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21. Dezember 1976

In den nächsten zwei Tagen ging Severus Hermione völlig aus dem Weg. Er war während der Mahlzeiten nicht in der Großen Halle, er ging nicht in die Bibliothek, er ließ sich nie im Zaubertränkeraum blicken und sie hatte ihn weder in den Korridoren noch in einem anderen Teil des Schlosses gesehen. Am Montagabend beschloss sie in einem Moment purer Verzweiflung sogar, es im Raum der Wünsche zu versuchen, wobei sie sich nicht ganz sicher war, ob er von dem Raum wusste oder nicht. Nachdem sie über eine Stunde lang ergebnislos gesucht hatte, gab sie schließlich auf und ging. Sie war niedergeschlagen.

Am Dienstagnachmittag hatte sie das Warten satt und beschloss, ihm zu schreiben. Sie saß allein im Gemeinschaftsraum, in dem sich nur einige jüngere SchülerInnen aufhielten, während der Rest ihrer FreundInnen im Schloss unterwegs war. Hermione holte Pergament, einen Federkiel und ein Tintenfass hervor und begann zu schreiben.

Severus

Ich verstehe nicht, was los ist.

Warum gehst du mir aus dem Weg? Wirst du

dich bitte mit mir treffen, in dem

verlassenen Klassenzimmer, in dem wir

üben, im ersten Stock? Ich werde dort auf dich warten.

Bitte, Severus. Ignorier mich

nicht länger. Wir müssen reden.

Deine

Hermione xx

Nachdem sie die Eulerei verlassen hatte, ging sie direkt in das leere Klassenzimmer. Mit ihrem Zauberstab zündete sie ein paar Lichter an und zauberte sich dann ein Kissen, um sich darauf zu setzen. Die Zeit verging und verging, und Severus war immer noch nicht in Sicht. Ihre Augen begannen zu tränen, und es dauerte nicht lange, bis Hermione ihr Gesicht in den Handflächen vergraben hatte und weinte.

Sie machte sich Sorgen um ihn. Nicht nur, weil er nicht mit ihr sprach, sondern auch, weil sie sich Sorgen um sein Wohlergehen machte. Die Tatsache, dass sie ihn den ganzen Tag, den sie in Hogsmeade war, nicht gesehen hatte, nagte noch immer in ihrem Hinterkopf. Der niedergeschlagene und wütende Ausdruck auf seinem knochenweißen Gesicht, nachdem er ihr Gespräch mit Lily mitgehört hatte, formte sich hinter ihren geschlossenen Augen.

Die Tür öffnete sich, doch Hermione hörte sie nicht, und sie hörte auch seine Schritte nicht, weil sie schluchzte. Als sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte, wusste sie, auch ohne hinzusehen, dass es seine war, und ihr ganzer Körper erstarrte.

„S-Severus?" schluchzte sie.

Er nahm seine Hand von ihr, und sie hörte, wie er einen Schritt zurücktrat.

„Hallo", sagte er lahm.

Allein seine Stimme zu hören, schien sie mit einer Energie zu erfüllen, von der sie in den letzten Tagen nicht einmal gemerkt hatte, dass sie ihr fehlte. Schnell wischte sie sich über das Gesicht und stand vom Boden auf.

Severus blickte nach unten und verschränkte seine Finger ineinander.

Hermione war es egal, ob er wütend war. Es war ihr egal, dass er nicht mit ihr gesprochen hatte. Alles, was ihr in diesem Moment wichtig war, war, die Wärme seines Körpers zu spüren. Ohne zu zögern, stürzte sie sich auf ihn, schlang ihre Arme um ihn und drückte ihn so fest an sich, dass sie beide taumelten.

Es dauerte einige Sekunden, aber dann legte er zögernd seine Arme um sie und erwiderte ihre Umarmung. Dann zog sie sich plötzlich zurück und blickte in seine zögerlichen schwarzen Augen.

„Severus, wo bist du gewesen? Warum bist du mir aus dem Weg gegangen? Ist dir klar, dass ich…"

Hermiones schnelles Bombardement an Fragen wurde unterbrochen, als er seinen Zeigefinger auf ihre Lippen legte.

Er seufzte schwer und nahm ihre Hand.

„Setzen wir uns", schlug er vor, bevor er seinen Zauberstab zückte und ein Kissen auf den Platz gegenüber von dem schickte, den Hermione gerade verlassen hatte.

Selbst in diesem angespannten Moment war Hermione beeindruckt, wie weit sich seine nonverbale Magie im Vergleich zu dem Zeitpunkt, als sie zum ersten Mal zusammen übten, entwickelt hatte.

Sobald sie saß, beobachtete sie ihn aufmerksam. Es war erst ein paar Tage her, aber er sah anders aus. Seinem normalerweise blassen Gesicht schien noch mehr Farbe zu fehlen, was sie nicht für möglich gehalten hätte. Die dunklen Ringe um seine Augen betonten das Weiß seiner Haut nur noch mehr. Sein Haar war besonders strähnig, und seine Kleidung sah zerknittert aus, fast so, als hätte er sich seit einiger Zeit nicht mehr umgezogen. Bei seinem Anblick spürte sie einen Schmerz in ihrer Brust.

„Severus...", hauchte sie. „Geht es dir gut?"

Er wich ihrem Blick aus und zuckte mit den Schultern.

„Ich – ich weiß nicht, wie viel du neulich Abend gehört hast, aber... aber Severus, es ist mir egal, was in der Vergangenheit passiert ist." Sie begann wieder schnell zu sprechen. „Du hast einen Fehler gemacht. Leute machen die ganze Zeit Fehler, und das ist in Ordnung."

Sie hielt inne, weil sie das Feuer in seinen Augen sah, als sein Kopf bei den Worten ‚in Ordnung' hochschnellte.

„Es ist in Ordnung?" wiederholte er in einem eisigen Flüsterton.

Hermione wich zurück.

„Nun, nein. Ich meine, ja. Was ich sagen wollte, war, dass es in Ordnung ist, einen Fehler zu machen. Vielleicht nicht das, was du gesagt hast…"

Er schnaubte wütend. Seine Nasenlöcher blähten sich.

„Ich habe meine beste Freundin als Schlammblut bezeichnet, Hermione. Wenn du muggelstämmig wärst, würde ich kaum glauben, dass du genauso denkst. Dass es in Ordnung ist", spottete er.

Hermione umfasste instinktiv ihren linken Unterarm mit der rechten Hand, als sich ihr Mund öffnete, um die Worte zu sprechen, die dem widersprochen hätten, was er gerade gesagt hatte. Nie war sie näher dran gewesen, ihm die Wahrheit zu sagen, als in diesem Moment. Wenn sie ihm doch nur hätte sagen können, was sie war... Aber in Anbetracht der Tatsache, dass sie sich als die Nichte ihres reinblütigen Schulleiters ausgab, war das keine Option.

„Da bin ich mir sicher", murmelte sie hartnäckig.

Severus verdrehte die Augen.

„Das bezweifle ich stark."

Hermione verschränkte die Arme vor der Brust.

„Du kannst es bezweifeln, so viel du willst, Severus, aber das macht es nicht weniger wahr."

„Woher willst du wissen, wie du dich fühlen würdest, Hermione?" spuckte er mit einer hässlich verzogenen Miene. „Du stammst aus einer Familie von Zauberern. Du kannst nicht wissen, wie es ist, dieses Wort als Muggelgeborene zu hören."

Eine Welle des Zorns erhitzte Hermiones Blut. Natürlich wusste sie, wie sich das anfühlte! Nicht nur, dass man sie Schlammblut genannt hatte, es war ihr auch noch ins Fleisch geritzt worden!

Sie schob ihr Kissen näher an ihn heran.

„Severus Snape, ich möchte, dass du mir zuhörst, und zwar sofort", sagte sie mit tiefer, fester Stimme. „Was zwischen dir und Lily Evans vorgefallen ist, geht mich nichts an. Ich war nicht in dieser Schule, als es passierte, und ich glaube nicht einen Moment lang, dass du die Art von Person bist, die die Art von Ansichten vertritt, die andere, die dieses Wort benutzen, vertreten."

Er schnaubte.

„Und doch ist mir das Wort über die Lippen gekommen. Es wird täglich in meinem Gemeinschaftsraum in den Raum geworfen, und ich sage nichts, um es zu verhindern. Ich bin nicht anders als diejenigen, die solche Ansichten vertreten. Selbstgefällig zu sein ist genauso schlimm wie schuldig zu sein... vielleicht sogar schlimmer."

„Ich bin sicher, du tust, was du tun musst, um in Slytherin zurechtzukommen", sagte sie.

Sie war damit nicht einverstanden, aber sie verstand es. Besonders bei dieser Gruppe von Slytherins. Sie wusste, dass die meisten von ihnen später zu Todessern werden würden.

Er grunzte unverbindlich und wandte seinen Kopf von ihr ab.

Hermione streckte ihren Arm aus, um nach seiner Hand zu greifen, doch in dem Moment, als ihre Fingerspitzen seine berührten, zog er sich schnell zurück. Sie versuchte, den Kloß, der wieder in ihrem Hals wuchs, zu ignorieren.

„Ich hatte die Gelegenheit, dich in den letzten Monaten kennen zu lernen, und meine Meinung über dich und meine Gefühle für dich haben sich kein bisschen geändert. Es tut mir leid, dass deine alte Freundin dir nicht verzeiht, aber ich bin nicht sie."

Keine Antwort.

„Severus, wirklich, das ist jetzt einfach nur noch albern. Ich schlage vor, du hörst auf beleidigt zu sein und gehst mir nicht mehr aus dem Weg."

Er antwortete ihr nicht sofort. Seine Schultern sackten zusammen und er atmete hörbar aus. Als er schließlich aufblickte und ihr in die Augen sah, fühlte sie sich ein wenig besser, als sie sah, wie diese sich um einen Hauch erweichten.

„Ich bin nicht beleidigt", verneinte er mit einem kleinen Schmollmund.

Der Kontrast zwischen seinem Gesichtsausdruck und seinen Worten ließ Hermione in Gelächter ausbrechen.

„Natürlich bist du das nicht", kicherte sie.

Severus' Mundwinkel zuckten, als er gegen ein Lächeln ankämpfte.

„Unausstehlich", brummte er.

„Severus, ich meine das ernst. Ich gehe nirgendwo hin...", sagte sie, obwohl ein unausgesprochenes, noch nicht in ihrem Kopf ertönte, den sie für den Moment ignorierte.

Langsam schüttelte er den Kopf, während er ihr in die Augen sah.

„Du bist so... anders als alle anderen, die ich je getroffen habe, Hermione", sagte er ihr mit einer Stimme, die kaum über ein Flüstern hinausging.

Ein kleiner Schauer überlief bei seinen Worten ihre Wangen. Sie spürte, dass sich die Spannung zwischen ihnen auflöste.

„Ich glaube einfach, dass Kommunikation für eine gesunde Beziehung unerlässlich ist. Wenn wir nicht miteinander reden, können wir das, was nicht stimmt, nicht in Ordnung bringen."

Er zuckte mit den Schultern.

„Das denke ich auch."

„Du hast mir immer noch nicht geantwortet, Severus... bist du jetzt damit fertig, dich vor mir zu verstecken?" fragte sie.

Sie beobachtete ihn, wie er auf seiner Unterlippe kaute, und wartete auf seine Antwort. Einige Sekunden vergingen, dann nickte er.

„Gut." Sie lächelte.

Unfähig, sich länger zu beherrschen, beugte sich Hermione vor und schlang ihre Arme um seinen Hals, bevor sie ihre Lippen mit mehr Kraft als beabsichtigt auf seine presste. Während sie sich küssten, zog Severus Hermione auf seinen Schoß und drückte sie fest an seine Brust. Sie bemerkte, dass in seinem Kuss ein Hauch von Verzweiflung lag. Fast so, als hätten sie Monate ohne einander verbracht und nicht nur ein paar Tage.

Als sie sich voneinander lösten, um Luft zu holen, nahm Hermione seine Wange in ihre Handfläche.

„Ich habe dich vermisst. Tu mir das nie wieder an", bat sie flehentlich.

Severus legte seine Hand um ihre Finger und beugte sich dann hinunter, um seine Stirn auf die ihre zu legen.

„Es tut mir leid, Hermione", flüsterte er gegen ihre Lippen, bevor er sie noch einmal küsste.

„Ist schon gut, Severus", sagte sie. „Bitte versprich mir, dass du, wenn so etwas noch einmal passiert, mit mir darüber sprichst."

Eine kleine Falte bildete sich zwischen seinen Augenbrauen, als er wegschaute.

„Ich werde dir nicht mehr aus dem Weg gehen", versprach er.

Hermione hoffte, dass sich eine solche Situation nicht wiederholen würde, aber falls doch, war sie sich sicher, dass er zumindest mit ihr sprechen würde, anstatt sich tagelang zu verstecken.

Nachdem sie kurz darauf das Klassenzimmer verlassen hatten, gingen sie gemeinsam Hand in Hand zur Großen Halle. Obwohl sie alles geklärt hatten, beschäftigte sie noch etwas anderes.

„Wo warst du am Samstag, bevor...", unterbrach sie sich, da sie den Vorfall mit Lily nicht wieder erwähnen wollte.

Sie bemerkte, wie sich seine Körperhaltung kurz versteifte, bevor er antwortete.

„Einkaufen", antwortete er sofort und schenkte ihr dann ein halbes Lächeln.

Hermione lächelte zurück, obwohl sie das unangenehme Gefühl hatte, dass er ihr nicht die ganze Wahrheit sagte. Der Ton seiner Stimme war schräg und er schien absichtlich den Augenkontakt zu vermeiden. Als sie den Mund öffnete, um ihn weiter auszufragen, zwang etwas in ihr sie, damit aufzuhören. Severus konnte nicht gut damit umgehen, in die Enge getrieben zu werden, und sie nahm an, dass er, wenn es sich um etwas Wichtiges handelte, irgendwann von selbst darauf kommen würde, es ihr zu sagen. Und es bestand immer noch die Möglichkeit, dass es sich um nichts weiter als Weihnachtseinkäufe handelte – obwohl ihr Bauchgefühl ihr sagte, dass es wahrscheinlich etwas anderes war.

Als sie um die Ecke zur Eingangshalle bogen, kamen sie plötzlich zum Stehen und konnten nur knapp einen Zusammenstoß mit dem Schulleiter vermeiden.

„Ah, Hermione. Mister Snape", sagte er zu ihnen, als hätte er ihre Ankunft erwartet.

Dumbledores Blick wanderte kurz zu ihren verschränkten Händen. Ein kleines Runzeln bildete sich auf seinen Lippen, bevor es sofort durch das Lächeln ersetzt wurde, mit dem er sie begrüßte.

„Professor." Severus nickte.

Dumbledore richtete seinen Blick auf Hermione.

„Was für ein Glücksfall. Ich wollte dich um ein kurzes Treffen in meinem Büro nach dem Essen bitten, Hermione. Es gibt einige Angelegenheiten, die ich mit dir besprechen möchte", sagte er leichthin.

Sie hatte nicht darum gebeten, ihn zu sehen, und sie konnte sich nur an ein einziges Mal erinnern, als er nach ihr gerufen hatte. Das war, um die Fortschritte mit dem Zeitumkehrer zu besprechen. Dennoch versuchte sie, ihre Überraschung zu verbergen, indem sie ihr Gesicht freundlich und ihren Tonfall ruhig hielt.

„Natürlich", stimmte sie zu und hoffte, dass er gute Nachrichten hatte.

Er sah noch einmal kurz auf ihre Hände hinunter, bevor er wieder sprach.

„Wunderbar. Sagen wir, um sieben Uhr?"

Hermione nickte.

„Das wäre völlig in Ordnung, Sir."

Dumbledore verabschiedete sich von den beiden, während Hermione und Severus im Korridor blieben.

„Was glaubst du, worüber er reden will?" fragte Severus, sobald Dumbledore außer Hörweite war.

Ehrlich gesagt hatte Hermione keine Ahnung. Sie wusste, was sie sich erhoffte, aber sie war sich nicht ganz sicher. Irgendetwas an der Art, wie er immer wieder auf ihre verschränkten Hände schaute, gefiel ihr auch nicht.

Sie zuckte mit den Schultern.

„Keine Ahnung, eigentlich."

Als das Abendessen beendet war, ging Severus mit Hermione zum Eingang von Dumbledores Büro. Hermione gab dem steinernen Wasserspeier das Passwort und wartete darauf, dass die Wendeltreppe erschien.

„Ich weiß nicht, wie lange ich brauchen werde", sagte sie und wandte sich wieder Severus zu.

„Ist schon in Ordnung. Ich komme in einer Stunde wieder?"

Er sah enttäuscht aus, und um ehrlich zu sein, war sie es auch. Sie waren tagelang voneinander getrennt gewesen, so lange wie seit Beginn ihrer Beziehung nicht mehr, und sie hatte gehofft, dass sie den Abend gemeinsam verbringen könnten.

„Ich werde auf dich warten. Wenn du ankommst und ich nicht da bin, dann bin ich immer noch in seinem Büro " sagte sie.

Der Wasserspeier schnaubte ungeduldig hinter ihr.

„Und? Gehen Sie jetzt hoch oder nicht?", brummte er sie an.

Hermione verdrehte die Augen und blickte ihn über ihre Schulter finster an.

„In einer Minute. Wozu? Musst du irgendwo hin?" schnauzte sie ihn an.

Severus kicherte, als sie sich ihm wieder zuwandte und sich auf die Zehenspitzen stellte, um ihm einen Kuss zu geben.

„Bis bald", sagte sie und ging dann zur Treppe.

„Endlich", zischte der Wasserspeier vor sich hin.

„Ach, halt die Klappe", flüsterte sie, während die Treppe nach oben fuhr.

Als sie Dumbledores Büro betrat, saß er an seinem üblichen Platz, hinter seinem Schreibtisch.

„Nehmen Sie Platz, Miss Granger", sagte er, nicht unfreundlich, aber ohne die Leichtigkeit in seinem üblicherweise jovialen Tonfall.

Ihre Nervosität stieg, als sie sich auf den Sessel setzte, den sie normalerweise bei ihren Treffen mit dem Schulleiter benutzte.

Hermione sah zu Dumbledore auf. Er griff nach einer kleinen Schale, die mit kleinen braunen Bonbons gefüllt war.

„Toffee?" fragte er.

„Nein danke, Sir."

Angesichts der Menge an Süßigkeiten, die Professor Dumbledore zu verzehren schien, kam ihr die Frage in den Sinn, ob Zauberer möglicherweise Diabetes bekommen könnten.

Nachdem er die Schale wieder abgestellt hatte, faltete er seine Hände auf dem Schreibtisch und sah sie durch seine Halbmondbrille an.

„Sie haben ziemlich viel Zeit mit Severus Snape verbracht, wie ich festgestellt habe", sagte er ohne weitere Vorrede.

Hermione spürte, wie eine Welle des Schocks durch sie raste. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass das Gespräch in diese Richtung gehen würde, aber nach ihrer kurzen Unterhaltung auf dem Korridor hätte sie nicht überrascht sein sollen.

„Ja, Professor. Ich sollte wirklich nicht ins Detail gehen, wenn man bedenkt..." Sie brach ab, wusste aber, dass Dumbledore es verstehen würde.

Er nickte.

„Wenn man bedenkt", wiederholte er leise.

Nach einigen Sekunden des Schweigens ergriff er wieder das Wort.

„Miss Granger, verzeihen Sie bitte, wenn ich Ihnen zu nahe trete, aber gehe ich recht in der Annahme, dass Sie eine romantische Beziehung mit dem Jungen begonnen haben?" fragte er, und seine Augen schienen ihr direkt in die Seele zu blicken.

Sie wusste, dass sie nicht lügen konnte. Ihr Herz pochte.

„Ja, Sir", gab sie mit leiser Stimme zu.

Seine Lippen bildeten eine Linie, die der von Professor McGonagall in nichts nachstand.

Hermione schämte sich plötzlich, denn sie wusste, warum er so enttäuscht aussah. Alles, was er ihr jetzt sagen würde, wäre nichts anderes gewesen als die tausenden von Zweifeln und Gedanken, die ihr bereits durch den Kopf gegangen waren, seit sie sich entschieden hatte, ihn den Gefahren vorzuziehen, die ihre Beziehung möglicherweise verursachen könnte.

Er lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete sie aufmerksam über seine Brille hinweg.

„Miss Granger, halten Sie es für klug, sich in Anbetracht Ihrer... unorthodoxen Situation auf diese Weise mit ihm einzulassen?" fragte er in ruhigem Ton.

Hermione fühlte sich plötzlich wie ein kleines Kind, das gescholten wird, weil es vor dem Abendessen mit der Hand in einer Keksdose erwischt wurde.

„Wahrscheinlich nicht, Sir", murmelte sie mit zu Boden gewandtem Blick.

Es war nicht klug, das wusste sie. Aber das bedeutete nicht, dass sie aufhören würde. Der Gedanke, Severus aus ihrem Leben auszuschließen, war zu schmerzhaft, das wusste sie nach den wenigen Tagen, die sie getrennt voneinander verbracht hatten. Severus Snape hatte sich langsam einen Platz in ihrem Herzen erobert, und ein Teil von ihr hatte das Gefühl, dass es vielleicht so bestimmt war. Dass sie in der Zeit zurückgeschickt wurde, um ihm Liebe zu zeigen. War es nicht das, wofür Dumbledore immer eingetreten war? Die Macht der Liebe, und wie sie selbst die dunkelsten Situationen überwinden konnte.

Sie richtete ihren Rücken auf und hob ihren Blick vom Boden.

„Es mag unklug sein, Sir. Das heißt aber nicht, dass es nicht richtig sein kann."

„Miss Granger -", begann er.

Hermione hob eine Hand, um ihn aufzuhalten.

„Bitte, Sir. Offensichtlich haben Sie mich aus einem bestimmten Grund hergeschickt. Weder Sie noch ich wissen genau, was der Grund ist. Ich hatte nur erwartet, Stunden zurückzureisen, nicht Jahre."

Sie hörte sein scharfes Einatmen, als wäre es das erste Mal, dass sie ihm diese Information gab.

„Vielleicht ist dies ein Teil davon. Vielleicht war es vorherbestimmt, oder es geschah bereits in der Zeit, aus der ich stamme. Ich kann es nicht erklären, Sir, aber was auch immer es ist, es fühlt sich richtig an. Ich habe mich in den letzten Monaten mit Zeitreisen beschäftigt und gelesen, dass man, wenn man in eine bestimmte Zeit zurückgeschickt wurde, seinem Instinkt folgen sollte. Und genau das tue ich, Sir."

Professor Dumbledore blieb nach ihrer Rede still. Er blickte zu Boden und von ihr weg, als ob er tief in Gedanken versunken wäre. Sie blieb gerade auf ihrem Platz sitzen und wartete geduldig darauf, dass er sprach.

„Ihre Umstände sind ungewöhnlich", sagte er schließlich. „Und ich wünschte, ich hätte mir mehr Informationen über die Gründe für Ihren Besuch gegeben. Ich bin mit Ihrer Entscheidung nicht einverstanden, Miss Granger. Dennoch werde ich Sie nicht aufhalten. Ich bitte Sie nur, die Sache noch einmal gründlich zu überdenken", sagte er mit einem durchdringenden Blick.

„Das werde ich, Sir", sagte sie.

Sie hatte es bereits durchdacht. Viele, viele Male. Trotzdem sagte sie zu, um den Mann zu beschwichtigen. Doch er wirkte weder überzeugt noch erleichtert über ihr Versprechen.

Bevor er sie aus seinem Büro entließ, berichtete er ihr von seinen Fortschritten in Bezug auf den Zeitumkehrer. Die Dinge liefen gut, und er war zuversichtlich, dass sie auf jeden Fall in ihre eigene Zeit zurückkehren könne, was seine Besorgnis über ihre Beziehung zu einem seiner Schüler aus der aktuellen Zeitperiode ausgelöst habe, sagte er ihr.

Als sie sein Büro verließ, bereitete ihr die Nachricht von der Heimkehr zum ersten Mal einen leichten Schmerz von Traurigkeit.

Ihr Treffen hatte nicht so lange gedauert, wie sie angenommen hatte, und als sie das Ende der Wendeltreppe erreichte, war sie allein. Severus würde erst in etwa zehn Minuten zu ihr kommen. Sie entdeckte eine Bank auf der anderen Seite des Flurs und beschloss, auf ihn zu warten, wie sie es versprochen hatte.

Ungefähr fünf Minuten vergingen und ihr Kopf schnellte hoch, als sie Schritte auf dem Korridor hörte. Doch als sie ihren Zauberstab anzündete, konnte sie niemanden sehen. Als die Schritte lauter wurden, aber immer noch niemand in Sicht war, wurde sie langsam unruhig. Plötzlich hörte sie sie direkt vor sich, begleitet von jemandem, der atmete, und dem Gestank von abgestandenem Alkohol. Ihr ganzer Körper wurde kalt.

„Ah, Hermione", säuselte eine raue Stimme durch die Dunkelheit.