gequält, um militärische Einzelheiten der Welten preiszugeben. Als er nach Stunden immer noch nicht nachgeben wollte, haben sie ihn einfach zum Sterben liegen lassen – und mich dazu. Ich war dabei, falls Sie das nicht mitgekriegt haben! Ich habe gehört, was diese Wahnsinnige zu ihm gesagt hat! Also, wenn Sie ihm nicht glauben wollen, dann glauben Sie mir, verdammt noch mal!" Stark war in Fahrt und starrte Fury wütend an.
Der ganze Raum hielt den Atem an.
„Was?!" schrie der Sterbliche wütend. „Was wollen Sie noch? Wollen Sie die Foltermale sehen oder die gebrochenen Knochen zählen? Er sagt die Wahrheit!" Tony sah zu Steve und forderte seinen Freund stumm um Unterstützung auf.
Steve räusperte sich. „Bei allem Respekt, Direktor. Ich denke, Sie sollten anfangen, Loki als Verbündeten anzusehen. Ich selbst betrachte ihn als meinen Freund. Seit über einem Jahr unterstützt er nun schon das Avengers-Team. Ich hatte nie Grund zur Annahme, dass er unaufrichtig handelte. Im Gegenteil, er war immer hilfreich und hat uns allen mehr als einmal den Rücken gedeckt. Wenn sowohl er als auch Tony sagen, dass eine Invasion bevorsteht, dann glaube ich ihnen. Und ich denke wirklich, dass es an der Zeit ist, einen Verteidigungsplan aufzustellen."
„Hmm ..." Fury dachte immer noch nach. „Nun gut, wenn Sie es so formulieren, Captain ..."
Das war es, dachte Loki. Endlich lenkt er ein.
„Aber", knurrte der Direktor „wenn das ganze eine List ist... wenn ich nur den geringsten Zweifel an deiner Aufrichtigkeit habe, wartet eine Zelle auf dich." Ein dunkles Auge musterte ihn eindringlich.
Loki nickte knapp. Er hatte nichts anderes von Fury erwartet. Hauptsache war, dass sie mit der Planung der Verteidigung und des Gegenschlags beginnen konnten.
Eine weitere Stunde später saßen sie immer noch in dem Raum, und Loki hatte das Gefühl, die Wände würden langsam näher kommen. Er kniff sich in die Nasenwurzel und versuchte, Steve zu folgen, der gerade eine Frage stellte.
„Wenn wir annehmen, dass der Showdown auf einem Raumschiff stattfindet und du dieses Raumschiff mit all den Missgeburten darauf durch ein Portal ans andere Ende des Alls saugen willst, wie wollen wir sicherstellen, dass alle aus dem Team rechtzeitig da rauskommen?"
Tony antwortete für ihn. „Darüber habe ich mir schon Gedanken gemacht, Cap." Er saß auf dem Stuhl direkt neben Loki und sah müde aus. Sein Geist arbeitete jedoch auf Hochtouren, das war nichts Neues bei dem hochbegabten Erfinder. Er wandte sich nun direkt an Loki. „Weißt du noch, wie wir darüber gesprochen haben, ob es einen Weg gäbe, nicht-magische Personen zu beamen?"
„Nun, ich würde nach wie vor nicht dieses Wort benutzen, aber ja, ich erinnere mich", antwortete Loki mit einem Stirnrunzeln. Star Trek ... schon wieder diese Anspielungen, die Anthony manchmal machte, um ihn zu necken, weil er genau wusste, dass die Bedeutung dieser Worte Loki fremd war. „Beam me up, Scotty" war das Erste gewesen, das er zu ihm gesagt hatte, als Loki sie das erste Mal teleportiert hatte. Die „Reißleine" war daher Tonys Idee gewesen. Zumindest hatte er ihn auf die Idee gebracht.
„Ich habe mir einige Gedanken gemacht und bin mir relativ sicher, dass ich einen Gegenstand herstellen könnte, der ein einmaliges Teleportieren an einen bestimmten Ort ermöglicht", führte Loki weiter aus.
„Wie soll das funktionieren?" Natasha Romanoff klang skeptisch.
„Magie", antwortete er. „Ich lege einen Zauber auf einen Gegenstand, zum Beispiel ein Armband. Wird dieses zerbrochen, wird der Zauber darin freigesetzt und bringt die Person, die es trägt, zum Ausgangspunkt des Zaubers zurück."
Tony fügte hinzu: „Wie eine ‚Reißleine', versteht ihr? Wenn es soweit ist, können wir eine große Gruppe Menschen unabhängig voneinander außer Gefahr beamen." Er grinste Loki an und drückte unter dem Tisch seine Hand, was der Gott erwiderte.
„Das müssten wir auf jeden Fall vorher testen. Aber sollte das funktionieren, wäre es eine optimale Lösung", meldete sich Fury wieder zu Wort.
„Hey, Sie haben zugestimmt, Fur. Hätte nicht gedacht, dass Sie dazu im Stande sind." Tony grinste den Direktor an.
Dieser ignorierte ihn jedoch und fuhr fort: „Gut, wir sind alle müde. Der Grundplan steht. Ich setze für morgen 15 Uhr das nächste Meeting an. Das gibt uns genug Zeit, um alle verfügbaren Truppen zu aktivieren und die restlichen Mitglieder des Teams zu instruieren. Wir werden den Plan morgen weiter ausarbeiten und die Zuständigkeiten verteilen. Die Luftabwehr wird derweil den Luftraum überwachen und uns über alle Veränderungen auf dem Laufenden halten. Wir sollten frühzeitig gewarnt werden, wenn diese Mistkerle hier auftauchen. Sie rechnen nicht damit, dass wir mit ihnen rechnen, also hoffen wir, dass uns das einen Vorteil verschafft. Geht heim und ruht euch aus, ich erwarte alle morgen wieder hier im Besprechungsraum." Damit löste er die Versammlung auf.
„Anthony ..." Loki drehte sich zu seinem Gefährten und wollte gerade wütend werden. Als er jedoch sah, wie erschöpft sein Liebster aussah, überlegte er es sich anders. „Wir sollten dich so schnell wie möglich nach Hause bringen. Du musst dich ausruhen. Ich werde dir helfen, zu schlafen." sagte er sanft.
„Ach ja?" Tony zog kokett eine Augenbraue hoch und grinste ihn an. „Und wenn ich nicht vorhabe, zu schlafen?" Loki verdrehte die Augen. Sein Sterblicher war unmöglich.
„Aber Scherz beiseite, Babe." Er fuhr rasch fort: „Wie hast du vor, diese ‚Reißleinen' herzustellen? Du verausgabst dich schon die ganze Zeit, heilst mich und dich selbst, obwohl Thyra dir fast alle Magie geraubt hat, und jetzt willst du auch noch das machen? Woher willst du die Energie dafür nehmen? Ich weiß, du bist ein Gott, Babe, aber ist das nicht ein bisschen viel?" In Tonys Augen las er echte Sorge. Sorge um ihn, Loki.
Dies war etwas, das dem Gott noch nicht oft widerfahren war. Echte Sorge um seine Person war ihm bisher nur in Form seiner Mutter begegnet – und ja, um fair zu bleiben, Thor. Thor sorgte sich um ihn, das hatte er mittlerweile eingesehen und akzeptiert.
Loki beugte sich vor und strich dem Mann durch das kurze braune Haar. Seine Hand blieb auf Tonys Wange liegen. „Keine Sorge, ich habe genug Magie. Außerdem habe ich noch einen von Iduns goldenen Äpfeln. Ich denke, dieser wird meine Regeneration deutlich beschleunigen, Liebster." Damit zog er Tony näher zu sich und hauchte einen Kuss auf dessen Lippen. Das entlockte seinem Sterblichen ein genüssliches „Hmmm ... OK, Babe, dann bring mich nach Hause ..."
Kapitel 2 / Wie es begann
1 Jahr zuvor / Stark Tower / Angriff auf New York
Was tat er nur hier?!
Alles drohte ihm zu entgleiten. Er kämpfte gegen Thor, er wollte nicht gegen Thor kämpfen. Er war wütend, er wollte nicht wütend sein. NEIN! Loki war lange genug wütend gewesen, hatte zugelassen, dass diese Wut das Einfallstor in seinen Geist gewesen war. Thanos, der Titan, hatte ihn manipuliert und unterworfen. Er wollte nicht darüber nachdenken, wie Thanos das gemacht hatte. Schmerz, Dunkelheit... NEIN!
„Bruder, sieh dich doch um!" Thor stand vor ihm, rang mit ihm. NEIN! Loki konnte ihn sehen, wusste, dass sein Körper dort stand, aber sein Geist war gefangen. Gefangen von dem verfluchten Zepter, das er in Händen hielt. Thor musste doch sehen, dass dies nicht er selbst war, musste doch erkennen, dass dieser Wahnsinnige nicht sein Bruder war. Loki kämpfte gegen die geistigen Fesseln an, er musste Thor sagen, was hier vor sich ging. NEIN! Dann endlich ein lichter Moment.
„Es ist zu spät..." hauchte Loki.
„Nein, es ist noch nicht zu spät, Loki. Zusammen können wir es schaffen", Thors Augen leuchteten auf. Und dann schien er es zu bemerken. Das kurze Flehen in den Augen seines Bruders, dessen grüne Augen plötzlich wieder ein helles Eisblau annahmen. Es war nur ein Augenblick, aber es genügte, um Thor klarzumachen, dass Loki nicht er selbst war. Erleichterung durchflutete ihn. Und dann wurde alles schwarz, als Mjölnir ihn seitlich am Kopf traf. Sehr einfallsreich, Thor...
Als er wieder zu sich kam, war er mit Handschellen an den Tresen der Bar im Stark Tower gefesselt. Der Mann, der ihm hier vor kurzer Zeit einen Drink angeboten hatte, stand vor ihm. Zusammen mit den restlichen Avengers, bemerkte er, als er sich in dem vom Kampf demolierten Raum umsah.
Außerdem war da ein Mann mit langem Ledermantel und Augenklappe, der ziemlich finster dreinblickte. Alle Ausgänge waren mit Sicherheitsmännern in schwarzen Anzügen besetzt worden.
Zwei tiefe Löcher im teuren Marmorboden zeigten an, wo er kurz und schmerzhaft mit dem Hulk aneinander geraten war. Wieso ihm diese Hiebe nicht geholfen hatten, den Bann zu brechen und erst sein Bruder mit Mjölnir auf ihn einschlagen musste... na ja, auch egal.
Loki schluckte. „Wenn es keine Umstände macht, würde ich jetzt gerne den Drink annehmen."
War da etwa ein leichtes Schmunzeln auf Iron Mans Gesicht gewesen, bevor dieser sich umdrehte und einen großzügigen Schluck Bourbon Whiskey in zwei Gläser goss? Das hatte er sich bestimmt nur eingebildet. Eines der Gläser wurde vor ihm abgestellt.
„Sorry, aber der Single Malt ist momentan aus."
Loki grinste den Mann aus Eisen schelmisch an. „Danke, ich denke, das wird reichen."
Verdammt, Iron Man grinste tatsächlich zurück. Loki nahm einen großen Schluck der goldenen Flüssigkeit und genoss das heiße Gefühl, das sich langsam in seinen Gliedmaßen ausbreitete. Seit Monaten war ihm nicht mehr richtig warm gewesen.
Thor beugte sich vor und umfasste seinen Kopf mit der vertrauten Geste. Seine große Hand lag an seinem Hals, sein Daumen ruhte auf seinem Wangenknochen.
„Bruder, sag mir, bist du es? Sieh mich an."
Loki sah ihm fest in die Augen. „Ich bin es, Bruder."
„Loki, was ist passiert?" Thor sah besorgt aus. „Weißt du, was du getan hast?"
„Es tut mir leid, Thor, ihr alle. Es... es tut mir leid. Ich... ich war machtlos gegen den Titan. Ich konnte es nicht verhindern." Was tat er hier? Er entschuldigte sich? Es war egal, alles war egal. Sollten sie mit ihm doch machen, was sie wollten.
Sein Geist war geschwächt von der Tortur, die er durchlebt hatte, sein Körper war gebrochen und er blutete aus mehreren Wunden. Er konnte die Feuchtigkeit unter seiner Rüstung spüren. Seine Magie versagte. Das musste mit der Gedankenkontrolle zu tun haben. Sein Blick war unfokussiert, und Thors Gesicht verschwamm immer wieder vor seinen Augen.
„Fragt den Falken, wenn ihr mir nicht glaubt", fügte er leise hinzu.
Loki senkte den Blick, er konnte die Enttäuschung in Thors Blick nicht ertragen. Er hatte versagt, war unwürdig, wieder einmal, wie so oft in seinem Leben. Er war so müde.
Hawkeye, Clint Barton, rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. „Was soll das denn heißen?! Willst du mir erzählen, deine Gedanken wurden kontrolliert?"
„Loki von Asgard, mein Name ist Nick Fury, ich bin der Direktor von S.H.I.E.L.D. Das steht für Strategische Heimat-Interventions-, Einsatz- und Logistik-Division. Wir sind ein US-amerikanischer Geheimdienst, und uns obliegt es, für die Sicherheit der Erde zu sorgen, vor allem, wenn es sich um Bedrohungen von ‚außerhalb' handelt. Ich schlage vor, du erzählst uns jetzt alles von Anfang an, wenn du nicht im Hochsicherheitstrakt unserer Einrichtung landen willst." sagte der Einäugige in einem strengen Ton. Dieser Mann machte keine Scherze, erkannte Loki. Er würde ihn in eine Zelle stecken und den Schlüssel wegwerfen, wenn er ihm nicht die richtigen Antworten gab. In seinem jetzigen Zustand könnte er nicht viel dagegen ausrichten, dachte er bitter.
Loki nickte und straffte die Schultern, alle Augen waren auf ihn gerichtet. Sie wollten seine Geschichte hören, na schön. Geschichten konnte er schon immer gut erzählen, also fing er am Anfang an. Als Thor den Bifröst zerbrochen hatte und er über dem Abgrund hing und, na ja...
„... also ließ ich los." Er hörte, wie Thor neben ihm schwer schluckte, und nahm nochmals einen Zug von seinem Bourbon. „Ich fiel durch Dunkelheit. Ich weiß nicht, wie lange. Ich hatte eigentlich nicht vor, den Sturz zu überleben. Es tut mir leid, Thor, aber damals dachte ich, es wäre wohl das Beste für alle, wenn ich mich aus der kosmischen Gleichung entferne." Er sagte es ohne jede Emotion und war überrascht, als ein Bruder seine gefesselten Hände ergriff und schmerzhaft drückte.
„Wie konntest du nur so etwas denken, Bruder?", fragte Thor schockiert.
„Nun, ich bin nicht dein Bruder. Sicherlich hat dir der Allvater dies mittlerweile mitgeteilt. Ich bin ein Eisriese, das Monster aus den Kindergeschichten unserer Welt, dessen Geburtsrecht nichts weiter ist als der Tod. Ich war dir nie ebenbürtig. Wieso mich Odin damals vom Schlachtfeld mitgenommen hat, weiß ich bis heute nicht. Also..." Loki schluckte schwer. „Also ließ ich los und fiel. Aber zu meinem Missvergnügen schlug ich schließlich auf einem kleinen Planeten am Rande des Sonnensystems auf. Es war schmerzhaft, das versichere ich euch. Es war eine Kolonie der Chitauri und zu meinem Pech hatten sie gerade einen hohen Gast."
Er erzählte, wie die Chitauri ihn gefangen nahmen und Thanos ihn schließlich als Tribut forderte. Der Titan nahm ihn zuerst wohlwollend auf und behandelte ihn als den Prinzen, der er war. Doch schnell zeigte sich, welche Absichten er wirklich verfolgte. Er wollte das Universum „säubern" und Loki als Marionette für die Neun Welten benutzen.
„...um sich etwas Arbeit zu ersparen." Loki ließ ein freudloses Lachen hören, sein Glas war mittlerweile leer und seine Stimme rau. Er war so unglaublich müde.
„Was du dann auch freiwillig gemacht hast?!" warf die rothaarige Frau skeptisch ein.
Loki sah sie wütend an. „Natürlich nicht", zischte er. „Mein Leben lang habe ich die Neun Welten verteidigt. Ich hatte nicht die geringste Lust, mich den Plänen des Titanen anzuschließen."
„Wieso hast du es dann doch gemacht und diese Katastrophe über die Erde gebracht? Hätte Tony nicht diese Atomrakete in das Portal gesteuert und sein Leben riskiert, wäre diese Sache noch viel schlimmer ausgegangen. Womöglich hätten die Chitauri sogar gewonnen und der Plan dieses Thanos wäre aufgegangen." Clint war unversöhnlich und warf dem Gott einen giftigen Blick zu.
Lokis Stimme bebte leicht, als er antwortete: „Er... er hat... Thanos kann sehr überzeugend sein."
„Das ist alles, was wir bekommen?" Clint war nun richtig wütend. „Du..."
„Folter, Barton!", schnappte Tony plötzlich wütend. „Und jetzt halt die Klappe und lass den Mann reden." Loki blickte zu dem Mann ihm gegenüber, dieser schenkte nur ungefragt nach und stieß mit seinem eigenen Glas kurz gegen Lokis. „Cheers, und willkommen im beschissensten Club der Welt. Ich erkenne die Anzeichen, wenn ich sie vor mir sehe."
„Bruder?"
„Ja, Thor." bestätigte Loki und senkte den Blick auf sein Glas. „Der Titan schreckt vor nichts zurück, um seine Ziele zu erreichen. Sie folterten mich, solange bis ich brach und ihnen gab, was sie wollten. Ein Gefäß für seinen Willen." Er blickte auf und begegnete braunen Augen. „Es tut mir leid, Stark, ich wollte dich nicht aus diesem Fenster werfen. Ich hatte keinerlei Kontrolle über meinen Körper, ich konnte nur aus zweiter Reihe zusehen."
„Uhh, hmm. Ja, ich denke mal, das geht schon in Ordnung, Loki. Immerhin bin ich noch am Leben und so." Winkte Tony ab.
Nach diesem Geständnis verfiel er in Schweigen.
Die Stille lastete schwer auf dem demolierten Raum. Was sollte er sonst noch sagen? Er hoffte, niemand würde die unausgesprochenen Fragen stellen, die im Raum schwebten. Wie lange? Was haben sie dir angetan? Nein, das würde er nicht beantworten. Sie hatten kein Recht... er war so müde.
Dann plötzlich...
„Ich persönlich finde ja, dass die grünen Augen dir tausendmal besser stehen als dieses gruselige Blau", sagte Stark in die angespannte Stille und brach damit den Bann. Loki schenkte dem Sterblichen ein kurzes Lächeln.
Alle Augen richteten sich nun kurz auf Stark und blickten dann zu Nick Fury. Loki saß wie eine Statue, blickte den Direktor ausdruckslos an und wartete. Wie würde das Urteil ausfallen?
Kapitel 3 / Sooo müde
„Bewährung und Unterstützung der Avengers", so lautete das Urteil des Direktors von S.H.I.E.L.D., ausgesprochen mit so viel Misstrauen in der Stimme, dass Loki sich fragte, wann der Direktor es sich anders überlegen würde und ihn in diese angedrohte Zelle werfen würde.
Loki saß immer noch wie erstarrt auf seinem Stuhl, noch hatte ihm niemand die Fesseln abgenommen. Er beobachtete seinen Bruder, der mit dem Einäugigen am anderen Ende des Raumes sprach.
„Ich werde natürlich ein Auge auf meinen Bruder haben, Direktor", hörte er ihn sagen. „Aber zuerst kehre ich kurz nach Asgard zurück und berichte meinem Vater von den Vorkommnissen. Ich komme so schnell wie möglich zurück nach Midgard." Fury nickte und bat Thor, dem Allvater seine besten Wünsche zu bestellen, bevor er mit seiner Delegation aus Anzugträgern endgültig abzog.
Als Thor sich mit ernster Miene zu dem nun etwas leereren Raum umdrehte, fixierte er Iron Man, zwang ein leichtes Lächeln auf sein Gesicht und fragte:
„Freund Stark, hast du noch ein Zimmer in deinem Turm für meinen Bruder frei?"
„Ein Zimmer in meinem Turm? Was denn, bin ich jetzt der Zauberer von Oz?", lachte Tony. „Ja, ich denke, ich habe noch ein Zimmer frei. Ähm, wer hat denn die Schlüssel für diese Handschellen? Er kann ja schlecht die ganze Nacht hier sitzen bleiben."
Die rothaarige Frau, er glaubte, ihr Name war Natasha, stand auf und ließ einen kleinen Schlüssel in ihre Hand gleiten. Während sie seine Fesseln löste, blickte sie ihm forschend in die Augen. Loki erwiderte ihren Blick; er wusste, sie suchte nach Verrat. Ich will euch nichts Böses, dachte er. Und als die Handschellen endlich mit einem Klick aufsprangen, meinte er, ein leichtes Nicken bei der Assassin zu bemerken. Er war sooo müde.
Aufrecht zu stehen, erwies sich als schmerzhafter, als er angenommen hatte. Er schwankte leicht, versuchte aber mit aller Macht, die ihm noch geblieben war, diese Schwäche nicht zu zeigen.
Thor trat zu ihm und ließ eine schwere Hand auf seine Schulter fallen. Verdammt, Bruder!
Er verlor fast das Gleichgewicht. Thor schien dies zu spüren und ergriff stattdessen seinen Unterarm, sodass Loki sich darauf abstützen konnte. Er war seinem Bruder dankbar für diese simple Geste und hoffte, dass dies alles unbemerkt geblieben war.
Keiner schien sie zu beachten. Die Avengers hatten angefangen, sich zu zerstreuen und ihre Wunden zu lecken. Niemand schien schwerwiegend verletzt zu sein.
Thor lehnte sich zu ihm und flüsterte: „Bruder, erwarte mich am morgigen Tag zurück. Versuche in der Zwischenzeit, etwas zu ruhen, du siehst schrecklich aus. Ich werde versuchen, dir Iduns Heilmittel zu verschaffen, ja?"
Thor wusste um Lokis Stolz und versuchte, ihn nicht vor den Anwesenden mit seiner offensichtlichen Schwäche zu konfrontieren. Er hätte auch darauf bestehen können, mich auf mein Zimmer zu tragen, dachte Loki und musste leise auflachen. Offensichtlich hatte sich sein Bruder in seiner Abwesenheit weiterentwickelt. Das hätte er ihm gar nicht zugetraut. Und offensichtlich machte er sich aufrichtig Sorgen um ihn. Um Iduns Äpfel zu bitten, war nichts, was man jeden Tag tat. Er war neugierig, ob Odin seinem Erstgeborenen diesen Wunsch gewährte.
„Danke... Bruder", er schenkte Thor ein leichtes Lächeln.
„Ähm, Thor, Loki? Wann immer ihr soweit seid..."
Er hatte nicht bemerkt, dass Stark in der Nähe stand, bis dieser sprach. Bei den Göttern, er war soooo müde.
Unter einigen Schwierigkeiten löste er sich von Thor und fokussierte sich auf den Sterblichen. Dieser führte den Gott eine gewundene Treppe hinauf und in ein geräumiges Zimmer am Ende des Ganges.
„Bitte sehr. Falls du noch etwas brauchst, mein Zimmer ist direkt gegenüber. Oder du fragst einfach JARVIS. JARVIS, falls Loki etwas braucht, sei so gut und sag ihm, wo er alles findet, ja?"
„Natürlich, Sir", antwortete die angenehm melodische Stimme der AI.
Loki war zu erschöpft, um sich dadurch irritieren zu lassen. Sein Geist war in einem äußerst fragilen Zustand, und er hatte zahlreiche Verletzungen davongetragen. Es fühlte sich an, als würde er sich langsam auflösen. Er war nichts weiter als Sternenstaub, Partikel, die durch Zeit und Raum trieben. Losgelöst von seinem Körper, nicht mehr Herr über seine Sinne. Taub. Unbedeutend. NEIN!
Seine Finger begannen zu kribbeln, und er stolperte über seine eigenen Füße. Wäre gefallen, hätte Stark ihn nicht im letzten Moment aufgefangen. NEIN! Er war nicht schwach! Wie konnte er es wagen! Aber er konnte sich aus eigener Kraft nicht wieder aufrichten und musste zulassen, dass der Sterbliche ihn auf das Bett bugsierte. Als Stark seine Hände zurückzog, glänzten diese rot.
Oh, das war dann doch etwas viel Blut, selbst für einen Gott. Loki war sooo müde.
Er hob die Hände vor sein Gesicht und betrachtete seine Handflächen. Versuchte, seine Magie zu rufen, aber nichts passierte. Das war nicht gut, etwas stimmte nicht, und er verblutete. Er verblutete schon die ganze Zeit, die ganze Zeit ... Wie lange hatte er erzählt? Wie lange hatte der Direktor gebraucht, um sein Urteil über ihn zu fällen?
Wie durch einen hellen Schleier sah er den Sterblichen hektisch im Zimmer nebenan verschwinden und mit Tüchern und Binden in den Armen zurückkehren. Hörte ihn wie aus weiter Ferne mit der AI sprechen und schließlich eilige Schritte den Flur entlang kommen. Der Hulk, nein, Dr. Banner kam ins Zimmer gerannt.
Loki war sooo müde ...
Tony versuchte, die Ruhe zu bewahren, aber verdammt noch mal, dieser Gott verblutete gerade auf seinem Gästebett. Wieso hatte es keiner bemerkt? Kann das überhaupt möglich sein? Sollte er sich nicht irgendwie selber heilen können? Bei Thor war das zumindest so. Er hatte angenommen, die Asen hätten so eine Art Superman-Power-Heilkraft.
Als ihm Loki praktisch in die Arme getaumelt war, war das schon Schock genug gewesen. Aber als er dann das ganze Blut auf seinen Händen bemerkt hatte, war er richtig in Panik verfallen.
„Bruce, beeil dich, verdammte Scheiße!" rief er den Flur entlang, aber der Doc war bereits an seiner Seite.
„Was zum Teufel ...", begann er. „Hilf mir, die Wunde freizulegen, Tony. Ich muss sehen, woher das ganze Blut kommt." Gemeinsam machten sie sich daran, dem Gott die Rüstung auszuziehen.
Wäre nur Thor noch hier, aber der Donnergott war vor zehn Minuten auf spektakuläre Weise von der Plattform des Stark Towers verschwunden. Tonys Hände fanden die letzte Schnalle der Rüstung und er streifte den schweren Lederpanzer von Lokis Schultern. Bruce zog dem Gott das Untergewand über den Kopf. Mit einem widerlich klatschenden Geräusch schlug der durchnässte Stoff auf dem Boden auf. Tony wollte gar nicht darüber nachdenken, wie viel Blut er mittlerweile verloren hatte. Wie viel Blutverlust konnte so ein asgardischer Prinz verkraften? Was würde Thor sagen, wenn er morgen zurückkäme und einen toten kleinen Bruder vorfinden würde? Er warf Bruce einen Blick zu und wusste, dass dieser das gleiche dachte wie er. SCHEIßE!
„OK, ich kann die Wunde sehen. Hier scheint etwas ... verdammt, was ist das?" Bruce starrte auf die eigentlich ziemlich kleine Wunde an Lokis Seite.
Diese schien nicht weiter schlimm zu sein, aber aus irgendeinem Grund hörte sie nicht auf zu bluten. Ein stetiger Fluss aus Rot breitete sich über die linke Seite des Gottes aus.
„Fuck, was ist das, Bruce? Ist das hier die scheiß Kreuzigung Christi?! Was steckt da in der Wunde?"
Tony hatte keine Ahnung von Medizin, aber er war sich sicher, dass ein „Leuchtstab" nichts in der Brust eines Gottes zu suchen hatte. Das Teil sah wirklich aus wie eines dieser kleinen Knick-Dinger, die im Schwarzlicht fluoreszierten, nur kleiner. Es glühte irgendwie grün und sah geradezu giftig aus. Woher zum Teufel kam das denn? Tony hatte nicht bemerkt, dass die Chitauri solche Waffen eingesetzt hatten. Alles, was er gesehen hatte, waren Plasmawaffen gewesen.
„Wir müssen es entfernen, womöglich ist das der Grund, warum er sich nicht selbst heilen kann", sagte Bruce.
„Also sollte er sich selbst heilen können, so wie Thor?" Tony suchte bereits hektisch nach einer Zange oder Pinzette, mit der sie den Stab herausziehen konnten.
„Ja, nachdem, was ich aus Thors Erzählungen schließen konnte ... Gib mir das, Tony, das müsste gehen." Bruce schnappte sich die kleine Spitzzange aus Tonys Griff und richtete sich nun direkt an Loki: „Loki, LOKI, hörst du mich?! Du hast einen Fremdkörper in der Seite, der dich womöglich daran hindert, dich selbst zu heilen. Wir werden jetzt versuchen, ihn zu entfernen. Leg dich zurück und versuch, still zu halten, ja?"
Tony half dem Gott, sich hinzulegen, er spürte, wie dieser zitterte, glaubte aber nicht, dass er noch viel von seiner Umgebung mitbekam. Seine Augen blickten trübe an die Decke des Gästezimmers und seine Pupillen verengten und weiteten sich unkontrolliert. „Beeil dich, Bruce, ich glaube, er kollabiert."
Bruce setzte die Zange vorsichtig an das Ende des Stabes, und nachdem nichts weiter Außergewöhnliches passierte, begann er langsam zu ziehen. Loki stöhnte vor Schmerz laut auf, und Tony griff reflexartig nach der Hand des Mannes, drückte fest zu, um ihm Halt zu geben.
„Es bewegt sich! Gleich geschafft! Tony, halt ihn weiter fest!" Bruce hatte Schweiß auf der Stirn.
Tony sah zu, wie er den Stab Zentimeter für Zentimeter weiter aus Lokis Seite zog. FUCK! Wie lange war dieses Ding denn?! Endlich kam das Ende des Stabs zum Vorschein. Tony hatte nur einen kurzen Blick dafür übrig, konnte aber sehen, dass es ein fieses kleines spitzes Ende war. Er ließ die Hand los und drückte sofort ein steriles Tuch auf die blutende Wunde. Loki zog scharf die Luft ein. Der Mistkerl war immer noch bei Bewusstsein. Er wusste ja nicht, wie der Gott die ganze Sache sah, aber so eine kleine sterbliche Ohnmacht hatte doch manchmal etwas für sich. Er musste starke Schmerzen haben.
„Bruce..."
„Ich bin da, Tony, nimm die Hände weg und lass mich sehen."
Bruce desinfizierte die Wunde und stellte erleichtert fest, dass diese bereits fast aufgehört hatte zu bluten. Er ließ sich mit einem leichten Lachen zurückfallen.
„Gott sei Dank. Anscheinend war es wirklich dieses Ding in seiner Seite, das ihn an der Heilung gehindert hat. Sieh nur, die Wunde hat sich schon fast von alleine geschlossen." sagte er erleichtert.
„Doc, wir müssen dieses Teil unbedingt analysieren. Morgen. Ich brauch jetzt erst mal ein bisschen Ruhe", Tony stieß die Luft aus, die er angehalten hatte, seit der Doc die Zange angesetzt hatte.
Er war an diesem Tag beschossen worden, aus einem Fenster im 50. Stock gefallen, hatte eine Atomrakete in ein verdammtes außerirdisches Portal geflogen, war anschließend fast gestorben und jetzt noch dieser Hokuspokus-Kram. Das war alles ein bisschen viel auf einmal, selbst für Iron Man.
Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit würden die Ereignisse des heutigen Tages es in die Top 3 seiner schlimmsten Alpträume schaffen. Wunderbar. Er ließ seine Hand auf Lokis Schulter fallen, nicht nur um dem Gott zu signalisieren, dass er es überstanden hatte, sondern auch um sich selbst an irgendetwas festzuhalten.
„Du hast es geschafft, Loki. Aber das nächste Mal sag doch einfach kurz vorher Bescheid, bevor du umfällst."
Eine überraschend starke Hand legte sich auf seinen Oberarm und drückte kurz zu. „Ich danke euch", murmelte der Gott und schloss kurz die Augen.
Als er sie öffnete, nahm er die Hände, die ihm entgegengestreckt wurden, bereitwillig an und ließ sich von Tony und Bruce hochziehen. Er schien immer noch wackelig auf den Beinen zu sein, wollte aber keine weitere Hilfe annehmen.
Als er ihnen den Rücken zuwandte, um in das kleine Bad zu gehen, sog Bruce scharf die Luft ein. Tony wurde leicht übel, als er sah, was der Titan Loki angetan hatte. Die Narben auf dessen Rücken schienen zwar schon zu verblassen, es waren aber dennoch genug davon übrig, um die stumme Geschichte der Folter zu erzählen.
Loki verschwand ohne ein weiteres Wort in dem kleinen Badezimmer und schloss die Tür hinter sich. Wenig später hörten sie Wasser rauschen.
Bruce sah Tony beklommen an. „Sollen wir...?"
„Nein", sagte Tony bestimmt, mit einer Härte in der Stimme, die Bruce aufhorchen ließ. „Wir lassen ihn in Ruhe und erwähnen das, was wir gerade gesehen haben, mit keinem Wort. Auch nicht den anderen gegenüber, Bruce. Das geht niemanden etwas an." Seine Augen waren dunkel geworden.
„Tony, wenn dich das hier an Afghanistan erinnert..."
„NICHT! Bitte, Bruce, es ist in Ordnung. Aber ich denke nicht, dass Loki es dir danken würde, wenn du weiter nachbohrst und den Terror wieder aufleben lässt", sagte er bestimmt. „Gib ihm Zeit. Und du hast doch gesehen, dass er seine Selbstheilungskräfte wieder hat. Die Narben werden verblassen." Äußerlich dachte Tony bitter, innerlich ist es eine andere Sache.
Er wusste, dass sich sein Freund Sorgen um ihn machte. Alle machten sich Sorgen um ihn. Ja, er war in Afghanistan gefoltert und gezwungen worden, Waffen zu bauen. Er wäre durch die stümperhaften Folterknechte fast ertrunken, und er wachte immer noch fast jede Nacht schreiend auf. Aber das musste er ja niemandem auf die Nase binden.
„Mit mir ist alles in Ordnung", bekräftigte er noch einmal. „Lass mich noch kurz aufräumen. Bringst du den Stab bitte runter ins Labor? Ich möchte zu gerne wissen, was das für ein Ding ist."
„Ja klar, mach ich. Auf den ersten Blick würde ich sagen, er gibt irgendeine Art von Strahlung ab. Aber das können wir morgen genauer untersuchen", Bruce wusste, wann es aussichtslos war, mit Tony zu diskutieren. Also packte er seine Arzttasche und den „Leuchtstab des Grauens" ein und machte sich auf den Weg ins Labor des Stark Towers. „Gute Nacht, Tony."
„Nacht, Doc." Tony hatte sich bereits daran gemacht, die blutigen Decken zu entsorgen und neue zu beziehen.
Er hob gerade das blutige Stoffbündel auf, als sich die Badezimmertür öffnete.
„Wie fühlst du dich?", fragte er sofort.
Der Gott sah bleich aus, aber unbestreitbar kräftiger als vorher. Ein leichter grüner Schimmer schien ihn zu umhüllen.
„Danke, schon etwas besser, Stark. Dieses Ding schien meine Magie zu blockieren. Nun spüre ich sie langsam zurückkehren." Er sah ihn aus ruhigen grünen Augen an.
Tony spürte ein leichtes Kribbeln, ignorierte das Gefühl aber. „Das ist gut. Versuch, dich auszuruhen. Ich habe dein Bett frisch bezogen und werde versuchen, das hier", er hob das blutige Stoffbündel hoch, aus dem leise Blut auf den Boden tropfte, „für dich zu reinigen. Wenn du etwas brauchst, weißt du ja, wo du mich findest. Gute Nacht, Loki." Damit drehte er sich um und verließ den Raum.
Kapitel 4 / Alpträume und Harry Potter
„Danke", flüsterte Loki.
Er ließ sich auf das frische Bett sinken und barg seinen Kopf in den Händen. Langsam fuhr er sich mit den Händen durch das lange, feuchte, schwarze Haar.
Es war äußerst beunruhigend, dieser Magie blockierende Splitter in seiner Seite ...
Er musste unbedingt herausfinden, wie so etwas möglich sein konnte. Seiner Magie beraubt zu werden, war das Schlimmste, was man ihm antun konnte, und auch das Gefährlichste. Ohne seine Magie war er schutzlos, wie man soeben gesehen hatte. Eine winzige Wunde, und er blutete aus wie ein gewöhnlicher Sterblicher!
Aber darüber würde er sich morgen Gedanken machen. Was er jetzt brauchte, war Zeit, um zu heilen und zu ruhen. Allerdings bezweifelte er, dass er Schlaf finden würde. Die Erzählung seiner Geschichte hatte kaum verheilte Wunden wieder aufgerissen. Loki legte sich auf das erstaunlich bequeme Bett und schloss die Augen. Tatsächlich driftete er nach wenigen Augenblicken in einen unruhigen Schlaf.
„Du wirst tun, was ich dir befehle, oder du wirst leiden. Was darf es sein, oh allmächtiger Gott des Unheils?", verspottete der Titan ihn. „NEIN, ich werde dir nicht dienen! NIEMALS!", spie er aus.
„Wie du willst..." Der Ansturm auf seinen Geist begann erneut. Wie eine Welle, ein Tsunami, der gegen seinen Geist brandete und drohte, alles hinfortzureißen, was ihn ausmachte. Loki stemmte sich dagegen, versuchte verzweifelt, Herr über seine Sinne zu bleiben... und dann kam der physische Schmerz: rot, glühend, reißend... „NEIIIN!"
Mit klopfendem Herzen schreckte Loki aus seinem Alptraum. Sein ganzer Körper war von kaltem Schweiß bedeckt. Er zitterte, konnte den Schmerz immer noch spüren. Nein!
Loki atmete schwer, bekam keine Luft. Er musste nach draußen, er konnte die Enge des Zimmers plötzlich nicht mehr ertragen. Die Wände schienen immer näher zu kommen. Stolpernd kam er auf die Bein und wankte einen fremden Flur entlang. Wo war er?! Er musste hier raus! Bitte! Die Panik drohte ihn zu überwältigen. Er atmete stoßweise in schnellen Zügen und bekam trotzdem keinen Sauerstoff in seine Lungen. NEIN ... BITTE!
„Loki?" Er blieb wie angewurzelt stehen und lehnte sich keuchend gegen die Wand des weitläufigen Flurs.
Diese Stimme kannte er ... Die Realität kehrte mit einem Ruck zurück und rastete ein. Er befand sich im Stark Tower in New York, Midgard. Die Stimme gehörte Iron Man, Tony Stark. Der Mann kam auf ihn zu, verschlafen und mit tiefen Augenringen.
„Alptraum, hmm? Willkommen im Club." Stark gähnte und bedeutete Loki, ihm zu folgen. „Ich muss an die frische Luft, willst du mitkommen?"
Lokis Atmung hatte sich etwas normalisiert, und er nickte kurz. Dieser Sterbliche schien immer zu wissen, was er brauchte. Wieso? Und wieso half er ihm?
Sie hatten das Ende des Ganges erreicht und betraten einen großen, runden Raum, der mit gemütlichen Sofas, einem riesigen Plasmabildschirm und einer Bar ausgestattet war. Außerdem waren sie plötzlich von großen Glasfronten umgeben. Stark ging auf eine dieser Fensterscheiben zu, und öffnete sie mit einer Berührung.
Loki trat erleichtert ins Freie und sog gierig die frische Nachtluft ein. Sie standen auf einem kleinen Balkon hoch oben im 55. Stock des Stark Towers und blickten auf das nächtliche New York. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach, und lange Zeit sprach keiner der beiden ein Wort.
„Wieso?" fragte Loki schließlich so leise, dass der Sterbliche so tun konnte, als hätte er die Frage überhört.
„Wieso was, Loki?" kam die Antwort beinahe sofort. Stark hatte mit geschlossenen Augen an der Brüstung gelehnt. Sah ihn jetzt aber fragen an.
„Wieso hilfst du mir, Stark? Du hättest jedes Recht, mich zu hassen, so wie deine Teamkollegen. Ich habe dich aus diesem Gebäude geworfen und versucht, deine Welt zu übernehmen." Flüsternd fügte er hinzu: „Ich habe Menschen getötet."
Der Mann sah ihn lange an. Loki spannte sich unter diesem intensiven Blick unbewusst an. Mit einem tiefen Atemzug richtete er sich zu seiner vollen Größe auf, um seine eigenen Unsicherheit zu überspielen. Er hatte Angst vor dem Urteil dieses Menschen, würde ihm das aber unter keinen Umständen zeigen.
„Nun, 1. bist du unser Verbündeter, 2. sagen die Leute zwar, dass ich ein unverbesserlicher Narzisst bin, aber es macht mir keinen Spaß, andere Leute leiden zu sehen, 3. glaube ich nicht, dass dich die anderen hassen. Hass ist ein ziemlich starkes Wort, 4. hast du dich für den Freiflug bereits bei mir entschuldigt, Harry Potter, und ich habe die Entschuldigung angenommen, 5. warst du nicht du selbst, Loki, du wurdest quasi ferngesteuert." Stark hatte nacheinander alle Finger seiner rechten Hand eingeklappt, um die einzelnen Punkte zu unterstreichen.
„Was passiert, wenn dir die Finger ausgehen, Stark? Machst du dann mit deinen Zehen weiter?" neckte Loki mit einem kleinen Grinsen im Gesicht.
Braune Augen blitzten belustigt auf. „Oh, mach nur so weiter, Potter", lachte er, wurde aber sofort wieder ernst. „Was die toten Menschen angeht... Was weißt du über mich, Loki, Prinz von Asgard?"
Loki zog überrascht die Augenbrauen hoch. Er hatte einiges an Nachforschungen angestellt, um zu wissen, auf welche Art von Widerstand er auf Midgard treffen würde. Gedankenkontrolle hin oder her.
„Bezieht sich deine Aussage auf den ‚Händler des Todes'? Auf die Waffengeschäfte, die du früher durchgeführt hast, Stark? Es besteht ein feiner Unterschied darin, ob man Waffen herstellt oder diese selber führt, denkst du nicht?", fragte er vorsichtig. Er konnte spüren, dass dies ein heikles Thema war.
„Ja, nein. Ich denke, es ist genauso schlimm, vielleicht sogar noch schlimmer." Er seufzte. „Weißt du, an einem Punkt war es mir egal, wer die Waffen benutzt hat. Ich wollte sie perfektionieren, sie kleiner, effektiver, noch tödlicher machen." Stark sah ihn immer noch ernst an. „Ich war ein vollkommen Wahnsinniger, und sie haben mich gefeiert. Mir immer mehr Geld gegeben, und ich habe nicht einmal gemerkt, was ich da die ganze Zeit gemacht habe. Ich habe den Tod hergestellt, tausende haben durch meine Hand ihr Leben verloren. Hätte mich nicht damals jemand, der wie ein Vater für mich war, verraten und verkauft, hätte ich wohl immer so weitergemacht." Es klang bitter, und Loki konnte den Schmerz nachfühlen.
„Man hat dich verraten, Stark?" fragte er sanft und wandte sich dem Sterblichen nun ganz zu.
Er war fast ein Kopf kleiner, mit strubbeligem braunem Haar und diesen braunen Augen, die immer noch ernst zu ihm aufblickten. Aber da war noch etwas anderes, ein Schmerz, eine Verletzlichkeit, die der Mann zu verbergen suchte. Es gelang ihm fast, wäre er nicht dem Gott der Lügen gegenübergestanden. Loki war gut darin, Menschen zu lesen, es war sogar noch leichter als bei seinesgleichen. Er würde Stark nicht bloßstellen, er mochte diesen Menschen. Was hätte er denn davon? Stattdessen legte er in einer fragenden Geste seinen Kopf zur Seite und wartete.
„Ja. Eigentlich sollte ich bei der ganzen Sache draufgehen. Stattdessen hat mir eine von meinen eigenen Raketen nur die Brust zerfetzt. Deshalb habe ich jetzt diesen Arc-Reaktor in der Brust." Er klopfte kurz auf die Stelle, an der sein Herz sein sollte, und Loki hörte einen metallischen Ton. „Um die Schrapnelle um mein Herz daran zu hindern, mich zu töten. Falls du dich gewundert hast, ob das leuchtende blaue Ding einen Zweck erfüllt oder nur ein verrücktes neues Modeaccessoire ist."
Lokis Blick huschte über die Brust des Sterblichen, unter dessen T-Shirt ein blauer Kreis leuchtete. Loki konnte die Energie des Reaktors spüren, sagte aber nichts und ließ Stark weitersprechen.
„Nachdem sie mich nicht töten konnten, sollte ich für sie Waffen herstellen. Ich weiß, ich weiß, sehr einfallsreich, nicht wahr?", lachte Stark bitter. „Ich muss leider sagen, dass ich schon immer eine große Klappe hatte und nicht immer weiß, wann es besser ist, still zu sein. Ich hab den Bastarden gesagt, sie sollen sich zum Teufel scheren. Das haben sie nicht so gut aufgenommen und mich... na ja, du weißt ja, zu was Tyrannen fähig sind." Stark sah ihn fragend an. Verstand er, was er meinte, oder musste er es aussprechen?
„Ja, Stark, ich weiß, zu was sie fähig sind", bestätigte Loki knapp.
„Na ja, nachdem ich... nachdem sie mich... hmmpf", der Mann schluckte, „ich bin entkommen mit einem Anzug, den ich mir selbst zusammengeschweißt hatte. Leider hat der Mann, der mein Leben gerettet hat, es nicht geschafft. Jinseng ist in dieser verdammten Höhle in der afghanischen Wüste gestorben." Stark ballte die Hände so fest, dass Loki sehen konnte, wie dessen Fingerknöchel weiß wurden. „Das war der Weckruf, den ich gebraucht hatte. Nachdem ich wieder zu Hause war, schlug ich einen neuen Weg ein", beendete Stark seine Geschichte.
Er starrte in die Dunkelheit. „‚Verschwende nicht dein Leben', hat er mir gesagt." Der Sterbliche schüttelte den Kopf. „Auf was ich hinaus will, ist: Ich habe eine zweite Chance bekommen. Wieso sollte ich dir also keine geben?"
Loki dachte darüber nach und schenkte dem Sterblichen schließlich ein leichtes Lächeln. „Danke, Stark, und danke für dein Vertrauen." Denn nichts anderes war diese Geschichte, ein Vertrauensbeweis. So etwas erzählte man nicht einfach jedem. Loki wusste die Geste zu schätzen.
Es sah so aus, als hätten sie eine ähnliche Geschichte. Mit dem Unterschied, dass Stark den richtigen Weg eingeschlagen hatte und er den falschen. Nun, vielleicht ließ sich das ändern.
„Verschwende nicht dein Leben", ein weiser Rat, dachte Loki.
Nach dem Gespräch mit dem Sterblichen und der frischen Luft ging es ihm deutlich besser. Der kurze Schlaf, so unruhig er auch gewesen war, hatte seiner Magie die Möglichkeit gegeben, die meisten seiner Verletzungen zu heilen. Er fühlte sich noch schwach, aber trotzdem irgendwie gut. Ob es damit zu tun hatte, dass hier jemand stand, der ihm eine Chance gab, obwohl er das Schlimmste von ihm gesehen hatte?
Loki hatte plötzlich das Bedürfnis, Stark etwas zurückzugeben. Er trat von der Brüstung zurück und einen Schritt auf den Sterblichen zu.
„Kann ich irgendetwas für dich tun, Stark?", fragte er.
Die Augenbrauen des Erfinders schnellten nach oben. „Wa... was meinst du, Loki?"
„Ich kann nicht nur meinen eigenen Körper heilen. In Asgard habe ich regelmäßig meinen Dienst als Heiler angeboten. Ich... ich würde mich gerne bei dir revanchieren. Falls du also Schmerzen hast oder Verletzungen? Ich könnte dir auch einen traumlosen Schlaf schenken, wenn du dies wünschst." Loki wartete leicht angespannt auf die Antwort.
Stark stieß die Luft aus und lachte laut auf.
„Oh Gott, Loki! Ich dachte schon du..."
„Was?"
„Na ja, es hat sich kurz so angehört, als wolltest du dich mir anbieten oder so was in der Art. HEY, AUA!"
Loki hatte ihm kurz aber schmerzhaft in die Seite geboxt. Wie kam der Sterbliche nur auf solche Gedanken?! Er funkelte ihn wütend an.
„Ist ja gut, entschuldige. Sieh mich nicht so an." Beschwichtigend hob er lachend die Hände. „Ähm, es wäre ganz nett, wenn du dir mal meinen Rücken ansehen könntest. Ich bin da irgendwie durch eine ziemlich dicke Glasscheibe gefallen. Der blaue Fleck muss gigantisch sein. Ich kann nämlich nur auf dem Bauch schlafen. Was ich nebenbei bemerkt hasse wie die Pest." Er grinste Loki frech an.
Unglaublich! Trotzdem musste der Gott zurückgrinsen.
„Sehr gerne. Aber nur um Missverständnissen vorzubeugen: Ich brauche physischen Kontakt zum Patienten. Nicht, dass du nachher behauptest, ich hätte dich sexuell belästigt, Stark."
„Jaja, das behaupten alle, Harry. Aber lass uns reingehen, ja? Ich werd nicht hier draußen vor dir die Hosen runterlassen." Zwinkerte Stark und machte sich auf den Weg zurück in sein Schlafzimmer.
Loki folgte ihm kopfschüttelnd. Wer bei den Göttern war denn dieser Harry Potter, von dem er ständig sprach?
„Uhh, ja, genau das ist die Stelle", keuchte Stark auf.
Loki hatte die Beschädigungen an Starks Körper lokalisiert und legte nun sanft seine feingliedrigen Finger darauf. Er schloss die Augen, konzentrierte sich auf den Fluss seiner Magie und lenkte dir in den Körper vor sich.
„Wow, das prickelt", quiekte Stark.
Dem folgte ein scharfes Luftholen, als Loki seine Hände über Starks Körper gleiten ließ. Vielleicht machte er es absichtlich etwas lasziv, um den Playboy zu ärgern. Schließlich war er der Gott des Schabernacks ... Es dauerte ohnehin nicht lange, die Verletzung war schnell geheilt und Loki ließ von dem Sterblichen ab, der angefangen hatte, sich unter seiner sanften Berührung zu winden.
„Und wie fühlt es sich an?" fragte er mit einem teuflischen Grinsen im Gesicht.
„Mmpf. Sehr gut, danke! War das Gefummelt wirklich nötig oder macht es dir einfach Spaß?" fragte Stark säuerlich und zog sein T-Shirt nach unten.
„Na, Prinzessin, wer austeilt, muss auch einstecken können, oder?", erwiderte Loki trocken.
„Hä?" Stark sah ihn entgeistert an, bevor er in leises Lachen ausbrach. „Stimmt wohl, Harry", prustete er.
„Stark, erlaube mir bitte..." begann Loki und hob seine Hand in Richtung von Starks Gesicht.
Der Sterbliche zuckte plötzlich zurück. „Hey, was genau soll das werden?" fragte er alarmiert.
Loki ließ seine Hand leicht sinken. „Bitte lass mich dir helfen Stark. Ich kann sehen, dass du schon seit längerem keine Ruhe findest. Ich spüre die Erschöpfung in deinem Körper und würde dir gerne eine Nacht ohne Alpträume schenken." Er sah den Erfinder abwartend an.
„Woher willst du wissen, dass ich Alpträume habe?" Stark verschränkte abwehrend die Hände vor der Brust und starrte ihn wütend an.
Loki sah ihn mit erhobenen Augenbrauen an. Er hatte den Sterblichen offensichtlich verärgert.
„Ich bin nicht nur ein Prinz, Stark. Ich habe in vielen Schlachten gekämpft, ich habe in ebenso vielen als Heiler gedient. Ich erkenne die tiefe Erschöpfung des Geistes, wenn dieser von wiederkehrenden Alpträumen gequält wird. Fast jeder Soldat leidet darunter. Aber verzeih mir, ich bin wohl zu weit gegangen. Ich werde dich nun in Ruhe lassen." Loki erhob sich langsam und drehte sich zur Tür. Er war schon fast aus dem Zimmer, als er einen tiefen Seufzer hinter sich hörte.
„Hmpf, ähm, warte..." Loki blickte über die Schulter zurück und sah Stark fragend an. Hatte der Sterbliche es sich anders überlegt?
„Ähm, wie genau... ich meine, was würdest du genau mit mir anstellen?...ÄHHH, OK, OK, ich hab selber gehört, wie zweideutig das gerade war. Hör gefälligst auf, so dämlich zu grinsen!"
Loki hatte eine Augenbraue erhoben und grinste nun wirklich wie ein Honigkuchenpferd. Stark war knallrot angelaufen und warf mit einem Kissen nach ihm. Er fing es elegant mitten aus der Luft.
„Oh mein Liebling, das würdest du wohl gerne wissen", neckte er.
Der Sterbliche verschränkte wieder die Arme vor der Brust und funkelte ihn aus braunen Augen an. Offensichtlich war er es nicht gewohnt, so aus dem Konzept gebracht zu werden. Loki überlegte kurz, den Ingenieur noch etwas weiter zappeln zu lassen. Aber er war müde, und eigentlich hatte er wirklich gehofft, Stark helfen zu können.
„Ich muss lediglich deine Schläfe berühren, Stark. Es ist ein kleiner Zauber, der dich friedlich bis zum Morgen schlafen lassen wird. Keine nächtlichen Schrecken. Auf dem Schlachtfeld erprobt und perfektioniert, wie bereits erwähnt." sagte er deshalb.
Der Mann überlegte kurz. Loki konnte sehen wie es hinter diesen braunen Augen arbeitete. Konnte er ihm vertrauen? Schließlich gab er seine Zustimmung. „Na schön, schlimmer kann's nicht werden." Loki schritt zurück an den Rand des großen Doppelbettes.
„Mach es dir bequem, Stark. Es wird nicht lange dauern und du wirst einschlafen." Er setzte sich auf die Bettkante und hob erneut die Hand an Starks Gesicht. Kurz bevor er ihn berührte, holte er sich dessen stummes Einverständnis. Grüne blickten in braune Augen. Dann legten sich sanfte Fingerspitzen auf erhitzte Haut.
Loki schloss die Augen und ließ seine Magie fließen.
Kapitel 5 / Der Leuchtstab des Grauens
Der Gott brachte ihn aus dem Konzept.
Tony Stark, Millionär, Philanthrop, Playboy, Iron Man, fühlte sich in der Nähe des Magiers wie ein 16-jähriger Schuljunge.
Wie aus dem Nichts hatte da plötzlich ein asgardischer Prinz in voller Metall- und Lederrüstung mitten in seinem Wohnzimmer gestanden. Hatte seine wirklich charmant formulierte Einladung auf einen Drink abgelehnt und ihn aus dem Fenster geworfen. Wenige Stunden später wäre derselbe Prinz fast auf einem seiner Gästebetten verblutet. Dann hatte sich Tony, total untypisch für ihn, kurze Zeit später bei einem kleinen Mitternachtsspaziergang völlig offen zu seiner Zeit in Afghanistan geäußert. Was war nur in ihn gefahren? Er war nicht der Typ, der über solche Sachen redete, niemals! Das machte einen verwundbar und angreifbar. Was hatte der Typ nur an sich, dass Tonys Schutzschilde so gezielt herunterfahren ließ?
Aus dem Augenwinkel beobachtete er den Gott, der sich soeben zusammen mit Bruce über den „Leuchtstab des Grauens" beugte. Er war groß, mindestens eine Kopf größer als er selbst. Sein Gesicht mit den leuchtend grünen Augen und den hohen Wangenknochen blickte konzentriert auf die Auswertungen, die Bruce ihm gerade zeigte. Das elegant zurückgebundene, rabenschwarze Haar fiel ihm tief über den Rücken, fast bis hinunter zum Arsch. Tony legte den Kopf schief, er musste zugeben, dass dieser Arsch dem des Captains Konkurrenz machte.
Oookay, falsche Richtung, Tony! Das war jetzt nicht der richtige Zeitpunk um über so was nachzudenken. Andererseits war er Tony Stark, Playboy. Er würde lügen, wenn er behauptete, es noch nie mit dem gleichen Geschlecht ausprobiert zu haben ...
„Erde an Tony! Hörst du überhaupt zu?" Bruce sah ihn fragend an.
„Uhh, ja, nein. Sorry, kannst du das nochmal wiederholen, bitte?"
„Ich habe gerade erklärt, dass ich schon mal einige Tests an unserem kleinen Splitter hier durchgeführt habe. Er ist aus Vibranium gefertigt. Da dieses Material dafür bekannt ist, jegliche Form von Energie ganz oder teilweise zu absorbieren, wäre das eine Erklärung dafür, warum er Lokis Kräfte angezapft hat. Allerdings scheint er noch eine leichte Gammastrahlenbelastung aufzuweisen. JARVIS hat meine Analyse bestätigt."
„Hmm, irgendetwas fühlt sich komisch an, als würde der Stab etwas ausstrahlen", meinte Loki nachdenklich. „Ich frage mich ..."
„Was denkst du?" Bruce blickte ihn fragend an.
„Doctor, wie hoch ist die Gammastrahlung? Wäre es für einen Menschen gefährlich, den Stab zu berühren?" fragte Loki und ließ den Splitter dabei nicht aus den Augen. Fast so, als würde es sich dabei um ein wildes Tier handeln, das ihn jederzeit anspringen könnte, dachte Tony.
„Ähm, nicht sehr hoch. Es sollte ungefährlich sein, ihn für ein paar Minuten zu halten. JARVIS?"
„Das ist korrekt, Doctor Banner. Eine Schädigung der Zellstruktur würde nach ca. 32 Minuten einsetzen", bestätigte die AI.
„Danke, Jarv. Was hast du vor, Loks? Willst du eine Testreihe starten?" Tonys Augen huschten über den Computerbildschirm mit den Testergebnissen.
„In der Tat hatte ich genau das vor, Stark. Ich vermute, dass sich in diesem Stab noch etwas anderes verbirgt. Ich denke auch, dass ich weiß, was der Gegenstand tut. Ich hätte diese Vermutung gerne bestätigt. Und mein Name ist Loki", bei diesem letzten Satz fixierten ihn diese grünen Augen und Tonys Magen schlug einen kleinen Salto.
„Äh, ja, ich bitte vielmals um Verzeihung, eure Hoheit", Tony vollführte eine kleine alberne Verbeugung, die ihm von beiden Männern ein Augenrollen einbrachte. „Möchtest du uns deine Vermutung vorher erläutern oder sollen wir uns ahnungslos in dein Schwert stürzen?"
Dafür erntete er nur eine elegant hochgezogene Augenbraue, und Loki fuhr ungerührt fort: „Ich vermute, der Stab ist mit Magie durchwoben, Magie, die jedwede Energieform bindet oder aufzehrt, wenn du so willst. Wenn wir ihn alle nacheinander in die Hand nehmen und ich dabei die Energieflüsse überwache, können wir schnell feststellen, ob ich richtig liege. Sollte Thor heute aus Asgard zurückkehren, werde ich auch ihn bitten, an unserer kleinen Forschungsrunde teilzunehmen. Es wäre interessant zu sehen, wie ein Ase auf den Stab reagiert."
Tony und Bruce sahen sich an. „Ich dachte, du wärst auch aus Asgard, Loki? Hab ich was nicht mitgekriegt?" fragte Tony verwirrt. Ach, Moment, gestern wurde doch etwas erwähnt und nicht weiter ausgeführt. War nicht die Rede von Monstern und Eisriesen gewesen?
Ein harter Zug legte sich um Lokis Mund. „Ich wuchs in Asgard auf, ja, Stark. Allerdings haben jüngste Ereignisse die Wahrheit um meine Herkunft ans Licht gebracht. Ich stamme nicht, wie bisher angenommen, von den Asen ab, sondern wurde als Eisriese auf Jotunheim geboren."
„Entschuldige bitte, wir wollten nicht..." begann Bruce, es war eindeutig ein wunder Punkt.
Loki winkte ab. „Wollen wir beginnen?"
„OK, ich melde mich freiwillig." Tony hob die Hand. „Sag mir, wenn du soweit bist." Damit stellte er sich in der Mitte des Labors auf, bereit, den Splitter hochzuheben.
Loki fixierte ihn mit einem scharfen Blick. Verdammt, er nagelte ihn praktisch damit an Ort und Stelle fest. Tony wusste nicht wieso, aber er wagte es nicht, sich zu bewegen, geschweige denn zu atmen. Er fühlte, wie sein Gesicht langsam heiß wurde. „Na, Herzchen, einmal rauf und runter. Gefällt dir, was du siehst?", witzelte er um seine Unsicherheit zu überspielen.
Lokis Augen verengten sich, und er strich sich mit einem eleganten Finger über die Lippe. Tony schluckte schwer, als er der Bewegung mit den Augen folgte.
„Ja, gar nicht schlecht für einen Sterblichen, Stark. Ich wäre durchaus nicht abgeneigt", grinste Loki und ließ nun tatsächlich seine gewitzten grünen Augen einmal über Tonys ganzen Körper gleiten.
WAASS?! Verdammt nochmal, dieser Mistkerl. Ha, er mochte ihn. Lokis Blick ließ einen Schauer über Tonys Rückgrat laufen, der nichts mit den kühlen Temperaturen im Labor zu tun hatte.
„Meine Güte, Loki, musst du auch noch Öl ins Feuer gießen?" schmunzelte Bruce.
„Ich versuche mich zu konzentrieren und seinen Energiefluss zu erfassen. Ist es meine Schuld, dass er keinerlei Geduld zu haben scheint?" erwiderte dieser gelassen und ließ Tony nicht aus den Augen.
„Ich werde hier noch vor Langeweile sterben, Herzchen", stichelte Tony weiter.
„Gut, ich bin soweit, Stark. Nimm den Stab jetzt bitte auf." Loki konzentrierte sich auf den Energiefluss des Sterblichen, und ja, tatsächlich! Wie er vermutet hatte: die Lebensenergie fluktuierte. Starks Energiefluss, den Loki als helles Licht wahrnehmen konnte und der dessen ganzen Körper umstrahlte, schien plötzlich schwächer zu leuchten.
„Wie lange, Doctor?"
„Es sind jetzt 3 Minuten 18 Sekunden."
„Hey, Leute, ich fange an, mich irgendwie komisch zu fühlen. Irgendwie müde, schwach?" Tony spürte, wie seine Handfläche anfing zu kribbeln. Der Stab hatte es wirklich in sich.
„5 Minuten 6 Sekunden", sagte Bruce.
„Leg es wieder ab, Stark, ich denke, das reicht." Er behielt Tony dabei genau im Auge. „Stoppen Sie bitte die Zeit, Doctor." Nach wie vor ließ er ihn nicht aus den Augen. Tony wagte kaum zu atmen und verkniff sich aber diesmal den schnippischen Kommentar.
„Stopp", sagte Loki plötzlich. „Wie lange war das?" Er drehte sich fragend zu Bruce um.
„Genau 14,5 Minuten. Ich gehe davon aus, dass sich Tonys Energiefluss wieder normalisiert hat?"
„Ja, er ist wieder vollständig hergestellt. Das heißt vorerst in etwa dreifache Regenerationszeit zur Expositionszeit." Loki machte einige Vermerke auf dem Hologramm-Bildschirm vor ihm.
Die fortgeschrittene Technik schien ihn nicht im Geringsten zu beeindrucken, das störte Tony ... irgendwie. Er wollte den Gott beeindrucken, Thor war immer beeindruckt und begeistert von Tonys Spielzeug.
Er trat neben Bruce und besah sich die Scans, die JARVIS während des Tests gemacht hatte. Seine Vitalwerte waren merklich abgesackt und hatten sich wieder stabilisiert. Dieses Ding hatte definitiv Power, im negativen Sinn.
Loki trat zu dem Splitter und besah sich diesen genauer. Er streckte eine Hand darüber aus, schloss die Augen und schien zu lauschen.
Tonys Blick ruhte auf der eleganten Hand des Gottes. Ganz kurz erinnerte er sich an sanfte Finger, die über seine Seite strichen, sich auf seine Schläfe legten. Ein angenehmer Schauer durchlief ihn. Er dachte an das Wohlbefinden und den Schlaf, den diese Finger gebracht hatten. Loki hatte nicht gelogen. Tony war fast sofort eingeschlafen, und er hatte verdammt gut geschlafen.
Als Loki die Augen wieder aufschlug bemerkte er seinen Blick. Tony lief knallrot an, und sah hastig in die andere Richtung. Da war plötzlich wieder dieses verdammte Kribbeln in der Magengegend. Der intensive Blick des Gottes löste irgendetwas in ihm aus.
„Der Stab enthält Starks Energie." erklärte Loki ruhig und ließ ihn dabei nicht aus den Augen „Allerdings scheint er sie nicht halten zu können, sie schwindet aus dem Material. Entweder ist dieses Ding nicht als Speicher konzipiert, ist nicht groß genug oder ..."
„Oder?", fragten Tony und Bruce gleichzeitig.
„Oder es ist keine Waffe, sondern ein Werkzeug, um Energie jedweder Art von einem Körper auf einen anderen zu übertragen", sie sahen ihn schockiert an.
„Du meinst wie ein Zapfhahn? Man rammt ihn einfach jemanden in den Körper und zapft seine Energie an?" Was für eine kranke Vorstellung, dachte Tony.
„Man könnte es so nutzen, ja. Allerdings bräuchte man gewisse Fähigkeiten dazu. Ihr könntet jetzt beide den Stab berühren, und es würde nichts weiter geschehen, als dass ihr Energie verliert. Ich denke, man müsste Magie beherrschen, um den Fluss zu aktivieren", fügte Loki nachdenklich hinzu.
Tony strich sich langsam über den Bart. Dieses Ding war gefährlich. „OK, Sherlock. Und jetzt kommt die Eine-Millionen-Dollar-Frage: Wer wäre in der Lage, so etwas herzustellen und zu benutzen,... und wozu?" Die drei Männer verfielen in grüblerisches Schweigen.
„Hmm, die eigentliche Frage, Dr. Watson, lautet, wer hat mich mit dem Stab angegriffen? JARVIS?"
„Ja, Mr. Laufeyson?" Loki zuckte bei dieser Anrede leicht zusammen.
„Ähm, nur Loki bitte. Wird das Gebäude und die Räume videoüberwacht?"
„Ja, Mr. Loki, ich habe Aufzeichnungen aller Räumlichkeiten und der Außenanlagen. Auf welche Daten möchten Sie zugreifen?"
„Kannst du bitte ermitteln, ob ich gestern zu irgendeinem Zeitpunkt von jemand anderem als Mr. Stark, Odinson oder Dr. Banner attackiert wurde? Speziell ein Schlag oder Stoß in meine linke Seite?"
„Einen Moment bitte, ich prüfe die Daten", die AI verfiel in Schweigen.
„Du denkst, es waren die Chitauri? Und woher kennst du Sherlock Holmes? Und seit wann, JARVIS, gibst du Daten mit Sicherheitsstufe 3 an fremde Personen aus?!" fragte Tony perplex. Normalerweise hätte seine AI sich bei so einer Anfrage zuerst bei ihm rückversichern sollen.
„Verzeihung, Sir, ich ging davon aus, dass Mr. Loki als vertrauenswürdig einzustufen ist. Immerhin haben Sie seinen Status gestern von Feind auf Freund mit Sicherheitsfreigabe 2 geändert. War die Annahme inkorrekt?"
„Nein, passt schon, mach einfach weiter", grummelte Tony. Er hatte völlig vergessen, dass er nach Furys Urteil gestern die Sicherheitsfreigabe für Loki erteilt hatte. Sonst hätte der Gott sich nicht frei im Tower bewegen können. Er blickte zu Loki, dieser hatte die Augenbrauen fragend erhoben, sah aber irgendwie ... erfreut aus.
„Ich fühle mich geehrt, Freund Stark", er ließ es klingen wie Thors „Freund Stark" und Tony musste grinsen. „Ich bin mir leider nicht allem bewusst, was gestern geschehen ist. Die Gedankenkontrolle hat einige Erinnerungslücken bei mir hinterlassen. Hoffentlich kann JARVIS etwas Licht ins Dunkel bringen. Was Sherlock Holmes betrifft, ich lese gerne, Stark. Auch Literatur von anderen Welten. Besonders gut gefallen hat mir Der Hund von Baskerville."
„Hm, du steckst voller Überraschungen und Geheimnissen, Sonnenschein", grummelte Tony, hatte damit aber ausgesprochen, was ihn an dem Gott so faszinierte. Er war damals schon von Thor fasziniert gewesen. Ein Gott von einer anderen Welt! Tony war ein furchtbar neugieriger Mensch, und hier stand jemand, der schon verdammt viel erlebt haben musste. Tausend Fragen brannten ihm auf der Zunge, aber er schluckte sie hinunter, als JARVIS sich plötzlich wieder zu Wort meldete.
„Sir, ich denke, ich habe gefunden, wonach Sie gesucht haben. Es gab tatsächlich einen Zusammenstoß."
„Spiel es ab, Jarv", sagte Tony und die 3 Männer blickten gespannt auf die Szene, die JARVIS projizierte. Die Aufnahme zeigte dem Gemeinschaftsraum des Stark Towers. Loki erhob sich gerade aus dem Loch, das der Hulk mit seinem Körper hinterlassen hatte „Huch, das tut mir leid, Loki." Er ließ sich zur Seite fallen und krabbelte auf allen Vieren in Richtung Bar, wohl um sich daran hochzuziehen. Da erschienen drei Chitauri auf der äußeren Plattform des Towers. Einer der drei sah etwas größer aus, und die Rüstung, die er trug, deutete darauf hin, dass er mehr war als ein bloßer Soldat. Er hielt direkt auf Loki zu und zückte eine Waffe. Es war einer dieser Elektroschock-Stäbe, die diese Mistkerle benutzt hatten. Sie beobachteten, wie er Loki – der gerade die Bar erreicht hatte und sich langsam an dieser hochzog – diesen umstandslos in den Rücken stieß. Der Gott stieß einen Schmerzensschrei aus und fiel zurück auf die Knie. Der Chitauri packte den Gott an den Haaren und zog dessen Kopf zurück, zischte etwas und rammte ihm die Faust in die Seite. Es sah so aus, als würde er ihm lediglich eine rein hauen. Aber das musste es wohl gewesen sein.
„Jarv, vergrößern!", bellte Tony.
Und da, ja, man konnte gerade noch erkennen, dass der Chitauri etwas in der Hand hielt, als er zuschlug. Er zischte wieder etwas, ließ von dem Gott ab und verschwand so schnell wie er gekommen war.
„OK, Loki, wenn ich dein Gesicht sehe, kannst du dich wohl nicht daran erinnern", fragte Bruce.
Loki stand wie erstarrt im Labor und blickte auf das Standbild von sich selbst, zusammengesunken auf dem Boden des Gemeinschaftsraumes.
Thor kam am frühen Abend zurück.
„Bruder, wie geht es dir?" Vorsichtig betrat er Lokis Zimmer.
Loki hatte sich nach den Tests im Labor und der durchaus angenehmen Diskussionsrunde mit Banner und Stark erschöpft zurückgezogen. Die beiden waren anregende Gesprächspartner, intelligenter als angenommen. Loki hatte es genossen, mit Leuten zu diskutieren, die verstanden, was er sagte. Leider tappten sie nach wie vor im Dunkeln, was die Motive hinter dem Angriff der Chitauri betrafen.
Loki löste den Blick vom Fenster und wandte sich seinem Bruder zu. Seine Augen wirkten müde, seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Ich bin erschöpft, Thor. Mein Geist ringt noch immer um Ordnung, doch alles fühlt sich zerrüttet an. Klare Gedanken zu fassen, fällt mir schwer. Ich fürchte, der Titan hat tiefere Wunden hinterlassen, als ich angenommen haben…"
Er musterte seinen Bruder mit leiser Hoffnung – vielleicht brachte er gute Nachrichten.
„Oh, dann wird dir dies sicherlich helfen, Bruder. Sieh, was Vater dir schickt." Strahlend trat Thor auf ihn zu und hielt eine elegant verzierte Holzschatulle hoch.
Er legte sie behutsam in seine Hände und sah ihn erwartungsvoll an. Loki öffnete sie und erkannte erleichtert einen goldenen Schimmer darin.
„Vater war schockiert von meinem Bericht. Er schickt dies und seine besten Wünsche für deine schnelle Genesung. Du bist nicht aus Asgard verbannt, weißt du. Er erwartet deine Rückkehr, sobald unsere Angelegenheiten hier auf Midgard erledigt sind. Er hofft darauf ... sich erklären zu können."
Loki blickte seinen Bruder ungläubig an. „Der Allvater wünscht sich zu erklären?! Ha, es fällt mir schwer, dir das zu glauben, Thor. Seit wann ..."
„Es hat ihm zugesetzt, als du damals vom Bifröst gestürzt bist, Loki", schnitt ihm Thor ungewöhnlich heftig das Wort ab. „Er hat sich große Vorwürfe gemacht, und Mutters Kummer um deinen Verlust hat ihm noch mehr zugesetzt. Glaub es oder nicht, aber das waren seine Worte. Er wünscht sich zu erklären. Er macht sich Sorgen um dich und will, dass du gesund wirst. Deshalb schickt er dir Iduns Äpfel. Nicht nur einen, sondern gleich drei – nur für alle Fälle. Nimm es an, Loki, und sei nicht immer so ein Dickkopf."
„Pff, Dickkopf? Das sagst ausgerechnet du mir?" empörte sich Loki und verschränkte die Arme vor der Brust.
„Na ja, das liegt wohl in der Familie, Bruder", betonte Thor das letzte Wort und sah ihn ernst an.
Bruder, war er das? Nach all den Lügen, die ihm sein Leben lang aufgetischt worden waren. Er blickte in Thors blaue Augen, sagte aber nichts.
Deshalb sprach er mit sanfter Stimme weiter: „Du bist es – und du wirst es immer bleiben. Nichts auf dieser Welt kann daran etwas ändern, weder dein Blut noch deine Herkunft. Es spielt keine Rolle, was du bist, Loki. Ich liebe dich, mein Bruder, und schätze dich mehr, als du ahnst." Sanft legte er ihm die Hand an die Wange, eine vertraute Geste, die Wärme und Beständigkeit ausstrahlte. Mit einem leichten Lächeln fuhr er fort: „In meinen Augen warst du immer würdig. Wenn du es doch nur selbst erkennen könntest." Seine Stimme war fast zärtlich, als er ihm behutsam über die Wange strich.
Loki war sprachlos und konnte Thor nur anstarren. Noch nie in all den Jahren hatte sein Bruder so zu ihm gesprochen. Tief in seinem Inneren schien etwas einzurasten, als hätte ein verlorenes Fragment endlich seinen Platz gefunden. Bevor er wusste, was er tat, zog er Thor in eine feste Umarmung. Sie verharrten so eine lange Weile – Licht und Dunkel, vereint in stummer Einigkeit. Schließlich war es Thor, der den Bann brach, doch seine Hände blieben fest auf Lokis Oberarmen liegen, als wollte er ihn nicht wieder loslassen.
„Iss einen der Äpfel, Bruder, und dann komm nach unten. Rogers kocht gerade für alle. In einer Stunde gibt es Essen." In einer asgardischen Geste des Vertrauens legte er seine Stirn an Lokis.
Dann war er verschwunden und ließ Loki aufgewühlt und verwirrt zurück.
Es brauchte einen ganzen Apfel und eine ganze Woche, um seinen Geist zu heilen. Sein Körper war nicht das Problem, seine Magie hatte die meisten Wunden bereits nach 24 Stunden geheilt. Die Narben würden mit der Zeit verblassen.
Der Verstand war jedoch etwas komplexer als Muskeln und Fleisch. Doch schließlich war er wieder ganz Herr seiner Sinne und hatte nicht ständig das Gefühl, wie durch dichten Nebel zu wandern. Die Erinnerungen allerdings ... nun, sie würden hoffentlich mit der Zeit ebenso verblassen wie seine Narben.
„Das sind alle Aufzeichnungen und Tests, die wir durchgeführt haben, Thor. Du solltest diese schnellstmöglich nach Asgard bringen, zusammen mit dem Splitter. Ich weiß zwar immer noch nicht, was das alles zu bedeuten hat, aber Asgard sollte sich bereit machen auf das, was auch immer kommen mag. Die Streitkräfte müssen wissen, auf was sie achten müssen", sagte Loki nach einer weiteren Woche Tests und Untersuchungen.
„Danke, Bruder, ich werde mich gleich auf den Weg machen. Ich werde auch Heimdall befragen, vielleicht hat er etwas Ungewöhnliches beobachtet." Er schlug Loki kurz gegen die Schulter und nahm das dargebotene Bündel entgegen. „Bis später."
Die Stimmung im Stark Tower hatte sich nach dem anfänglichen Misstrauen deutlich entspannt. Dies war zum großen Teil Thor zu verdanken. Sein großer Bruder hatte sich alle Mühe gegeben, die Avengers für Loki zu begeistern. Er war ihm sehr dankbar dafür und bemühte sich, eine Beziehung zu diesen Menschen aufzubauen.
Früher wäre ihm so etwas niemals in den Sinn gekommen. Menschen waren sterblich, schwach, nicht wert, sich weiter mit ihnen zu beschäftigen.
Aber nach dem Gespräch mit Thor war er fest entschlossen, sich zu ändern. Sein Bruder sah ihn als würdig an, nichts anderes hatte er jemals gewollt. Würdig der Anerkennung seines Bruders, seines Vaters, seiner Welt.
Es war ihm als Heiler noch nie schwer gefallen, die Wunder in der Schöpfung zu sehen. Nun versuchte er, das Leben aller zu würdigen, so lange oder kurz es auch war. Loki konnte charmant sein, wenn er wollte, und das setzte er nun sehr effektiv bei den Avengers ein.
Er musste zugeben, dass er die Sterblichen mochte. Sie waren nicht so voreingenommen wie die Asen, die ihm grundsätzlich misstrauten. Dr. Banner war ein angenehmer, ruhiger und intelligenter Gesprächspartner. Er hatte dem Doctor bereits mehrmals seine „Dienste als Sandmann" (wie es Stark bezeichnete) angeboten und dieser schien ihm dankbar zu sein. Steve Rogers war allgemein höflich und um Frieden bemüht. Stark, nun, war eben Stark. Er mochte den Mann... vielleicht etwas zu sehr. Natasha Romanoff war sehr still und zurückhaltend, allerdings schien es ihr Spaß zu machen, einen neuen Gegner für die Nahkampfübungen gefunden zu haben. Lokis Kampfstil war dem ihren ähnlich, und es machte sogar Spaß, vor dem Abendessen eine Stunde mit ihr zu trainieren.
„Wow, den Move kannte ich noch nicht, Loki. Wie hast du das gemacht?" fragte sie gerade und streckte eine Hand aus, um sich von ihm hochhelfen zu lassen.
„Ich werde dir doch nicht all meine Geheimnisse verraten, Romanoff", grinste Loki und zog sie von der Matte hoch. Er hatte zu viel Schwung in den Ruck gelegt, und sie war so leicht, dass sie gegen ihn taumelte und lachen musste.
„Haha, wie du willst, Ase. Beim nächsten Mal werd ich dich auf die Matte schicken, ich lass mir was einfallen." Sie bemerkten den dunkelhaarigen Mann erst, als er sich aus den Schatten des Trainingsraums löste und sich laut räusperte.
„Natasha, kommst du? Steve sagt, das Essen ist bald fertig", sagte Barton, sah dabei jedoch nicht zu Natasha, sondern starrte Loki finster an.
„Ich gehe vorher noch kurz duschen", erwiderte sie kurz und verschwand in Richtung Aufzug.
Loki hatte sich in der Zwischenzeit ein Handtuch geholt und wischte sich damit übers Gesicht. Er hatte schon seit geraumer Zeit gehofft, dass der Falke ihn aufsuchen würde. Nun drehte er sich zu ihm um und blickte ihn ernst an.
„Barton, würdest du mich kurz anhören?"
Kapitel 6 / Ihr werdet ihn nicht anfassen!
9 Monate später
Tony war in Partystimmung.
Er war im angesagtesten Club der Stadt, hatte einen Martini irgendwas in der einen Hand und eine Blondine in der anderen. Die elektronische Musik hämmerte in einem stetigen Takt, und die Körper auf der Tanzfläche bewegten sich in einem zuckenden Rhythmus dazu. Er war betrunken, aber noch weit entfernt von einem kompletten Blackout. Höchste Zeit zu gehen, dachte er, und leerte sein Glas in einem Zug. Die Blondine hatte sich an seinem Hals festgesaugt. Wie hieß sie gleich wieder? Anna, Emmy, Susann, auch egal, heute Nacht würde sie ihm gehören. Ein ordentlicher One Night Stand würde ihn auf andere Gedanken bringen. In letzter Zeit dachte er zu oft an einen gewissen Gott. Und diese Gedanken verunsicherten ihn zutiefst.
„Lass uns gehen, Süße", sagte er, kam schwankend auf die Füße und zog die Frau mit sich hinaus an die kühle Nachtluft New Yorks. Sofort standen sie im Blitzlichtgewitter der Fotografen. Er bahnte ihnen einen Weg zur wartenden Limousine, ein breites Lächeln für die Kameras auf dem Gesicht.
Auf dem Rücksitz angelangt, legte die Blondine — Stephanie, Erika? — richtig los, setzte sich rittlings auf seinen Schoß und steckte ihm die Zunge so tief in den Hals, dass es schon fast unangenehm war. Anny, das war der Name, glaubte er.
„Na na, Anny, nicht so stürmisch. Heb dir noch was für später auf, Süße". sie kicherte und fing wieder an, an seinem Hals und Ohr zu knabbern, während eine Hand langsam den Weg in tiefere Gefilde antrat.
Tony lehnte sich zufrieden zurück und ließ sie machen, die Hände auf ihrem prallen Arsch. Die Nacht würde interessant werden.
Als der Wagen vor dem Stark Tower hielt, war Tony zu allen Schandtaten bereit.
Wild knutschend manövrierte er die Frau in Richtung Eingang. Die beiden waren derart ineinander verschlungen, dass er wohl aus Versehen den falschen Knopf im Aufzug erwischte. Statt auf der privaten Ebene des Stark Towers zu halten, öffnete sich die Tür eine Etage tiefer, und Tony hörte durch den Rausch der Hormone plötzlich lautes Gelächter.
Er blickte erschrocken hoch und sah Barton, Steve, Natasha und Thor auf den gemütlichen Sofas im Gemeinschaftsraum der Avengers sitzen. Loki stand in der Mitte und hielt seine Hände vor sich ausgestreckt. Die Handflächen nach oben gerichtet, ließ er darüber gerade ein Tierwesen erscheinen. Dabei erzählte er offensichtlich eine lustige Geschichte, denn die Anwesenden krümmten sich vor Lachen. Anscheinend hatte der Gott das Geräusch der sich öffnenden Fahrstuhltür gehört, denn er drehte sich leicht in diese Richtung. Sein Blick traf Lokis – und für einen Augenblick fühlte es sich an, als würde die Zeit stillstehen. Auch wenn Tony betrunken war, konnte er den Hauch von Überraschung und Enttäuschung in Lokis Augen erkennen. Tony spürte einen schmerzhaften Stich in der Brust bei diesem Blick, versuchte aber das Gefühl abzuschütteln.
Er hatte alle Hände voll zu tun, Anny war wirklich ein stürmisches Exemplar, und zum Glück hatte sie nicht bemerkt, dass sie im falschen Stockwerk gelandet waren. Tony tastete nach dem Knopf für die obere Etage. Bevor sich die Fahrstuhltür wieder schloss, sah er, wie Loki in einer schwungvollen Geste eine Hand auf die andere senkte und das Tierwesen vor ihm verschwinden ließ. Anschließend breitete er die Hände wieder aus und ließ ein kleines Feuerwerk im Gemeinschaftsraum los. Sein Profil wurde von grünen und roten Funken beleuchtet, und er schien mehr denn je wie von einer anderen Welt. Wunderschön, dachte Tony. Das Ganze dauerte nur wenige Herzschläge, fühlte sich für Tony aber an wie eine halbe Ewigkeit.
Er hätte kein Problem damit gehabt, mit seinem Liebchen aus Versehen in einen Raum voller Avengers zu stolpern. Aber irgendwie machte es ihm etwas aus, dass der Gott ihn gesehen hatte. Was würde er nun von ihm denken? Er versuchte, den Anflug von schlechtem Gewissen abzuschütteln und sich auf die Frau vor ihm zu konzentrieren. Es funktionierte nicht.
Stattdessen schweiften seine Gedanken ab. Das kleine Feuerwerk hatte ihn an ein anderes Feuerwerk erinnert. Tony musste an Pepper und Rhodeys Hochzeit, drei Tage zuvor denken. Es war eine schöne Hochzeit gewesen, mit einem stolzen Tony als Trauzeugen.
Als Pepper gefragt hatte, ob er Loki als seine Plus Eins mitnehmen wolle, war er zuerst verdutzt gewesen. Pepper mochte Loki, auch wenn sie nicht sonderlich viel mit ihm zu tun hatte. Sie betonte immer, der Gott hätte einen guten Einfluss auf ihn. In gewisser Weise stimmte das, denn seitdem Loki da war, erledigte Tony seinen Papierkram schneller, um mehr Zeit mit ihm in der Werkstatt verbringen zu können. Natürlich nur, um an verschiedenen Projekten zu arbeiten. Loki war ziemlich schlau, fast so brillant wie er selbst, und es machte Spaß, mit ihm zu arbeiten, zu reden und ihn einfach um sich zu haben.
Schließlich hatte Tony den Gott gefragt, und dieser schien zwar überrascht, aber dennoch erfreut zu sein, mit ihm zusammen auf diese Hochzeit zu gehen. Loki hatte in dem schwarzen Anzug mit weißem Hemd, grüner Weste und Krawatte einfach umwerfend ausgesehen. Als er Pepper über die Tanzfläche gewirbelt hatte, war die ganze Hochzeitsgesellschaft beeindruckt von der spontanen Tanzeinlage. Der Bräutigam hatte neben Tony gestanden und gejammert, dass Pepper ihm selbst immer auf die Füße trat. Und dann war da dieser Moment, als Loki über Pepper hinweg direkt in Tonys Augen geblickt hatte. Tony hatte sich eingebildet, kurz etwas in diesen Augen gelesen zu haben, verwarf die Idee aber gleich wieder.
Sie hatten viel Spaß zusammen an diesem Tag, und Tony trank viel zu viel. Als das Brautpaar mit einem spektakulären Feuerwerk verabschiedet war, hatte sich die Party aufgelöst, und Loki hatte angeboten, sie nach Hause zu teleportieren. Tony hatte den Arm um die Schultern des Gottes gelegt und das faszinierendste Gefühl verspürt, das er je gehabt hatte.
Einen Augenblick später stand er blinzelnd in seinem Schlafzimmer. „Wow. Beam me up, Scotty", hatte er gesagt und war auf sein Bett gestolpert. Dabei hatte er Loki versehentlich mit sich gerissen, sodass dieser über ihn gebeugt auf dem Bett zu liegen kam. Und da war definitiv ein Moment gewesen.
Durch den Alkoholnebel hatte Tony sich nach vorne gebeugt, und ... und der Gott war mit einem „Du bist betrunken, Stark" einfach verschwunden.
Tony schüttelte den Kopf. Unter Schwierigkeiten versuchte er sich durch den Alkoholnebel wieder auf Anny zu konzentrieren.
Die Blondine machte sich weiter an seiner Hose zu schaffen und ging schließlich vor ihm auf die Knie. Irgendwie hatte er keine große Lust mehr, wollte sich aber auch nicht die Blöße geben, sie jetzt nach Hause zu schicken. Augen zu und durch...
Loki stellte gerade eine Tasse starken Kaffees vor seinem Bruder ab. Er war heute Morgen vor allen anderen erwacht. Die Nacht auf dem Sofa im Gemeinschaftsraum war mehr als unbequem gewesen.
Nach dem gestrigen Fahrstuhl-Intermezzo verspürte er keine Lust, sich auf sein Zimmer zurückzuziehen. Er blieb unschlüssig zurück, nachdem sich seine Kameraden zerstreut hatten. Sein Quartier lag nach wie vor auf der oberen Etage, direkt gegenüber von Tonys Räumen.
Der Erfinder hatte ihm erklärt, dass die untere Etage komplett von den Avengers belegt war und er kein Problem damit hatte, die obere Etage mit Loki zu teilen. Trotzdem war ihm der Gedanke unerträglich gewesen, womöglich auf das kopulierende Paar zu stoßen. Sein Blick verdüsterte sich, als er daran dachte.
„Du siehst unausgeschlafen aus, Bruder", gähnte Thor gerade und nahm einen großen Schluck Kaffee.
Der Aufzug pingte und gab einen propper aussehenden Captain America preis, der mit Tüten aus der Bäckerei um die Ecke beladen war.
„Frühstück!", flötete er.
Loki fuhr sich mit der Hand durchs Gesicht.
„Bei den Göttern, wie könnt ihr nur so gut gelaunt sein?"
„Warum so miesepetrig, Bruder? Hast du schlecht geschlafen?", lachte Thor.
„Ich habe fast gar nicht geschlafen, dieses Sofa ist als Bettstatt definitiv nicht geeignet."
Thor und Steve sahen ihn fragend an.
„Wieso hast du auf dem Sofa geschlafen, Loki?"
„Du hast doch ein Zimmer."
„Hat Stark dich ausgesperrt?" plapperten die beiden durcheinander.
Lokis Blick verfinsterte sich noch mehr. „Stark hat mich nicht ausgesperrt. Habt ihr nicht bemerkt, dass er gestern Besuch hatte?"
„Häh, was für Besuch?"
„Hab ich was nicht mitgekriegt?", mümmelten die beiden nun durch den Mund voll Plunder und Gebäck.
„Er kam gestern Abend mit einer Frau nach Hause, und ich wollte nun wirklich nicht hören, geschweige denn sehen, was die beiden die ganze Nacht getrieben haben", endete er etwas säuerlich und griff nach einem angebotenen Gebäckstück. Nein, er wollte es nicht wissen. Beim bloßen Gedanken daran zog sich Lokis Magen zusammen. Traurig griff er nach seiner eigenen Tasse um sich an irgendetwas festhalten zu können. In diesem Moment öffneten sich die Fahrstuhltüren erneut, und besagter Playboy betrat die Küche des offen gestalteten Gemeinschaftsraums.
„Guten Morgen, Freund Stark", dröhnte Thor mit einem anzüglichen Grinsen im Gesicht.
„Wie ist das werte Befinden? Du siehst erschöpft aus", fügte Steve strahlend hinzu.
Tony blickte vom einen zum anderen und fauchte, als der Groschen schließlich fiel, Loki an.
„Danke auch für deine Diskretion, Loki. Wenn ich das nächste Mal ein Geheimnis habe, wirst du bestimmt der Letzte sein, dem ich es anvertraue."
Loki setzte sein Getränk mit einem lauten Klonk auf dem Tresen ab „Ich wusste nicht, dass es ein Geheimnis ist", erwiderte er kalt und erhob sich.
„Ich dachte, du wärst auf jede Kerbe an deinem Bettpfosten stolz, Playboy." er trat mit geballten Fäusten einen Schritt auf Tony zu „Außerdem habe ich lediglich auf die Frage nach meiner Nacht auf dem Sofa geantwortet." wütend und verletzt funkelte er den Mann an. Tonys Worte hatten ihn mehr getroffen als die ganze One-Night-Stand Geschichte.
„Wenn ihr mich nun entschuldigt, ich werde jetzt duschen gehen." Damit drehte er sich um, nahm bedacht langsam seine Tasse Tee und sein angebissenes Gebäckstück und verschwand in einem Wirbel aus Grün.
Steve und Tony blieb der Mund offen stehen.
„Was zum Teufel war das?"
„Hmm", fragte Thor grinsend.
„Habt ihr noch nie gesehen, wie mein Bruder sich teleportiert?" Er erhob sich lachend und legte dem perplexen Tony eine Hand auf die Schulter.
„Mein Bruder mag seine Spielchen spielen, Freund Stark, aber wenn es um bestimmte Dinge geht, bevorzugt er klare Verhältnisse. Wenn er etwas haben will, will er es ganz. Er teilt nicht gerne", er grinste ihn wissend an.
„Du solltest ihn nicht zappeln lassen, was ich so in Asgard gehört habe, würde dir eine ganze Menge Spaß entgehen." Der Druck auf seine Schulter verstärkte sich unmerklich als Thor jetzt plötzlich sehr ernst hinzufügte:
„Ich sehe meinen kleinen Bruder nicht gerne leiden, du solltest dich entscheiden, was du willst, Freund Stark." der Druck verstärkte sich noch mehr „Er ist keines deiner kleinen Spielzeuge. Behandle ihn nicht so wie eine deiner vielen Bettgefährtinnen, das hat er nicht verdient."
Mit einem letzten eindringlichen Blick nahm er endlich die Hand von Tonys Schulter. Er griff nach den Unterlagen, die sein Bruder für ihn bereitgelegt hatte.
„Ich werde diese Berichte nun nach Asgard bringen. Erwartet mich am Abend zurück, es dürfte nicht allzu lange dauern."
„Warte, was...?!" Tony sah dem Donnergott schockiert hinterher. Was zum Teufel sollte diese Ansprache denn gerade bedeuten? Er sah hilfesuchend zu seinem Freund Steve. Dessen Gesichtsausdruck wäre komisch gewesen, wäre Tony nicht so verwirrt. Steves Mimik wechselte von interessiert zu schockiert, zu ungläubig, und schließlich brach er in Gelächter aus. Er musste sich sogar am Tisch festhalten, um nicht vom Stuhl zu kippen. Tony lief rot an.
„Was ist so lustig?", fragte Natasha gähnend. Sie, Banner und Barton gesellten sich gerade an den Frühstückstisch.
„Tony hat gerade die „behandle meinen kleinen Bruder gut, oder du bekommst es mit mir zu tun"-Ansprache von Thor bekommen. Und ich meine das „gut behandeln" im romantischen Sinne", japste Steve. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen, Mann."
Die anderen sahen den Captain mit großen Augen an, bevor auch sie in Gelächter ausbrachen.
Das musste Tony sich in seinem Tower wohl nicht gefallen lassen!
„Ach haltet doch alle die Klappe, ich habe keine Ahnung, was Thor meinte", sagte er wütend in die allgemeine Heiterkeit hinein. Niemand schien ihn zu hören. Wütend stand er auf und nahm sein Frühstück mit.
„Ich bin dann in meiner Werkstatt und will nicht gestört werden", grummelte er.
„Ist in Ordnung, ich schick Loki dann später runter", grinste Barton und erntete dafür noch mehr Gelächter.
„Kindergarten", murmelte Tony und machte sich auf den Weg zum Aufzug.
Das Gelächter der anderen immer noch in den Ohren, machte er sich an die Arbeit. Er versuchte schon seit ein paar Tagen, eine Art Notfall-Landeprogramm in den Iron-Man-Anzug zu programmieren. Der Sturz aus dem Wurmloch und das daraus resultierende Versagen von Mensch und Maschine wollte er nicht noch einmal wiederholen. Er war damals bewusstlos geworden und war wie ein Stein zu Boden gefallen. Hätte der Hulk ihn nicht aufgefangen, wäre er jetzt tot.
Loki hatte ihm in letzter Zeit immer öfter bei seinem Projekt geholfen. Er hatte festgestellt, dass der Gott ein erstaunliches Verständnis für die Materie besaß. Sich mit ihm darüber auszutauschen, befeuerte seine Denkprozesse enorm. Nicht nur das, auch seine scharfsinnige Sichtweise auf die Dinge war interessant und inspirierend.
„Ein paar Tage und Nächte im Labor, und Thor muss natürlich gleich wieder was Schmutziges daraus machen", grollte er.
Er mochte Loki, er fand ihn lustig und sie waren auf der selben Wellenlänge. Es machte einfach mehr Spaß, wenn der Gott bei ihm war, und er genoss die Gespräche mit ihm. Außer Bruce war er der einzige im Tower, der verstand, was er sagte, wenn es um Wissenschaft ging. „Es ist schön, mit jemandem zu reden, der einen nicht wie ein riesengroßes Fragezeichen ansieht, Steve. Danke auch", grummelte er weiter. Außerdem waren die Asen interessant. Er redete doch genauso gerne und viel mit Thor über Götter und die Welt, aus der sie kamen. Oder? Oder war da mehr? Dieses Kribbeln …? Nein.
Er schätzte die Gesellschaft des Gottes, suchte diese gelegentlich sogar. Was eigentlich schon erstaunlich war. Tony war lieber für sich, aber wenn er sich jemandem aus dem Team aussuchen müsste, mit dem er den Tag verbringen sollte, wäre es wohl Loki. Er war sein Freund und er vertraute ihm. Im Einsatz gab es keine bessere Rückendeckung als Loki, er war ein unglaublich guter Kämpfer und heilte anschließend Tonys Wunden. Und da war dann die Sache mit den Alpträumen.
Als Tony nun so darüber nachdachte, wurde ihm bewusst, wie oft der Gott in den letzten Monaten den Sandmann für ihn gespielt hatte. Überhaupt hatte er sich in letzter Zeit weniger einsam gefühlt. Tony hatte bereits früh gelernt, was es bedeutete, ein Genie zu sein: Es bedeutete fast immer einsam zu sein. Man war zwar von Leuten umgeben, von Freunden, aber meistens verstanden sie nicht, wer man war.
Er überlegte kurz. Verdammt, seit fast einem Jahr war da immer Loki an seiner Seite gewesen. Loki, der verstand, der wusste, was er brauchte, weil er genauso war wie er selbst, begriff Tony. Hatte er sich deshalb gestern so schuldig gefühlt?
Vielleicht sollte er sich bei Loki entschuldigen. Er hatte gesehen, wie sehr seine Aussage den Gott getroffen hatte, von wegen Vertrauen. Das hatte er nicht gewollt, er wusste selbst nicht, wieso er so wütend geworden war. Hatte Loki wirklich die Nacht auf dem Sofa verbracht? Nur, um ihn nicht zu stören? Nun das hätte er sich sparen können, das Schäferstündchen hatte nicht besonders lange gedauert und war alles andere als befriedigend gewesen.
Kerben im Bettpfosten, pfff, dachte er wütend. Er sollte sich bei mir entschuldigen.
Drei Tage später ging der Alarm los.
S.H.I.E.L.D meldete eine Splittergruppe von Chitauri, die sich offenbar seit dem Angriff auf New York in einem entlegenen Waldstück verborgen hatten. „Sieht so aus, als wären sie abgestürzt und hätten seitdem versucht, ihr Equipment zu reparieren. Auf jeden Fall verzeichnen wir einen Anstieg von Energie. Ich möchte, dass Sie sich das mit Ihrem Team ansehen, Captain, und keine Gefangenen ...", tönte Furys Stimme durch den Konferenzraum.
„Verstanden", erwiderte Captain America grimmig. „Schicken Sie uns alles, was Sie haben. Natasha, mach den Quinjet startklar, macht euch alle einsatzbereit."
Zehn Minuten später waren sie in der Luft und auf dem Weg zum Zielort. Laut den Informationen von S.H.I.E.L.D waren etwa 50 bis 60 Chitauri vor Ort, inklusive eines kleinen Raumschiffs.
„Okay, Iron Man, Thor, ihr seht euch das Ganze von oben an. Clint, such dir ein freies Schussfeld und mach dein Ding. Natasha, ich und Loki gehen direkt rein, sobald wir das GO von oben haben. Bruce, du hast den Jet und bist die Reserve. Ziel ist es, die Chitauri auszuschalten und das Raumschiff sowie etwaige Waffen unschädlich zu machen. Von dem Zeug darf nichts in die falschen Hände geraten, verstanden?"
Allgemeine Zustimmung folgte dieser Ansprache.
„T minus 5 Minuten", sagte Natasha schließlich.
Thor und Tony machten sich bereit zum Absprung. Hawkeye befestigte seinen Köcher und schwang sich seinen Bogen über die Brust. „Hey, Loki, ich wäre für 'ne Mitfahrgelegenheit dankbar", grinste er.
Tony und die anderen hatten immer noch nicht herausgefunden, was der Gott zu dem Bogenschützen gesagt hatte, aber dessen Einstellung hatte sich um 180 gedreht.
„Kein Problem, sag mir, wohin du willst, und ich setze dich dort ab", erwiderte Loki.
Die Götter hatten sich in ihre asgardische Kampfrüstung geworfen, die aus viel schwarzem Leder und metallenen Akzenten bestand. Thor war in Schwarz, Silber und Rot gekleidet. Loki war in Schwarz, Grün und Gold gewandet und sah – na gut! – umwerfend aus.
Tony hatte sich nicht entschuldigt, er hatte sich die letzten paar Tage quasi in seiner Werkstatt verschanzt. Wahrscheinlich hatten sich die anderen das Maul über ihn zerrissen. Er ließ das Visier des Iron-Man-Anzugs nach unten gleiten. Irgendetwas in die Luft zu jagen war jetzt genau das, was er brauchte.
Die Ladeklappe des Jets öffnete sich, und unter Donner und Blitzen verschwanden Thor und Tony in den blauen Himmel.
Loki streckte seine Arme aus, und der Rest des Teams ergriff jeweils eine Handvoll Gott. Um sie alle zu teleportieren, mussten sie sich an ihm festhalten, hatte er ihnen eingeschärft. Loki materialisierte wenige Meter von der Chitauri-Basis entfernt und setzte Natasha und den Captain ab. Dann verschwanden er und Clint wieder und suchten für den Bogenschützen einen geeigneten Aussichtspunkt.
„Danke, ich geb dir Rückendeckung", sagte Clint, nachdem Loki ihn auf einem Felsvorsprung abgesetzt hatte.
„Dann kann mir ja nichts passieren", grinste der Gott.
„Status?", rauschte es in der Com.
„Auf Position, Cap. Loki ist auf dem Weg zu euch", sprach Barton in seinen Kommunikator.
„Hier oben scheint alles sauber zu sein, Cap. Sieht so aus als würden sie sich alle im Schiff verschanzen. Wir sollten sie raus locken", kam es von Iron Man.
„Okay, alle zu mir, sammelt euch."
Sie stellten sich in V-Formation hinter Captain America auf und rückten vor.
Dann brach die Hölle los. Plötzlich waren überall um sie herum Chitauri. Sie krochen aus versteckten Löchern in der Raumschiffhülle und feuerten mit allem, was ihnen noch geblieben war. Loki reagierte blitzschnell und erschuf mit einer ausladende Handbewegung eine Art magisches Schutzschild. Er schirmte die kleine Gruppe Elite-Kämpfer ab so gut er konnte. Gleichzeitig schleuderte er eine Druckwelle aus grüner Magie gegen die Angreifer.
„Thor, Tony, Feuer!", bellte er.
Das ließen sich die beiden nicht zweimal sagen, und die Schlacht begann. Geschützt durch das Kraftfeld rückten sie weiter vor, während ein Chitauri nach dem anderen fiel. Niedergemäht durch Tonys Energiestöße, Thors Blitze und Clints Pfeile. Natasha und der Captain hielten sich noch zurück. Doch der Ansturm ließ nicht nach. Nach einer besonders heftigen Attacke begann das Kraftfeld leicht zu flackern.
„Captain, ich kann das nicht mehr lange aufrechterhalten", presste Loki hervor.
„Okay, Iron Man, ab in die Luft. Ihr anderen, deckt euch gegenseitig den Rücken. LOS!"
„Bruder!", brüllte Thor und ließ Mjölnir in seiner Hand wirbeln. Loki ließ den Schild sinken und war einen Augenblick später an seiner Seite. Die beiden kämpften sich weiter vor und versuchten, den Großteil der Feuerkraft auf sich zu ziehen. Tony war bereits aufgefallen, dass den beiden Asen herkömmliche Waffen wenig ausmachten. Die Chitauri hatten allerdings ihre außerirdischen Schießeisen, aber selbst die schienen nur wenig Schaden anzurichten.
Tony feuerte aus allen Rohren, als er in die Luft stieg, und gab seinen Kameraden Feuerschutz. Dabei beobachtete er fasziniert die beiden Götter.
Es war klar, dass die beiden erfahrene Kämpfer waren, gewohnt, sich gegenseitig den Rücken zu decken. Thor ließ Blitze auf die Chitauri regnen, und Loki deckte seine ungeschützte Seite. Er wirbelte in seiner eleganten Kampftechnik über das Schlachtfeld, die schon fast an einen Tanz erinnerte. Stach zu, duckte sich und zog sich zurück, alles in einer einzigen fließenden Bewegung. Immer wieder fing er Hiebe ab, die gegen Thor geführt wurden. Thor gab ein Zeichen und ließ seinen Hammer in einem gewaltigen Schlag auf die Erde krachen, der alle Chitauri im Umkreis von 10 Metern von den Füßen riss. Die meisten standen nicht wieder auf. Loki hatte sich auf Thors Zeichen hin in Luft aufgelöst und materialisierte sich soeben wieder an der Seite seines Bruders.
Voll abgefahren! dachte Tony und feuerte seinerseits Salven auf die Feinde ab, die sich nun auf Steve und Natasha konzentrierten. Tony stieß hinab und hielt gerade noch einen Chitauri auf, der sonst Natashas Kopf glatt entzwei gespalten hätte. Sie stach der Kreatur in den Hals und nahm dessen Waffe an sich.
„Danke dir", zwinkerte sie und warf sich zurück ins Getümmel.
Tony gab weiterhin Feuerschutz und bemerkte gar nicht, wie er von den Chitauri immer weiter abgedrängt wurde.
„Achtung, Iron Man, die wollten dich wohl von der Gruppe isolieren!" knackte es in der Com. Barton hatte von seinem Standpunkt aus einen guten Überblick über das Kampfgeschehen.
„Verstanden, dank... argh!" Er hatte zu lange gewartet, und nun hatte ihn eines dieser Mistviecher von hinten gepackt und hob ihn hoch. Das Ding war verdammt stark und presste seine Hände fest an seine Seiten; er konnte seine Repulsoren nicht einsetzen. Er versuchte es mit den Fußdüsen, um den Chitauri aus dem Gleichgewicht zu bringen. Vergeblich, das Ding bewegte sich keinen Zentimeter. Tony gab mehr Power in die Steuerdüsen, doch es brachte nichts.
„JARVIS, was für Möglichkeiten haben wir?" bellte er.
„Sir, ich berechne gerade die..."
Das Visier wurde ihm vom Gesicht gerissen, und er starrte in die Augen eines Chitauri . FUCK!
Plötzlich jedoch war der schraubstockartige Griff um seinen Körper verschwunden. Er hatte keine Zeit zu reagieren, denn schon wurde er herumgeschleudert und landete an der Wand des Raumschiffes. Die Chitauri hatten ihn wohl in diese Richtung getrieben, und er hatte es gar nicht bemerkt. Verdammt. Er richtete sich auf und wollte gerade feuern, als er bemerkte, wer ihn da gerade herumgerissen hatte.
Loki stand mit dem Rücken zu ihm und glühte quasi vor Energie – es war beängstigend. Tony konnte sehen, wie seine Magie wie grüner Nebel um ihn herum peitschte. Sein Kopf zuckte hierhin und dorthin, als er die Situation taxierte. Er blickte kurz zu Tony, um sich zu versichern, dass er sich wieder aufgerappelt hatte. Tony las Mordlust in diesen grünen Augen. Loki zischte den Chitauri etwas zu, und Tony begriff erst nicht, was er da gehört hatte...
„Ihr werdet ihn nicht anfassen!"
Der Gott war stinkwütend und stand in schützender Haltung vor Tony. Wäre er an der Stelle der Chitauri, er würde zusehen, dass er hier wegkam. Aber natürlich gingen diese Vollidioten zum Angriff über.
Loki metzelte sie alle nieder, mindestens zehn innerhalb eines Wimpernschlages. Tony hatte nicht mal einen Finger gerührt.
„Wow", hörte er Barton durch die Com. Wenn es von hier unten schon unglaublich aussah, musste es von dem erhöhten Standort der Wahnsinn sein.
„Ähm, Leute, ihr habt sie ziemlich dezimiert. Sieht so aus, als würden sich die restlichen zurückziehen", kam nun die Stimme von Bruce durch die Com. „Sie ziehen sich in das Raumschiff zurück. Wir könnten es in die Luft jagen, dann wäre die Sache erledigt", fügte er trocken hinzu.
Tony hörte ihn kaum. Er starrte auf den Rücken des Gottes, der ihn gerade mit seinem Leben verteidigt hatte, und hatte Schwierigkeiten zu begreifen, was gerade geschehen war. Ihr werdet ihn nicht anfassen. Sein Herz schlug schmerzhaft schnell in seiner Brust. Da war schon wieder dieses Kribbeln, er spürte es im ganzen Körper. Sein Blickfeld schien sich zu verengen und er hörte ein Rauschen. Alles verschwamm – alles außer einer Gestalt in grün und silber. Als Loki sich zu ihm umdrehte, konnte er ihn einfach nur wie ein Trottel anstarren. Er brachte keinen Ton heraus. Der Gott streckte ihm eine Hand entgegen. Wollte er, dass sie Händchen hielten?
Zu spät bemerkte Tony, dass Loki auch seinen anderen Arm erhoben hatte. Seine Kameraden versammelt sich um Loki, um teleportiert zu werden.
Wie in Trance überbrückte er die wenigen Schritte und griff nach Lokis ausgestreckter Hand – nicht nach seinem Arm. Sanft verschränkte er ihre Finger ineinander, ohne auch nur für einen Moment den Blick von diesen tiefgrünen Augen abzuwenden. Loki schien kurz überrascht, ließ dann jedoch ein flüchtiges Lächeln aufblitzen. Bevor er sich noch weiter blamieren konnte, teleportierte Loki sie alle zurück in den Quinjet.
Als alle wieder sicher an Bord waren, jagte Bruce das Raumschiff mit gezielten Salven in die Luft.
In einem weiteren kleinen Raumschiff, wenige tausend Meter über dem Geschehen:
„Das ist der Magier. Bringt ihn mir und sein Spielzeug." „Jawohl, Kommandeur!"
„Bist du verletzt, Stark?" fragte Loki besorgt. Der Sterbliche hielt immer noch seine Hand. Er fuhr ihm sanft über die Platzwunde über der linken Augenbraue und heilte diese damit. Danach löste er sich unauffällig für das Team aus dem Griff von Iron Man. Er wollte nicht schon wieder riskieren, dass Stark sich bloßgestellt fühlte und wütend auf ihn wurde. Tony schüttelte langsam den Kopf, starrte ihn aber weiterhin wie in Trance an. Loki drückte ihn sanft auf den nächsten freien Sitz.
In einer flüssigen Bewegung drehte er sich anschließend einmal im Kreis und sah nach, ob jemand ernsthaft verletzt war. Fast alle bluteten aus kleineren und größeren Wunden.
Er begann mit der Behandlung bei Natasha. Sie zog scharf die Luft ein, grinste ihn nach kurzer Zeit aber ungeniert an. „Also, dir möchte ich auch nicht in die Quere kommen, Loki. Beeindruckende Show. Meinst du, er hat's kapiert?" fragte sie so leise, dass nur Loki und Barton es hören konnten, der sie stützte.
Ohh, war es so offensichtlich gewesen? „Ich weiß nicht, was du meinst. Still jetzt, ich muss mich konzentrieren", sagte er mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.
Natasha grinste weiter, sagte aber nichts mehr. Barton war der Nächste. Wie er sich auf der sicheren Anhöhe einen Plasmastoß am Bein zugezogen hatte, war ihm ein Rätsel.
„Uhh, ich weiß ja nicht, Loki. Stark war noch nie einer von der schnellen Sorte, was das betrifft. Vielleicht warst du nicht subtil genug. Du solltest es auf eine Reklametafel schreiben...'Stark, ich mag dich'" murmelte er grinsend und Natasha musste lachen.
„Werdet ihr wohl endlich die Klappe halten!" grollte Loki und funkelte die beiden böse an.
Verdammt, er hatte nicht vorgehabt, seine Gefühle für Stark so öffentlich zur Schau zu stellen. Er hatte gehofft, die Avengers würden es nur als Verteidigung eines Teammitglieds sehen. Leider hatte er völlig die Kontrolle verloren, als er gesehen hatte, wie die Chitauri seine Sterblichen umzingelten. Seinen Sterblichen. Loki dachte schon seit Längerem in dieser Weise über Stark, würde sich aber lieber die Zunge abbeißen, als es laut auszusprechen. Offensichtlich musste er das nun auch gar nicht mehr – jeder an Bord schien besser zu wissen als er selbst, was er für Stark empfand.
Er wusste nur, dass er sich an dessen Seite nicht mehr einsam fühlte. Diese Empfindung hatte er schon so lange vermisst.
Loki konnte die wahren Gefährtinnen und Gefährten in seinem Leben an einer Hand abzählen. Sicherlich war er kein unbeschriebenes Blatt. Er war ein Prinz Asgards, jeder wollte ihn, trotz seines schlechten Rufes. Die Asen waren in dieser Hinsicht nicht wählerisch – Hauptsache royales Blut.
Aber aufrichtige Zuneigung oder sogar Liebe waren etwas ganz anderes. Hatte er sich den Weg zum Glück durch seine dumme Rettungsaktion verbaut? Empfand der Sterbliche genauso wie er? Bestimmt nicht. Wie sollte er? Er sieht mich nur als Freund, dachte Loki niedergeschlagen. Doch dann erinnerte er sich an Iron Mans Hand in seiner und spürte einen Funken Hoffnung aufglimmen.
„Ahh, Loki, ich hab's nicht so gemeint. Brich mir bitte nicht die Knochen", Barton schlug ihm auf den Arm und unterbrach seine Grübelei. Er hatte nicht bemerkt, wie fest er zugepackt hatte. Sofort lockerte er seinen Griff und vollendete den Heilungsprozess.
„Verzeih."
Barton winkte ab und bedankte sich für sein nun wieder gesundes Bein.
„Komm her, Bruder, du hast auch etwas abbekommen", Thor musterte ihn besorgt.
Sein Blick huschte zwischen seinem kleinen Bruder und Stark hin und her. Der Sterbliche hatte den Kopf in den Händen und war ungewöhnlich still. Loki hatte ihn mit allem verteidigt, was er hatte. Es war ein beeindruckendes Schauspiel gewesen. Thor hatte dieses Verhalten bereits früher bei seinem Bruder beobachtet, allerdings sehr, sehr selten. Wenn er darüber nachdachte, vielleicht nur zwei oder drei Mal. Er runzelte die Stirn. Dies hier schien ihm ernst zu sein.
Niedergeschlagen ließ sich Loki neben ihm nieder und seufzte tief. Thor musterte ihn nachdenklich. Warum nur hatte sein kleiner Bruder in diesen Dingen solche Probleme? Schon als kleiner Junge fiel es ihm schwer, viel schwerer als Thor, Freunde zu finden. Er hatte bis heute keine. Nein, das stimmte nicht – diese Gruppe hier könnte man als Freunde bezeichnen.
Thor wischte seinem Bruder das Blut aus dem Gesicht. Er wusste, dass es eigentlich nicht nötig war. Sämtliche Wunden des Gottes waren bereits wieder geschlossen, man konnte nicht einmal mehr erkennen, wo sie gewesen waren. Er ergriff Lokis Hand und drückte sie sanft.
„Gut gekämpft, Bruder. Es war wie in alten Zeiten. Mein Schild und mein Schwert", er lächelte ihn an und hoffte, sein Bruder würde verstehen. Loki erwiderte den Händedruck und das Lächeln. Er hatte verstanden. Alles würde gut werden.
Nachdem der Quinjet auf dem Dach des Stark Towers gelandet war und einen Haufen erschöpfter Avengers ausgespuckt hatte, begaben diese sich in den Besprechungsraum, um Fury Bericht zu erstatten. Eine Stunde später schleppte sie sich erschöpft auf ihre Zimmer.
Abends fanden sie sich alle wieder im Gemeinschaftsraum ein. Nach einer Schlacht fühlte es sich immer besser an, unter Leuten zu sein, dachte Tony und kaute lustlos auf einem Stück Pizza. Er war immer noch tief in Gedanken versunken. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Loki sich nach einem kurzen Wortwechsel mit Thor schließlich vom Tisch erhob und zur Dachterrassentür trat.
Entschlossen schob er seinen eigenen Stuhl zurück und machte sich daran, ihm zu folgen. Das war doch albern. Er würde diese Sache jetzt klären.
Er glaubte, im Vorbeigehen ein gemurmeltes „Na endlich" von Natasha aufzuschnappen, ignorierte dies aber gekonnt. Er zog leise die Tür auf und trat hinaus in die kühle Nachtluft.
Loki stand halb im Dunkel an das Geländer der halbmondförmigen Plattform gelehnt und blickte auf das Lichtermeer der Stadt hinunter.
Der Gott hatte den ganzen Heimweg über niedergeschlagen gewirkt und Tonys Blick gemieden.
Er machte ein paar Schritte, blieb aber wieder stehen und nahm sich kurz Zeit, den Anblick zu genießen: den wohlgeformten, muskulösen Rücken, der sich durch den dünnen Stoff des T-Shirts abzeichnete; die wilde Haarpracht, die gerade vom Winde verweht wurde, und natürlich diesen Hintern. Tony biss sich auf die Lippe, holte tief Luft und räusperte sich.
„Hey, Babe, was machst du hier draußen?"
Loki drehte sich erschrocken um, offensichtlich hatte er ihn nicht kommen hören. Er sah umwerfend aus, wie er da stand, leicht beleuchtet vom warmen Licht des Gemeinschaftsraums, das seine grünen Augen aufblitzen ließ. Die langen schwarzen Haare, elegant zusammengehalten von einem halben Dutt, wehten hinter ihm in der kühlen Nachtluft. Über seine hohen Wangenknochen kroch ein Hauch von Röte.
„Loki, ich..." Weiter kam er nicht.
Plötzlich wurde er von hinten gepackt und hochgerissen. Das Letzte, was er sah, bevor er sich in Nichts auflöste, war Loki, der von zwei Chitauri festgehalten wurde. Einer davon rammte dem Gott einen spitzen Gegenstand in die Schulter.
Kapitel 7 / Chitauri sind Sadisten
Einen Herzschlag später materialisierten sie sich in einem Raum, der eher wie eine Höhle aussah. Die Wände wirkten wie aus schwarzem Stein gehauen, durchzogen von blinkenden Lichtern, Konsolen und einem Fenster. Ein Fenster, von dem aus man die Erde erkennen konnte. Verdammte Scheiße! Sie waren im Weltraum?!
Tony wehrte sich mit aller Kraft gegen seinen Angreifer. Er landete auch prompt einen Treffer an dessen Schienbein oder an dem, was Chitauri an dieser Stelle sonst so hatten. Die Kreatur fauchte schmerzhaft auf und ließ ihn zu Boden fallen.
„Keine weitere Bewegung, Mensch", schnarrte eine Stimme hinter ihm. Tony kannte das Gefühl, eine Waffe an den Kopf gehalten zu bekommen, und er war ganz und gar kein Fan davon. Er erstarrte mitten in der Bewegung und wurde schließlich unsanft auf die Füße gezogen. Seine Hände wurden ihm vor dem Körper gefesselt, und er erhielt eine Fußfessel, die ihn durch eine etwa zwei Meter lange Kette mit der steinernen Wand hinter ihm verband. Anschließend wurde eine knisternde Stabwaffe vor seinen Augen herumgeschwenkt.
„Benimm dich, Hund, oder du wirst Schmerz erleiden", zischte ihm "Schienbein" zu.
„Fick dich", war Tonys Erwiderung.
Das Biest grinste ihn an und hieb ihm die Waffe in die Seite. Knisternd entlud die Waffe eine Art elektrische Ladung in seinen Körper. Tony spürte einen rot glühenden Schmerz durch seinen ganzen Körper fahren und ging zuckend und keuchend in die Knie.
„Rührt ihn nicht an!", hörte er Loki mit bebender Stimme rufen, gefolgt von einem übelkeitserregenden, klatschenden Geräusch.
„Du bist nicht in der Position, Befehle zu erteilen, Gott der Lügen", zischte ein Chitauri und entlud zusätzlich die Stabwaffe. Tony hörte, wie Loki aufkeuchte. Das Geräusch schnürte ihm die Kehle zu und er versuchte aufzustehen, merkte jedoch, dass seine Beine ihn nicht tragen würden. Stattdessen blickte er sich suchend in dem kleinen Raum um, der momentan voller Chitauri war.
„Hinaus, alle bis auf dich", knurrte eine tiefere Stimme. Die Biester zogen ab, und endlich konnte Tony Loki sehen. Sie hatten den Gott an die gegenüberliegende Wand gefesselt.
Loki war ebenso wie Tony an die Wand gekettet, allerdings waren seine Handschellen an der Decke befestigt. Er stand mit über dem Kopf gestreckten Händen etwa drei Meter von ihm entfernt und hielt sich offenbar an seinen Fesseln aufrecht. Tony sah, wie sich Lokis grünes Shirt bereits dunkel verfärbte. Er konnte ebenfalls gerade noch den vertrauten Splitter erkennen, der in der Schulter oberhalb des Schlüsselbeins steckte. NEIN! Panik drohte ihn zu überwältigen, sie durften Loki nichts antun, er musste ihm helfen. Er musste ...
Auf allen Vieren kroch Tony auf den Gott zu. „Loki", flüsterte er.
„Ein süßes Haustier hast du da, Silberzunge. Kennst du mich noch?" Ein weiterer Chitauri trat in sein Blickfeld. Dieser hier sah jedoch anders aus: Er war größer und durch eine dicke Narbe mitten im Gesicht auch hässlicher als die anderen. Offenbar war er hier der Befehlshaber. Er schritt auf Loki zu, packte ihn am Kinn, und seine andere Hand bohrte sich in die Wunde an seiner Seite. Loki stieß einen leisen Schmerzensschrei aus.
„Was willst du?", stieß Loki wütend hervor.
„Ich dachte, ich hätte damals klargemacht, was passiert, wenn du versagst. Du hast Glück, dass nicht nur ich an deiner Gesellschaft interessiert bin. Auf deinen Kopf ist ein Preis ausgesetzt. Leider will sie dich lebend, aber wir können uns ja trotzdem amüsieren."
Loki war blass geworden, die Angst in seinen Augen war deutlich zu erkennen.
„Drei Tage bis zum Treffpunkt. Kurs setzen!", zischte der Kommandeur einem anderen zu, und Tony spürte, wie sich das Raumschiff in Bewegung setzte.
Nein, nein, nein, das war gar nicht gut. Mit Grauen blickte er auf die Szene vor sich.
„Nun denn, wollen wir beginnen?"
Tony wollte sterben, es fühlte sich an wie Sterben. Er konnte nicht weiter zusehen, was dieses Monster seinem Gott antat. Seinem Gott!
Seit zwei Tagen quälte er Loki nun schon. Immer wieder stach er auf ihn ein, schlitzte Haut auf und bohrte seine Klauen in die Wunden. Immer wieder brach er Knochen und Rippen mit brutalen Schlägen. Schläge, die nicht nur mit den Fäusten geführt wurden, sondern mit dicken Stangen oder schweren Ketten, die Haut und Fleisch zerfetzten.
Der Gott hatte längst keine Stimme mehr, um zu schreien. Nur noch ein leises Wimmern drang an Tonys Ohren. Dafür schrie er, Tony schrie sich die Seele aus dem Leib. Er verfluchte den Kommandeur in allen Sprachen der Welt und bettelte ihn schließlich an, aufzuhören.
Dieser lachte ihn nur aus und machte weiter. Immer wieder riss er den Splitter aus Lokis Schulter, um dem Gott die Möglichkeit zu geben, die geschlagenen Wunden zu heilen. Immer wieder reparierte Lokis Magie die Schäden, nur um kurze Zeit später durch den Splitter wieder außer Gefecht gesetzt zu werden.
Zweimal hatte man sie für kurze Zeit alleine in der Zelle zurückgelassen. Tony wusste nun, dass es keine sadistischere Rasse im Universum gab als die Chitauri.
Bevor sie gingen, lösten sie Lokis Fesseln von der Decke und rissen den Splitter heraus, damit der Gott sich heilen konnte. Tony konnte Loki nicht erreichen, denn die Fesseln waren so berechnet, dass er selbst mit ausgestreckten Armen den Gott um eine Handlänge nicht berühren konnte. So blieben sie dann liegen, ausgestreckt auf dem kalten Steinboden, Loki in einer Lache aus seinem eigenen Blut. Ihrer beider Fingerspitzen nur wenige Zentimeter voneinander entfernt und doch unfähig, sich zu berühren.
Dies war Lokis Bestrafung für sein Versagen bei dem Angriff auf New York. Die Chitauri hatten ihn gewarnt, was ihn erwarten würde, sagte der Kommandeur immer wieder. Jedes Mal verspottete er den Gott, jedes Mal versicherte er ihm, dass ihn noch größere Schmerzen erwarten würden.
Tony erwachte aus seinem Dämmerschlaf, als er hörte, wie der schwere Riegel an der Tür zurückgezogen wurde. Er blickte zu Loki, der Gott sei Dank ohnmächtig zu sein schien. Die Chitauri kamen zu zweit in die Zelle, sie hatten mehrere große Eimer und Tücher dabei.
„Nun denn, auf zur letzten Runde, Ase. Danach gönne ich dir 12 Stunden Ruhe. Schließlich ist die Belohnung auf deinen lebendigen Kopf ausgesetzt, und ich will Thyra nicht verärgern. Sollte ich dich jedoch jemals wieder in die Finger kriegen, wisse, dass ich dich töten werde", schnarrte der Kommandeur und riss Loki auf die Beine.
Er rammte den Splitter wieder an die gleiche Stelle wie die vielen Male zuvor und zog ihm die Hände an die Decke. „Nein...", stöhnte Loki, aber das Monster lachte ihn nur aus.
Tony kamen schon wieder die Tränen, er war überrascht, dass er noch welche übrig hatte. Seine Wangen waren bereits verkrustet vom Salz der letzten beiden Tage. „Bitte nicht...", stöhnte er, bevor er sich zu einem festen Ball auf dem Boden zusammenrollte. Loki versuchte, stark zu sein – für ihn, das wusste er. Er konnte es in den unterdrückten Schmerzensschreien hören. Und er hatte versucht, das gleiche für den Gott zu tun, er hatte versucht, dessen Blick zu erwidern, wann immer dieser ihn gesucht hatte. Er wusste, dass der Gott das brauchte, um nicht verrückt zu werden, aber er fühlte sich, als wäre er in tausend Stücke zersprungen.
Tony hieb mit den Fäusten auf den Boden, NEIN, er würde diese Bastarde nicht gewinnen lassen.
Unendlich langsam quälte er sich auf die Füße und richtete seinen Blick nach vorne. Er stand so aufrecht wie möglich und suchte nach den grünen Augen seines Gottes in der blutverschmierten Fratze vor ihm. Loki verschränkte seinen Blick mit Tonys und ließ die Tortur über sich ergehen. Schließlich ließ der Kommandeur von Loki ab. „Gut. Heute gibt es für euch sogar eine extra Ration Wasser und Brot. Lasst euch eure Henkersmahlzeit schmecken. Der Raum ist übrigens mit einem Kraftfeld gesichert, versucht es also gar nicht erst."
Tony stellte sich ihm in den Weg, als er fast an der Tür war. „Wisse, Chitauri, dass ich dich suchen und finden werde. Und wenn es soweit ist, werde ich dich mit bloßen Händen töten, für das, was du ihm angetan hast." Er sagte es so emotionslos wie möglich.
Der Kommandeur bleckte zischend die Zähne und ließ die Tür ins Schloss fallen. Tony hörte den schweren Riegel, und plötzlich klickten die Fesseln an seinen Gelenken. Ungläubig befreite er sich schnell davon und konnte sich endlich wieder frei bewegen. Er machte einen zittrigen Schritt auf Loki zu, aber seine Beine wollten ihn nicht tragen. Also kroch er einfach auf Händen und Füßen weiter, bis er endlich bei ihm war.
„Loki", hauchte er und zog den Gott mit dem Rücken an seine Brust. Endlich konnte er ihn berühren, auch wenn er es kaum wagte. Lokis Brust war eine einzige blutige Masse.
„Anthony", Tony hätte ihn beinahe fallen gelassen, er hatte gedacht, der Gott sei bewusstlos.
„Ich bin hier", flüsterte er tränenerstickt.
„Anthony, der … der Splitter..." er blickte auf die Schulter seines Gottes hinunter und erkannte, dass die Chitauri dieses Mal vergessen hatten, den Splitter zu entfernen.
„Sofort." er presste einen Kuss auf Lokis Schläfe und packte gleichzeitig den Splitter. Loki zitterte und keuchte auf, als das teuflische Ding ein weiteres Mal aus seinem Körper gerissen wurde.
„Was meinst du, nehmen wir ihn als Andenken mit?", als ihm mit einem leichten Lachen geantwortet wurde, lockerte sich der eiserne Griff um sein Herz etwas. Er hielt Loki etwa eine Stunde an seine Brust gepresst. Flüsterte ihm beruhigende Worte ins Ohr, strich ihm über Haar und Wange und küsste immer wieder seine Schläfe. Schließlich normalisierte sich der Atem seines Gottes, und er wagte, ihn zu bewegen.
Er wollte ihn unbedingt aus der Lache seines Blutes weg haben. Also breitete er eines der Laken an der gegenüberliegenden Seite der Zelle aus. Mit zitternden Fingern stellte er Brot und Wasser daneben. Tief durchatmen. Dann kehrte er mit den restlichen Tüchern und zwei Eimern Wasser zurück an Lokis Seite.
„Was hältst du von einer schnellen Katzenwäsche, bevor wir es uns gemütlich machen, Babe?"
„Hervorragende Idee, Liebster, aber du musst mir helfen. Ich bin mir nicht sicher, ob meine Wunden schon geschlossen sind.", hauchte Loki erschöpft.
„Hm, Liebster? Das gefällt mir", grinste Tony. Bei den Tüchern hatte er auch frische Klamotten entdeckt. Deshalb entschied er, dass die blutigen Fetzen, die Loki am Leib hatte, weg mussten. Bei der Hose zögerte er.
Der Gott grinste ihn an. „So prüde, Liebster?"
„Also bitte, du verblutest gerade!", erwiderte er empört. „Außerdem, willst du wirklich, dass ich dich hier das erste Mal sehe? Da gibt's doch wirklich romantischere Orte."
Loki lachte und ließ sich von ihm auf die Beine helfen. Sein Gott war so schwach, dass er kaum stehen konnte. Tony lehnte ihn an die Wand und fing an, ihn zu waschen. Die Wunden auf der Brust waren tatsächlich teilweise noch offen, und er improvisierte aus einem der Tücher einen Verband. Der Oberkörper war versorgt, okay, dann...
Tony spürte, wie ihm die Röte über die Wangen kroch. Loki zog eine Augenbraue hoch. „Verdammt noch mal! Na schön, runter mit der Hose." Tony machte sich an der Verschnürung zu schaffen. „Schamloses Pack...", murmelte er.
„Anthony", Loki fasste sein Kinn zwischen Daumen und Zeigefinger und hob Tonys Kopf. Ihre Blicke verschränkten sich. „Anthony, es tut mir leid..."
Tony wollte die Entschuldigung nicht hören. Er kämpfte schon die ganze Zeit gegen die Panik. Wenn Loki jetzt anfing sich zu entschuldigen würde er druchdrehen. Stattdessen presste er seine Lippen auf Lokis. Eine effektive Methode, um ihn am Reden zu hindern. Das Problem war nur, nun da Tony diesen Schritt gewagt hatte, brach der Damm. Mit einem Schritt schloss er die Distanz zu seinem Gott und drängte ihn mit seinem Körper an die raue Wand. Seine Hände fanden den Weg in Lokis Haare und an dessen Hals. Er drängte sich dicht an seinen Gott und krallte sich wie ein Ertrinkender an ihm fest. Seine Zunge stieß fordernd an Lokis Lippen, und dieser gewährte ihm bereitwillig Einlass. Die Küsse wurden weicher, aber nicht weniger fordernd.
Ihm war bewusst, dass er Loki wahrscheinlich weh tat, aber er konnte nicht aufhören, er musste ihn spüren. Ihn genauso spüren, hier an die Wand gepresst, atmend und aufrecht stehend. Wenn er loslassen würde, würde sich der Gott auflösen, würde ihm entrissen werden.
Das konnte er nicht zulassen. Und er wurde nicht aufgehalten. Im Gegenteil, Loki lehnte sich ihm entgegen, schien ihn genauso zu brauchen wie er ihn. Sein Gott schloss ihn in die Arme und presste ihn sogar noch fester an sich. Tony konnte das frische Blut aus den offenen Wunden auf Lokis Brust auf seiner eigenen fühlen, aber das war egal. Das Einzige, was wichtig war, war, ihn so fest wie möglich zu halten, um ihn davor zu bewahren, in tausend Stücke zu zerspringen.
Schließlich brach er den Kuss und hielt Lokis Gesicht in beiden Händen. „Versprich mir, dass wir es nach Hause schaffen. Zusammen", flehte er atemlos mit Tränen in den Augen. „Versprich mir, dass du mich nicht verlässt." Loki atmete schwer und sah ihn ernst an. „Ich verlasse dich nicht, Anthony. Um bei dir zu sein brenne ich das ganze Universum nieder, wenn es sein muss. Ich finde einen Weg, wir finden einen Weg, Liebster." Und Tony küsste ihn, so wie er noch nie jemanden geküsst hatte.
Das hier war nicht nur der verzweifelte Versuch, sich an eine andere verlorene Seele zu klammern und zu versuchen, nicht den Verstand zu verlieren. Das hier war echt und unverfälscht.
Schwer atmend legte Loki seine Stirn an Tonys. Dieser schloss für einen Moment die Augen und verlor sich in der Nähe zu seinem Gott. Ein leises Rascheln ließ ihn zusammenzucken und er blickte sich erschrocken um.
Lokis Hose hatte sich im unpassendsten Moment dazu entschieden, den Weg nach unten anzutreten. Mit einem lauten Klatschen landete sie zu ihren Füßen.
Tony blickte automatisch hinab. Nach einem Moment hob er den Blick langsam wieder. „Das ist jetzt wirklich nicht dein Ernst, oder?", sein Gott zuckte nur entschuldigend mit den Schultern, und setzte eine Unschuldsmiene auf.
„Schockiert?" fragte er dann, mit einem amüsierten Funkeln in den Augen.
„Das soll wohl ein Scherz sein." lächelte Tony
Nachdem sie beide einigermaßen sauber waren, die blutgetränkten Klamotten in einer Ecke entsorgt und gegen neue getauscht hatten, half Tony Loki zur gegenüberliegenden Seite der Zelle. Der Gott atmete immer noch gepresst und stützte sich schwer auf Tonys Schulter. Er machte sich große Sorgen, so schwach hatte er Loki noch nie gesehen. Er konnte spüren, wie der Gott zitterte; er musste große Schmerzen haben. Behutsam half er Loki, sich auf dem vorbereiteten Laken niederzulassen. Er setzte sich selbst mit dem Rücken an die raue Steinwand und bettete Lokis Kopf in seinem Schoß.
„Wie schlimm ist der Schmerz auf einer Skala von 1 bis 10?", fragte er leise und streichelte Lokis blutverkrustetes Haar.
Loki öffnete ein Auge und blinzelte ihn an. „Ich würde sagen, eine 20. Aber mach dir keine Sorgen, Liebster. Meine Magie ist bereits dabei, meine Wunden zu heilen. Ich brauche nur Zeit."
Tony sah ihn zweifelnd an. Zeit. Wie viel von den 12 Stunden waren noch übrig? Und was würde dann passieren? Wer war diese Thyra, von der der Chitauri gesprochen hatte? Warum wollte sie Loki und warum wollte sie ihn? Wieso war er überhaupt hier? War es ein Versehen oder Absicht gewesen? Die Fragen stürmten auf ihn ein, nun da er wieder in der Lage war, seine Gedanken auf etwas anderes zu lenken als auf Schmerz und Verzweiflung. Er zuckte leicht zusammen, als Loki weitersprach; er hatte nicht bemerkt, dass der Gott ihn beobachtet hatte.
„Anthony, ich weiß nicht, wieso wir an diesem Ort sind, ich weiß nicht, was kommt oder wer diese Thyra ist, von der der Kommandeur sprach. Ich weiß nur, dass ich meine Kraft so schnell wie möglich wiederherstellen muss, um unser beider Willen. Ich fürchte den Grund, aus dem sie dich hierher gebracht haben könnten. Es tut mir leid, ich habe versagt."
Tony sah verwundert in diese verzweifelten Augen. „Wo genau, bitteschön, hast du versagt? Hör doch auf, so einen Unsinn zu reden", sagte er wütend.
Die Worte des Gottes nagten an ihm: „Der Grund, aus dem sie dich hierher gebracht haben." War er hier, um als Druckmittel gegen Loki verwendet zu werden? Wenn ja, was würde wer auch immer mit ihm anstellen? Er wollte es nicht herausfinden. Sie mussten hier raus.
Vorsichtig hob er Lokis Kopf aus seinem Schoß, stand auf und begann, sich in dem Raum umzusehen. Es musste hier doch irgendetwas geben, mit dem er etwas anfangen konnte. Einen Hebel, um die Tür aufzubrechen oder etwas in der Art. Moment, was war mit den Konsolen? Konnte er sie eventuell kurzschließen oder eine Nachricht versenden?
Es war zwecklos, die Konsolen waren nutzlos, weil er die Symbole nicht lesen konnte. Außerdem schienen sie mit einer Art Sperrbildschirm geschützt zu sein. Eine Stromversorgung konnte er nicht erkennen und die rauen Wände waren unnachgiebig. Die Tür bewegte sich keinen Millimeter, und es gab keinen Spalt an dem man ansetzen hätte können. Im ganzen Raum gab es kein einziges hilfreiches Werkzeug das sie zur Flucht benutzen konnten. Verdammt!
Loki beobachtete, wie sein Sterblicher immer panischer in der Zelle auf und ab ging. Seine Hände tasteten fahrig über Konsolen und Mauerwerk. Er würde nichts finden, das sie beide hier rausbringen würde, Loki wusste das. So nachlässig waren die Chitauri nicht.
„Anthony ..." versuchte er ihn zu rufen. Tony schien ihn nicht zu hören.
Es schmerzte ihn noch mehr als seine zahlreichen Verletzungen, zu sehen, wie die Erkenntnis seinen Sterblichen traf. Er war hier wegen Loki, ein Druckmittel, um den Gott zu brechen. Was würden sie ihm antun? Er hatte in seiner Unachtsamkeit und seinem dummen, verzweifelten Wunsch nach Partnerschaft eine Zielscheibe auf den Rücken des Mannes gemalt. Sichtbar für alle, auch und besonders für seine Feinde. Wollten sie Loki schaden, müssten sie nur Tony etwas antun.
Verzweifelt schloss er die Augen. Sein Bruder hatte ihm immer gesagt, die Liebe wäre es wert, dafür zu kämpfen. Man müsse sich verwundbar machen, um stärker zu werden. Dieses Prinzip hatte für ihn nie so richtig funktioniert. Er hasste es, verwundbar zu sein. Die wenigen Male, als er es zugelassen hatte, waren nie glücklich ausgegangen. Jedes Mal war er alleine und verletzt zurückgeblieben.
Er spürte ein Brennen in der Kehle und versuchte, die Flut im Zaum zu halten. Eine Träne fand ihren Weg über seine Wange, wurde aber plötzlich von sanften Fingern weggewischt. Loki schlug die Augen auf und blickte in das ausgezehrte Gesicht seines Sterblichen, der nun neben ihm kniete. Die psychische Anstrengung und der Mangel an Nahrung hatten an Tonys Kräften gezehrt und waren ihm deutlich anzusehen. Aber die Augen, in die er nun blickte, waren die gleichen wie immer. Sie sahen ihn ernst und zugleich zärtlich an.
„Ich finde keinen Weg hier raus, Babe. Wir müssen wohl abwarten, was auf uns zukommt, und versuchen, einen Weg zu finden, wenn wir unser neues Quartier beziehen", scherzte er. „Hast du Schmerzen?" hauchte er, als er eine weitere Träne von Lokis Wange wischte. Loki schüttelte leicht den Kopf. Solange Tony an seiner Seite war, spürte er keinen Schmerz.
„Okay, mein tapferer Indianer, hör mir jetzt gut zu." Der Mann schluckte schwer. „Ähm, mir ist klar, dass ich nur hier bin, damit sie etwas gegen dich in der Hand haben ..."
Loki verzog schmerzhaft das Gesicht und schloss die Augen. Nun würde er ihm gleich sagen, dass er sich zum Teufel scheren konnte und dass er ihn dafür hasste.
„Hey, Babe, komm schon, sieh mich bitte an. Es ist mir wichtig, dass du verstehst, was ich dir zu sagen habe", bat Tony mit sanfter Stimme, legte beide Hände an Lokis Gesicht und zwang ihn so, ihn anzusehen. „Was auch immer sie mit mir machen, du darfst nicht nachgeben. Lüge einfach und sag, ich würde dir nichts bedeuten, dann kannst du vielleicht entkommen ..." sagte er ernst.
Loki war entsetzt. Was, bei allen Göttern, verlangte er da von ihm? Sollte er ihm etwa beim Sterben zusehen und so tun, als würde es ihn nichts ausmachen? Das war unvorstellbar, alleine der Gedanke daran ließ ihn erschaudern.
„Das kann ich nicht", flüsterte er kaum hörbar.
„Loki, bitte. Wir können uns beide denken, was sie mit mir machen werden, wenn du ihnen nicht gibst, was sie wollen. Ich kann nicht behaupten, dass ich mich auf den Tod freue, aber wenn ich dir dadurch zur Flucht verhelfen kann ..." Seine Stimme brach, und er räusperte sich, bevor er fortfuhr. „Du hast mir gesagt, du würdest das ganze Universum für mich niederbrennen. Nun, ich würde für dich sterben." Er sprach diese Worte ganz ruhig. Es war ihm todernst, er war bereit, für ihn sein Leben zu geben.
„NEIN!" Loki wollte sich aufsetzen, wurde aber von Tony an Ort und Stelle gehalten. Deshalb umklammerte er dessen Unterarme und sah zu seinem Sterblichen auf. „Ich werde das nicht zulassen. Ich werde ihnen einfach geben, was sie wollen. Auf keinen Fall wirst du dich für mich opfern. HÖRST DU MICH?" schrie er.
„Jeder braucht manchmal einen Helden. Lass mich deiner sein", lächelte Tony.
Loki krallte seine Finger in Tonys Arme und schüttelte den Kopf. „Ich will keinen Helden, der mich rettet! Ich will einen Gefährten, mit dem ich einen Weg hier raus finden werde! Ich will dich, Anthony Edward Stark." Die beiden atmeten schwer.
„Es muss einen anderen Weg geben. Lass uns erst sehen, was Thyra will und wohin sie uns bringt. Bitte", flehte Loki mit zitternder Stimme.
Tony sah ihn lange an und nickte kaum merklich. Sein Blick glitt über Lokis Gesicht und heftete sich schließlich auf etwas außerhalb seines Blickfelds. Er runzelte die Stirn und Loki konnte sehen das er angestrengt nachdachte.
„Hmm", machte er. Und dann änderte er plötzlich das Thema, „Loki, wäre es theoretisch möglich, dass du uns auf die Erde zurückteleportierst, obwohl wir uns im Weltraum befinden?"
Loki war von der plötzlichen Kursänderung seines Sterblichen irritiert, dachte aber kurz über die Frage nach. „Das sollte kein Problem darstellen. Ich kann problemlos zwischen den neun Welten wechseln, also sollte es möglich sein. Ich brauche lediglich einen vertrauten Zielpunkt und ausreichend Energie."
„Wie viel Energie genau? Wärst du zum Beispiel jetzt in der Lage zu porten?" fragte Tony.
„Nein, ich bin im Moment zu schwach, außerdem hindern die Kraftfelder um diesen Raum mich daran. Abgesehen davon würde ich sagen, benötigt ein Sprung ungefähr 50 % Energie eines Sterblichen. Anthony ... bitte." Loki krallte sich immer noch in Tonys Unterarme und flehte ihn stumm an, sein heroisches Ansinnen zu verwerfen.
„Na gut, lass uns einen anderen Weg finden und sehen, was diese Thyra von dir will", lenkte dieser schließlich ein.
Sie würden einen Weg finden.
Auf der Erde
Wuschhh. In einem Wirbel aus Licht und Blitzen erschien Thor auf der Plattform des Stark Towers.
„Hast du etwas herausgefunden? Was sagt Asgard?" Natasha war dem Donnergott entgegengeeilt. Aber ein Blick in das finstere, besorgte Gesicht beantwortete ihre Frage. Zusammen traten sie durch die Tür in den hell erleuchteten Gemeinschaftsraum der Avengers.
Thor schüttelte den Kopf. „Wir können sie nicht ausfindig machen. Es ist, als wären sie spurlos verschwunden – das Chitauri-Schiff scheint eine Tarnvorrichtung zu haben, die unsere Sensoren täuscht. Heimdall kann Loki über die Entfernung nicht sehen ..." Frustriert ließen sich alle Anwesenden wieder auf ihre Stühle fallen.
„S.H.I.E.L.D ist auch keine große Hilfe. Sie haben das Schiff zwar erfasst, kurz bevor es den Orbit verlassen hat, können aber nicht einmal sagen, in welche Richtung wir suchen müssen", seufzte Clint der wieder aufgestanden war und rastlos im Raum umherlief.
„JARVIS, irgendwelche Ideen, die wir noch nicht probiert haben?" fragte Steve zum gefühlt 50. Mal und stützte den Kopf in die Hände.
„Ich fürchte, wir haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft, Sir", antwortete die AI.
„Verdammt! Sie sind seit drei Tagen verschwunden, können wir denn gar nichts tun?" Banner schlug mit der Faust auf den Tisch.
„Beruhige dich bitte, Bruce, wir wollen hier keinen grünen Vorfall, okay?" Natasha legte ihm beruhigend die Hand auf den Unterarm. Die Assassin wirkte angespannt und besorgt und Bruce legte eine Hand über ihre.
„Haben wir denn niemanden mehr, den wir noch um Hilfe bitten können? Was ist mit Wakanda? Irgendwer der sich mit Raumschiffen und dem Weltall auskennt? Haben wir da draußen wirklich niemanden? Was ist mit Strange?" fragte Bruce verzweifelt in die Runde. Er hatte an einem Abend seine zwei besten Freunde verloren und wollte einfach nicht wahrhaben, dass er nichts tun konnte, außer zu warten.
„Wakanda kann uns nicht helfen, ich habe bereits mit T'Challa gesprochen. Strange versucht zwar gerade etwas, macht uns aber keine großen Hoffnungen. Mir fällt nichts mehr ein ... JARVIS, kannst du bitte noch mal das Video abspielen?" kam es verzweifelt von Steve, der das Gesicht immer noch in seinen Händen verborgen hatte.
Ein Holobildschirm erschien flakernd über dem Tisch. Das blaue Licht warf harte Schatten auf die Gesichter der versammelten Avengers, und sie sahen zum wiederholten Mal zu, wie Tony zu Loki auf die Dachterrasse trat. Er blieb kurz stehen, und machte einen weiteren Schritt in die Richtung des Gottes. Hey Babe, was machst du hier draußen? Loki drehte sich daraufhin um. Loki, ich ... Dann tauchten plötzlich drei Chitauri auf. Einer packte Tony von hinten und verschwand, während die anderen beiden Loki bändigten, indem sie ihm einen von diesen Stäben in die Schulter rammten, und eine Sekunde später ebenfalls verschwanden.
Der ganze Angriff hatte nicht mal zwei Minuten gedauert, aber die Avengers waren nicht schnell genug auf der Terrasse gewesen. Die Aufnahme stoppte bei Thor, der durch die Tür brach und nach seinem Bruder rief, der längst verschwunden war. Das Hologramm löste sich in Luft auf, und der Raum verfiel in Schweigen.
„Leg dich zu mir, es ist kalt", sagte Loki erleichtert und zog Tony in den Spalt zwischen seinem Körper und der Wand. „Hier, lass mich zumindest für ein paar Stunden dein Schild sein, wenn ich dich schon nicht beschützen kann", fügte er bitter hinzu und schlang die Arme um seinen Sterblichen.
„Hmm", seufzte dieser und presste seinen Rücken an Lokis Brust. Der Mann passte perfekt in die Rundung von Lokis Körper, zufrieden legte er sein Kinn auf Tonys Kopf ab. Er konnte spüren wie sich sein Liebster langsam entspannte. „Eigentlich bin ich kein kleiner Löffel, aber das hier ist ... perfekt", schnurrte sein Sterblicher und presste nun auch seinen Hintern und seine Beine an Lokis Körper. „Was für ein beschissenes erstes Date, hm? Ich hatte eigentlich was anderes geplant", plapperte er weiter.
Loki wusste, dass er ihn ablenken wollte. Tony dachte immer noch darüber nach, wie er am besten für ihn sterben konnte. Dieser verdammte Sturkopf. Er presste die Lippen zusammen und schloss die Augen.
Seit fast einem Jahr kannte Loki Tony Stark und er erkannte diesen Gesichtsausdruck sofort. Es war der Blick eines Mannes, der verzweifelt nach einer Lösung suchte – wohl wissend, dass es nur den einen Weg gab, den er längst für sich beschlossen hatte. Loki konnte den scharfsinnigen Verstand unter seinem Kinn förmlich arbeiten hören.
Es würde ihnen nur nichts bringen, dachte Loki traurig. Er glaubte nicht, dass Tony nur aus Versehen von den Chitauri mitgenommen wurde. Abgesehen von dem Schlag ganz am Anfang hatten sie ihn nicht angerührt. Das musste bedeuten, diese Thyra wollte sie beide, und es konnte nur auf eine Art enden. Was auch immer sie von Loki wollte – würde er es ihr nicht geben, würde sie Tony töten. Wenn er es ihr gäbe, könnte er dann vielleicht etwas mit dieser Person aushandeln? Er war immerhin der Gott der Lügen, trickreich und skrupellos, wenn er musste.
Das Problem war nur, dass Tony bei ihm war, und er konnte auf keinen Fall riskieren, dass ihm etwas zustieß. Es konnte doch nicht hier enden, bevor es wirklich angefangen hatte.
Vielleicht ... wenn er genug Energie hätte ... könnten sie bei der Übergabe fliehen ... er würde sich Tony schnappen und sie beide auf die Erde teleportieren. Würde seine Energie ausreichen? Er musste es einfach versuchen. Denn es gab keine Garantie dafür, dass Thyra Verwendung für ihn hatte, nachdem er ihr gegeben hatte, was sie wollte.
Wahrscheinlicher war sogar, dass sie sie einfach beide töten würde. Seine Gedanken wurden durch einen scharfen Schmerz in seiner Seite unterbrochen.
„Ahhh, verdammt, mmm", keuchte er auf und verzog das Gesicht. Tony drehte sich in seinen Armen um, sodass er ihm nun gegenüberlag, und sah ihn besorgt an.
„Was ist los? Hast du Schmerzen? Natürlich hast du Schmerzen, wie könntest du nicht? Was kann ich tun?" Seine Finger fuhren über Lokis bandagierte Brust, um zu prüfen, ob sich die Wunden wieder geöffnet hatten.
„Es ist nichts", presste der Gott zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. „Nur ... die Heilung von Knochen in diesem Ausmaß ist doch etwas unangenehm. Dieses Schwein hat mir beinahe den ganzen Brustkorb zertrümmert."
„Oh ..." Sein Sterblicher wurde plötzlich rot. „Ohh ... verdammt, und ich hab dich vorher auch noch ... an die Wand ... ähm, tut mir leid, wenn ich dir noch zusätzliche Schmerzen verursacht habe", murmelte er verlegen.
Nun musste Loki wirklich lachen. Ihre Situation war schrecklich, aber Tony war einfach zu niedlich. „Was ist los mit dir, Anthony, so kenne ich dich gar nicht. Du als selbsternannter Playboy müsstest doch das Prinzip von Schmerz und Lust kennen ..." Er grinste teuflisch und sah befriedigt, wie dem Sterblichen der Mund aufklappte.
Tony stützte sich auf einen Ellenbogen und sah ihn ungläubig von seiner nun erhöhten Position aus an. „Verarscht du mich gerade?" Als Loki ihn nur weiter angrinste und ein leichtes Lachen ausstieß, wurde er wütend.
„Wirst du wohl die Klappe halten!"
„Zwing mich doch", hauchte Loki, bevor der Sterbliche die Distanz zwischen ihnen schloss und den Gott sehr effektiv zum Schweigen brachte.
Der Kuss raubte ihm den Verstand. Genau wie beim ersten Mal ließ er Loki vergessen, welche Schmerzen er litt und wo er war, ließ ihn schier zerfließen. Als sie sich schließlich voneinander lösten, hauchte er an Tonys Mund: „Weißt du eigentlich, was für ein Feuerwerk du in meinem Kopf auslöst?" Als er das zufriedene Grinsen sah, wurde ihm bewusst, dass er diesen Satz gerade laut ausgesprochen hatte.
„Hmm, gut, das war mein Ziel." Sein Sterblicher richtete sich langsam wieder auf und blickte ihn unverwandt an. „Als ich zu dir auf die Dachterrasse gekommen bin, wollte ich dir eigentlich was sagen. Hmm, ich … ich wollte dir sagen, wie sehr ich dich ... mag ... Was du vorher gesagt hast ... dass du mich willst, hast du das ernst gemeint?" stammelte er.
„Ich habe jedes Wort ernst gemeint, das ich zu dir gesagt habe, Anthony", sagte Loki ernst. „Du … du magst mich also, hm?" lächeln legte er eine Hand an Tonys Wange.
„Na ja, also nein ...", sagte Tony, und Loki stutzte. „Ich meine, das hier geht über Mögen weit hinaus. Das hier ist etwas ganz ... es geht tiefer", schloss er lahm. Loki schwieg und sah zu, wie der Mann mit sich selbst rang, um die Worte auszusprechen, die er nicht fand. Schließlich stieß Tony genervt die Luft aus, legte seine Hand an Lokis Wange und versuchte es erneut.
„Okay, nichts ist so gelaufen wie geplant. Es geht alles viel zu schnell, wir sitzen hier in dieser Scheiße. Aber verdammt, Loki ... ich will dich auch. Du hast versprochen, dass wir einen Weg hier rausfinden, und ich will verdammt sein, wenn wir von dem ‚... glücklich bis ans Ende' nur ein Ende haben. Ich werde jeden eigenhändig umbringen, der es wagt, dich anzufassen", stieß sein Sterblicher heftig aus. „Du sagtest, dass du keine Helden brauchst, aber du hast jetzt mich, ob es dir passt oder nicht." Er schluckte schwer. „Was ich damit sagen will, ist, ich steh total auf dich, und ich wäre wirklich gerne dein Gefährte. Das war, glaube ich, der Ausdruck, den du gebraucht hast ..."
Loki wagte kaum zu atmen. Sein Herz wollte zerspringen vor Freude, und er schluckte schwer.
„Ek ann þér. Komm her", erwiderte er nur und zog Tony in einen weiteren Kuss.
Es gab nichts weiter zu sagen. Sie schmiegten sich wieder aneinander und verfielen schließlich in einen unruhigen Schlaf.
„Wie fühlst du dich?" fragte er, als sein Gott langsam die Augen aufschlug. Tony hatte vor lauter Anspannung keine Ruhe gefunden, und stattdessen Wache gehalten. Lokis Herzschlag zu spüren hatte ihn zwar etwas beruhigt, aber an Schlaf war nicht zu denken gewesen. Besorgt musterte er seinen Gott.
Er sah schrecklich aus. Der schmerzerfüllte Ausdruck auf Lokis Gesicht war seit ihrer Ankunft auf diesem verfluchten Raumschiff allgegenwärtig. Nur wenn er ihn berührte, schien sich der Schleier zu heben. Er konnte das leichte Zittern von Lokis Körper spüren. Fieber. Dachte Tony, mit wachsender Besorgnis. Er hatte ihn die ganze Zeit festgehalten, aber seine Körperwärme schien nicht auszureichen.
„Es ging mir schon mal besser", war alles, was er bekam, bevor Loki die Augen wieder schloss.
„Hast du die ganze Zeit neben mir gewacht?" fragte der Gott leise.
„Hmm, ich kann sowieso nicht schlafen" seufzte Tony und strich ihm sanft über die Wange.
Wie viel war von den 12 Stunden noch übrig? Er hatte den Gedanken kaum vollendet, da spürte er, wie das Raumschiff verlangsamte. Er blickte zu dem einzigen Fenster im Raum und bemerkte, dass er wieder Sterne sehen konnte und nicht nur Lichtschlieren. Verdammt, es sah so aus, als wären sie angekommen.
Er griff über sich nach dem Splitter, den er vor einigen Stunden aus Lokis Schulter gezogen hatte. Das Ding glühte giftig grün in seiner Hand. Er überlegte, wo er es verstecken sollte, von wegen Strahlung und so. Schließlich steckte er es in die Tasche seiner Jeans – glücklicherweise hatte er eine mit Reißverschluss – und hoffte, dass es nicht entdeckt würde. Dieses Ding wäre der letzte Ausweg.
„Ich glaube, wir sind da, Babe. Was meinst du, hast du genug Energie für einen Fluchtversuch während der Übergabe?" fragte er angespannt.
Loki öffnete ein Auge und funkelte ihn an. „Worauf du dich verlassen kannst." Sie grinsten sich an.
Plötzlich erfüllte ein Zischen den Raum.
Erschrocken sahen sie sich um. Was war das? Alarmiert zog Tony Loki auf die Füße. „Was zum Geier ist das jetzt wieder? Siehst du, wo das herko ..." Weiter kam er nicht, denn er musste plötzlich heftig husten. Irgendetwas stimmte mit der Luft nicht, es schien nicht genug davon zu geben. Tonys Lungen zogen sich schmerzhaft zusammen, und er japste nach Sauerstoff. Sein Blickfeld begann sich zu verengen, und er ging in die Knie. Panik wallte in ihm auf und er versuchte verzweifelt zu atmen.
Loki fiel neben ihm zu Boden und starrte ihn grauenerfüllt an. „Gas..." hustete der Gott.
Nein, nein, nein, das durfte nicht wahr sein. Sie wurden für den Transport mit Gas außer Gefecht gesetzt. Offensichtlich waren die Chitauri doch nicht so doof, wie sie aussahen.
Er griff nach Lokis Hand, verschränkte ihre Finger und hielt ihn fest. Klammerte sich regelrecht an diese Hand, die das einzig Feste in der beginnenden Dunkelheit war. Er durfte ihn nicht verlieren.
„Verdammt..." keuchte er. Dann wurde alles schwarz.
Kapitel 8 / Majutas und eine Vanir
Tony stöhnte leise auf. Verdammt, wie viel hatte er gestern bloß getrunken, dass ihm dermaßen der Schädel brummte? Er musste aufstehen und nach den Schmerztabletten suchen. Moment – etwas stimmte nicht: er stand ja bereits.
Sein Kopf zuckte hoch, als sein Verstand wieder anfing zu arbeiten und er sich daran erinnerte, was die letzten Tage geschehen war. Loki. Er blickte sich panisch um und versuchte, seine Sicht klarzustellen.
Immer wieder verschwamm sein Blick. Das musste an diesem Drecks-Gas liegen, mit dem die Chitauri sie betäubt hatten. Er erkannte, dass er in einem runden Raum mit grauen, glatten Metallwänden stand. Kein Fenster, keine Lichter, keine Konsolen – der Raum war komplett leer. Leer bis auf einen Gott der Lügen und des Schabernacks, der nicht weit von ihm mit metallenen Bändern an die Wand gebunden war. Die Schellen schienen direkt mit der Wand zu verschmelzen und fesselten seine Hand- und Fußgelenke. Ein weiteres, breites Band zog sich über die Brust. Grüne Augen blickten ihn gefasst an.
„Guten Morgen, Liebster, willkommen in der Flitterwochen-Suite." Tony prustete los und grinste ihn an.
„Fuck. Ich dachte, wir hätten das Paket mit Massage & Whirlpool gebucht und nicht das mit SM & Bondage. Das hier ist echt nicht mein Ding. Mal ehrlich, ich dachte, wir sind im Weltall mit anderen Spezies, die höher entwickelt sind als wir. Warum fühlt sich das hier dann an wie tiefstes Mittelalter? Dieses ganze An-die-Wand-Fesseln ist doch echt 15. Jahrhundert."
Genau wie Loki war er mit fünf Bändern an die Wand gefesselt. Er versuchte probehalber, seine Hände zu drehen, aber die Schellen saßen sehr eng und rührten sich keinen Millimeter. „Hast du schon versucht zu teleportieren? Gibt es hier auch so ein Kraftfeldding?" fragte er, ohne seinen Gott anzusehen, und testete weiter seine Fesseln.
„Anthony..." Tony blickte zu Loki. Der Gott blickte hinunter auf seine Schulter und wieder zurück zu ihm. Tony folgte dem Blick und stellte erschrocken fest, dass Loki nicht nur von fünf Bändern an der Wand gehalten wurde. Direkt unter seinem Schlüsselbein ragte einer dieser beschissenen Stäbe hervor. Dieser hier war allerdings viel größer und dicker als der schmale Stab, den die Chitauri benutzt hatten. Er sah fast wie ein Brecheisen aus. Jemand hatte ihn direkt durch Lokis Schulter und in die Wand dahinter getrieben. Blut sickerte aus der Eintrittswunde und hatte wieder einmal eine kleine Blutlache zu seinen Füßen gebildet.
„Verdammt, Babe, kannst du mal aufhören, dich ständig von diesen Dingern durchbohren zu lassen?" presste Tony hervor. Seine Stimme zitterte leicht, aber er weigerte sich der Panik nachzugeben. Es würde keinem helfen wenn er jetzt zusammenbrach. Loki tat ihm den Gefallen und stieg auf das alberne Geplapper ein um ihn abzulenken.
„Es tut mir leid, aber als ich aufgewacht bin, war er schon da. Ich hatte kein großes Mitspracherecht", antwortete er trocken und schenkte Tony ein leichtes Lächeln.
Mit einem leisen Zischen öffnete sich plötzlich die Tür und ihre Gastgeber traten ein.
„Ah, unsere Ehrengäste sind wach. Willkommen an Bord der Eyda."
Gesprochen hatte eine hochgewachsene Frau mit markanten Gesichtszügen. Die dunkel umrandeten Augen waren von einem so tiefen Blau, dass sie fast schwarz wirkten. Das lange blonde Haar war in Wikinger-Manier über den Scheitel zurückgesteckt und an den Schläfen teilweise zu Zöpfen geflochten. Sie trug eine Lederrüstung mit silbernen Schnallen, hohen Schnürstiefeln und einen Pelz über den Schultern. Man hätte sie als schön bezeichnen können, wäre da nicht der wahnsinnige Ausdruck in ihren Augen gewesen, dachte Loki. Außerdem kam sie ihm irgendwie bekannt vor.
Mit Schrecken bemerkte er nun auch die beiden Kreaturen, die hinter ihr den Raum betraten. Diese echsenartigen Wesen hatte er zuletzt vor Hunderten von Jahren auf Vanaheim, einer der neun Welten, gesehen. Majutas – eine Söldner-Rasse vom Rande der Galaxie.
„Loki Odinson, Prinz von Asgard, wie schön, dich endlich persönlich zu treffen. Ich habe mein Leben lang Geschichten von dir gehört", fuhr sie fort. Das Lächeln, das sie ihm schenkte, erreichte jedoch nicht ihre Augen.
Er neigte leicht den Kopf. „Thyra, nehme ich an. Was verschafft uns die Ehre?" Wenn sie Spielchen spielen wollte, bitteschön.
„Ich hatte gehofft, der listenreiche Gott der Lügen könnte mir bei einem Problem weiterhelfen." Loki legte den Kopf in einer fragenden Geste leicht zur Seite.
„Und was könnte eine Vanir aus Vanaheim mit einem Schiff, das den Namen Zerstörung trägt und bemannt ist mit Majuta-Söldnern, wohl für ein Problem haben?" Sie zuckte fast unmerklich zusammen. Hatte sie etwa gedacht, er würde ihren Akzent und die Kleidung ihres Volkes nicht erkennen?
„Oh, die Geschichten sind also wahr. Wie schlau du doch bist. Also gut, Schluss mit den Spielchen, Odinson." Das irre Funkeln in ihren Augen nahm bei dem letzten Wort sogar noch zu. Mit wenigen Schritten durchquerte sie den Raum und griff nach dem Stab, der aus Lokis Schulter ragte. „Wie gefällt dir mein kleines Spielzeug? Ich nenne es Brydda", sagte sie dabei und drehte das verdammte Ding in seiner Wunde.
„Faszinierend", stieß er zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Nicht wahr? Ich habe Jahre gebraucht sie zu entwickeln. Als ich dich damals im Kampf sah, wusste ich wir würden eine Waffe gegen Magier wie dich brauchen." Sie beobachtet ihn aufmerksam. „Du magst stärker sein als ich, aber damit im Körper," sie drehte den Brydda erneut „bist du mir hilflos ausgeliefert." Loki stieß fauchend die Luft aus und funkelte sie wütend an.
„Wie lange hat der große Loki Odinson gebraucht um den Brydda in seiner Seite zu bemerken?" fragte sie mit einem raubtierhaften Lächeln auf den Lippen. Er starrte sie ungläubig an. Der Angriff in New York durch die Chitauri war ihr Werk?
„Ich hatte geplant dich durch den Kommandeur beseitigen zu lassen. Ohne dich, wäre es so viel leichter an Thor heranzukommen." Sie schnaubte abfällig. „Aber du hast dich geweigert zu sterben." Loki musterte sie aus kalten Augen und blieb stumm.
„Wie gut du dich doch im Griff hast. Ich muss sagen, ich bin etwas enttäuscht von den Chitauri. Ich dachte, ihre Gastfreundschaft hätte dir mehr zugesetzt. Ich hätte dich gerne etwas weniger ... widerspenstig vorgefunden, aber bitte." Sie funkelte ihn an, und plötzlich spürte er einen Zauber, gefolgt von einer Art Sog. So funktionierte der Brydda also. Loki fühlte, wie ihm durch den Splitter Energie entzogen wurde. Aber es war nicht nur Energie – sie entzog ihm seine Magie. NEIN! Entsetzt riss er die Augen auf.
„Du bist ein echtes Miststück, weißt du das?" keuchte er.
Sie lachte und ließ den Brydda los, griff stattdessen nach seinem Gesicht. „Vielleicht habe ich mir den falschen Bruder ausgesucht. Du bist köstlich." Mit diesen wirren Worten presste sie sich plötzlich an ihn und drückte ihm einen harschen Kuss auf die Lippen. „Bis bald, Süßer." Damit drehte sie sich um und verließ den Raum.
„Verdammt, was war das?!" fragte Tony scharf.
Er hatte seinen Kopf so gut es ging Loki zugewandt und wartete gespannt auf eine Antwort. Sein Gott hatte angewidert das Gesicht verzogen und spuckte aus, bevor er sich ihm zuwandte. Tony sah das mit einiger Befriedigung – was fiel dieser Schlampe ein, Loki einfach zu küssen?
„Sie kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich weiß nicht, wer sie ist. Ich kann dir aber sagen, woher sie stammt.
Sie ist eine Vanir aus Vanaheim, eine der neun Welten des Weltenbaums Yggdrasil. Es war ein fruchtbares Land, in dem Magie und Handel regierten. Dies brachte den neun Welten Wohlstand und Reichtum, bis die Vanir zu gierig wurden und ihre Magie für dunkle Zwecke missbrauchten. Der Allvater entsandte schließlich vor ungefähr 357 Jahren ein Heer, um dem Inzest und den schwarzen Praktiken Einhalt zu gebieten.
Es war ein blutiger Kampf, denn die Vanir wussten um unser Kommen und verpflichteten ein Bataillon Majutas zu ihrer Verteidigung. Mein Bruder und ich führten jeweils 700 Soldaten ins Feld und entschieden die Schlacht nach langen Gefechten und zahlreichen Verlusten schließlich zu unseren Gunsten. Seither herrscht ein tiefes Misstrauen zwischen den Völkern, was ich sehr bedaure. Es gibt in den neun Welten keinen besseren Ort als Vanaheim, um Magie zu studieren, und nun ist mir der Weg dorthin verschlossen."
Tony blinzelte seinen Gott an. Silberzunge durch und durch – er hätte ihm stundenlang zuhören können. „Ich fürchte, Thyra will Rache für das, was damals passiert ist", schloss Loki.
Tony nickte zustimmend. „Ja, das würde Sinn ergeben. Aber hast du gerade gesagt, dass du vor 357 Jahren ein Heer in den Krieg geführt hast?!"
Loki blickte ihn ernst an. „Ja", sagte er knapp.
„Ähhm, ich weiß, so was fragt man eigentlich nicht, aber wie alt bist du eigentlich, Babe?" Als Loki erleichtert auflachte, begriff Tony, dass sein Gott wohl gedacht hatte, er würde sich an der Kriegssache stören. Er schenkte ihm ein breites Grinsen.
„Ich bin 1046 Jahre alt, Anthony. In Menschenjahren wären das in etwa 20." Tony klappte der Mund auf.
„Eintausend... Moment, willst du mir sagen, ich habe mit einem Minderjährigen rumgemacht?"
Loki schenkte ihm daraufhin eines seiner teuflischen Grinsen. „Das nennst du rummachen? Ich glaube, das kriegst du besser hin."
Tony spürte, wie er rot wurde. „Okay, ich komme später darauf zurück. Was hat Thyra mit dem Stab gemacht?" versuchte er, das Thema zu wechseln.
Loki seufzte und ließ seinen Kopf gegen die Wand sinken. „Hmm", machte er genüsslich mit geschlossenen Augen.
„Ich fass es nicht! Du wurdest drei Tage lang gefoltert, stehst hier gefesselt und mit 'ner verdammten Brechstange in der Schulter an der Wand, und du malst dir gerade wirklich aus, was du mit mir im Bett anstellen könntest, stimmt's?" sagte Tony nach einer Weile des Schweigens. Unfassbar, wie wahrscheinlich war es, auf jemanden zu treffen, der genauso tickte wie er selbst? Tony musste lachen. Jetzt verstand er, warum er den anderen manchmal so auf die Nerven ging. „Wenn du das Feuerwerk willst, Babe, müssen wir erst hier raus. Also, irgendwelche Ideen?"
Lokis Blick verschränkte sich mit Tonys. „Sie benutzt den Brydda, wie vermutet, um Energie aus meinem Körper zu ziehen. Ich konnte einen Zauber spüren, bevor der Fluss begann. Anthony, sie... sie entzieht nicht nur Energie, sie stiehlt mir meine Magie", sagte er leise. Tony konnte Angst in den Augen seines Gottes erkennen.
„Was meinst du mit ‚sie stiehlt sie dir'? Ist sie für immer verschwunden, oder kann sie zurückkommen, wenn der Stab raus ist?" fragte er sanft.
„Ich... bin mir nicht sicher." Das war nicht gut. Tony durchlief ein kalter Schauer. Ohne Lokis Magie hatten sie keine Möglichkeit, hier jemals rauszukommen. Viel wichtiger aber war, dass Loki seine Magie brauchte – sie war ein Teil von ihm. Ihm seine Magie zu nehmen, wäre, als würde man Tony beide Arme nehmen. Der Gott hatte ihm das schon vor einiger Zeit, bei einem ihrer langen Gespräche während der Arbeit im Labor, anvertraut.
„Loki, ich..." Mit einem leisen Zischen ging die Tür wieder auf, und Thyra betrat den Raum. Dieses Mal war sie alleine gekommen.
„Was willst du?"
Tony blickte erstaunt zu seinem Gott. Er hatte diese Worte so gesprochen, als würde er in voller Rüstung in Asgards Thronsaal stehen. Nicht an eine Wand gekettet, mit nichts am Leib als einer zerfetzten Hose.
Thyra stutzte kurz, ging aber weiter auf ihn zu. „Nun, mein Prinz, ich möchte dir gerne mein Anliegen vortragen", sagte sie kalt und blieb dicht vor ihm stehen. „Ich fordere deine Blutschuld, Loki Odinson", zischte sie.
Loki blieb ungerührt und fragte: „Mit welchem Recht?"
„Ihr kamt ohne Recht mit eurer Armee in unser Land und schlachtetet mein Volk. Die beiden Prinzen des Reiches, der eine hell wie die Sonne, der andere dunkel wie die Nacht. Geboren, um zu herrschen und zu beschützen, stattdessen erfuhren wir durch eure Hand Unterdrückung, Furcht und Tod.
Ich war noch jung zu jener Zeit, fast noch ein Mädchen, aber ich erinnere mich an dich, Odinson. Ich sah dich auf das Schlachtfeld reiten, in deiner glänzenden Rüstung, auf deinem schwarzen Hengst. Ich sah, wie mein Vater dir gegenübertrat, und ich sah, wie du ihn niederstrecktest. Meine Mutter wurde ebenfalls getötet, zwar nicht durch deine Hand, aber dennoch durch Asgards." Sie funkelte ihn wütend an.
„Vanaheim wusste, warum wir kamen. Ihr übtet dunkle, verbotene Magie aus und drohtet, das Reich in die Schatten zu stürzen. Es tut mir leid, von deinem Verlust zu hören, doch es herrschte Krieg in jenen Tagen. Damals habe ich viele Männer und Frauen getötet im Namen des Allvaters. Ich kann es nicht ungeschehen machen. Und du weißt so gut wie ich, dass du für das in Kriegszeiten vergossene Blut keine Blutschuld fordern kannst. Was willst du also von mir?" Der Gott sagte dies so ruhig, dass Tony unwillkürlich ein kalter Schauer durchfuhr. Dies war also die dunkle Seite, von der sein Gott manchmal gesprochen hatte.
„Ich möchte eine Allianz, Odinson. Ich will auf den Thron Asgards, um die Verbrechen an meinem Volk zu rächen und das Reich zur wahren Größe zurückzuführen. Yggdrasil zerfällt unter der Führung Odins, und du weißt das. Er ist ein alter Mann und nicht mehr imstande, die Neun zu regieren", gurrte Thyra und trat noch einen Schritt näher. Oh, sie war gut, dachte Tony. Aber wenn du Loki einlullen willst, musst du früher aufstehen, Bitch, dachte er giftig. Für seinen Geschmack war sie ihm schon wieder viel zu nahe.
„Du hast keinerlei Anspruch auf den Thron Asgards. Wie willst du es also anstellen?" fragte Loki immer noch in diesem kalten, gleichgültigen Tonfall.
„Ich will Thor als den meinen." Tony war sprachlos. Diese Tussi hatte sie wirklich nicht mehr alle. Glaubte sie denn, Thor so umgarnen zu können, dass dieser sich in sie verliebte? „Ich habe mir die Dienste eines Bataillons Majutas gesichert, verteilt auf zwei dieser Schiffe. Ich werde gleichzeitig Asgard und Midgard angreifen. Da sich Thor laut meiner Informationen momentan auf Midgard aufhält, werde ich mit der Hälfte meiner Krieger dort mit der Invasion beginnen. Während dessen könntest du dich mit dem Rest Asgard widmen." Sie sah Loki lauernd an. Und immer noch behielt sein Gott diese ausdruckslose Miene. Er hob lediglich fragend eine Augenbraue.
„Ich weiß, was sie in Asgard hinter deinem Rücken tuscheln, Odinson. Oder sollte ich von jetzt an besser Laufeyson zu dir sagen? Sie verachten dich und lassen dich das bestimmt spüren. Sie verspotten dich wegen deiner Magie, die in Asgard noch nie sonderlich viel wert war. Habe ich nicht recht? Willst du ihnen nicht zeigen, wo ihr rechtmäßiger Platz ist, Heerführer? Sei mein oberster General und führe die Streitkräfte nach Asgard. Erobere den Thron von deinem verhassten Ziehvater und gib ihn deinem Bruder." Tony war schockiert, er hatte Schwierigkeiten, all diese Informationen zu verarbeiten.
„Ich bin neugierig", sagte Loki langsam. „Wie genau willst du Thor dazu bringen, dich zu ehelichen und dir Mitspracherecht bei Staatsangelegenheiten zu gewähren?"
Thyra lachte. „Oh, das wird eine meiner leichtesten Übungen. Meine Eltern hatten schon immer Großes mit mir vor. Ein Tribut an Asgard, um das Band zwischen unser beider Welten zu stärken. Du weißt, was mein Name bedeutet? Ich werde Asgards neue Königin sein, ich, die ihre Kraft von Thor hat, Thyra, Göttin des Kampfes."
OK, die hatte ja wirklich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Tony sah, wie Thyras Augen leicht hervortraten, als sie weitersprach. „Ich wurde in den verbotenen Künsten, wie du sie nennst, ausgebildet, mein Prinz. Ich weiß, Gedanken zu manipulieren und zu kontrollieren. Dein Bruder wird, sobald er mich berührt, nicht mehr Herr seiner Sinne sein. Er wird zu meiner Marionette werden, und du, Loki, wirst als mein oberster General über ihn stehen. Etwas, was du dein ganzes Leben lang begehrt hast, das weiß ich, es spiegelt sich in deinen Augen." sie trat noch einen Schritt näher.
Sie war viel zu nah! Tony wollte sie am liebsten anschreien, dass Loki bereits vergeben war und sie sich gefälligst einen anderen Gott suchen solle. Aber genau das war ja ihr kranker Plan. Jetzt fing sie an, lasziv über Lokis Brust zu streichen, und ihre Lippen waren nur Millimeter von seinen entfernt.
Tony biss die Zähne zusammen und knurrte leise. Er wusste, dass er sich den Zorn seines Gottes einhandeln würde, wenn er jetzt sprach. Loki wollte wissen, was Thyra vorhatte, und sie erzählte ihnen hier gerade bereitwillig alle Einzelheiten ihres verrückten Plans. „Was sagst du, mein Prinz?" hauchte Thyra, bevor sie einen weiteren Kuss auf Lokis Lippen presste. Tony ballte die Fäuste und bemerkte zufrieden, dass sein Gott nicht mit der Wimper zuckte und stur geradeaus starrte.
Als sie sich nach einer gefühlten Ewigkeit endlich von ihm löste, erwiderte Loki: „Ich fürchte, ich muss dein großzügiges Angebot ablehnen." Er drehte den Kopf und spuckte abermals aus. „Und wenn du mir noch einmal einen Kuss aufdrängst, werde ich dir die Lippe abbeißen." Thyra trat schockiert einige Schritte zurück und starrte den Gott ungläubig an.
„Aber wie ...?" stammelte sie.
„Du magst in den Künsten der Geistesmagie ausgebildet worden sein, Thyra, und ich versichere dir, du bist gut. Aber vergiss nicht, dass auch ich der magischen Künste mächtig bin. Du kannst nicht auf diese Weise in meinen Geist eindringen."
Tony war so verdammt stolz auf ihn. Sicher, er war eindeutig in der schwächeren Position, aber er hatte ein klares FUCK YOU angebracht. Genau dasselbe hätte Tony auch gemacht. Auch wenn er wusste, dass jetzt gleich etwas weniger Erfreuliches passieren würde. Hier ging es ums Prinzip, und Loki war offensichtlich genauso waghalsig, wie er selbst es gewesen wäre. Irgendetwas stimmt eindeutig nicht mit mir, dachte Tony. Ich verliebe mich mit jeder Sekunde mehr in den Kerl.
„Wie du willst", entgegnete Thyra schließlich. „Dann eben auf die harte Tour. Du wirst mir sagen, wie stark Asgard bemannt ist, welche Verteidigungsstrategien ihr habt und wo meine Armee am besten anlandet." Damit presste sie ihre Finger an Lokis Schläfen und begann in einer Tony unbekannten Sprache zu murmeln. Sein Gott hatte die Augen geschlossen, und er konnte sehen, wie sich dessen ganzer Körper anspannte.
Offensichtlich bekam Thyra nicht, was sie wollte, denn nach kurzer Zeit fletschte sie die Zähne. „Du Bastard!" Sie ließ eine Hand sinken, und erschuf einen Splitter aus schwarzem Stein, geformt wie eine Dolchklinge. Ohne Vorwarnung rammte sie ihn in Lokis Brust.
„Nein!" schrie Tony, und warf sich gegen seine Fesseln. „Hey, du Miststück, wie wär's, wenn du dich mit ihm anlegst, wenn er nicht gefesselt und mit einem Buddha-Scheißding durchbohrt ist? Schon mal was von Fair Play gehört?" Thyra wandte sich langsam um und starrte ihn an.
„Oh, verzeih, Mann aus Eisen. Dich hatte ich vollkommen vergessen." OK, sein Plan war geglückt. Er hatte sie von Loki abgelenkt, und dieser hatte nun eine kurze Verschnaufpause. Allerdings kam diese gefährliche Frau jetzt auf ihn zu. „Wollen doch mal sehen, was du mir über die Verteidigungsanlagen von Midgard zu sagen hast." Sie streckte die Finger nach ihm aus.
Tonys Kopf zuckte zurück. „Ähm, sorry, Lady, aber ich bin sozusagen in einer festen Beziehung." Sie schenkte ihm nur ein raubtierhaftes Lächeln. Er spürte die Berührung ihrer kalten Finger, und dann war da eine unglaubliche Macht, die gegen seinen Geist drückte. Wie eine Welle, wie die Brandung zu Hause in Malibu, dachte er. Dann hörte er eine Stimme in seinem Kopf, und plötzlich begannen Bilder durch seinen Geist zu schwirren: S.H.I.E.L.D., die Avengers, sein bester Freund Rhodey auf dem Airforce-Stützpunkt. Er versuchte, die Flut aufzuhalten, kam aber nicht dagegen an.
Es hörte so schnell auf, wie es angefangen hatte. Der Druck ließ nach, und er blinzelte, um seine Sicht wieder klarzustellen. Thyras Finger krallten sich nun in seine Wangen, als sie mit einer Hand sein Gesicht zu sich herumriss. „Wie enttäuschend. Ich hatte gehofft, Midgard würde seinen Elitekämpfern mehr Informationen anvertrauen. Dein kleines Spielzeug ist nutzlos. Was findest du nur an ihm?" Das Letzte war an Loki gerichtet, der sich schwer atmend gegen seine Fesseln gestemmt hatte. „Weg von ihm!"
„Nur mit der Ruhe, ich werde ihm nichts tun. Noch nicht. Also, wo waren wir stehen geblieben? Ach ja ..." Sie wandte sich wieder Loki zu, beschwor einen weiteren Dolch und rammte ihn in dessen rechten Oberschenkel.
Nein, Loki! Tony stemmte sich schwach gegen die Bänder. Er musste ihm helfen, er musste...
Tonys Sicht verschwamm. Sein Gehirn fühlte sich an, als wäre es gerade mehrfach gegen eine Wand geklatscht worden. Ihm war schlecht. Er verlor mehrmals das Bewusstsein. Jedes Mal, wenn er wieder die Augen aufschlug, hatte Loki mehr Wunden auf seinem Körper, und Thyra bearbeitete pausenlos seinen Geist.
Ein paarmal hörte er auch diese Echsendinger im Raum. Sie zischten Schmähungen gegen den Gott und fragten Thyra, ob sie Kurs setzen sollten.
„Nein, ich brauche erst die Informationen aus seinem Kopf ..." Er verlor wieder das Bewusstsein.
„DU BASTARD!" Der Schrei weckte ihn wieder auf. Schwach hob er den Kopf und sah, wie Thyra von Lokis Körper zurücktrat. Beide atmeten schwer, sein Gefährte hatte die Augen geschlossen und zitterte nun unverhohlen. Tony sah verschwommen wie sein Kopf schließlich schlaff zur Seite fiel.
„Setzt Kurs auf den Alpha-Quadranten! Wir beginnen die Invasion in Midgard. Wie lange brauchen wir zum Zielort?" schrie Thyra die anwesenden Majutas an.
„18 Tage. Habt ihr die Informationen, die ihr wolltet, aus dem jämmerlichen Gott herausbekommen?" zischte einer der Echsendinger.
Tony ließ seinen Kopf wieder sinken und tat so, als wäre er ebenfalls ohnmächtig geworden.
„Nein! Aber es ist unwichtig. Wir werden auch so Erfolg haben. Dank des Erdlings weiß ich zumindest genau, wo sich Thor aufhält. Wir halten uns an den Plan und greifen gleichzeitig beide Welten an", grollte sie.
„Was sollen wir mit ihnen machen?" fragte ein anderer Majuta. Dem Zischen folgte eine krallenbewehrte Hand, die über Tonys Kopfhaut schürfte und ihn an den Haaren hochriss. Tony stellte sich weiterhin ohnmächtig.
„Dieser hier ist so gut wie tot", merkte das Biest an und ließ Tonys Kopf wieder los.
„Dann lasst ihn noch zusehen, wie sein geliebter Gott verblutet, und öffnet dann die Luftschleuse. Ich will dieses Pack nie wieder sehen", spuckte sie hasserfüllt aus.
Mit einer ausladenden Handbewegung ließ sie Tonys Fesseln verschwinden, und er ließ sich zu Boden fallen. Fuck, eine Luftschleuse?!
„Raus hier!" schrie Thyra die Majutas an; sie schien wie von Sinnen. Tony blieb die Luft weg, als sich ein Fuß in seine Magengrube senkte.
„Wach auf, du Stück Scheiße!" schrie sie ihn an und ließ weitere Tritte in seinen Rücken und Magen folgen. Er rollte sich hustend auf die Seite, spuckte Blut und blickte trotzig zu ihr auf.
Mit eiserner Faust packte sie seinen Kiefer und zog ihn hoch. „Du mickrige Kreatur. Ich gewähre dir einen schnellen Tod, aber zuerst wirst du ihm beim Sterben zusehen!" Sie spuckte ihn an und ließ ihn wieder fallen.
Entsetzt sah Tony zu, wie sie in einer flüssigen Bewegung mindestens zwanzig Dolche beschwor und diese dann auf Loki konnte sie nicht aufhalten, er war zu schwach. Mit einem widerlich klatschenden Geräusch traf jedes der Geschosse sein Ziel, und der Gott schrie gequält auf. Nein!
Mit einer weiteren Handbewegung ließ Thyra seine Fesseln verschwinden, doch Loki wurde immer noch von dem Brydda aufrecht gehalten. Sie riss ihn mit Gewalt aus seiner Schulter, und erst da fiel der Gott zu Boden.
„NEIN! LOKI!"
Tony kroch bereits an die Seite seines Gottes und presste verzweifelt seine Hände auf die Wunden, um die Blutungen zu stoppen. Mit einem irren Lachen verschwand Thyra und ließ sie zum Sterben zurück.
Kapitel 9 / Freche Blaubeeren
„LOKI! Loki!" Tony war in Panik. Da war so viel Blut. Mit zitternden Fingern begann er, die Dolche aus dem blutüberströmten Körper seines Geliebten zu ziehen. Thyra hatte mit ihrer letzten Salve wirklich keine Stelle ausgelassen. Das Herz hatte sie nur deshalb nicht getroffen, weil die Fessel genau an der Stelle gelegen hatte. Als der letzte Dolch entfernt war, wand sich Tony aus seinem T-Shirt und versuchte damit, die Blutungen zu stoppen. „Komm schon, Babe. Loki, bitte wach auf", flehte Tony.
Lokis Augenlider flatterten, und unter schmerzhaftem Stöhnen öffnete er schließlich die Augen.
„Liebster..." flüsterte er.
Tony wollte vor Erleichterung heulen. „Da bist du ja", schluchzte er. Zittrige Finger fuhren über Lokis Gesicht. Er durfte jetzt nicht den Verstand verlieren sonst wären sie beide tot. Tony atmete tief durch um sich zu beruhigen und hielt Lokis Blick fest. „Hör mir jetzt gut zu. Wir haben nicht viel Zeit. Ich weiß, du wirst meine Idee hassen, aber wir haben keine andere Wahl, wenn wir nicht ins Weltall gesaugt werden wollen", ratterte er herunter und zog dabei den kleinen Brydda der Chitauri aus seiner Hosentasche. Lokis Augen wurden groß, und er wollte den Kopf schütteln. Tony presste einen Kuss auf die blassen Lippen seines Gottes. „Ich bitte dich, wir müssen es versuchen. Wir sterben doch hier so oder so, also bitte nimm es...", flüsterte er in den Kuss. Er spürte, wie sich Lokis Hand um den Brydda in seiner Hand schloss, ließ los und machte sich bereit.
Loki zog ihn halb auf sich, küsste ihn erneut und stach den Splitter in seinen Oberarm. Tony krallte sich keuchend an den blutenden Körper vor ihm und blieb mit seinen Lippen dicht an Lokis. Teilte den Atem seines Gottes, als er spürte, wie ihm die Energie ausgesaugt wurde. Es fühlte sich ein bisschen an wie betrunken zu sein. Alles wurde weich, und ihm war schwindelig. Seine Gliedmaßen fühlten sich schwer an. Er küsste Loki erneut und legte schließlich seinen Kopf an dessen Hals, als er ihn nicht mehr halten konnte.
„Jetzt, Anthony..." murmelte Loki schließlich, und der Sog hörte auf. Er klammerte sich an Loki und spürte, wie er fest in die Arme geschlossen wurde.
„Ich liebe dich", hauchte Tony, dann wurde alles schwarz.
Loki schlug schmerzhaft auf einer harten Oberfläche auf und wagte nicht, die Augen zu öffnen. Hatte es funktioniert?
Er hatte gewusst, was sein Sterblicher vorhatte, als dieser den Brydda auf dem Chitauri-Schiff eingesteckt hatte. Ihn wirklich zu benutzen, um die Energie seines Gefährten zu stehlen, hatte sich furchtbar falsch angefühlt. Aber Tony hatte recht gehabt, es war die einzige Möglichkeit, die ihnen noch geblieben war. Als er nun wie aus weiter Ferne gerufene Wörter durch den Nebel aus Schmerz wahrnahm, wusste er, dass es funktioniert hatte. Er konnte die Stimmen von Natasha, Clint und Steve ausmachen, die alle durcheinander riefen.
„OH MEIN GOTT! TONY! LOKI! FUCK! VERDAMMTE SCHEIßE! BRUCE, SCHNELL!"
Er öffnete die Augen und stellte fest, dass er direkt auf dem Esstisch des Avenger-Gemeinschaftsraums gelandet war. Er hielt Anthony noch immer fest an seine Brust gedrückt. Er konnte den beruhigend festen Herzschlag neben seinem spüren.
„Wir haben es geschafft, Liebster", flüsterte er ihm zu und erhielt als Antwort ein leises Stöhnen. Starke Hände zogen seine Arme auseinander, und Tony wurde von seiner Brust gehoben.
„Bruder." Thor war an seiner Seite, strich ihm das Haar aus dem Gesicht und hob ihn vorsichtig hoch. Diese zärtliche Geste war zu viel für Lokis Selbstbeherrschung. Er war die ganze Zeit für seinen Sterblichen stark gewesen, hatte versucht, sich den Schmerz nicht zu deutlich anmerken zu lassen und die Schreie zu unterdrücken. Thor brachte seine Fassade mit diesem einen Wort zum Einsturz. „Bruder, es ist gut, ich hab dich. Ihr seid in Sicherheit." Loki schlang die Arme um seinen Bruder und stieß einen leisen, gequälten Schrei aus. Er spürte, wie ihm die Tränen kamen, und machte sich nicht die Mühe, die Flut zurückzuhalten. Thor war schockiert, er hatte seinen kleinen Bruder noch nicht oft weinen sehen. „Schhh, Loki, es ist alles gut. Du bist bei mir, ich lasse dich nicht los", wiederholte er. „Wohin, Doctor Banner?" Zusammen mit Steve, der Tony in den Armen trug, liefen sie so schnell wie möglich den Flur entlang zur Krankenstation. Loki wurde sanft auf einem weichen Bett abgelegt.
„So viel Blut ..." hauchte Natasha. Es musste schlimm sein, dachte Loki, wenn die Assassine so schockiert klang.
Er atmete schwer. Seine Kraft war zwar zurückgekehrt, nachdem Tony ihm seine Energie geschenkt hatte, durch den Sprung hatte er sie aber fast sofort wieder aufgebraucht.
„Schnell, Natasha, ich habe schon alles vorbereitet. Leg bitte die Infusion bei Tony, und Clint, entferne den Splitter aus seinem Arm", hörte er Banners nüchterne Anweisungen.
Sein Sichtfeld verschwamm, und er sah dunkle Punkte. Bruce war tief über seine Brust gebeugt und versuchte, die Blutung zu stoppen. Als sein Bruder ihn den Flur entlang getragen hatte, hatte er gewusst, dass das leise Tropf, Tropf, das er gehört hatte, das Geräusch seines eigenen Blutes war, das zu Boden fiel. Seine Magie kehrte zwar zurück, aber nur langsam. Seine Wunden hörten nicht auf zu bluten – das war nicht gut.
Eine Hand schob sich sanft unter seinen Kopf und hob ihn leicht hoch. „Iss, Bruder, bitte." Er konnte die Süße des aufgeschnittenen Apfels schmecken, der ihm an die Lippen gepresst wurde. Thor musste einen der goldenen Äpfel aus seinem Zimmer geholt haben. Die schwarzen Punkte wurden immer mehr, und ein Rauschen erfüllte seine Ohren. Er fühlte die Ohnmacht immer näher kommen, wie eine schwarze Welle.
„Loki ...", flüsterte Thor eindringlich durch das Rauschen. Loki öffnete den Mund, und eine Apfelspalte wurde ihm zwischen die Zähne geschoben. Kauen ist furchtbar anstrengend, dachte er, bevor er schmerzhaft zu schlucken versuchte.
„Sehr gut, nimm noch einen, Bruder." Eine weitere Apfelspalte wurde in seinen Mund gesteckt und dann noch eine. Er war so müde.
„Bruce, etwas stimmt hier nicht ..." war das Letzte, was er hörte, bevor die Ohnmacht ihn umarmte und in die Dunkelheit zog.
„Du Bastard", schrie Thyra, bevor sie die Dolche auf Lokis Körper schleuderte.
Den wunderschönen Körper seines Gottes, den er nicht hatte beschützen können. Er sah hilflos zu, wie Loki in seinen Armen verblutete. Nein, nein, NEIN!
Tony stöhnte auf und begann, den Kopf wild hin und her zu werfen. „Nein ... Loki", stöhnte er. Eine zierliche Hand auf seiner Schulter rüttelte ihn endgültig wach und riss ihn aus seinem Alptraum.
„Tony, Tony, du bist in Sicherheit. Beruhige dich," er kannte diese Stimme. Als er die Augen aufschlug, blickte er in das besorgte Gesicht von Pepper Potts, einer seiner besten Freundinnen.
„Wo bin ich? Loki?", fragte er panisch.
Rhodey trat hinter Pepper und legte seiner Frau die Hand auf die Schulter. „Mach dir keine Sorgen, Tony. Doc Banner kümmert sich um ihn. Wir haben dich ins Krankenhaus gebracht, weil dein Zustand kritisch war. Banner konnte sich nicht um euch beide gleichzeitig kümmern." Tony beruhigte sich etwas. Er hasste Krankenhäuser, und seine Freunde wussten das. Unwirsch versuchte er, sich aufzusetzen, und zog sich den Sauerstoffschlauch vom Gesicht.
„Was genau soll das werden?", fragte Rhodey und drückte ihn zurück in die Kissen.
„Was schon?", grollte Tony. „Ich will mich aufsetzen, verdammt, und dann will ich hier raus!"
Pepper drückte einen Knopf am Krankenbett, und das Kopfteil fuhr in eine aufrechte Position. „Tony, wir haben uns schreckliche Sorgen um dich gemacht. Du warst drei Tage lang bewusstlos. Ich denke wirklich, du solltest hier bleiben." Tony sah sie schockiert an. Drei Tage?! Er ließ sich von Rhodey zurückdrücken, er war ohnehin zu schwach, um sich zu wehren.
„Wie waren die Flitterwochen?", fragte er stattdessen, während er die ganzen Schläuche inspizierte, die man ihm in alle möglichen und unmöglichen Stellen gesteckt hatte.
Pepper lächelte ihn an. „Hawaii war wunderschön, danke nochmal dafür." Sie küsste ihn leicht auf die Wange, und er lächelte sie an. Wenn jemand alles Glück der Welt verdient hatte, dann waren es seine beiden besten Freunde hier. Vor drei Monaten hatten sie geheiratet, und Tony hatte ihnen eine Reise nach Hawaii spendiert. Das war das Mindeste, was er für Pepper tun konnte, die nach seinem Ausstieg ganz alleine die Führung von Stark Industries übernommen hatte.
Trotzdem... Er musste hier raus. Thyra kam mit einer Armee auf die Erde zu, sie mussten etwas tun. „Ich will hier raus, mir geht's gut. Rhodey, wir müssen..." Sein Freund unterbrach ihn mit einer erhobenen Hand.
„Ganz ruhig, Tony. Wir wissen Bescheid und sind bereits mitten in den Vorbereitungen, auch wenn S.H.I.E.L.D. noch nicht mitzieht", sagte er.
„Woher ... Loki?", flüsterte Tony. Er wollte zu seinem Gott, musste sehen, dass es ihm gut ging.
„Ja, Loki hat uns schon vor zwei Tagen einen detaillierten Bericht der Ereignisse geliefert, den ich sofort an den General weitergeleitet habe. Er hat entschieden, die Luftwaffe in Bereitschaft zu versetzen. Wir warten nur noch auf Fury", berichtete Rhodey.
Pepper lächelte ihren Freund an, las mal wieder seine Gedanken. „Mach dir keine Sorgen um Loki. Als er vor zwei Stunden hier war, sah er schon viel besser aus als gestern. Es freut mich übrigens, dass ihr beiden den Eiertanz endlich beendet habt. Auch wenn es nicht gerade unter schönen Umständen passiert ist – ihr passt hervorragend zusammen. Er ist genauso eine Nervensäge wie du", lachte sie. „Er bringt Bruce noch ins Grab, weil er ständig hierher teleportiert, um nach dir zu sehen, anstatt sich auszuruhen." Sie deutete auf den kleinen Nachttisch neben Tonys Bett und lächelte ihn liebevoll an.
Auf dem Tischchen stand eine kleine Schale mit Blaubeeren. Tony musste heftig blinzeln und schlucken. Er liebte Blaubeeren. Loki.
„Rhodey, hol bitte einen Arzt. Ich möchte mich selbst entlassen", sagte er mit heiserer Stimme, den Blick unverwandt auf die Blaubeeren geheftet.
Rhodey seufzte schwer, wusste aber, wann er verloren hatte, und wandte sich zur Tür. „Okay, ich hol den Arzt. Pep, packst du schon mal seine Sachen und rufst 'nen Wagen?" Pepper nickte nur und wandte Tony lächelnd den Rücken zu, um ihrem Freund einen Moment zu geben, sich wieder zu fangen.
„Wirst du wohl hierbleiben! Es geht dir noch nicht..." begann Bruce.
„Bei den Göttern, Bruce, ich schwöre dir, ich breche dir die Finger, bevor du mir noch irgendwas irgendwohin stecken kannst!", fauchte Loki und fing die Spritze in der Hand seines Freundes wenige Zentimeter vor seinem Arm ab. Da klopfte jemand amüsiert an den Türrahmen und räusperte sich.
„Ähm, Bruce, ich glaube, für das Reinstecken bin ich in Zukunft zuständig. Bitte treten Sie von meinem Gott zurück."
Die beiden Männer wirbelten erschrocken herum. In der Tür zum Krankenzimmer stand sein Sterblicher und grinste ihn an.
„Anthony", hauchte Loki und war eine Sekunde später an der Tür, um ihn in eine feste Umarmung zu schließen. „Wie fühlst du dich?", murmelte er an Tonys Hals und atmete dessen Duft ein. Er sah furchtbar zerbrechlich aus und schwankte leicht in Lokis Umarmung.
„Jetzt geht es mir schon bedeutend besser, Babe", erwiderte er zärtlich, nahm Lokis Gesicht in beide Hände und drückte seine Stirn gegen Lokis. „Wie geht es dir?", fragte er ihn.
Loki seufzte tief. Tony machte sich Sorgen um ihn, dabei war er derjenige der kaum aufrecht stehen konnte.
„Mir... AUA, verdammt, Bruce!"
Banner hatte sich leise an die beiden herangeschlichen und hatte Loki die Spritze in den Hintern gestochen.
„Hallo Tony, ich hab mir schon gedacht, dass du dich bei erster Gelegenheit selber entlässt. Das Bett da drüben ist für dich, und Loki geht es zwar schon besser, aber immer noch nicht blendend. Er sollte sich ausruhen, aber er ist genauso unvernünftig wie du", damit drückte er den Kolben der Spritze nach unten und erntete ein wütendes Zischen.
„Was fällt dir ein? Ich bin ein Gott und kein Nadelkissen! Keine Medizin Midgards wird bei mir etwas bewirken, das habe ich dir schon mehrmals gesagt!", er rieb sich über den Hintern. Bestimmt hatte er schon blaue Flecken von den ganzen Spritzen, die Bruce ihm mittlerweile verabreicht hatte.
„Und ich hab dir schon mehrmals gesagt, dass man mit einer Aufbauspritze nichts verkehrt machen kann. Jetzt hör auf zu flennen und legt euch hin, bevor ich Thor hole und der euch dazu zwingt.", fauchte Bruce.
Loki sah ihn böse an und ließ die beiden Krankenbetten mit einem Fingerschnippen zusammenschieben, sodass ein großes Doppelbett entstand.
Der Arzt verdrehte die Augen. „Bitteschön, wie du willst. Hinlegen und Klappe halten. Tony, komm hier her, hat dir mein Kollege irgendwelche Entlassungspapiere mitgegeben?"
Loki half seinem Liebsten, dann ließ er sich genervt auf das Bett fallen und verschränkte die Arme. Er wusste zu schätzen, was Bruce für ihn getan hatte. Sein Freund hatte zusammen mit Thor sein Leben gerettet, aber nun übertrieb er es mit der Fürsorge etwas. Lokis Magie war zurück, und sein Körper regenerierte wunderbar, auch ohne diese vermaledeiten Aufbauspritzen. Er brauchte nur etwas Zeit, um vollständig zu heilen.
Vor Bruce würde er es niemals eingestehen, aber er fühlte sich noch immer schwach. Das ständige Teleportieren an Tonys Seite hatte ihn ausgelaugt. Doch er konnte einfach nicht anders. Nicht nachdem er aus seiner Ohnmacht erwacht war, und sie ihm von Tonys kritischen Zustand erzählt hatten. Bei erster Gelegenheit war er an die Seite seines Gefährten geportet. Er machte sich furchtbare Sorgen um ihn, sein Sterblicher war so zerbrechlich. Aufmerksam beobachtet er das Geschen.
Sein Ärger verpuffte so schnell, wie er gekommen war, als er sah wie fürsorglich Bruce sich um Tony kümmerte. Vielleicht brach er ihm bei der nächsten Spritze nur einen Finger statt alle, er konnte auch gütig sein.
„Wieso grinst du mich so teuflisch an, Loki?", Bruce blickte beunruhigt drein, aber Tony hatte ein breites Lächeln auf den Lippen.
„Babe, komm schon, sei lieb", zwinkerte er und legte sich neben ihn. „Hat der böse Doctor dir eine Spritze gegeben? Soll ich das Aua küssen?" Loki sah ihn nur böse an.
„OK, das ist mein Stichwort, ihr beiden seid unmöglich! Deine Werte sind soweit stabil, Tony. Bitte ruht euch aber trotzdem aus", den letzten Satz betonte Bruce und sah Tony ernst an.
„Was denn?!", fragte dieser unschuldig. „Denkst du etwa, ich falle über Loki her, sobald du aus der Tür bist? Ich bin halb tot und kann kaum geradeaus gehen."
Darauf erwiderte Bruce schlicht: „Ich kenn dich, Tony", amüsiert beobachtete Loki, wie sein Sterblicher rot anlief.
„Unverschämtheit", murmelte er, aber Bruce war schon an der Tür. „Gute Nacht, ihr beiden, ich sehe morgen wieder nach euch."
„Gute Nacht Bruce und danke für alles, mein Freund" rief ihm Loki nach. Das entlockte Banner ein Lächeln, und mit einem Nicken schloss er die Tür hinter sich.
Kaum war sie ins Schloss gefallen, wurde sein Kopf herum und in einen fordernden Kuss gezogen. Wieder löste Loki sich in Tonys Berührung auf. Er ließ sich von Tony auf seinen Schoß ziehen, stützte sich auf den Ellenbogen ab und erwiderte den Kuss leidenschaftlich.
Schließlich lösten sie sich schwer atmend voneinander, und Tony flüsterte an seinem Mund: „Ich dachte, ich hätte dich verloren" und küsste sich an Lokis Kinn entlang bis zu dessen Hals.
„Hmm, das tut mir leid, Liebster" stöhnte er auf, als Tony sich an seinem Schlüsselbein zu schaffen machte.
„Tu das bitte nie wieder" hörte er ihn murmeln, bevor er seine Lippen wieder auf seine Haut senkte.
„Ich werde versuchen, es zu vermeiden. Anthony, du sollst dich schonen ..." keuchte er auf, als zwei Hände unter seine Hose rutschten, seinen Hintern umfassten und ihn nach unten drückten.
„Fuck, er ist genau so knackig, wie er aussieht" – diese Worte wurden von eifrigen Fingern unterstrichen, die sich in seinen Hintern krallten. „Und ich hatte vor, mich zu schonen. Ich dachte, mein persönlicher Heiler könnte sich mein Problem mal ansehen." Damit ließ er seine Hüfte nach oben zucken und presste sich an Loki. „Außerdem hat sich, glaube ich, eine Blaubeere verirrt, vielleicht könntest du mal nachsehen?" Er ließ von Lokis Schlüsselbein ab und sah ihn unschuldig an.
Loki hob fragend eine Augenbraue, tat seinem Sterblichen aber den Gefallen und sah nach unten.
Tonys Shirt war nach oben gerutscht, und er konnte seinen Bauchnabel sehen. „Hmm, ich sehe schon, wo das Problem liegt" grinste Loki und setzte sich auf. Doch er zögerte, war hin und her gerissen. Sollten sie das wirklich tun? Jetzt? Sie waren gerade erst knapp dem Tod entronnen und Tony war furchtbar schwach. Aber er wollte ihn, brauchte ihn wie die Luft zum atmen. In diese braunen Augen entdeckte er das gleiche Verlangen, dass er selbst empfand.
„Du machst mich noch wahnsinnig, Babe", Tony beobachtet ihn aus zu Schlitzen verengten Augen. „Bitte ..." flüsterte er kaum hörbar.
Loki saß rittlings auf Tonys Schoß und konnte dessen Erregung deutlich spüren. Langsam zog er sich sein Hemd über den Kopf und ließ die Finger seines Gefährten seine nackte Brust erkunden. Zog sie immer wieder an seine Lippen, um sie zu küssen. Ein Ruck seines Beckens wurde mit einem heftigen Atemzug Tonys belohnt, und dessen Hände senkten sich auf seine Hüften. Der Mann begann sich ungeduldig unter ihm zu winden. Na gut, er würde ganz sanft sein.
Mit einem Fingerschnippen ließ er Tonys Shirt verschwinden und hatte nun freie Sicht auf die freche Blaubeere, die sich in dessen Bauchnabel befand. Genüsslich ließ er den Blick über den Körper seines Sterblichen gleiten. Er war muskulös, aber nicht übertrieben, so wie die meisten Asen. Wie eine Skulptur der alten Griechen, nur sonnengebräunt, schoss es ihm durch den Kopf, und er musste lächeln. Er ließ den Mann noch ein bisschen weiter zappeln, der Anblick war einfach zu schön. Schließlich verschränkte er seinen Blick mit Tonys und beugte sich hinunter. Er hatte sich dazu entschieden, sich seinen Weg auf gerader Linie nach unten zu bahnen. Den ersten Kuss platzierte genau in der Mitte von Tonys Brust. Langsam begann er nach unten zu wandern und ließ dabei seinen Sterblichen nicht aus den Augen. Seine Hände bewegten sich simultan zu seinen Lippen an Tonys Seiten hinab. Er konnte die Schauer, die er mit seiner Berührung auslöste, unter seinen Fingern spüren.
Als er am Bauchnabel angekommen war, ließ er seine Zunge darum kreisen und fischte schließlich die Blaubeere heraus. In diesem Moment hielt sein Sterblicher es nicht mehr aus. Mit einem lauten Stöhnen und einem gekeuchten „Oh mein Gott" brach er den Blickkontakt und warf seinen Kopf zurück. Sein ganzer Körper wölbte sich Loki entgegen. Er war äußerst zufrieden mit sich und kam langsam wieder nach oben, wobei er seine Nasenspitze über die erhitzte Haut gleiten ließ. Mit einem Kuss beförderte er die Blaubeere in Tonys Mund und sagte grinsend: „Nenn mich einfach Loki."
„Fuck, du Mistkerl" stieß sein Sterblicher zwischen schweren Atemzügen hervor.
Lokis Grinsen wurde breiter. „Wo war ich stehen geblieben? Ach ja..." Damit begann er sich erneut seinen Weg nach unten zu bahnen, dieses Mal ließ er keinen einzigen Flecken Haut aus. Am Nabel angelangt, entfernte er mit einem Ruck Tonys Hose und legte eine Hand um das Geschlecht des Mannes. Der Laut, der aus Tonys Mund kam, war Musik in seinen Ohren. Sein Sterblicher sah ihn mit lusterfüllten Augen an und flehte ihn stumm an weiterzumachen. Eine Hand über sich ins Laken gekrallt, die andere in Lokis Haaren, wartete er auf ihn. Er strich langsam mit dem Daumen über die gesamte Länge und ließ ihn auf der Spitze liegen. Tonys Körper erschauderte und warf sich ihm entgegen. Als sein Mund an der Leiste angelangt war, biss er leicht in das weiche Fleisch, bevor er sich dem drängenden Problem zuwandte.
Er konnte sich ein zufriedenes Lächeln nicht verkneifen. Es war eine Weile her, aber die Geräusche, die sein Sterblicher ausstieß, verrieten ihm, dass er nichts verlernt hatte – und dass er genau der richtige Mann an Tonys Seite war.
Es dauerte nicht lange, und sein Sterblicher löste sich in seiner Berührung auf. Er nahm alles, was er kriegen konnte, und küsste zum Abschluss nochmals die Spitze. Dann richtete er sich langsam wieder auf und blickte fragend auf seinen Geliebten hinab.
Er sah doch etwas mitgenommen aus, und Loki hoffte, er hatte ihm nicht zu sehr zugesetzt. Tony atmete heftig und starrte ihn ungläubig an.
„Verdammt, was ... das war unglaublich" brachte er hervor und zog Loki in einen Kuss. Der Mann zitterte am ganzen Leib, und Loki musterte ihn leicht besorgt.
„Habe ich dir zu sehr zugesetzt, Liebster? Lass mich kurz nachsehen" er legte seine Hand auf Tonys Brust, schloss die Augen und konzentrierte sich. Überrascht öffnete er sie wieder und blickte in ein amüsiertes Gesicht. „So viele Endorphine sieht man nicht alle Tage" grinste er überrascht. „Dann hat es dir also gefallen, ja?" Als Antwort erhielt er einen weiteren Kuss.
Loki konnte die tiefe Erschöpfung seines Sterblichen fühlen. Mit einer Handbewegung kleidete er Tony in eine Pyjamahose und zog ihn in seine Arme. „Ruh dich aus, Liebster, du bist erschöpft und brauchst Schlaf" er breitete die Decke über sie beide und bat JARVIS, das Licht auszuschalten.
„Aber was ist mit dir?" murmelte Tony an seiner Seite und kuschelte sich in Lokis Umarmung. Wenig später war er auch schon eingeschlafen. Loki gab ihm einen Kuss auf die Stirn und zog seinen Gefährten näher an sich. Er lächelte in die Dunkelheit und schloss die Augen, dankte den Göttern für den Mann an seiner Seite und glitt in den Schlaf.
Ein leichter grüner Schein umhüllte die beiden schlafenden Männer, als Lokis Magie begann, nicht nur einen, sondern beide Körper zu heilen.
Kapitel 10 / Hengste, Mädchen und Gefährten
Tony tauchte ganz langsam aus einem tiefen Schlaf an die Oberfläche seines Bewusstseins. Er lag behaglich eingebettet in einem Kokon aus Wärme. Es roch nach Wald, nein, nach frischen Kiefernadeln, Harz und Leder und einem kalten, klaren Wintermorgen. Der Geruch fühlte sich nach Zuhause an, obwohl Tony kein Naturmensch war. Eigentlich war dieses sanfte Erwachen auch etwas, das Tony nicht kannte. Er war ein unruhiger Schläfer, oft geplagt von Alpträumen und schreckhaftem Erwachen am Morgen. Meistens quälte er sich aus dem Bett und brachte seinen Körper nur mit einer starken Dosis Kaffee auf Touren. Das hier war neu, und wahrscheinlich lag es an dem warmen Körper und den starken Armen, die ihn umfingen.
Er wollte nicht aufwachen, er war so müde, und sein Nest war so schön warm. Er fühlte sich so geborgen und sicher, dass er am liebsten geschnurrt hätte wie ein Kater. Hatte er dieses Gefühl schon jemals gehabt? Vielleicht als Kind in den Armen seiner Mutter, überlegte er. Kurz dachte er, ein Geräusch und gemurmelte Worte zu hören, aber die Gedanken verflogen, und er driftete langsam wieder in den Schlaf.
„Liebster", ein Kuss an seinem Mundwinkel ließ ihn wieder an die Oberfläche driften.
„Hmmm?" machte er schläfrig.
„Wach auf, Liebster, ich muss kurz mit meinem Bruder sprechen, und Bruce möchte gerne nach dir sehen", flüsterte die sanfte Stimme wieder.
Er liebte diese Stimme, sie klang wie Musik in seinen Ohren. Loki. Er schlang die Arme um den warmen Körper und zog den Gott näher zu sich, vergrub sein Gesicht an dessen Brust.
„Noch fünf Minuten", murmelte er. Die Brust vibrierte unter seinem Gesicht, als sein Gott lachte und ihm zärtlich durch die Haare strich.
„Anthony ..." Widerwillig tauchte er aus seinem Versteck auf und blinzelte einen lächelnden Loki an.
„Na schön, wenn es sein muss. Aber nur unter Protest." Er holte sich seinen Guten-Morgen-Kuss und ließ den Gott aufstehen. Gähnend sah er zu Thor und Bruce, die grinsend in der Tür standen.
„Leg los, Doc, aber bitte keine spitzen Nadeln, ja."
Bruce begann mit Blutdruckmessen und bat JARVIS um einen Ganzkörperscan, während Loki zu seinem Bruder trat.
Tony spitzte die Ohren und schielte zu den beiden Göttern hinüber.
„Asgard ist vorbereitet, Bruder. Der Allvater hat unsere Streitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt und die Grenzen bemannt. Mutter schickt dir dies mit den besten Wünschen, sie meinte, es würde dir helfen, das Portal zu erzeugen."
Thor drückte seinem Bruder ein Amulett an einer feinen Silberkette in die Hand. Sein Gefährte sah es lächelnd an und schloss seine Faust darum.
„Sie macht sich immer zu viele Sorgen", sagte er nachdenklich.
„Du bringst dich aber auch immer wieder in Schwierigkeiten, kleiner Bruder", neckte Thor grinsend.
„Als ob das meine Schuld wäre", sagte Loki beleidigt, während er sich die Kette um den Hals legte.
„Dann brauchen wir nun noch S.H.I.E.L.D., um die Verteidigung Midgards zu sichern", überlegte er.
„Fury wird nicht leicht zu überzeugen sein, seit New York ist er kein großer Fan von dir, Bruder", gab Thor zu bedenken.
„Ich weiß, aber ich muss es versuchen. Sollte er wirklich ablehnen, müssen wir mit den Verbündeten auskommen, die wir bis jetzt haben. Der Captain hat meinen Bericht bereits an Wakanda und das Sanctum Sanctorum weitergeleitet. Sie warten auf weitere Anweisungen, und mit Ltd. Rhodes habe ich persönlich gesprochen. Midgards Luftwaffe befindet sich also auch in Alarmbereitschaft", zählte Loki auf und sah seinen Bruder besorgt an.
„Der Scan ist abgeschlossen, Doctor", unterbrach JARVIS, und die Brüder wandten sich dem Krankenbett zu.
„Wie sieht es aus?", fragte sein Gott besorgt, trat zurück an Tonys Seite und legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Hmm", machte Bruce. „Hmmmm, wie kann das denn sein? JARVIS, liegt hier auch kein Fehler vor?" Er schien verblüfft zu sein, und das beunruhigte Tony. Er fühlte sich doch prima.
„Die Ergebnisse sind korrekt, Doctor Banner. Ich habe sie doppelt geprüft", kam die Antwort der AI.
„Du machst mir Angst, Doc. Stimmt was nicht?", fragte Tony besorgt.
„Nein, nein, alles scheint in bester Ordnung zu sein. Um genau zu sein, bist du gesünder, als du vorher warst. Wie ist das möglich?" Mit großen Augen sah er von Tony zu Loki und wurde dann ärgerlich.
„Loki, wir waren uns doch einig, dass du deine Magie nicht bei Tony einsetzt, solange du dich noch erholst. Das raubt dir zu viel Energie, und wir brauchen dich in Topform, um die Majuta zurückzuschlagen. JARVIS, bitte auch einen Scan von Loki", seufzte er säuerlich.
„Aber ich habe ihn nicht angerührt, Bruce", Loki schien erschrocken.
„Na ja, so würde ich das nicht bezeichnen, Babe", grinste Tony und dachte genüsslich an letzte Nacht zurück. Es war reine Ekstase gewesen, aber Loki hatte recht, er hatte Tony nicht angerührt, nicht mit Magie jedenfalls.
„Was genau habt ihr zwei an ‚ausruhen und schonen' nicht verstanden?", fragte Bruce genervt und verdrehte die Augen.
„Er hat wirklich nichts gemacht, Bruce. Nun werd nicht gleich sauer", beschwichtigte ihn Tony.
„JARVIS, gab es gestern in diesem Zimmer ungewöhnliche Aktivitäten? Wenn ja, zeig sie mir", sagte der Doctor unbeirrt.
„Ähhm ja, nein, das machst du nicht, JARVIS. Verdammt, Bruce, was ist los mit dir?", fragte Tony wütend. Er spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen kroch. Die Götter hingegen fanden das Gekabbel offenbar höchst amüsant, beide hatten ein breites Grinsen im Gesicht.
„Entschuldigung, Sir, es gab ungewöhnliche Aktivitäten, nachdem Sie und Mr. Loki eingeschlafen waren", meldete JARVIS.
Tony sah seinen Gott überrascht an. „Lass sehen, JARV, und lösch die Stunde davor, sei so gut."
Alle vier drehten sich dem Video zu, das nun abgespielt wurde. Man konnte erkennen, wie Loki ihn in eine Umarmung zog und etwas murmelte, bevor die Lichter gelöscht wurden. Wenig später erfüllte ein leichtes grünes Leuchten den Raum. Es ging von Loki aus und umschloss sie beide. Mehr passierte nicht.
Nun drehten sich drei Männer dem örtlichen Gott des Schabernacks zu und sahen ihn fragend an. Loki stand wie vom Donner gerührt da und starrte auf den Bildschirm, bis dieser verschwand. Er blinzelte, und als er Tony ansah, schlich sich eine leichte Röte in sein Gesicht. Er sah hinreißend aus.
„Babe, was hast du angestellt?"
„Das ... das, ähm..." Sein Gott sah hilfesuchend zu seinem Bruder, der ihn sprachlos anstarrte. Anscheinend wusste Thor, was hier lief. Loki räusperte sich und sah Tony plötzlich liebevoll an.
„Meine Magie hat dich offenbar als mir zugehörig erkannt. So als wäre dein Körper ein Teil von mir, verstehst du? Da auch du verletzt warst, hat sie nicht nur meinen, sondern unser beider Körper geheilt. Ich habe es nicht bemerkt, da ich geschlafen habe. Bitte verzeih", erklärte er und drückte Tonys Schulter.
Tony legte eine Hand über die seines Gottes.
„Hey, ich beschwere mich nicht, Babe. Ich fühle mich so gut wie schon lange nicht mehr, nur etwas müde vielleicht", fügte er mit einem Gähnen hinzu.
Er versuchte cool zu bleiben und so zu tun, als wäre das Gehörte nichts Besonderes, aber innerlich schrie er vor Glück. Das war die schönste Liebeserklärung, die er je gehört hatte. Sein Herz schlug schneller und sein ganzer Körper kribbelte.
Er gab es nicht gerne zu, aber Tony war unsicher. Ein kleiner Teil von ihm hatte befürchtet, nicht genug für den Gott zu sein. Immerhin war er nur ein Mensch.
Er versuchte verzweifelt, Loki nicht wie ein verliebter Teenager anzuhimmeln – und versagte kläglich.
Thor rettete ihn gnädigerweise mit einem breiten Grinsen im Gesicht. „Nun, ich glaube, die Müdigkeit ist manchmal eine Nebenwirkung, oder Bruder?"
Sanfte Finger strichen zärtlich durch sein zerzaustes Haar, und grüne Augen blickten in seine.
„Ja, in der Tat, aber es wird sich in ein paar Tagen legen."
Tony konnte seinen Blick nicht abwenden. Für ihn zog sich der Moment ins Unendliche. Das hier war das einzig Wahre, das einzige, was wichtig war: Loki, der ihn anblickte, mit einer Hand in seinem Haar und der anderen auf seiner Schulter. Er wollte dieses Bild festhalten, wollte jedes Detail, jedes Gefühl, jede Berührung einfangen und für immer in seinem Herzen tragen. Er nahm kaum wahr, wie sich seine beiden Freunde aus dem Zimmer zurückzogen. Er hatte nur Augen für seinen Gott.
„Komm her", hauchte er schließlich und verlor sich in den Armen seines Gefährten.
„Kannst du uns nach oben bringen, Babe? Dieses Bett hier ist so verdammt unbequem", flüsterte Tony atemlos an Lokis Lippen. Sekunden später wurde er in seinem Zimmer auf dem weichen Doppelbett abgelegt.
„Und was genau hast du jetzt vor, Liebster?", neckte Loki.
„Hmmm, ich hatte gestern keine Gelegenheit, mich zu revanchieren. Heute bist du dran, Babe, komm her." Er rollte sie beide herum, sodass er nun obenauf war, und setzte sich auf. Zuerst musste all diese unnötige Kleidung weg, entschied er. Also machte er sich ans Werk und bedeckte seinen Gott dabei von Kopf bis Fuß mit verheißungsvollen Küssen.
Er war ein bisschen nervös. Sicher, er war auch schon mit Männern im Bett gewesen, allerdings war immer er der Geber gewesen, nicht der Empfänger. Aber seit gestern hatte er das dringende Bedürfnis, von seinem Prinzen royal gefickt zu werden. Dieser Prinz räkelte sich gerade genüsslich unter ihm und verfolgte jede seiner Bewegungen aus zu Schlitzen verengten, grünen Augen. Als Tonys Mund sich Lokis Südpol näherte, stöhnte er laut auf und biss sich auf die Unterlippe. Dieser Anblick machte Tony verrückt. Er würde diesen Mann hier und jetzt bei lebendigem Leib auffressen.
Mit diesem Gedanken legte er seinen Mund um Loki. Er hatte das hier noch nie gemacht, war aber oft genug selbst in den Genuss gekommen. Tony Stark wusste, was sich gut anfühlte. Es war befriedigend und erregend zugleich, die Laute zu hören, die er Loki mit seinem Mund entlocken konnte. Mit Tonys Namen auf den Lippen ergoss sich sein Gott schließlich zitternd. Nachdem Tony alles geschluckt hatte, was sein Gott ihm gegeben hatte, setzte er sich wieder auf und angelte nach seiner Nachttischschublade.
„Waa... was hast du vor?" keuchte Loki.
Tony leckte sich über die Lippen. „Oh, ich bin noch nicht fertig mit dir, Babe." Damit gab er Gleitgel auf zwei seiner Finger. Er erinnerte sich, dass die Männer sich immer vorher gedehnt hatten, bevor sie ihn ranließen. Wenn man Lokis Umfang betrachtete, würden zwei Finger wahrscheinlich nicht ausreichen. Nach kurzem Überlegen benetzte er einen dritten und grinste seinen verblüfften Gott schelmisch an. „Was bringt es mir, einen Hengst im Stall zu haben, wenn ich ihn nie reite?"
Lokis Augen wurden groß. „Ohhh, wir sind aber kühn heute", schnurrte er schließlich, und Tony konnte die Lust in diesen grünen Augen sehen. Er würde das hier durchziehen. Er wollte es. Er wollte Loki.
„Soll ich dir zur Hand gehen, Liebster?" Loki setzte sich auf, legte einen Arm um Tonys Rücken und half ihm mit der anderen die richtige Position zu finden. „Einer nach dem anderen. Versuch dich zu entspannen", flüsterte er an seinem Hals. Lokis Erregung lag nun direkt an Tonys, und diese Lippen auf seinem Hals machten es nicht gerade einfach, einen klaren Gedanken zu fassen.
„Hmm, ich kann mich so nicht konzentrieren, Babe", flüsterte Tony und presste den ersten Finger an seinen Eingang. Es war ein komisches Gefühl, unangenehm zu Anfang, aber je tiefer er ging, desto erregender war es. Der zweite Finger ... war nicht der seine, und er stieß ein überraschtes Stöhnen aus. Dieser zweite Finger hatte weit mehr Ahnung, was er tat, als der erste. Loki küsste und knabberte an seinem Hals und beförderte einen weiteren Finger in ihn. Tony gab es auf, zog seine eigene Hand zurück und klammerte sich stattdessen an seinen Gott. Er gab sich ganz diesem neuen Gefühl hin. Loki traf mit seinen eleganten, langen Fingern genau die Stelle... Fuck.
Als er es nicht mehr aushielt, stoppte er Loki und drückte ihn zurück in die Kissen. Er positionierte sich und ließ den Gott langsam in sich gleiten.
Für einen Moment hielt er den Atem an. Es war ein seltsames Gefühl – nicht nur körperlich, sondern tief in ihm. Wie konnte jemand, der so mächtig und unnahbar wirkte, gleichzeitig so sanft und vorsichtig sein? Tony spürte, wie er sich öffnete, nicht nur für Loki, sondern auch für all die Unsicherheiten, die damit einhergingen. Er war es gewohnt, Kontrolle zu haben, in jedem Aspekt seines Lebens. Doch jetzt? Jetzt ließ er los. Und während der Schmerz nachließ und das Gefühl von Wärme und Nähe zunahm, wurde ihm klar, dass er diesem Mann, seinem Gott, etwas gab, was er niemand anderem zuvor gegeben hatte – sein Vertrauen.
Loki beobachtete ihn aufmerksam, als er sich an die Größe gewöhnte. Tony zwinkerte ihm kokett zu. Er fing an, sich zu bewegen, und ein kleines Feuerwerk begann in seinem Kopf zu wüten. Fuck. Das ... das fühlte sich verdammt gut an. Loki bäumte sich schwer atmend unter ihm auf und krallte seine Finger in seine Hüften. Tony gab das Tempo vor und begann einen gleichmäßigen Rhythmus.
Der Schweiß lief ihm bereits in einem kitzelnden Rinnsal über den Rücken. Er stöhnte laut auf, als Loki seine Erektion in die Hand nahm und begann, ihn in einem schnellen Rhythmus zu pumpen. Er hielt das nicht mehr aus. Keuchend und schwer atmend ließ er sich nach vorne fallen.
Er küsste seinen Gott, sah ihm tief in die Augen und flüsterte: „Ich will, dass du mich fickst."
Ein Ruck ging durch den Körper unter ihm, und Tony hatte das Gefühl, mit seinen Worten eine größere Macht entfesselt zu haben. Aber er hatte keine Zeit, groß darüber nachzudenken; einen Herzschlag später hatte Loki ihn gepackt und in einer flüssigen Bewegung herumgeworfen. Er drückte ihn mit dem Rücken in die Kissen, und Tony schlang seine Beine um die Hüften des Gottes. Quälend langsam drang Loki erneut in ihn ein. Tony sah seinen Geliebten an und bestätigte mit einem leichten Nicken, dass alles okay war. Und dann hörte die Welt auf zu existieren. Loki war über ihm, und er war kein Mann, er war kein Gott, er war eine Naturgewalt. Tony hörte auf, sich dagegen zu wehren, und ließ sich fallen in den Strudel aus Lust und Ekstase. Sie waren jenseits aller Grenzen, zwei zuckende, stöhnende Körper. Sie waren Eins.
„Loki, hmmm", flehte Tony, als er es nicht mehr aushielt. „Haahh, Babe, komm... komm für mich. Hmm." Seinen Worten folgte ein Zittern, das sich auf seinen Körper zu übertragen schien. Mit zwei weiteren heftigen, tiefen Stößen, die in Tony ein weiteres Feuerwerk auslösten, beförderte Loki sie beide über den Rand. Mit einem Schrei ergoss sich Tony heftig auf ihrer beider Brust. Loki biss ihm fast schon schmerzhaft in die Schulter, während er seinen eigenen Orgasmus ausritt, und brach dann auf ihm zusammen. Tony spürte es kaum. Er fühlte das Nachbeben im ganzen Körper, und es raubte ihm den Verstand. So etwas hatte er noch nie erlebt und die Gefühle drohten ihn zu überwältigen. Er vergrub sein Gesicht an Lokis Hals.
Mit aller Kraft, die ihm noch geblieben war, hob er die bleischweren Arme und schlang sie um seinen Gott.
Er klammerte sich an Loki, wie damals in der Gefangenschaft – doch dieses Mal nicht aus Verzweiflung, Angst oder Schmerz, sondern aus dem Wunsch, ihn einfach nicht mehr loszulassen. Tony wollte Eins sein mit seinem Geliebten.
Loki erwiderte die Geste und drängte sich noch dichter an ihn, presste ihn in die weiche Matratze und bedeckte ihn mit seinem Körper. Schirmte ihn ab gegen alles Übel, so wie er es bereits auf dem Majutas-Schiff getan hatte. Wieder überkam ihn dieses überwältigende Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit. Würde die Welt jetzt untergehen, ihm könnte nichts passieren, denn Loki war bei ihm.
Tony kniff die Augen zusammen und blinzelte heftig, um das Brennen zu vertreiben. Was war nur los mit ihm, dass er in letzter Zeit so nahe am Wasser gebaut war? Er war Iron Man, er weinte nicht.
Loki lockerte seinen Griff etwas und fragte mit rauer Stimme: „Hab ich dir wehgetan, Liebster? Verzeih, ich habe mich wohl etwas gehen lassen." Tony schluckte schwer. Wo sollte er bloß anfangen? Loki hatte ihm nicht wehgetan, im Gegenteil.
„Nein, Babe", krächzte er. „Du hast mich nur ins Nirvana gevögelt." Er fand keine Worte für das, was er fühlte. Deshalb beschloss er, seinen Gefühlen mit einem Kuss Ausdruck zu verleihen.
„Ohh, mhh, dann bedeutet Nirvana etwas Gutes, ja?" grinste Loki schließlich.
„Hmmmm, ihr nennt es, glaube ich, Walhalla? Es bedeutet, das Paradies oder einen Zustand der Vollkommenheit zu erreichen. Wie auch immer, du hast die offizielle Erlaubnis, das jederzeit und egal wo wieder zu tun."
Der Gott lachte leise auf. „Wie ihr wünscht, Mann aus Eisen." Mit einem Kuss und einem Augenzwinkern fügte er hinzu: „Möchtet ihr mich unter die Dusche begleiten?"
Tony schüttelte lachend den Kopf. „Du wirst mich tragen müssen, ich spüre meine Beine nicht mehr..."
„Was denkst du?", fragte sein Sterblicher und zeichnete unter Wasser kleine Kreise auf seine Brust.
Loki lag ausgestreckt mit dem Rücken an Tonys Brust im warmen Wasser des Whirlpools. Er schreckte aus seinen Gedanken hoch. „Hmm", machte er unschuldig.
„Ich wüsste gerne, was in deinem hübschen Kopf vorgeht, Babe", flüsterte Tony und knabberte an seinem Hals.
„Es ist nichts, Liebster", log Loki und blickte weiter nachdenklich auf die schlafende Stadt.
Der Whirlpool stand an einem wahrhaft spektakulären Platz: Hunderte Meter über der Stadt, auf einem versteckten Balkon des Stark Towers. Aber der Mann, der ihn hierhin gestellt hatte, war schließlich Tony Stark – spektakulär in jeder Hinsicht.
Vorgestern hatte sein Sterblicher ihm anvertraut, dass er sich Sorgen machte. Loki hatte es bereits bemerkt: Tony war sentimentaler als sonst, seine Gefühle lagen oft blank. Manchmal brachte ihn sogar ein liebevolles Wort von Loki zum Weinen.
Er hatte schon mit Banner darüber gesprochen. Und der Doc hatte ihm zugestimmt. Sie überwachten Tony nun zusätzlich mit regelmäßigen Gehirnscans. Loki befürchtete, dass Thyra bei ihrem Eindringen in Tonys Geist größeren Schaden angerichtet hatte, als bisher angenommen.
Oder lag der Grund woanders?
Eine leise, fiese Stimme in seinem Kopf flüsterte: Es war nie echt.
Wieso sollte jemand ihn jemals lieben?
Er hatte sich eingeredet, dass es kleine Zeichen gegeben hatte – Berührungen, gemeinsame Stunden in der Werkstatt, jener Abend nach der Hochzeit von Pepper und Rhodey.
Aber Tony war betrunken gewesen.
Nüchtern hätte er dich niemals angerührt.
Ein schmerzhafter Kloß bildete sich in Lokis Kehle.
Du bist ein Monster. Ein Eisriese. Deine wahre Gestalt würde ihn abstoßen. Du bist es nicht wert.
Ein gequältes Stöhnen entkam ihm, und er fuhr sich mit den Händen über die Augen. Dann stieß er sich von Tony ab und tauchte unter. Er ließ sich zum Grund sinken.
Seine Brust zog sich scherzhaft zusammen. Ein dumpfes Pochen in seinem Kopf. Wenn es wieder nur ein Spiel war, dann… dann war es diesmal sein Ende. Er würde das nicht noch einmal überleben.
Loki öffnete unter Wasser die Augen. Das Brennen in seiner Lunge war nebensächlich.
Hier unten war es ruhig. Er konnte einfach hier sitzen bleiben und ...
Ein starker Griff riss ihn aus der Stille zurück und aus dem Strudel seiner düsteren Gedanken.
Prustend tauchte er auf – und sah in besorgte, braune Augen.
„Okay, nachdem du erfolglos versucht hast, dich in meinem Whirlpool zu ertränken, könntest du dann bitte mit mir reden, Babe?", fragte Tony. Seine Stimme war sanft, aber bestimmt.
Loki konnte ihn nicht ansehen.
„Es geht hier doch nicht immer noch um die Sache von vor zwei Tagen, oder?" Tony zog ihn an sich. Nahm sein Gesicht in beide Hände.
Loki schluckte.
„Es geht um diese Sache", stellte Tony fest, ohne auf eine Antwort zu warten.
„Hör mir jetzt genau zu, Babe. Mir geht es gut. Bruce hat mich gescannt, du hast mich geprüft – nichts. Nichts, außer dieser verdammten Liebe zu dir."
Loki starrte ihn nur an.
Tony fuhr leise fort: „Ich habe mit Pepper geredet. Dachte, eine Frau versteht vielleicht mehr von diesem ganzen Gefühlszeug als ich. Und sie hatte eine simple Erklärung. Willst du sie hören?"
Loki nickte stumm. Was würde er gleich hören?
„Sie meinte, ich sei verliebt. Aber weißt du was? Sie hat Unrecht."
Lokis Herzschlag setzte aus, und er wartete auf den Todesstoß. Er hatte es gewusst. Alles nur eine Lüge.
„Sie hat Unrecht, weil ich nicht nur in dich verliebt bin. Ich bin dir mit Haut und Haaren verfallen."
Tonys Wangen waren gerötet, aber seine Augen brannten vor Ehrlichkeit.
„Ich liebe dich, Loki Odinson. Nicht ein bisschen. Nicht vielleicht. Vollkommen. Und wenn du mir nicht glaubst, dann weiß ich nicht, wie ich es dir noch beweisen soll."
Loki konnte nicht atmen. Was?
„Nichts hiervon ist eine Lüge", sagte Tony. „Nichts hiervon ist Thyra. Das bin nur ich." Er lächelte leicht. „Wenn ich ehrlich bin, stand ich schon vom ersten Moment an auf dich. Ich meine, hast du dir mal deinen Hintern angesehen?"
Loki lachte ungläubig.
„Ich war nur zu feige, mir das einzugestehen", fuhr Tony fort. „Aber du raubst mir den Verstand. Niemand sonst. Hörst du mich?" Er strich Loki sanft über die Wange.
Loki kämpfte gegen die Tränen.
„Ich weiß, das alles geht viel zu schnell. Null auf hundert in zwei Wochen. Aber es fühlt sich so richtig an. Als hätte ich schon immer an deine Seite gehört." flüsterte er.
„Normalerweise lasse ich niemanden so nahe an mich ran. Schlechte Erfahrungen und so..."
Tony schluckte. „Aber du reißt alle Mauern ein. Du siehst mich so, wie ich bin."
Loki hätte schreien können vor Glück. Tony liebte ihn. Es war echt.
Doch dann sagte Tony etwas, das Loki eiskalt erwischte.
„Wie konntest du nur denken, das wäre alles eine Lüge? Wie könnte man solche Gefühle faken? Es sei denn, du hast mich verzaubert." Er lachte leise – und bemerkte nicht sofort, wie Loki erstarrte.
Sekunden später zog Loki sich leicht zurück.
Tony runzelte die Stirn. „Babe?"
„Meine Magie hat hiermit nichts zu tun", sagte er leise. Ein dunkler Schatten legte sich über sein Gesicht. „Dann ... dann wäre es nicht mehr echt, Liebster."
Tony sah ihn forschend an. Strich ihm eine Haarsträhne aus den Augen. „Es tut mir leid, Babe. Ist dir das schon mal passiert?"
Loki sah weg. Die Erinnerung an alte Narben, alte Täuschungen, alte Demütigungen war zu schmerzhaft. Er wollte nicht darüber sprechen.
Tony schien zu verstehen. Er legte seine Stirn an Lokis und sagte nur: „Also ja. Du musst nicht darüber sprechen. Du musst nur wissen, dass das hier echt ist, Babe."
Loki ließ sich in seine Arme sinken. Die dunkle Stimme in seinem Kopf schwieg endlich. „Ich hatte befürchtet, es sei alles nur eine Lüge gewesen...", brachte er heiser hervor.
„Dachte ich mir. War es aber nicht. Ich liebe dich."
Dann küsste Tony ihn – und alles andere wurde bedeutungslos. Die Welt hörte auf zu existieren.
Loki wusste nun mit absoluter Gewissheit, dass sein Sterblicher ihn liebte.
Seine Magie hatte es damals gespürt, als sie unbewusst ein Band zwischen ihnen geknüpft hatte. Als sie Tony als seinen Gefährten markierte.
Er musste ihm das unbedingt noch sagen. Irgendwann. Später.
Jetzt wollte er ihn nur noch berühren, ihn spüren. Seinen Sterblichen.
„Also… du bist das Mädchen in dieser Beziehung?", grinste Loki, als sie sich keuchend voneinander lösten.
Tony funkelte ihn an.
„Sag das noch einmal, und ich mache es rückgängig."
Loki lachte. „Oh, verzeih. Asgards Prinz bittet seine Königin um Gnade."
Tonys Augen blitzten herausfordernd. „Du hast es nicht anders gewollt."
Er drückte auf einen Knopf und die Sprudeldüsen erwachten zum Leben.
Dann drängte er Loki an den Poolrand und bewies ihm, dass er definitiv nicht das Mädchen in dieser Beziehung war.
„Er wird dir nicht glauben." Tony hatte es seinem Gott schon zigmal gesagt, aber Loki blieb stur.
„Ich muss es versuchen, Anthony. Seit unserer Flucht ist jetzt etwas über eine Woche vergangen, wir haben bereits einige Verbündete, aber wir brauchen S.H.I.E.L.D. Ich muss versuchen, den Direktor zu überzeugen." Tony wusste, dass es keinen Sinn hatte, weiter zu diskutieren. Loki war genauso stur wie er selbst.
Steve und Loki hatten ihm den Plan erklärt, den sie während seiner Ohnmacht nach der Flucht vor Thyra ausgeheckt hatten. Sie wollten die feindlichen Schiffe stoppen, bevor auch nur ein Majuta einen krallenbewehrten Fuß auf die Erde beziehungsweise auf Asgard setzte.
Thor hatte die Verteidigung Asgards bereits mit dem Allvater geklärt, und wollte zusammen mit den Avengers auf Midgard kämpfen. Außerdem sollte er als Lockvogel für Thyra fungieren.
Tony war beeindruckt von Lokis Fähigkeiten, Verbündete zu finden. Er hatte bereits Wakanda, Rhodey und die US Air Force sowie Dr. Strange und sein Sanctum Sanctorum auf seine Seite gebracht.
Tony hatte den Bericht gelesen, den sein Gefährte kurz nach diesem Alptraum verfasst hatte, und ihm wäre beinahe das Herz gebrochen. Loki hatte in nüchternem Ton die Ereignisse beschrieben, die sich seit ihrer Entführung von der Dachterrasse des Stark Towers zugetragen hatten. Inklusive der Folterung und des Versuchs, an Informationen zu kommen.
Aufgrund dieses Berichts und der drohenden Gefahr für beide Welten hatten sich alle sofort in Alarmbereitschaft begeben und warteten nun auf ein Zeichen am Himmel.
Alle bis auf S.H.I.E.L.D. und Nick Fury.
„Dann lass mich wenigstens mitkommen, ich kenne den einäugigen Bastard länger als du!" drängte Tony nun, nicht zum ersten Mal.
Er bekam die gleiche Antwort wie immer: „Nein, du bleibst hier, Liebster. Wenn er meinen Worten nicht glaubt und auch den Captain sowie Natasha und Clint ignoriert, sehe ich nicht, wie du ihn überzeugen solltest. Dein Geist ist immer noch dabei zu heilen. Thyra hat dir stark zugesetzt, auch wenn du es niemals zugeben würdest. Ich weiß es. Du brauchst Ruhe und keine hitzige Diskussion mit Nick Fury." sagte Loki bestimmt.
Tony funkelte ihn wütend an. Sein Gott hatte recht, Thyra hatte zwar seine Gefühle nicht manipuliert, aber sie hatte ihn geschwächt. Tony fand es immer noch schwer, sich auf Dinge zu konzentrieren – na ja, auf alles außer seinen Gott, wenn er ehrlich war. Alles, was Loki betraf, war glasklar, alles andere verschwamm. Es fühlte sich so an, als würde er sich von einer schweren Grippe erholen. Und sein Gott hatte ebenfalls damit recht, wenn er sagte, dass Tony es niemals zugeben würde.
„Aber ..." begann er, wurde aber mit einem raschen Kuss zum Schweigen gebracht.
„Du bleibst hier, und Thor wird auf dich aufpassen, damit du keine Dummheiten machst." gab Loki knapp zurück und zwinkerte ihm zu.
„Ich bin doch kein Kleinkind! Ich brauche keinen Babysitter!" schmollte Tony.
„Das hoffe ich, Freund Stark. Ich wechsle keine Windeln." Thor legte grinsend eine schwere Hand auf seine Schulter.
„Da das nun geklärt ist, mache ich mich auf den Weg." Beendete Loki die Diskussion lächelnd. Er hauchte einen Abschiedskuss auf Tonys Lippen, bevor er sich in einer eleganten Drehung in Nichts auflöste. Der Mistkerl hatte sich einfach weg teleportiert, bevor Tony auch nur über ein weiteres Gegenargument nachdenken konnte. Na warte, wenn du nach Hause kommst ... dachte er wütend. Er stutzte kurz, und musste unwillkürlich lächeln. Ja, zu Hause, dass waren sie füreinander, erkannte er.
„Ihr scheint schon sehr vertraut miteinander." riss Thor ihn aus seinen Überlegungen.
Tony drehte sich zu dem Donnergott um. „Was meinst du?" fragte er überrascht.
„Na ja, ihr zankt wie ein altes Ehepaar." lachte Thor, und Tony schüttelte wütend den Kopf, und verdrehte die Augen. „Ist dir überhaupt bewusst, wie viel du ihm bedeutest, Stark?" fügte er kurz darauf ernst hinzu.
Tony horchte auf und sah Thor fragend an. „Setzen wir uns doch und vertiefen dieses Thema bei einem Glas Whiskey."
Als sie beide auf den gemütlichen Sofas des Gemeinschaftsraumes saßen, räusperte sich Thor und blickte nachdenklich in sein Glas.
„Ich habe meinen kleinen Bruder selten glücklich gesehen, Stark. Er war immer schon verschlossen. Aber wenn er in deiner Nähe ist, blüht er förmlich auf." Er blickte Tony nun direkt an. „Ich glaube nicht, dass es jemals jemanden in seinem Leben gab, den er auf diese Weise ansieht, wie er dich ansieht, Stark." Tony schluckte und klammerte sich an sein Glas. „Als ich gesehen habe, wie er dich gegen diese Chitauri verteidigt hat, wusste ich Bescheid. Er wäre an diesem Ort für dich gestorben, Stark. Bisher habe ich das nur zweimal bei meinem Bruder gesehen."
Thor nahm einen großen Schluck und starrte in die Ferne. „Das erste Mal war in der Schlacht auf Vanaheim. Leider war es nicht genug, und Loki musste zusehen, wie sein Gefährte fiel." Tony riss schockiert die Augen auf, das hatte Loki ihm nie erzählt.
„Das zweite Mal war bei einem kleineren Überfall der Eisriesen auf Asgard. Sie drangen in den Palast ein, aber wir konnten sie zurückschlagen. Seine damalige Gefährtin war ebenfalls eine Magierin, ich weiß nicht, ob er sie jemals erwähnt hat." Tony schüttelte nur den Kopf.
„Was ist passiert, Thor?" fragte er und sah den Gott gespannt an.
„Sie betrog ihn." sagte Thor leise und schluckte schwer „Ich war dabei, als er es herausfand. Er wollte es nicht glauben. Mein Bruder quälte sich mit Selbstvorwürfen. Sie … sie war eine der wenigen, denen er vollkommen vertraut hatte, und es stellte sich heraus, dass sie ihn die ganze Zeit belogen hatte." Er nahm einen weiterer großen Schluck „Es gibt nicht nur den Weg über den Bifröst nach Asgard, musst du wissen, Stark, und mein Bruder kennt all diese Wege. Jedenfalls wollte sie den Allvater stürzen und den Thron für sich beanspruchen, deshalb musste sie den Eisriesen Zutritt zum Palast verschaffen. Als es misslang, offenbarte sie ihren Verrat und brach meinem Bruder das Herz." schloss Thor traurig.
„Sie hat ihm die Gefühle nur vorgespielt? Mit Magie?" fragte Tony, nur um sicherzugehen. Als Thor nickte, wurde Tony einiges klar. Meine Magie hat hiermit nichts zu tun. Dann... dann wäre es nicht mehr echt, Liebster. Er schluckte schwer. „Oh man, so eine Scheiße. Dieses Miststück! Der würde ich am liebsten den Hals umdrehen!" grollte er leise.
Thor hatte ihn aufmerksam beobachtet und schenkte ihm nun ein breites Lächeln, bevor er wieder ernst fortfuhr. „Schon passiert, Freund Stark. Auf Hochverrat steht in Asgard die Todesstrafe."
Fuck! Also hatte Loki zwei seiner bisherigen Geliebten sterben sehen? Betrug oder nicht, für Loki war es echt gewesen, und zuzusehen, wie seine Gefährtin hingerichtet wurde, musste grauenvoll gewesen sein.
„Hat... hat er dabei zugesehen?" Er musste es wissen.
„Nein." Thor sah ihn bedrückt an. „Mein Bruder zog sich an diesem Tag in die Bibliothek zurück und kam erst drei Wochen später wieder heraus." Sein Blick war finster, als er sich an diese Zeit zurückerinnerte. Tony konnte den Schmerz in den blauen Augen sehen. Er wusste das Thor seine Bruder innig liebte. Es musste furchtbar gewesen sein ihn so leiden zu sehen.
„Das war eine dunkle Zeit für ihn. Ich glaube, er schwor sich damals, nie wieder jemanden an sich heranzulassen. Aber das ist in unserem Fall eine verdammt lange Zeit," sagte der Gott bitter.
Tony nickte, er verstand, was Thor meinte. Es konnte verdammt einsam sein, wenn man beschloss, sich nichts und niemandem mehr zu öffnen. Wenn man alle wegstieß, seien es Freunde, Familie oder Geliebte. Tony wusste das aus eigener Erfahrung. Er hatte nach Afghanistan und dem Verrat nicht anders reagiert.
„Warum erzählst du mir das, Großer?" fragte er, als sein Glas leer war.
„Ich schätzte, ich wollte sicher gehen, dass du dasselbe für meinen Bruder empfindest, wie er für dich, Stark. Loki liebt dich wirklich sehr. Ich will nicht mit ansehen, wie er wieder auf diese Art verletzt wird." Er sah Tony abwartend an.
Diese unausgesprochene Forderung nach Bestätigung konnte man nur auf eine Art beantworten, dachte Tony. Er richtete sich auf und blickte Thor fest in die Augen.
„Ich liebe deinen Bruder aufrichtig, und ich würde jederzeit für ihn sterben, so wie er für mich. Wir gehören zusammen, und ich werde nicht zulassen, dass irgendetwas zwischen uns kommt. Reicht dir das?"
Thor sah ihn lange und forschend an, dann nickte er leicht. Die Anspannung im Raum verpuffte, und Tony schenkte ihnen beiden erst mal nach.
Wenige Minuten später kam ihm eine Idee.
„JARVIS, kannst du dich in den Besprechungsraum von S.H.I.E.L.D. hacken und uns zeigen, was abgeht?"
„Einen Moment, Sir." Wenige Minuten später erschien ein Livestream des Besprechungsraums.
Thor und Tony sahen genau 20 Minuten lang zu, bis sie entschieden, dass es Zeit war, Loki dabei zu helfen, diesen einäugigen Bastard zu überzeugen. Sie machten sich auf den Weg zum S.H.I.E.L.D.-Hauptquartier.
Kapitel 11 / Der tiefe Fall
Gegenwart – die Schlacht um New York 2.0
„An alle, ich beginne jetzt mit dem Portal, haltet noch einen kurzen Moment die Stellung. Auf mein Kommando zieht ihr alle die ‚Reißleine' und begebt euch in Sicherheit. Haltet euch an den Plan, ich will keine Verluste." Loki wartete auf die Antwort seiner Mitstreiter, als das beruhigende „Roger" von allen Seiten ertönte, machte er sich an die Arbeit.
Er schloss die Augen und begann, das Portal aufzubauen, das das Majutas-Schiff ans andere Ende des Universums befördern würde. Knisternd entstand ein grün-glühender Riss mitten in der Luft und bildete langsam ein immer größer werdendes Oval. Auf der anderen Seite herrschte Dunkelheit, die Weite des Alls. Loki setzte einen Ankerpunkt mitten in diese Dunkelheit. Nun fehlte nur noch der Ankerpunkt in dieser Welt und ein letzter Schubs, um das Schiff aus dieser Welt zu befördern.
Schwach nahm er wahr, wie Thor und Tony ihm den Rücken freihielten. Die Majutas schienen bemerkt zu haben, dass etwas vor sich ging, denn sie stürmten auf seine beiden Verteidiger ein. Loki sank auf ein Knie und berührte mit einer Hand den Boden, setzte den Ankerpunkt auf das Schiff.
„Macht euch alle bereit", sprach er in die Com und murmelte weiter seinen Zauber. Das Timing war kritisch, er hoffte, dass alles glatt laufen würde und sie keine Verluste durch seinen Zauber verbuchen müssten.
Jetzt, er war so weit. „Jetzt!", schrie er in die Com. „Reißleine, Reißleine, zieht euch zurück!" Er spürte, wie eine Reihe Energiesignaturen ausgelöst wurde, die er als seine eigenen erkannte. Der Rückzug verlief nach Plan.
Er lenkte Magie in den Ankerpunkt im All, und das Schiff setzte sich ruckend in Bewegung. Es funktionierte!
„Loki! Wir müssen hier weg!", er spürte, wie er von metallenen Armen gepackt und hochgehoben wurde.
„Nein, warte! Es braucht noch etwas mehr!", schrie er, aber zu spät. Er wurde bereits von Iron Man in die Luft getragen.
„Mach das doch von hier aus, Babe. Wieso musst du dazu mitten in der Schusslinie stehen?", fragte sein Gefährte wütend. Er hatte ja recht, den letzten Schubs konnte er auch von hier aus einleiten.
„Sind alle in Sicherheit?", rief er in die Com.
„Roger, Loki. Hau sie weg!", kam es von Captain America, und Loki hob die Hände zum finalen Schlag.
Er schickte einen weiteren Zauber durch das Portal, und das Oval glühte auf. Der Anker griff und mit einem Flirren und einem lauten Wuschhh verschwand das Raumschiff vom Himmel. Loki ließ mit einer letzten Kraftanstrengung das Portal kollabieren. Mit Befriedigung sahen sie zu, wie das Oval immer kleiner wurde und schließlich verschwand.
„Du hast es geschafft, Babe, ich bin stolz auf dich." Dieser Satz kam nicht durch die Komm, sondern wurde in sein Ohr geflüstert. Tony hatte sein Visier hochgeklappt und lächelte ihn an. Loki drehte sich so gut es ging in seinen Armen und küsste seinen Sterblichen.
„Bringst du mich zu Thyra, Liebster? Wir haben da noch etwas zu erledigen." Er bekam als Antwort einen weiteren Kuss und spürte zugleich, wie sie an Höhe verloren.
Thyra hatte das Raumschiff verlassen, als die Kämpfe begannen, hatte sich aber nicht allzu weit entfernt. Sie hatte sich den Aussichtspunkt auf Governors Island für ihr Portal ausgesucht, mit Blick auf die Freiheitsstatue und die City von New York. Der Bodentrupp des Sanctum Sanctorum hatte sie nicht aufhalten können, da sie eine Art Kraftfeld heraufbeschworen hatte. Strange sah ihnen angespannt entgegen, als Iron Man zur Landung ansetzte.
„Sie ist umstellt. Wir haben schon einiges versucht, können das Kraftfeld aber nicht durchdringen. Vorschläge?", begrüßte er Loki.
Er betrachtete das unheilvoll rot glühende Portal für einen Moment und konzentrierte sich dann auf den flirrenden Schild.
Thyra konnte unmöglich so viel Macht haben, um beides zu speisen. Also, woher kam die ganze Energie?
„Benutzt sie Runensteine?", fragte Thor, der soeben neben den drei Männern gelandet war und seinen Bruder fragend ansah.
Das war auch Lokis Idee gewesen. Runensteine waren eine bewährte Methode, um im Kampf Kraftfelder zum Schutz der eigenen Truppen zu erschaffen. Man lud sie mit Magie auf, die dann bei Bedarf mit einem einfachen Spruch freigesetzt werden konnte.
Die beiden Götter blickten sich suchend um, und tatsächlich: „Ja! Dort seht nur!", Loki deutete auf drei große Steine, die in Pyramidenform um Thyra herum lagen. Sie glühten gespenstisch rot und schienen zu pulsieren.
„Dr. Strange, ihre Kämpfer sollen gezielt auf die Steine feuern, das ist die Schwachstelle!" Der Magier nickte ihm kurz zu und eilte davon, um seine Männer zu instruieren.
„Bist du bereit, Bruder?", fragte Loki. Thor trat an seine Seite und nickte. Sie hatten besprochen, wie sie Thyra aufhalten wollten. Thor als Lockmittel einzusetzen, war dessen eigene Idee gewesen. Er wollte sie einlullen und mit Lokis Hilfe eigenhändig überwältigen.
Bevor die beiden Brüder auch nur einen Schritt vorwärts machen konnten, spürte Loki, wie er von einer Hand zurückgehalten wurde. „Mir gefällt das nicht, Loki, ich hab ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache.", er drehte sich zu seinem Gefährten um und sah in dessen besorgtes Gesicht.
„Ich weiß, Anthony, aber sie hat die Kontrolle verloren und reißt mit diesem Portal eure Welt auseinander. Wir müssen jetzt handeln."
Tony ließ ihn los und setzte sein trotziges Gesicht auf. Loki wusste, was jetzt kommen würde, und tatsächlich: „Ich komme mit, und keine Widerrede."
Iron Man ließ sein Visier herunter und ging an den beiden Göttern vorbei auf Thyras Portal zu. „Wo bleibt ihr denn? Ich habe keine Ahnung, was ich hier mache." Loki verdrehte die Augen und eilte seinem Gefährten hinterher. Der Mann würde sich noch umbringen, wenn er nicht aufpasste. Selten hatte er eine dermaßen selbstzerstörerische Person getroffen.
„Ihr passt hervorragend zusammen, er ist genauso unmöglich wie du!", knurrte sein Bruder an seiner Seite, und Loki musste lachen.
„Hast du noch genug Energie, um sie aufzuhalten?", fragte Thor.
„Ich hoffe es. Zur Not habe ich noch Mutters Amulett." Die drei Männer näherten sich einem der Runensteine. Die Energie des Kraftfelds begann bereits zu fluktuieren, erkannte Loki. Er lenkte selbst noch etwas Magie hinein, und schließlich gab es nach.
„Strange, Schätzchen, seid so gut und schafft diese Dinger hier weg.", sagte Iron Man in die Com.
„Für dich immer noch Doctor!", fauchte Strange.
„Doctor Who?", witzelte Tony, aber Loki konnte spüren, wie angespannt sein Gefährte war.
Sie hatten sich gestern heftig gestritten ob des riskanten Plans der beiden Götter. Loki hatte darauf beharrt, alleine mit Thor zu gehen, um keinen der anderen und schon gar nicht Tony in unnötige Gefahr zu bringen. Wäre es nach seinem Sterblichen gegangen, würde jetzt das ganze Team inklusive aller Verbündeter um ihn herum stehen.
„Du bist der einzige, der sie aufhalten kann, wenn's um Magie geht, du solltest um jeden Preis geschützt werden!" hatte Tony schließlich geschrien.
„Ich... ich kann nicht... du darfst nicht... das ist ein Scheißplan!" Loki wollte nach ihm greifen, um ihn zu beruhigen, aber der Erfinder war aufgesprungen und im Gemeinschaftsraum auf und ab gelaufen. Alle hatten versucht, ihn zu beruhigen.
„Tony, die Magier vom Sanctum Sanctorum und Dr. Strange werden auch noch da sein, Thor und Loki sind nicht alleine mit Thyra", warf Bruce ein.
„Na und?" rief er aufgebracht und fuhr sich durch die ohnehin schon zerzausten Haare, „die Typen haben keine Ahnung von der Magie, die Thyra verwendet. Das hast du selbst gesagt", das letzte war an Loki gerichtet.
„Tony, wir können nicht die ganze Stadt ungeschützt lassen, nur um eine Person zu decken. Du weißt so gut wie ich, dass das Unsinn wäre", warf Steve ein.
„Er könnte sich ja nicht mal rühren mit dem ganzen Haufen um sich rum, Stark. Thyra muss die beiden sehen können, damit sie anbeißt", gab Clint zu bedenken.
„Bullshit! Das ist alles Bullshit!" Damit war Tony wütend aus dem Zimmer gestürmt.
„Er scheint sich furchtbare Sorgen um dich zu machen, Loki. Sind die denn begründet?" hatte Natasha schließlich in die betretene Stille gefragt. Loki hatte ernst in die Runde geblickt.
„Ein Kampf ist immer ein Risiko, aber Thyra ist mir nicht überlegen, denke ich. Ich persönlich schätzte die Gefahr für Thor weit höher ein. Sollte sie ihn berühren und es schaffen, ihn zu bezaubern, haben wir ein echtes Problem. Wenn ihr mich jetzt entschuldigt, ich möchte nach ihm sehen."
Er hatte seinen Sterblichen schließlich auf einer der Dachterrassen des Stark Towers gefunden. Sein Ärger war verpufft, als er sich zu Loki umgedreht hatte.
„Ich will dich nicht verlieren, Babe", war alles, was er noch zu sagen hatte, bevor er in Lokis ausgebreitete Arme sank.
Dr. Strange riss ihn aus seinen Gedanken, „das Portal sieht instabil aus." Er blickte hoch und sah, dass der Doctor recht hatte.
Thyra stand mit dem Rücken zu ihnen und leitete unentwegt Energie in das rotglühende Portal. Dessen Ränder begannen bereits auszufransen, das war kein gutes Zeichen. Loki konnte die pulsierende Macht spüren, die es ausstrahlte. Die vier Männer blickten zu Boden, als dieser bebte, und sich kleine Risse in der Erde bildeten. Gar nicht gut!
„Thor", sagte Loki ruhig, den Blick immer noch auf die Risse im Boden gerichtet. Er wäre am liebsten davon gelaufen. Das hier würde so richtig unangenehm werden.
„Thyra, meine Teure, da bist du ja endlich! Ich habe so lange auf dich gewartet!", rief sein Bruder durch das Brausen des Portals. Mit ausgebreiteten Armen schritt er auf die Magierin zu. Seine Stimme schien durch ihre Trance zu brechen, denn sie drehte sich zu ihnen um.
Gar nicht gut!
Thyras Gesicht war vom Wahnsinn zu einer grotesken Fratze verzerrt. In ihren blauen Augen funkelte der Irrsinn, und sie hatte die Zähne gebleckt. Als sie Thor sah, wankte sie auf ihn zu.
„Ohh mein Geliebter", sie steckte die Hände nach ihm aus. „Da bist du ja, ich habe dich gesucht. Sieh nur, das Tor zu unserem neuen Heim ist fast fertig! Komm zu mir."
Thor trat einen Schritt auf sie zu, aber anstatt ihre Hände zu ergreifen, warf er Mjölnir. Der Hammer traf sie mitten in die Brust und riss sie von den Füßen. Das schien ihre Trance endgültig zu brechen, denn im nächsten Moment stand da wieder die Thyra, die Loki kannte.
„Du Bastard! Du hast mich verdorben!", schrie sie ihn an, rappelte sich hoch und eröffnete das Feuer.
Loki blockte die Magiewelle ab und erwiderte. Neben sich spürte er das statische Knistern von Thors Blitzen, doch die Magierin wich den tödlichen Schlägen aus. Als einer von Lokis Dolchen schließlich sein Ziel fand, fauchte sie.
„Ich wollte dich an meiner Seite, Heerführer! Du hast mich verraten! Dafür wirst du sterben!", sie griff die Götter erneut an. Die Ablenkung gab Dr. Strange die Zeit, ein magisch leuchtendes Seil zu beschwören.
Er ließ es nach vorne schnellen und traf Thyras Arm. Das Seil wickelte sich darum, und mit einem kräftigen Ruck brachte er sie aus dem Gleichgewicht. Wütend beschwor sie eine Reihe Dolche und schleuderte sie dem Zauberer entgegen. Mit einem dumpfen Geräusch prallten sie von Tonys Iron-Man-Anzug ab.
Sein mutiger Gefährte hatte sich mit einem Schild zwischen Strange und die Gefahr geworfen. „Ich werde versuchen, hinter sie zu kommen", sagte er in die Com.
„Anthony, nein...", rief Loki, aber es war zu spät. Iron Man war in der Luft, und Thyra sah ihn kommen. Grauenerfüllt beobachtete Loki, wie sein Gefährte mit Magie aus der Luft gerissen und zu Boden geschleudert wurde. NEIN!
„Ahh, das Spielzeug des Prinzen!", lachte Thyra. „Dieses Mal wirst du wirklich sterben!" Sie hob die mit Magie verstärkte Faust und hämmerte auf den Anzug ein.
Loki hatte sich bereits in Bewegung gesetzt und war eine Sekunde später bei ihr. Mit einem brutalen Ruck riss er sie zurück und schleuderte sie quer über den Rasen. Als er sah, dass Iron Man sich bereits wieder hochrappelte, setzte er ihr nach. „Das endet jetzt, Thyra.", schrie er ihr wütend entgegen. Er würde nicht zulassen, dass sie Tony noch einmal anfasste. „Du hast die Kontrolle verloren!" Sie lachte ihn nur aus.
„Ach ja, Prinz? Gib mir deinen Bruder, und dein Wunsch wird erfüllt", damit stürmte sie erneut mit einer Energiewelle auf ihn ein. Loki versuchte zu blocken, wurde aber von den Füßen gerissen. Der Aufprall trieb ihm die Luft aus der Lunge, er wälzte sich herum, schnappte nach Luft und erstarrte.
Er war direkt vor dem Portal gelandet, seine Nase nur wenige Zentimeter von einem weiteren Runenstein entfernt. So also versorgte sie es mit Energie. Wenn er ihn zerstören könnte, würde das ausreichen, um das Portal zu schließen? Ein Versuch war es wert.
„Thor! Zerstör ihn!", schrie er seinem Bruder zu und deutete auf den Stein.
Der Donnergott hatte ihn verstanden und erhob sich in die Luft. Mjölnir rotierte in seiner Hand. Mit einem lauten Krachen ließ er ihn auf den Stein niedersausen. Loki teleportierte sich aus der Einschlagzone und beobachtete aus zehn Metern Entfernung, wie der Stein vor dem Portal in tausend Stücke zersprang.
Thyra kreischte auf, als ihr Portal unkontrolliert zu flackern begann. „Was hast du getan! Das war der Ankerstein in dieser Welt!", sie stürmte auf ihr Portal zu, wurde aber durch Iron Man gestoppt, der direkt vor ihr auf dem Rasen landete.
Sein Sterblicher hob die Hand und jagte einen Energiestoß in Thyras Brust, der sie zu Boden riss. „Das war für Loki", sagte er grimmig und feuerte erneut. „Und das für mich." Er feuerte erneut. „Und das für die Erde, Miststück."
Loki beobachtete die Szene und überlegte fieberhaft. Der Ankerstein in dieser Welt? konnte es sein...
Die Zeit schien sich zu verlangsamen. Loki hatte das grauenvolle Gefühl, dass gleich etwas furchtbar schiefgehen würde.
Wie in Zeitlupe beobachtete er, wie Iron Man von der Magierin mit einer Energiewelle auf den Boden geschleudert wurde. Eine eiskalte Hand legte sich um Lokis Herz und schnürte ihm die Luft ab.
Thyra war wieder auf den Beinen, und aus ihrer Brust lief Blut. Wie im Wahn schritt sie auf seinen Sterblichen zu und riss ihm das Visier vom Gesicht. Sie befanden sich mitten vor dem kollabierenden Portal. Sein Bruder und Dr. Strange stürzten nach vorne, um zu helfen.
Sie würden es nicht schaffen, erkannte er, und begaben sich in tödliche Gefahr. Nein, nein, NEIN!
Die Zeit rastete wieder auf Normaltempo ein, und Loki wusste, was er tun musste. Hatte es gewusst, als er Thyra das Wort Ankerstein hatte sagen hören.
Er würde das jetzt beenden. Dabei spielte die Rettung Midgards nur eine Nebenrolle. Anthony, Thor. Diese beiden waren das Wichtigste für ihn. Er würde tun was nötig war um sie zu beschützen. Sein Bruder würde sich um Anthony kümmern, dessen war er sich gewiss.
Schwer atmend schloss er die Augen und teleportierte sich an die Seite der Magierin.
Er schlang einen Arm um Thyras Mitte und hob sie einfach hoch, weg von Anthony. Seinem Sterblichen, seinem Geliebten, seinem Gefährten. Mit der anderen Hand riss er das Amulett seiner Mutter von seinem Hals und blickte Tony fest in die Augen.
„Ek ann þér, Anthony. Es tut mir leid."
In Tonys blutigem Gesicht konnte er die Erkenntnis und wenig später das Entsetzen erkennen, als er begriff, was Loki vorhatte.
„NEIN...", schrie er, aber Loki hatte bereits eine Handbewegung ausgeführt und beförderte seinen Liebsten mit einer Energiewelle aus der Gefahrenzone.
Er konnte noch erkennen, wie die Welle auch Thor und Dr. Strange erfasste und in Sicherheit trug. Dann ließ er sich, mit Thyra im Arm, nach hinten in das kollabierende Portal fallen.
Tony war zwanzig Meter weit geflogen und schlug hart auf dem Boden auf. Neben sich hörte er zwei weitere schwere Schläge und vermutete, dass soeben Thor und Dr. Strange neben ihm gelandet waren. Er blickte gerade noch rechtzeitig auf und sah, wie sein Gott mit Thyra in das Portal stürzte. Sein ganzer Körper wurde taub.
„NEIN, LOKI!" Er aktivierte seine Schubdüsen und war auf halbem Weg, als sich das Portal mit einem lauten Knall schloss. Die Druckwelle beförderte ihn wieder dahin, woher er gerade gekommen war.
„Bruder", keuchte Thor neben ihm. „Nein, Bruder!"
Tony blieb auf dem Rücken liegen und starrte in den Himmel. Das war gerade NICHT passiert, das war nur ein schlechter Traum, er würde jeden Moment von seinem Gott geweckt werden.
„Stark, bist du verletzt?" Dr. Strange beugte sich über ihn, und Tony schüttelte den Kopf. Kein Traum, aber Loki würde sicher gleich an seiner Seite auftauchen, würde sich hierher teleportieren, von woher auch immer. Tony musste nur hier warten, sein Gott würde kommen, er hatte es ihm versprochen.
„Ek ann þér, Anthony. Es tut mir leid." Nein! Das waren keine Abschiedsworte gewesen! Nein!
Strange streckte ihm eine Hand entgegen und half ihm hoch. Sein ganzer Körper schmerzte, aber er humpelte trotzdem auf Thor zu, der an der Stelle kniete, an der das Portal gewesen war. Jetzt war dort nur noch verbrannte Erde und tiefe Risse in einem Radius von zehn Metern. Er ließ sich neben Thor auf die Knie fallen und krallte die metallenen Finger des Anzugs in die Erde. Er zitterte und eine eisige Kälte senkte sich in seine Brust.
„Ich habe versagt", flüsterte der Donnergott neben ihm. „Ich habe ihn verloren, ich ..." Seine Stimme brach, und er blickte Tony an. Der Schmerz, den er in Thors Augen las, war wie ein Schlag in Tonys Eingeweide. Er schnappte verzweifelt nach Luft und ließ sich nach hinten fallen, versuchte, vor dem Gott und der Wahrheit davon zu kriechen.
„Nein, nein hör auf... er ist... er ist nicht... NEIN!" Er konnte Stimmen hören, Schritte, die sich ihnen näherten.
„Freund Stark..." Thor streckte die Hand nach ihm aus.
„ER IST NICHT TOT!" schrie Tony und erhob sich zitternd.
„Ek ann þér, Anthony. Es tut mir leid." „Er ist nicht tot", flüsterte er und schoss hoch in die Luft. Er musste hier weg, er musste Loki suchen, er musste ... musste ...
Tony flog immer weiter. In einer endlosen Flut huschten Erinnerungen und Bilder durch seinen Kopf. Loki.
Er war nicht fort. Das durfte einfach nicht sein. Tony konnte nicht den einen verlieren, auf den er sein ganzes Leben gewartet hatte. Er brauchte ihn, wie die Luft zum atmen. Er musste ihn finden und nach Hause bringen. Er durfte nicht versagen, nicht bei dieser einen Sache. Tränen ließen seinen Blick verschwimmen aber er flog immer weiter.
Nach endlosen Stunden landete er doch wieder auf Governors Island und kniete sich wieder an die Stelle des verschwundenen Portals. Er würde hier ganz einfach warten, bis sein Gefährte wieder auftauchte.
Er reagierte nicht auf die Schritte, die sich ihm näherten. Er fühlte sich benommen, taub. Sein Körper war nur noch eine leere Hülle. Erst als eine Hand sich auf seine Schulter legte, blickte er auf. „Stark, er wird nicht zurückkehren ...", sagte Doctor Strange.
„Zumindest nicht so schnell, wie du hoffst." fügte er schnell hinzu, als er das wütende Funkeln in Tonys Augen bemerkte. „Was ich sagen will, ist, ich denke, dieses Portal führte nicht einfach bloß an einen anderen Ort im Universum. Ich denke, es führte in eine Art Parallelwelt. Falls dem so ist, würde das den Rückweg für Loki erschweren."
Das war interessant und ließ Tonys Hoffnung wachsen. „Du denkst auch, dass er noch lebt? Kannst du ihn finden?"
Strange sah ihn traurig an. „Ich weiß es nicht, Stark, aber ich hoffe es." Damit hob er eine Hand und vollführte mit der anderen eine Kreisbewegung, um eines seiner eigenen Portale zu erschaffen.
„Komm, ich bringe dich nach Hause." Tony ließ sich dieses Mal widerstandslos mitziehen.
„Wo ist er?" Pepper sah sich im Gemeinschaftsraum um. Bruce und Clint blickten von den Unterlagen auf, die quer über den Tisch verstreut lagen.
Vor etwas über einem Monat war Loki mit Thyra durch das Portal gestürzt und verschwunden. Seitdem versuchten die Avengers zusammen mit ein paar Verbündeten, den Gott der Lügen und des Schabernacks ausfindig zu machen – mit wenig Erfolg.
Je mehr Zeit verstrich, desto wahrscheinlicher wurde es, dass es keine Rückkehr geben würde. Und Tony? Tony war zerbrochen. Zumindest war das der Ausdruck, den Bruce benutzt hatte, als er sie heute Morgen angerufen hatte.
„Er braucht dich, Pep. Er braucht irgendjemanden, an dem er sich festhalten kann." Bruce hatte tief geseufzt. „Zuerst war er besessen davon, irgendeinen Hinweis auf Loki zu finden, aber seit einer Woche ... Er ... er schläft nicht, er isst nicht, er verweigert eigentlich alles außer Alkohol. Ich weiß nicht mehr weiter. Du kennst ihn doch schon so lange. Kannst du nach ihm sehen, bitte?"
Sie hatte sich sofort auf den Weg gemacht. Die ganze Fahrt über hatte sie sich Vorwürfe gemacht. Wieso war sie nicht öfter persönlich vorbeigekommen, anstatt nur anzurufen? Am Telefon hatte sich Tony schon immer gut verstellen können.
Nun sah sie die beiden Männer fragend an und wiederholte ihre Frage: „Wo ist er?" Bruce erhob sich und kam ihr entgegen.
„Er verschanzt sich in der Werkstatt", sagte er und umarmte sie zur Begrüßung. „Gut, dass du da bist. Vielleicht kannst du ihn überreden, die Tür zu öffnen."
Pepper stutzte. „Was meinst du? Macht JARVIS euch nicht auf?"
Clint trat neben Bruce und sah genauso erschöpft aus wie der Doctor. „Er hat unsere Sicherheitsfreigaben zurückgestuft und lässt niemanden an sich ran. Wenn wir an die Tür hämmern, dreht er einfach die Musik lauter. Einmal hat er sogar einen der Anzüge auf uns gehetzt." Sie war fassungslos; sie hatte nicht gewusst, dass es so schlimm war.
„JARVIS?"
„Ja, Miss Potts", antwortete die AI.
„Stimmt das mit der Sicherheitsfreigabe?", fragte sie.
„Ja, es ist korrekt, dass die Sicherheitsfreigabe für Mr. Barton, Mr. Rogers, Miss Romanoff und Dr. Banner geändert wurde. Ihr Status, Miss Potts, ist jedoch unverändert, und ich würde Sie bitten, nach Mr. Stark zu sehen. Sein mentaler Zustand scheint kritisch."
Verdutzt sahen sich die drei an. Machte JARVIS sich etwa Sorgen? War das überhaupt möglich für eine künstliche Intelligenz? „Ich bin auf dem Weg, JARVIS. Bitte entriegle schon mal die Tür zur Werkstatt." Mit den beiden Männern auf den Fersen machte sie sich auf den Weg. „Was zum Teufel ist denn letzte Woche passiert?", fragte sie, als die drei auf den Aufzug warteten.
Bruce wischte unbehaglich seine Brille an seinem T-Shirt ab. „Na ja, erst Fury, dann Steve, und das Schlimmste war wohl Thor."
Pepper hob fragend eine Augenbraue. „Geht das auch genauer, Bruce?" Die Sache schien ihm unangenehm zu sein. Schließlich antwortete Clint:
„Der Direktor war noch nie ein großer Fan von Loki, das weißt du sicher." Sie nickte bestätigend. „Nach einer Woche hat er die Suche einstellen lassen. Ehrlich gesagt denke ich, er ist froh darüber, dass Loki verschwunden ist und er sich nicht die Hände schmutzig machen musste." Der Bogenschütze blickte finster. „Er hat mich und Nat suspendiert, weil wir nicht aufgeben wollten. Was soll's. Aber Steve war komischerweise auf Furys Seite. Er wollte, dass Stark akzeptiert, dass Loki tot ist." Pepper zuckte bei dem Wort zusammen und sah schockiert zu Barton.
„Schau mich nicht so an, es ist Steve, der das glaubt, nicht ich. Auf jeden Fall hat Stark ihn daraufhin rausgeschmissen." Sie nickte.
„Und was war mit Thor? Denkt er auch, dass Loki ...?"
„Ich glaube nicht wirklich, aber er hat irgendwie die Hoffnung aufgegeben. Er kam vor 'ner Woche von Asgard zurück und sagte, sie hätten keinerlei Spuren gefunden. Der Typ, der den Bifröst bewacht, kann ihn nicht sehen, also ...", endete Clint lahm.
„... also wenig bis keine Hoffnung", beendete Pepper den Satz für ihn. Die beiden Männer nickten bedrückt.
„Trotzdem werden wir weitersuchen, bis wir ihn finden. Er ist irgendwo da draußen und wartet auf uns." Die geflüsterten Worte des Bogenschützen gingen im Bing des ankommenden Aufzugs fast unter. Pepper drückte seine Hand und trat aus dem Fahrstuhl. Als sie die Tür zur Werkstatt aufzog, ertönten laut die ersten Töne von Benson Boones Beautiful Things.
For a while þére, it was rough
But lately, I've been doin' better
Than the last four cold Decembers
I recall
Pepper hielt kurz inne. Sie kannte und liebte dieses Lied. Rhodey hatte es als Schlusslied bei ihrer Hochzeit gewählt. Es nun in diesem Kontext zu hören, gab ihm eine ganz andere Bedeutung. „Tony?"
And I think I might have it all
And I thank God every day
For the girl He sent my way
But I know the things He gives me
He can take away
And I hold you every night
And that's a feeling I wanna get used to
But there's no man as terrified
As the man who stands to lose you
Sie schluckte schwer und fühlte, wie ihr die Tränen kamen. Tony kniete vornübergebeugt auf dem Marmorboden und hatte die Hände schützend über dem Kopf gehoben. Sie konnte sehen, wie sein ganzer Körper bebte. Die Musik spielte erbarmungslos weiter ...
Oh, I hope I don't lose you
Mm
Please stay
I want you, I need you, oh God
Don't take
These beautiful things that I've got
„Tony", sagte sie erneut, unfähig, sich zu bewegen. Sie und die beiden Männer hinter ihr waren von dem Szenario wie gelähmt.
Ooh
Please don't take
Niemand rührte sich, als Tony begann, mit der Faust auf den Boden einzuschlagen.
I found my mind, I'm feelin' sane
It's been a while, but I'm finding my faith
If everything's good and it's great
Why do I sit and wait 'til it's gone?
Oh, I'll tell ya, I know I've got enough
I've got peace and I've got love
But I'm up at night thinkin'
I just might lose it all
Tony stieß einen gequälten Schrei aus. Pepper löste sich endlich aus ihrer Starre und eilte auf ihren Freund zu. Sie ließ sich neben ihm auf die Knie fallen und berührte ihn sanft am Rücken – so, als würde sie ein verwundetes Tier berühren. „Tony."
Please stay
I want you, I need you, oh God
Don't take
These beautiful things that I've got
Er zuckte heftig zusammen, hörte aber auf, den Boden zu bearbeiten. „Hab ich ihn wirklich verloren, Pep?" Sie war sich nicht sicher, ob Tony wirklich gerade etwas gesagt hatte.
„Oh, Tony." Sie strich ihm leicht über den Kopf, und endlich setzte er sich auf. Sie versuchte, nicht zu erschrecken, aber Tony sah furchtbar aus. Ihr bester Freund war nur noch ein Schatten seiner selbst.
Er hatte tiefe, dunkle Ringe unter den geröteten Augen, sein Bart war komplett außer Kontrolle geraten, ebenso sein braunes Haar. Am meisten jedoch beunruhigten sie die eingefallenen Wangen und der gequälte Ausdruck in seinen Augen.
Wortlos zog sie ihn in eine Umarmung, die er nach einem Moment erwiderte. Es dauerte nicht lange, und er klammerte sich regelrecht an sie, während sein ganzer Körper vor Trauer bebte. „Tony, bitte lass uns helfen, Schatz", flüsterte sie ihm zu, erhielt aber keine Antwort. Stumme Tränen liefen ihr über die Wangen. Es zerriss sie fast ihn so zu sehen.
Bruce trat langsam an ihre Seite. „Verdammt", sagte er leise uns sah sich um. Sie folgte seinem Blick, während sie nach wie vor ihren Freund festhielt.
Das Labor glich einem Schlachtfeld: Werkzeuge, Metallteile und leere Flaschen lagen überall verstreut, manche zerbrochen, als hätte man sie gegen die Wände geworfen. Unzählige Bildschirme mit Berechnungen und Zahlentabellen hingen im Raum verteilt. Einer davon zeigte ein Standbild von Loki im Kampfgetümmel vor einem unheimlich aussehenden Portal. Das musste der Tag gewesen sein, dachte sie. Das ganze Labor sah aus, als hätte ein Besessener hier gehaust – was ja auch stimmte.
Bruce ging nun ebenfalls neben seinem Freund in die Hocke und legte ihm eine Hand auf den Rücken. „Bitte, Tony, lass dir von mir helfen. Du brauchst eine ordentliche Mahlzeit und vor allem Schlaf." Langsam löste sich Tony von Pepper und drückte sich die Handballen gegen die Augen.
„I ... ich kann nicht", schniefte er. „W ... wenn ich die Augen schließe, s ... sehe ich ihn sterben." Er senkte die Hände und starrte geradeaus.
„Dann iss bitte wenigstens etwas. Ich mache mir Sorgen um dich", versuchte es Bruce erneut.
Clint hatte sich bis jetzt im Hintergrund gehalten und beobachtet. Nun trat er entschlossen vor den Erfinder und streckte ihm eine Hand entgegen. Langsam hob Tony den Kopf. „Ich sag dir was, Stark: Dusche, Essen, Schlafen. In dieser Reihenfolge."
„Wieso sollte ich?", fragte Tony matt zurück und starrte durch Clint hindurch.
„Weil", grinste dieser, „Nat und ich zwar nicht Loki gefunden haben, aber ein gewisses Chitauri-Schiff, das dir bekannt sein dürfte." Pepper sah, wie ihr Freund ruckartig zum Leben erwachte und den Falken fixierte.
„Was sagst du da?", fragte er scharf.
„Dachte mir, dass dir das gefällt. Wir haben unsere Kontakte bei S.H.I.E.L.D. angezapft und einige Infos zum Aufenthaltsort des Chitauri-Kommandeurs erhalten, der euch damals entführt hat. Wenn du wieder einigermaßen vorzeigbar bist, Iron Man, sollten wir ihm einen Besuch abstatten. Was meinst du?"
Tony ergriff als Antwort die angebotene Hand und ließ sich von Clint hochziehen. Der Bogenschütze zog ihn dicht an sich. „Loki ist irgendwo da draußen und wartet auf uns", flüsterte der Mann eindringlich und nickte ihm zu. „Wir finden ihn. Mein Schild und mein Schwert, so wie Thor sagte". Tony drückt dankbar seine Hand.
Er fiel durch die Dunkelheit. Es war ein irritierendes Gefühl, aller Sinne beraubt, durch absolute Schwärze zu fallen.
Loki hatte gewusst, was er tun musste, um das Portal zu schließen, als Thyra den Ankerstein erwähnt hatte. Es war ganz einfach: Man musste es von der anderen Seite aus schließen, und man musste derjenige sein, der es erzeugt hatte. Oder, wie in diesem Fall, musste man demjenigen nur nahe genug sein. Als er sie beide rückwärts in das kollabierende Portal gestürzt hatte, hatte er also sofort den nötigen Zauber gewirkt und Mutters Amulett zerbrochen, um die zusätzliche Energie darin zu nutzen. Loki hoffte nur, dass es funktioniert hatte.
Er spürte, wie sich die Magierin in seinem Griff wand. Eine Sache beunruhigte ihn noch weit mehr als die Tatsache, dass er gerade mit einer völlig Irren durch ein Portal fiel.
Der Ankerstein. Diese Steine stellten eine physische Verbindung zwischen zwei Orten dar, egal wo in Raum und Zeit. Wurde der Stein jedoch, wie in diesem Fall, zerstört, gab es keinen Weg mehr zurück. Aber er würde einen Weg finden müssen, er hatte es Tony versprochen.
Mit einem schmerzhaften Aufprall, der ihm zum zweiten Mal an diesem Tag die Luft aus der Lunge trieb, kehrten seine Sinne zurück.
„Was... was hast du getan?!" keuchte Thyra, die quer über seiner Brust lag. „Er ist zerstört, wir kommen hier nie wieder weg."
Loki war neugierig, wo dieses HIER genau war.
„Sei nicht so melodramatisch, Thyra. Wohin hat uns dein Portal gebracht?" Als Antwort griff sie an.
Loki fing den Dolch in ihrer Hand mühelos ab und packte auch das andere Handgelenk, um sie davon abzuhalten, weiter auf ihn einzustechen. Fragend hob er eine Augenbraue und sah zu der Frau auf, die rittlings auf ihm saß und nun versuchte, ihn mit Blicken zu erdolchen.
„Wirklich, du willst das fortsetzen, obwohl du bereits verloren hast?"
Sie funkelte ihn wütend an.
„Ich hätte dich sofort töten sollen, anstatt dein Schoßtier mit deinem langsamen Dahinsiechen zu quälen. Ich hätte euch beide sofort aus dieser Luftschleuse schmeißen sollen," zischte sie und bespuckte ihn dabei mit Speichel. „Sei's drum, stattdessen könnte ich jetzt meinen Spaß mit dir haben." Das gemeine Funkeln in ihren Augen verhieß nichts Gutes. Sie begann, sich heftig zu winden, und versuchte, sich aus seinem Griff zu befreien.
Loki spürte einen stechenden Schmerz in der Wade, und als er an Thyra vorbei an sich hinunterblickte, erkannte er mit Schrecken einen kleinen schwarzen Splitter darin.
„Was für eine Teufelei ist das?" Es brannte wie Feuer. Er bäumte sich auf und schleuderte Thyra quer durch den Raum, Höhle, was zur Hölle war das hier? Wankend kam er auf die Beine. Irgendetwas stimmte mit seinen Augen nicht, sein Blick verschwamm immer wieder, und sein Bein brannte. Er griff nach dem Splitter, zog ihn aus seiner Wade und warf ihn weit von sich.
Thyra hatte sich aufgerappelt und beobachtete amüsiert, wie er versuchte, auf den Beinen zu bleiben. Warum griff sie ihn nicht an?
„Was.. wa..." Er spürte die Ohnmacht kommen, versuchte, sich dagegen zu wehren. Vergeblich. Er sank zurück auf die Knie, und die Dunkelheit umfing ihn.
„Tja Babe, zu spät, ich bin schon hier." Mit einem dumpfen Knall landete Iron Man vor ihm und ließ sein Visier hochgleiten. Er schenkte Loki ein atemberaubendes Lächeln und zog den Gott an sich. Das Kampfgetümmel verstummte, und die Zeit stand für einen kurzen Moment still, als er ihn in einen innigen Kuss zog. Loki fühlte sich losgelöst von allem Schmerz und Sorgen. Ihm war schwindelig, und er löste sich in der Berührung auf, so wie er es jedes Mal tat, wenn ihn sein Sterblicher küsste.
Ich liebe dich ...
Loki stöhnte auf. Er wollte nicht aufwachen, er wollte hier bleiben, in seiner Erinnerung an Tony. Aber der Schmerz holte ihn zurück, immer war es Schmerz, der ihn wieder zu Bewusstsein kommen ließ. Er blinzelte und versuchte, sich zu erinnern, wo er war.
Der dunkle Raum war riesig, mit Sternen an der hohen Decke. Moment, Sterne an der Decke?
„Willkommen zurück, mein Prinz. Wie gefällt dir dein neues Heim?" Thyra hatte gesprochen, aber er konnte sie nicht sehen. Er sah sich weiter um, versuchte, seinen Blick klarzustellen. Immer noch verschwamm sein Sichtfeld.
Es war wirklich ein kathedralenartiger Raum mit gewölbter Decke, an der tatsächlich Sterne schimmerten. Mehr noch, es schien eine kleine Galaxie zu sein oder zumindest eine Nachbildung. Es gab keine Fenster, dafür riesige Säulen, und auf dem schwarzen Marmorboden lagen Teppiche und Felle. Die Wände waren kahl bis auf einen riesigen Wandteppich, der eine Schlachtszene nachstellte. Möbel gab es wenige, und das große Bett mit den vielen Kissen und Decken darauf wirkte in dem Raum winzig und verloren.
Ihm war bewusst, dass er in Ketten lag, schon wieder. Aber dieses Mal war er nicht nur an Händen und Füßen gefesselt. Schwere Ketten schlangen sich um seinen Oberkörper und banden ihn zwischen zwei der großen Säulen fest. Mit seinen Händen hinter dem Rücken und auf die Knie gezwungen, konnte er sich kaum bewegen.
„Wo … wo bin ich?" fragte Loki erneut. Er spürte eine Bewegung hinter sich, und plötzlich wurde sein Kopf an den Haaren zurückgerissen.
Thyra flüsterte in sein Ohr: „Dies ist mein Schattenreich - geschaffen alleine zu dem Zweck Thor zu verführen und zu unterwerfen. Eigentlich sollte er jetzt hier sein und sich unter mir winden. Stattdessen habe ich dich hier," spuckte sie aus.
„Du wirst dich auch winden, wenn auch auf eine andere Art und Weise wie geplant." Loki schluckte schwer.
Seine Kehle war ungeschützt. Wenn sie wollte, könnte sie ihn hier und jetzt töten. Als hätte sie seine Gedanken gelesen, lachte sie leise in sein Ohr.
„Oh nein, nein Laufeyson, so einfach werde ich es dir nicht machen, Bastard." Damit ritzte sie ihm mit einem ihrer Dolche in die Wange. Sie ließ seinen Kopf los und trat in sein Sichtfeld. Ein langer metallener Speer lag in ihrer Hand. Sie ging vor ihm in die Hocke und musterte ihn.
„Hmm, ich frage mich ..." Die andere Hand krallte sich in Lokis Wangen, und sie presste einen Kuss auf seine Lippen, zwang ihre Zunge in seinen Mund.
Er war überrascht, dass der mentale Ansturm ausblieb. Dies war also kein weiterer Versuch, ihn zu bezaubern, sondern ein simpler, brutaler Kuss, dachte er irritiert. Sie ließ von ihm ab und leckte sich über die Lippen, beobachtete ihn weiterhin. Als Antwort verzog er das Gesicht und spuckte aus.
„Ich dachte, ich hätte mich beim letzten Mal klar ausgedrückt," fauchte er.
Ihre Augen wurden schwarz. „Du hattest deine Chance. Du willst mich nicht? Na schön ..." Sie legte den Speer beiseite und zog etwas aus ihrer Tasche.
„...dann habe ich keinerlei Verwendung mehr für deinen Mund."
Lokis Atem beschleunigte sich.
„Nein, warte!" Aber sie hatte ihn bereits wieder gepackt. Mit einem sengenden Schmerz stach sie die dicke Nadel in das weiche Fleisch unter seiner Lippe. Lokis Schrei wurde erstickt, als die Nadel über seiner Oberlippe wieder zum Vorschein kam und der metallene Faden seine Lippen versiegelte. Mit fünf Stichen verschloss sie seinen Mund komplett.
„Oh ja, ich werde meinen Spaß mit dir haben, Silberzunge, und wir haben Jahrtausende Zeit." Damit stand sie auf, hob den Speer und rammte ihn durch Lokis Oberschenkel und die Wade darunter in den Boden.
Fassungslos starrte er den Speer an, der nun in seinem Körper steckte. Der Schock dämpfte den Schmerz, aber nur für einen Moment. Dann traf er ihn mit voller Wucht und raubte ihm den Atem. Er wollte den Mund öffnen, um zu schreien, aber es drangen nur gutturale Laute aus seiner Kehle. Der Faden riss an seinem Fleisch, und Blut strömte ihm über Mund und Kinn. Der Schmerz war überwältigend und flutete seine Geist. Sein ganzer Körper schien in Flammen zu stehen und er konnte keinen klaren Gedanken fassen.
„Die Spitze ist ein Brydda. Ich will mein Spielzeug immer an der gleichen Stelle wissen." Daraufhin drehte sie sich um und verschwand.
Er wollte sterben. Wieso war er nicht gestorben? Er hatte sich für seine Liebsten und Midgard geopfert, wieso durfte er dann keinen leichten Tod haben? Stattdessen würde er hier qualvoll verenden, vielleicht erst in 1000 Jahren.
Er hätte Tony nehmen und fliehen sollen, anstatt zu versuchen, den Helden zu spielen. Er war kein Held, war noch nie einer gewesen und wollte auch keiner sein, das war immer schon Thors Aufgabe gewesen.
War es seine Bestimmung gewesen, an Thors statt zu sterben, ein Opferlamm, bereit, geschlachtet zu werden? Hatte Odin ihn deshalb vor so vielen Jahren vom Schlachtfeld mitgenommen? Ihn großgezogen, ausgebildet und dafür gesorgt, dass er seinen großen Bruder liebte. Damit er sich im richtigen Moment für ihn ins Messer stürzen konnte?
Egal. Er stöhnte schmerzerfüllt auf und verdrängte den Gedanken. Wenn er schon starb, wollte er nur an einen denken, und das war nicht sein Adoptivvater. Nein. Nicht sein Bruder. Nein. Er versuchte, sich durch den Schmerz hindurch zu konzentrieren ...
Anthony ... Sein Sterblicher stand vor ihm und lächelte ihn an. „Ich liebe dich, Loki."
Er flüchtete sich in die Dunkelheit.
Kapitel 12 / Hoffnung
„Und das sind die richtigen Koordinaten?", fragte Strange. „Ganz sicher? Denn wenn nicht, werden wir höchstwahrscheinlich ins All gesaugt."
Clint sah ihn verunsichert an. „Sie machen Witze, ja?"
Tony stand neben Clint, Natasha und Bruce in der Halle des Sanctum Sanctorum in New York und sah Doctor Strange ungläubig an. „Sie haben das noch nie gemacht, oder, Doc?" Der Magier sah ihn genervt an.
„Nein, Stark, ich muss einräumen, dass ich noch nie ein Portal ins All geöffnet habe. Darum kann ich nicht genau sagen, was passieren würde, wenn ich das Raumschiff verfehle. Aber der Logik folgend..."
Tony winkte ab. „Ja, schon klar, Vakuum und so weiter und so fort. Lasst uns loslegen, bevor diese Arschlöcher abhauen." Die beiden Assassinen an seiner Seite nickten.
Es bedeutete ihm wahnsinnig viel, dass Bruce, Clint und Natasha in diesem Moment neben ihm standen. Sie hatten nicht aufgegeben und sich gegen S.H.I.E.L.D. und Steve gestellt.
Steve, er hätte nie gedacht, dass sein Freund sich gegen ihn stellen würde. Aber die ganze Freundschaftssache war wohl gelaufen. Sie hatten sich heftig gestritten, und Tony hatte ihn schließlich vor die Tür gesetzt mit dem Satz: „Weißt du was, Cap, scheiß auf die Avengers! Ich bin raus! Also husch, husch, ab ins S.H.I.E.L.D.-Körbchen und erstatte Bericht. Sag Fury, ich wäre verrückt und nicht mehr tragbar. Das denkst du doch. Weißt du was? FICK DICH! Wenn du mir nicht helfen willst, dann steh mir wenigstens nicht im Weg, und jetzt raus hier. Ich will dich nicht mehr sehen."
Einen Tag später hatte er die offizielle Bestätigung im Briefkasten, dass er nicht mehr Teil der Avenger-Initiative war. Als er den Brief beim gemeinsamen Abendessen auf den Tisch geworfen hatte, war die einzige Reaktion von Clint gekommen: „Na und, wir sind trotzdem auf deiner Seite." Und das waren sie immer noch, trotz seines Zusammenbruchs wenig später. Hatten ohne ihn weitergemacht und ihn aus der Dunkelheit gezogen. Er war unendlich dankbar dafür.
„Nun gut, dann fange ich an, macht euch bereit", der Magier hob wieder beide Hände und begann mit einer kreisenden Bewegung, ein Portal zu formen.
„Nur um das nochmal klarzustellen", sagte Natasha und befestigte ihr Samuraischwert hinter dem Rücken, „zuerst befragen, und wenn er nichts weiß, kannst du mit ihm machen, was du willst." Sie sah Tony ernst an, der grimmig nickte.
Er hatte ihnen erzählt, was auf dem Chitauri-Schiff passiert war, zwar nicht in allen Einzelheiten, aber genug. Wenn er den Kommandeur mit bloßen Händen umbringen wollte, würden sie ihn nicht aufhalten, dachte er. Und das Wichtigste, sie würden ihn nicht verurteilen.
Das Portal öffnete sich. „Na, sieht doch gut aus", sagte er und ließ das Visier des Iron-Man-Anzugs nach unten gleiten. „JARVIS, wo lang?" Damit trat er als Erster hindurch, gefolgt von seinen Freunden und Doctor Strange.
„Geradeaus, Sir, und dann die dritte links", kam die Antwort der AI. „Es befinden sich 36 Lebensformen an Bord, Sir. Die meisten sind allerdings auf die oberen Decks verteilt. Auf diesem Deck befinden sich nur fünf Lebenszeichen. Wenn Sie auf der Konsole dort vorne folgenden Befehl eintippen, schotten Sie diese Sektion ab und haben genügend Zeit für Ihre Mission." Ein Zahlencode tauchte vor seinen Augen auf.
„Besten Dank, Jarv."
Es war eine seiner brillanteren Ideen gewesen, eine mobile Form von JARVIS in seinen Anzug zu integrieren. So hatte er seine AI auch außerhalb der Erde bei sich. Die Idee war ihm nach seinem Absturz bei der Schlacht um New York 1.0 gekommen. Es war furchtbar beängstigend gewesen, in seinem leblosen Anzug gen Erde zu stürzen, ja. Aber noch schrecklicher war es gewesen, plötzlich im All ganz alleine zu sein.
Er tippte den Code in die Konsole und das Deck wurde abgeriegelt. Sie gingen weiter und schalteten auf dem Weg drei Chitauri aus.
„Die Tür direkt vor Ihnen, Sir. Zwei Lebenszeichen, eines davon gehört dem Kommandeur", meldete die AI. Sie stürmten den Raum.
„Er weiß nichts", Natasha reinigte sich die Hände mit einem Tuch, das Clint ihr reichte.
„Verdammt, ich dachte, er hätte wenigstens irgendwas anzubieten", murmelte der Bogenschütze.
Sie hatten den Kommandeur an einen Stuhl gebunden und Natasha die Befragung überlassen. Leider hatte sich herausgestellt, dass der Chitauri nichts über Thyras Pläne oder ihren Aufenthaltsort wusste. Tony bebte vor Zorn, er hatte sich erlaubt zu hoffen, eine Spur zu finden.
„Was machen wir jetzt?", fragte Bruce nüchtern.
Tony wusste, dass dem Arzt nicht gefallen würde, was gleich folgte, aber er war sich auch sicher, dass der Doc ihn nicht aufhalten würde.
„Zeit, die Leine zu deinem Herrn zu kappen, Hund", höhnte der Kommandeur, und Tony streckte stumm die Hand Richtung Natasha aus.
Der Griff eines Samuraischwertes wurde hinein gelegt. Tonys Visier war geöffnet, um dem Mistkerl zu zeigen, wer er war.
„Wie ich dir prophezeit hatte, Arschloch. Das ist für Loki." Die Augen des Chitauri wurden groß, er hatte wohl nicht damit gerechnet, dass ein Mensch auch kaltblütig sein konnte. Tony ließ das Schwert durch die Luft gleiten, und der Kopf der Kreatur fiel zu Boden.
„Gehen wir."
Zurück im Sanctum Sanctorum bedankten sie sich bei Strange und machten sich auf den Weg nach Hause.
Niemand sprach die Tatsache an, dass Tony gerade jemanden kaltblütig ermordet hatte. Auf halbem Weg die Treppe hinunter hielt Tony plötzlich inne. „Alles okay, Stark?", fragte Natasha.
„Zeit, die Leine zu deinem Herrn zu kappen", hatte der Chitauri gesagt, die Leine kappen.
Eine Erinnerung kam ihm in den Sinn, eine Nacht, ein Gott in seinem Whirlpool, ein Geständnis:
„Wenn ich das Band verstärke, könnte ich dich überall zu jeder Zeit wiederfinden, Liebster." / „Du meinst wie ein integrierter Peilsender oder Tracker?" / „Ja, so könnte ich dich nie wieder verlieren." / „Hast du mich denn schon mal verloren? Ich bin doch kein Hund." / „Anthony." / „Kann ich dich denn auch finden mit diesem Band?" / „Wenn du Magie beherrschen würdest, ja." / „Hmm, nach all der Scheiße... ja, wieso nicht, Babe."
Tony hörte die Worte in seinem Kopf als wäre es erst gestern gewesen. Wieso hatte er so lange gebraucht um sich zu erinnern?! Er brauchte jemanden der Magie beherrschte, er brauchte ... jemand aus Asgard. Lokis Mutter hatte ihm beigebracht seine Kräfte einzusetzen, das hatte er ihm selbst erzählt.
Tony fing an zu rennen, da er seinen Anzug bereits ausgezogen hatte.
„Hey, Mann! Warte, was ist denn los?!" Seine Freunde waren verdutzt, setzten ihm aber nach.
„Ich muss so schnell wie möglich mit Thor sprechen", rief er ihnen über die Schulter zu.
„Okay, aber können wir kein Taxi zurücknehmen? Bis zum Tower sind es 12 Blocks", keuchte Bruce. Tony blieb stehen und hob die Hand. Mit quietschenden Reifen blieb ein Taxi vor ihm stehen.
„Stark Tower", bellte er, während sich seine Freunde auf die Rückbank quetschten. Zehn Minuten später stürzte er auf die Dachterrasse des Stark Towers. Hier kam Thor doch immer an, wenn er zu Besuch war, es musste eine Verbindung nach Asgard geben. Wieso hatte er den Gott nie danach gefragt?
„Tony, sagst du uns jetzt mal, was zum Teufel los ist?" Bruce klang beunruhigt ob Tonys komischen Verhaltens. Der Erfinder blickte zum Himmel, formte die Hände zu einem Trichter und rief nach Thor.
Tony drehte sich kurz zu Bruce um. „Weißt du noch damals, als Loki mich im Schlaf aus Versehen geheilt hat?", fragte er.
„Jaaa, und?" Bruce hob fragend die Augenbrauen.
„Er hat es mir später nochmal erklärt. Seine Magie sah mich als Teil von ihm an und das hat ein Band zwischen uns geformt. Eine Art magische Verbindung, verstehst du? Er hat mich gefragt, ob er sie verstärken dürfte", ratterte Tony herunter.
„Wenn das hier Dirty Talk wird, will ich es nicht wissen", meinte Clint, aber Tony fuhr bereits fort.
„Er hat gesagt, wenn er das macht, könnte er mich überall finden." Er sah sie abwartend an und schließlich kam Natasha zum richtigen Schluss.
„Heißt das, du kannst ihn umgekehrt auch finden?!"
Tony grinste sie an und rief weiter nach Thor, die anderen drei stimmten aufgeregt mit ein. „THOR, VERDAMMT, KOMM SCHON, DU STURER GOTT!" Es brachte nichts, Tony wusste nicht einmal, ob er in Asgard gehört wurde.
„Warte mal, ruft Thor nicht immer nach dem Torhüter? Wie hieß der nochmal?", sagte Natasha.
Tony überlegte kurz, dann fiel es ihm wieder ein. „Hey Heimdall, wenn du mich hörst, hier ist Tony Stark für Thor. Ich glaube, ich habe einen Weg zu Loki gefunden. BITTE, ich brauche eine Audienz bei der Königin. HALLO, irgendwer?! Bitte." Das letzte Wort flüsterte er, den Blick verzweifelt gen Himmel gerichtet. Eine Hand landete auf seiner Schulter.
„Lass uns reingehen, Tony", sagte Bruce ernst.
„Aber ..."
„Gib ihm Zeit, die Nachricht zu überbringen. Du weißt doch gar nicht, wie lange es dauert, bis die in Asgard was übermitteln. Vielleicht muss er erst um Erlaubnis fragen oder so. In der Zwischenzeit könntest du packen und dich umziehen." Er blickte vielsagend an ihm hinunter.
Tony hatte immer noch die leichte Funktionskleidung an, die er unter seinem Iron-Man-Anzug trug.
„Ja, Stark, vielleicht möchtest du dir was weniger Aufreizendes anziehen", scherzte Clint.
Er hatte recht, die Funktionskleidung saß wie eine zweite Haut an Tonys Körper und das mit Absicht. So konnte sich nichts verfangen, wenn der Anzug an- oder ausgezogen wurde.
„Na gut", stimmte er grummelnd zu. Konnte es aber nicht lassen, für Clint besonders verführerisch mit dem Hintern zu wackeln, während er vor ihm durch den Gemeinschaftsraum ging.
Dafür erntete er ein amüsiertes Lachen. „Ich sehe schon, was Loki so anziehend findet."
Eine Stunde später war Thor da. „Freund Stark!" rief er und eilte auf Tony zu.
„Thor, ich muss mit deiner Mutter sprechen. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, Loki zu finden", sagte er und berichtete dem Donnergott, was Loki damals zu ihm gesagt hatte. „Was denkst du?", fragte er angespannt.
Thor hatte bei seiner Ankunft zwar aufgeregt geklungen, sah aber noch genauso gebrochen aus wie bei ihrer letzten Begegnung. Diese letzte Begegnung, die maßgeblich an Tonys Zusammenbruch mitgewirkt hatte.
Der letzte Monat war heftig gewesen. Der Streit mit Fury und Steve, die Spannung, immer wenn die verbliebenen Freunde eine Spur fanden, und die tiefe Enttäuschung, wenn diese zu nichts führte – all das hatte ihm schwer zu schaffen gemacht. Tony hatte seine letzte Hoffnung in Asgard gesetzt, doch als der Donnergott schließlich wieder auftauchte, war er bitter enttäuscht worden. Thor hatte berichtet, dass alle Bemühungen, Loki zu finden, ergebnislos verlaufen waren. Er hatte es zwar nicht ausgesprochen, aber Tony hatte die tiefe Trauer in den Augen des Gottes gelesen. Er trauerte um jemanden, den er für tot hielt, und das war der Todesstoß für Tony gewesen.
Diese Trauer verschwand nun langsam aus Thors Augen, je länger Tony sprach, und machte einem neuen Gefühl Platz: Hoffnung. Thor legte ihm die Hände auf die Schultern und brachte seine Stirn an Tonys. Diese Geste kannte er schon von Loki und wusste, dass sie tiefes Vertrauen ausdrückte. Er schloss für einen kurzen Moment die Augen.
„Ich denke, wir sollten es versuchen. Mutter wird es wissen. Komm", sagte er schließlich. Tony grinste ihn breit an.
„Okay, Großer, ich hol' nur schnell meine Sachen." Das hier würde funktionieren – es musste einfach funktionieren. Tony vermisste seinen Gott so sehr, dass er nicht mehr richtig atmen konnte. Es war, als würde ein schweres Gewicht auf seiner Brust lasten.
Sein Koffer mit dem aktuellsten Iron-Man-Anzug Mark 17 und eine Tasche mit Klamotten wartete bereits an der Tür. „Moment mal, ihr zwei", Bruce stellte sich vor die Tür und hielt die beiden zurück. „Gibt es eine Möglichkeit für uns" – er deutete auf sich, Natasha und Clint – „zu erfahren, was bei euch los ist?"
Der Gott runzelte die Stirn. „Oh, daran hatte ich nicht gedacht." Er rieb sich über den Bart. „Ich denke, Vater würde nicht allzu wütend sein, wenn ich unter den Umständen noch einen Besucher mitbringe."
Tony trat vor und drehte Bruce in Richtung Tür um. „Na wunderbar, Doc, dann machen wir jetzt mal einen Ausflug. Beeilung!" Er wollte nicht noch mehr Zeit verlieren. Tony verfluchte sich ohnehin dafür, dass er so lange gebraucht hatte, um die Lösung zu finden.
„Aber... aber, hey", protestierte sein Freund. „Darf ich nicht schnell eine Tasche packen? Gib mir fünf Minuten!"
Tony knirschte mit den Zähnen, ließ ihn aber gewähren. Er wollte nicht schuld daran sein, wenn der Hulk ohne frische Unterwäsche dastand.
Natasha trat vor, während sie warteten. „Schick ihn zurück, sobald es Neuigkeiten gibt, ja?", bat sie. Tony nickte und zwinkerte ihr zu. Er hatte sehr wohl mitbekommen, dass die beiden etwas angefangen hatten. Als der Doctor wieder auf sie zueilte, drehte Thor sich bereits um und rief nach dem Torwächter. „Pass auf dich auf", flüsterte Natasha und gab Bruce einen Kuss. Tony zwinkerte ihm zu, als der Doc sich neben ihn stellte.
Ein Tosen erfüllte die Luft um sie, und sie schienen plötzlich in helles Licht getaucht zu sein. Es war ein äußerst befremdliches Gefühl, auf diese Art zu reisen – so, als ob man in einem extrem schnellen Aufzug nach oben katapultiert wurde. Tony gefiel Lokis elegante Teleportation wesentlich besser.
Die Beschleunigung endete abrupt. Er wäre beinahe vornüber gefallen, wurde aber von zarten Armen aufgefangen.
Als Tony emporblickte, sah er sich einer schönen, schon etwas älteren Frau gegenüber. Sie hatte lang gelocktes blondes Haar, das mit einem feinen Goldreif zurückgehalten wurde. Ihre feinen Gesichtszüge hatten etwas Aztekisches, mit vollen Lippen und großen blauen Augen, die ihn aufmerksam musterten. Als er sich ganz gefangen hatte, schenkte sie ihm ein Lächeln. „Willkommen in Asgard, Anthony Stark." Das konnte eigentlich nur ...
„Mutter!" Thors Ausruf bestätigte Tonys Vermutung darüber, wer ihn hier gerade aufgefangen hatte. „Darf ich vorstellen: Tony Stark und Dr. Bruce Banner von Midgard." Thors Mutter neigte leicht den Kopf in Banners Richtung, ließ Tonys Arme aber nicht los.
„Es freut mich sehr, euch kennenzulernen. Nennt mich Frigga."
Thor trat neben seine Mutter und hob fragend die Augenbrauen. „Wieso bist du nicht im Palast, Mutter?" Sie sah ihren Sohn tadelnd an, und Thor zuckte tatsächlich wie ein kleiner Junge kaum merklich zusammen. Tony hätte gelacht, wäre die Situation nicht so drängend gewesen.
„Ich wollte unbedingt den Gefährten meines Sohnes persönlich in Asgard begrüßen, bevor es jemand anderes tut. Außerdem bin ich neugierig, ob ..."
Tony konnte die Trauer in diesen blauen Augen ausmachen. Sie war gekommen, weil sie nicht warten wollte, um zu sehen, ob ihre Hoffnung vergebens war.
Er erwiderte den Druck ihrer Hände. „Es ist mir eine Ehre, Eure Hoheit. Ich denke, ich kann ihn finden, aber ich brauche eure Hilfe. Ach, und nennt mich Tony", fügte er grinsend hinzu.
Sie hakte sich bei ihm unter und führte die kleine Gruppe aus der Ankunftshalle und über die bunte Regenbogenbrücke. Vorbei an dem stillen Torwächter Heimdall mit seinen goldenen Augen, vorbei an Wasserfällen und hohen Türmen aus weißem Marmor und Gold. Asgard war wunderschön, aber Tony bemerkte es kaum.
„Loki erschuf das Band, das uns verbindet, zuerst unbeabsichtigt." begann er zu erklären. „Aber dann hat er es, mit meinem Einverständnis, verstärkt." Frigga blickte ihn überrascht an und stockt kurz in der Bewegung. Doch dann ließ ein breites Lächeln ihr Gesicht aufleuchten.
Tony fuhr fort „Er sagte, ich könnte ihn dadurch überall finden, wenn ich Magie beherrschen würde. Nun ja, ich kann es nicht, aber Sie vielleicht? Er hat mir erzählt, dass Sie ihn in der Magie unterrichtet haben, als er noch ein Kind war." Sie waren mittlerweile im Palast angekommen. Die drei Männer sahen Frigga gespannt an, die unentwegt lächelte.
Das ist ein gutes Zeichen, oder? dachte Tony. Niemand lächelt so, wenn es eine Sackgasse wäre.
„In der Tat, es ist möglich", sagte sie schließlich. Tony stieß mit einem gepressten Lachen die angehaltene Luft aus. „Allerdings ..." war ja klar, dass es ein Aber gab, verdammt! „Es wird etwas dauern, und..." Sie verstummte plötzlich und sah bedrückt zu Thor.
„Was ist es, Mutter?" fragte dieser leise.
Frigga blickte wieder zu Tony. „Das Band hält nur solange beide Partner am Leben sind. Sollten wir Loki wirklich bereits verloren haben ..."
Tony schluckte schwer. „Dann habe ich wenigstens Gewissheit", sagte er mit leiser, aber fester Stimme. Er wusste nicht, wie er reagieren würde, wenn Frigga das Band nicht finden könnte. Aber verdammt, er musste Loki retten oder um ihn trauern. Auf die ein oder andere Weise musste er das hier beenden, bevor er daran zugrunde ging.
Sie nickte ihm ernst zu und bedeutete ihnen, ihr in eine helle Kammer zu folgen. Die Wände waren mit Bücherregalen bedeckt, und durch hohe Bogenfenster fiel das blendende Licht der Mittagssonne. In der Mitte standen ein kleiner runder Tisch und drei Stühle aus hellem Holz. Sie ließ Tony auf einem der Stühle Platz nehmen und zog einen zweiten dicht an ihn heran, bevor sie sich setzte.
„Thor, Schatz. Bitte informiere deinen Vater hierüber, er wartet sicherlich angespannt im Thronsaal." Thor nickte und zog Bruce mit sich.
Frigga wandte ihre Aufmerksamkeit nun wieder Tony zu. „Ich muss dazu deine Brust berühren, Tony, ist das in Ordnung für dich?" fragte sie.
„Bitte, nur zu. Muss ich irgendwas machen?" fragte er unsicher.
„Hmm, könntest du vielleicht an meinen Sohn denken, während ich arbeite? Das würde vermutlich das Signal verstärken." Sie sah ihn fragend an – war die Bitte zu groß, zu schmerzhaft?
„Ich denke ohnehin ständig an ihn", war alles, was Tony dazu zu sagen hatte.
Frigga nickte zufrieden und legte eine Hand auf seine Brust. Sie begann, Wörter in einer Sprache zu murmeln, die er nicht verstand.
Tony hatte diese Sprache schon einmal gehört: Ek ann þér. Beim ersten Mal hatte er die Bedeutung nicht verstanden, da Loki gleich darauf „komme her" gesagt hatte. Er hatte gedachte, dass wäre die Bedeutung der fremden Wörter. Aber als er sie zum zweiten Mal hörte, wurde Tony klar, dass das nicht sein konnte. Er hatte JARVIS damit gefüttert, aber durch seine falsche Aussprache keine Antwort erhalten. Also hatte er schließlich Thor gefragt.
Dessen Blick war weich geworden, als er ihm die wahre Bedeutung offenbart hatte. Ek ann þér... Ich liebe dich.
Es dauerte schließlich doch nicht so lange, wie Frigga prophezeit hatte.
Gerade als die Tür aufging und Thor mit Bruce im Schlepptau zurückkehrte, stieß die Königin von Asgard einen leisen Schrei der Überraschung aus.
Hinter den beiden trat der König Asgards durch die Tür.
Der Allvater war beeindruckend. Tony musste heftig blinzeln, dieser Gott strahlte Macht aus wie die Sonne. Sicher, die Haare und der Bart waren bereits ergraut, und die einst bestimmt muskulöse Brust, war nicht mehr so breit wie einst. Aber er gab trotzdem eine imposante Erscheinung ab.
Uff, beide Schwiegereltern an einem Tag, reiß dich zusammen und mach einen guten Eindruck, dachte Tony.
Da er nicht wusste, ob er sich bewegen, geschweige denn reden durfte, nickte er dem Allvater nur kurz zu. Dieser erwiderte die Geste und blickte dann fragend zu seiner Frau.
„Er lebt!" stieß Frigga aus. Für einen Moment fiel die königliche Fassade, und Frigga war nur noch eine Mutter – voller Freude und Erleichterung. „Ich kann das Band deutlich spüren! Nun lasst mich nach meinem Sohn suchen. Holt Heimdall, ich brauche ihn zur Bestimmung der Position." Sie presste die Hand wieder fest auf Tonys Brust, aber dieser bemerkte es gar nicht. Er hörte auch das aufgeregte Gemurmel der anderen in der Kammer nicht. Verzweifelt versuchte er, die Tränen zurückzuhalten.
Er lebt! Loki ist am Leben!
Tony spürte, wie sich der Knoten aus Angst und Verzweiflung, der ihn so lange gefangen gehalten hatte, langsam löste. Er atmete zitternd ein und ballte seinen bebenden Hände zu Fäusten. Er würde ihn finden und nach Hause bringen.
Er lebt!
Sie brauchten eine Stunde.
Heimdall verkündete schließlich: „Ich sehe den Ort. Lasst es mich noch einen Moment genauer betrachten."
Tony sah die Königin erwartungsvoll an, und diese schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. „Nun denn, holen wir die anderen, um zu besprechen, wie vorzugehen ist", sagte sie, als Heimdall schließlich den Kopf neigte, um zu zeigen, dass er genug gesehen hatte.
Tony lächelte beklommen. Ihm gefiel Heimdalls Blick nicht. Was hatte der Torwächter gesehen? Frigga ließ sich jedoch nicht beirren und rief ihren Gatten und die anderen in die Kammer.
Gespannt wandten sie sich alle Heimdall zu. Der Torwächter war derjenige, der eine Passage möglich machen konnte – oder eben nicht.
„Die Passage ist möglich. Allerdings befinden sie sich in einem Schattenreich."
Dieser Aussage folgte ein leiser, erstaunter Ausruf der Königin und ein lautes „Was?!" von Thor.
Tony und Bruce sahen sich an. Sie verstanden nur Bahnhof. Was bitte schön war ein Schattenreich? Und wieso schienen alle so schockiert darüber zu sein?
Der Allvater sah den Torwächter ernst an. „Wie ist das möglich? Schattenreiche sind bereits seit Jahrhunderten verbotene Praktiken."
Ach ja, Loki hatte ihm etwas von verbotener Magie erzählt, wegen derer Krieg zwischen den Vanir und den Asen ausgebrochen war. Also definitiv nicht gut.
„Das kann ich nicht beantworten, Allvater. Womöglich hat Thyra es erschaffen?" erwiderte der Torwächter ruhig.
Tony räusperte sich. Er konnte einfach nicht den Mund halten, auch wenn der Blick von Bruce genau darum bat.
„Okay, es ist also ein Schattenreich. Es ist zwar verboten, aber sie sind trotzdem dort. Worauf warten wir? Ich hab meinen Anzug hier, Thor, lass uns loslegen."
Damit hatte er die Aufmerksamkeit von Odin sicher.
Tony musste schlucken, als sich die blauen Augen auf ihn richteten.
Blau – alle haben blaue Augen, außer Loki, dachte er. Er wollte diese grünen Augen zurück, also worauf zum Teufel warteten sie?
„Du hast ein mutiges Herz, Tony Stark. Das Problem mit Schattenreichen ist allerdings, dass man nie weiß, was einen erwartet", sprach Odin ihn nun direkt an. „Sie wurden nicht ohne Grund verboten. Magier erschufen sie meistens als Verstecke, aber später auch als Fallen. Es können unwirtliche Orte sein. Manchmal ist die Realität verzerrt, meistens sind die Regeln der Physik außer Kraft gesetzt. Und sollte Thyra diesen Ort tatsächlich selbst erschaffen haben, kontrolliert sie ihn."
Oh, na schön, das hörte sich wirklich nicht gut an, aber dann mussten sie eben vor Ort eben improvisieren. Er blickte von Odin zu Heimdall. „Was hast du gesehen?" fragte er ohne Umschweife und hielt Heimdalls Blick fest, obwohl sich ihm die Kehle zuschnürte.
Goldene Augen sahen ihn ernst an. „Ich konnte nichts Ungewöhnliches feststellen. Es sah aus wie eine große Halle. Wie es vor Ort tatsächlich ist, kann ich nicht sagen. Der Prinz ist sehr schwach, und wir sollten keine Zeit verlieren. Aber es ist ein Risiko für diejenigen, die gehen."
Tony war noch nie der geduldigste Mensch gewesen, und das hier dauerte schon viel zu lange. Zuallererst wegen ihm selbst!
Er war ein Genie, oder etwa nicht? Er hatte in jede Richtung gesucht, Millionen von Daten geprüft und war schließlich gebrochen. Dabei war die Lösung er selbst gewesen. Er war wirklich ein Vollidiot, und sollte Loki deshalb etwas passieren, würde er sich das niemals verzeihen.
„Ich gehe. Öffne bitte die Passage", entschlossen stand Tony auf. Er war schon auf halbem Weg zu seinem Anzug, als ihn eine sanfte Hand am Oberarm zurückhielt.
„Ich bin nicht sicher, ob du es überleben würdest, Tony", sagte Frigga sanft. „Schattenreiche sind nicht für Menschen gemacht. Es sind nicht nur unwirtliche Orte, die Atmosphäre ist toxisch, verstehst du?"
Tony ballte die Fäuste, das durfte nicht wahr sein. Er konnte doch nicht einfach hier rum sitzen und Däumchen drehen. Vor eine gefühlten Ewigkeit hatte er Loki gesagt, dass er für ihn sterben würde. Nun seine Meinung hatte sich nicht geändert. Er musste es einfach versuchen.
„Ich gehe trotzdem, der Anzug hält einiges aus", sagte er todernst zu Frigga. Sie musterte ihn lange und wechselte dann einen Blick mit Odin.
Als Tony ebenfalls zu dem Allvater sah, nickte dieser kaum merklich. Die Königin lächelte ihrem Mann zu, und mit einer kleinen Handbewegung erschien etwas Goldenes in ihrer Hand.
Sie reichte es Tony und sagte: „Es ist deine Entscheidung."
Kapitel 13 / Ek ann þér
Er starb, Loki konnte es fühlen.
Schon seit einer Weile setzte sein Herzschlag immer wieder aus. Durch den Brydda seiner Magie beraubt, konnte er sich nicht selbst heilen. Das verfluchte Ding steckte seit Tag eins in seinem Bein, aber er spürte es schon gar nicht mehr.
In der Tat spürte er nur noch wenig von seinem Körper, der bewegungslos in den Ketten zwischen den Säulen hing. Stück für Stück war alles taub geworden. Zuerst die auf den Rücken gebundenen Arme, dann seine Brust und schließlich die Beine in dieser unbequemen, knienden Haltung.
Das Bein schmerzte nur dann höllisch, wenn Thyra den Speer in der Wunde drehte, was sie praktisch jeden Tag tat, um ihn aus seiner Bewusstlosigkeit zu holen. Wie lange er schon hier war, wusste er nicht.
Thyra ließ ihn einfach nicht sterben. Immer wieder lenkte sie ein kleines bisschen Magie in seinen Körper, um die schlimmsten Wunden zu heilen, die sie ihm zufügte. Aber sie war keine Heilerin und wusste nicht wirklich, was sie tat. Loki würde sie nicht darauf hinweisen, er begrüßte den Tod. Es gab keinen Weg hier raus, alles, was noch vor ihm lag, war die Ewigkeit in diesen Ketten, mit Thyra als Folterknecht. Nein, Loki war lieber tot als hier.
Nun hörte er Schritte hinter sich und versuchte, seinen tauben Körper anzuspannen. Sie war vor ein paar Tagen, Stunden, Wochen, wer wusste das schon zu sagen, dazu übergegangen, ihm zusätzlich die Augen zu verbinden.
Er war selbst schuld daran. Denn da sie ihn mit Nadel und Faden so effektiv zum Verstummen gebracht hatte, starrte er sie stattdessen an, während sie mit ihm tat, was auch immer ihr gerade einfiel. Es war das Einzige, was Thyra zu ärgern schien, und er hatte es mit einiger Genugtuung getan.
Tja, dann kam die Augenbinde, und nun sah er das Grauen nicht einmal mehr kommen.
Jetzt wurde ihm der raue Stoff unsanft vom Kopf gerissen. Nein, nein, nein, wer würde es diesmal sein?
Seine mentale Abwehr war vor kurzem dem stetigen Druck Thyras erlegen, und sie war in seinen Geist eingedrungen. Hatte darin herumgewühlt wie ein Eber im Unterholz.
Sie war wirklich eine stümperhafte Magierin. Hätte sie nicht fortwährend mit dreckigen Tricks gearbeitet, er hätte sie vom Angesicht dieser Welt gefegt. So aber hatte sie schließlich bekommen, was sie wollte, und er war ihr hilflos ausgeliefert.
Mit dem, was sie in seinem Kopf gefunden hatte, machte sie sich nun einen Spaß daraus, ihn auf eine ganz neue, grausame Art zu quälen.
Loki stieß einen gutturalen Laut aus und atmete scharf durch die Nase ein. Als der Speer in seinem Bein wieder einmal gedreht wurde. Er blinzelte und blickte auf in das Gesicht seines Vaters. Odin, dieses Mal also.
Sie verwandelte sich nacheinander in die Personen aus seinem Leben und fügte ihm Schmerzen zu. Er hatte bereits eine furchtbare Tracht Prügel von Thor hinter sich. Seine Mutter hatte mit diesen kleinen schwarzen Stacheln auf ihn eingestochen, bis sein ganzer Körper brannte und er schließlich ohnmächtig wurde. Aber das schlimmste war Anthony gewesen. Was sie in der Form seines Sterblichen zu ihm gesagt hatte, war schlimmer gewesen als jede physische Folter.
Nun war also sein Vater an der Reihe. Er fragte sich, was kommen würde. „Da bist du nun, Monster, auf deinen Knien, wo du hingehörst", spuckte Odin aus. „Du widerst mich an." Eine Hand schloss sich um seinen Hals und drückte zu. Loki versuchte verzweifelt, Luft in seine Lungen zu saugen. Im Reflex wollte er den Mund weit öffnen, und die Stiche, ohnehin schon fast ausgerissen, begannen von neuem zu bluten. Sein eigenes Blut füllte seinen Mund, und er spürte, wie in seiner Kehle etwas brach.
Er würde sterben, sein Herzschlag setzte erneut aus und die Dunkelheit umfing ihn.
Schmerz zog ihn aus der Bewusstlosigkeit, unbarmherzig wie immer. Loki kam langsam wieder zu sich und war fast enttäuscht darüber. War es denn immer noch nicht vorbei?
Irgendetwas war jedoch anders als sonst, da waren Geräusche. Mehr Geräusche als sonst, es hörte sich fast nach einem Kampf an. Loki konnte nichts sehen, da die Binde wieder über seinen Augen lag. Was hatte sich diese Verrückte nun wieder ausgedacht, um ihn zu quälen?
Moment! Dieses Geräusch! Er kannte dieses Geräusch. Aber das konnte unmöglich sein, das bildete er sich ein. Vielleicht war er noch immer ohnmächtig? Nein, da war gerade eine Hitzewelle in seiner Nähe vorbeigeschossen.
Er hörte eindeutig die Düsen und den Repulsor von Tonys Iron Man Anzug. Eine weitere Hitzewelle rollte an ihm vorüber, und er hörte einen langgezogenen Schrei. Wörter wurden gesprochen, die er nicht verstand, da sie zu weit entfernt waren. Dann Flehen, ein weiterer Schrei und Stille.
Loki hielt die Luft an, was war hier los?!
Schwere Schritte näherten sich ihm, und sein Name wurde gerufen. Er erschrak, als ein schwerer Gegenstand vor ihm auf dem Boden aufschlug.
Er hörte ein mechanisches Surren, und plötzlich sprach eine vertraute Stimme seinen Namen. „Loki." Eine sanfte Hand entfernte die Augenbinde, und er öffnete blinzelnd die Augen, versuchte, seinen Blick zu fokussieren.
Nein, nein, nein, sie hatte sich schon wieder in seinen Sterblichen verwandelt. Dieses Mal hatte sie sogar seinen Iron Man Anzug nachgebildet, aber das Visier war offen und die rechte Hand war ebenfalls bar des Metalls. Sie hob die Hand an sein Gesicht, und er zuckte heftig zurück. Er würde es nicht erlauben, dass sie ihn in dieser Gestalt berührte.
Sie hielt inne. Warum hielt sie inne? Braune Augen verschränkten sich mit seinen, und Loki nahm den vertrauten Geruch seines Sterblichen wahr. Sandelholz mit Zitrone und ein Hauch Motoröl.
Warte! Sie hatte bis jetzt nie Gerüche nachgeahmt, er glaubte auch nicht, dass sie dies konnte, wollte es nicht glauben. Konnte dies wirklich ...
„Hey Babe, ich bin es, Tony." Loki blinzelte heftig, und sie, er, hob erneut die Hand an sein Gesicht.
„Thyra kann dir nichts mehr tun, sie ist tot." Die braunen Augen hielten ihn weiter in ihrem Bann, während sich die Hand vorsichtig seinem Gesicht näherte. Wie einem verwundeten Tier, was er in jeder Hinsicht ja auch war.
Etwas an diesen Augen war anders als beim ersten Mal. Diese hier waren... echt! Sein Anthony hatte winzige goldene Sprenkel in dem Braun und einen dunkleren Fleck in der rechten Iris. Das hier war Anthony! Tränen strömten über seine Wange, als raue Fingerspitzen seine Haut berührten. Loki schmiegte mit einem verzweifelten Schluchzen sein Gesicht in die Hand seines Sterblichen.
Tony seufzte erleichtert auf.
Eine leise Stimme drang aus dem Helm seines Gefährten, der darauf antwortete: „Verstanden, JARVIS. Thor, wir müssen ihn schnellstmöglich hier rausbringen. Kannst du die Ketten sprengen, Khaleesi?" Also war sein Bruder auch hier, aber wie war das möglich?
Tony sprach erneut zu ihm durch den Nebel aus Schmerz. „Hast du schon wieder aus Versehen das SM & Bondage-Paket gebucht, Babe? Wieso finde ich dich immer in einer Lache deines eigenen Blutes?" Braune Augen blickten ihn zärtlich an.
Ja, dies war eindeutig keine Täuschung oder Einbildung. Dies war Anthony Stark. Er legte vorsichtig die Arme um Loki und versuchte, ihn zu stabilisieren, während Thor sich an den Ketten zu schaffen machte. Loki legte den Kopf auf den Anzug und erlaubte sich einen Moment der Erleichterung.
Vielleicht schafften sie es hier raus, vielleicht durfte er zu Hause sterben, in den Armen seines Geliebten. Vielleicht würde ihm jemand sogar einen seiner Dolche in die Hand legen, damit er den Weg nach Valhalla fand. Es war ein schöner Gedanke, und Loki spürte wieder, wie sein Herzschlag aussetzte.
Eine leise Stimme drang aus dem Anzug. „Sir, sein Zustand wird kritisch. Die Herzfrequenz ist unregelmäßig. Darf ich Sie daran erinnern, dass der Rückweg nach Asgard unmöglich wird, sobald Mr. Loki stirbt?"
Loki hob den Kopf. Was sagte die Stimme da?
„Ich schaffe es nicht!" polterte sein Bruder hinter ihm. „Die Ketten sind zu stark. Hast du etwas in deinem Anzug, was wir verwenden können?"
Tony blickte Loki beruhigend an und las anscheinend seine Gedanken. „Denk nicht mal dran, Babe. Ich werde hier nicht ohne dich weggehen, also bleib bei mir, ja?" Er hauchte einen Kuss auf Lokis Stirn.
„Thor, komm hierher und stütz ihn." Die beiden Männer tauschten die Plätze. Nun legte sich die starken Arme seines Bruders um ihn, und er roch den vertrauten Geruch nach Ozon und Moschus des Donnergottes.
Tony sprach mit seiner AI. „OK, Jarv, sag mir wo." Loki spürte die Hitze in seinem Rücken, als Tony die Ketten mithilfe seines Repulsors schmolz.
Es schien zu funktionieren, klirrend fiel die erste Kette. Sein Sterblicher durchtrennte eine nach der anderen. Loki fühlte wie der Druck um seine Brust langsam nachließ.
„Achtung, das ist die letzte" hörte er Tony durch lautes Kettenrasseln rufen.
Plötzlich fiel er, dem Halt der Fesseln beraubt, schwer gegen die Brust seines Bruders. Er stöhnte laut auf, als der Speer in seinem Bein dadurch bewegt wurde. „Ich hab dich, Loki", flüsterte sein Bruder.
„Sir, die Stange ist ein Speer, der fest in den Boden gerammt wurde", hörte er wieder die leise Stimme der AI.
„OK, kann ich ihn einfach in zwei Teile schneiden und wir kümmern uns in Asgard darum?" fragte Tony angespannt.
„Negativ, Sir. Der Schaft besteht aus Vibranium, sie werden ihn herausziehen müssen. Überlebenschancen durch den folgenden Schock: 50%."
Loki riss die Augen auf, und sein Atem beschleunigte sich. Sie wollten dieses Ding aus seinem Bein reißen? Bei den Göttern, nein, das würde er nicht überleben. So wie es sich anfühlte, war es mittlerweile wahrscheinlich, mit seinem Fleisch verwachsen.
Er sah seinen Bruder flehend an. BITTE NICHT. Thor sah ihn ernst an, dann zog er Lokis Stirn an die seine und sprach in der vertrauten Geste: „Ich werde es schnell machen, Bruder. Wir müssen hier weg. Bitte."
Loki schüttelte verzweifelt den Kopf. Lasst mich einfach hier sterben und geht ohne mich zurück. Bitte, ich kann das nicht... wollte er rufen, aber kein Ton kam aus seinen verschlossenen Lippen, nur ein leises Wimmern.
„Tony hat es dir bereits gesagt, Bruder, wir werden nicht ohne dich gehen", Thor schien seinen Blick richtig gedeutet zu haben.
Tony war wieder an seiner Seite und kniete neben Thor. Lokis Blick huschte zwischen den beiden Männern hin und her, die ihm am meisten bedeuteten.
Er war gewillt gewesen, für sie zu sterben. Also warum sollte er nicht versuchen, für diese beiden weiterzuleben, um sie nach Hause zu bringen? Wenn er starb, saßen sie hier für immer fest. Sein ganzer Körper bebte, als er die Augen schloss und nickte.
„Tony." Thor stand auf, und Tony nahm erneut seinen Platz als Lokis Stütze ein. Loki ließ sich schwer gegen die Schulter seines Gefährten sinken. Stumme Tränen liefen über sein Gesicht. Iron Man legte seine Hände auf die Eintrittswunden des Speers, eine auf seine Wade, die andere auf seinen Oberschenkel. Thor fasste den Speer mit beiden Händen und zählte bis drei.
Der Schmerz war unerträglich, rotglühend und reißend, obwohl Thor Wort gehalten hatte und schnell war. Der Versuch zu schreien, verursachte noch mehr Schmerz an Mund und Kehle. Er spürte wieder wie sein Herz aussetzte. Er wusste nicht mehr wo die Pein aufhörte und sein Körper anfing. Loki umfing Dunkelheit, und er verlor das Bewusstsein.
Es war leider nur von kurzer Dauer. Als er die Augen wieder aufschlug, fand er sich in den Armen von Iron Man wieder. Seine Hände waren von den Fesseln befreit, und seine Arme brannten wie Feuer, als die Blutzirkulation wieder einsetzte.
„Wir müssen uns beeilen" raunte sein Bruder Tony zu.
Sie waren immer noch in dem Schattenreich. Anthony trug ihn schnell durch die große Halle, Thor an seiner Seite warf ihm besorgte Blicke zu. Ihre Schritte hallten laut in der großen Halle wieder. Die künstliche Galaxie über ihnen funkelte stumm, unbeeindruckt von den Geschehnissen.
Lokis Sicht war nach wie vor verschwommen, aber er konnte auf dem Weg eine leblose Gestalt ausmachen.
Sie lag in einer großen Blutlache, und an ihrer Stirn klaffte ein großes Loch. Repulsorfeuer, dachte Loki grimmig. Wie gerne hätte er noch sämtliche Dolche, die er besaß, in den leblosen Körper gerammt.
Sein Sterblicher blieb plötzlich stehen. „Hey Heimdall! Drei zum Beamen!", rief er, und zu Lokis Verwunderung reagierte der Torwächter von Asgard auf diesen Unsinn.
Mit einem Rauschen erwachte der Bifröst und zog sie in Richtung Heimat.
Tonys Füße schlugen hart in der Ankunftshalle auf.
Er drückte Loki an sich, der wieder das Bewusstsein verloren hatte. Tony würde seinen Gott nie wieder loslassen, so viel stand fest.
Sein Körper lief auf Autopilot, sein Verstand war komplett damit überfordert, das soeben Erlebte zu verarbeiten. Was er gesehen hatte, was sie getan hatten, was er getan hatte.
Thyra hatte ihnen einen verbissenen Kampf geliefert, aber Thor hatte sie schließlich mit seinen Blitzen getroffen. Trotz des Schattenreichs, das sie tatsächlich zu kontrollieren schien, hatte sie gegen die geballte Wut der beiden Männer verloren. Seine Repulsor-Stöße hatten sie zu Boden geschickt, und Thor hatte Mjölnir folgen lassen.
Eigentlich hatte sie sich da schon nicht mehr bewegt, aber Tony und Thor wollten ganz sicher gehen, also hatte Tony emotionslos seine Hand an den Kopf der Frau gehalten und gefeuert. Der Donnergott hatte in grimmiger Genugtuung genickt.
Tony fühlte sich taub, das war nun schon das zweite Mal, dass er kaltblütig getötet hatte. Er schluckte, aber als er auf das leblos Bündel in seinen Armen blickte, wurden seine Züge hart.
Sie hatten es verdient. Es gab für alles eine Grenze, und die war definitiv überschritten worden. Keine Strafe der Welt konnte wiedergutmachen, was sie Loki angetan hatten.
Er war Tony Stark, nicht Captain America, er war kein Diplomat. Er konnte über Leichen gehen, kein Problem.
Loki hatte einmal zu ihm gesagt, dass es manchmal eben die Dunkelheit sein müsse, um ruhig schlafen zu können. Nun verstand er, was der Gott gemeint hatte. Er würde definitiv besser schlafen, jetzt, da beide Bedrohungen beseitigt waren.
Nein, es tat ihm nicht leid. Er hatte Wichtigeres zu tun, und das Wichtigste lag in seinen Armen und atmete flach.
Tony blickte sich in der Ankunftshalle um und stellte mit Erleichterung fest, dass sie erwartet wurden. Drei Männer in asgardischer Kleidung und einer Art schwebender Trage eilten auf ihn zu, dicht gefolgt von Bruce. Lokis Eltern waren zuerst bei ihm.
Frigga hatte Tränen in den Augen und strich ihrem Sohn über das blutverkrustete Haar. „Oh, mein Liebling. Was hat sie dir nur angetan?" flüsterte sie so leise, dass nur Tony es hören konnte. Der Allvater schien es nicht zu wagen, Loki zu berühren, aus Angst, ihm noch weitere Schmerzen zu bereiten.
Tony konnte es ihm nicht verdenken, der Gott in seinen Armen sah so aus, als gäbe es keine einzige unversehrte Stelle mehr an seinem Körper. Die einst prächtige Rüstung aus Metall und Leder war an unzähligen Stellen aufgeschlitzt und zerrissen. Sein Gesicht, geschwollen und verfärbt. Es war mit Blut verkrustet und sein wunderschöner Mund ... Tony brach es das Herz, ihn so zu sehen.
„Allvater, Königin, bitte erlaubt mir, mich um den Heerführer zu kümmern", unterbrach einer der Männer das Wiedersehen. Odin und Frigga machten sofort Platz, aber Tony drückte Loki nur noch fester an sich.
Bruce sah seinen Freund besorgt an. „Es ist okay, Tony. Das hier sind Hjálmarr, Ing und Airikr. Es sind die besten Heiler Asgards, und das da ist so eine Art Erst-Hilf-Medi-Trage. Sie stabilisiert den Patienten und gibt den Ärzten die wichtigsten Vitalwerte. Leg Loki bitte hier hin und lass sie ihre Arbeit machen." Als Tony sich nicht rührte, fügte er sanfter hinzu: „Tony, bitte. Du hast alles für ihn getan, was du konntest. Wir kümmern uns jetzt um ihn."
Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter und Thor half ihm, Loki sanft auf die Trage zu legen. Sofort erschien eine Art durchsichtiger Kokon um den Körper des Gottes und Daten wurden auf der Oberfläche angezeigt. Darunter auch eine Art EKG, zumindest sah die unregelmäßige Linie verdächtig nach einem Herzschlag aus.
Tony hielt den Atem an, als sich diese Linie plötzlich nicht mehr hob, sondern linear weiterlief. Hjálmarr presste schnell eine Hand auf Lokis Brust und wenig später hob sich die Linie wieder.
„Er ist sehr schwach", murmelte der Heiler mehr zu sich selbst als zu den Umstehenden. „Wir müssen ihn schnell in den Krankenflügel bringen", fügte er lauter hinzu, und die Trage mit den drei Heilern setzte sich hastig in Bewegung.
Bruce lief neben Tony her und musterte ihn aufmerksam. „Sieh mich nicht so an, Doc, mir geht es gut", mit einem kurzen Blick auf seine Hände und den Anzug fügt er hinzu: „Das ist nicht mein Blut."
Der Krankenflügel stellte sich als Kreuzgang heraus, der sich um einen quadratischen Garten erstreckte. In dessen Mitte stand ein Baum, an dem es golden schimmerte. Der Bogengang wurde von gotisch aussehenden Säulen getragen und mehrere Kammern zweigten davon ab. Loki wurde in eine dieser hellen Kammern gebracht.
Hjálmarr hielt Lokis Eskorte an der Tür auf und bat sie, draußen zu warten. Tony wollte davon nichts hören und drängte sich hinter Bruce in den Raum. Thor schien auch nicht begeistert. „Hjálmarr, ich schätze dich sehr, aber ich werde ihn nicht alleine lassen. Ich verspreche dir, wir werden nicht im Weg stehen." Damit war die Diskussion beendet.
Thor stellte sich neben Tony an die Wand des Krankenzimmers und beobachtete, wie Loki der Rüstung entledigt wurde. Je mehr helle Haut zum Vorschein kam, desto deutlicher wurde das Ausmaß von Thyras Wahnsinn. Verdammt! Der Kloß in Tonys Hals wurde immer größer und sein Herz sog sich schmerzhaft zusammen.
Er wandte den Blick ab und begann, seinen eigenen Anzug abzulegen. Das gab ihm die Möglichkeit, seine Tränen vor den anderen im Raum zu verbergen.
Loki kam langsam aus seiner Ohnmacht, gerade als sie ihn vollständig entkleidet hatten und begannen, sein linkes Bein zu versorgen. Sie hatten ihm ein weißes Tuch über die Lenden gelegt, und alle im Raum hatten taktvoll zu Boden geblickt. Alle außer Tony, der nun auch der einzige zu sein schien, der Lokis wachsende Unruhe bemerkte.
Was war nur los mit diesen Heilern, dass sie nicht bemerkten, wenn ihr Patient eine Panikattacke erlitt? Doch Hjálmarr schien es schließlich zu bemerken, denn er beugte sich über Loki und versuchte, ihn zu beruhigen. „Heerführer, ich bin es, Hjálmarr. Du bist in Sicherheit." Es funktionierte nicht, der Gott war zwar zu geschwächt, um sich großartig zu bewegen, aber er wurde immer unruhiger. Die Werte auf der Anzeige begannen verrückt zu spielen. „Loki, bitte mein Freund..."
Der Heiler blickte hilfesuchend zu Tony, der sich bereits in Bewegung gesetzt hatte. Im Nu war er bei seinem Gott. „Hey, Babe, es ist alles in Ordnung", flüsterte er ihm zu.
Lokis trübe Augen fixierten ihn und Tony hob die Hand an Lokis Gesicht. Er ließ seinem Gefährten einen Moment, um seinen Geruch wahrzunehmen. Dies schien Loki bereits im Schattenreich geholfen zu haben, ihn zu erkennen. Es funktionierte auch dieses Mal. Lokis Nasenflügel weiteten sich und der gehetzte Ausdruck in seinen Augen verschwand.
„Ich bin hier, Babe. Wir sind in Asgard und diese Heiler würden sich gerne um dich kümmern, wenn du sie lässt", nach einem kurzen Moment schlossen sich Lokis grünen Augen kurz in einer zustimmenden Geste. „Er sagt, es ist okay, ihr könnt weitermachen", sagte Tony über die Schulter, ohne seine Augen vom Gesicht seines Gottes zu wenden. Er bemerkte den Blick der drei Heiler nicht den sie sich gegenseitig zuwarfen.
Ing drückte Tony plötzlich eine kleine Zange in die Hände. „Wenn ihr so freundlich wärt, mein Herr", er deutete auf Lokis versiegelten Mund.
Bruce trat an seine Seite. „Ist es in Ordnung, Loki, wenn ich Tony helfe?" Sein Gott blinzelte wieder kurz.
Dann schweiften seine Augen wieder unruhig durch den Raum, so als würde er etwas suchen. Tony beobachtete ihn aufmerksam und folgte seinem Blick, als dieser an Thor hängen blieb. Die beiden Brüder sahen sich lange an. Lokis Augen wanderten an seinem Bruder hinab, bis zu dessen Hüfte, und wieder zurück zu seinem Gesicht.
Was ging denn jetzt ab? Als Tony den gequälten Gesichtsausdruck Thors sah, wusste er, dass es nichts Gutes bedeutete. Der Donnergott ging langsam auf Loki zu und zog dabei einen kleinen Dolch aus der Scheide an seiner Hüfte. Darauf hatte Loki also geblickt.
Er wog den Dolch schwer in der Hand und sagte schließlich zu Loki: „Dies ist nur, um dich zu beruhigen, Bruder. Wenn du versuchst, nach Valhalla zu entfliehen, wird dich Tony hier sicher umbringen." Dafür erntete er ein Schnauben von Loki und ein kurzes Blinzeln. Sanft legte Thor den Dolch in Lokis rechte Hand und schloss dessen Finger darum. Tony sah den Donnergott fragend an, aber dieser schüttelte nur den Kopf. Er würde es ihm später erklären.
Also begann er stattdessen, mit Bruces Hilfe die Nähte an Lokis Mund zu durchtrennen. Die Fäden zu entfernen war schmerzhaft, und Loki kniff die Augen zusammen und zuckte bei jeder Berührung. Tony stand der Schweiß auf der Stirn vor Konzentration und Anstrengung. Das Metall war nicht leicht zu kappen, ohne Loki dabei noch mehr Schmerzen zu bereiten. Sie durchschnitten gerade den letzten metallenen Faden und als Tony von der anstrengenden Arbeit kurz aufblickte, sah er den Allvater den Raum betreten.
Er hatte gar nicht bemerkt, wie dieser gegangen war. Jetzt hielt er einen der goldenen Äpfel in den Händen und trat zu ihnen. Mit bloßen Händen riss er den Apfel in zwei Hälften und hielt eine davon an Lokis Mund. „Iss, mein Sohn."
Tony sah seinen Gott schmerzhaft schlucken, er hatte die dunklen Flecken an seinem Hals bereits bemerkt. Er bezweifelte stark, dass irgendetwas außer Flüssigkeit durch Lokis geschwollene Kehle passen würde, ohne ihn dabei umzubringen.
„Ähm, ich weiß nicht, ob...", begann er, wurde aber durch einen Blick des Allvaters zum Schweigen gebracht. Loki sah seinen Vater verzweifelt an, versuchte aber gehorsam, einen kleinen Bissen Apfel zu schlucken und erstickte fast daran. Das war ja klar gewesen.
Die unstete EKG-Linie fing schon wieder an, wie verrückt zu zittern. Tony versuchte, Loki so gut es ging zu stützen, aber als sein Vater nicht von ihm abließ, wurde er wütend.
„Verdammt nochmal! Er kann nicht schlucken! Habt ihr keine Augen im Kopf?!", fauchte er wütend und deutete auf Lokis Hals. „Gebt das her!" Damit riss er Odin die Apfelhälften aus der Hand.
Alle Augen waren auf ihn gerichtet, und Tony war bewusst, dass er es sich soeben mit dem Obersten aller Götter verscherzt hatte. So redete man nicht mit dem König von Asgard und den Neun. Aber scheiß drauf!
„Hjálmarr, wirken die hier auch, wenn man sie püriert?" Auf die fragend gehobene Augenbraue fügte er hinzu: „Zu Brei verarbeitet, damit er es leichter schlucken kann."
Der Heiler dachte kurz nach. „Das sollte funktionieren. Airikr, wärst du so freundlich?" Der angesprochene nahm die Apfelhälften entgegen und machte sich daran, sie zu Mus zu zerstampfen.
Tony machte sich auf ein Donnerwetter gefasst, als er sich wieder zu Odin drehte, fand aber nur ein amüsiertes Lächeln auf dem Gesicht des Allvaters. Er schüttelte glucksend den Kopf, drückte die Schulter seines Sohnes, der immer noch verzweifelt nach Luft schnappte, und glitt zurück an seinen Platz an der Wand neben Frigga. Die beiden steckten die Köpfe zusammen und schenkten Tony schließlich ein warmes Lächeln.
Tony hatte keine Zeit, um darüber nachzudenken, Airikr drückte ihm eine Schüssel mit Löffel und Apfelmus in die Hand. Anscheinend war er nun doch zum Hilfsheiler befördert worden. Verdammte Asen!
Er sah Loki an und bemerkte dessen leichtes Lächeln. „Was?" fragte er gereizt.
„Okay, Babe, wollen wir es versuchen?", fügte er sanfter hinzu und hob einen kleinen Löffel Apfelmus hoch. Sein Gott antwortete mit einem Blinzeln.
Das Mus schien zwar auch schmerzhaft zu sein, aber immerhin erstickte Loki nicht daran. Als er alles aufgegessen hatte, trat Hjálmarr an Lokis andere Seite. „Heerführer, ihr seid sehr schwach. Ich würde euch gerne in den Schlaf versetzen, solange bis eure Magie zurückkehrt und ihr euch stabilisiert habt."
Lokis Augen weiteten sich panisch und er wollte etwas sagen, brachte aber keinen Ton durch die wunde Kehle. Stattdessen schüttelte er den Kopf.
Der Heiler sah Tony ernst an und zog ihn ein Stück zur Seite. „Er ist sehr schwach, ich weiß nicht, ob er es im wachen Zustand überstehen wird. Der Heilschlaf ist ein magisch herbeigeführter Zustand, der dem Körper die Zeit gibt, die er braucht, um zu regenerieren."
„Warum fürchtet er sich dann davor? Das hört sich doch gut an", fragte Tony leise zurück.
„Manche Männer berichteten von einer nicht enden wollenden Dunkelheit, die sie umfing. Es kann eine sehr beängstigende Erfahrung sein. Trotzdem bitte ich euch, mit ihm zu sprechen, ich fürchte um sein Leben", sagte Hjálmarr, wobei er die EKG-Linie betrachtete, die immer schwächer wurde.
Tony seufzte schwer und wandte sich an den Raum: „Gebt uns einen Moment alleine, bitte." Großartig, er sollte einen Mann, der gerade mit verbundenen Augen die Hölle auf Erden durchgestanden hatte, davon überzeugen, sich wieder in die Dunkelheit fallen zu lassen.
Sobald sie alleine waren, fing Loki wieder an, mit dem Kopf zu schütteln. Er hob die rechte Hand, die immer noch den Dolch umschloss, und drückte sich die geballte Faust auf die Brust. Tony verdrehte die Augen und griff mit beiden Händen nach dem Gesicht seines sturen Gottes.
„Nun lass doch bitte diesen Unsinn! Du und Thor könnt mich nicht für blöd verkaufen, ich weiß, was Valhalla ist. Und du stirbst nicht, nur weil du Angst vor der Dunkelheit hast, ist das klar?" Lokis Augen verengten sich zu wütenden Schlitzen.
„Ich will, dass du mir zuhörst! Hörst du mir zu?"
Ein kurzes Blinzeln.
„Ich werde hier sein, die ganze Zeit. Ich werde dich nicht aus den Augen lassen." Tony war jetzt wütend und wusste nicht genau, warum. „Wer weiß, vielleicht begrapsche ich dich auch hin und wieder", fügte er herausfordernd hinzu und erntete dafür einen noch böseren Blick als vorher.
„Babe, es ist ja nicht so, als könnten wir dich nicht dazu zwingen. Du bist momentan so schwach wie ein neugeborenes Kätzchen", provozierte Tony weiter. Als Loki versuchte, sich leicht aufzusetzen, drückte er ihn zu Demonstrationszwecken mit einer Fingerspitze zurück auf die Liege.
Okay, nun war der Gott richtig wütend. „Oh gut, du bist wütend. Weißt du, ich nämlich auch!" Loki funkelte ihn immer noch an, hob aber fragend eine Augenbraue, und jetzt wusste Tony, warum er wütend war. „Ich weiß, dass du durch die Hölle gegangen bist, Babe. Ich bin durch meine eigene gegangen, verdammt. Ich habe dich gesucht, überall. Nur nicht da, wo du die Antwort platziert hattest. Ich hatte das Band vergessen!" stieß Tony aufgebracht hervor.
„Nur wegen mir liegst du hier und bist kurz davor zu ... Wenn du stirbst, ist es meine Schuld! Weil ich nicht schnell genug war. Es zerreißt mich fast, dich so leiden zu sehen, und jetzt liegst du hier und verweigerst die Behandlung?! Scheiße!" er blinzelte heftig um das Brennen in den Augen loszuwerden.
„Wenn du mich nicht mehr willst, kannst du es mir auch einfach sagen. Du musst nicht gleich den Löffel abgeben, nur um mit mir Schluss zu machen." Tränen liefen nun über seine Wangen.
Er war so wütend – auf sich selbst, auf die Welt, auf den sturen Gott vor ihm, auf alles.
Er könnte es Loki nicht verdenken wenn er ihn nicht mehr wollte. Er hatte versagt. Eigentlich war alles seine Schuld gewesen, er hätte damals in New York nicht seine Position verlassen sollen. Dann hätte Loki sich nicht für ihn opfern müssen.
Lokis Augen wurden groß, und er schüttelte den Kopf. Sanfte Fingerspitzen wischten seine Tränen fort und grüne Augen blickten ihn liebevoll an. Er zog ihn an seine Stirn, teilte seinen Atem. „An... Antho...", versuchte er, Tonys Namen zu formen, und es klang schmerzhaft. Tony legte ihm einen Finger auf die Lippen, um ihn am Sprechen zu hindern. Ihm war gerade etwas klar geworden.
Er lachte freudlos auf und fuhr kopfschüttelnd fort: „Weißt du, normalerweise bin ich niemand für ernste Beziehungen. Knick, Knack und ab zur Nächsten. Playboy und so weiter und so fort. Vielleicht hab ich auch Bindungsängste, keine Ahnung. Aber du, du bist was Besonderes. Du hast mich gebeten, dein Gefährte zu sein, und ich habe mich noch nie so gut gefühlt."
Tonys Herz schlug ihm bis zum Hals und er blickte Loki tief in die Augen. „Vielleicht hast du die ersten beiden Male nicht mitbekommen, also sage ich es dir jetzt nochmal in deiner Sprache. Ek ann þér Loki! Ich liebe dich verdammt, also geh bitte nicht dahin, wohin ich dir nicht folgen kann. Ich brauche dich." flehte er eindringlich.
Er schloss die Augen und schniefte laut, als Lokis kühle Hand erneut seine Tränen fortwischte. Sein Gott zog ihn zu sich, und Tony setzte ganz vorsichtig einen Kuss auf die geschwollenen Lippen. Loki sah ihn an, und da war dieses sanfte Funkeln in seinen Augen, das dort normalerweise nur nach dem Sex auftauchte. In den kurzen Momenten, in denen er glaubte, Tony würde es nicht sehen.
Loki deutete auf sich selbst – ich, er deutete auf seine Brust – Liebe, er deutete auf Tony – dich auch.
„Ich will dich nicht verlieren. Bitte", flüsterte Tony, und endlich blinzelte Loki und nickte.
Die letzten zwei Wochen war Tony nicht von Lokis Seite gewichen. Er hatte ihm versprochen, da zu sein, wenn er sich in den Heilschlaf versetzen lassen würde, und er hatte vor, sein Wort zu halten.
Thor und Frigga hatten ihn abwechselnd besucht, und selbst der Allvater hatte ein paar Mal nach seinem Sohn gesehen. Tony hatte betreten den Kopf gesenkt und sich an einer Entschuldigung versucht: „Ähm, also das mit dem Apfel ... Tut mir leid, mir ist bewusst, dass man so wohl nicht mit einem König sprechen sollte." Aber Odin hatte nur lachend abgewinkt.
„In der Tat, aber macht euch keine Sorgen, Tony Stark. Dir sei verziehen. Ich bin diese Art der Anrede bereits von meinem Sohn hier gewöhnt. Mit dir hat er wohl die richtige Wahl getroffen." Damit ließ er Tony verwirrt zurück.
Was zum Geier sollte das nun wieder bedeuten?
Konnten diese Götter nicht einmal in klar verständlichen Worten mit ihm sprechen?
Hjálmarr hatte Tony gesagt, dass Personen im Heilschlaf sehr wohl mitbekahmen, was um sie herum geschah, und ermutigte ihn, ganz normal mit Loki zu sprechen.
Das musste man Tony Stark nicht zweimal sagen. Er hörte sich gerne reden, und jetzt wurden seine Monologe nicht einmal von Lokis Schnauben unterbrochen. Er fand sogar einen Weg, mit seinem Gott zu kommunizieren, zumindest redete Tony sich das ein. Aber es konnte kein Zufall sein, dass die kleine EKG-Linie jedes Mal ausschlug, wenn er einen Kuss auf Lokis Wange hauchte oder er mal wieder Blödsinn redete.
Tony verstand jetzt auch, wieso sein Gott so unbeeindruckt von seiner Technik im Labor und der Werkstatt gewesen war.
Die Heiler hier waren mit modernster Technik ausgestattet, viel weiter fortgeschritten als alles, was er je auf der Erde gesehen hatte. Vermutlich war auch ein bisschen Magie mit im Spiel. Der feuchte Traum eines jeden Mediziners, und Bruce wären fast die Augen aus dem Kopf gefallen.
Sein Freund hatte sich widerstrebend auf den Heimweg gemacht, nachdem Loki endgültig in den Heilschlaf versetzt worden war. Er wollte unbedingt den anderen Avengers und Freunden Bericht erstatten, und Tony war ihm dankbar dafür.
Heimdall hatte versprochen, den Doc jederzeit wieder nach Asgard zu bringen, wenn dieser nach ihm rief.
Kapitel 14 / Rapunzel & Über Bünde und magische Bänder
Lokis Zustand verbesserte sich stetig. Tony ging Hjálmarr so lange auf die Nerven, bis dieser schließlich einknickte und sie den schlafenden Gott in seine eigenen Gemächer verlegten.
„Ich werde morgens, mittags und abends nach ihm sehen", sagte der Heiler gerade zu Tony und befestigte einen kleinen Chip an der Stirnseite des Bettes. „Sollten sich seine Werte verschlechtern, ruf mich sofort." Ein Überwachungsbildschirm erwachte gerade zum Leben. „Sprich weiterhin mit ihm, du kannst ihn auch bewegen, Arme, Beine und so weiter."
Tony nickte, hörte aber nur mit einem halben Ohr zu. Er beobachtete angespannt die kleine EKG-Linie auf dem Bildschirm, sie wirkte unstet. Seine Augen zuckten kurz zu der anderen Linie, die sich seit über zwei Wochen nicht bewegt hatte und auch jetzt keine Anstalten machte, zum Leben zu erwachen.
„Mach ich. Ähhmm, Hjálmarr, ist es normal, dass seine Magie immer noch nicht zurück ist?" Tony schnippte mit einem Finger in Richtung der unbewegten Linie, die er gerade beobachtete.
Der Heiler verzog das Gesicht. „Der Brydda war sehr lange in seinem Körper. Ich habe zu wenig Daten, um zu beurteilen, wie sich das auf einen magischen Körper auswirkt. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis sie wiederkehrt." Oder ob sie überhaupt zurückkommt, las Tony zwischen den Zeilen.
Er sah besorgt auf seinen Gott, würde er es überleben, ohne seine Magie zu sein? Sie war ein Teil von ihm.
Tony strich zärtlich über Lokis Kopf und wechselte abrupt das Thema. „Kann ich ihn mit unter die Dusche nehmen?" Lokis Haar ließ den üblichen Glanz vermissen, und Tony bekam die wallende Haarpracht alleine mit Katzenwäsche nicht sauber. Aber das war nicht der einzige Grund. Er wusste aus eigener Erfahrung, wie schmutzig man sich nach der Gefangenschaft und Folter fühlte ...
Der Heiler sah ihn überrascht an, überlegte kurz und drehte sich dann nach rechts zu einer massiven Holztür. Er öffnete sie, und Tony blickte in das abgefahrenste Badezimmer, das er je gesehen hatte.
Es war halb Bad, halb ... was? Garten, Wald? Der kleine Innenhof maß ca. zehn auf zehn Meter und war teilweise überdacht. Dunkelgrüner Stein bedeckte die Wände und den Boden, zumindest bis zu dem Punkt, an dem er in Rasen und Waldboden überging. Durch einige hohe Nadelbäume fiel das helle Licht der Mittagssonne auf einen kleinen Teich. Das glasklare Wasser dampfte, und als Tony näher trat, erkannte er, dass er ebenfalls mit den grünen Steinen ausgelegt war.
„Voll abgefahren."
Hjálmarr gluckste neben ihm. „Ja, Loki hat so seine Vorlieben. Ich denke, du könntest ihn mit in die heiße Quelle nehmen. Das würde ihm sicher gut tun, denn das Wasser hilft ihm zu regenerieren. Loki hat die Quelle mit seiner Magie gespeist. Sei nur vorsichtig mit den frisch verheilten Wunden."
Tony zog gerade seine Hand aus dem angenehm warmen Wasser, er konnte es kaum erwarten, selber hier baden zu gehen. „Ich werde gut auf ihn aufpassen", versprach er.
„Ich weiß", lächelte Hjálmarr.
„Ich werde mir das morgen ansehen, kann sein, dass wir es bald entfernen müssen, Stark", fügte er hinzu und deutete auf Tonys Brust. Er winkte ab, und als der Heiler sich endlich mit einem Nicken verabschiedete, schloss Tony die große Doppeltür und legte bestimmt den Riegel vor.
Endlich alleine.
Er atmete tief durch und sah sich zum ersten Mal richtig in Lokis Räumen um. Neben dem Schlafzimmer und dem famosen Badezimmer gab es noch drei weitere Räume. Ein weiteres Schlafzimmer, den Empfangsraum und eine Bibliothek. Alles war in einem dunklen Grün gestrichen, die wenigen Möbel waren aus schwerem, dunklen Holz gefertigt und kunstvoll verziert. In der Bibliothek gab es einen offenen Kamin und ein Bücherregal bis hinauf zur hohen Decke.
„Gefällt mir", murmelte Tony, als er über weiche Teppiche zurück ins Schlafzimmer schritt. „Du hast einen guten Geschmack, Babe. Was hältst du später von einem heißen Bad?"
Er warf sich auf das weiche Bett und musste laut aufstöhnen. Oh Gott, das war himmlisch! Nach zwei Wochen auf einem harten Bett im Krankenflügel war das hier der Himmel auf Erden.
„Dein Bett ist der Hammer, und nicht nur, weil du gerade drin liegst." Die EKG-Linie schlug mit einem leisen Piepen aus, und Tony schnaubte.
„Und heute Abend wird gekuschelt, bild dir nicht ein, dass du das große Bett für dich alleine bekommst. Ich werd nicht im Gästezimmer schlafen", scherzte er weiter und erhielt als Antwort ein aufgeregtes Piepen des EKGs.
Er grinste zufrieden. „Das gefällt dir also, ja?" Piep, piep, piep. Tony rollte sich an die Seite seines Gefährten und drückte ihm einen Kuss hinters Ohr. Ja, das hier war so viel besser als der Krankenflügel.
„Ich geh mal kurz in dein wahnsinns Bad und bring meinen Bart wieder in Form. Ich lasse die Tür auf, dann hab ich dich im Blick, also komm nicht auf dumme Ideen." Piep, piep.
Tony war noch nicht ganz fertig mit seiner Rasur, als es leise an der großen Flügeltür klopfte.
Nicht mal eine Stunde, und sie mussten ihm schon wieder auf die Nerven gehen. Tony war lieber alleine und füllte die Stille mit Geräuschen nach seinem eigenen Geschmack, als ständig von plappernden Menschen umgeben zu sein. Deshalb hatte er auch so auf eine Verlegung Lokis gedrängt. Im Krankenflügel war man fast nie alleine.
Mit einem Handtuch über der Schulter öffnete er die Tür und sah sich Lokis Mutter gegenüber. Frigga lächelte ihn an. „Entschuldige die Störung, Tony, ich wollte dir nur das Buch vorbeibringen, über das wir letztens gesprochen hatten." Er trat zur Seite, um die Königin einzulassen.
„Oh, vielen Dank." Er nahm das Buch entgegen und drehte es neugierig in der Hand.
„Wie gefallen dir die Gemächer meines Sohnes?" Frigga war zielstrebig in das große Schlafzimmer und an die Seite ihres Sohnes getreten.
„Ich finde es schön hier. Noch eine Nacht länger auf der harten Krankenpritsche, und ich hätte selber ein Zimmer im Krankenflügel gebraucht", scherzte er.
Frigga schnaubte amüsiert. „Wie ich sehe, ihr seid gut versorgt. Falls du etwas brauchst, lass es mich wissen. Ich werde euch jetzt alleine lassen." Sie hauchte einen Kuss auf Lokis Stirn und strich ihm über die Wange. „Ich wollte nur kurz nach ihm sehen und dir das Buch bringen." Tony lächelte sie dankbar an und verabschiedete die Königin wenig später.
„OK, Babe, die Poolparty kann steigen", rief er durch die nun fast schon dunklen Räume. Er sollte wohl langsam die Kerzen anzünden, die überall verteilt waren. In Asgard schien es keine Glühbirnen zu geben, trotz all der Technologie im Krankenflügel. Das flackernde Kerzenlicht erzeugte jedoch eine heimelige Atmosphäre, das musste man den Asen lassen.
Wenig später stieg Tony mit seinem Gott in den Armen in die heiße Quelle. Als ihn das warme Wasser umfing, stöhnte er genussvoll auf. An einer Seite des Teiches entdeckte Tony einige steinerne Stufen und ließ sich mit Loki im Arm darauf nieder. „Nettes Fleckchen hast du hier", schnurrte er zufrieden und begann, Lokis Haar im warmen Wasser aufzufächern. Er sah, dass sich immer noch leichte rote Schlieren im Wasser bildeten. Er würde den ganzen Schmutz wegwaschen. Es sollte keine Spuren des durchlebten Alptraums zurückbleiben. „So, Rapunzel, dann wollen wir mal dein Haar herunterlassen."
Zwei Stunden und vier Paar schrumpelige Hände später hatte Tony seinen Gott wieder ins Bett verfrachtet. Er kontrollierte kurz die Werte auf dem Überwachungsbildschirm und ließ sich erschöpft, aber hochzufrieden neben Loki fallen.
Er hatte ihm kurzerhand eine seiner eigenen Boxershorts übergezogen und sonst nichts. Das Krankenhemd hatte er entsorgt. Es war die beste Option, da Unterwäsche in Asgard wohl noch nicht erfunden war. Der Gott wurde ohnehin den ganzen Tag an- und wieder ausgezogen, weil irgendwer irgendetwas kontrollieren wollte. So war es einfacher, entschied er.
Tony betrachtete die helle Haut seines Gefährten und studierte jeden Quadratzentimeter. Schließlich fuhr er mit den Fingerspitzen die Narben nach, die sich wie eine Landkarte vor ihm ausbreiteten.
Loki war dünn geworden. Der muskulöse Oberkörper war zwar immer noch wunderschön definiert, wirkte aber eigenartig zerbrechlich. Laut Hjálmarr konnten Asen bis zu einem Jahr ohne Nahrung überleben.
Tony hoffte, es würde nicht ein Jahr dauern, bis sein Gott wieder aufwachte. Er fing an, ihn zu vermissen, obwohl er hier neben ihm lag.
Er wollte seine Stimme hören, das genervte Schnauben, wenn er Unsinn redete. Die starken Arme, die ihn des Nachts festhielten. Die kühle Stirn an seiner, er wollte wieder in diese grünen Augen sehen und die Welt um sich herum vergessen.
Er seufzte tief und hauchte einen Kuss auf Lokis Lippen. Piep, piep, piep, piep. Tony grinste seinen Gott liebevoll an und blickte kurz zu dem Bildschirm auf. Seine Augen huschten über die Anzeige und blieben auf der Magie-Linie hängen, immer noch nichts.
Wollen wir doch mal sehen, dachte er und griff nach dem Buch, das Frigga ihm gebracht hatte.
Er deckte seinen Gott zu und stellte sicher, dass er es bequem hatte, dann rückte er näher und legte Lokis Hand auf seinen eigenen Oberschenkel. Körperkontakt war wichtig, und der Gott konnte das, dem Piepen nach, definitiv wahrnehmen.
Tonys Grinsen wurde noch breiter. „Ich habe gerade beide Hände voll, also musst du kurz übernehmen, Babe." War das ein leichter Druck auf seinem Bein gewesen? Das konnte nicht sein, oder? Er schüttelte den Kopf und griff nach seinem Iron Man Helm.
Das Buch war auf Altnordisch geschrieben, also brauchte er JARVIS für die Übersetzung. Er fing an, das Buch Seite für Seite zu scannen, seine AI würde es verarbeiten und für ihn abspielen.
Der Buchtitel klingt vielversprechend, dachte Tony: „Über Bünde und magische Bänder".
Er hatte Frigga gefragt, ob man Lokis Magie nicht einfach rufen könnte. So nach der Art „Ähm, hallo? Die Bedrohung ist vorbei, dein Meister braucht dich zurück." Die Königin hatte es bezweifelt, wollte aber ein bestimmtes Buch für ihn heraussuchen.
Vielleicht war es ja durch das Band möglich, Lokis Magie wiederzufinden, so wie es möglich gewesen war, Loki selbst damals wiederzufinden.
Als er fertig gescannt hatte, nahm Tony den Helm wieder ab und ließ JARVIS arbeiten. Er nahm Lokis Arm und streckte ihn zur Seite aus, rutschte nach unten auf sein Kissen und kuschelte sich in seine Kuhle an Lokis Seite. „Alles muss man selber machen", murmelte er und erntete ein Piepen des EKGs. Tony stupste mit dem Hintern an Lokis Seite und grinste.
„Sir, die Übersetzung ist komplett. Soll ich sie für Sie projizieren?", drang die leise Stimme von JARVIS aus seinem Helm.
Tony musste unbedingt zusehen, die AI in Lokis Räumen zu installieren. „Bitte, Jarv, und mach eine Liste mit den Dingen, die ich bräuchte, um dich hier zu installieren."
„Natürlich, Sir."
Ein Bildschirm flackerte über Tonys Kopf auf, und er begann im Liegen „Über Bünde und magische Bänder" zu lesen. Mit jeder Seite wurden Tonys Augen größer, und schließlich klappte ihm in ungläubigem Staunen der Mund auf. Das soll wohl ein Scherz sein! „Du kleiner Mistkerl", sagte er verdattert in Lokis Richtung. Er las den Absatz nochmal durch. „Jarv, ist das hier auch ganz sicher richtig übersetzt?"
„Ich habe die Übersetzung dreimal geprüft, Sir."
Verdammt, Loki! Wieso hatte er ihm das nicht gesagt?
„... von magischen Bändern, die äußerst selten sind, sagt man, es sei das stärkste Band, das zwei Individuen verbinden kann ... Für jeden sichtbar kennzeichnet es den Partner als sein eigen ... es erlischt erst mit dem Tod ... auch möglich mit nicht-magischen Wesen ... Gefühle und Emotionen werden zwischen den Individuen geteilt ... dies kann am Anfang zu einem emotionalen Ungleichgewicht führen ... tiefempfundene Liebe ... Magie kann nicht übertragen werden ..."
Tony schluckte und sah seinen Gott an. Hatte Loki hiervon gewusst, als sie entdeckt hatten, was seine Magie in jener Nacht angestellt hatte?
Er vermutete stark, dass er es gewusst hatte. Denn er erinnerte sich an den Blick, den der Gott damals mit Thor getauscht hatte. Loki hatte diese Dinge mit keinem Wort erwähnt, als er Tony darum gebeten hatte, das Band verstärken zu dürfen. Hatte mit keinem Wort erwähnt, dass er ihm damit praktisch einen metaphorischen Ring an den Finger gesteckt hatte. Verdammt nochmal! Da knutschte man einmal in einer kompletten Ausnahmesituation mit einem verdammten Gott und wachte mit einem Ehering am Finger wieder auf.
Tony Stark war niemand für feste Bindungen, aber er hatte sich auf das hier eingelassen, weil es sich richtig angefühlt hatte. Es fühlte sich immer noch richtig an, aber es wäre schön gewesen, wenigstens gefragt zu werden. „Na warte, du kannst was erleben, wenn du wieder aufwachst", grollte er und blickte zu dem schlafenden Gott an seiner Seite. Na gut, es war jetzt eh nicht mehr zu ändern, es stand hier schwarz auf weiß.
Tony wollte jetzt nicht darüber nachdenken, was das alles für ihn bedeuten mochte. Er wollte etwas anderes versuchen, das in dem Buch beschrieben wurde. Er setzte sich auf und schlug die Decke zurück. „Jarv, kannst du mir Kapitel 11 vorlesen? Den Absatz mit dem Magie-Ruf bitte." Die AI tat wie geheißen, und Tony legte beide Hände auf Lokis Brust und schloss die Augen. apt-r-kal-a dachte er und wiederholte dieses Mantra im Geiste immer wieder.
Das Ritual war klar beschrieben. Verbunde konnten die Magie des jeweils anderen rufen, sollte sie verloren gehen. Man sollte seinen Partner berühren und sich auf seine Magie konzentrieren während man die Worte dachte. Nun hatte er zwar keine eigene Magie, aber er fokussierte sich auf das Gefühl das er immer hatte wenn Loki Magie wirkte. Ein Versuch war es wert.
Tony war sich sicher, dass Loki aufwachen würde sobald seine Kraft zurückkehrte. Nach den Offenbarungen des Abends, vermisste er ihn nicht nur, er hatte auch ein Hühnchen mit ihm zu rupfen. Aber die Sehnsucht nach seinem Partner überwog ganz eindeutig. Er fuhr mit dem Ritual fort.
Als er nach einer Weile die Augen wieder öffnete, konnte er keine Veränderung feststellen, die Magie-Linie blieb unverändert geradlinig.
„Ach komm schon." Frustriert ließ sich Tony wieder neben Loki fallen. „Hey Tinkerbell, wenn du mich hörst, komm zurück, er braucht dich", flüsterte er dicht an Lokis Brust. „Und ich vermisse mein grünes Glühwürmchen."
Er würde es morgen noch einmal versuchen. Er kuschelte sich wieder an seinen Gott und deckte sie beide bis zur Nasenspitze zu. Seine Hand ließ er auf Lokis Brust ruhen. Seinen Herzschlag unter den Fingern zu spüren hatte eine beruhigende Wirkung auf Tony, und er glitt schließlich in einen friedlichen Schlaf.
Einige Stunden später erwachte unbemerkt ein grünes Leuchten zwischen Hand und Brust erneut zum Leben.
Loki spürte, wie seine Magie zurückkehrte – endlich.
Die Dunkelheit war nicht so schlimm gewesen, wie er befürchtet hatte. Sein Sterblicher hatte die Stille gefüllt. Mit seiner Stimme und seinen Berührungen – so wie er es ihm versprochen hatte.
Loki spürte nun, wie er aus dem Heilschlaf erwachte; sein Körper hatte nur auf die Rückkehr seiner Magie gewartet.
Blinzelnd schlug er die Augen auf und blickte an die Decke seiner eigenen Gemächer. Dann hatte er sich das warme Wasser auf seiner Haut nicht eingebildet. Tony hatte ihn tatsächlich in seine eigenen Räumlichkeiten gebracht und war mit ihm in die heiße Quelle gestiegen.
Er fühlte den warmen Körper neben sich und drehte den Kopf. Da war er ja, sein Liebster. Er lag auf Lokis ausgestrecktem Arm und hatte sich an seine Seite gekuschelt, das Gesicht an seiner Brust vergraben. Loki hatte gespürt, wie Tony versucht hatte, mithilfe des Bandes seine Magie zu rufen – es hatte offenbar funktioniert. Es bedeutete ihn mehr als er jemals sagen konnte.
„Danke, Liebster", hauchte er mit rauer Stimme, drehte sich auf die Seite und zog seinen Sterblichen in eine feste Umarmung.
Tony erwachte langsam aus einem erholsamen, tiefen Schlaf. Genüsslich nahm er die Wärme wahr, die ihn zu umgeben schien. Starke Arme hielten ihn fest, und ein Bein war mit seinen eigenen verschlungen. Weiche Fingerspitzen streichelten seinen Rücken ... Moment! Tony hielt den Atem an und blickte langsam nach oben.
Grüne Augen sahen zurück, und sein Gott lächelte ihn verschmitzt an. „Guten Morgen, Liebster."
Tony wollte sich aufsetzen, aber diese starken Arme hielten ihn an Ort und Stelle. „Wie ... was ... Loki!", stammeln er. Aber da wurde er schon in einen zärtlichen Kuss gezogen, den er nach einem Augenblick heftig erwiderte.
Er war erwacht!
Hatte der Magie-Ruf gestern etwa doch funktioniert?
„Ich hab dich vermisst", flüsterte er zärtlich, als sie sich voneinander lösten.
Loki konnte die Augen nicht von ihm lassen, als er zustimmte: „Ich dich auch, Liebster."
Er zog Tony wieder an seine Brust und presste ihn so fest an sich, als wollte er ihre beider Körper miteinander verschmelzen. Tony ließ ihn gewähren und genoss das Gefühl seines lebendigen Körpers.
Sehr lebendig, bemerkte er wenig später. Unglaublich! Tony ließ seine Fingerspitzen über Lokis Rücken gleiten und krallte sie schließlich in dessen Arschbacke.
„Hast du, ja? Was genau soll das werden, 'Mister gerade von den Toten auferstanden'?"
Sein Gott seufzte zufrieden auf und sah ihn unschuldig an. Was folgte, war atemberaubend und nicht jugendfrei. Schwer atmend und verschwitzt lagen sie ineinander verschlungen wenig später auf der weichen Matratze.
„Huhh, das ... das war gut", brachte Tony endlich hervor.
Loki hob fragend eine Augenbraue. „Gut?" Er klang tatsächlich beleidigt.
Tony schmiegte sich an ihn. „Mein Hirn ist noch im Nirvana, Babe. Wie wäre es mit umwerfend, fantastisch, nicht von dieser Welt, atemberaubend, fabelhaft, phänomenal?" Dies zauberte einen zufriedenen Ausdruck auf Lokis Gesicht, und Tony musste lachen.
Dann fiel ihm die entscheidende Frage wieder ein: „Ist deine Magie zurück?" Ein hinterlistiges Lächeln umspielte Lokis Lippen, und er zog ihn näher zu sich.
„Warte, was ...?" Weiter kam Tony nicht, da sie sich in Luft auflösten und einen Herzschlag später platschend im warmen Wasser landeten. Prustend tauchte er auf und blickte seinen Gott finster an, der glücklich vor ihm im Teich plantschte. „Ein einfaches JA hätte gereicht. Du hast meine Frisur ruiniert!"
Loki tauchte mit einem Grinsen unter und schwamm auf Tony zu. Er beobachtete fasziniert, wie der geschmeidige Körper seines Gottes von der schwarzen Wolke seiner Haare in dem glasklaren Wasser umspielt wurde. Dann war Loki bei ihm und tauchte auf, rieb dabei seinen Körper gegen Tonys, küsste ihn und hob ihn hoch.
Er schlang sofort reflexartig seine Beine um Lokis Hüfte und seine Arme um dessen Schultern. Als wäre es alles eine lang einstudierte Choreographie, schoss es Tony durch den Kopf. Sein Körper handelte ganz ohne sein Zutun.
Sie sollten das nicht tun, Loki war gerade aus einem langen Heilschlaf erwacht und ... Weiter konnte er nicht mehr denken, denn Loki drang zum zweiten Mal in ihn ein und ließ ihn alles andere vergessen.
Er stöhnte laut auf und krallte sich in den Rücken seines Gottes. Wie konnten diese Hände überall gleichzeitig sein, fragte er sich, bevor eine gewaltige Welle ihn mit sich riss und er sich in Lokis Händen auflöste.
Er warf den Kopf zurück, und Loki nutzte die Chance, leckte und küsste über seinen Hals, bis er sich in seinem Schlüsselbein verbiss und mit schnellen, tiefen Stößen selbst zum Höhepunkt kam.
Der Hunger seines Gottes schien aber keinesfalls gestillt. Eine gierige Zunge forderte Einlass in Tonys Mund, und er konnte dem nichts entgegensetzen. Wollte es auch gar nicht – er wollte diesen Mann genauso sehr, wie dieser ihn wollte.
Er wand sich aus Lokis Griff und stieß ihn an den Rand des Beckens zu den Steinstufen, drehte den sich windenden Körper und pinnte ihn dort fest. Er strich über Lokis Seite nach vorne und fand, wonach er gesucht hatte.
„Anthony", keuchte sein Gott auf. Dieses eine Wort reichte aus, und Tony ließ alle Zurückhaltung fahren. Er drängte sich in seinen Geliebten und biss ihm in die Schulter. Bewegte sich mit tiefen, drängenden Stößen, und Loki stöhnte laut auf und krallte seine Finger in die weiche Erde am Ufer.
Es dauerte nicht lange, und sein Gott kam mit einem gewaltigen Zittern in seiner Hand, und Tony folgte kurz darauf. Er ließ sich schwer auf Lokis Rücken fallen, und das Zittern seines Gottes setzte sich in seinem Körper fort.
„Ek ann þér, Babe", flüsterte er in Lokis Ohr und biss ihm wieder in die Schulter. Markierte seine Lieblingsstelle. Auch wenn er wusste, dass das Mal durch die zurückkehrende Magie bald verblassen würde. Er fühlte, wie sein Gott bei diesen Worten unter ihm erschauderte, und lächelte zufrieden in dessen Schulter.
Was hatten sie gerade getan? Von einer Sekunde zur anderen war da wieder dieser Rausch gewesen, der sie hinfortriss – in einer irrwitzigen Geschwindigkeit.
So war es bisher immer gewesen. Alles ging furchtbar schnell. Aber das hier war nicht nur ungestümer, leidenschaftlicher Sex gewesen. Da war ein fragendes Tasten, ein Wiedererkennen und eine Bestätigung in jeder Berührung gewesen.
Tony hatte wieder das Gefühl, als wäre etwas tief in seinem Inneren an seinen angestammten Platz gefallen.
Was war noch gleich in dem Buch gestanden? Gefühle und Emotionen werden zwischen den Individuen geteilt. Das würde erklären, warum sich alles so unglaublich und hundertfach verstärkt anfühlte.
Es würde auch erklären, warum er seit dieser Nacht im Krankenzimmer des Stark Towers so emotional war: „Dies kann am Anfang zu einem emotionalen Ungleichgewicht führen."
Ja, wenn er nicht nur seine eigenen Gefühle wahrnahm, sondern auch ... Ein genüssliches „Hmmhh" riss ihn aus seinen Gedanken.
„Gut?", fragte er und erntete einen Stoß eines verdammt knackigen Arsches gegen sein bestes Stück. Sehr gut.
„Ich glaube, du musst mich tragen, Anthony, ich spüre meine Beine nicht mehr", murmelte Loki über seine Schulter.
Mit einer Handbewegung drehte er seinen Gott zu sich und küsste ihn. „Wirst du wohl die Klappe halten." Er schlang sich Lokis Beine um die Hüften und hob ihn hoch. „Komm her ..."
Am Ende trug er ihn wirklich zurück ins Bett, denn Loki konnte sein linkes Bein noch nicht wieder belasten.
Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen bemerkte Tony, dass besagtes Bein wieder angefangen hatte zu bluten. Die Wunden, die durch den Brydda verursacht wurden, heilten verdammt langsam.
„Sag bloß Hjálmarr nicht, was wir gerade getrieben haben. Er bringt mich um und dich wahrscheinlich auch", sagte Tony gerade und zog sich an. Da klopfte es an der Tür und besagter Heiler um Einlass für die Morgenvisite bat.
Als er Loki aufrecht im Bett sitzen sah, geriet er für seine Verhältnisse völlig aus dem Häuschen. „Heerführer!", rief er begeistert aus und stürzte sehr unheilerhaft auf Loki zu und ergriff dessen Hände.
„Alter Freund", begrüßte ihn Loki und ließ den Heiler gewähren, als ihn dieser in die asgardische Stirngeste zog.
Tony war verblüfft. Hjálmarr hatte ihm zwar erzählt, dass er unter Loki in Vanaheim gekämpft hatte und ihn schon lange kannte, aber dies schien eine leichte Untertreibung gewesen zu sein. Es sah so aus, als wären die beiden Heiler hier mehr als Waffenbrüder.
Er beschloss, den Freunden einen Moment zu geben, und murmelte etwas von wegen, er werde Thor und die königlichen Hoheiten suchen gehen.
Der Tag verging in freudigen Wiedersehen. Bevor er sich versah, war es Abend, und Tony saß an einer improvisierten Festtafel in Lokis Empfangsraum. Der Tisch bog sich unter opulenten Speisen, und der Met floss in großzügigen Mengen.
Das Gefühl der inneren Anspannung fiel langsam von ihm ab. Tony wurde dadurch erst richtig bewusst, wie sehr ihn die ganze Sache belastet hatte.
Er prostete seinem Gott über den Tisch hinweg zu und schenkte ihm ein breites Lächeln. Lokis Erwiderung wirkte angespannt. Tony konnte es nicht nur sehen, nein, er spürte es auch.
Seit Loki wieder aufgewacht war und Tony Friggas Buch gelesen hatte, übte er die Gefühle zuzuordnen, die er durchlebte.
Er fand, er konnte bereits ganz gut unterscheiden, was seine eigenen und was Lokis waren – wenn man bedachte, dass er es erst seit knapp einem Tag versuchte.
Lokis Gefühle fühlten sich irgendwie warm und grün an. Er wusste nicht, wie er es anders beschreiben sollte.
Jetzt fragte er sich, was der Grund für die Unruhe seines Gottes war. An dem großen Tisch saß nur Lokis Familie und er selbst.
Er sah sich unauffällig um. Ach ja, natürlich – Daddy war das Problem. Auf Tony wirkte er freundliche, obwohl Odin nur wenig sagte.
Er betrachtete den Allvater aus dem Augenwinkel, und stellte er fest, dass dieser seinen Sohn aufmerksam musterte. Loki schien dieser Blick unangenehm zu sein. Seine Bewegungen wirkten fahrig und er sah stur auf seinen Teller. Hilfesuchend warf er seinem Bruder einen Blick.
Thor versuchte prompt, die Aufmerksamkeit von Loki abzulenken, und wandte sich an Tony. „Nun, Freund Stark, es sind fast zwei Monate vergangen, und alles, was du von Asgard gesehen hast, sind die Gemächer meines Bruders und der Krankenflügel. Hättest du Lust, dir morgen die Stadt anzusehen? Ich würde dir gerne alles zeigen." Er lächelte ihn breit an.
Der Donnergott hatte recht, und Tony war durchaus neugierig auf die Stadt der Götter.
„Ja, gerne, mein Großer", antwortete er nach einem kurzen Blick zu Loki, der ihm unmerklich zunickte.
„Wunderbar, dann hätte mein Sohn vielleicht Zeit, sich morgen mit mir zu unterhalten", warf Odin in Lokis Richtung ein.
Loki versteifte sich, nickte aber. „Wie Ihr wünscht, Allvater."
Frigga hob die Runde schließlich auf, indem sie verkündete, sie sei müde.
Wenig später waren sie wieder alleine, und Tony trat zu Loki auf den kleinen Balkon ihres Schlafzimmers. „Okay, sagst du mir, was dich so beunruhigt, oder tun wir so, als wäre nichts?" Er schlang die Arme um Lokis Mitte und legte den Kopf an dessen Rücken.
Sein Gott lehnte sich gegen ihn, atmete tief ein und stieß die Luft mit einem leisen Seufzen wieder aus. „Ich fürchte, ich weiß, über was mein Vater mit mir sprechen möchte." Tony schwieg und wartete darauf, dass er fortfuhr. „Ich bin neugierig, welche Strafe er sich dieses Mal für mich überlegt hat."
Tony hob den Kopf von Lokis Rücken. „Was für eine Strafe? Wofür?" Er war verwirrt. Von was redete sein Gott denn da?
„Midgard", sagte dieser schlicht.
„Aber war deine Strafe nicht, mit den Avengers zu arbeiten? Außerdem war es doch gar nicht deine Schuld, du wurdest kontrolliert." Das war doch lächerlich.
Odin hatte Tony gebeten, die Ereignisse ihrer Entführung zu schildern, in allen Einzelheiten, und er hatte nicht verärgert, sondern eher besorgt gewirkt.
Loki schnaubte. „Meistens interessiert es ihn nicht, was meine Beweggründe sind oder ob es wirklich meine Schuld war."
Tony löste sich von Loki und trat an dessen Seite. Sein Gott ließ die Schultern hängen und wich seinem Blick aus. „Vor Midgard habe ich vielleicht auch noch einen kleinen Anschlag auf Jotunheim verübt." murmelte er. „Mein Bruder hat mich aufgehalten, und anschließend ließ ich mich vom Bifröst in die Dunkelheit fallen." Das war neu, Tony sagte aber nichts darauf. „Sicher wird es zumindest für Jotunheim Konsequenzen geben, wenn schon nicht für Midgard."
Sie blickten auf die schlafende Stadt unter ihnen. „Du hast mir nie erzählt, was passiert ist", sagte Tony schließlich leise.
„Ich bin nicht stolz auf das, was ich getan habe", erwiderte Loki und mied weiterhin seinen Blick. „Ich habe kurz zuvor herausgefunden, woher ich wirklich stamme und was ich bin." Er starrte auf seine Hände und begann mit leiser Stimme zu erzählen, was passiert war. „Ich bin ein Monster, und er wird mich richten, ich weiß es", schloss er traurig.
Tony legte seine Hand auf Lokis, die das Geländer umklammerte. „Du bist kein Monster, Babe", sagte er schlicht.
Loki sah ihn aufmerksam an. „Du hast mich nie in meiner wahren Gestalt gesehen, du kannst es nicht wissen."
Tony legte den Kopf schief und sagte: „Zeig sie mir und lass mich selber entscheiden."
Loki schüttelte nur den Kopf. „Ich kann nicht. Der Allvater legte damals einen Zauber über mich, um meine wahre Gestalt zu verbergen. Anscheinend ist er immer noch so stark, dass er selbst dem Brydda standhalten konnte. Ich dachte in dem Schattenreich wirklich, ich würde mich verwandeln, als meine Magie verschwand, aber ..."
Tony nickte, fragte aber dann: „Woher weißt du dann, dass du ein Eisriese bist?"
Loki atmete tief ein. „Als mich bei einem Kampf einer der Eisriesen berührte, färbte sich meine Hand blau. Es ließ mir keine Ruhe, und ich ging in die Schatzkammer, um nach einem alten Artefakt aus Jotunheim zu suchen. Als ich es berührte, begann ich mich zu verwandeln. Dann fand mich Odin, und alles nahm seinen Lauf." Tony drehte sich nun ganz zu dem traurigen Gott neben ihm und strich ihm über den Rücken.
„Wieso machst du dir jetzt schon darüber Gedanken? Du weißt nicht, über was dein Vater mit dir reden möchte. Lass es einfach auf dich zukommen."
Loki blickte überrascht auf. „Du ... du verurteilst mich nicht?" Er klang ungläubig, so als ob er damit gerechnet hätte, dass Tony nach diesem Geständnis hinausstürmen würde.
Er zuckte mit den Schultern. „Wieso sollte ich? Jeder hat eine Vergangenheit." Außerdem hört es sich so an, als wärst du lediglich Amok gelaufen, weil sie nicht von Anfang an ehrlich zu dir waren, dachte er. Und weil sie dich im Glauben erzogen haben, Eisriesen wären Monster, und dich dann herausfinden ließen, dass du selbst einer bist.
Diese Tatsache hätte jeden fertiggemacht. Wer war er, um über Loki zu urteilen? Er wusste selbst nicht, was er in so einer Situation getan hätte.
„Außerdem, Babe, bleibst du du, egal in welcher Form." Damit zog er ihn an sich und küsste ihn. „Lass uns schlafen gehen."
Kapitel 15 / Eine Kneipentour in Asgard
Er schlief schlecht, schreckte immer wieder aus Alpträumen hoch und wurde jedes Mal von seinem Sterblichen beruhigt. Wie dieser neben ihm schlafen konnte, wo er sich doch ständig hin und her wälzte, war ihm ein Rätsel.
Loki lag auf dem Rücken und starrte an die Decke. In den Decken neben ihm raschelte es, und ein warmer Arm legte sich über seine Brust. Trotz der dunklen Gedanken in seinem Kopf musste er lächeln, als er den warmen Atem an seiner Brust spürte.
Tony kuschelte sich in seine angestammte Kuhle an Lokis Seite und murmelte: „Kannst du endlich aufhören, darüber nachzudenken, was morgen wird? Ich kann den Rauch ja schon riechen."
Loki seufzte schwer und versuchte, seinen Kopf zu leeren. Es funktionierte nicht, und er warf frustriert den Kopf zur Seite. Tony legte besitzergreifend ein Bein über Lokis und pinnte ihn damit ans Bett, platzierte einen Kuss auf Lokis Brust, direkt dort, wo sein Kopf lag. „Versuch zu schlafen, Babe, du machst mich noch ganz wuschig." Loki wusste nicht, was das bedeuten sollte, aber er versuchte es, er versuchte es wirklich.
Schließlich seufzte Tony schwer auf. „Herrgott noch mal!" Er rollte sich auf Loki und pinnte ihn mit Armen und Beinen ans Bett, sodass er sich nicht mehr bewegen konnte.
„Was machst du?", fragte er überrascht. Er hatte doch versucht, ruhig zu liegen.
Tony knurrte ihn an: „Ich kann deine Unruhe spüren, ich nehme wahr was du empfindest."
Loki blickte ihn verwirrt an. „Wie meinst du das?"
Tony grinste ihn an. „Das Band, Loki. Ich fühle, was du fühlst – schon vergessen? Du hast dieses Buch doch bestimmt auch gelesen." Sein Sterblicher blickte kurz zu seinem Nachttisch, auf dem nach wie vor das Buch „Über Bünde und magische Bänder" lag.
Betreten sah er den Buchrücken an. Ja, Loki hatte es gelesen, vor langer Zeit. Damals, als er darüber nachgedacht hatte, einen Bund mit seinem damaligen Gefährten einzugehen, bevor dieser auf dem Schlachtfeld gefallen war.
Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil Tony alles, was er wissen musste, aus einem Buch erfahren hatte und nicht aus seinem Mund. Das Geständnis hatte er immer wieder aufgeschoben, und dann war keine Zeit mehr gewesen, zu erklären.
Er hielt seinen Blick auf den Buchrücken gerichtet, hatte Angst, seinen Gefährten anzusehen, hatte Angst vor dem vorwurfsvollen Blick.
Tony änderte seine Position auf ihm, er fasste Lokis Handgelenke mit einer Hand und pinnte sie über seinem Kopf auf die Matratze. Loki spürte, wie sein Kinn mit sanftem Druck herumgedreht wurde und blickte in braune Augen, die ihn keinesfalls vorwurfsvoll ansahen, sondern entschlossen.
„Du lässt mir keine andere Wahl, als dich auf andere Gedanken zu bringen", sagte er, bevor er ihn küsste und ihn alles um sich herum vergessen ließ. Oh, das funktioniert ziemlich gut. Loki schnappte nach Luft, als Tony von ihm abließ, nach wie vor tief über ihn beugte.
Er wollte mehr, wollte nicht mehr grübeln, wollte sich nicht weiter quälen. Loki beugte sich nach oben, aber Tony hielt ihn zurück. Er bäumte sich auf, wand sich im eisernen Griff seines Sterblichen.
„Schon besser, oder?" fragte dieser mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht. „Wollen wir doch mal sehen..." Er ließ sein Becken nach vorne rucken, und Loki sog scharf die Luft ein, spürte, wie seine Lust erwachte.
Endlich beugte sich Tony nach unten und küsste und knabberte an seinem Hals, entlockte ihm süßes Stöhnen. Als sich seine Lippen schließlich wieder auf Lokis legten und seine Zunge fordernd Einlass verlangte, hörte die Welt endlich auf zu existieren.
Tony ließ ihn alles vergessen. Er schenkte ihm Frieden und ließ die Stimmen in seinem Kopf verstummen. So war es schon immer gewesen, und er war ihm dankbar dafür.
Schwer atmend lagen sie danach nebeneinander, und Loki spürte, wie er langsam in den Schlaf glitt. Er zog seinen Sterblichen fest an sich. „Danke", flüsterte er in die braunen Haare. „Hmmm", kam die schläfrige Antwort, bevor sie beide in einen traumlosen Schlaf glitten.
Die Unruhe kehrte erst am Morgen zurück, nachdem sein Bruder Tony für die Sightseeing-Tour durch Asgard abgeholt hatte. Thor hatte gesagt, sein Vater würde in Lokis Gemächer kommen. Was komisch war, wenn der Allvater über ihn Recht sprechen wollte, müsste das im Thronsaal passieren. Vielleicht würde Tony Recht behalten und es würde nicht so schlimm werden wie befürchtet.
Ungeduldig ging er in seinen Räumen auf und ab. Lange hielt er es nicht aus, da sein linkes Bein immer noch schmerzte. Hjálmarr hatte ihm gestern einen neuen Verband angelegt und festgestellt, dass die Wunde immer noch nicht heilen wollte. Loki konnte die beiden Stellen, an denen sein Bein durchstoßen worden war, nicht spüren, und er humpelte mehr, als dass er ging. Aber er verdrängte den Gedanken, als es an seiner Tür klopfte und Odin um Einlass bat.
Sie setzten sich in die gemütliche Ecke der Bibliothek, nahe dem offenen Kamin. Mit einem flinken Schnippen ließ Loki ein behagliches Feuer auflodern, das die Räume mit sanftem Licht erfüllte.
„Nun, über was wolltest du mit mir sprechen, Vater?" Loki betonte das letzte Wort. Es fühlte sich seltsam an, diesen Mann „Vater" zu nennen, jetzt, wo er die Wahrheit kannte.
Odin hob die Augenbrauen, ihm war nicht entgangen, was Loki meinte „Genau darüber wollte ich sprechen", sagte er ruhig. „Du hattest einige Fragen, als wir uns das letzte Mal sahen, und ich konnte sie dir nicht beantworten. Ich würde das gerne nachholen."
Loki neigte überrascht den Kopf. „Oh", war alles, was er darauf sagen konnte. Dies war das Letzte, womit er gerechnet hätte. Odin wollte sich erklären? Als sein Bruder ihm diese Nachricht vor Monaten überbracht hatte, hatte Loki gedacht, es sei ein Scherz, aber offensichtlich hatte der Allvater es ernst gemeint.
„Du warst ein unschuldiges Baby, als ich dich fand. Zurückgelassen auf einem Stein in einer unwirtlichen Wildnis abseits des Schlachtfeldes", begann Odin. „Ich nahm dich mit, aus einem Impuls heraus, den ich mir damals nicht erklären konnte. Es war nichts Berechnendes darin, das schwöre ich dir. Es war Mitgefühl für ein verlassenes Geschöpf, das weinte und sich nach Wärme sehnte. Ich tat mein Bestes, um dir diese Wärme zu schenken, Loki. Doch je älter du wurdest, desto mehr schien ich zu versagen. Es tut mir leid, mein Sohn."
Loki war sprachlos. Was passierte hier gerade? Er konnte den Schmerz nicht aus seiner Stimme verbannen, als er fragte: „Wieso habt ihr es mir nicht schon früher gesagt?"
Odin sah aus, als würde die Last aller neun Welten auf seinen Schultern lasten. „Ich wollte dich nicht verlieren", sagte Odin mit brüchiger Stimme, und Loki war wie vom Donner gerührt.
„Ich fürchtete, du würdest dich von mir abwenden, wenn du erfährst, woher du wirklich stammst. Du warst ein junger Mann, und wie alle jungen Männer warst du wütend auf deinen Vater. Der dir in deinen Augen immer nur Unrecht tat", fuhr Odin fort.
„Ich tat alles nach bestem Gewissen, um dir zu geben, was du brauchtest. Ich versuchte, dich zu lehren, was es bedeutet, ein Mann, ein Prinz zu sein. Verantwortung zu tragen und zu führen."
Loki war sprachlos und blickte zu dem König vor ihm, der ihn aus müden Augen anblickte. „Ich bin es müde zu kämpfen, mein Sohn. Du hast jedes Recht, auf diesen alten Mann wütend zu sein, aber wisse...", und ein Funke glomm in diesen müden Augen auf, „... ich war immer stolz auf dich."
Eine schwere Stille senkte sich über den Raum, nur unterbrochen vom Knistern des Feuers.
Es dauerte lange, bis Loki Worte fand. „Ich hatte immer das Gefühl, du bevorzugst Thor, und dass ich dir nichts recht machen konnte. Ich hatte immer das Gefühl, falsch zu sein", er starrte auf seine zu Fäusten geballten Hände.
Odin erhob sich und kniete vor seinem Sohn nieder, nahm die geballten Hände in die seinen. Loki zuckte zusammen und hielt den Atem an.
„Es tut mir leid, Loki. Ich war zu streng mit dir, das weiß ich nun. Aber ich wollte dich auf deine Aufgabe vorbereiten, ich wollte dich stark machen. Verzeih mir", flehte der Allvater auf Knien.
Loki schnürte sich die Kehle zu, während er heiße Tränen auf seinen Wangen spürte. Solche Worte hatte er aus dem Mund dieses Mannes noch nie gehört.
Sein Vater zog ihn in eine kurze Umarmung und legte anschließend die Stirn an seine. „Du bist nicht falsch, Sohn. Du hast vielleicht nicht mein Blut, aber du bist mein Sohn, so wie Friggas und du bist Thors Bruder. Du gehörst nach Asgard."
Loki öffnete die Fäuste und drückte die Hände seines Vaters. „Danke", stieß er hervor. Odin erhob sich und nickte ihm lächelnd zu.
„Danke dir, dass du mich angehört hast. Denk über das Gesagte nach. Wenn du soweit bist, komm mit deinem Bruder zu mir, wir haben einiges zu besprechen." Damit ließ er Loki verwirrt am Feuer zurück.
„Und da drüben sind die königlichen Ställe. Würdest du sie gerne sehen?" Thor ist einfach ein klasse Fremdenführer, dachte Tony und versuchte, mit dem Donnergott Schritt zu halten. Es gab keinen Fleck in Asgard, den er heute nicht gesehen hatte.
„Gerne, aber wie wäre es vorher mit einer kurzen Pause? Ich hab bestimmt schon 100 Kilometer auf dem Tacho." Als Thor nur die Stirn runzelte, fügte er hinzu: „Wir haben schon eine ganz schöne Strecke zurückgelegt. Gib meinen Füßen eine Verschnaufpause, Großer." Der Gott lachte auf und führte Tony zu einer Taverne in der Nähe. Sie ließen sich auf einer der Bänke davor nieder.
Während Thor hineinging, um Getränke zu organisieren, genoss Tony mit geschlossenen Augen den Sonnenschein. Sie waren den ganzen Tag unterwegs gewesen. Am besten hatte ihm wohl die Sternwarte gefallen. Tony war so vertieft in seine Gedanken, dass er den großen Asen nicht bemerkte, der zu ihm trat. Erst als ein Schatten auf sein Gesicht fiel, öffnete er ein Auge. Der Mann musterte ihn fragend.
„Äh, kann ich irgendwie helfen?", fragte Tony verdutzt und blinzelte im schwindenden Sonnenlicht.
„Verzeiht bitte, mein Herr, aber seid Ihr der Mann aus Eisen?" Tony nickte nur. Der Ase schlug sich mit der Faust an die Brust und verbeugte sich leicht. „Mein Name ist Carr, Herr." Er schien auf eine Erwiderung zu warten, also erhob Tony sich und streckte ihm die Hand entgegen.
„Sehr erfreut, Carr. Ich bin Tony. Was kann ich für dich tun?" Der Mann schüttelte verdutzt die angebotene Hand. „So begrüßt man sich auf Midgard", half Tony nach, und Carr schenkte ihm ein Lächeln.
„Ihr seid der Gefährte des Heerführers, richtig?", fragte er in seiner tiefen, ruhigen Stimme. Als Tony dies bejahte, fuhr er fort: „Ich habe gehört, er sei aus dem Heilschlaf erwacht. Wie geht es ihm?" Er klang aufrichtig besorgt und zog die Stirn in Falten.
Tony konnte sich die Quelle dieser Informationen vorstellen. Er kannte nur einen Heiler, der Loki ebenfalls mit ‚Heerführer' ansprach. Hjálmarr war mittlerweile ein Freund. Wenn er Carr vertraute, war er okay. Also gab Tony dem Mann bereitwillig Auskunft.
Carr atmete erleichtert auf, als er hörte, dass es Loki gut ging. Und als Thor mit zwei gut gefüllten Humpen Met aus der Tür trat, begrüßte er ihn wie einen alten Freund. „Freund Carr, es ist lange her." Er umarmte den Mann herzlich. „Was führt dich in diese Gegend? Setz dich und trink mit uns."
Carr nahm die Einladung dankend an. „Ich wollte den Mann aus Eisen um einen Gefallen bitten." Er setzte sich und zog dabei ein Bündel aus seiner Tasche. „Könntet Ihr bitte sicherstellen, dass der Heerführer dies erhält?"
Er schob das Bündel leicht in Tonys Richtung. „Ähm, sicher. Was ist es?" Für solche Spielchen war Tony viel zu neugierig. Er betastete das Bündel bereits, als Carr ihn lächelnd aufforderte, es zu öffnen.
Er schlug den Stoff zurück, und zum Vorschein kam ein wunderschön gearbeiteter Dolch. Er nahm ihn hoch und betrachtete die elegante Waffe. Die Klinge war in Wellen geschwungen und etwa 30 cm lang, aus poliertem Stahl und mit einem kunstvoll verzierten Griff versehen.
Tony sah genauer hin und erkannte eine kleine Pflanze mit gezackten Blättern und einer komisch geformten Blüte. Es sah aus wie ein Kürbis mit Schlangenkopf. Die Pflanze kam ihm bekannt vor.
„Rhinanthus minor", sagte Carr, als Tony mit den Fingerspitzen über die Gravur strich. „Auch bekannt als Lokis Geldbeutel", lachte er und streckte die Hand aus. „Darf ich?" Er nahm den Dolch entgegen und legte ihn auf seinen Zeigefinger. „Perfekt ausbalanciert." Er ließ ihn in der Hand herumwirbeln und hielt ihn Tony mit dem Griff voran entgegen.
„Beeindruckend", sagte er, nahm die Waffe und schlug sie wieder in das Tuch ein.
„Es ist ein Geschenk seiner Garde. Könntet Ihr ihm das bitte ausrichten?" Tony sah überrascht von Carr zu Thor, der ihn anstrahlte. Garde?
„Äh, ja, natürlich." Carr lächelte ihn dankbar an.
„Vanaheim, Freund Stark", erklärte Thor schließlich, als Tony ihn nach wie vor fragend ansah.
„Könnte mich mal bitte jemand über Vanaheim aufklären? Ich höre immer nur Bruchstücke der Geschichte." Damit hatte Tony die Büchse der Pandora geöffnet.
Es endete damit, dass sie schließlich von einer Menschenmenge umgeben waren und Kriegsgeschichten erzählten.
Tony erfuhr alles über die Schlacht in Vanaheim. Über die königliche Garde, die sowohl Thor als auch Loki als Prinzen von Asgard gehabt hatten. Darüber, wie Loki seinen schwer verletzten Bruder eigenhändig vom Schlachtfeld getragen hatte. Und über den hart erkämpften Sieg sowie die Verluste.
Die Taverne schien bei Soldaten beliebt zu sein, denn immer mehr ehemalige Kämpfer steuerten Geschichten bei.
Als die versammelte Meute Tony dazu aufforderte, selbst eine Geschichte zu erzählen, war er ganz in seinem Element. Mit Unterstützung von Thor schilderte er den Kampf gegen die Chitauri und die Majutas.
Er war ein begnadeter Entertainer, Tony wusste das. Er genoss die Aufmerksamkeit der Asen, die ihn zu mögen schienen.
In seiner Geschichte nahm Loki neben Iron Man den Heldenpart ein, und die Leute begannen aufgeregt zu tuscheln.
Ein weiterer Krug Met wurde ihm gereicht. „Auf den Mann aus Eisen und Loki!", rief Thor, und die Menge stimmte mit ein. „Auf Feuer und Eis!", rief jemand anderes, und die Asen nahmen den Spitznamen begeistert auf. Feuer und Eis gefällt mir, dachte Tony zufrieden und prostete der Menge grinsend zu. „Auf Loki".
Der Abend brach an und brachte noch mehr Gäste an ihren Tisch. Thors Freunde tauchten auf, und er stellte Tony stolz die Krieger Hogun, Volstagg und Fandral vor sowie die Lady Sif.
„Schön, euch kennenzulernen", Tony nickte den Männern zu und gab Sif einen Handkuss.
„Die Freude ist ganz auf unserer Seite", erwiderte Fandral mit sanfter Stimme. Irgendetwas an diesem Mann ließ Tony schaudern.
Immer mehr Geschichten wurden erzählt. Tony fiel auf, dass Thors Freunde nicht direkt abschätzig über Loki sprachen, aber wenn man zwischen den Zeilen las, bekam er mit, dass die Lady Sif und Hogun keine Fans seines Gefährten waren.
Als Carr sich schließlich erhob, ging Tony ein paar Schritte mit ihm und verabschiedete den Soldaten mit einem weiteren Händedruck.
Er drehte sich um und sah sich Fandral gegenüber. Der Mann war ungefähr so groß wie Tony, mit leicht gewellten blonden Haaren und einer schlanken Figur. Das Gesicht erinnerte irgendwie an einen Fuchs, dachte Tony, als ihn schlaue blaue Augen fixierten.
Der gutaussehende Krieger verbeugte sich linkisch vor ihm. „Richtet dem Heerführer meine Grüße aus, Stark", sagte er, und der Satz triefte vor Sarkasmus.
Tony zog eine Augenbraue hoch. „Danke, Goldlöckchen, werd' ich machen", schoss er zurück. Ein fieses Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes, und als Tony an ihm vorbeiging, flüsterte er:
„Wie ich sehe, hat Loki es geschafft jemanden auf seine Seite zu ziehen. Interessant, dass er dabei einen Sterblichen gewählt hat." Er lächelte spöttisch. „Ich hoffe, du weißt, worauf du dich eingelassen hast. Immerhin ..."
Tony fuhr herum und funkelte Fandral an. Dieser lachte nur und hob abwehrend die Hände.
„... ist er gut im Bett, nicht wahr?", setzte er hinzu und beobachtete Tonys Reaktion. „Ich hatte des Öfteren das Vergnügen, musst du wissen", sprach er weiter, als Tony nicht reagierte.
Das war es also, ein eifersüchtiger Ex. Fandral trat noch einen Schritt näher und flüsterte boshaft: „Der kleine Prinz hat so seine Talente – aber ich wette, du hast schon herausgefunden, welche davon besonders nützlich sind."
Tonys Hand schoss nach vorne und packte Fandrals Kragen. „Was hast du gerade gesagt?", zischte er und drückte den Krieger gegen die nächste Wand. Es war ihm egal, ob jemand zusah; das konnte er nicht weiter dulden. Niemand würde in seiner Gegenwart so über Loki sprechen.
Der Ase riss überrascht die Augen auf. Mit dieser Reaktion hatte er anscheinend nicht gerechnet.
„Verzeih, wenn ich dich gekränkt habe, Stark", japste der Mann und versuchte, Tony wegzudrücken.
„Hast du noch irgendetwas über meinen Gefährten zu sagen?", sein Ton war schneidend, und er hielt den Krieger ohne Schwierigkeiten an der Wand. Dieser war mittlerweile rot angelaufen und schnappte nach Luft.
„Nein?" Er ließ ihn los und trat einen Schritt zurück.
„Schön. Wenn wir hier fertig sind, würde ich gerne zu meinem Platz zurückkehren." Er drehte sich um und ließ Fandral einfach stehen. Auf halbem Weg wandte er sich noch einmal um: „Ach, und wenn du deinen hübschen Kopf behalten willst, würde ich an deiner Stelle die Klappe nicht so weit aufreißen. Ich dulde es nicht, dass irgendjemand so über meinen Gott spricht." Er schenkte dem Mann ein kaltes Lächeln.
Tony zitterte vor Zorn, als er sich wieder neben Thor auf die Bank fallen ließ. Dankbar nahm er einen neuen Krug voller Alkohol entgegen und hielt sich daran fest. Was für ein kleines Arschloch! Okay, Tony, tief durchatmen. Die lustige Stimmung um ihn herum und der Met beruhigten ihn. Er versuchte, den Vorfall zu vergessen. Schließlich war er Tony Stark, Meister im Verdrängen.
Berauscht vom Alkohol machten sie sich schließlich auf den Rückweg zum Palast. Plötzlich kam Tony eine Idee, und er hielt Thor auf den Palaststufen an. „Wie offensichtlich ist es?", lallte er.
Thor versuchte, seinen Blick scharf zu stellen. „Wa... was meinst du, Stark?", fragte der Donnergott.
„Das Band, Thor. Wie offensichtlich ist es für euch verdammte Asen?"
Der Gott grinste ihn an, als er begriff. „Nun, ich denke, jeder heute Abend hat gesehen, zu wem du gehörst." Er kicherte. „Keiner hat dich angerührt, oder?"
Na klasse, dachte Tony, ich renne durch die Stadt mit einem Stempel auf der Stirn, der besagt: 'Eigentum von Loki Odinson'. Dann fiel ihm noch etwas anderes ein.
„Toll. Und warum haben die Leute plötzlich getuschelt, als wir unsere Geschichten erzählt haben?", fragte er, genervt von dem kichernden Gott.
„Oh, Loki ist nicht besonders beliebt in Asgard", sagte Thor trocken. „Oder besser war ... Sie misstrauen ihm, aber ihre Meinung scheint sich zu ändern. Sie wissen, dass sie die Rettung vor den Majutas ihm zu verdanken haben. Ich habe dafür gesorgt. Und unsere Geschichten heute werden sich auch im Nu verbreiten." Er grinste Tony dümmlich an, und dieser grinste genauso dümmlich zurück. Mission erfüllt.
„Lass mich dich zurückbringen, Freund Stark. Ich werde Lokis Zorn auf mich lenken, dann kannst du dir ein gutes Versteck suchen." Tony lachte den ganzen Weg hinauf bis zu Lokis Gemächern.
Sein Gott war überhaupt nicht erfreut gewesen, als zwei betrunkene Männer durch seine Tür gestolpert waren. „Habt ihr euch die Stadt angesehen oder eine Kneipentour gemacht?", hatte er wütend gefragt.
Thor hatte wie versprochen alle Schuld auf sich genommen, und Loki hatte seinen Bruder schließlich aus seinen Gemächern geworfen. Tony wurde unsanft ins Bett verfrachtet und schlief fast sofort ein.
Er erwachte in einem dunklen Zimmer mit einem warmen Körper, der ihn umfing. Also war Loki nicht so wütend auf ihn, dass er im Gästezimmer geschlafen hätte.
Er atmete den beruhigenden Duft nach Kiefer und Leder ein und seufzte tief. Wie groß war die Chance, dass es in Asgard eine Aspirin gab?
Loki schien seine Gedanken zu lesen, denn eine Sekunde später spürte er sanfte Fingerspitzen an seiner Schläfe. Die Kopfschmerzen verschwanden, und Tony kuschelte sich fester an seinen Gott.
Loki schnaubte. „Was wirst du anstellen, wenn ich dich heute wieder alleine lasse?", fragte er in einem strengen Ton.
Tony blinzelte ihn unschuldig an. „Es war nicht meine Schuld, Thor..." Er wurde mit einem genervten „Oh, bitte" unterbrochen.
„Hey, man wird sich doch nach Monaten der Sorge um dich mal ordentlich betrinken dürfen!", protestierte Tony und erntete einen giftigen Blick.
„Na schön, aber vielleicht fragst du mich das nächste Mal, ob ich gerne mittrinken würde", kam die überraschende Antwort.
War sein Gott etwa eifersüchtig? Er platzierte einen Kuss direkt auf Lokis Brust und strich über den muskulösen Rücken.
„Tut mir lei..." Tony stoppte mitten im Satz, als seine Hand auf einer nackten Arschbacke liegen blieb. Erst jetzt fiel ihm auf, dass auch er nichts anhatte.
Lokis Lächeln war boshaft. „Strafe muss sein", er packte ihn fester, und Tony wusste, was jetzt kam.
„Nein, warte ni..." Schon wieder war er in das warme Wasser der heißen Quelle teleportiert worden. „Das scheint dir Spaß zu machen, oder?", fragte er prustend, wurde aber sofort wieder unter Wasser getaucht.
„Du riechst nach Met." Loki trieb ihn vor sich her durch das klare Wasser. Er konnte die Erregung seines Gottes spüren, und diese vermischte sich mit seiner eigenen.
„Und was willst du dagegen machen?", fragte er atemlos. Unfair, so abrupt nach dem Aufwachen ins Wasser geschmissen und gejagt zu werden.
Andererseits war Sex am Morgen keine schlechte Art, den Tag zu starten. Tony stieß mit dem Rücken an den Rand des Beckens. Er drehte sich um, als Loki bei ihm ankam. Sein Gott umfing ihn und drückte sich gegen seinen Rücken.
„Hmm, ich hätte da so eine Idee." Tony spürte Zähne, die sich schon fast schmerzhaft in seine Schulter gruben. Hände glitten an seiner Seite hinunter und blieben auf seinen Hüften liegen.
Uff, sein Gott war immer noch sauer, das hier könnte heftig werden. Er krallte sich in das Gras am Ufer und wartete auf Loki.
Tony sog scharf die Luft ein, als dieser schmerzhaft von seiner Schulter abließ und sich seinem Hals widmete. Als er hinter seinem Ohr angelangt war, flüsterte eine leise Stimme: „Soll ich dich nehmen?"
Tony würde hier noch einen Herzinfarkt kriegen. Er wagte sich kaum zu bewegen, sein Atem schnell und flach vor Lust. „Ja ..." brachte er eine gehauchte Bestätigung hervor, und die Spannung zwischen ihnen explodierte.
Sein Gott nahm ihn, ohne Gnade, ohne Zögern – ein alles verzehrendes Feuer.
Danach lag Tony, halb im Wasser, schwer atmend am Ufer des Sees und versuchte sich von der Naturgewalt zu erholen, die gerade über ihn hinweggefegt war. Hatte er gerade wirklich um mehr gebettelt? Sein Blick streifte die kleinen gelben Blumen zwischen den Bäumen. Oh, Rhinanthus minor. Die Erinnerung war flüchtig und kam nicht gegen das Chaos in seinem Kopf an. Loki lag schwer atmend halb auf ihm und küsste seinen Nacken. Er hatte sich noch nicht aus Tony zurückgezogen, und war der Grund für das Karussell in seinen Gedanken.
Er bewegte sich leicht unter besagter Naturgewalt, und diese grunzte verärgert auf. „Ey, du erdrückst mich noch, Mister!", mit einem frustrierten Schnauben ließ sich Loki zurück ins Wasser gleiten und zog Tony mit sich. Er versuchte zu protestieren, gab es aber auf, er konnte seinem Gott einfach nichts entgegensetzen.
Tony Stark, Philanthrop, Genie, Playboy, Millionär, war diesem Mann hilflos ausgeliefert. Und das wirklich Komische daran war, dass es ihm nichts ausmachte. Seufzend ließ er sich mit seinem Gott im warmen Wasser treiben. Dieser strich nunmehr zärtlich über Tonys wunden Körper und bedeckte ihn mit Küssen.
„Ach übrigens, ich habe dem Schneider gesagt, du kommst heute zum Maßnehmen", flüsterte Loki beiläufig an seinem Hals.
Tony erstarrte kurz und musste dann lachen. „Touché, sind wir damit dann quitt?", ernsthaft, er sollte sich heute vor jemand anderem ausziehen?
Nachdem Loki ihn so gründlich markiert hatte, dass auch noch ein Blinder erkennen konnte, was sie gerade getrieben hatten. Von dem Fiesling hinter ihm kam nur ein vergnügtes Summen.
Bitteschön, Tony hatte kein Problem damit. „Und was macht ihre Hoheit heute?", fragte er, ohne weiter auf das Thema einzugehen.
„Ich werde mich zusammen mit Thor bei meinem Vater einfinden." Tony bemerkte die Veränderung, mit der Loki das Wort „Vater" aussprach.
„Was wollte Odin gestern von dir?", hakte er nach, aber sein Gott hatte sich bereits von ihm gelöst und erhob sich wie ein griechischer Gott aus dem Becken.
Fasziniert beobachtete Tony, wie das Wasser über diesen alabasterfarbenen Körper lief. Loki lächelte verschmitzt, sich der Wirkung auf Tony nur allzu bewusst. Mit einer anmutigen Drehung gewährte er ihm ungehinderte Sicht auf seinen perfekten Hintern, als er aus dem Becken stieg. Tony klappte tatsächlich der Mund auf, und Loki lachte zufrieden. „Ich erzähle dir alles heute Abend, wenn du wieder bei klarem Verstand bist."
Warte, was? Tony schüttelte den Kopf, um ihn frei zu bekommen. „OK, dann kriegst du dein Geschenk auch erst heute Abend", gab er zurück und erhob sich nun ebenfalls aus dem warmen Wasser.
Er ging auf seinen Gott zu und erschauderte unter Lokis Blick, der ungeniert über seinen nackten Körper glitt. Tony griff an ihm vorbei nach seinem Rasierer. Darauf bedacht, dem anderen Körper so nahe wie möglich zu sein, ohne ihn zu berühren. Er konnte dieses Spielchen auch spielen.
Loki schluckte schwer und schlug die Augen nieder. „Darauf freue ich mich schon sehr", hauchte er und sah einfach nur hinreißend aus. Tony grinste breit, er hatte wirklich den Hauptpreis gezogen.
Lokis Fingerspitzen legten sich um Tonys Kinn und hoben es an seine Lippen. Der Kuss raubte ihm fast den Verstand.
„Bis später, Liebster", flüsterte er und ließ Tony mit einem letzten, klatschenden Klaps auf seinen Hintern alleine im Bad zurück.
Tony musste das selbstzufriedene Grinsen von seinem Gesicht zwingen, um sich richtig rasieren zu können. Dabei ging er die To-Do-Liste für den Tag durch.
Zuerst zum Schneider, er brauchte andere Klamotten. Jetzt, da er sich auch woanders aufhielt als nur in Lokis Räumen, wurde klar, dass er in seiner irdischen Kleidung auffiel wie ein bunter Hund. Sollte der Mann doch die Knutschflecken und Bissspuren sehen, pff. Ein kleiner Teil von ihm war sogar stolz auf die Markierungen.
Dann hatte er Hjálmarr versprochen, im Krankenflügel vorbeizukommen und ihm einen Blick auf den Arc-Reaktor werfen zu lassen.
Und anschließend wollte er noch einen Schmied aufsuchen. Er hatte Carr gestern gefragt, wo er den Dolch hatte machen lassen. Der Krieger hatte ihm den Namen des besten Schmiedes von Asgard genannt.
Tony war nach dem Gespräch mit Thor eines klar geworden. Er hatte kein Problem damit, dass jeder sehen konnte, dass er zu Loki gehörte. Er hatte aber sehr wohl ein Problem damit, dass niemand sah, dass Loki zu ihm gehörte.
Er mochte es nun mal nicht, wenn andere seine Sachen anfassten. Fandral und sein spöttisches Grinsen erschienen vor seinem inneren Auge, und er ballte die Fäuste. Wenn ihm dieser Wichser noch einmal blöd kam, würde er seinen Anzug anziehen und...
Tief durchatmen Tony. Der Typ war schließlich ein Freund von Thor, und er konnte ihn nicht einfach ungespitzt in den Boden rammen.
Er verscheuchte die dunklen Gedanken und ersetzte sie mit der Erinnerung an einen Alabasterarsch. Das brachte sein selbstzufriedenes Grinsen zurück, und er machte sich gut gelaunt auf den Weg.
Der Schneider war ein ruhiger Mann. Er runzelte zwar leicht die Stirn, als er Tonys Maße nahm. Sagte aber ansonsten nichts zu seiner Knutschfleck-Sammlung.
Hjálmarr hingegen war nicht so gnädig.
„Was bei den Neun habt ihr getrieben? Nein, warte, ich möchte es nicht wissen." Nach weiteren unbehaglichen 15 Minuten wurde er mit einem Kopfschütteln entlassen und konnte sich endlich auf den Weg in die Stadt machen.
Als er durch die breiten Straßen und engen Gassen irrte, machte er einen neuen Eintrag auf seiner To-Do-Liste für morgen: „JARVIS ein Interface verschaffen."
Der modernen Technik nach, die er im Krankenflügel gesehen hatte, musste es doch eine Möglichkeit geben, seine AI hier in Gang zu bringen. Er vermisste seine Werkstatt.
Ja, das hier war Asgard, Land der Götter und so weiter, aber es war auch furchtbar langweilig. Wenn man nicht gerade um das Leben eines Gottes bangte oder von diesem Gott durchgenommen wurde, gab es erstaunlich wenig zu tun.
Ein lautes Hämmern riss ihn aus seinen Gedanken, und er folgte dem Geräusch. Wo ein Hammer, da ein Schmied, oder? Er bog um eine Ecke und Bingo!
Am Ende der kleinen Gasse sah er eine offene Werkstatt mit einer großen Esse, deren Feuer schon von fern Hitze ausstrahlte. Ein großer, muskulöser Ase bearbeitete gerade ein Schwert mit dem Hammer, als er näher trat.
Tony wartete ab, bis der Mann die Waffe ablöschte und zur Seite legte, bevor er ihn ansprach. Erschrecke niemals einen Koloss mit einem Hammer und einem Schwert in der Hand.
„Entschuldigt bitte die Störung, seid ihr Völund?" Der Ase wandte sich zu ihm um und musterte ihn.
„Der bin ich, Stark, Mann aus Eisen. Wie kann ich dir helfen?" Wie kam es, dass alle hier seinen Namen kannten? Tony erklärte sein Anliegen, und Völund nickte. „Sicher, komm morgen mit deinen Plänen wieder, ich besorge das Material."
Sehr schön, das war besser gelaufen als gedacht. Tony machte sich im schwindenden Sonnenlicht auf den Rückweg zum Palast.
Kapitel 16: Dolche und Eisriesen
Loki saß in seinem Lieblingsstuhl und grübelte. Er grübelte schon eine ganze Weile. „Ha, bei den Göttern." Seufzend stand er auf. Er schritt durch seine Gemächer und nahm die kleinen Veränderungen wahr: ein achtlos ausgezogenes T-Shirt hier, ein Kamm dort, ein leeres Glas und der leichte Geruch nach Sandelholz. All das zeugte davon, dass hier nun noch jemand lebte, und Loki musste lächeln. Tony war unordentlich, ja, aber es machte die Räume auch irgendwie etwas heimeliger.
Er trat durch den Rundbogen auf den kleinen Balkon des Schlafzimmers und blickte über die Stadt. Asgard. Wie würden die Bewohner reagieren, wenn sie erfuhren, was soeben im Thronsaal hinter verschlossenen Türen beschlossen worden war?
Er seufzte wieder und lehnte sich gegen das Geländer. Sein Blick schweifte in den gepflasterten Innenhof und erfasste eine Gestalt in ausgewaschenen Jeans und einem schwarzen AC/DC-T-Shirt.
Sein Lächeln wurde breiter, als er zusah, wie sein Gefährte mit federnden Schritten durch den Hof ging. Er blieb kurz stehen und unterhielt sich mit einer der Wachen; sein charmantes Lachen wurde vom Wind bis nach oben getragen. Tony fuhr sich durch sein braunes Haar, und Loki konnte das geliebte Gesicht mit dem perfekt gestutzten Bart praktisch vor sich sehen.
Sein Sterblicher betrieb enormes Aufhebens um seine äußere Erscheinung. Darum machte es umso mehr Spaß, ihn ab und zu direkt in das Wasserbecken zu teleportieren.
Eine warme Brise fuhr in Lokis Haar. Er löste den Knoten, der es zusammengehalten hatte, schüttelte es aus und ließ den Wind darin spielen. Er schloss die Augen und genoss für einen Moment die letzten Strahlen der untergehenden Sonne.
Es dauerte nicht lange, da wurden die großen Flügeltüren zu seinen Gemächern aufgestoßen. Auftritt Anthony Stark, dachte Loki lächelnd, blieb aber, wo er war.
„Ich bin zu Hause, Babe", rief sein Sterblicher, und das Lächeln auf Lokis Gesicht wurde sanft. Zu Hause. Ja, wo sein Sterblicher war, dort war sein Zuhause. Es würde keinen Unterschied machen, wo sie waren. Zumindest hoffte er, dass Tony es genauso sehen würde.
Eine Sekunde später spürte er, wie sich starke Arme um seine Mitte schlangen und ein warmer Körper sich gegen seinen Rücken presste. Loki atmete tief durch und lehnte sich in die Umarmung.
„Wie war dein Tag, Babe? Irgendwelche blöden Knutschfleck-Kommentare? Ach nein, das war ja bei mir."
Loki konnte das Grinsen auf dem Gesicht seines Sterblichen spüren. Er hatte gewusst, dass Tony es ihm nicht allzu lange übelnehmen würde. Loki hatte bereits bemerkt, dass dem Playboy in Sachen Sex nichts peinlich zu sein schien. Und heute Morgen war es etwas mit ihm durchgegangen.
Er war nicht eifersüchtig gewesen auf das Trinkgelage, das Thor mit seinem Sterblichen veranstaltet hatte. Na ja, etwas vielleicht. Wäre er selbst dabei gewesen, der Abend wäre wohl weniger feuchtfröhlich verlaufen.
Die Asen respektierten ihn geringstenfalls als Prinz und Bruder von Thor, ja. Aber sie mochten ihn nicht, und das zeigten sie ihm teilweise auch ganz offen. Er hatte befürchtet, sie würden Tony mit der gleichen Geringschätzung behandeln. Aber seine Sorgen schienen, den Göttern sei Dank, unbegründet zu sein.
Als er nun wieder darüber nachdachte, erschien der Plan des Allvaters zum Scheitern verurteilt zu sein. Weiter konnte er nicht mehr denken, denn Tony zog ihn herum und drückte ihn mit dem Rücken an die Brüstung. Braune Augen sahen ihn fragend an, und als er nichts sagte, zog er ihn kurzerhand in einen Kuss, der Loki den Atem raubte.
„Du siehst besorgt aus, Babe. Was ist passiert?", flüsterte sein Sterblicher an seinen Lippen.
Wo sollte er nur anfangen? „Nun, die heutige Besprechung war ... interessant", begann Loki. Tony sah ihn nur aufmerksam an, und er fuhr fort: „Zunächst möchte mein Vater einen Triumphzug zu Ehren des Sieges über die Majutas veranstalten." Und nach kurzem Zögern fügte er ganz leise hinzu: „Und zu meinen ..."
Das Gesicht seines Sterblichen leuchtete auf. „Eine Party?! Hört sich doch gut an, Babe. Das hast du verdient."
Loki sah ihn zweifelnd an. „Ich bin mir nicht so sicher, ob es eine gute Idee ist, die Asen dazu zu zwingen, jemandem zuzujubeln, den sie nicht ausstehen können."
Tony runzelte die Stirn. „Du hast ihre Ärsche gerettet. Und Midgard dazu. Ich finde, du verdienst eine Parade." Er rieb sich das Kinn. „Ich sollte mit Fury oder, noch besser, dem Präsidenten reden. Wir müssen dir eine Statue errichten."
Na gut, jetzt wurde er eindeutig auf den Arm genommen, und Loki schenkte seinem Sterblichen einen bösen Blick. Dieser lächelte ihn nur unschuldig an. „Was noch?", fragte er schlicht.
„Odin ..." Wie sollte er das am besten ausdrücken? „Mein Vater möchte von seinen Pflichten zurücktreten", brachte er schließlich hervor, und Tony sah ihn perplex an. „Er will Thor auf dem Thron und mich an meines Bruders Seite als Repräsentant des Throns von Asgard", schloss Loki und hielt den Atem an.
Tony trat einen kleinen Schritt zurück, um ihn besser ansehen zu können, ließ ihn aber nicht los. „Das ... das ... wow." Seinem Sterblichen fehlten die Worte, und er konnte es ihm nicht verdenken.
Ihm war es vor wenigen Stunden ebenso ergangen, als man ihn im Thronsaal vor vollendete Tatsachen gestellt hatte. Tatsächlich schien es so, als hätten sein Bruder und der Allvater das Ganze von langer Hand geplant und bereits endgültig beschlossen. Loki zu informieren war nur noch reine Formsache gewesen.
Er hatte protestieren wollen, wurde aber darum gebeten, einfach nur zuzuhören und eine Nacht darüber zu schlafen. Untypischerweise hatte Loki zugestimmt und den Mund gehalten, auch wenn es schwer gewesen war, nicht an seiner Zunge zu ersticken.
Die beiden wurden aus ihrer Starre gerissen, als es laut an der Tür klopfte. Tony fing sich als Erster wieder und machte sich auf den Weg, um zu öffnen. Dabei sprach er über seine Schulter: „Okay, lass uns das beim Abendessen weiter bequatschen."
Loki trat mit einem letzten Blick über die nun dunkle Stadt nach drinnen und wies die Bediensteten an, das Abendessen in der Bibliothek aufzutragen.
Sein Vater schien ihn bestechen zu wollen, den raffinierten Speisen nach zu urteilen, die er ihm gesandt hatte.
Vor dem prasselnden Kaminfeuer erzählte Loki seinem Gefährten alles, was an diesem Tag im Thronsaal besprochen worden war.
Nach kurzem Zögern fügte er auch noch die Geschichte des gestrigen Gesprächs hinzu. Als er geendet hatte und von seinem Teller aufblickte, sah er seinen Gefährten abwartend an. Er konnte den brillanten Verstand praktisch arbeiten hören.
Schließlich nickte Tony leicht und fokussierte seinen Blick auf Loki. „Also, das mit der Vater-Sohn-Aussprache ist gut, oder?"
Loki wackelte mit dem Kopf. „Ich denke ja, schon. Ich weiß es nicht." Er war immer noch verwirrt von der Offenheit Odins.
„Hmm, du musst selber wissen, was du daraus machst, Babe. Ich bin da irgendwie nicht der richtige Ansprechpartner. Du weißt, ich hatte auch nicht das beste Verhältnis zu meinem Dad." Loki nickte und nahm die Bitterkeit in diesen salopp gesprochenen Worten wahr.
„Was das andere betrifft ...", fuhr Tony fort, „... was denkst du darüber? Ich sehe dir doch an, dass du dir schon eine Meinung gebildet hast."
Loki atmete tief durch und schob seinen Teller zurück. „Zuerst war ich entsetzt und dachte, es sei ein blöder Scherz", sagte er bedacht. „Nun denke ich jedoch, es könnte eine große Chance für das Reich sein, einen neuen, jungen König auf dem Thron zu haben." Tony nickte und forderte ihn mit einer Geste auf, weiterzusprechen.
„Wir könnten eine neue Ära einleiten, Thor und ich. Thyra hatte in gewisser Weise recht mit dem, was sie sagte. Das Reich zerfällt schon seit Jahren, und ich hätte schon ein paar Ideen, um den Verfall zu stoppen und in etwas Positives zu wandeln. Vater hatte noch nie ein offenes Ohr für meine Vorschläge, aber Thor scheint ihnen nicht abgeneigt. Immer wenn ich mit ihm darüber gesprochen habe, schien er sie sogar zu befürworten."
Sein Sterblicher grinste ihn an. „Ach ja? Du hast schon Pläne geschmiedet? Was hast du denn mit Asgard vor?"
Loki begann, seine Strategie für eine strahlende Zukunft Asgards und der Neun Reiche zu schildern. Je länger er von seinen Plänen sprach, desto begeisterter wurde er, und desto breiter wurde das Grinsen auf Tonys Gesicht.
„Was denkst du?", fragte Loki schließlich.
„Ich denke, du hast dich bereits dafür entschieden, Babe. Deine Pläne hören sich vernünftig an. Ob sie umsetzbar sind, muss der neue König von Asgard mit seinem neuen Berater erörtern." Loki nickte und schlug die Augen nieder.
„Genug von mir. Erzähl mir von deinem Tag." Er wollte jetzt nicht weiter darüber nachdenken.
Der Austausch mit seinem Gefährten hatte immens geholfen, so wie immer. Wo früher immer Chaos geherrscht hatte, das meist in Wut und Zerstörung geendet hatte, war jetzt eine Stimme der Vernunft aufgetaucht. Tony konnte seine Gedanken in eine geordnete Bahn lenken und brachte Loki mit seinen klugen Fragen zum Innehalten. Wo war er all die Jahre gewesen? So vieles hätte anders laufen können, hätte er nur Tony oder jemanden wie ihn zum Reden gehabt.
„Gut, dass du fragst. Ich sollte dir ja noch etwas geben", grinste sein Sterblicher und verschwand kurz aus dem Zimmer. Als er zurückkehrte, hielt er ein kleines Päckchen in den Händen, das er mit einer kleinen, albernen Verbeugung an Loki überreichte. „Für den Heerführer, mit den besten Wünschen von Carr und der Leibgarde der Prinzen."
Loki musste lächeln, verdrehte aber die Augen. Neugierig schlug er den Stoff zurück und blickte auf den perfekt ausbalancierten Dolch. „Oh, wie schön", hauchte er. „Du hast Carr getroffen?"
Tony ließ sich auf eines der gemütlichen Sofas fallen, legte die Beine hoch und erzählte von der Tour durch Asgard. „Wie schön, dann hat mein Bruder dir nicht nur die Tavernen der Stadt gezeigt", kommentierte Loki, setzte sich zu Tony und nahm dessen Füße auf seinen Schoß.
Sein Sterblicher lachte auf und fing fast an zu schnurren, als Loki anfing, seine Beine und Füße zu massieren.
Er erzählte von Carr, den Kriegsgeschichten und dem ungeplanten Trinkgelage, das folgte. Loki hörte lächelnd zu. Er hatte Carr immer gemocht und war gerührt zu hören, dass sich seine alte Leibgarde Sorgen um ihn gemacht hatte.
„Als du gesagt hast, die Asen können dich nicht leiden, Babe, stimmt das wohl nicht ganz. Ich glaube ja, es gibt eine Menge Leute da draußen, die dich gern haben. Auf dem Weg durch die Stadt heute haben mir ein Dutzend Leute schöne Grüße für dich ausgerichtet."
Loki hob fragend die Augenbrauen. „Wieso warst du denn heute schon wieder in der Stadt?"
Tony grinste verschmitzt. „Das ist ein Geheimnis", sagte er schlicht.
Er deutete mit der Hand in Richtung Päckchen. „Und, wo wirst du den Dolch aufhängen? Bei dem ganzen Kram, den du hier hast, ist ja kaum noch Platz", scherzte er.
„Was meinst du?", fragte Loki und blickte sich verwundert um. Er besaß keinen Tand und wollte es auch gar nicht.
„Na ja, du bist doch ein Prinz, Babe. Ich hatte eigentlich schon ein bisschen mehr Brimborium erwartet."
Loki seufzte und sah seinen Sterblichen eindringlich an. „Ich habe dich, Liebster. Mehr brauche ich nicht."
Das Grinsen auf Tonys Gesicht erstarb, und sein Kinn sackte leicht nach unten, teilte diese perfekten Lippen in ein erstauntes „Oh".
Loki spürte eine Welle der Zuneigung, die nicht die seine war, als Tony sich aufsetzte und eine Hand an Lokis Gesicht legte. Überwältigt von den fremden Gefühlen begann er, sein Gesicht an der Hand zu reiben. Er ließ seinen Sterblichen dabei nicht aus den Augen, und dieser beobachtete ihn fasziniert. Als Loki ihn leicht in den Finger biss und seine Handfläche küsste, kam Bewegung in den Mann.
Er setzte sich rittlings auf ihn und zog ihn in einen zärtlichen Kuss, saugte an seiner Unterlippe, als er sich zurückzog. „Ek ann þér", flüsterte Tony und teilte seinen Atem.
Loki liebte es, wenn sein Sterblicher die Worte in seiner Sprache aussprach, und erwiderte in der Sprache Midgards: „Ich liebe dich auch."
„Nein! Das könnt ihr nicht von mir verlangen!"
Loki starrte seinen Vater und Bruder entsetzt an. Seit einer Woche beratschlagten sie nun schon, wie der Machtwechsel am besten durchzuführen sei. Sein Vater schien endlich offen für seine Argumente zu sein und hörte ihm wirklich zu. Loki war ob dieses Sinneswandels immer noch verwirrt, versuchte aber, das Beste daraus zu machen.
„Mein Sohn, du sollst den Thron repräsentieren. Deine Idee mit den diplomatischen Reisen auf die neun Welten halte ich für sinnvoll. Ich denke, du bist stark genug, die Reise nach Jotunheim anzutreten", wiederholte der Allvater.
„Und ihr verlangt von mir, als Monster dorthin zurückzukehren?!" schrie er. Das konnte nicht ihr Ernst sein, niemals.
„Bruder, bitte...", versuchte Thor ihn zu beruhigen, aber Loki schlug die erhobene Hand weg.
„Wenn du als Eisriese den Thron Asgards vertrittst, so denke ich, werden die Eisriesen eher geneigt sein, mit uns zu sprechen." Das war es also, das war der Plan, der hinter der ganzen Sache steckte.
Odin wollte ihn nicht als Vertreter des Throns, er wollte lediglich seine wahre Gestalt nutzen, um Gespräche in Gang zu setzen. Dachte er wirklich, es würde so einfach werden? Die Giganten hatten bestimmt nicht vergessen, wer den Schlag gegen sie und ihren heiligen Tempel geführt hatte, egal, welche Gestalt er annahm. Sie würden ihn töten, so viel stand fest. Odin wusste das, deshalb wollte er ihn alleine schicken – ohne Abordnung, ohne Verstärkung. Nur ihn, Loki, in seiner wahren Gestalt.
Er ballte die Fäuste und starrte seinen Vater wütend an. „Wenn du mich umbringen willst, wieso machst du dir so viel Mühe? Rufe einfach die Wachen und bring es hinter dich!", spuckte er aus.
Der Allvater sah müde aus, als er die Hand nach ihm ausstreckte. „Ich weiß, du kannst es, Loki. Niemand außer dir könnte es schaffen, mein Sohn. Ich nehme den Zauber von dir." Ein Leuchten ging von Odins erhobener Hand aus.
„NEIN, NICHT! Warte!" schrie Loki verzweifelt und stolperte einige Schritte rückwärts.
Entsetzt sah er Thor an, der seinen Blick alarmiert erwiderte. Was passierte hier? Loki sah schockiert auf seine Hände, die nicht mehr die seinen waren – es waren blaue Klauen. Nein, nein, nein. Er fiel auf die Knie und hob die Klauen an sein Gesicht. Er spürte Punkte und Linien, die über seine Haut liefen. NEIN! Er brauchte keinen Spiegel, um zu wissen, dass sich seine Augen rot gefärbt hatten. Loki schlug verzweifelt die Hände über den Kopf und versuchte, sein Antlitz vor den Blicken zu verbergen.
„Bruder..." Thor war mit raschen Schritten an seine Seite getreten und wollte ihn berühren.
„NEIN!" schrie er auf und kroch panisch rückwärts. „Fass mich nicht an!" Er durfte ihn nicht anfassen, er würde sich an der Kälte verbrennen.
„Wieso hast du das getan?" schrie er seinen Vater an.
Odin schritt auf ihn zu und ließ sich vor ihm auf die Knie fallen. „Ich möchte, dass du aufstehst, Sohn. Sieh dich an und sei stolz auf dein Erbe!"
Es war wie eine Ohrfeige in Lokis Ohren. Er sollte stolz sein? Auf das hier? Sein Leben lang war ihm gesagt worden, wie abstoßend die Eisriesen waren – blaue Monster mit Klauen und roten Augen, die des Nachts kamen und unartige Kinder fraßen.
„Die Eisriesen waren einst viel mehr, als sie jetzt sind. Sie hatten eine reiche Kultur, und ich schätzte den Rat ihrer Anführer. Ich kann nicht genau sagen, wann es sich zum Schlechten wandte, aber es endete im Krieg. Immer endet es im Krieg." Odin sah ihm fest in die roten Augen. „Du kannst sie zurück auf den richtigen Pfad führen, Loki. Vertraue auf deine Stärke, erbaue ihnen einen neuen Tempel, gib ihnen das Wissen um ihre Kultur zurück", fuhr er fort und packte Lokis Unterarm, um ihn hochzuziehen.
Loki zuckte heftig zusammen. Die Berührung fühlte sich heiß auf seiner nunmehr kühlen Haut an. Odins Hand war erbarmungslos, und er wurde vor einen hohen Spiegel gezogen. Verzweifelt versuchte er, alles, nur nicht sein eigenes Spiegelbild anzusehen. Sein Blick fiel auf seinen Bruder, der ihn angewidert anstarrte. Nein, nicht angewidert – was war es, das in dem Blick seines Bruders lag? Faszination?
„Nun siehst du mich, Bruder. Macht es dir Freude?" fragte er bitter.
„Loki", Thor trat an seine Seite, „du bist kein Monster." Er deutete auf den Spiegel. „Sieh nur, du bist ein König."
Loki schluckte schwer. Hatte er richtig gehört? Er zwang sich, sein Spiegelbild anzusehen. Langsam wanderte sein Blick über seine asgardische Kleidung nach oben zu seinem Gesicht.
Er schnappte nach Luft, als ihn leuchtende rubinrote Augen aus einem azurblauen Gesicht anstarrten. Ein Gesicht, das mit feinen dunklen Linien und Punkten überzogen war. Auf seiner Stirn waren diese Punkte und Linien jedoch golden und nicht von dem dunkleren Blau, so wie auf seinen Wangen und dem Hals.
Er starrte dieses fremde Spiegelbild noch einen Moment länger an, bevor seine Magie ihn in ein grünes Licht hüllte und er sich in seine normale Gestalt zurückverwandelte. Mit einem Ruck befreite er sich aus Odins Griff und fing an, sich kopfschüttelnd rückwärts von den beiden Männern zu entfernen, die ihn abwartend ansahen.
Nein, nein, nein. Loki wirbelte herum und floh aus dem Thronsaal.
Thor bebte, und Odin roch das Ozon, das seinen Erstgeborenen umgab. Er legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Er wird sich beruhigen und einen Weg finden. Loki findet immer einen Weg", sagte er mehr zu sich selbst als zu seinem Sohn.
Thor schüttelte die Hand seines Vaters wütend ab und wirbelte zu ihm herum. „Warum hast du das getan? Du hast ihm keine Wahl gelassen!"
Odin seufzte schwer. „Es gab keinen richtigen Weg, um das zu tun. Ich habe Zeit meines Lebens versucht, diesen ganzen Unsinn über die Eisriesen von ihm fernzuhalten. Aber die Diener und Soldaten scheinen mit ihren Monstergeschichten ganze Arbeit geleistet zu haben."
Thor zitterte immer noch vor Wut. Seinen kleinen Bruder dermaßen hilflos und entsetzt zu sehen, traf ihn mitten ins Herz. Durch den roten Schleier der Wut hörte er die Worte seines Vaters kaum, als dieser fortfuhr: „Ich hoffe, er kann mir meine Fehler eines Tages verzeihen, aber er muss sich selbst akzeptieren, wie er ist."
Thor ballte die Fäuste. „Du versuchst, ihn dazu zu zwingen. Das ist nicht richtig, Vater."
Odins Blick wurde ernst. „Loki ist, was er ist. Je eher er das akzeptiert, desto besser für ihn. Er ist nicht nur irgendein Eisriese, er ist ein Fürst unter den Seinen!" donnerte er. „Er ist ein Prinz Asgards und mein Sohn. Ich wünsche nicht, weiter darüber zu streiten. Geh und such ihn, steh ihm bei." Damit war er entlassen, und Thor wirbelte wütend herum.
Warum sagte Vater immer ihm diese Dinge und nicht demjenigen, der sie eigentlich aus seinem Mund hören sollte? Loki hätten diese Worte sicherlich Trost gespendet und Halt gegeben. Wenn Thor ihm dies sagte, hatte es nur halb so viel Gewicht. Er atmete tief durch und machte sich auf die Suche nach seinem kleinen Bruder.
Loki rannte die Korridore des Palastes entlang, floh vor sich selbst. Wohin? Seine Füße schlugen automatisch den Weg zur großen Bibliothek ein. Hier hatte er sich schon als kleiner Junge immer versteckt, wenn er Angst gehabt hatte. In den vielen Gängen und Zimmern mit den hohen Bücherregalen konnte man sich gut vor allen Blicken verbergen.
Loki rannte weiter und blieb erst stehen, als er den entlegensten Winkel der Bibliothek erreicht hatte. Schwer atmend stützte er sich an einem der schweren Bücherregale ab und sank zu Boden. Er vergrub die Hände in seinen Haaren und stieß einen animalischen Schrei aus.
Wie konnten sie ihm so etwas antun? Er hatte gedacht ... wie hatte er sich nur so täuschen lassen können? Das ganze Geschwafel Odins von wegen, er sei sein Sohn und er sei stolz auf ihn, alles nur eine Lüge. Sollte das etwa die Aufgabe sein, für die er ihn vorbereitet hatte? Mit erhobenem Haupt in den Tod marschieren, in der Gestalt eines Monsters.
Loki schlang zitternd die Arme um seinen Körper, machte sich so klein, wie er nur konnte. Er wollte verschwinden, aufhören zu existieren. Sein Vater, nein, Odin, hatte Unrecht. Er gehörte nicht nach Asgard, nicht in dieser verhassten Gestalt. Der Allvater hatte ihm seine Identität genommen. Wer war er? Loki wusste es nicht mehr. Er glaubte, den Verstand zu verlieren. Er brauchte ...
Sein Kopf fuhr hoch, und er rappelte sich auf. Anthony. Er brauchte seinen Sterblichen. Er würde Antworten haben, ihm helfen, seine Gedanken zu ordnen. Loki taumelte durch die dunklen Gänge. Wie lange hatte er sich versteckt?
Als die Stimmen in seinem Kopf immer lauter wurden, fing er wieder an zu rennen.
Er brach schwer atmend durch die Flügeltüren seiner Gemächer und rief nach Tony, suchte in jedem Zimmer nach seinem Sterblichen. Aber die Räume lagen leer und verlassen vor ihm. Er war nicht hier. Nein. Loki stürzte auf den kleinen Balkon und sog in gierigen Zügen die Nachtluft ein. Er rutschte an der Wand hinunter, legte seinen Kopf auf die Knie und begann, lautlos zu weinen.
Kapitel 17 / Erkenntnisse
Tony war hochzufrieden mit seinem Werk. Er konnte es kaum erwarten, Lokis Gesicht zu sehen, wenn er es ihm zeigte. Eine Woche hatte es gedauert, aber heute sollte es so weit sein. Er packte den Lederbeutel fester und beschleunigte seine Schritte. Die Nacht war bereits angebrochen, und in die Straßen Asgards lagen still vor ihm. Vereinzelte Feuerkörbe erhellten die kleinen Plätze und Gassen. Gelächter und Musik drang aus einer Taverne auf seinem Weg. Aber Tony ließ sich nicht ablenken, er wollte schnellstmöglich zurück zu seinem Gott.
Als er im Mondlicht die hellen Palaststufen emporstieg, beschlich ihn ein mulmiges Gefühl. Je weiter er durch den leeren Palast eilte, desto bedrückter wurde er. Was war hier los? Tony blieb stehen und lauschte, hörte in sich hinein – und musste plötzlich nach Luft schnappen. Das war nicht gut. Tony fing an zu rennen. Seine Schritte wurden laut von den kalten Wänden zurückgeworfen.
Was war passiert? Er hatte eine Welle aus Schmerz und Verzweiflung wahrgenommen, die immer stärker wurde, je näher er Lokis Gemächern kam. Er stieß die Tür auf und blickte sich suchend um.
„Loki!" rief er. „Bist du hier?" Ein leises Rascheln war aus dem Schlafzimmer zu hören. Tonys Herz schlug ihm bis zum Hals und er schluckte schwer. Er stürzte durch die angelehnte Tür und blickte suchend in die Schwärze des Zimmers.
„Wo warst du?" kam ein heiseres Flüstern aus der Dunkelheit. Tony zuckte zusammen, als er plötzlich gegen die Wand gestoßen wurde. Was war hier los?!
„Loki, was..." Er verstummte, als er die Augen seines Gottes sah, die im spärlichen Licht fast schwarz wirkten.
„Ich habe gefragt, wo du warst," zischte Loki. Tony schluckte schwer. Langsam kroch ein scheußliches Gefühl über sein Rückgrat: Angst.
„Du riechst nach Holzrauch, Schweiß und Leder," zischte die Stimme weiter und schickte Schauer über seinen Rücken. „Wer ist es, den du schon seit Tagen aufsuchst?" Heißglühende Wut flutete seine Gedanken, und Tony schnappte nach Luft – das war nicht seine Wut.
„Es... es ist nicht, was du denkst, Babe." Er versuchte, mit dem Kosenamen durch den Wahnsinn zu dringen, der seinen Gott offensichtlich gefangen hielt. „Babe? Loki, was ist passiert?" flüsterte er sanft und wollte eine Hand an Lokis Wange legen. Seine Bewegung wurde schmerzhaft abgefangen, und Loki schlug wütend mit der Faust gegen die Wand, direkt neben Tonys Kopf.
Tony erstarrte. Nicht gut, gar nicht gut.
„Wer ist es?" zischte Loki erneut und hielt Tonys Handgelenk in einem schmerzhaften Griff gefangen. „Sag es mir, Stark. Sag mir, mit wem du mich hintergehst!"
Stark? Hintergehen? Scheiße, nein! Tony wurde wütend. Er wusste nicht, was hier gerade passierte, aber er würde nicht hier herumstehen und sich beschuldigen lassen, fremdzugehen. Er nahm all seinen Mut zusammen, wand sich aus dem eisernen Griff seines Gottes und stieß ihn von sich. „Verdammt noch mal!" schrie er ihn an.
Loki stolperte rückwärts und schien allein durch den Stoß und seine laute Stimme wieder zu sich zu kommen. Aber Tony war jetzt zu wütend, um es zu bemerken. „Du hast echt Nerven! Ich habe keine Ahnung, was hier abgeht, aber ich lasse mir so etwas nicht unterstellen. Hörst du?"
Loki starrte ihn nur an. „Du denkst, dass ich nach allem, was wir durchgemacht haben, einfach mit jemand anderem ins Bett steigen würde?! Du Bastard!" schrie er ihn an. Er wusste, dass diese Beschimpfung Loki am meisten treffen würde, und sah prompt, wie dieser zusammenzuckte.
Den stechenden Schmerz in seiner Brust ignorierte er und drang weiter auf den Gott ein. „Weißt du eigentlich, was ich für dich durchgemacht habe?! Ich habe dich monatelang gesucht, ich hatte einen Nervenzusammenbruch. Ich hab meinen verdammten Körper für dich verändert!" schrie er ihn weiter an. „Ich hab für dich getötet! Scheiße, ich würde es wieder tun, und jetzt wirfst du mir an den Kopf, ich würde dich hintergehen?! Das hab ich nicht verdient, Loki!" Er atmete schwer und drehte sich wütend in Richtung Tür.
„Anthony..." Er tat so, als hätte er das geflüsterte Wort nicht gehört, ignorierte die Welle aus Schmerz und Verzweiflung. Tony packte den Lederbeutel, den er beim Eintreten auf den kleinen Tisch neben der Tür abgelegt hatte, drehte sich um und schleuderte ihn in Lokis Richtung. Der Beutel traf den Gott direkt in die Brust und fiel vor ihm zu Boden. „Da hast du deine Antwort, was ich die ganze Zeit gemacht habe!" Tony bebte vor Zorn und hielt nur unter Mühe die Tränen zurück.
Loki hob die Hand in seine Richtung. „Anthony..." Er klang verzweifelt, geschockt von der Auseinandersetzung, aber Tony konnte nicht mehr.
„NEIN! Wage es nicht, mir zu folgen!" zischte er und stürmte aus der Tür.
Das war alles zu viel. Zu viele Gefühle, die nicht seine eigenen waren, zu viel Schmerz, zu viel... alles. Er eilte mit verschwommenen Blick um eine Ecke und prallte mit einer massigen Gestalt zusammen.
Thor fing seinen Sturz mit starken Armen auf und musterte ihn besorgt „Was ist passiert, Freund Stark?" Der Donnergott klang alarmiert.
Tony starrte ihn wütend an. Verdammte Asen allesamt. „Frag deinen kleinen Bruder. Er ist total übergeschnappt," schniefte er und riss sich los.
„Was... wo?" stammelte Thor.
Tony wandte sich abrupt ab, ohne Thor eine Chance zu geben, weiter nachzufragen. „In seinen verdammten Gemächern!" war alles, was er über die Schulter zurückrief, während er hastig um die nächste Ecke verschwand. Seine Schritte hallten laut in den kalten leeren Gängen wieder. Wut und Angst trieben ihn immer weiter voran – weg von Thor, weg von Loki, weg von allem.
Loki sank auf die Knie, hob den Lederbeutel hoch und presste ihn an seine Brust. Was hatte er getan? Schnelle Schritte kamen auf seine Tür zu, und er hob hoffnungsvoll den Kopf. Anthony. Aber die Stimme, die nach ihm rief, war nicht die seines Sterblichen.
„Bruder? Bruder!" Loki krallte die Finger in den Beutel und schloss verzweifelt die Augen.
Er war ein Monster. Mochten sie sagen, was sie wollten, aber er hatte gerade bewiesen, dass er genau das war – ein Monster.
Thor kniete vor ihm und schloss ihn in die Arme, als stumme Tränen über sein Gesicht strömten. „Was habe ich getan?", flüsterte er.
Sein Bruder strich ihm über Rücken und Kopf. „Was ist passiert, Bruder? Ich habe gerade Stark getroffen. Er sah wütend und durcheinander aus." Loki fühlte sich wie betäubt und ließ sich von seinem Bruder auf die Beine ziehen. Er brachte ihn zum Tisch und setzte sich ihm gegenüber.
Das alles war ein einziger Alptraum. Er hatte nach Anthony gesucht, hatte verzweifelt auf ihn gewartet, aber sein Sterblicher war zu spät gekommen. Die boshafte Stimme in seinem Kopf war übermächtig geworden und hatte ihn in die Dunkelheit gezogen. Und nun hatte er den einen verjagt, der ihm Frieden brachte, der ihn verstand und ihn liebte.
„Ich will nicht darüber reden", sagte er knapp, „weder über Vater noch über Anthony."
Thor sah ihn zweifelnd an, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Letztendlich nickte er nur. Er kannte Loki gut genug, um zu wissen, dass es nichts brachte ihn zu drängen. Seinen blauen Augen blicken besorgt auf seinen kleinen Bruder. Wie lange willst du dich noch quälen Bruder? Wollte er fragen, doch stattdessen deutete er auf das Bündel in Lokis Händen. „Was ist in dem Beutel?"
Mit zittrigen Fingern, die Thor gnädigerweise nicht kommentierte, öffnete Loki den Beutel. Etwas Goldenes schimmerte darin. Vorsichtig zog er die beiden Gegenstände heraus, die sich als wunderschön gearbeitete Armschienen herausstellten.
Sein Bruder stieß einen beifälligen Laut aus. „Oh, die sind prachtvoll. Woher hast du sie?"
Lokis Fingerspitzen fuhren über die glatt polierte Oberfläche der Armschienen. In feinen Linien war ein dreieckiges Muster eingraviert, das sich kunstvoll wiederholte und überlappte. Die Enden waren mit einer dünnen roten Linie verziert, passend zu dem einzelnen Rubin, der im vorderen Bereich eingelassen war. Der Stein war flach genug, um nicht zu behindern, aber groß genug, um selbst im spärlichen Kerzenlicht feurig aufzuleuchten. Fasziniert drehte er die Schiene in jede Richtung und bewunderte die meisterhafte Arbeit. Die Innenseite war mit weichem Leder verkleidet, und raffinierte Schnallen trugen ebenfalls das dreieckige Symbol Iron Mans. „Anthony", seufzte Loki traurig.
Sein Bruder griff nach der anderen Schiene, wog sie in der Hand und bewunderte ebenfalls die geschickte Machart. „Er wird zurückkehren, gib ihm Zeit", sagte er bestimmt, den Blick unverwandt auf die Armschiene gerichtet. „Immerhin will er, dass du sein Zeichen trägst", fuhr er sanft fort, und Lokis Kopf fuhr zu ihm herum. „Die Farben und das Muster..."
Thor hob eine Augenbraue, und Loki nickte. „Iron Man", bestätigte er die Vermutung seines Bruders.
Loki war sich keinesfalls sicher, dass Iron Man zu ihm zurückkehren würde. Er hatte die Wut gespürt, die sein Sterblicher empfunden hatte. Hatte die Angst in seinen Augen gesehen, diesen schönen braunen Augen, die ihm Halt gegeben hatten. Die er sich geschworen hatte zu beschützen, koste es, was es wolle. Für die er in die Dunkelheit gefallen war.
Sicher, sie hatten schon früher gestritten und sich wieder versöhnt, aber dies hier war anders gewesen. Er hatte Tony seine dunkle Seite gezeigt, und er bezweifelte, dass sein Sterblicher damit umgehen konnte. Er konnte es ja selbst nicht, fürchtete die Dunkelheit in sich. Es war immer, als wäre er ein anderer, als ergreife etwas von ihm Besitz. Und immer, wirklich immer passierte etwas Schlimmes, wenn sein anderes Ich am Zuge war. Das letzte Mal hatte er Iron Man durch ein Fenster aus dem 50. Stock geworfen.
Ja, fast zwei Jahre waren vergangen, seit das Dunkel, verstärkt durch die Gedankenkontrolle, zuletzt aus ihm hervorgebrochen war. Loki glaubte bereits, es endgültig weggesperrt zu haben. Doch das Trauma, das Odin ausgelöst hatte, riss an seinen Fesseln. Und ohne die Hilfe dessen, der es einst gebannt hatte, war es schließlich über ihn hereingebrochen.
Vorsichtig legte er die Armschiene zurück auf den Tisch und starrte in die sterbende Flamme des offenen Feuers. Was hatte er nur getan? Der Gedanke, dass Anthony ihn hintergehen könnte, war nie wirklich da gewesen – nur diese dunkle Stimme in seinem Kopf. Und doch hatte er zugelassen, dass sie sprach. Seine Hände ballten sich zu Fäusten. Wäre er stärker gewesen, hätte er widerstanden.
Er seufzte tief. „Ich denke nicht, dass ich von großem Nutzen für dich bin, Bruder", sagte er bitter.
Thor schüttelte nur den Kopf und sah ihn ernst an. „Unsinn, Bruder." Er schob die Armschiene vorsichtig zurück über den Tisch. „Du bist der Einzige, der es kann. Das Orakel hat es gesagt – immer wieder. Die Eisriesen werden nur einem der ihren vertrauen." Loki hob überrascht die Augenbraue, und sein Bruder fuhr fort: „Loki. Du bist es. Hab Vertrauen in deine Fähigkeiten."
Er stieß ein bitteres Lachen aus. „Oh, Bruder. Ich habe Vertrauen in meine Fähigkeiten. Ich denke nur, ich weiß, wie ein Kampf zwischen einem Magier und 10.000 Eisriesen enden wird. Und du weißt es auch", schoss er zurück.
Thor schüttelte immer noch den Kopf. „Ich glaube nicht, dass es zum Kampf kommen wird, Bruder. Vater sagte mir, du seist nicht irgendein Eisriese, sondern ein Fürst unter ihnen und..." Er schluckte, und Loki sah ihn zweifelnd an.
„Und?"
Thor klang todernst, als er fortfuhr: „...und ein Prinz Asgards und sein Sohn."
Loki schnaubte. „Sicher, was auch immer." Wieso konnte sein Vater ihm solche Dinge nie selbst sagen, sondern schickte Thor? Er glaubte kein Wort. Aber wie es auch sei, er würde gezwungen werden, in einer verhassten Gestalt auf einen verhassten Planeten zu reisen und dort den Tod finden. Kümmerte es ihn überhaupt noch, wenn...
Er straffte die Schultern und stand auf. „Hilf mir bitte, Bruder."
Tony lief durch den dunklen Palast und achtete nicht darauf, wohin ihn seine Füße trugen. Als er schließlich schwer atmend stehen blieb und sich umsah, erkannte er, dass er geradewegs zum Krankenflügel gelaufen war. Er stand im Kreuzgang und trat hinaus in den kleinen Garten, der vom Mond in silbernes Licht getaucht war. Am Fuße des Apfelbaumes mit seinen vermaledeiten goldenen Äpfeln setzte er sich und lehnte den Kopf an den Stamm. „Verdammt", sagte er laut und hieb mit der Faust auf den Boden.
Wie hatte das so verdammt schieflaufen können? Er hatte gehofft, diesen verrückten Loki von New York, den aus-dem-Fenster-Werfer, nie wieder zu sehen. Er hatte gedacht, das wäre damals nur wegen der Gedankenkontrolle gewesen, aber er hatte sich wohl geirrt. Loki hatte ihm einmal gesagt, er hätte auch eine dunkle Seite, aber Tony hatte ihm nicht geglaubt. Was in aller Welt war passiert, um diese Seite zum Vorschein zu bringen?
Er versuchte ruhig zu atmen, spürte, wie die Panik langsam näher kroch. Tony hatte schon lange nicht mehr an den Sturz aus dem 50. Stock und das, was darauf folgte, gedacht. Jetzt drohte ihn seine PTBS wieder einzuholen, ohne denjenigen an seiner Seite, mit dem er sie damals überwunden hatte: Loki.
„Er wird in die Dunkelheit stürzen, wenn du ihm jetzt den Rücken kehrst", kam eine leise Stimme zu seiner Rechten aus der Dunkelheit.
Tonys Herz setzte vor Schreck einen Schlag aus. Und er kämpfte gegen die Panikattacke die ihre Krallen in ihn schlug. Scheiße! Er presste den Rücken gegen den beruhigend massiven Stamm des Baumes hinter ihm. Seine Finger krallten sich ins feuchte Gras, sein Atem ging stoßweise. Atmen, Tony, atmen! Er schloss die Augen und zählte stumm bis drei bei jedem Ein- und Ausatmen. Schritte näherten sich ihm, und als er die Augen wieder öffnen konnte, sah er, wer da vor ihm stand.
„Woher wusste ich, dass ihr damit zu tun habt?", fragte er Odin trocken.
Der Allvater sah schuldbewusst und müde zugleich aus. „Darf ich mich zu dir setzen?", fragte er, und Tony rutschte überrascht zur Seite, um dem Höchsten der Götter Platz zu machen. Es war bizarr, wie sie so in diesem stillen Garten saßen: Odin Allvater und der Mensch Tony Stark, Seite an Seite unter dem weiten Nachthimmel Asgards.
„Es ist meine Schuld", brach Odin schließlich die Stille, und Tony hob fragend eine Augenbraue. „Ich habe den Zauber von meinem Sohn genommen und ihm seine wahre Gestalt zurückgegeben."
Tony klappte der Mund auf. WAS? Was hatte er getan?! Er bemühte sich um einen beiläufigen Ton, als er fragte: „Bei allem Respekt, Allvater, aber seid ihr verrückt geworden?"
Der Gott gluckste. „Ja, es scheint so. Nicht wahr? Aber es musste sein. Loki darf sich nicht weiter vor seinem Erbe verstecken." Es hörte sich so an, als hätte der Gott keine große Wahl gehabt.
„Ist wohl nicht besonders gut gelaufen, was?"
Odin seufzte schwer. „Nein, in der Tat. Es war ein Desaster. Loki ..." Er suchte nach Worten.
„... ist komplett ausgeflippt", schlug Tony vor, und Odin nickte.
„Was versprecht ihr euch davon? Ihn in einen Eisriesen zu verwandeln, meine ich."
Odin blickte ihn scharf an, aber Tony erwiderte den Blick trotzig. Wenn er schon mit einem total durchgeknallten Gott konfrontiert wurde, wollte er wenigstens einen Grund dafür hören.
„Es ist sein Erbe als Sohn von Laufey, dem Jotunen-König. Mein Zauber hat verhindert, dass er je seine wahre Gestalt annehmen konnte. Jetzt liegt es in seiner Macht, frei zu wählen, wer er sein will. Es ist ihm vorherbestimmt, die Reiche wieder zu vereinen, so wie er sie zuvor gespalten hat. Ich weiß das ich ihn möglicherweise zu früh mit all dem konfrontiert habe."
Tony nickte. Das hörte sich logisch an, aber er wettete um seinen neuesten Iron-Man-Anzug, dass der Allvater dies so nicht zu Loki gesagt hatte. Sonst wäre sein Gott nicht so dermaßen neben der Spur gewesen. „Ihr müsst echt an eurer Kommunikation arbeiten", seufzte er und fuhr sich durch die Haare.
„Loki muss diese Prüfung bestehen. Er muss nach Jotunheim gehen und sich seinem Volk stellen", fuhr Odin unbeirrt fort.
„Aha, und wie viele Männer gebt ihr ihm für diese simple Aufgabe mit?" Tony glaubte die Antwort zu kennen.
„Mein Sohn muss sich dem allein stellen."
Bingo.
Er räusperte sich und drehte sich vollends zu Odin um. „Das ist ein Selbstmordkommando, und ihr wisst das", sagte er und hob warnend eine Hand, als der Gott zu sprechen ansetzte. Odin sah ihn verwundert an, wahrscheinlich war ihm noch nie der Mund verboten worden, aber das war Tony egal. „Ihr wisst das, und Loki weiß es auch, sonst hätte er nicht so überreagiert. Nein, ich vermute, ihr habt ihn zuerst in einen Eisriesen verwandelt und ihm dann diese tolle Aufgabe übertragen, quasi als Todesstoß. UND" – er wurde lauter, als Odin schon wieder widersprechen wollte – „und ihr habt ihn einfach damit allein gelassen. Ihr verwandelt ihn einfach und nehmt ihm alles, was er ist, verdammt ihn mit dieser unmöglichen Aufgabe zum fast sicheren Tod." Seine Hand war nach wie vor erhoben. „Oh, nein, nein, nein, ich bin mir sicher, euer Orakel hat 'ne ganz tolle 1:1000-Chance auf Erfolg ausgeworfen. Schon mal was von Empathie gehört? Was glaubt ihr, was das in ihm ausgelöst hat? Habt ihr eigentlich eine Ahnung, dass er verzweifelt versucht, eure Anerkennung zu gewinnen?" Er lachte laut auf, als ihm etwas klar wurde. „Ja, es ist euch bewusst, nicht wahr? Deshalb verlangt ihr das von ihm. Ihr wisst, er wird es tun, in dem aussichtslosen Versuch, das von euch zu bekommen."
Odin hatte wenigstens den Anstand, betreten zu Boden zu blicken. Tony nickte verbittert. „So müsst ihr Thor nicht in Gefahr bringen. Praktisch, wenn man einen Sohn übrig hat, den man an die Wölfe verfüttern kann."
Odins Kopf ruckte hoch. „Ihr maßt euch etwas zu viel an, Mann aus Eisen. Es ist in keinster Weise so, wie ihr es darstellt."
Oh bitte, Tony wusste genau, was hier ablief. Howard Stark war genauso gewesen wie Odin. Manipulativ und gefühlskalt gegenüber seinem Sohn, der nur eines wollte: Anerkennung und ein freundliches Wort, ein bisschen Liebe für das, was er war, und den Stolz seines Vaters für das, was er erreicht hatte.
„Wie es sich auch immer darstellen mag, ich werde ihn nicht allein gehen lassen." Tony war aufgestanden und wandte sich zum Gehen. „Ihr könnt euch auf den Kopf stellen, ich werde ihn nicht allein lassen. Loki gehört zu mir, und ich zu ihm."
Hinter seinem Rücken lächelte Odin und erhob sich ebenfalls. „Mann aus Eisen!", rief er ihm hinterher.
Widerwillig drehte Tony sich noch einmal um und riss gerade noch rechtzeitig die Hände hoch, um die beiden goldenen Äpfel aufzufangen, die in seine Richtung flogen.
Verwirrt starrte er Odin an. „Für deine Treue und Loyalität." Dann war er in der Dunkelheit verschwunden.
Tony starrte die Früchte einen Moment verwirrt an und musste lachen, als der Groschen fiel. Dieser Mistkerl. Hatte er das alles nur gesagt, um Tony an der Seite seines Sohnes zu wissen? Ihn zu der Erkenntnis zu bringen, dass er Loki liebte, egal wie heftig die Auseinandersetzung auch gewesen sein mochte?
Verdammte Götter. Er würde Loki nicht allein lassen. Niemals. Nichts, was er tat oder sagte, würde ihn dazu bringen, sein Wort zu brechen. Es brauchte mehr als das, um ihn von seiner Seite zu vertreiben, dachte Tony bitter. Nun machte er sich Vorwürfe, nicht geblieben zu sein. Er war einfach vor der Situation davon gelaufen. Tony hatte doch gespürt, dass etwas furchtbar schieflaufen war. Er hätte sich nicht so provozieren lassen dürfen. Er hätte für Loki da sein sollen. Stattdessen hatte er versucht, ihn mit seinen Worten noch mehr zu verletzen. Verdammt.
Es machte keinen Unterschied, ob Loki nun ein Ase oder ein Eisriese war. Er würde ihm zeigen, dass er richtig war und dass er kein Monster war. Tony würde einen Weg finden, seinem Gott das klarzumachen. Er wusste nur noch nicht genau, wie. Entschlossen machte er sich auf den Rückweg zu seinem Gott.
Zu seiner Überraschung drang durch die Tür eine leise Unterhaltung. Fandral, schoss es ihm ganz kurz durch den Kopf. Tony verscheuchte den bescheuerten Gedanken sofort wieder. Schwungvoll öffnete er die Tür und fand Thor über Lokis Unterarme gebeugt in der Mitte des Empfangsraums vor.
Lokis Kopf war bei dem Geräusch der Tür nach oben geschnellt, und Tony sah einen Hoffnungsschimmer in diesen intensiven grünen Augen aufglimmen. Sein Mund formte stumm Tonys Namen, und er musste widerwillig schmunzeln. Lokis ganzer Körper wandte sich ihm zu, wurde wie ein Magnet in seine Richtung gezogen.
„Anthony, ich …" hob er an, wurde aber durch eine erhobene Hand zum Schweigen gebracht. Sein Gott erstarrte mitten in der Bewegung.
Das funktionierte bei Asen ziemlich gut, dachte Tony. Er wandte sich gereizt an Thor. „Hey, Großer, darf ich fragen, wieso ihr so eine Scheiße hinter meinem Rücken abzieht?"
Der Donnergott blinzelte verwirrt ob der wütenden Worte. „F... Freund Stark?" Tony war nicht in der Stimmung für so etwas, also kam er gleich zum Punkt.
„Komm mir nicht so! Du wusstest bestimmt, was dein Vater vorhatte, und lässt ihn einfach ins Messer laufen" – er gestikulierte zu Loki – „ohne mir etwas davon zu sagen. Ich geh mit ihm ins Bett und muss es hinterher ausbaden, weißt du?!" Er trat dicht an den Donnergott heran, der aussah, als hätte ihn gerade einer seiner Blitze getroffen. Ganz unbewusst stellte er sich schützend vor Loki. „Schlimm genug, ihm das anzutun, aber dann lasst ihr ihn auch noch alleine? Du weißt schon, dass er eine leichte Tendenz zum Amoklauf hat, ja?"
Thor fand endlich seine Stimme wieder. „Ähm, ja, es war vielleicht etwas ungeschickt von meinem Vater … Ich habe Loki gesucht, aber …" Tony funkelte ihn wütend an. Also hatte Thor tatsächlich gewusst, was Odin vorhatte. Er kannte seinen Bruder doch schon viel länger als Tony – wie genau hatte er gedacht, dass diese Sache laufen würde?
Tony hob wieder die Hand, und Thors Gemurmel verstummte. „Genug. Ich will mich jetzt nicht streiten. Bleiben wir einfach dabei, dass es eine beschissene Idee war, das Ganze ohne Backup-Plan durchzuziehen." Ohne weiter auf Thors verwirrtes Gesicht zu achten (Backup-Plan?), wirbelte er zu Loki herum. In der Drehung verwandelte er seine erhobene Hand zu einer ausgestreckten und hielt sie seinem Gott entgegen.
„Komm", sagte er schlicht, mit einem sanfteren Ton und einem kleinen Lächeln auf den Lippen. Furcht und Hoffnung spiegelten sich in den Augen seines Gottes. Schließlich ging ein Ruck durch Loki, und er legte seine Hand in Tonys. Sie mussten das jetzt klären. Tony zog seinen Gott mit sich, ließ Thor einfach stehen und öffnete die Tür zum Badezimmer.
Ihm war aufgefallen, dass Loki in der Nähe der heißen Quelle immer entspannt wirkte. Er schloss entschlossen die Tür hinter ihnen und zog den Gott weiter bis zu den ersten Bäumen am Rand der Quelle.
Mit einem Ruck beförderte er Loki mit dem Rücken gegen einen der breiten Baumstämme. Tonys Hände landeten Sekunden später ebenfalls auf dem Stamm – eine direkt neben Lokis Kopf, die andere neben seiner Hüfte –, stellten so sicher, dass er ihm nicht entwischen würde. Da das Gelände hier ganz leicht abfiel, waren sie fast auf gleicher Augenhöhe. Tonys braune Augen blickten in grüne, und er fragte:
„Wer bin ich?"
„Wer bin ich?"
Loki erwachte aus seiner Trance und starrte seinen Sterblichen verwirrt an. Was meinte er damit? Seine Gedanken wirbelten wie verrückt, seit Anthony durch die Tür gestürmt war. Er war noch immer hier, hatte Asgard nicht verlassen, er war zu ihm zurückgekommen und hatte sogar seinen Bruder angeschnauzt.
„Komm schon, Babe, deine Magie weiß es, also weißt du es auch. Ich will, dass du es sagst. Wer bin ich für dich?" Sein Ton wurde eindringlicher, aber Loki konnte nur denken, dass er gerade Babe genannt wurde. Er benutzte wieder seinen Kosenamen für ihn. Lokis Knie wurden weich, und etwas tief in ihm rastete mit einem Klick an der richtigen Stelle ein. Wärme durchströmte seine Adern.
Die Antwort kam automatisch, Loki musste nicht darüber nachdenken. „Du bist ein Teil von mir, Anthony, Liebster."
Tony nickte lächelnd und küsste ihn, presste ihn in die raue Rinde des Baumes. Seine Hände waren nun auf ihm und zogen ihn an sich. Der Kuss war fast schon schmerzhaft, aber Loki begrüßte jedes bisschen davon. Er klammerte sich an seinen Sterblichen, als würde sein Leben davon abhängen. Als Tony schließlich von ihm abließ, schnappte Loki nach Luft. Tony legte seine Stirn an Lokis, und sie atmeten einander ein.
„Es tut mir leid", flüsterte er. „Ich wünschte, du hättest diese Seite von mir nie gesehen."
Tony schüttelte den Kopf, die Stirn immer noch an Lokis gepresst. „Ich will alles von dir wissen und alles von dir sehen", flüsterte er zurück, und Loki schluckte schwer. „Ich will alles, hörst du? Und Loki, ich werde dich nicht verurteilen. Ich bin an deiner Seite", fügte er weiterhin flüsternd hinzu. „Immer." Das Wort war ein warmer Hauch auf Lokis Wange und brachte ihn fast zum Weinen.
Er wusste, was sein Sterblicher von ihm erwartete, nicht zuletzt, weil er wusste, wie verdammt neugierig Anthony war. Er wollte ihn in seiner wahren Gestalt sehen, aber Loki konnte nicht. Er verabscheute die blaue Haut und die roten Augen. Schlimm genug, dass sein Bruder ihn so gesehen hatte – wie könnte er sich seinem Geliebten so zeigen?
Tony löste sich von ihm und sah ihm tief in die Augen. Vertrau mir.
Na gut. Loki wich Tonys Blick aus, atmete tief ein und hob die linke Hand. Als er sie sinken ließ, verschwanden seine Weste und das Hemd. Wenn Anthony ihn sehen wollte, sollte er mehr sehen als nur ein blaues Gesicht mit roten Augen. Er spürte, wie die Kälte Jotunheims durch seine Adern strömte, konnte fühlen, wie sich Linien und Punkte auf seinem Körper bildeten. Anthonys Hände auf seinen Hüften fühlten sich unnatürlich warm an, fast schon heiß. Er spürte, wie sein Sterblicher einen Schritt zurücktrat, aber er ließ ihn nicht los.
Loki sah verwundert hoch und stieß den angehaltenen Atem aus. In der warmen Luft des Badezimmers bildeten sich durch seinen kühlen Atem kleine Dampfwolken. Was er in Tonys Augen las, überraschte ihn noch mehr als die Tatsache, dass sein Sterblicher ihn immer noch festhielt. Er hatte damit gerechnet, Ablehnung zu erblicken, und damit, dass er sich angewidert abwenden würde. Stattdessen sah ihn Tony fasziniert an – nein, er bewunderte ihn, erkannte Loki.
Sein Sterblicher hob die Hand und wollte seine bloße Haut berühren, aber Loki wich entsetzt zurück. „Nicht!", zischte er. „Du wirst dich verbrennen. Meine Haut verströmt eine Eiseskälte in dieser Form." Er senkte den Blick wieder und erschrak beinahe zu Tode, als sich eine warme Hand an seine Wange legte.
Sein Sterblicher grinste ihn verschmitzt an. „Du kennst mich, Babe, ich gehe gerne Risiken ein." Er fuhr mit den Fingerspitzen über Lokis Gesicht. „Es ist kühl, aber auszuhalten. Ich glaube, deine Magie lässt es nicht zu, dass ich mich an dir verbrenne." Er lachte leise, und Loki verstand sehr wohl die Zweideutigkeit dieser Aussage. Er sah ihn trotzig an, und das Grinsen wurde nur noch breiter.
Neugierige Fingerspitzen fuhren jede Linie auf seinem Gesicht nach und wanderten über seinen Hals auf seine Brust. Die Linien und Punkte bedeckten seinen ganzen Körper, das wusste Loki. Wenn sein Sterblicher alle abfahren wollte, wäre er sehr lange beschäftigt. Wieso faszinierte ihn dieser Körper dermaßen? Verwundert beobachtete Loki, wie Tony langsam seine blaue Gestalt erkundete.
„Was bedeuten diese Linien?" Die Frage holte Loki aus seinen Gedanken.
Er räusperte sich. „Es sind Lebenslinien. Manche sind schon immer da gewesen, andere erscheinen nach einschneidenden Erlebnissen." Sein Sterblicher runzelte leicht die Stirn, also führte er weiter aus: „Zum Beispiel nach einer Schlacht oder einem Verlust. Jeder Eisriese hat seine eigene Geschichte, keine Linie gleicht der anderen."
Tony blickte auf. „Also bist du einzigartig, nicht nur als Ase, sondern auch als Eisriese?"
Widerwillig nickte Loki. „Du findest mich einzigartig?" Das hatte ihm noch nie jemand gesagt. Sein Sterblicher kam näher und legte beide Hände auf seine Brust. Es fühlte sich heiß an.
„Was hast du vor...?" Aber da legten sich bereits warme Lippen auf seine, und er hatte das höchst berauschende Gefühl von Feuer in seinem Mund.
Es dauerte nicht lange, und als Tony Lokis kalten Atem ausstieß, tat er es mit einiger Genugtuung. „Voll abgefahren", grinste er. „Als würde ich einen Eiswürfel knutschen."
Loki wurde es jetzt unangenehm. Er fing an, sich in Tonys Griff zu winden, aber dieser war unerbittlich.
„Wo willst du hin, Frosty? Ich bin noch nicht fertig mit dir."
Es fing an, sich gut anzufühlen, und Loki wollte so ein Gefühl nicht mit dieser Gestalt in Verbindung bringen. Sie war abstoßend und furchterregend, nicht anziehend oder …
„Du bist wunderschön", hauchte heißer Atem an seinem Hals, und ein brennender Kuss landete hinter seinem Ohr.
Er konnte Anthonys Hitze durch dessen Kleider spüren. Sollte er ihm noch mehr von diesem Körper zeigen? Nein! Was dachte er denn da? Er wollte sich zurückverwandeln, aber …
„Diese Linie hier mag ich besonders gerne."
Loki schnappte schockiert nach Luft, als eine Zunge über seinen Hals leckte und heiße Hände sich auf seine Hüften legten.
„Was … was tust du?", keuchte er, aber sein Sterblicher drängte ihn wortlos an den Baumstamm und machte weiter damit, seinen fremden Körper mit Küssen zu bedecken. Er schickte Schauer durch Lokis Körper, und er begann sich noch heftiger zu winden.
Tony schnappte sich seine Handgelenke und pinnte sie über Lokis Kopf an den Stamm, hinderte ihn so an der Flucht. Seit wann war sein Sterblicher dermaßen stark? Ein weiterer Kuss raubte ihm den Atem – und den Verstand gleich mit dazu.
„Kennt man in Asgard das Prinzip des Versöhnungssex nicht?", hauchte Tony an seine Lippen, und Loki riss entsetzt die Augen auf.
„Doch nicht in dieser Gesta—" Er wurde mit einem weiteren Kuss zum Schweigen gebracht.
„Nein?" keuchte Tony, als er ihn wieder freigab. „Dann werde ich dich später im heißen Wasser nehmen", versprach er. „Vorerst … lass mal sehen, wie wäre das?"
Er presste sich gegen ihn, und die Hitze drohte, ihn zu überwältigen.
Loki keuchte auf. „Das … ist zu … heiß … Anthony, bitte."
Sein Sterblicher knurrte leise und zog sich zurück, nur um gleich darauf seinen Körper wieder an ihn zu pressen. Wie eine Welle ließ er seinen Körper über Lokis gleiten und rieb sich an ihm. Loki konnte sich nicht dagegen wehren und stöhnte laut auf, warf den Kopf zurück und sah Tony mit lustvollem Blick an.
Dieser betrachtete ihn hungrig und beugte sich vor. „Du weißt gar nicht, wie sexy du bist, oder?" flüsterte er in sein Ohr, und Loki vergaß, wer er war, wo er war oder was er war.
Es existierte nur noch dieser Mann vor ihm, der ihn begehrte. Und der gerade seine heiße Hand in Lokis Hose gleiten ließ.
Es brauchte nicht viel, und er löste sich in Tonys Händen auf, warf sich ihm entgegen und forderte weitere Küsse, die ihm gnädigerweise gewährt wurden. Schließlich lehnte er, schwer atmend, an dem rauen Stamm der Kiefer, die Hände immer noch über den Kopf. Tonys Hand strich wieder über sein Gesicht.
„Du kannst also auch in dieser Gestalt rot werden", flüsterte sein Sterblicher und strich ihm über die Wange. „Bezaubernd", grinste er und veranlasste Lokis Gesicht dazu, noch mehr von der Farbe Rot preiszugeben.
Endlich ließ er seine Hände los, zog ihn aber sogleich in eine feste Umarmung. Die Hitze war nun endgültig zu viel für Loki, und er verwandelte sich in seine normale Gestalt zurück.
„Hmmm", gurrte sein Liebhaber. „Auch nicht schlecht."
Und dann küsste er ihn so ausgiebig, dass Loki das Gefühl hatte, er würde aufhören zu existieren.
Sie schnappten heftig nach Luft, als sie sich schließlich voneinander lösten.
Ein kurzer Blick zum Wasser reichte aus, und Tony sank vor ihm auf die Knie. Er befreite ihn von den Stiefeln und zog ihm mit einem heftigen Ruck, der Loki schwanken ließ, die Hose aus. Er küsste sich seinen Weg zurück nach oben und streifte dabei mit seiner Wange Lokis Glied.
Loki riss seinen Sterblichen nach oben und begann, ihn aus den neuen asgardischen Gewändern zu schälen. Die Schnallen und Schnüre der Weste waren schnell gelöst, das Unterhemd folgte Sekunden später.
Als er vor ihm niederkniete, um ebenfalls Stiefel und Hose zu entfernen, spürte er plötzlich eine Hand auf seinem Kopf. Er sah nach oben in ein grinsendes Gesicht.
„Nette Aussicht von hier oben", schnurrte sein Sterblicher, und Loki riss Tonys Hose nach unten. Na warte, dachte er und schloss seinen Mund um seinen Sterblichen.
Zufrieden hörte er das überraschte Aufkeuchen und spürte Fingernägel über seine Kopfhaut kratzen.
Er ließ Tony aber nicht auf diese Weise kommen. Augenblicke später löste er sich unter lautem Protest von ihm und zog Tony stattdessen mit sich ins warme Wasser.
„Gemeinheit", stöhnte sein Sterblicher auf, und Loki sah, dass er Qualen litt.
Na schön, grinste er, hob ihn hoch und trug ihn zu den Steinstufen. Er legte ihn mit dem Rücken auf die oberste Reihe und rutschte zwischen seinen Beinen nach unten.
„Oh Gott", keuchte Tony auf und wand sich heftig in seinem Griff. Loki hielt seine Hüften fest umklammert und hinderte ihn daran, in seinen Mund zu stoßen.
Mit einem lauten Schrei und Lokis Namen auf den Lippen ergoss sich sein Sterblicher wenig später unter heftigem Zittern. Erst da ließ Loki seine Hüften los und gab ihm die Möglichkeit, seinen Orgasmus mit wilden Stößen auszureiten.
Eine Stunde und ein Versprechen Tonys später verstand Loki die Welt nicht mehr. Noch heute Morgen war er dem Wahnsinn so nah gewesen, war in die Dunkelheit gefallen – und jetzt wollte sein Herz vor Glück zerspringen.
Er fühlte sich gut, hatte sich auch in seiner anderen Gestalt gut gefühlt, gestand er sich widerwillig ein. Anthony hatte ihm beide Male das Gefühl gegeben, begehrenswert zu sein. Er hatte ihn in seiner Jotun-Gestalt mit der gleichen Lust angesehen wie sonst auch. War er also doch kein Monster, sondern … was?
Loki saß mit dem Rücken an Tonys Brust auf den Steinstufen, und ein Kuss in seinen Nacken riss ihn aus den Grübeleien. „Wirst du gehen?", fragte Tony in seinen Nacken und fuhr fort, ihn zu küssen.
„Hmm", schnurrte Loki und ließ seinen Kopf nach vorne fallen, um den Küssen mehr Raum zu bieten. „Wie viel weißt du?", fragte er zurück. Und woher weißt du es? Sein Sterblicher hatte eine unheimliche Begabung dazu, Dinge herauszufinden, die er besser nicht wissen sollte. Dabei hatte er hier in Asgard nicht einmal J.A.R.V.I.S. – also, wo war seine Quelle für solche Informationen?
Zwischen zwei aufreizenden Küssen und einem leichten Biss kamen die Worte, die Loki nie im Leben erwartet hätte.
„Och, ich hatte einen netten Plausch mit deinem Dad." Ganz langsam drehte sich Loki zu ihm um und starrte ihn ungläubig an. Sein Sterblicher grinste ihn frech an und zuckte die Schultern.
„Hey, er kam zu mir und hat mir erzählt, wie er es diesmal versaut hatte." Die Fröhlichkeit verschwand aus seinem Gesicht, als er hinzufügte: „Zu spät. Viel zu spät. Ich ... es ... es tut mir leid, Loki, dass ich nicht da war, als du mich gebraucht hast."
Loki sah ihn entsetzt an. Tony war der Letzte, der sich für irgendetwas hiervon entschuldigen sollte. „Nicht, Liebster." Er legte eine Hand an Tonys Wange. „Nichts hiervon ist deine Schuld. Mein Vater war zu ... na ja, was auch immer, aber ich war derjenige, der nicht stark genug war. Es tut mir leid, dich mit hineingezogen zu haben. Bitte vergib mir."
Tony küsste Lokis Handinnenfläche und sandte Schauer über seinen Rücken. Er schüttelte den Kopf. „Du hast die Kontrolle verloren. Das hätte jeder unter den Umständen. Ich hätte da sein müssen." Er fuhr fort, Lokis Hand zu küssen. „Und es gibt nichts zu vergeben", fügte er ernst hinzu.
Dann stahl sich ein Lächeln auf sein Gesicht, und er drehte Lokis Hand in seiner. „Gefallen sie dir?" Er betrachtete die goldenen Armschienen, die Loki mit Thors Hilfe vor Stunden angelegt hatte.
Loki spürte, wie er schon wieder rot anlief. „Sie sind wunderschön, und ich werde sie nie wieder ablegen – es sei denn, du tust es für mich." Mit seiner Aussage schaffte er es tatsächlich, Tony ebenfalls erröten zu lassen, und er lachte auf. Das Lachen wurde durch einen Kuss unterbunden.
„Sehr schön. Ich mag es nämlich nicht, wenn andere Leute meine Sachen anfassen", knurrte sein Sterblicher. „Wenn schon jeder sehen kann, dass ich zu dir gehöre, soll auch jeder sehen, zu wem du gehörst", sagte er bestimmt.
Loki schnurrte. „Ich gehöre zu dir, Mann aus Eisen." Er schluckte, als er den intensiven Blick Tonys wahrnahm. „Nimmst du es mir immer noch übel? Die Sache mit dem Band?"
„Na ja ... wo wir schon dabei sind, Dinge zu klären … wieso hast du mir nicht die Wahrheit darüber gesagt?"
Loki schluckte und wich den braunen Augen aus. „Ich … ich ..." Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, und er biss sich auf die Lippe. Er konnte den Blick seines Sterblichen deutlich spüren. Nervös begann er, über seine Armschienen zu streichen. „Ich hatte Angst, wie du reagieren würdest." Ganz kurz riskierte er einen Blick zu Tony.
„Und du dachtest, da wir es eh nicht mehr rückgängig machen können, lässt du mich einfach im Dunkeln?" Loki konnte den Ärger seines Sterblichen deutlich spüren. Er schwang nicht nur in den Worten mit. Eine Welle des Gefühls traf ihn mit voller Wucht, und Loki zuckte zurück. Das Glücksgefühl von vorhin war verschwunden. Er musste ihm unbedingt erklären, wieso er nichts gesagt hatte.
„Anthony … ich … ich fürchtete, ich wäre dir nicht genug." Seine Finger hörten auf, den Linien auf den Armschienen zu folgen, und er sah hoch in das Gesicht seines Sterblichen.
Tony runzelte die Stirn. „Wie kommst du nur immer auf solche Gedanken?"
„Ist es wirklich so abwegig? Während der ganzen Zeit in New York habe ich dich immer nur mit Frauen gesehen." Loki schlug die Augen nieder und flüsterte: „Ich bin nur ein Mann. Ich weiß nicht, ob dir das genügt ..." Der Ärger, den er aus Tonys Richtung verspürt hatte, verschwand und wurde durch etwas anderes ersetzt – Zuneigung und Liebe. Lokis Kopf fuhr hoch.
„Du hast damals nicht alles gesehen, Babe." Tonys Wangen glühten rot. „Glaubst du, ich hätte mich mit dir eingelassen, ohne es mir vorher gut zu überlegen?" Er räusperte sich. „Und wenn wir dieses Spiel schon spielen – woher weiß ich, dass ich dir genug bin? Ich bin nur ein Mensch." Er sprach den letzten Satz etwas zu heftig aus. Eine weitere Welle traf ihn, diesmal war es Wut. Loki schnappte nach Luft und wich zurück.
Tony hob sofort entschuldigend die Hände. „Nein! Entschuldige, Babe. Das galt nicht dir." Die Gefühle, die sie durch das Band teilten, waren heftig. Loki hatte sich noch nicht daran gewöhnt, Tonys Gefühle auf diese Weise wahrzunehmen. Seinem Geliebten ging es bestimmt nicht anders.
Er legte seine Hand an Tonys Wange und fragte leise: „Was macht dich so wütend, Liebster?"
Sein Sterblicher sah betreten zur Seite und ballte die Fäuste. „Es ist bescheuert ..."
„Sag es mir", bat Loki sanft.
Tony schüttelte den Kopf, murmelte aber schließlich: „Fandral."
Verdammt! Dieser Unruhestifter. Er hätte sich niemals mit Thors Freund einlassen dürfen. Aber er war nach dem Tod seines damaligen Gefährten so einsam gewesen ... „Was hat er zu dir gesagt?"
Tony mied seinen Blick und blieb stumm. „Er hat damit geprahlt, mir beigelegen zu sein. Habe ich recht?"
Sein Sterblicher nickte knapp und blickte ihm tief in die Augen, suchte nach Bestätigung. „Er hat ziemlich hässliche Dinge gesagt. Ich will es nicht wiederholen."
Loki hielt seinem Blick stand und glitt näher an ihn heran. „Egal, was er behauptet – es war nur einmal. Und ich versichere dir, er hat mich nicht genommen." Tonys Augenbrauen schnellten nach oben.
Loki musste das klarstellen. „Du bist der Einzige in ganz Asgard und den Neun Welten, der mich je besessen hat. Ich gehöre dir." Es war die Wahrheit. Nicht einmal sein letzter Gefährte hatte dieses Privileg besessen. Er gehörte Anthony mit allem, was er war, und hoffte, sein Geliebter würde ebenso empfinden. Loki wollte in dieser Beziehung weder dominieren noch unterworfen werden. Er wollte eine Partnerschaft auf Augenhöhe – bis ihr Band erlöschen würde.
Tony schloss die Distanz zwischen ihnen und zog ihn in einen leidenschaftlichen Kuss. „Wir sollten besser auf unser Band hören, anstatt uns selbst verrückt zu machen, was?" schmunzelte er schwer atmend und küsste Loki erneut.
„Mhmm ..." Das Glücksgefühl war in Lokis Brust zurückgekehrt, und diesmal würde es bleiben. Er grinste. „Also nimmst du es mir nicht mehr übel?"
Sein Sterblicher sah ihn durchdringend an und schüttelte schließlich den Kopf. „Ich denke nicht, nein. Aber es wäre trotzdem schön gewesen, wenn du mich offiziell gefragt hättest." Loki legte fragend den Kopf schief. „Na, wenn ich schon das Mädchen in dieser Beziehung bin, hätte ich gerne einen richtigen Antrag gehabt."
Loki lachte prustend auf, und die Anspannung löste sich. Tony fuhr angestachelt fort: „Ich bin wählerisch, weißt du? Ich will im Sturm erobert werden! Mit roten Rosen und einer Pferdekutsche und allem." Jetzt lachten beide, aber Loki wusste, dass ein Fünkchen Wahrheit in dieser Albernheit steckte.
„Wir hatten ja nicht mal ein richtiges Date", entrüstete sich Tony weiter, und Loki stieg darauf ein.
„Ach nein? Ich dachte, die ganzen Abende in deiner Werkstatt und dem Labor wären ziemlich gute Dates gewesen."
Er erntete ein gespieltes Prusten. „Das nennst du Date? Du hattest mir ja noch nicht mal gesagt, dass du mich gut findest."
Loki lächelte ihn an. „Willst du mir sagen, du hast die Zeichen nicht verstanden, die ich dir all die Zeit gegeben habe? Natasha und Clint hatten recht, ich hätte es auf eine Reklametafel schreiben sollen."
Tonys Lächeln wurde sanft, und er streichelte über Lokis Wange und Hals bis hinunter zu seiner Brust, legte seine Hand auf Lokis Herz. „Es tut mir leid, ich war ein Idiot."
Loki legte eine Hand über Tonys und küsste ihn. Dann sah er ihn wieder ernst an, als er sich an etwas erinnerte. „Liebster, du hast im Streit Dinge gesagt ..."
Tony sah betreten auf ihre verschränkten Hände. „Ja, es tut mir leid, das war fies."
Aber Loki ging nicht darauf ein. „... Du sagtest, du hättest deinen Körper für mich verändert und für mich getötet?" Waren dies nur leere Worte gewesen, aus Wut gesprochen, oder verbarg sich mehr dahinter? Loki musste es wissen.
Tony atmete tief durch. „Okay, das läuft alles anders als geplant", begann er. „Eigentlich wollte ich dir heute Abend mein Geschenk überreichen und bei einem schönen Glas Wein über meinen Eingriff nächste Woche mit dir reden, aber ..."
Eingriff?! Was?! Loki war alarmiert und blickte ihn erschrocken an.
„Na ja, du warst doch in dem Schattenreich, Babe, ich konnte dich da doch nicht sterben lassen", fuhr sein Sterblicher fort.
Was hatte das Schattenreich damit zu tun ... das Schattenreich! Lokis Augen wurden groß. „Was hast du getan, Liebster?" hauchte er und blickte entsetzt auf Tonys Brust. Der Arc-Reaktor leuchtete unter Wasser in seinem blauen Licht, so wie immer.
In den stillen Nächten Midgards, wenn sein Geliebter neben ihm schlief, hatte Loki seine Hand sanft über dessen Brust gelegt. Mit Magie und Fingerspitzen tastete er nach den Splittern, fühlte das kalte Metall, das bedrohlich nah an Tonys Herz pulsierte. Jedes Mal zog sich seine Brust enger zusammen. Zu gefährlich. Zu riskant. Und Tony wusste nicht einmal, dass er jede Nacht um sein Leben bangte.
Mit der Erinnerung an diese Nächte, legte er zitternd eine Hand auf Tonys Brust und suchte nach den Metallsplittern. Sein Sterblicher legte seine Hand auf Lokis und lächelte ihn beruhigend an.
„Schattenreiche sind toxisch für Menschen, hat mir deine Mum erklärt."
Da war kein Metall mehr! Wo er sonst die kalten, bedrohlichen Splitter gespürt hatte, war jetzt nichts als warmes, lebendiges Fleisch und Haut. Tonys Herz schlug ruhig – aber anders. Tiefer. Stärker. Als hätte es die Zeit selbst in sich aufgenommen. Ein ungläubiger Schauer lief über Lokis Rücken.
„Was haben sie dir angetan?" flüsterte Loki.
„Sie haben mir gar nichts angetan, sie haben mir die Wahl gelassen, Babe", sagte er und hob Lokis Kopf, sodass er ihn ansehen musste. „Dein Dad hat mir einen goldenen Apfel gegeben. Er hat mir die Entscheidung überlassen, ob ich mit Thor in das Schattenreich gehen oder sicher in Asgard auf eure Rückkehr warten wollte."
Loki schluckte und schloss die Augen.
„Ich habe keine Sekunde gezögert, Babe."
Loki schlug die Augen auf, als er die Gewissheit in diesen Worten hörte. Es war dieselbe Gewissheit, die auch er verspürt hatte, als er sich mit Thyra in das Portal gestürzt hatte.
Die Hand immer noch auf Tonys Brust, spürte er in den Körper des Mannes. Suchte nach Anzeichen von Verfall, die er früher immer so schmerzhaft wahrgenommen hatte. Dieses Ticken, das ihm zeigte, dass Tony eben sterblich war und ihm nicht mehr viel Zeit blieb. Er horchte – aber er konnte nichts hören, spürte nur Vitalität, Leben und eine neue Kraft, die vorher nicht dagewesen war.
Sein Sterblicher war nicht länger sterblich!
Der goldene Apfel hatte sein Leben auf die Zeitspanne eines Gottes verlängert und ihn von allen Leiden geheilt.
Ein schreckliches Gewicht legte sich auf Lokis Brust. Was für ein Opfer hatte Anthony für ihn gebracht? Was würde es bedeuten, Jahrhunderte zu leben, während die Avengers – seine Freunde – einer nach dem anderen verschwanden?
Er sah in Tonys Augen. Keine Spur von Reue. Nur Entschlossenheit.
Loki schluckte schwer. „Anthony ..."
„Ich habe es freiwillig getan, für dich, Babe", sagte sein Sterblicher – nein, sein Unsterblicher. Nein, das fühlte sich nicht richtig an.
Für Loki würde er immer sein Sterblicher bleiben. „Du hast dich wirklich für mich entschieden?"
Tony lächelte sanft. „Immer, Babe."
Loki schloss für einen Moment die Augen. Ein tiefes Zittern lief durch ihn. Das war größer als alles, was er je für möglich gehalten hatte.
„Ich weiß, was es bedeutet, aber jetzt ist es zu spät, um es wieder rückgängig zu machen. Du hast mich für den Rest deines Lebens am Hals, sorry", grinste er, und Loki musste lachen.
Er konnte sich nichts Schöneres vorstellen.
„Ach, und was das Töten betrifft – ich habe mich um den Kommandeur und Thyra gekümmert. Sie können dir nicht mehr wehtun", fügte Tony schlicht hinzu und küsste einen sprachlosen Loki abermals.
Der Kuss war heftig und fordernd, so als wollte Tony eine Bestätigung, ein Tribut für alles, was er für Loki getan hatte – und der Gott gab es ihm.
Schwer atmend blickte sein Sterblicher ihn an. „Bekomme ich jetzt auch eine Antwort auf meine Frage? Wirst du gehen?"
Loki lehnte sich wieder mit dem Rücken an Tonys Brust.
„Hmm, ich weiß es nicht", sagte er schließlich, und Tony schnaubte.
„Ach, Bullshit, Babe. Du hast dich doch längst dafür entschieden zu gehen, richtig? Und wie ich dich kenne, hast du auch schon einen Plan ausgeheckt."
Sein Sterblicher kannte ihn einfach zu gut, dachte Loki belustigt.
Kapitel 18 / Du bist kein Monster & zu Hause
Er strich seinem Sterblichen beruhigend über die Stirn. „Es wird alles gut gehen, Liebster", flüsterte Loki in Tonys Ohr.
„Ich weiß, du bist ja hier", kam die schläfrige Antwort.
Hjálmarr bereitete gerade alles für den Eingriff vor, und Ing hielt sich im Hintergrund bereit, falls noch ein paar mehr Hände gebraucht wurden. Tony hatte gerade den Schlaftrunk geschluckt und sich auf die Liege in einem der Krankenzimmer gesetzt.
Heute würden sie den Arc-Reaktor entfernen und das Loch in seiner Brust schließen. Loki half seinem Gefährten, sich hinzulegen, und beobachtete ihn aufmerksam. Sobald er von dem Apfel und dem daraus resultierenden Eingriff erfahren hatte, war klar gewesen, dass er ihn selbst durchführen würde. Er würde Anthonys Leben niemand anderem anvertrauen, nicht einmal Hjálmarr. Sein Freund würde ihm helfen, aber er wollte selbst sicherstellen, dass alles gut ging. Immerhin hatte Tony all das nur für ihn getan.
Der Blick seines Sterblichen verschwamm, und er driftete langsam in die Bewusstlosigkeit. Kurz bevor er die Augen schloss, krallte er sich in Lokis Hemd und zog ihn zu sich, „Ek ann þér, Babe", flüsterte er, und Loki lächelte.
Er wusste sehr wohl, was für eine Überwindung es Tony gekostet hatte, sich diesem Eingriff zu unterziehen. Er gab den Arc-Reaktor auf, nachdem er ihn jahrelang in der Brust getragen hatte.
Es war ein zweischneidiges Schwert: Einerseits war der Reaktor die Kraftquelle des Iron-Man-Anzugs. Und Tony identifizierte sich damit, hing daran, als wäre es sein Herz. Andererseits war es ein höchst fragiler Zustand gewesen. Auf eine Maschine angewiesen zu sein, die den Magneten antrieb, der die Metallsplitter von seinem echten Herzen fernhielt.
Nun ja, die Splitter waren nun kein Problem mehr, und es war ja nicht so, als ob sie eine Wahl hätten. Tonys Körper hatte nicht nur die Schrapnell-Splitter zersetzt, er begann bereits, den Reaktor anzugreifen. Wenn der Reaktor blieb, würde Tonys Körper ihn entweder zersetzen oder ins Gewebe integrieren – die Folgen wären unvorhersehbar. Trotzdem ahnte Loki, wie schwer es für Tony sein würde, ohne das blaue Leuchten des Reaktors zu erwachen – nur nackte Haut, wo einst sein künstliches Herz gewesen war.
Loki hatte ihn bereits dazu ermutigt, einen neuen Anzug zu entwerfen, der einen externen Reaktor besaß. Er hatte seinem Erfinder dafür so gut er konnte eine eigene Werkstatt eingerichtet. Asgard hatte Technologie, modernere als die Midgards, aber es war nicht dasselbe, wie er feststellen musste. Tony hatte sich zwar nie beschwert, aber Loki spürte, dass sein Gefährte unglücklich war. Er würde ihn wohl wieder nach Midgard bringen müssen, wenn das hier vorbei war.
Loki seufzte leise. Er hatte Tony wirklich viel zugemutet, und trotzdem war dieser die ganze Zeit an seiner Seite geblieben. Liebevoll betrachtete er ihn und strich ein letztes Mal über die vertraute Rundung des Reaktors.
„Wollen wir beginnen?", fragte Hjálmarr leise und riss Loki aus seinen Gedanken.
Er nickte und kontrollierte nochmals, ob Tony auch wirklich außer Gefecht gesetzt war, dann begannen sie.
Vorsichtig entfernte Loki das metallene Herz seines Gefährten und machte sich daran, das Gehäuse aus Fleisch und Muskeln zu lösen. Es war eine langwierige und kräftezehrende Prozedur. Loki war für Hjálmarrs Hilfe dankbar. Ohne seinen alten Freund hätte es noch viel länger gedauert, Tonys Brust wieder in ihren Ursprung zurückzuversetzen.
Als er mit dem Ergebnis zufrieden war, kümmerte sich Loki selbst um den Verband aus beruhigenden Kräuteressenzen. Mit Magie behandelte Haut konnte leicht zu Reizungen und Ausschlag neigen, und die Kräuter verhinderten dies. Das Letzte, was sie jetzt brauchten, war ein Sterblicher, der an der frisch geheilten Stelle herumkratzte.
Hjálmarr trat an seine Seite und legte eine Hand auf Lokis Schulter. „Wie ich sehe, hast du nichts von deiner Kunst verlernt, Heerführer." Loki lachte leise.
„Nun, das letzte Jahr mit den Avengers war eine gute Übung. Menschen sind so leicht zu verletzen und so zerbrechlich." Zärtlich strich er über Tonys Wange.
„Hmm, wohl wahr. Aber dieser hier ist zäher, als er aussieht", scherzte sein Freund, und Loki nickte lächelnd. „Bring ihn in eure Gemächer. Das letzte Mal hat mich sein Gejammer fast in den Wahnsinn getrieben." Loki sah den Heiler überrascht an. „Er wollte dir ja partout nicht von der Seite weichen und beschwerte sich ständig über die harten Krankenbetten."
Das sah Tony ähnlich. Wenn er keinen Schlaf fand und keine Ablenkung hatte, wurde er unleidlich. Es musste quälend für ihn gewesen sein, wochenlang an seiner Seite zu sitzen und zu warten. Loki nickte. Er würde es seinem Sterblichen so bequem wie möglich machen. Er schob vorsichtig die Hände unter Anthony und hob ihn in seine Arme. Einen Augenblick später stand er in ihren Gemächern und legte seinen Gefährten auf der weichen Matratze ab.
Kurz überlegte er, ihn ganz zu entkleiden, und grinste bei der Vorstellung von Tonys Reaktion. Nein, Kranke sollte man nicht ärgern, entschied er, und ließ die Hose, wo sie war.
Er legte sich nahe neben seinen Sterblichen und deckte sie beide zu. Loki war erschöpft. Magie durchgehend über eine so lange Zeitspanne einzusetzen, war kräftezehrend. Er war sich sicher, morgen noch erschöpfter aufzuwachen, denn seine Magie würde über Nacht weiter an seinem Sterblichen arbeiten. Das Band würde dafür sorgen, ob er wollte oder nicht. Um dies zu verhindern, müsste er wahrscheinlich in einem anderen Raum schlafen, und das würde keinesfalls passieren. Er hauchte einen Kuss auf Tonys Stirn, und sein Sterblicher lächelte im Schlaf. „Gute Nacht, Liebster."
Tony tauchte aus einem traumlosen Schlaf auf und blinzelte in die Dunkelheit.
Er nahm mehrere Dinge gleichzeitig wahr. Das blaue Leuchten des Arc-Reaktors kam nicht mehr von seiner Brust, die sich leichter anfühlte als üblich, sondern von seinem Nachttisch. Der Reaktor lag auf dem Tisch wie eine bizarre Nachttischlampe und tauchte den Raum in blaues Licht. Sein Herzschlag beschleunigte sich schmerzhaft, und er atmete stoßweise. Er war nicht mehr im Krankenflügel, sondern in Lokis Bett – ihrem Bett.
Ein warmer Körper regte sich neben ihm, und eine Hand schob sich über seinen Bauch. Warme Finger legten sich auf seinen Nabel, strichen weiter zu seiner Seite und blieben schließlich dort liegen. Loki rückte im Schlaf noch ein Stück näher an ihn. Es war, als würde sein Gott spüren, dass er gerade kurz vor einer Panikattacke stand.
Er murmelte unverständliche Worte an Tonys Schulter und zog ihn näher zu sich. Tonys Panik verebbte schlagartig – er war in Sicherheit. Der Reaktor war entfernt worden, weil er ihn nicht mehr brauchte. Die Metallsplitter in seinem Körper existierten nicht mehr. Loki war hier. Er atmete tief ein, und nahm den beruhigenden Geruch nach Kiefer und Leder war.
Tony entspannte sich wieder, und erst jetzt bemerkte er noch etwas anderes. Ein leichter grüner Schimmer umgab ihn, und er musste schmunzeln.
Er drehte den Kopf, um seinen schlafenden Gott anzusehen – er sah erschöpft aus. Es musste anstrengend gewesen sein, Tony zu heilen. Sein Gott hatte darauf bestanden, den Eingriff selbst durchzuführen, und insgeheim war er sehr erleichtert darüber gewesen.
Hjálmarr war fähig, aber Tony vertraute lieber seinem persönlichen Heiler. Loki kannte seinen Körper in- und auswendig – so wusste er, dass wohl alles am richtigen Platz gelandet war.
Und nun war dieses grüne Leuchten wieder da – so wie damals in einem dunklen Krankenzimmer im Stark Tower, vor einer gefühlten Ewigkeit. Lokis Magie bastelte weiter an ihm herum, obwohl der Meister tief und fest schlief.
Ein zärtliches Lächeln huschte über sein Gesicht – eines, das er hoffentlich nie in der Öffentlichkeit zeigte. Er wusste genau, wie verliebt er Loki ansah, konnte es aber nicht verhindern. Sanft küsste er ihn auf die Wange, und Loki seufzte leise. Hinreißend, dachte Tony."
Was sollte er jetzt wegen der Magie anstellen, die an ihm herumarbeitete? Er wusste, dass es Loki zusätzlich Energie raubte, und sein Gott sah wirklich erschöpft aus.
„Ähhm ... hallo, Glühwürmchen", flüsterte er in Richtung des grünen Schimmers. „Ich find das ja wirklich süß von dir, aber er braucht dich mehr." Nichts passierte. „Hey, nun hör schon auf." Tony wedelte mit der Hand, als wolle er Rauch vertreiben, und der Schimmer flackerte. „Ja, ich rede mit dir, Glühwürmchen. Leg für den Rest der Nacht 'ne Pause ein."
"Fasziniert beobachtete er, wie der Schimmer nebelgleich von ihm zurück in Lokis Körper floss. Abgefahren. Zufrieden mit sich selbst kuschelte er sich wieder an seinen Gott und driftete zurück in den Schlaf.
Loki wurde durch eine freche Hand geweckt, die Kreise auf seinen Rücken malte und langsam nach unten wanderte. Als sie ihr Ziel in Form seines Hinterns gefunden hatte, wurde ein Kuss auf seinem Nacken platziert. Er öffnete widerwillig die Augen.
Wie erwartet war er erschöpfter als gestern, aber nur leicht. Er ließ ein leises Knurren hören, um der wandernden Hand Einhalt zu gebieten. Heißer Atem kitzelte ihn am Ohr. „Ich würde deinen blauen Arsch so gerne noch mal sehen", flüsterte eine Stimme, und Loki war plötzlich hellwach.
Er fuhr hoch. Seine Sterblicher grinste ihn nur frech an. „Es geht mir gut, ich habe keinen Hirnschaden, und es ist mein voller Ernst", sagte er, ohne Loki aus den Augen zu lassen.
Loki blinzelte, „WAS?"
Das konnte er nicht ernst meinen. Loki überlegte kurz und beschloss, es einfach zu ignorieren. Er drückte seinen Sterblichen zurück in die Kissen und begann mit einer kurzen Untersuchung der frisch geheilten Brust.
Tony fing an, mit einer Strähne seiner Haare zu spielen, und zog spielerisch daran. „Hey, Babe, hast du mich gehört?" Loki beendete die Untersuchung und zog, in einer – wie er hoffte – würdevollen Bewegung, Tony die Strähne aus der Hand.
„Ja, und du kannst deine Späße mit jemand anderem treiben", knurrte er.
Sein Sterblicher hob eine Augenbraue. „Ich habe keine Witze gemacht." Er setzte sich auf. „Es war mein Ernst, ich möchte dich noch mal sehen."
Loki sah ihn genervt an. „Wozu?" fragte er schließlich. Er verstand es nicht. Was bezweckte Tony damit? Die Antwort bestand aus einem Kuss und einem „Bitte", war also keine richtige Antwort.
Diskutieren war sinnlos – das verriet ihm schon Tonys Blick. Entweder er gab ihm, was er wollte, oder er würde gehen. Wenn er einfach ging, würden sie später streiten, und das wollte er nicht. Loki überlegte kurz – und entschied sich, liegen zu bleiben. Er seufzte tief, um zu zeigen, wie sehr es ihm missfiel. Damit Tony auch alles sehen konnte schlug er die Decke zurück, und verwandelte sich. Mit hinter dem Kopf verschränkten Armen ließ er sich zurück in die Kissen fallen, und schloss die Augen.
„Bitte sehr, weck mich, wenn du fertig bist." Es fiel im leichter als gedacht.
Noch vor zwei Wochen wäre es undenkbar gewesen, in seine Jotun-Gestalt entspannt in einem Bett zu liegen. Aber sein Sterblicher machte alles einfacher. Immer wieder bat er ihn darum, sich zu verwandeln und in seiner anderen Gestalt herumzulaufen. Und ganz langsam machte es Loki nichts mehr aus, blau zu sein. Manchmal ertappte er sich sogar dabei, es zu genießen, wenn Anthony ihn bewundernd ansah. Auch jetzt konnte er den faszinierten Blick auf seiner Haut spüren. Und Sekunden später fuhren warme Finger die Linien auf seinem Körper nach.
„Du weißt viel über Eisriesen", sagte Tony nachdenklich, und Loki öffnete ein rubinrotes Auge.
„Was hättest du getan, wenn du erfahren hättest, dass du adoptiert wurdest?" fragte er. An dem Tag, als er es herausgefunden hatte, war er in die Bibliothek gestürzt und hatte alles gelesen, was er über Eisriesen und Jotunheim finden konnte.
„Hmm, ich hätte versucht herauszufinden, woher ich komme", murmelte Tony, und Loki schloss sein Auge wieder.
Warme, fast heiße Fingerspitzen wanderten über kühle Haut. Loki biss sich auf die Lippe – fast hätte er geseufzt.
„Warum sind die Linien hier auf der Stirn golden anstatt dunkelblau?" Loki öffnete das Auge wieder und blickte in Tonys fragendes Gesicht.
„Ich weiß es selbst nicht, ich konnte dazu nichts in den Aufzeichnungen finden." Er schloss das Auge wieder, und Worte hallten in seinem Kopf wider. Vater sagte mir, du seist nicht irgendein Eisriese, sondern ein Fürst unter ihnen und... „Und?" „…und ein Prinz Asgards und sein Sohn." Konnte es etwas damit zu tun haben?
„Hmmm", machte Tony und stupste ihn in die Seite. „Dreh dich mal um, ich will wirklich deinen Arsch sehen."
Jetzt öffnete er beide Augen und blickte seinen Sterblichen finster an. Dieser nahm nur ungerührt Lokis Hände in die seinen und drückte heiße Küsse auf die klauenbewehrten Fingerspitzen.
Tonys blasse Haut im Kontrast zu seiner blauen Jotun-Haut zu sehen, irritierte Loki – das und die Tatsache, dass seinem Liebsten dies nicht das Geringste auszumachen schien. Als Tony anfing, an seinen Fingern zu lecken, entzog ihm Loki verlegen seine Hände und drehte sich widerwillig um.
Also wirklich, dieser Mann kannte auch überhaupt keine Scham. Sein Grummeln wurde zu einem erschrockenen Schrei, als Tony ihm die Hose nach unten zog.
„Was genau soll das werden?!" rief er entsetzt und wollte sich umdrehen. Er wurde jedoch durch die simple Tatsache daran gehindert, dass Tony sich auf seine Oberschenkel gesetzt hatte.
„Ha! Ich wusste es!" rief er triumphierend.
Loki versuchte verzweifelt, sich aus der Situation zu befreien. Wurde aber an Ort und Stelle festgehalten und musste sich mit einem giftigen Blick über die Schulter begnügen.
Er stieß ein bedrohliches Grollen aus „WAS?"
Wenn Tony nicht frisch geheilt wäre, hätte er ihn schon längst niedergerungen. Aber er durfte nicht zu grob mit seinem Sterblichen sein. Also krallte er nur seine Klauen in die Bettwäsche und wartete wütend auf eine Antwort.
„Ich wusste, dass er zum Anbeißen aussehen würde."
Loki schrie erneut auf, als sich Zähne in seinen Hintern gruben und eine Zunge eine Linie auf seinem Po nachfuhr.
Das ging jetzt eindeutig zu weit. Loki bäumte sich auf, warf Tony herum und war eine Sekunde später über ihm. „Was glaubst du, was du da tust?!" fauchte er. „Erst gestern habe ich deinen Arc-Reaktor entfernt und ein riesiges Loch in deiner Brust geheilt. Du bist nicht mal ansatzweise in der Verfassung, irgendetwas zu versuchen."
Was war nur in ihn gefahren?
Sein Sterblicher räkelte sich genüsslich unter ihm, ein süffisantes Grinsen auf den Lippen.
„Was?!" rutschte ihm lauter heraus, als er wollte.
Wieso provozierte ihn Tony dermaßen?
Er leckte sich über die Lippen und flüsterte heiser: „Du bist purer Sex auf zwei Beinen, Babe."
Loki konnte ihn nur ungläubig anstarren.
Er war verrückt geworden, irgendetwas musste gestern schiefgelaufen sein. War der Schlaftrunk schädlich gewesen? Loki setzte sich abrupt auf und begann, den Körper unter ihm erneut mit seiner Magie zu prüfen. Nichts. Er konnte nichts finden, und sein Sterblicher lächelte ihn nach wie vor an.
Das Lächeln hatte sich allerdings verändert – es war jetzt nicht mehr neckend oder herausfordernd.
Tony legte eine heiße Hand an Lokis Wange und sah ihn abwartend an.
Was wollte er von ihm?
Loki schluckte schwer, als er verstand, und konzentrierte sich.
Plötzlich nahm er eine Welle der Zuneigung wahr, die nicht die seine war. Anthonys Liebe flutete seinen Verstand. Ersetzte das kalte Blut in seinen Adern mit Wärme und ließ seinen ganzen Körper erschaudern. Er schnappte nach Luft, als all die Gefühle auf ihn einströmten, und Tony gluckste zufrieden.
„Verstehst du es jetzt? Du bist kein Monster."
5 Monate später / Tonys Haus in Malibu / Midgard
Darling, you got to let me know / Should I stay or should I go? / If you say that you are mine / I′ll be here 'til the end of time / So you got to let me know / Should I stay or should I go?
The Clash tönte laut durch Tonys Werkstatt.
Seit einer Woche verschanzte er sich nun schon hier und arbeitete an seinem neuesten Iron-Man-Anzug. Mark 42 sollte etwas Besonderes werden. Er experimentierte schon länger mit Nanobots und wollte die neue Technologie nutzen. Die Idee war, sich die Bots selbst zu injizieren. Dadurch sollte er in der Lage sein, den Anzug zu rufen, egal wo er gerade war. Die Einzelteile sollten zu ihm kommen und sich an seinen Körper schmiegen. So der Plan – ihn umzusetzen war schwieriger als gedacht. Nicht zuletzt, weil sein Gott von seinem Vorhaben gar nicht begeistert war.
Das war schade, denn Loki wäre sicher eine große Hilfe in Sachen Nanotechnologie gewesen. Tony verzog das Gesicht und hämmerte weiter auf die Tastatur ein.
Loki. Er war der Grund, warum sich Tony schon seit einer Woche hier eingeschlossen hatte. Sein Gefährte war jetzt seit genau 11 Tagen, 14 Stunden und 47 Minuten fort.
Die ersten vier Tage ohne seinen ihn hatte Tony noch versucht, regelmäßig zu schlafen und zu essen. Hatte es aber nach einer besonders schlimmen Nacht aufgegeben. Afghanistan, New York 1.0 und 2.0, Majutas und die Chitauri – alles in einer nicht enden wollenden Horrorshow. Und der krönende Abschluss seines Alptraums war Loki gewesen, tot in seinen Armen. Nein, Tony verspürte nicht die geringste Lust zu schlafen, und Essen wurde überbewertet.
Loki nicht jede Nacht in seinem Bett zu haben, war einfach scheiße. Er hatte sich so an seine Anwesenheit gewöhnt, dass ihm die kurze Trennung wie eine Ewigkeit erschien. Er vermisste ihn. Er vermisste ihn schmerzhaft. Verdammt.
Das Einzige, was half, war arbeiten – das war schon immer Tonys Mittel zum Zweck gewesen.
Er rollte von einem Bildschirm zum nächsten, prüfte die Berechnungen, tippte neue Zahlen ein und korrigierte andere.
„JARVIS, wie sieht's aus?" Das Beste daran, wieder auf der Erde zu sein, war, seine gewohnte Umgebung zurückzuhaben. Er hatte seine AI und seine Bots vermisst.
„Alle Berechnungen sind korrekt, Sir. Es sollte funktionieren", antwortete JARVIS, und Tony schwang in seinem Stuhl herum.
Er trat an eine der Werkbänke und nahm sich einen der Handschuhe vor. „Dum-E, Schraubenzieher bitte, Kreuzschlitz 25." Ohne aufzublicken, streckte er die rechte Hand aus, und sein treuer Roboterarm Dum-E legte einen Schraubenschlüssel hinein. Tony seufzte, drehte sich um und ging selbst das gewünschte Werkzeug suchen. „Wieso hab ich dich noch nicht demontiert?", grummelte er vor sich hin.
„Sir, Doctor Banner ist auf dem Weg zu Ihnen", meldete seine AI, kurz bevor AC/DCs Highway to Hell durch ein lautes Klopfen an der Hochsicherheitstür seiner Werkstatt unterbrochen wurde.
„Ahh, okay. Wie kommt er denn ins Haus, Jarv?" Tony war genervt. „Ich glaube, du brauchst mal wieder ein Update, hm?" Er sah von seiner Arbeit auf, und Bruce winkte ihm lächelnd mit einer Fastfood-Tüte zu.
„Verzeihung, Sir. Ich dachte, es wäre eine gute Idee, Doctor Banner nach Ihnen sehen zu lassen. Die Zeitspanne Ihres letzten Schl..."
Tony unterbrach die AI unwirsch: „JA, DANKE! Lass ihn einfach rein." Er musste nicht wissen, wie lange er schon nicht mehr richtig geschlafen hatte. In seinem jetzigen Rhythmus döste er nur hin und wieder für ein paar Minuten vor sich hin, bevor er wieder hochschreckte.
Die Glastür entriegelte sich mit einem leisen Klicken, und Bruce trat zusammen mit einem durchaus köstlichen Duft nach frischen Cheeseburgern und Kaffee ein. „Hey Tony, ich hab dir was mitgebracht", begrüßte ihn sein Freund und stellte die Tüte und einen großen Becher auf einem Tisch in der Nähe ab. Er wischte seine Brille an seinem Hemd ab und warf einen Blick auf Tonys Nanobot-Berechnungen.
„Hey Doc. Wie geht's?", fragte Tony und machte sich schnuppernd auf den Weg zu den dargebrachten Opfergaben. „Oh, lecker, von meinem Lieblingsrestaurant? Was wollt ihr von mir?" Das hier roch nicht nur köstlich nach Cheeseburgern, sondern auch nach Bestechung.
Bruce lachte und schüttelte den Kopf. „Du bist paranoid, Tony. WIR wollen gar nichts von dir, und mich hat auch niemand geschickt. Ich sehe hier nur nach einem Freund." Er klang tatsächlich etwas beleidigt.
„Mpf, sorry", mümmelte Tony durch einen Bissen Burger. Eigentlich freute er sich über den Besuch – Besuch bedeutete Ablenkung, und Ablenkung war gut, um nicht an Loki …
„Wie lange ist er schon fort?" Verdammt, Bruce!
Tony schloss die Augen, kaute den letzten Bissen zu Ende und schluckte. „11 Tage, 15 Stunden und 14 Minuten", murmelte er mürrisch und vermied es, seinen Freund anzusehen. Dieser ging auf diese genaue Zeitangabe Gott sei Dank nicht weiter ein.
„Wo sind sie jetzt wohl gerade?", fragte er stattdessen. Tony tat so, als müsse er das in seinem Notizbuch nachschlagen. Obwohl er genau wusste, wo Loki sich gerade aufhielt. Bruce runzelte die Stirn. „Du siehst doch jetzt nicht wirklich nach, wo sie stecken. Du hast doch Kontakt zu ihm, oder funktioniert der Kommunikator etwa doch nicht?"
Tony schüttelte den Kopf. „Der Kommunikator funktioniert einwandfrei. Sie sind im Moment auf Svartalfheim, Heimat der Oompa Loompa oder so ähnlich."
Bruce musste lachen. „Du wärst ein schrecklicher Botschafter, Tony." Er fischte sich auch einen der Burger aus der Tüte und begann zu essen.
„Darum schickt Asgard ja auch Loki und nicht Iron Man. Diplomatie liegt mir nicht. Wehe, du isst mir noch einen Burger weg!", beschwerte er sich und schnappte sich die Tüte, um sie in Sicherheit zu bringen.
Bruce grinste ihn frech an. „Und wie läuft es? Lass dir doch nicht alles aus der Nase ziehen."
Tony kaute bedächtig und griff nochmals in die Tüte – er hatte doch mehr Hunger als gedacht. „Na ja, gut, schätze ich. Loki sagt, auf Alfheim ist es gut gelaufen." Er rieb sich über den Bart und seufzte. „Sie waren fünf Tage dort und sind dann weiter nach Svartalfheim … aber …" Er schluckte schwer. „... aber seit vorgestern hab ich nichts mehr gehört." Er griff nach dem Kaffee und nahm den Deckel ab, um das Getränk etwas abkühlen zu lassen.
Tony wusste, dass sein Gott mit seinem Bruder und zukünftigen König Asgards in diplomatischer Mission unterwegs war und er sich keine Sorgen machen musste. Es war kein feindliches Gebiet, in das die beiden gereist waren. Ja, die Zwerge waren vielleicht etwas heikel, aber sie hatten, Loki zufolge, keinen Streit mit Asgard.
Die diplomatischen Reisen in die Neun Welten sollten den Machtwechsel vorbereiten, und Thor und Loki schlossen neue Allianzen. Was Tony bisher dank seines neuen intergalaktischen Kommunikators gehört hatte, verlief alles genau nach Plan, und die Brüder waren hochzufrieden mit sich selbst.
Er pustete in den Kaffee und nahm einen Schluck. Loki hatte sich seit seiner Abreise jeden Abend bei ihm gemeldet und ihm gesagt, er solle sich keine Sorgen machen. Aber natürlich machte sich Tony Sorgen.
Bruce steckte sich den letzten Bissen in den Mund und sah ihn aufmerksam an. „Und du machst dir Sorgen deswegen?" Er ging zum Waschbecken und wusch sich die fettigen Finger.
„Ja", sagte Tony schlicht und starrte weiter in seinen Kaffeebecher.
„Ich würde mir nicht so viele Gedanken machen, Tony. Er ist mit Thor zusammen – was soll schon passieren?", versuchte Bruce ihn aufzumuntern.
„Wenn du wüsstest, wie oft die beiden sich schon gegenseitig in Schwierigkeiten gebracht haben, würdest du das nicht sagen", schnaubte Tony. Aber seine Angst war eine andere.
Insgeheim befürchtete er, sein Gott würde im Anschluss nach Jotunheim reisen. Alleine. Ohne es ihm zu sagen. Er befürchtete, dass das Wahnsinns-Date vor elf Tagen das letzte gewesen sein könnte.
Er fuhr mit dem Daumen über den silbernen Ring an seiner rechten Hand und musste lächeln. Loki teleportierte mittlerweile munter zwischen Asgard und Midgard hin und her, wie es ihm gefiel. Vor elf Tagen war er plötzlich in Tonys Werkstatt aufgetaucht – in dem schicken Anzug, den er zu Peppers und Rhodeys Hochzeit getragen hatte. Tony war sehr gründlich geküsst worden, bevor er auch nur „Hallo" hatte sagen können. Während dieses Kusses hatte Loki mit den Fingern geschnippt, und Tony hatte gespürt, wie sich seine eigene Kleidung Lokis angepasst hatte. Am Ende war er auf magische Weise frisch geduscht und in einem Armani-Anzug, aber barfuß, vor seinem Gott gestanden. Er war so perplex gewesen, dass er keinen Ton herausgebracht hatte.
Loki hatte ihn einmal von oben bis unten gemustert und anerkennend genickt, bevor er ihn in eine Umarmung zog und sie sich in Luft aufgelöst hatten. Eine Sekunde später hatte er Sand unter den Füßen gespürt, und das Meer hatte seine Fußsohlen umspült. Da hatte er endlich seine Sprache wiedergefunden, aber sein Gott hatte auf seine Fragen nicht geantwortet und ihn einfach mit sich gezogen.
Letztendlich war es ein Candle-Light-Dinner am Strand gewesen – auf einer einsamen Insel, unter einem Sternenhimmel, bei dem sich Tony nicht sicher gewesen war, ob er wirklich existierte oder ob Loki mit Magie nachgeholfen hatte. Wenn sein Gott einmal loslegte, dann kam selbst ein Tony Stark nicht mehr mit.
Dann hatte Loki ihm den Ring an den Finger gesteckt – und ihn damit komplett aus der Fassung gebracht.
Er hatte Loki damals ja gesagt, er wolle das volle Programm: Ring, Rosen und alles andere. In dieser scherzhaften Aussage hatte ein Fünkchen Wahrheit gesteckt, und Loki hatte es natürlich erkannt. Sein Gott konnte ihn lesen wie ein offenes Buch.
Tony strich immer noch über den Ring, als Bruce seinen Tagtraum unterbrach. „Ich bin mir sicher, es ist alles in Ordnung. Wann wollten sie denn zurückkommen?"
Tony seufzte und sah zu seinem Freund auf, der näher an ihn herangetreten war. „Keine Ahnung. Dieses entscheidende Detail wurde mir nicht mitgeteilt", sagte er säuerlich. Eine genaue Zeitangabe von Göttern zu erhalten, war schwieriger, als man meinen sollte. „Man wird immer nur mit Phrasen wie ‚Es dauert so lange, wie es dauert' abgespeist. Hey, was soll das werden?" Er wedelte Bruces Hand weg, die ihm verdächtig nahe gekommen war.
„Entschuldige, dass ich dir das sage, Tony, aber du siehst furchtbar aus", sagte Bruce besorgt und musterte ihn.
„Oh, besten Dank auch, das hört man doch immer gerne", murmelte Tony säuerlich und ließ sich wieder auf seinen Sessel fallen. Er nahm noch einen Schluck Kaffee, bevor er wieder begann, den Computer mit Daten zu füttern.
„Wann hast du das letzte Mal geschlafen?" Bruce zog sich ebenfalls einen Stuhl heran, und als er von Tony nur ein Grummeln erhielt, wandte er sich an JARVIS. Tonys AI fiel ihm prompt in den Rücken.
„Das letzte Nickerchen war vor 97 Stunden und dauerte 17,42 Minuten. Mister Stark hat vor sieben Tagen das letzte Mal in seinem Bett geschlafen, Sir. Er wurde nach fünf Stunden und 13 Minuten durch einen Alptraum geweckt und erlitt eine Panikattacke. Seitdem hat er die Werkstatt nicht mehr verlassen."
Tony war auf seinem Stuhl erstarrt. Was für ein gemeiner Verrat. „Halt die Klappe, Jarv!", fauchte er, und die AI verstummte.
„Tony …" setzte Bruce an, aber Tony war schon aufgestanden und trat wieder an die Werkbank.
„Lass stecken, Doc. Ich weiß schon, was ich tue." Er wollte keine Belehrung, er wollte sich einfach nur ablenken, er wollte seinen Anzug fertigstellen, er wollte die Nanobots ausprobieren, wollte den Arc-Reaktor integrieren, er wollte … er wollte … Loki.
Tony fuhr wieder über den Ring an seinem Finger.
Willst du der Meine sein – für immer? / Ja!
Der Abend war einfach perfekt gewesen.
Er seufzte und stützte sich mit beiden Händen auf dem Tisch ab. Bruce legte ihm eine Hand auf die Schulter. „Du musst schlafen, Tony. Ich weiß, du willst es nicht hören, aber was du tust, ist nicht gesund."
Tony sah seinen Freund lange an. Bruce wusste genau, warum Tony nicht schlafen wollte – er kämpfte schließlich mit den gleichen Dämonen. Also musste Tony es nicht aussprechen.
„Und wenn ich bei dir bleibe? Ich kann mich neben dich setzen und dich wecken, wenn ein Alptraum kommt."
Tony richtete den Blick wieder auf die Teile seines Anzugs und nickte kaum merklich. „Können wir vorher noch die Nanobots testen?", fragte er leise.
Loki materialisierte sich lautlos in Tonys Schlafzimmer und blickte sich müde um. Sein Sterblicher schien nicht hier zu sein.
Erschöpft fuhr er sich mit der Hand durchs Haar und kniff die Augen zusammen. Die letzten beiden Tage waren anstrengend gewesen – Zwerge waren anstrengend. Aber sie waren letztendlich zu einer Übereinkunft gekommen. Sie hatten versprochen, mit einer Delegation an der bevorstehenden Krönung teilzunehmen. Da es nun mal Zwerge waren, hatten die Verhandlungen unterirdisch stattgefunden. Fünf Tage unter der Erde eingesperrt zu sein, hatte nicht gerade zu Lokis guter Laune beigetragen. Er war von Tag zu Tag launischer geworden. Aber er hatte sich vor seinen Gastgebern zusammengerissen und war höflich geblieben. Ganz der Diplomat, der ich sein sollte, dachte er säuerlich. Er freute sich fast schon auf Jotunheim – wenigstens gab es dort keine Höhlen.
Er zog die Tür zu Tonys Terrasse auf und trat an die frische Luft. Gierig sog er die salzige Meeresbrise ein und blickte über die Küstenlinie. Endlich wieder freier Himmel über ihm – der Wind fuhr ihm in die Haare, und er genoss für einen Moment das Gefühl der Freiheit. Keine Verpflichtungen hier auf Midgard, keine Erwartungen, keine Verhandlungen, kein falsches Lächeln. Zumindest noch nicht. Im Moment war er frei von jeder Verantwortung und nur seinem Gefährten verpflichtet. Ein Lächeln legte sich auf sein Gesicht, und er wandte sich wieder dem dunklen Zimmer zu.
Als er wieder eintrat, wurde das Zimmer von einem sanften Licht erhellt. „Willkommen zurück, Sir", begrüßte ihn JARVIS.
„Danke, JARVIS. Wo ist er?", fragte Loki die KI, obwohl er es sich schon fast denken konnte.
„Mister Stark ist in der Werkstatt, Sir, zusammen mit Doctor Banner."
Loki seufzte. Er war nicht in Stimmung für Gäste, auch wenn es Bruce war. Kurz überlegte er, die Treppe zu nehmen, entschied sich dann aber doch für den schnelleren Weg. Eine Sekunde später materialisierte er sich in der spärlich beleuchteten Werkstatt und blickte sich überrascht um.
Er hatte erwartet, von lauter Rockmusik und Geplapper begrüßt zu werden, aber Stille empfing ihn. Loki drehte sich elegant um sich selbst und entdeckte schließlich zwei schlafende Gestalten in einer Ecke des Raumes. Bruce hatte es sich mit einem Buch auf einem Sessel bequem gemacht und war offensichtlich eingeschlafen. Die zweite Gestalt lag auf dem einzigen Sofa im Raum – Anthony.
Sein Schlaf schien unruhig zu sein. Loki ließ sich vor ihm auf die Knie sinken und strich ihm über die Wange. Wie sehr er dieses Gesicht vermisst hatte. Er hauchte einen Kuss auf die gerunzelte Stirn und glättete sie dadurch. Er musste lächeln. Er wollte Anthony nicht wecken. Wenn er hier schlief und Bruce neben ihm saß, konnte dies nur bedeuten, dass der Doctor seinen Sterblichen dazu hatte überreden müssen, zu schlafen.
Konnte er ihn denn wirklich keine Woche alleine lassen, ohne dass er etwas Dummes anstellte? Behutsam legte er seine Fingerspitzen an Tonys Schläfe und sprach einen Zauber. Der Schlaf seines Gefährten wurde ruhiger und tiefer, seine Gesichtszüge entspannten sich genauso wie sein Körper. Mit einer fließenden Bewegung erhob er sich, wandte sich Bruce zu und murmelte denselben Zauber über ihn.
„JARVIS, ist das Gästezimmer vorbereitet?", flüsterte er, um die beiden Männer nicht zu wecken.
„Ja, Sir", kam es ebenso leise zurück.
Er schob vorsichtig die Hände unter Bruce und hob den schlafenden Mann hoch. Eine Sekunde später stand er im Gästezimmer und verfrachtete den Hulk ins Bett. Dann kehrte er zu Tony zurück.
Als er sich seinen Sterblichen in die Arme hob, streckte dieser im Schlaf die Hände nach ihm aus und klammerte sich an ihn. Lokis Gesichtszüge wurden weich, als er auf seinen Gefährten hinabblickte. „Ich habe dich vermisst, Liebster", flüsterte er, und Tony murmelte im Schlaf Lokis Namen.
„Bei den Göttern, wie lange hast du dich schon nicht mehr gewaschen?" Loki rümpfte die Nase ob des intensiven Männergeruchs. Nein, er konnte ihn definitiv keine Woche lang alleine lassen, dachte er.
Er brachte sie nach oben und legte seinen Sterblichen sanft auf das große Doppelbett. Mit einem Fingerschnippen beseitigte er die mangelnde Körperhygiene und kleidete seinen Liebsten in etwas Bequemeres – Boxershorts und sonst nichts in diesem Fall. Bei dem Anblick war er fast etwas enttäuscht, seinen Gefährten schlafend vorgefunden zu haben. Aber da er die tiefe Erschöpfung des Körpers vor ihm spüren konnte, vertrieb er den Gedanken an Sex. Was hatte Anthony nur in seiner Abwesenheit getrieben, um sich dermaßen auszulaugen?
Loki fing an, sich seiner Kleidung zu entledigen, und sank mit einem erleichterten Seufzen neben seinen Gefährten. Genüsslich streckte er seine Glieder und spürte, wie sein Körper in die weiche Matratze einsank. So etwas Bequemes fand man nicht auf Svartalfheim, ebenso wenig wie auf Alfheim – obwohl die Lichtelfen nahe dran gewesen waren.
Aber das Beste war der warme Körper neben ihm, der sich gerade an seine Seite rollte. Wie ein Magnet fand Tony im Schlaf seine Kuhle an Lokis Körper und vergrub sein Gesicht an dessen Brust.
„Loki", murmelte er erneut im Schlaf und schickte einen angenehmen Schauer über Lokis Rücken.
Er seufzte genussvoll auf. Hier musste er sich nicht verstellen, hier konnte er einfach nur er selbst sein. Jotunheim, Midgard und die Neun konnten warten. Die Krönung konnte warten.
Das Einzige, was zählte, war Anthony. Lächelnd zog er seinen Gefährten noch näher zu sich und umfing ihn mit beiden Armen. In tiefen Zügen atmete er den vertrauten Geruch nach Sandelholz, Zitrone und Motoröl ein.
Er war zu Hause.
ENDE
Fortsetzung folgt...
