1. Die vorletzte Schlacht

Mit den Zwillingsschwertern Angruin (Eisenfeuer) und Aeglos (Schneedorn) in den Händen bahnte sich der Elbenkrieger, der all die anderen überragte, seinen Weg über am Boden liegende Leichen von Orks und Elben. Das Kampffieber hat so sehr von ihm Besitz ergriffen, dass er nicht mehr unterscheiden konnte, wessen Körper es waren. Er hatte nur ein Ziel. Er wollte den Anführer der Orks erreichen. Wenn er den Horden den Anführer nahm, konnte man die Orks zerstreuen und sie einen nach dem anderen niedermachen. Seine Seite brannte und er wusste nicht, ob dies von einer Verletzung stammte oder nur von der Anstrengung herrührte. Sein langes silberblondes Haar flog ihm blutverschmiert um seinen Kopf und seine Rüstung war an vielen Stellen zerkratzt und verbeult.

Nah an seinem Ohr flogen die Pfeile seiner eigenen Krieger vorbei. Die Bogenschützen schützten seinen Rücken. Sie waren zu weit entfernt. Er brauchte sie weiter vorn, um die zurückzudrängen, die den Anführer abschirmten.
„Nairiel, hûl! (vor)", rief er aus.

Die Speerträger, die sich nach einem verheerenden Vorstoß der Orks wieder gesammelt hatten, machten einen Ausfallschritt und rammten ihre Schilde vor sich in den Boden und hielten ihre Speere nach vorn, um die Bogenschützen abzuschirmen, die hinter ihnen ihre Position bezogen. Die Schwertkämpfer, die an beiden Flanken gekämpft hatten, versuchten ihrem Aran (König) zu folgen. Sie kamen ihm in seiner unbändigen Wut auf diese dunklen Geschöpfe kaum hinterher. Nur wenige wussten, warum dieses Feuer so glühend heiß in ihm brannte. Wenige hatten die drei Zeitalter Mittelerdes gesehen. Angruin und Aeglos schnitten wie Blitze wild durch seine Feinde, fast als hätten sie ein Eigenleben.

Nairiel war unschlüssig. Sie gab zwar den Befehl ihres Königs weiter, aber sie blickte sich gleichzeitig unsicher nach Gilroval und Galion um, die die Fußtruppen und die Hirschreiter befehligten. Wobei man nach diesem Tag die Fußtruppen kaum noch von den Hirschreitern unterscheiden konnte. Zwischen den Bäumen hatten die Hirschreiter ihren taktischen Vorteil nicht nutzen können, den sie auf einem freien Schlachtfeld gehabt hätten. Viele der Hirsche waren schon beim ersten harten Angriff der wilden Orks gefallen und ihre Reiter hackten sich im wahrsten Sinne des Wortes den Weg durch die nicht endenden Massen der Orks frei.

Für einen Moment hatte sie ihren Aran aus den Augen verloren. Panik ergriff sie. Doch dann entdeckte sie sein helles Haar zwischen den dunklen Orkleibern. Er hatte kurz die Kontrolle verloren, war gestrauchelt und auf ein Knie gesunken, doch in einer fließenden Bewegung hob er die Schwerter und holte schwungvoll damit nach links und rechts aus, während er sich auf dem Knie drehte und den Orks, die sich ihm näherten, weil sie plötzlich ein leichtes Opfer in ihm sahen, die Sehnen in den Kniekehlen durchschnitt.

Als er sich wieder aufrichtete, sah er sich plötzlich einem riesigen Ork gegenüber, der ihm mit einer furchterregenden Keule auf die rechte Schulter schlug. Die schlanke, silberne Klinge Angruins sank herab und der Aran konnte sich gerade noch auf das Schwert stützen und verhinderte damit seinen Fall.

„Aran!", schrie Nairiel. Hektisch und mit sich überschlagender Stimme gab sie den Bogenschützen Befehle, doch gingen diese im Kampflärm fast unter. Sie hob ihren eigenen Bogen und visierte an. Die Entfernung... die Hindernisse. Sie biss sich auf die Lippe. Der Schuss musste sofort sitzen, denn gerade hob der Ork wieder seine Keule und wollte erneut zuschlagen. Der Pfeil verließ mit einem sirrenden Geräusch die Sehne, mit den Augen folgte sie seiner Flugbahn. Mit bebenden Lippen sprach sie fast eine Beschwörungsformel, damit er sein Ziel treffen möge. Und er traf die Hand des riesenhaften Orks. Dies gab ihrem Aran die Gelegenheit das Schwert in seiner linken Hand hochzureißen und den Schlag abzuwehren.

Nairiel atmete erleichtert aus.

„Galion, Gilroval, Aran na-Dhú!" (der König braucht Hilfe), rief sie den beiden Hauptmännern zu.

Der Aran drehte sich zu der Stimme, die er durch den Schlachtenlärm gehört hatte und senkte seinen Kopf kurz in einer dankbaren Geste, als sich ihre Blicke trafen.

Nairiel, die junge Elbenkriegerin, bemerkte dieses wohlwollende Zeichen, doch jetzt hatte sie keine Zeit, sich darüber zu freuen. Von ihrem Erfolg, diesen überraschenden Überfall der Orks abzuwehren, hing so viel ab. So weit waren diese morgothverfluchten Monster noch nie in den Nachtwald eingedrungen. Und auch nicht in diesen Massen.

Ängstlich dachte sie an die wenigen Elbenkinder, die in den letzten tausend Jahren geboren wurden, so wie die Elleth, die nicht kämpften und sich mit diesen Kindern und wenigen anderen in den Hallen verschanzt hatten, während Aran Thranduil Oropherion mit allen verbliebenen Kriegern wild und verzweifelt diese letzte Bastion verteidigte. Einige von diesen Monstern hatten sich doch tatsächlich die Brut Ungoliants als Reittiere herangezogen. Ihr und ihren Bogenschützen war es aber gelungen, viele von ihnen auszuschalten. Feige, wie diese Brut war, hatten sich die restlichen von ihnen schnell in ihre Löcher zurückgezogen.

Ihr Aran kämpfte wie eine entfesselte Naturgewalt. Nairiel war gerade einmal tausendfünfhundert Jahre alt und sie hatte ihren König nie als Krieger gesehen. An der Schlacht der fünf Heere hatte sie nicht teilgenommen. Mitten im Kampfgeschehen hielt sie inne und konnte nicht anders, als zu bewundern, mit wie viel Wut und Geschick er einen nach dem anderen niedermähte.
Kampfgeschrei holte sie zurück in die Gegenwart. Galion erreichte den König und Rücken an Rücken kämpften sie gegen die nicht enden wollende Flut der Orks. Da waren Gundbad-Orks, die von Norden über den Hügel Amon Tawar eingefallen sind. Eine Schwachstelle, die man in all den Jahrhunderten, in denen es den Grenzwachen gelungen war, die Orks auf Abstand zu halten, nicht mehr berücksichtigt hatte. Aber es kamen auch kleine, wendige Orks aus den Ered Mithrin, die sich auf ihre Krieger stürzten wie Rattenabschaum aus den Gossen der Menschenstädte.

Nairiel erkannte, dass Gilroval nicht zu ihrem Rhon (Anführer) durchdringen konnte, weil genau diese rattenhaften Orks sich gerade wie ein Keil zwischen seine Hirschreiter und den versprengten Rest der Schwertkämpfer des Aran trieb.

Sie wusste, dass sie nun eine Chance bekommen konnte, sich zu beweisen.

„Eithron, aphada nin!" (Speerträger, folgt mir!).

Sie warf ihren Bogen fort und ergriff das schlanke Schwert, das dem ihres Aran ähnelte, allein, dass es nicht aus so wertvollem Mithril war und auch nicht so prachtvoll verziert. In der anderen hielt sie einen Faustdolch, eine ungewöhnliche Waffe für eine Elbin aber für sie hatte er sich in unzähligen Übungskämpfen als besonders effektiv erwiesen. Sie konnte mit ihrem Armschutz Angriffe abwehren und gleichzeitig zustechen.

Die Speerkämpfer waren natürlich keine Nahkämpfer, das wusste Nairiel, doch wenn es Gilroval nicht gelang, die Rattenorks zu besiegen und zum Aran durchzudringen... sie mochte gar nicht daran denken. So waren die Speerkämpfer jetzt alles, was ihr zur Verteidigung zur Verfügung stand. Der Kampf wogte schon den ganzen Tag hin und her. Doch sie hatten bereits herbe Verluste erlitten. Sie musste also etwas tun. Sie mussten diesen Tag für sich entscheiden, um sich erneut zu sammeln und Kraft zu schöpfen.

Behende sprang sie durch das Unterholz und führte die Speerkämpfer möglichst schnell und ohne große Auseinandersetzungen um das größte Kampfgeschehen herum, um den Orks, die ihren Aran bedrängten in den Rücken zu fallen.

Sie hatte jedoch den Anführer aus den Augen verloren. Und mit ihrem Vorstoß erreichte sie nun fast das Gegenteil.

Der große Ork fing den von unten geführten Schlag des Elbenkönigs ab. Seine mächtige Hand fasste das Handgelenk des Elben und drehte es so lange bis er das Schwert loslassen musste. Thranduil Oropherion, der Aran der Tawarwaith, unterdrückte den Schmerz und konzentrierte sich auf das Schwert, das er noch immer in der linken Hand hielt. Es war seine schwächere Hand, doch wenn er sein Gewicht auf dem morastigen, rutschigen Boden auf das linke Bein verlagerte und fest genug zustieß...

Genau in diesem Moment verpasste der große Ork dem Aran einen Kopfstoß, dass dieser rückwärts in den Schlamm fiel. Ein heftiger, brennender Schmerz durchfuhr ein weiteres Mal seine linke Seite und das Bild verschwamm vor seinen Augen.

Er blickte zu dem Schwert, dass er fallen gelassen hatte und schätzte ab, wie er herankommen konnte, doch im selben Moment entschied er sich, seinen Körper mit aller Kraft nach links zu werfen, da dieser Ork ihm ansonsten mit seinem Fuß den Kopf zertrümmert hätte. Stattdessen landete der Fuß des Orks auf seinem Umhang und nagelte ihn so am Boden fest. Mit größter Anstrengung gelang es dem Aran sein Schwert Aeglos in die rechte Hand zu bekommen. Doch das Schwert war für seine linke Hand geschmiedet, es war schwieriger, es mit der rechten Hand zu führen. Als der Ork sich gerade siegesgewiss aufrichten wollte, stieß er ihm das Schwert in die Leiste, wobei er die Wucht mit festem Druck seiner linken Hand auf den Knauf noch verstärkte.

Der Ork lachte grausam und höhnisch. Doch dann gefror ihm das widerliche Lachen auf seinem hässlichen Gesicht, als eine ungewöhnliche Klinge ihm von hinten die Kehle durchschnitt.

„Noro mi maw pale teliâdhys!" (Geht in den Dreck aus dem ihr gekommen seid!) zischte die Elbin, die den Schnitt ausgeführt hatte.
Mit einem letzten Grunzen und Gurgeln, als ihm das Blut pulsierend aus der Kehle schoss fiel der Ork zunächst auf die Knie und dann mit dem Gesicht in den Dreck. Thranduil konnte sich noch wegdrehen aber nicht gänzlich verhindern, dass eine Mischung aus Matsch und Blut sein Gesicht traf.

Schneller als Nairiel erwartet hatte und geschmeidig wie eine Raubkatze, war ihr Aran wieder auf den Beinen.

„Bartho, Nairiel!", (Verdammt, Nairiel!) fluchte er mit seiner tiefen, ehrfurchtgebietenden Stimme, doch sie klang rauer als er beabsichtigt hatte. „Ihr habt eure Stellung verlassen!"

Aran Thranduil taumelte. Nairiel war schnell heran und wollte ihn stützen, doch unwirsch stieß er ihre helfende Hand fort. Stattdessen stützte er sich auf eines seiner beiden Schwerter.

Nairiel wich zurück als sie das Feuer in seinen eisblauen Augen sah.

„Ná, Aran, sie ziehen sich zurück. Schaut euch um..."

Nun erreichten auch Gilroval und Galion, der gerade noch von den rattenhaften Orks bedrängt worden war, ihren Aran.

Wie eine zuschlagende Schlange ruckte der Körper des Aran nach vorn und sein Gesicht war ganz nah vor dem Nairiels.
Das Herz schlug ihr bis zum Hals aber sie wagte nicht, auch nur ein Stück zurückzuweichen. Sie war noch nicht lang in seinen direkten Diensten, doch es war das erste Mal, dass der König ihr wirklich Angst machte.

„Darum geht es nicht... ihr habt meinen Befehl missachtet. Nairiel! Die letzte, die das gewagt hat...", bevor er weitersprechen konnte, ergriff Gilroval seinen Arm. Er war einer der wenigen, die sich eine solch vertraute Geste erlauben durften. Diese kurze Berührung schien den König augenblicklich seine Wut vergessen zu lassen.

„Aran, sie ziehen sich wirklich zurück. Wir sollten den Tag als gewonnen ansehen."

Thranduil blickte sich um. Viele der Krieger lagen beschmutzt und mit verdrehten und zertrümmerten Gliedmaßen tot im Schlamm. Edel und nahezu unbezwingbar im Leben und doch bezwungen und aller Würde beraubt im Tod. Nairiel beobachtete ihren Aran aufmerksam. Sein Gesicht war wie eine Maske und dennoch glaubte sie, ein verräterisches Glänzen in seinen Augen zu sehen.

„Arad thaur, nauthach Gilroval?" (Das war ein furchtbarer Tag, begreifst du das Gilroval?), zischte der Aran und wandte sich ab.
Der Angesprochene senkte betroffen seinen Kopf. Als einer der engsten Vertrauten des Aran kannte er die widerstreitenden Gefühle, die seinen Aran umtrieben. Schon vor vielen Jahren hatte dieser sich geschworen, nie wieder in die Belange der Menschen einzugreifen. Doch alle Umstehenden wussten, dass der Ereinion (Königssohn) irgendwo dort draußen mit Menschen, Zwergen und den Elben aus Laurelindorinan (Lothloríen) und Imladris (Bruchtal) kämpfte.
Im übrigen war der Überfall der Orks trotz der Ereignisse von denen man selbst im Düsterwald gehört hatte, unerwartet gekommen und die Entscheidung zu kämpfen, sich zu verteidigen war den Tawarwaith so abgenommen worden.

Der Aran hob mit einer ruckartigen Bewegung seine Hand und wies in die Richtung, in der sich die Hallen befanden. Er signalisierte seinen Hauptleuten damit, dass sie endgültig den Rückzug einleiten sollten.

Nairiel bemerkte überrascht, dass seine Hand zitterte und sie glaubte nicht, dass dies noch von der Erschöpfung des Kampfes herrührte.

Nachdem Nairiel in die Hallen zurückgekehrt war, teilte sie zunächst die Nachtwachen ein. Das war nicht leicht, denn es waren nahezu alle verbliebenden Krieger in der Schlacht eingesetzt worden und sie waren alle erschöpft und müde und brauchten dringend Ruhe. Viele von den Kriegern waren noch verhältnismäßig jung und besaßen noch nicht die für Elben typische Ausdauer ihrer Hauptmänner. Sie musste die Zeiten für die Wachen verkürzen. Ihre Hoffnung war, dass es zumindest in der Nacht keine weiteren unangenehmen Überraschungen geben würde. Doch ihre Angreifer waren diese Rattenorks aus den Ered Mithrin. Sie konnte nichts davon abhalten, die Hallen des Waldlandreiches mitten in der Nacht anzugreifen. Es war ihre Aufgabe, also hatte sie dafür zu sorgen, dass die Grenzen gut verteidigt waren.

Erst danach suchte sie selbst die Heiler auf, die sie eingehend untersuchten und die kleinen Schnitte und Prellungen, die sie erlitten hatte, versorgten. Viele der Krieger warteten hier geduldig auf eine Behandlung. Überall konnte sie die Schmerzenslaute ihrer Gefährten hören. Fast schien es, als hätten sie nicht genug Heiler an diesem Tag. Nestadir, ihr höchster Heiler, eilte von einem Patienten zum anderen, an anderer Stelle unterwies er seine Lehrlinge, was sie tun sollten. Aber er war nun einmal Nestadir und nicht Elrond ó Imladris. Mitten in dem Durcheinander blieb er stehen und schlug die Hände müde und verzweifelt vor sein Gesicht. Wie verloren der Mann aussah, bei dem sie die ersten Jahre ihres Lebens als erwachsene Elbin verbracht hatte.

„Ich kann helfen Nestadir, sag mir was ich tun soll", bot sie an und legte ihm vorsichtig eine Hand auf die Schulter. Eine eher unübliche Geste unter den Sindar, bei den Silvan kam sie aber durchaus vor. Nairiel war beides und deshalb hielt sie es nun für angebracht und notwendig.

„Nairiel, du bist wirklich eine willkommene Unterstützung. Viele von meinen jungen Lehrlingen wissen nicht so viel, wie du einst bei mir gelernt hast. Ich hoffe du erinnerst dich noch."

Nestadirs braune Augen sahen so müde aus, wie es bei einem Elben nur ging und ein Gefühl tiefen Mitleids durchfuhr Nairiel.
Nestadir war ein sehr alter Elb. Er hatte bereits zu Beginn des ersten Zeitalters gelebt und man sagte, er sei zugegen gewesen, als der jetzige Aran zur Welt gekommen war.

„Aber ja, hir nin (mein Herr), wie könnte ich jemals vergessen, was ihr mir beibrachtet?"

Ein sanftes Lächeln stahl sich in das Gesicht des weisen Elben.

„Dann kann ich nun endlich nach unserem Aran sehen", flüsterte er erleichtert.

Nairiel war entsetzt. Sie neigte sich etwas näher zu ihrem alten Lehrmeister, damit niemand etwas von ihrem Gespräch mitbekam.

„Ist er denn verletzt?"

Es wäre eine Tragödie und ganz schlecht für die Moral, wenn sich herumspräche, dass ihr Aran nicht mehr kämpfen könnte.

„Das ist er, so sagte es Galion mir, sobald sie zurück waren. Doch er erlaubt mir nicht, nach ihm zu sehen. Daher weiß ich noch nicht, ob es schlimm steht."

Nairiel verzog ihr Gesicht zu einer Grimasse, die völliges Unverständnis ausdrückte.

„Ho na pen darlanc!" (Er ist eine starrköpfige Person)

„Sedho!" (Seid still!) fuhr sie eine Elbin an, die unbemerkt hinter sie getreten war. „Sprecht nicht so über unseren Aran, wenn ihr nichts von dem versteht, was ihn antreibt."

Die Elbin, die so nachdrücklich gesprochen hatte, hatte kurzes, rotes Haar. Ein Zeichen von Trauer bei manchen Eldar. Hätte sie es lang getragen, würde man sie durchaus als Schönheit bezeichnen können, obwohl sowohl die Frabe ihres Haares als auch ihre Augenfarbe sie als Angehörige der Silvan auszeichnete.

„Und wer seid ihr, dass ihr mir das Wort verbietet und mich über unseren Aran belehren wollt", verlangte Nairiel zu wissen.

Nun war es an Nestadir, ihr eine Hand beschwichtigend auf die Schulter zu legen. Er blickte zwischen den beiden Elleth (Elbenfrauen) hin und her und erklärte dann in ruhigem Ton:

„Nairiel, das ist Tauriel, deine Vorgängerin als Hauptmann der Grenzwachen."

Nairiels Augen wurden groß und sie nahm Haltung an. Sie hatte von der Elleth gehört, die mit dem Ereinion in der Schlacht der fünf Heere gekämpft hatte. Sie war von ihrem Aran erst verbannt und dann wieder in seine Hallen aufgenommen worden. Doch seitdem hatte sie kaum jemand gesehen, noch hatte jemand gewusst, was sie in der Zeit nach dieser Schlacht gemacht hatte. Aber es musste zwischen ihr und dem Aran etwas von Bedeutung vorgefallen sein, denn man wusste, wenn er jemanden aus seinem Reich verbannte, dann gab es für gewöhnlich kein Zurück mehr für ihn.

„Ich gebe euch den guten Rat, als eure Vorgängerin: Seht den Aran wohlwollender an. Wenn ihr ihm gut dienen wollt, dann tut, was er sagt. Er befiehlt nichts ohne Grund und er ist euch auch keine Rechenschaft schuldig. Stellt ihn nicht in Frage, sondern beobachtet ihn gut und hört ihm zu, wenn er spricht. Einen besseren Aran als ihn können wir nicht haben." Sie trat noch näher an Nairiel heran und in ihrer Stimme schwang ein warnender Unterton mit, als sie fortfuhr. „Gebt gut auf ihn Acht, lasst nicht zu, dass ihm etwas geschieht."

Dann wandte sie sich an Nestadir.

„Bleibt hier und kümmert euch um die Verletzten. Ich werde selbst nach dem Aran sehen."

Nestadir verbeugte sich leicht vor der Silvan aber nur so weit, wie es der deutliche Standesunterschied zwischen den beiden zuließ. Doch, dass er es tat, konnte nur bedeuten, dass diese Elleth ein gewisses Ansehen bei dem König besaß.

Als sie die Hallen der Heiler verließ, schaute Nairiel der Elleth nachdenklich hinterher. Da war ein Rätsel und so etwas hatte ihr seit ihrer Zeit, als sie noch ein Elbling war, noch nie Ruhe gelassen. Sie fühlte sich herausgefordert, dieses Rätsel zu lösen. Gleichzeitig spürte sie ein Stich in ihrer Herzgegend. Obwohl diese Elleth jünger war als sie und obwohl sie sich aufgrund ihres Sindarblutes eigentlich überlegen fühlte, beschlich sie plötzlich das Gefühl, dass sie ihrer Aufgabe vielleicht nicht gerecht werden könnte. Wie konnte sie ihre Aufgabe richtig erfüllen, wenn der Aran ihr nicht vertraute?