*Dieses Kapitel ist noch nicht vollständig. Dialoge und Ereignisse könnten sich im Laufe der Zeit leicht ändern.*

Kapitel 10

„Haaatschi…"

Sie wischte sich die Nase am Laborkittel ab.

„Hast du dich etwa erkältet, Ai?", fragte Ayumi besorgt. Nachdem sie ihren Puls gemessen hatte, sprang Ai vom Stuhl. Sie hatte ein Stethoskop in beiden Ohren und nahm ihr das Messband vom Arm ab.

„Nein, alles gut. Wahrscheinlich redet wohl jemand mal wieder über mich."

„Ach so."

Ai ging zum Tisch und holte ein Klemmbrett aus einer Schublade in ihrem Schrank heraus. Beide befanden sich gerade in ihrem Zimmer, dort, wo sie die Informationen am einfachsten extrahieren konnte. Ai bemerkte ihr besorgtes Gesicht und sah wieder auf das Klemmbrett.

„Keine Sorge. Deine Werte sind normal für eine Oberschülerin und ich kann da keine Nebenwirkungen entdecken.", sagte sie und Ayumi strahlte über das ganze Gesicht.

„Na, das erleichtert mich."

Ai lächelte. Der gestrige Tag und der Tag davor mussten wirklich etwas stressig für sie gewesen sein. Kein Wunder, dass etwas Erholung sie nur wieder auf die Beine bringen konnte.

„Ai, darf ich dich etwas fragen?", bat Ayumi und sah mit etwas Misstrauen zu Boden, während Ai immer noch die Werte auf dem Papier eintrug.

„Was ist denn, Ayumi?"

„Warum hat Conan dich zuvor angeschrien?"

Ai hielt inne. Diese Frage kam unerwartet. Dann nach einer Pause fuhr sie fort.

„Ich habe ihn nur getestet, ob er auch bereit war alles für deine Sicherheit zu geben."

„Du hast ihn getestet?", wiederholte sie, aber Ai antwortete nicht. Sie legte das Klemmbrett beiseite und wandte sich wieder Ayumi zu.

„Ich finde, das hättest du lieber nicht tun sollen. Er sah wirklich ziemlich wütend aus, weißt du?", sagte sie und Ai sah nachdenklich zu Boden. Für eine Weile sagte niemand etwas.

„Ich denke, das ist nur ein Thema das nur mich und Conan betrifft. Tut mir leid, Ayumi, aber mehr kann ich dir dazu nicht sagen.", sagte Ai mit etwas forschem Ton und Ayumi schaute sie nur mit erstaunten Augen an.

Schon wieder die gleiche Aussage.

„Das sagt ihr immer…", murmelte Ayumi genervt. Ai's Augen verengten sich. Sie konnte vage ahnen, was in ihrem Kopf vorging.

„Hast du etwas gesagt?"

„N-Nein, es ist nichts…"

Sie wandte sich um und ging zur Tür, um etwas zu holen.

„Dann ist ja gut, denn der Test ist noch nicht abgeschlossen."

„Noch nicht?"

„Die Spritze fehlt ja no-"

„ACH NÖÖ…", rief Ayumi und Ai fuhr zusammen, als sie ihr zusah wie sie auf ihrem Bett mit den Beinen herumstrampelte. Sie grinste schief. Egal in welchem Zustand, Ayumi bleibt Ayumi. Sie beruhigte sie und schon bald hatte sie die Spritze hinter sich.

„Siehst du? War doch gar nicht so schlimm, oder?", sagte Ai und legte die Spritze auf das Tablet.

„Das WAR schlimm und es tut immer noch weh.", motzte Ayumi mit zusammengekniffenen Augen.

„Komm schon, Ayumi, beruhige dich. Du hast die Spritze doch schon hinter dich gebracht."

„Pah, du warst nicht diejenige, die die Spritze bekommen hat.", schmollte sie wütend mit vollen Backen.

Ai musste schmunzeln. Irgendwie fand sie ihre aufbrausende Natur schon etwas niedlich. Sie stellte das Tablet auf den Tisch und nahm ein Pflaster, welches sie auf die Einstichstelle klebte.

„Wenigstens hast du hier ein Pflaster. Jetzt tut es weniger weh, oder?"

„Naja… schon.", antwortete sie etwas kleinlaut.

„Na, dann ist ja gut."

Ai nahm das Tablet mit der Spritze und ging damit zurück zu ihrem Arbeitstisch, wo sie es abstellte.

„Du kannst jetzt gehen, du bist fertig."

„Wirklich?"

Ayumi strahlte wieder über das ganze Gesicht. Wie schnell sich ihre Laune ändern kann, dachte Ai und musste Grinsen.

„Klar, nur darfst du unter keinen Umständen aus dem Haus gehen, ja?"

„A-Alles klar!", sagte sie und machte sich auf den Weg zur Tür. Bevor sie sie jedoch schloss, hielt sie kurz inne und drehte sich zu Ai um.

„Ai?"

„Was denn?"

„Danke. Danke nochmals für alles."

„Keine Ursache."

Sie zögerte erneut.

„Also dann…"

Ayumi schloss die Tür und ging die Treppe hoch. Ai lächelte und stand für eine Weile da, den Blick auf die Tür gerichtet. Dann ließ sie sich aufs Bett fallen und legte die Hand auf ihre Stirn.

„Das sagt ihr immer…"

Ayumi's Worte hallten in ihren Gedanken wieder und wieder. Sie drehte sich auf die Seite.

„Was hätte ich doch sonst tun können?", flüsterte sie.

Sie konnte ihr unmöglich davon erzählen, dass sie sich in große Schwierigkeiten bringen könnte. Jedoch konnten sie und Conan diese Situation nicht ignorieren. Irgendwann würde sie es doch herausfinden und dann… Was würde dann passieren? Sie starrte auf ihre zitterternden Hände. Hatte sie wirklich so große Angst? Nein, irgendwie werden sie beide es schaffen. Sie sind nicht allein. Trotz allem war sie sich sicher, dass man sich auf die Hilfe von anderen verlassen konnte. Sie schloss die Augen.

Ihre Gedanken spielten verrückt.

„Ich frage mich, wie das ganze Enden wird. Ich hab diesen Körper satt.", hörte sie sich sagen.

Sie wusste ganz genau, dass das die richtige Option war, doch warum nur hatte sie so viel Angst davor? Warum klammerte sie sich so verzweifelt daran? Warum...

Warum dachte sie so intensiv darüber nach?

Sie fasste sich mit dem Handrücken an die Stirn. Anscheinend hatte sie leichte Kopfschmerzen, so stellte sie fest. Hatte sie denn nicht genug Wasser getrunken?

„Ai?"

Sie hörte Ayumi's gedämpfte Stimme von außerhalb des Raumes. Ai verließ das Bett, ging zur Tür und machte sie auf.

„Ja?"

Ayumi stürmte hinein und machte hinter sich die Tür zu, so als würde sie vor etwas in all ihrer Verzweiflung flüchten. Ai sah sie verwundert an und bemerkte, dass ihre Hände zitterten.

„Hallo, Ayumi? Conan? Profeeessor? Ist hier jemand?", ertönte eine Stimme von der Eingangshalle.

„Ai, Mitsuhiko ist hier, was soll ich nur machen?", sagte sie verzweifelt.

Plötzlich traf Ai der Schlag. Verdammt! Sie und Conan haben sich so sehr um Ayumi's Problem gesorgt, dass sie Mitsuhiko und Genta ganz vergessen hatten! Jetzt ist es umso verständlicher, dass sie sich auch Sorgen um Ayumi machten.

„Warte hier.", sagte sie und öffnete die Tür. Sie ließ Ayumi zurück und ging die Treppe Richtung Eingangshalle hoch. Tatsächlich. Als sie bei der Eingangshalle ankam, sah sie Mitsuhiko, der mit seiner Schultasche nach dem Professor Ausschau hielt.

„Mitsuhiko, was machst du hier?", fragte sie.

„Oh, hallo Ai. I-Ich bin nur hier um Ayumi die Hausaufgaben von gestern vorbeizubringen. G-Geht das?", sagte er mit errötetem Gesicht und rieb sich verlegen am Hinterkopf.

„Klar. Du kannst sie hier auf den Küchentisch legen. Sie wird die Aufgaben später machen."

„O-Oh, also dann…", sagte er und legte die Blätter auf den Tisch. Dann hielt er für kurze Zeit inne.

„Du, Ai?"

„Ja, was gibt's?"

„Könnte ich Ayumi kurz sehen? Ich muss mit ihr reden."

„Ich denke, das geht zurzeit nicht."

„Oh, verstehe… Jedenfalls sag ihr von mir und Genta gute Besserung."

„Mach ich."

Ayumi, die sich aus dem Zimmer geschlichen hatte, schaute den beiden unbemerkt vom Flur aus zu. Nachdem Mitsuhiko sich verabschiedet hatte und gegangen war, kam sie aus ihrem Versteck hervor und ging zum Küchentisch, um sich die Blätter anzusehen.

„Wenn du Hilfe brauchst, lass es mich wissen, ja?", sagte Ai, während sie die Kaffeemaschine benutzte.

„O-Okay…"

„Das ist der Spieleraum, meine verehrten Herrschaften!", rief Fumiyoka, als dieser die Tür zu einem großflächigen Raum öffnete. Als Kogoro, Ran und Conan dieses Zimmer betraten, fiel ihnen zuallererst der riesige Breitbildschirmfernseher auf, der an der rechten Seite an der Wand hing.

„Donnerlittchen! Das Teil ist ja massiv!", staunte Kogoro, während er einige Schritte nach hinten machte um das Monster von einem Bildschirm in all ihrem Ausmaß zu betrachten. Fumiyoka grinste umso mehr.

„Nur das beste vom Besten. Nachdem wir das Anwesen hier erbaut hatten, fanden wir, dass es noch genügend Restgeld übrig wär, um diesen Fernseher zusätzlich zu kaufen."

„Einfach unglaublich."

Nachdem Kogoro und Fumiyoka am Sofa saßen und vergnügt an der Konsole spielten, die am Fernseher angeschlossen war, sahen sie sich noch die restlichen Räume an bis sie zum Mediathekraum kamen, der sich im dritten Stockwerk befand.

Der Allererste, der einen Ton von sich gab, als sie den Raum betraten, war natürlich Kogoro, der sich den Inhalt Schränke von den Glastüren aus ansah. Dort befanden sich lauter CDs von den verschiedensten Interpreten darunter auch…

„Ich fass es nicht! Yoko Okinos erstes Album und zwar die limitierte Sonderauflage! Ich wusste nicht, dass sie so etwas noch haben, die war mittlerweile schon längst Ausverkauft.", staunte er und Fumiyokas Augen weiteten sich.

„Nein, wirklich? Sie sind auch ein Fan ihrer Werke?", rief er und schloss sich ihm an.

„Aber natürlich bin ich das! Seit ihrem Debüt vor ein paar Jahren bin ich ein großer Fan von ihr. Ich durfte sie auch einmal kennenlernen.", protzte er und rümpfte die Nase. Dazu lachte er wieder wie eine kranke Hyäne. Der Stümperdetektiv war mal wieder drauf und dran, vor allen anderen anzugeben, dachte Conan und Ran kehrte ihnen vor lauter Scham den Rücken zu. Fumiyokas Mund klappte auf wie ein kaputter Schließmuskel.

„Wirklich?! Sagen Sie, wie war ihre erste Begegnung mit ihr?", fragte er und näherte sich ihm, sodass nur noch Zentimeter von seinem Gesicht und Kogoros übrig waren.

„Nun, ich würde diese Geschichte Ihnen lieber nicht erzählen, denn sie hat nämlich kein so schönes Ende gefunden. Ich hoffe Sie verstehen.", antwortete Kogoros und grinste verlegen.

„Verstehe, Stars haben ja auch ihre Geheimnisse.", entgegnete er und lachte.

Während Kogoro und Fumiyoka sich weiterhin austauschten, sah sich Conan etwas mehr im Raum um. Er bräuchte nicht lange zu suchen, bis er schon etwas Interessantes gefunden hatte. Auf der Fensterbank fand er ein Bildständer mit einem Foto darauf. Das Foto hielt einen Moment fest, bei dem zwei Männer nebeneinander standen und sich gegenseitig die Hand schüttelten. Im Hintergrund konnte man den Eingang eines großen schlossähnlichen Anwesens erkennen, der sich jedoch deutlich von diesem Anwesen unterschied. Der Mann auf der linken Seite sah Fumiyoka ziemlich ähnlich, dachte Conan neugierig und nahm das Bild zum Vergleich.

„Neugierde ist eine Tugend, nicht wahr?", hörte er eine Stimme hinter sich sagen. Conan drehte sich schlagartig um und versteckte das Foto hinter seinem Rücken.

„Na-Natsume? Wie bist du denn hierhergekommen?", fragte Conan erschrocken für ihren plötzlichen Auftritt. Natsume sah in mit einem leicht genervten Ausdruck an.

„Tu nicht so, als müsstest du mir noch eine Kuhglocke umhängen, sodass du mich leichter Orten kannst. Na, sag jetzt schon, was hast du da hinter deinem Rücken versteckt?"

„A-Ach… nur dieses Bild. Möglicherweise kannst du mir ja etwas dazu sagen."

„Dann zeig her."

Sie nahm das Foto, welches Conan ihr zeigte.

„Soweit ich weiß, ist das mein Vater, aber wer das neben ihm ist, weiß ich leider nicht."

„Das weißt du nicht?"

„Natürlich nicht, du Doofkopf. Ich sehe mir ja auch nicht immer die Fotos meiner Familie an.", schnaubte sie und verschränkte genervt die Arme.

„A-Also ich dachte, dass du dich hier bestens auskennst."

Natsume sah ihn mit Misstrauen an. Conan bemerkte, dass es besser wäre das Thema zu wechseln, um sie nicht umso mehr zu verärgern. Sie redete möglicherweise nicht gerne darüber.

„Was ist eigentlich mit deinem Vater, Natsume? Er war ja derjenige, der uns eingeladen hatte, sollte nicht er dann uns als Gastgeber empfangen?"

Sie dachte kurz nach. Dann zog sie ihr Handy aus ihrer Hosentasche.

„Er kommt in ungefähr einer Stunde von seiner Geschäftsreise zurück."

„Eine Geschäftsreise?"

„Naja, bis dahin haben wir noch etwas Zeit, oder Conan?", sagte sie und lächelte ihn an. Conan starrte ihr ins Gesicht und nickte nur. Irgendwie fühlte sich ihr Lächeln so falsch an, so als würde sie sich vor ihm nur zurückhalten. Was stimmte nur nicht mit ihr? Und woher…?

Conan wurde aus den Gedanken gerissen, als ein ohrenbetäubender Lärm den Raum flutete und sich alle die Ohren zuhalten mussten. Die Musik, die aus den Lautsprecherboxen dieses Raumes kam, hallte durch das gesamte Stockwerk. Anscheinend wollten Kogoro und Fumiyoka sich die CD anhören, die Kogoro gefunden hatte und hatten zuvor vergessen, die Lautstärke zurückzusetzen. Jetzt knallten die Lautsprecher den fünf hier anwesenden Personen die Ohren mit Yokos ersten Debütsingle voll und beide waren gezwungen sich die Ohren freizuhalten, damit sie mit der Hand die Boxen ausmachen konnten. Große Erleichterung machte sich breit, als Fumiyoka endlich den Ausschaltknopf betätigte und Stille im Raum einkehrte.

„Geht es euch allen gut?", fragte Kogoro, nachdem alle die Hände von ihren Ohren entfernt hatten.

„Was war das denn für'n Zirkus, Fumiyoka? Bist du bescheuert?!", rief Natsume völlig außer sich.

Mann, die hat ja'n Temperament, dachte sich Conan überrascht.

„Tut mir wirklich leid, Natsume. Ich hätte vorsichtiger sein sollen.", sagte er.

Sie schnaubte und stapfte wütend aus dem Zimmer.

„Geht es Ihnen gut, Herr Mori?"

„Keine Sorge, so ein Fehler kann mal passieren."

Fumiyoka lachte. Conan half Ran sich aufzurappeln und Kogoro nahm die CD aus dem Spieler.

„Es tut mir sehr sehr leid. Hoffentlich war das nicht zu laut für den ein oder anderen. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würden wir mit diesem Stockwerk weitermachen und uns erst einmal die anderen Räume ansehen. Wir müssen ja euch noch das zweite Gastzimmer zeigen."

Kogoro räusperte sich.

„Nun, das versteht sich ja.", fügte Fumiyoka hinzu und lächelte verlegen. Bevor Kogoro noch etwas dazu sagen konnte, hängte er seinen Arm an seine Schulter.

„Oh und Herr Mori, wie wär's wenn wir den Abend mal zusammen in einer Karaokebar verbringen könnten. Wir wären in dem Falle ungestört.", flüsterte er ihm ins Ohr.

Kogoros Miene veränderte sich schlagartig.

„Aber klar doch! Die Nacht ist immerhin noch jung. Und äh… wo ist die Karaokebar? Ist sie hier in der Nähe?"

„In der Nähe gibt es eine kleine Stadt, in der sich die Bar befindet."

Fumiyoka sah flüchtig auf seine Armbanduhr und fügte noch hinzu: „Es ist gerade mal kurz nach Mittag, aber okay. Dann treffen wir uns heute Abend im Wohnzimmer, ja?"

„Klar. Nur wer passt dann auf Conan und Ran auf?"

„Gut, dass Sie fragen. Ich wollte sie auch so Ihnen gerade eben vorstellen.", schlug Fumiyoka vor und wandte sich an Conan und Ran, die schon neben ihm standen.

„Selbstverständlich ist die Sicherheit Ihrer Familienangehörigen unsere Angelegenheit als Gastgeber. Also, dann würde es euch nichts ausmachen mich zur Eingangshalle zu begleiten?"

„Aber warum denn so förmlich?", fragte Ran.

„Naja, es ist mir peinlich es zuzugeben, aber falls ich hier ihnen möglicherwei-"

„Aber nein, uns geht's gut. Gehen wir lieber und lernen die Bediensteten kennen.", antwortete Conan ungeduldig und ging schon voraus. Fumiyoka lächelte verlegen.

Unten bei der Eingangshalle angekommen, standen schon die 3 Angestellten in Dienstmädchenkleidern und Butleranzügen vor der Treppe. Fumiyoka winkte ihnen fröhlich zu, während sie die Treppe hinuntergingen, doch deren ernste Miene verzog sich kein Bisschen.

„Hartes Publikum.", sagte er und seufzte enttäuscht. Die Bediensteten verbeugten sich. Als Kogoro, Ran und Conan die Treppe verlassen hatten, stellten sie sich einzeln vor. Einer der Bediensteten erkannten sie wieder. Dieser stellte sich ihnen zuerst vor.

„Mein Name ist Nobuaki Kozuharu, sehr erfreut. Sie erkennen mich möglicherweise schon, ich habe Sie vor kurzem in Empfang genommen."

„Aber klar doch. Tut mir leid wegen der Verwechslung vorhin, ich habe leider nicht gewusst mit wem ich es zu tun hatte.", erwiderte Kogoro. Der Mann erhob sich lachend und reichte ihm die Hand.

„Machen Sie sich keinen Kopf, werter Gast. Kann jedem mal passieren.", sagte er und Kogoro lachte verlegen.

Jetzt meldete sich das Hausmädchen zu Wort. Sie hatte blonde Haare und sah ziemlich jung aus, Conan tippte auf ungefähr 25 Jahre alt.

„Ich bin Kozue Botan und bin 22 Jahre alt. Es ehrt mich Sie kennen zu lernen, Herr Mori."

„Wa-?"

Der junge Mann neben ihr schreckte plötzlich leicht auf und starrte überrascht auf den Boden. Conan sah ihn missmutig an. Seine linke Hand zitterte.

„Entschuldigung, stimmt etwas nicht?", fragte ihn Kogoro. Er winkte ab und hob den Kopf.

„Oh nein, ich bin nur erstaunt, dass Sie wirklich hier sind. Ich dachte, ich verwechsle sie aus Versehen noch mit jemandem Anders. Und das… das ist mir jetzt ein wenig peinlich, tut mir wirklich leid.", antwortete er und kratzte sich verlegen am Hinterkopf. Kogoro sah ihn verwundert an, dann lachte er.

„Ach so, ja so mit etwas hatte ich auch schon mal zu tun gehabt.", sagte er.

„Stimmt, Onkel Kogoro hatte ja auch einmal einen Fall mit einem Doppelgänger, stimmt's?", bestätigte Conan.

„Naja, ich kenne Sie ja nur vom Hörensagen. Und dass Sie jetzt plötzlich vor mir stehen, hat mich da ein wenig überrascht, verstehen Sie?", erklärte dieser Mann und streckte ihm seine rechte Hand zur Begrüßung vor und Kogoro schüttelte sie.

„Ich heiße übrigens Masaharu Okita und möchte Sie auch hier herzlich willkommen heißen."

„Freut mich."

Fumiyoka klatschte in die Hände, um diesen Gesprächsabschnitt zu markieren.

„Na dann, wenn ja alle versammelt sind, können wir ja eine Lagebesprechung durchführen. Sie haben ja schon das erste Schlafzimmer gesehen, warum schauen wir uns dann nicht zu guter Letzt das zweite Gästezimmer an?"

„Ach, Sie meinten ja vorhin, dass das erste Gästezimmer nur ein Doppelbett hätte.", warf Ran ein.

„Genau und deswegen haben wir Herrn Okita zuvor darum gebeten, für Sie einen Raum frei zu machen."

„A-Aber ja doch.", erwiderte Herr Okita und verbeugte sich erneut.

Oben an der dritten Tür rechts der Eingangshalle am dritten Stock angekommen, präsentierte Fumiyoka das Zweite Gästezimmer des Anwesens.

„Nun, ohne jegliche Umschweife möchte ich Ihnen das Einzelzimmer zeigen.", sagte er und drückte die Türklinke nach unten.

„Nanu?"

Die Tür ließ sich nicht öffnen, so sehr wie er auch drückte.

„Die Tür gibt einfach nicht nach."

Kogoro schob ihn beiseite.

„Lassen Sie mich mal ran. Dagegen hilft nur rohe Gewalt."

Er lief mehrmals gegen die Tür, bis sie endlich nachgab und sich öffnete. Was sich ihnen offenbarte, war mehr als nur auffällig. Rohes Chaos war im gesamten Zimmer verteilt. Überall lagen ungewaschene Wäsche auf Bett, Boden oder hing lose von den Schranktüren. Ein enormer Gestank breitete sich aus und Kogoro musste sich die Nase zuhalten, sonst wären er und sein Geruchssinn auf der Stelle gestorben. Das Zimmer war komplett verdunkelt und die Fenster waren alle durch die Rolladen geschlossen worden. Mit Mühe konnte er die Wäsche von der Tür schieben, um sie endlich vollends öffnen zu können.

„Wa-Was ist denn das?", stotterte er bei dem Anblick. Conan wurde jetzt auch neugierig und sah zwischen seine Beine hinweg auf die regelrechte Unordnung im Zimmer.

„Was meinen Sie?", fragte Fumiyoka besorgt, bis auch er den Zustand des Zimmers sah und überrascht in die Leere starrte.

„Das… Was ist hier passiert?"

Kogoro schaltete das Licht an, damit das Chaos erkennbarer war. Als hätte ein Orkan gewütet, lag alles in diesem Zimmer komplett zerstreut. So als hätte jemand nach etwas gesucht, dachte sich Conan. Aber was wäre denn so wichtig in diesem Raum gewesen? Möglich wäre vieles.

„Es scheint so, als hätte irgendjemand hier nicht richtig aufgeräumt.", sagte Conan und wollte hineingehen, doch Kogoro packte ihn wieder am Kragen.

„Das sieht man doch schon, du kleine Ratte!", rief er und setzte ihn hinter sich ab. Er selber ging in den Raum und sah sich dort um.

„Meine Güte, das sieht wirklich aus, als hätte niemand seit Tagen hier aufgeräumt."

„Sag ich doch.", knurrte Conan genervt.

„Es tut mir schrecklich leid, Herr Mori. Normalerweise kümmern unsere Bedienstete sich darum, wenn wir außer Haus sind."

„Wenn ihr außer Haus seid?", wiederholte Conan neugierig.

„Nun ja, ich und Natsume sind erst gestern wieder hierher zurückgekommen und es scheint so, als hätten wir es vergessen, den Bediensteten hier Bescheid zu sagen."

„Aber sollten sie denn nicht selbst daran denken, dass dieses Zimmer aufgeräumt werden müsste?"

„Was das angeht, haben wir erst gestern bei der Ankunft erfahren, dass mein Vater ihre Unterstützung dringend bräuchte."

„So ist das also. Das heißt ihr Vater hat schon vorher vorgehabt, uns anzurufen, seh ich das richtig?", fragte Ran.

„Das ist richtig. Aber vorerst sollten wir dieses Zimmer aufräumen. Tut mir sehr leid für diese Unannehmlichkeiten. Ich habe mir ihren Aufenthalt bei uns besser vorgestellt.", seufzte Fumiyoka und wendete sich zu Herr Okita.

„Sie werden auch mithelfen. Sie waren schließlich ja auch für das Zimmer zuständig."

„Jawohl.", sagte er und verbeugte sich vor ihm.

Sie brauchten mehr als eine halbe Stunde, um den Krempel von den Möbeln zu entfernen. Nach getaner Arbeit verließen sie den Raum und überließen den Dienstmädchen das Staubwischen. Als die Vier wieder die Treppe zum Erdgeschoss nahmen, fiel Conan auf, dass sich lauter Bedienstete hier unten in zwei Reihen versammelt hatten. Erwarteten sie gerade wieder einen Besuch?

„Er kommt in ungefähr einer Stunde von seiner Geschäftsreise zurück."

Ihm fielen Natsume's Worte wieder ein und er blickte nur noch umso neugieriger auf die große rustikale Eingangstür. Ist das Fumiyoka's Vater? Seine Vermutung bestätigte sich, denn kurz danach, als sie unten in der Eingangshalle ankamen, öffneten sich die schweren Türen langsam und ein Mann in adretter Statur und dunkelblauen Klamotten trat hervor. Die Dienstmädchen und Butler verbeugten sich und sprachen gleichzeitig, während er an ihnen vorbeiging.

„Herzlich Willkommen zurück, geehrter Herr Ichigo."

„Ich danke euch sehr für diese herzliche Begrüßung.", rief er zurück und wandte sich an die Bediensteten.

„Wir haben geduldig auf Sie gewartet, Herr Ichigo!"

„Aber Herr Ichigo, Sie müssen doch nicht so förmlich sein."

Wow, der Typ hat's in sich, dachte sich Conan und lächelte schief, während er dem Mann zusah, wie er jedem der Angestellten jeweils die Hand schüttelte. Zehn Minuten warteten sie schon, bis auch endlich sie an der Reihe waren. Der Mann ging auf sie zu und reichte Kogoro mit einem Lächeln zuerst die Hand.

„Nett Sie kennenzulernen, Herr Mori. Wie ich sehe haben Sie schon mit meinem Sohn Bekanntschaft geschlossen."

„Gleichfalls Herr Ichigo. Wir sind froh auch Sie endlich kennenzulernen.", antwortete Kogoro und schüttelte seine Hand. Der Mann musterte neugierig seine Begleitung.

„Wie ich sehe, sind Sie nicht alleine da, richtig?"

„O-Oh natürlich. Darf ich vorstellen, das hier ist meine Tochter Ran und…"

„Wenn du mich noch einmal Dreikäsehoch nennst, bring ich dich um.", murmelte Conan, ohne dass ihn jemand hören konnte.

„…wir sind hier wegen des Auftrags, um den Sie uns gebeten haben."

Was?! Nicht einmal eine Erwähnung? Das reichte jetzt, heute wird er verdammt noch mal im Einzelzimmer pennen, dachte sich Conan genervt. Als konnte der Mann seine Gedanken lesen, wandte auch er ihm seine Aufmerksamkeit zu.

„Und wer ist das neben Ihnen?"

„Ach so, ihn habe ich ja fast vergessen. Das hier ist natürlich der kleine Conan."

Na endlich, dachte Conan wieder.

„Gehört er zu ihrer Familie?"

„Aber nein, er ist nur der Sohn vom Bekanntenkreis und wir passen nur auf ihn auf.", warf Ran schnell ein. Yuzaki beäugte ihn eine Weile bis er das Gespräch fortführte.

„Nun gut, ich schätze Sie müssten ziemlich hungrig sein, nicht wahr?"

„Naja, das wäre etwas zu viel verla-", begann Kogoro und wurde sofort von Conan unterbrochen.

„Au ja! Ich habe schon richtig Hunger! Dürfen wir mitessen, Onkel?"

„Du mischt dich verdammt noch mal nicht ein, hast du mich verstanden?", schnaubte er wütend und warf Conan einen bösen Blick zu.

„Ach so… Ich dachte, Sie würden uns beim Bankett Gesellschaft leisten. Ich würde gerne ein ausgiebiges Gespräch mit Ihnen führen, oder geht das etwa nicht?", fragte Yuzaki verwundert.

„D-Doch doch, aber natürlich. Ich dachte nur, dass wir uns zuers-"

„Lass uns doch essen, Paps, sonst sind deren Mühen doch umsonst gewesen, oder?", warf Ran ein.

„Du hast Recht, Schatz.", sagte er und wandte sich wieder Fumiyoka und Yuzaki zu: „Aber klar doch, entschuldigung nochmals."

„Nicht so förmlich, Herr Mori.", sagte Fumiyoka und lachte, doch Yuzaki hielt seine Hand vor ihm und trat vor.

„Bitte begleiten Sie und ihre Familie uns zum Speisesaal. Unsere Köche haben in der Tat ihr Bestes gegeben und es wäre eine Schande sie jetzt zu enttäuschen.", sagte er und wandte sich an die drei Bediensteten, die hinter ihm standen.

„Kozue, bitte führen Sie die Gäste in den Speiseraum. Ich begebe mich nur noch schnell in mein Büro, dann geselle ich mich zu Ihnen.", befahl er und nahm die Treppe nach oben.

„Wie Sie wünschen.", antwortete sie und verbeugte sich. Dann erhob sie sich wieder und begleitete Kogoro, Ran, Conan und Fumiyoka zum Esszimmer. Sie bemerkten jedoch nicht, dass sie von oben beobachtet wurden.

Natsume stand am Geländer des Dritten Stocks und sah von dort auf sie herab. Ihr Lächeln veränderte sich schlagartig, als eine leise aber immer noch hörbare Stimme gedämpft im Zimmer hinter ihr ertönte. Die Tür war verschlossen, so vermutete sie.

„All die Jahre habe ich nur auf diesen Tag gewartet. Ich kann mich endlich für deine Willensstärke erkenntlich zeigen. Ich danke dir sehr für diesen Tag, Großvater.", hörte sie jemanden von innen sagen.

Natsume's Hände versteiften sich, während ihr Herz umso schneller pochte. Sie hielt sich fester am Geländer fest und sank zu Boden. Ihre Arme zitterten.

„So weit ist es nun schon gekommen. Warum mach ich denn nichts…?", flüsterte sie und Tränen stiegen ihr ins Gesicht. Nein, sie hatte sich seit langem dazu entschieden. Jetzt gab es erst Recht kein Zurück mehr, denn die Würfel waren schon gefallen. Natsume rappelte sich wieder auf und ging langsam den Gang weiter entlang.

„Scheiße, scheiße, scheiße…", flüsterte sie wiederholt, während sie verzweifelt versuchte, ihre Tränen mit ihren Ärmeln abzuwischen. Warum musste sie ausgerechnet diesen Weg jetzt gehen? Ihr fiel einfach keine Antwort ein. Sie konnte keine klaren Worte dafür bilden. Sie musste diese Tränen irgendwie rauslassen, aber wenn sie jetzt Lärm machte, würde sie alles zunichte machen, was sie bisher mühsam aufgebaut hatte. Alles nur wegen ihm…

– Kapitel 10 ENDE –