Kapitel 2 – Spinner's End
Kalter Nebel hing in der Luft, als ich mich per Fahrrad auf den Weg zu einer alten Schulfreundin machte. Marietta hatte keine Ahnung, dass ich der Zauberkunst mächtig war. Ihr wurde gesagt, ich habe die Grammar School in der nächsten Stadt verlassen, um auf ein Privatinternat in Schottland zu gehen, in dem ich besonders gefördert wurde. Als ich ihr damals davon berichtet hatte, hatte ich Angst gehabt, dass Marietta mir nicht glauben würde, dass sie irgendwie Hogwarts erraten würde und ich noch vor meinem ersten Schultag dort rausfliegen würde. Aber nichts dergleichen war geschehen – Natürlich nicht, lachte ich heute. Ganz im Gegenteil: Sie hatte sich unglaublich für mich gefreut.
„Da gehörst du auch hin, so klug, wie du immer bist", hatte sie gesagt und mich umarmt. Und dies war mit einer der Gründe, warum wir zwei uns seither nicht aus den Augen verloren hatten. In Hogsmeade gab es eine Post für den Verkehr mit Muggel. Dort hatte ich eine Postfachnummer, an die Marietta schrieb. Das Postamt schickte mir dann den Brief via Eule hoch ins Schloss. Andersherum funktionierte es genauso: Ich adressierte à la Muggelart den Brief an Marietta, schickte ihn per Eule an das Muggelpostamt in Hogsmeade, und dieses klebte dann eine ganz gewöhnliche Briefmarke darauf und schickte den Brief im nächsten Muggelort ab. So konnten Zauberer und Muggel auch miteinander kommunizieren, ohne etwas über sich preisgeben zu müssen – denn die meisten Muggel würden wohl sehr verwundert sein, wenn ihnen plötzlich eine Eule einen Brief geben würde, nicht wahr?
Ich überquerte nun einen dreckigen Fluss, an dessen Ufer sich allerhand Müll ansammelte. Nein, Marietta wohnte in keiner schönen Gegend, aber dafür konnte sie nichts. Ihre Eltern hatten nie Glück gehabt, eine feste Arbeit zu finden – sie hechteten sich von einem Nebenjob zum nächsten, um über Wasser bleiben zu können. Da war ich doch sehr froh, dass meine Eltern Zahnärzte geworden waren und sich vier Orte weiter ein schönes Haus für uns drei hatten leisten können…
Weiter radelte ich auf einer schmalen Pflasterstraße vorbei an eingestürzten Häusern. Ich kannte den Weg, da wir uns immer einmal in den Sommerferien bei Marietta oder einmal bei mir Zuhause trafen.
Als ich in die Straße namens Spinner's End einbog, sah ich schon den großen Schornstein der örtlichen Fabrik, die während der Industrialisierung all diese Häuser für die Arbeiter hatte errichten lassen, und die nach ihrer Schließung Mariettas Eltern hatte arbeitslos werden lassen.
Es war recht dunkel und da die meisten Häuser verlassen waren und einige Straßenlaternen kaputt, strahlte das eine Licht, das aus einem der Häuser auf die Straße glitt schon von Weitem. Als ich näher heranfuhr, sah ich, dass es nur deshalb so hell leuchtete, da der Bewohner des Hauses gerade seinen Besuch hereinbat und daher die Tür weit aufstand.
Ich fuhr gemütlich weiter und schaute nur einmal kurz zu der Tür, als ich an ihr vorbeiradelte – doch dann machte ich eine Vollbremsung und sah mich um. Die Tür war gerade im Zufallen, aber der kurze Moment, den ich noch hatte, um in den Flur zu sehen, hatte gereicht, um den Bewohner des Hauses zu erkennen: Es war Snape.
Ich schüttelte mit dem Kopf. Snape sollte hier wohnen? Hier? Nein, das konnte nicht sein… Aber dennoch: Ich war mir hundertprozentig sicher, dass er es gewesen war – ihn würde ich immer erkennen mit dieser markanten Nase und diesen langen, schwarzen Haaren.
Wen er wohl gerade zu Besuch hat?, fragte ich mich, als ich weiterfuhr. Ich konnte mir Snape nicht als allzu geselligen Menschen vorstellen. Bei der Idee, er könne seinem Besuch Tee und Kuchen anbieten, musste ich laut lachen.
„Hermine!", schrie Marietta begeistert, als sie mir die Tür aufmachte und mich umarmte. „Ach, es ist so schön, dich zu sehen. Sag, wie geht es dir? Macht dir die Schule noch Spaß? Also ich habe ja echt keine Lust mehr auf den ganzen Kram…"
„Marietta – lass deinen Gast doch erst einmal eintreten", sagte eine ältere Dame, die hinter Marietta aufgetaucht war. „Hallo, Hermine." Sie gab mir die Hand.
„Hallo, Mrs Miller", grüßte ich Mariettas Großmutter freundlich, die zusammen mit Marietta und ihren Eltern in dem Haus lebte. Eigentlich war es sogar ihr Haus, hatte Marietta einmal erzählt, aber sie hatte Marietta und ihre Eltern mitaufgenommen, nachdem sie sich ihre eigene Wohnung in der Nähe nicht mehr so gut leisten konnten.
Eine halbe Stunde konnten Marietta und ich uns gegenseitig alles über die letzte Zeit erzählen, dass nicht mehr in einen Brief gepasst hatte, dann rief uns ihre Oma zu Tee und Kuchen nach unten ins Wohnzimmer.
Mariettas Großmutter setzte sich zu uns; die Eltern waren anscheinend arbeiten.
Als ich einen Schluck Tee trank, fiel mir wieder Snape ein und ich musste lächeln. „Ach, Marietta, kennst du eigentlich den Herren, der in Spinner's End 56 wohnt?"
„Wie kommst du denn darauf?", fragte Marietta verwundert.
„Ich glaube, ich kenne ihn."
„Nö, ist mir nicht bekannt. Omi? Weißt du, wer da wohnt?"
„56, 56", überlegte die alte Dame. „Ach, natürlich. Das ist das Haus der Snapes. Jetzt wohnt natürlich nur noch der kleine Severus darin, nachdem seine Mutter seinen Vater ermordet hat."
Ich verschluckte mich an meinem Tee. Mit großen Augen sah ich Mariettas Großmutter an. „Wie bitte?!"
„Ja", versicherte sie und kam nun ganz ins Erzählen. „Weißt du, schon beim Einzug von Eileen und Tobias Snape konnte man merken, dass da irgendetwas nicht stimmte. Ich kann nicht genau sagen, was, aber irgendetwas war merkwürdig an dieser Frau. Ich glaube, sie war sogar ein wenig verrückt. Einmal beim Einkaufen ist ihr ein Holzstab aus der Tasche gefallen. Ich hab ihn ihr aufgehoben und sie hat mich völlig entsetzt angesehen. Vermutlich war es ihr peinlich – wer spielt auch mit dreißig noch Hexe…"
Ich lächelte gezwungen – ja, wer spielte denn in dem Alter noch Hexe... Es war wohl richtig von mir gewesen, Marietta damals nicht einzuweihen. Aber ich verstand etwas, was die anderen nicht einmal ahnen konnten: Anscheinend war Snapes Mutter wirklich eine Hexe gewesen.
„Jedenfalls bemerkte wohl auch Tobias Snape, was für eine seltsame Frau er geheiratet hatte", fuhr Mariettas Großmutter fort und ich erkannte, dass Snapes Vater jedoch anscheinend ein Muggel gewesen war. „Sie haben oft gestritten deswegen. Dauernd hörte man Gebrüll und Glas splittern."
Der offensichtlich damit nicht klar kam, dass seine Frau eine Hexe war…, dachte ich nur verbittert.
Die alte Dame erzählte weiter. „Das Ganze wurde noch schlimmer, als der kleine Severus geboren wurde. Je älter der Junge wurde, desto öfter schienen sich seine Eltern zu streiten. Nun kamen sogar Handgreiflichkeiten hinzu. Immer öfter konnten man sowohl an der Mutter, als auch an dem Sohn blaue Flecken und andere Schrammen entdecken…"
„Das ist ja furchtbar!", entfuhr es mir.
„Ja, das war es auch", bestätigte Mrs Miller. „Einige von uns versuchten damals, mit Tobias zu reden, dass er mit dem Unsinn aufhören sollte, doch er blockte völlig ab. Dann versuchten wir, mit Eileen zu reden, ob sie mit Severus nicht wegziehen wollen würde, in ein Frauenhaus gehen würde oder so. Sie dachte darüber auch nach, doch nichts passierte. Und dann irgendwann geschah die grauenvolle Tat. Es war im Sommer, Severus müsste… ja, doch… 12 Jahre alt gewesen sein. Ich selbst war nicht dabei, aber die Nachbarin hat später berichtet, dass es erst unglaublich viel Lärm gab, dann plötzlich ein komisches, hellgrünes Leuchten – und dann nur noch Stille. Da ihr das unheimlich war, hat sie sofort die Polizei alarmiert. Die ist dann auch sogleich gekommen, hat die Tür aufgebrochen und dann den toten Tobias herausgebracht! Aber dann geschah das Allermerkwürdigste! Eileen und der kleine Severus waren verschwunden! Die Nachbarin hatte später ausgesagt, dass sie die beiden nicht hat weggehen sehen, obwohl sie die ganze Zeit raus auf die Straße geblickt hatte, weil sie ja auf die Polizei gewartet hatte. Und dann kamen auch noch seltsame Gestalten zu dem Schauplatz, nachdem die Polizei wieder gefahren war. Komische Leute mit Umhängen. Die verschwanden aber zum Glück bald wieder. Einige Zeit später fand man dann heraus, dass Eileen ihren Mann ermordet hatte. Dafür hat man sie für immer in ein besonderes Gefängnis weit weg von hier gesperrt. Das war alles wirklich mehr als merkwürdig…"
Ich nickte nur, denn was Mrs Miller als äußerst merkwürdig empfand, war mir sonnenklar: Snapes Eltern mussten so sehr wegen der Zauberei gestritten haben, dass Eileen ihren Mann kurzerhand mit einem Avada Kedavra ermordet haben musste, bevor sie mit ihrem Sohn disapparierte. Die Auroren, die daraufhin hinzukamen, konnten sie schnappen und nach Askaban bringen…
„Was aber aus dem kleinen Severus geworden war, wusste niemand", fuhr Mariettas Großmutter fort und ich wurde wieder ganz Ohr. „Vor zehn Jahren ungefähr kreuzte er dann wieder auf. Der ist ganz schön groß geworden, ich hab mich echt erschrocken. Jedenfalls wollte ich ihn zu uns einladen – er tat mir irgendwie leid – aber er hat mir einfach die Tür vor der Nase zugeschlagen, ohne ein Wort zu sagen. Wirklich unfreundlich! Aber bei der Geschichte ist das ja kein Wunder, dass er so abweisend geworden ist. Wer keine Liebe empfängt, kann sie auch nicht weitergeben, sag ich immer."
Darüber dachte ich nach. Es würde alles erklären: seine Unfreundlichkeit, sein Menschenhass, seine Distanziertheit – selbst, dass er zu den Todessern gegangen war, könnte man mit dieser Vergangenheit erklären.
„Hermine!"
Mariettas Stimme holte mich wieder aus den Gedanken. „Wie, was?"
„Oma hat dich gefragt, woher du ihn kennst."
„Er ist mein Lehrer", erwiderte ich mechanisch. Ich war geschockt, als ich mir vorstellte, was Snape alles hatte durchmachen müssen. „Er unterrichtet Zaubertränke."
„Was unterrichtet er?!", rief Marietta.
„Ähm, ich meine Chemie", berichtigte ich schnell – für einen Augenblick hatte ich alles um mich herum vergessen und nur noch an den „kleinen Severus" gedacht. „Wir nennen es nur zum Scherz Zaubertränke, weil es dann spannender klingt", fügte ich noch rasch hinzu und die verwunderten Mienen von Marietta und ihrer Großmutter verschwanden.
Nun lachten sie sogar.
Ich konnte nur halbherzig lächeln.
„Deshalb ist er nur im Sommer zu sehen. Den Rest des Jahres unterrichtet er bei euch im Internat", sagte Mrs Miller. „Ich hätte niemals gedacht, dass er Lehrer werden würde…"
Ich erwiderte nichts.
