*Dieses Kapitel ist noch nicht vollständig. Dialoge und Ereignisse könnten sich im Laufe der Zeit leicht ändern.*
Kapitel 13
Nach dem Abendessen verabschiedeten sich Ran und Conan von den Gastgebern und Bediensteten und gingen noch ein weiteres Mal auf Erkundungstour durch das Haus. Unterdessen lief Kogoro im Wohnzimmer umher und dachte über das nach, was Yuzaki ihm zuvor gesagt hatte. Er gab selber zu, dass er das selten tat, doch diese Situation ergab sich als prekär und erforderte in diesem Falle besondere Maßnahmen. Er entschied sich auf das Sofa hinzusetzen, damit er klare Gedanken fassen konnte.
„Ich habe eine gewisse Vermutung, dass sich unter den Reihen meiner Kollegen und oder Bediensteten jemand eingeschlichen hat, der es auf sie abgesehen haben sollte und das macht mir ehrlich gesagt Angst. Nennen Sie mich Paranoid, aber dieses Gefühl scheint sich nicht loszuwerden.", behauptete Yuzaki Stunden zuvor, als sie sich noch in der Bibliothek befanden.
„Jemand aus ihren Reihen, sagen Sie…?", wiederholte Kogoro nachdenklich.
„Ich bin mir nicht sicher, aber diese Person könnte womöglich einer meiner Bediensteten sein."
Er wusste schon, dass es ab da ernst wurde.
„Sie vermuten tatsächlich, dass einer der Hauptverdächtigen zum Personal dazugehört. Hat jemand in der Vergangenheit einen Groll gegen Sie gehegt?"
„Einen Groll? Nun, natürlich habe auch ich Personen oder Firmen, die mich persönlich gerne auf den Mond schicken würden, wenn Sie verstehen was ich meine. Aber dies bezieht sich größtenteils nur auf rein geschäftlicher Basis. Ich gebe nur ungern zu, dass wir als der Ichigo Konzern eine große Konkurrenz gegenüber anderen Firmen sind, sei es wegen Kunden, Geschäftspartnern oder einfach nur Geld und Macht über die Teilnahme an der Wirtschaft."
„Verstehe. Und was ist mit dem Privatleben?"
„Stimmt ja, ich habe mich noch nicht dazu geäußert."
„Fahren Sie ruhig fort."
„Danke, jedenfalls habe ich wie gesagt nur Vermutungen aufgestellt. Der Drohbrief hier…"
Er zog den Brief aus seiner Hemdtasche und legte ihn auf den Tisch.
„…ist nicht der einzige Grund, warum ich um meine, nun… Tochter besorgt bin."
„Ich kann Sie verstehen, als Vater möchte man natürlich für die Sicherheit seines Kindes garantieren… Moment, was haben Sie nochmal gesagt?"
„Genau. Wie zuvor schon gesagt, gibt es einen zusätzlichen Faktor, der mir gewaltige Sorgen bereitet."
„Ach und der wäre?"
„Es ist folgendes…"
Es klopfte an der Tür.
„Entschuldigen Sie mich bitte."
„Ja, aber selbstverständlich.", antwortete Kogoro.
„Herein?"
Ein Dienstmädchen öffnete die Tür und trat hinein. Sie verbeugte sich vor den beiden Männern und wandte sich Yuzaki zu.
„Was ist es denn?", fragte er. Die Frau zögerte zunächst, dann ging sie zu ihm und flüsterte ihm etwas ins Ohr, bis er vom Sessel aufstand und mit einem „Alles klar, ich danke Ihnen" die Frau wieder zur Tür begleitete. Der Mann sah danach auf seine Uhr und zuckte mit den Schultern.
„Herr Mori?"
„Öh… ja?"
„Hätten Sie gelegentlich Zeit am Abend sich mit mir am Wohnzimmer hinzusetzen und unser Gespräch fortzuführen? Dort sind wir natürlich ungestört, denn um diese Uhrzeit haben die meisten Bediensteten frei. Es tut mir sehr leid, aber ich denke, jetzt ist dafür keine Zeit mehr."
„Dürfte ich fragen, warum?", fragte Kogoro neugierig und stand vom Sessel auf.
„Nun, ich muss gleich einen privaten Anruf meiner Ehefrau empfangen und sie ist gerade bei einer wichtigen Pressekonferenz."
„Ach so, dann… dann möchte ich dabei natürlich nicht stören. Tut mir leid."
„Macht ja nichts, das kam jetzt ein wenig Spontan, wenn ich ehrlich bin."
„Ach so."
„Ach ja und was ihre Verabredung mit meinem Sohn Fumiyoka angeht, davon weiß ich natürlich schon Bescheid. Ich werde selbstverständlich versuchen, mich kurz zu fassen."
Jetzt da die Zeit gekommen war, wartete Kogoro nun geduldig auf den Zeitpunkt, wo er auf neue für den Fall wichtige Informationen treffen könnte. Wenn Yuzaki recht hatte, dann müsste jemand von den Bediensteten entweder es auf seine Tochter Natsume oder auf die ganze Familie abgesehen haben. Aber warum nur ausgerechnet Natsume? Eine Familie sollte doch zusammenhalten…
Moment mal, wenn Natsume als ein getrenntes Familienmitglied behandelt werden würde, bedeutete es dann nicht dass…
Der Türknauf hinter ihm drehte sich und Yuzaki betrat das Wohnzimmer.
„Vielen Dank, dass Sie auf mich gewartet haben, Herr Mori. Ich entschuldige mich für die Verspätung."
„Aber nicht doch. Es freut mich, dass Sie gekommen sind."
„Na, Sie sind mir ja einer.", antwortete Yuzaki und lachte, während er sich Kogoro gegenüber hinsaß.
„Ich bin hier, wie versprochen. Es ist doch nur selbstverständlich.", sagte Kogoro und lachte mit.
„Nun, gut. Kommen wir direkt zum Punkt, denn ich will Sie nicht unnötig lange auf die Folter spannen."
„Sie wollten mich über die Gefahren gegenüber Ihrer Tochter aufklären, richtig?"
„Genau."
„Bevor Sie fortfahren, Herr Ichigo, erlauben Sie mir bitte die Frage, warum nur ihre Tochter in Betracht gezogen wird und nicht Sie oder Ihre anderen Familienmitglieder. Was ist so besonders an ihr, dass ausgerechnet sie in Gefahr gerät? Liegt es womöglich daran, dass sie das jüngste Familienmitglied ist?"
„Sachte, Herr Mori, Sie stellen zu viele Fragen auf einmal…"
„Ah, entschuldigen Sie bitte."
„Was Ihre Vermutung angeht, liegen Sie nicht ganz falsch aber… Wie soll ich sagen… Es liegt nicht am Alter, sondern an der Herkunft."
„An der Herkunft?"
„Ich weiß leider nicht, wie ich es Ihnen erklären kann, aber ihre Vergangenheit erlaubt es mir nicht, mehr über sie in Erfahrung zu bringen."
„Ich dränge Sie nicht dazu, mir Informationen zu geben, wenn Sie es nicht wollen."
„Nein, Sie haben Recht. Was ich dazu sagen will, könnte möglicherweise wichtig für Sie sein, deswegen…"
Yuzaki seufzte. Dann nach einer kurzen Denkpause fuhr er fort.
„Haben Sie schon in den Nachrichten von den tragischen Mordfällen in der Umgebung von Tokio gehört?"
„Nein tut mir leid, davon höre ich zum ersten Mal."
„Nicht? Gut, dann erklär ich es Ihnen… In den letzten fünf Tagen ereignete sich eine ganze Reihe von Mordfällen, die mit der Zeit als Serienmorde eingestuft wurden, weil man an ihren Opfern ein gewisses Muster erkannt hatte."
„Aha, und welches Muster zeigte sich in diesem Fall?"
„Die ausgestreckten Finger ihrer Opfer."
„Die Finger?"
„Niemand wusste was dieses Muster bedeutete. Viele haben behauptet, die Finger deuteten die Anzahl der Opfer an, die der oder die Serienmörder hinterlassen haben. Andere wiederum glauben, dass das Muster als Erkennungszeichen der jeweiligen Mörder dienen würde. Nun, dies oder jenes sind aber lediglich nur Spekulationen, die ich aus dem Fernsehen oder aus den Nachrichten gehört habe. Sie fragen sich sicher, was das jetzt mit unserer Familie zu tun haben könnte. Es liegt weder an mir, noch an meiner Familie."
„Natsume ist der Grund, richtig?"
„Richtig und Falsch. Wie schon gesagt, liegt es an ihrer Vergangenheit, beziehungsweise an ihrer Herkunft. Natsume ist…"
Yuzaki machte eine Pause, als ob er vor irgendetwas Angst hätte. Es war komplett still. Das Licht der Abendsonne schien schwach durch das zugezogene Fenster und erzeugte einen starken Dimmer im Wohnzimmer.
„Herr Ichigo…?"
„Na-Natsume ist… Sie ist nicht meine leibliche Tochter."
„Was?"
Wieder Stille. Yuzaki sah erleichtert aus, als wäre ihm die Last von den Schulter gefallen.
„Meine Familie hat sie vor fünf Jahren adoptiert. Wir wollten diese Information unter allen Umständen geheim halten, ich jedenfalls. Mein Sohn Fumiyoka ist immer noch der Meinung, sie offen vor Ihnen dreien preiszugeben, weil er der Meinung ist, dass es keinen Grund dazu gibt."
„Ach so."
„Aber kommen wir zurück zum eigentlichen Thema… Um das schlicht und einfach zu erklären: Sie hat ihre Eltern bei einem Raubüberfall verloren und blieb für mehrere Monate in einem Weisenhaus."
„Und Sie haben sie dann adoptiert.", schlussfolgerte Kogoro.
„Um genau zu sein, war das meine Frau. Eine Bekannte meiner Frau von dem Waisenhaus in dem sie gelebt hatte, übergab sie ihr, weil sie Natsume nicht für länger unterbringen konnten und als ich mir ihre Akte über ihre Vergangenheit angesehen hatte, habe ich…"
Er seufzte wieder. Kogoro hörte ihm mit ernster Miene aufmerksam zu.
„Ich habe mir geschworen, sie unter allen Umständen als Vater zu Beschützen und ihr das Gefühl zu geben wieder in einer Familie zu sein. Natsume ist wie… wie meine leibliche Tochter und es schmerzt mich jedes Mal das zuzugeben, denn ich liebe sie wie eine. Deswegen… will ich nur das Beste für sie."
„Das kann ich verstehen. Trotzdem bitte ich Sie, dass Sie mir über die Serienmorde und ihren Zusammenhang mit Ihrer Tochter erzählen."
„Natürlich, tut mir leid. Ich habe mich mitreißen lassen."
„Ist schon gut, jetzt wo Sie mir mehr über Natsume erzählt haben, kann ich Ihre Antworten und Motive besser nachvollziehen."
„Gut… ich habe schon erwähnt, dass Natsume's Eltern in einem Raubüberfall ums Leben gekommen sind. Genaue Details kenne ich nicht, aber ich habe nachgeforscht und stieß auf einige Kontakte zu einer Organisation, die möglicherweise für den Tod verantwortlich gewesen sind."
„Und was für eine Organisation ist das?"
Herr Ichigo lehnte sich vor. Das Sonnenlicht dimmte sein Gesicht und gab ihm einen schwachen Braunton. Kogoro spürte, dass es ihm jetzt ernster den je war. Er sah in seine verengten Augen, die in ihm eine Mischung aus Furcht, Wut und eine bizarre Art von Neugier auslösten.
„Sagt Ihnen der Begriff 'Weißer Lotus' etwas?"
—
„Da sind Sie ja.", antwortete Fumiyoka, der vor dem Parkplatz neben seinem Auto stand und ihm zuwinkte. Der Himmel war schon in einem tiefen Dunkelblau getaucht und die Nacht brach herein. An den Seiten der Parkplätze leuchteten schon die Straßenlampen und erhellten das Auto in einem knalligen Grün.
„Wollen Sie fahren oder soll ich?", fragte er und lachte. Als er das bedrückte Gesicht von Kogoro sah, änderte sich die Miene von ihm und er hörte auf zu lachen.
„Ist etwas?", fragte er besorgt.
„Nein, schon gut. Sie können gerne losfahren, ich kenne ja den Weg dorthin nicht.", sagte er und setzte ein Lächeln auf, um ihn zu beruhigen.
„Stimmt ja, Sie haben recht.", antwortete Fumiyoka und stieg ins Auto auf dem Fahrersitz. Kogoro öffnete die Fahrertür setzte sich neben ihm im Vordersitz hin. Der Zündschlüssel wurde gedreht und der Motor des Wagens sprang an. Sie fuhren die Straße entlang, die Kogoro mit dem Mietwagen am Mittag gefahren war.
„Welche Songs kennen Sie eigentlich, Herr Mori?", fragte Fumiyoka, während er mit der rechten Hand den Gang wechselte.
„Nicht viele, aber es reicht vielleicht für eine Karaokesession. Die meisten kennen Sie wahrscheinlich bereits."
„Oooh, dann bin ich ja mal gespannt."
Er schaltete das Radio ein, der gerade einen Song spielte.
„Oh, der ist gut. Kennen Sie den?", fragte ihn Kogoro neugierig.
„Nein, von welcher Band ist der Song?", erwiderte Fumiyoka, ohne den Blick von der Straße zu lassen.
„Unbind Rising, glaube ich… aber das Beste, was ich bisher von ihnen gehört habe, war aus einem Konzert vor einer Woche, das im Fernseher übertragen wurde."
„Lassen Sie mich raten, Yoko Okino war auch dabei, richtig?"
Fumiyoka lachte.
„Ich denke schon, aber als Gastgeberin."
„Ach so… Sie sind ein ziemlicher Fan von ihr, oder?"
„Das ist doch offensichtlich, oder etwa nicht?"
„Nun, es kommt mir so vor als hätten Sie mehrmals mit ihr persönlich zu tun gehabt und das macht mich ehrlich gesagt ein klein wenig neidisch, wenn Sie mich fragen."
„Tut mir leid. Wenn ich Sie so etwas sagen höre, dann muss ich immer daran denken, dass sie als bekannter Star in Japan ziemlich beliebt ist."
„Oh, das kann ich mir denken."
Eine weitere Pause markierte den Gesprächsabschnitt und Fumiyoka bog in eine Ecke um. Kogoro blickte unterdessen aus dem Fenster und beobachtete, wie die Straßenlaternen und ihr Licht an ihnen vorbeizogen.
„Wissen Sie, Herr Ichigo-"
„Ich bitte Sie, Herr Mori, nennen Sie mich doch lieber Fumiyoka."
„Fumiyoka, irgendwie verhalten Sie sich anders, als bei unserer ersten Begegnung."
„Ach, finden Sie?", fragte er.
„Einigermaßen, ja."
„Nun… ich weiß es auch nicht. Ich möchte mich jedenfalls für mein Verhalten gegenüber Ihrer Tochter entschuldigen. Ich habe mich wie ein kleines Kind verhalten und das hat mir bedenken gegeben."
„Da muss ich schon zugeben, dass sie mich mit Ihrer Aktion überrascht hatten."
„Jetzt gerade mit ihrem Vater zu reden, macht mich jetzt schon ein wenig nervös, wenn Sie verstehen."
Ohne Vorwarnung begann Kogoro zu lachen und Fumiyoka starrte ihn verwirrt an.
„Fumiyoka, konzentrieren Sie sich lieber auf die Straße, Sie komischer Kauz!"
„Verdammt, ja!", rief er und gemeinsam fuhren sie die Straße entlang, bis sie beide an der Stadt ankamen.
—
Zur selben Zeit öffnete sich die Badezimmertür und ein im Gesicht komplett roter Conan mit Badetuch kam heraus. Hinter ihm folgte Ran, die sich auch im Bademantel eingewickelt hatte.
„Ich habe nichts gesehen, ich habe nichts gesehen…", wiederholte Conan und hielt sich voller Scham krampfhaft die Augen zu, während er sich mit geschlossenen Augen versuchte sich wieder anzuziehen. Ein Glück, dass er noch ein kleines Kind war, sonst hätte sie ihn noch fürs Spannen fast umgebracht. Doch auch mehr davon war für ihn zu viel des Guten.
„Komm doch her Conan, du musst dir doch noch die Haare waschen, oder soll ich das für dich übernehmen?", rief Ran und trocknete sich ab.
„N-Nein, das reicht schon aus! Alles okay!", sagte er, immer noch mit geschlossenen Augen. Er merkte, dass ihm langsam das Blut durch die Nase schoss.
Ran seufzte.
„Na gut, dann beschwer dich nicht darüber wenn ich dich wegen stinkender Haare aus dem Bett werfe."
„Ja okay, ich komm ja schon."
„Alles klar."
Eine Viertelstunde später verließen sie das Badezimmer und machten sich auf den Weg zum Gästezimmer.
„Puuh, das war wirklich gut.", sagte Ran und trocknete ihre Haare mit dem Handtuch ab. Conan, so rot im Gesicht, wie nie zuvor, schwor sich diesen oder jenen Anblick im Gedächtnis zu speichern. Nicht, dass er ein Perverser wäre, oder so. Nur zu Forschungszwecken natürlich, sonst nichts anderes. Sein Herz schlug immer noch schnell und er hatte es schwer sich auf das Bevorstehende zu konzentrieren. Wenn das Feuer ausbreche, fehlte nicht viel dann… verdammt, schon wieder hatte er das geistige Bild vor sich. Ständig verfolgten ihn die Rundungen ihres Körpers. Auch wenn er noch ein Kind war, seine Gedanken waren stets voll von ihren zwei großen melonenartigen… Aaarrrghhhh… Er konnte einfach keine klaren Gedanken fassen! Er fasste sich pragmatisch am Kopf.
„Alles okay, Conan? Hast du dich etwa irgendwo gestoßen?", fragte Ran besorgt. Er durfte nicht hinsehen, sonst passierte noch etwas, was er danach bereuen würde.
„Nein, mir geht's gut, ich habe nur etwas Nasenbluten.", antwortete er. Ran blieb stehen, holte ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und gab es ihm.
„Hier, Conan."
„Danke nochmals, Ran."
„Keine Ursache."
Beim Gästezimmer angekommen schaltete Ran das Licht an und setzte sich auf die Matratze. Die Wanduhr gegenüber zeigte auf Viertel vor zehn und es war wirklich schon Zeit fürs Bett, für Conan jedenfalls. Aber da Ran genauso müde war, entschied sie sich dafür ebenfalls ins Bett zu gehen. Als Conan sich schon auf dem Bett eindeckte, blickte er ihr noch nach, während sie zur Tür ging und das Licht ausschaltete. Dann kam sie zurück und blieb eine Weile vor dem Bett stehen. Sie seufzte wieder erleichtert und ging zum Fenster, um sich die Landschaft bei Nacht noch einmal anzuschauen. Conan machte die Augen auf und drehte sich in ihre Richtung. Was er dort am Fenster sah, übertraf seine Erwartungen bei weitem.
Der kühle Wind, der durch das Fenster pfiff, ließ ihre langen Haare zurück wehen. Ihr Blick und ihr Lächeln, das die Landschaft hier zu genießen schien, gab Conan wieder ein Gefühl von Euphorie. Ein Gefühl von Glückseligkeit. Selten zeigte sich ihm so eine Pracht aus und Conan war gleichzeitig überrascht, dass er sich an ihr getäuscht hatte. Normalerweise zeigte sie ihm solche Seiten weniger, zur Zeit bevor er geschrumpft würde, aber jetzt…
Jetzt, wo der Shinichi, den sie kannte, weg war, schienen immer mehr und mehr ihre unglaublich unvergesslichen Momente heraus. Dachte sie gerade an ihn? Wo er wohl sein mag? Was machte er gerade? Was für einen Fall klärte er gerade auf? Machte er sich Sorgen um sie? Hat er sie schon vergessen? Warum hatte er ihr bisher noch nichts geschrieben?
Sie rieb sich ihre schon feuchten Augen an ihrem Arm ab. Conan's Augen weiteten sich. Weinte sie gerade?
„Ran…", murmelte er.
Sie wischte sich die Tränen von ihren Augen ab und entfernte sich vom Fenster, welches sie kurz darauf auch schloss. Danach ging auch sie zu ihm ins Bett und legte sich auf die andere Seite schlafen. Conan bemerkte, wie auch so oft, wie sehr sie darunter litt. All die Jahre, die sie gemeinsam verbracht hatten, hatten sie ohne Probleme überstanden, doch jetzt wurde ihre gemeinsame Zeit wieder auf die Probe gestellt.
„Gute Nacht, Conan…", sagte sie.
„Gute Nacht, Ran…", sagte er.
Nach einer Viertelstunde war Ran auch eingeschlafen und Conan dachte immer noch darüber nach. Was für Gedanken sie sich über ihn gemacht hatte, während seiner Abwesenheit. Dass er immer nur für einige Stunden vorbeikam und dann für eine Zeit, die ihr vorkam wie eine Ewigkeit, von der Bildfläche verschwand. Dass er sie selten gefragt hatte, wie es ihr ging oder was sie machen würde. Es war so, wie Heiji es vor ungefähr einem halben Jahr gesagt hatte, als sie zum ersten Mal in der Detektei aufeinandertrafen…
Entweder er war ihr egal, oder er war immer stets ganz in ihrer Nähe…
Die ganze Zei-
Irgendetwas regte sich in Ran's Seite. Er merkte, wie sie sich plötzlich auf seine Seite umdrehte, sodass ihr schon schlafendes Gesicht in seine Richtung zeigte. Sie waren sich jetzt ganz nah. Er merkte es erst jetzt, weil er sich so sehr damit beschäftigt hatte, dass er sie fast vergaß. Ihr Gesicht war seinem so nah, er konnte ihren warmen Atem spüren. Conan fühlte ihre Hand, die auf seinen Rücken gelegt war. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, bis Conan's mentale Sicherung platzte. Ihm war schwummerig vor Augen und er fühlte, wie sein Herz immer schneller schlug. Jetzt ein falscher Schritt und er war tot. Ein falscher Schritt. Nur noch…
Sie atmete leicht aus.
Die Stille füllte den Raum bis in ihre Ecken. Er konnte dieses Gefühl nicht beschreiben. Es war ihm einfach zu fremd. Ein Gefühl wie dieses hatte er noch nie gehabt. Er merkte auch gar nicht, dass er sich ihr langsam näherte. Immer näher. Unentwegt starrte Conan auf ihre weichen dunkelroten Lippen. Ein Schritt weiter und es war vorbei. Er öffnete seinen Mund langsam und näherte sich vorsichtig ihrem Gesicht. Er konnte nicht anders, etwas anderes blieb ihm nicht übrig. Das, was sie in Osaka getan hat, war ihm längst nicht genug. Er wollte es fortsetzten, wenn nicht sogar…
Auch wenn er jetzt klein war, ihm war es egal. In diesem Moment war er wie in einem Trancezustand, der ihn beinahe hypnotisierte. Nur noch ein paar Zentimeter, bevor sich ihre Lippen berührten, doch Conan hörte nicht auf…
(„So oder so, sie ist doch nur ein Kind.")
Er war kein Kind. Er war schon längst kein Kind mehr. Er war mehr als das.
Er hörte nicht auf…
(„Ich danke dir. Wenn, dann sollte es wohl eher mir leid tun.")
„Shinichi…", murmelte Ran im Schlaf flüsternd. Selbst in ihren Träumen dachte sie stets an ihn. Die Sehnsucht in ihm sprengte alle Grenzen. Sein Herz schlug schneller.
„Ja, ich bin es. Ich bin's doch, Ran…", flüsterte Conan. Er merkte langsam, wie sich in seinem Hals etwas anbahnte.
Immer weiter…
(Die Umrisse der Lichter… ihre kurzen Haare…)
„Ran, ich…"
Der Schmerz in seinem Hals wurde schlimmer.
Unaufhaltsam… nur noch ein Zentimeter…
(„Sag mal, habe ich da was im Gesicht?")
Er war kein kleines Kind mehr. Er war ein Oberschüler. Ein Oberschüler mit einer Kindheitsfreundin. Er wollte sich beweisen. Beweisen, dass er mehr war als das. Mehr, als nur ein Kleinkind.
Conan merkte, wie ihm die Tränen in die Augen kamen. Seine Stimme stockte… das alles erlebte er zum ersten Mal.
(„Ohne dich kann ich mir keine Zukunft vorstellen…")
„Ich bin's doch, Shinichi…"
Er war nicht Conan. Conan war nur ein Name, den er sich damals ausgedacht hatte. Eine andere Identität. Egal wie er aussah, tief im Inneren war er immer noch Shinichi Kudo!
(Ein trübes Lächeln… der blasse Neid…)
Er konnte ihre Oberlippe schon spüren.
„Du kommst… auf jeden Fall… zurück…, versprochen.", murmelte sie im Schlaf.
Conan blieb stehen. Er rührte sich nicht vom Fleck. Seine Tränen liefen schon seine beiden Wangen hinunter und seine Halsschmerzen ließen es nicht zu, dass er sich ihr weiter näherte. Conan zog sich langsam wieder auf seine Seite zurück.
Nein, sie hatte Recht… er kam immer zurück. Egal wann und wo sie auch war, er würde sie finden. Doch warum… warum war sie es die ihn aufgehalten hatte? Conan verstand gar nichts mehr. Sein Kopf war voll von verschiedenen Gefühlen, die für ihn nicht einmal einen Sinn ergaben. Er wischte sich die Augen an seinem Ärmel ab, so wie Ran es zuvor mit ihrem Arm getan hatte.
Er war nicht Conan und das wusste er…
Warum dann kam ihm der Name so… nah vor? Wer war er wirklich?
Er blickte eine Weile auf ihr schlafendes Gesicht, nur um sie noch einmal anzusehen. Er schämte sich, so eine Aktion beinahe wirklich durchgezogen zu haben.
„Das wird mir zu viel.", murmelte Conan und drehte sich auf die andere Seite. Sich jetzt darüber Gedanken zu machen, wäre nur unnötige Zeitverschwendung.
—
In einer Karaokebar nicht ganz weit von dem Ichigo Anwesen entfernt stand vor der Kasse ein Mann mittleren Alters. Er arbeitete hier schon lange in diesem Gastronomiegeschäft und hat seit ungefähr 6 Jahren gute Arbeit geleistet, jedenfalls behauptete er das von sich selbst. Dieser stattliche Mann war keineswegs ein Angeber, nein. Er hatte seither immer gemischte Rückmeldung bekommen und sonst machte er sich im Geschäft gut. Die Getränke waren frisch importiert und das Essen war erste Klasse. Sonst lief alles gut bei ihm…
Jedenfalls dachte er das.
„Was soll das hier für ein Service sein, häh?", sagte ein Kunde, der nicht ganz so fröhlich aussah, wie er es gerne gesehen hätte. Neben ihm standen noch zwei Frauen und drei Männer. Und die sahen auch nicht gerade glücklich aus.
„I-Ich bitte Sie, beruhigen Sie sich.", bat der Angestellte.
„Nein, verdammt noch mal, das tu ich nicht! Wir haben die Scheiße hier reserviert, damit wir in Ruhe Karaoke singen können, nicht dass hier lauter Trunkenbolde ihren Mist hier treiben können."
Er hatte Recht, denn am Ende des Ganges, wo sich die Karaokezimmer befanden, ertönte ein Lärm von unerträglichen Ausmaßen, gefolgt vom Gegröle bis hin zum Rumgeheule. Jetzt gerade kam schallendes Gelächter von der Kabine. Das alles konnte man sogar bis zum Tresen hören. Und dabei haben sie erst gestern neue schalldichte Wände und Türen angebracht.
„Das tut mir schrecklich leid, a-aber diese Männer haben diesen Raum schon vorher reserviert un-"
„Ist mir Scheißegal! Ich will, dass Sie diese Penner verdammt noch Mal von hier rausschmeißen!", sagte die Frau neben ihm. Die war ja auch nicht von der freundlichen Sorte, dachte der Angestellte.
„Ich ka-kann ihnen ja bescheid sagen, dass sie leiser sein sollen, aber mehr kann ich dafür nicht tun, geehrter Kunde.", bat er. Der Mann vor ihm sah in erst einmal wütend an, dann wandte er sich zu seiner Begleitung um, die ihm zustimmend zunickte.
„Also gut, ich gebe Ihnen fünf Minuten, wenn die nicht innerhalb der Zeit weg sind, verschwinden wir von hier. Fünf Minuten, nicht mehr und nicht weniger."
„Fünf Minuten, verstanden!", sagte der Angestellte und machte sich so schnell er konnte auf dem Weg zu der Tür, wo sich der Ursprung des Lärms befand.
Er machte die Tür einen Spalt breit und sah zwei Männer auf dem Sofa sitzen, die im schallendem Gelächter ein Lied nach dem anderen trällerten. Oh Gott und strunzbesoffen sind die auch noch, verdammt noch eins.
„…oh, Sie hätten wirklich sein Gesicht sehen müssen! Der Vollidiot hat sich ernsthaft gedacht, er müsste sich mit Olivenöl einreiben! Hahahaha…", rief der eine Mann, während er sich eine Kanne Bier vor die Latte kippte.
„Und was hat er danach gesagt?", rief der andere Mann, der angespannt auf die Pointe der Geschichte wartete.
„Einen bisschen mehr Sake für Tisch Drei bitte?", rief der erste und beide lachten sich wie irre die Ärsche ab.
Moment mal, einer der Männer kam ihm doch bekannt vor. Nein, das konnte nicht sein, oder? War das nicht Fumiyoka Ichigo, von dem Anwesen auf dem Hügel dort oben? Der Fumiyoka Ichigo, Sohn von Yuzaki Ichigo und Uzume Ichigo, Leiter des Ichigo Konzerns höchstpersönlich! Einfach unglaublich!
Der Mann rieb sich die Augen, denn er konnte kaum fassen, wer direkt neben ihm saß.
„Wirklich unglaublich was Sie mir da erzählen, Herr Mori, hahahaha! Selten so gelacht!", sagte Fumiyoka und klatschte dem anderen Mann auf die Schulter.
Herr Mori? Warte mal, der Mori? Der schlafende Kogoro hier bei ihm in der Karaokebar? Doch, dieses Gesicht kam ihm nur zu bekannt vor! Es war der legendäre Kogoro Mori!
„Na los, wird's bald? Ich und meine Begleitung werden schon ungeduldig!", kam es von hinten.
„Ich mach ja schon!", rief ihm der Angestellte zu.
„Ja, beeilen Sie sich, verdammt noch mal!"
Und wenn schon… jetzt hieß es handeln, sonst müsste er klare Konsequenzen mit sich ziehen. Er machte die Tür auf und betrat den Raum. Die zwei Trunkenbolde hörten aprupt auf und hatten ihre ganze Aufmerksamkeit auf den Angestellten, der jetzt vor ihnen stand.
„Würden Sie bitte ihre Lautstärke ein wenig Runterkurbeln? Einige Leute wollen hier normal und ungestört singen können. Deswegen bitte ich Sie auch Rücksicht auf andere Kunden hier zu nehmen, ja? Wäre das möglich?", sagte er und verbeugte sich höflichst. Naja, auch Besoffene haben ein Herz, oder?
Die beiden Männer sahen sich zuerst gegenseitig an, dann nickten sie sich zu.
„Ich denke Sie haben Recht.", antwortete Kogoro Mori.
„Denke ich auch.", stimmte ihm Fumiyoka Ichigo zu. Beide versuchten immer noch ihr Gekicher zu unterdrücken.
Na also, geht doch.
„Dann seien Sie bitte in Zukunft ruh-"
„Das Recht, die Flatter zu machen! Hahahahaha…", rief Kogoro und beide fingen an noch lauter zu lachen als zuvor.
Der Angestellte starrte die beiden Idioten verwundert an, bis er zur Theke hinüber sah, wo der Mann zusammen mit seiner Begleitung kopfschüttelnd den Laden verließ. Jetzt brachte das Betteln auch nichts mehr. Er verließ den Raum und ließ die zwei Vollpfosten zurück.
„Hey, Fumiyoka. Glaubst du nicht auch, dass wir uns bei ihm entschuldigen sollten?"
„Keine Ahnung, bin grade zu müde, um darüber nachzudenken."
„Gott, diese Kopfschmerzen…", murmelte Kogoro eine Weile später, während Fumiyoka ihn auf seiner Schulter tragend die Karaokebar verließ.
„War heute etwas zu viel, nicht?"
„Red keinen Blödsinn, wir haben doch gerade angefangen, die Nacht ist noch jung!", rief er so laut wie er nur konnte und zog damit die Blicke der vorbeigehenden Passanten auf sich. Es war eindeutig klar, wer von den beiden am Meisten getrunken hatte.
„Shhhh… nicht so laut, Herr Mori. Wir werden eh jetzt schon wie Idioten angestarrt.", antwortete Fumiyoka und hievte ihn auf den Beifahrersitz. Er selbst setzte sich vor das Steuer und schaltete die Zündung und damit den Motor ein.
„Fumiyoka, weißt du wie spät es schon ist?", antwortete Kogoro, immer noch benebelt.
„Lassen Sie mich mal nachschauen… Es ist 23:03 Uhr, also bald Mitternacht. Wir brauchen nur ungefähr 15 Minuten bis wir beim Anwesen ankommen, also werden wir vor Mitternacht da sein.", sagte Fumiyoka und drückte auf das Gaspedal. Beide fuhren wieder zurück zum Anwesen.
„Fumiyoka… darf ich Ihnen eine Frage stellen?", gab der immer noch Besoffene Kogoro zu Wort.
„Klar, schießen Sie los."
„Wie ist euer Verhältnis gegenüber Ihnen und ihrer Schwester Natsume? Ihr Vater hat mir einiges von ihr erzählt."
Fumiyoka's Gesichtsausdruck wurde ernst. Er konzentrierte sich immer noch auf das Fahren.
„Dann wissen Sie auch ganz bestimmt von… Sie wissen schon was ich meine."
„Ja, in der Tat, das tue ich. Können Sie mir bitte die Frage beantworten?"
„Natürlich, jetzt wo Sie sowieso schon informiert sind. Als ich vor einigen Jahren meine Stiefschwester kennengelernt hatte, war sie… wie soll ich sagen… sie war blass."
„Blass? Was meinen Sie mit Blass?"
„Blass, im Sinne von… Leer. Als wäre ihr Körper nichts als nur eine Hülle seiner Selbst. Sie hatte keine Lust auf irgendetwas, sie war komplett emotionslos. Und sie war körperlich schwach, so als hätte sie tagelang nichts gegessen oder getrunken. Irgendetwas musste sie so sehr aus der Bahn geworfen haben, dass sie nicht mehr normale Nahrung zu sich nehmen konnte."
„Sie meinen wohl etwas wie eine traumatische Erfahrung, oder eine Fehlfunktion in ihrer Psyche, beziehungsweise ihrer psychischen Verfassung."
„Hah, Fehlfunktion… reden wir hier von einem Roboter, oder was?"
„Sie wissen ja was ich meine…", verteidigte sich Kogoro und winkte ab.
„Natürlich tu ich das. Jedenfalls war ich dabei, als wir uns damals ihre Akten ansahen und wir über den tragischen Tod ihrer Eltern erfahren haben und da fiel mir etwas auf. Die Fotos, die uns über ihr im Waisenhaus gezeigt wurden, blieben unverändert. Das heißt, sie hatte die gesamte Zeit über denselben leeren Gesichtsausdruck gehabt. In der Akte stand auch, dass ihre Betreuer sie als 'Kind ohne Verstand' eingeschätzt hatten."
„Was? Das ist doch einfach nur unverschämtes Verhalten! Diskriminierung!", rief Kogoro plötzlich und schwang seine Faust durch das Auto.
„Jetzt beruhigen Sie sich doch bitte, Herr Mori. Ich bin ja auch noch nicht fertig."
„Ach so, dann fahren Sie bitte fort."
„Also gut, die Betreuer hatten und das ist jetzt mein voller Ernst…, wirklich Angst vor ihr. Sie hatten Angst vor ihr. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, was da hinter den Kulissen vorging, aber ich war mir sicher, sie wurde von jedem Betreuer wie Nichtexistent behandelt."
Sie kamen an eine Ampel und Fumiyoka schaltete den Blinker nach rechts ein.
„Kurz gesagt, sie wurde ignoriert und wie Luft behandelt. Die einzige, die mit ihr etwas zu tun haben wollte, war die Tante meiner Mutter. Sie kümmerte sich all die Jahre um sie und gab ihr die bestmögliche Behandlung. Doch auch sie konnte irgendwann nicht mehr mithalten und sprach deswegen mit meiner Mutter darüber. Den Rest kennen Sie ja bereits."
Die Ampel schaltete auf Grün und Fumiyoka fuhr weiter.
„Beim ersten Tag wo sie bei uns war, hatte ich das Gefühl ich würde mit einer Puppe reden. Eine Puppe, die keinen Schmerz spürte, eine Puppe die keine Füllung hatte… jedoch gaben wir nicht auf und versuchten ihre Hülle Tag für Tag zu durchbrechen."
„Und was haben Sie dafür getan?"
„Alles mögliche… wir haben viele Dinge ausprobiert. Fußball, Tennis, Angeln, Musik. Im Winter jedoch, taten wir gar nichts von dem."
„Wieso im Winter?"
„Sie hatte im Winter Geburtstag gehabt und jeden Tag hatte ich immer mehr das Gefühl, dass sie selbst versuchte aus ihrer Hülle herauszukommen. Also probierte ich es mit ihr einmal aus einen Schneemann zu bauen und plötzlich war sie wie ausgewechselt. Ich war komplett verblüfft."
„Unglaublich."
„Und das sagen Sie zurecht, Herr Mori. Ich darf Sie doch Kogoro nennen, oder…?"
„Nennen Sie mich ruhig Kogoro. Mir macht es nichts aus."
„Jedenfalls… Was mich an ihr am meisten überrascht hatte, war ihre herausragende Intelligenz. Mit neun Jahren zum Beispiel konnte sie schon acht verschiedene Sprachen."
„Acht Sprachen?! Geht das, bei so einem Alter?", antwortete Kogoro überrascht.
„Und sie hat sie sich alle selbst beigebracht. Ohne Witz… sie konnte sie alle fließend. Und nicht nur das…"
„Was jetzt, noch was?"
„Natürlich… sie lernte das Periodensystem auswendig und kannte sich bestens in Physik aus und das alles in einer Woche. Die gesamte Familie war überrascht von ihren Fähigkeiten. Doch leider hatte das ganze auch einen Nachteil."
„Einen Nachteil?"
Fumiyoka zögerte, bevor er antwortete.
„Je mehr sie uns mit ihrem Lernfähigkeiten und Wissen überraschte, desto mehr fühlte es sich an, als würde man mit einer lebendigen Bombe spielen würde, die einen jederzeit umbringen könnte. Ich rede von einer Rachsucht, Kogoro."
„W-Wie?"
Kogoro blickte auf sein Gesicht, das eine in ihm langsam anbahnende Mischung aus Wut und Angst zeigte. Anscheinend war ihm die Situation wichtiger als je zuvor.
„So wie ich es mir vorstellen kann, würde sie sich an den Mördern ihrer Eltern rächen wollen, um sie zu enttarnen und der Welt zu zeigen, wie schrecklich ihre Taten waren. Jedenfalls kann ich mir das denken, nach allem, was ihr an jenem Tag widerfahren ist."
„Aber Gerechtigkeit ist doch etwas Gutes, oder?"
„Über welche Art von Gerechtigkeit sprechen wir denn eigentlich? Das hier ist keine Gerechtigkeit, die man in jedem Superhelden Film zu sehen bekommt. Eine Rachsucht ist etwas, wie soll ich sagen… eine Art der Zufriedenstellung, verstehen Sie? Etwas was jemandem zu einem wahrhaftigen Monster macht. Etwas, das vor nichts halt macht…, auch nicht vor Mord."
Kogoro merkte, wie seine Hand am Steuer zitterte.
„Aber sonst… geht's ihr eigentlich gut.", antwortete Fumiyoka und war plötzlich wieder gut gelaunt. Kogoro sah ihn für ein paar Sekunden lang verwirrt an, dann bemerkte er plötzlich etwas aus dem Augenwinkel. Er reagierte schnell.
„Jetzt hören Sie auf mit den Späßen und konzentrieren sich lieber auf die Straße. Sehen Sie, da kommt uns ein Auto entgegen, Sie Idiot!"
„Aaaah, verdammt!", schrie Fumiyoka und konnte das Auto gerade noch rechtzeitig in die sichere Spur bringen, um dem entgegenkommenden Auto auszuweichen.
„Ich sagte Ihnen doch, konzentrieren Sie sich verdammt noch Mal auf die Straße!"
„Es tut mir leid, Herr Mori!"
„Allein das entschuldigt gar nichts, dass mir das ganze Bier vom Karaoke zum Hals rauskommt!"
…auch nicht vor Mord.
Als die beiden am Parkplatz ankamen, Fumiyoka das Auto parkte und Kogoro beim Kotzen half, standen sie endlich wieder vor dem Eisengitter.
„Also gut, hat sich ihr Magen endlich beruhigt?", fragte er.
„Alles gut. Tut mir leid, wegen vorhin."
„Kein Problem, immerhin helfen sich Besoffene gegenseitig."
Fumiyoka lachte. Kogoro brachte nur noch ein schwaches Lächeln hervor.
„Nun denn… ich denke, die Torschlüssel müssten noch in meiner Hosentasche sein. Warten Sie kurz, ich mache das Tor auf."
Er suchte nach dem Gitterschlüssel, ohne Erfolg.
„Das kann doch jetzt nicht wahr sein, oder? Dann vielleicht in der Jackentasche…? Nein, auch nichts. Verdammt, wo hab ich das Ding bloß hingetan?"
„Womöglich haben Sie es im Anwesen gelassen, oder?"
Irgendwo, im Anwesen stand jemand im Zweiten Stock und beobachtete die zwei Männer aufmerksam mit einem Fernglas. Sie lächelte und bereitete sich vor zu gehen.
„Könnte sein. Nein… ich habe sie nicht. Hah… Dann müssten die tatsächlich im Anwesen geblieben sein. Na gut, ich kann da jemanden fragen, der um diese Uhrzeit noch im Anwesen ist, ob er uns das Tor aufmacht. Warten Sie mal hier, ja…?"
„Lebe wohl.", sagte sie.
Fumiyoka nahm sein Handy aus der Hosentasche und wählte eine Nummer.
Tränen tropften von ihrer Wange auf den Boden. Dennoch zeigte sich auf ihrem Gesicht ein froher Gesichtsausdruck.
Was sich danach abspielte, war eine Sache von wenigen Sekunden.
„Was zur Hölle war das? Hal-?"
*Biep…*
Ein grelles Licht umhüllte den unteren Teil des Gebäudes und entfachte dort eine Explosion unglaublichen Ausmaßes, die die Erde zum Beben brachte. Das Glas splitterte aus allen Fenstern, die das Anwesen zu bieten hatte. Abgebrannte Holzteile flogen von den Wänden. Das Dach brach in sich zusammen. Das Feuer flog aus dem Haus und landete im Garten, wo es einen weiteren Brand entfachte. Der Lärm war einfach nur Ohrenbetäubend und beide hielten sich die Ohren zu…
Kogoro öffnete leicht die Augen und hielt seine Hand vor ihnen, um nicht von dem grellen Licht zu erblinden. Erst Sekunden später verstand er, was passiert war.
„Fu-Fumiyoka.", stammelte er und wandte sich ihm zu, ungläubig, was gerade passiert war.
Fumiyoka rührte sich nicht, sondern starrte nur auf das Orange-Rote Spektakel, dass sich hinter dem Eisengitter abspielte. Sein Handy hielt er immer noch an seinem rechten Ohr fest, während es durchgehend in seiner Hand piepte. Er selbst sank auf die Knie und konnte nicht fassen, was gerade passiert war. Seine Augen waren weit geöffnet. Dann begann er in all seiner Verzweiflung lauthals zu schreien.
– Kapitel 13 ENDE –
