Kapitel 3 – Wollen und Nichtwollen

Ich war dieses Jahr ungewöhnlich früh zu den Weasleys gekommen. Es war noch nicht einmal die erste Ferienwoche vorüber, da stand ich auch schon auf der Schwelle des Fuchsbaus. Ich war mittels eines Portschlüssels gereist, den ich mir beim Ministerium bestellen konnte.

Meine Eltern mussten entweder dauernd arbeiten oder waren verreist. So oder so hätte ich den ganzen Sommer allein verbringen müssen, daher hatte Ginny mir angeboten, schon so früh vorbeizukommen.

Freudig war ich von allen Weasleys begrüßt worden. Ich teilte mir mit Ginny ein Zimmer und es konnte für mich nichts Schöneres geben.

Auch Krummbein hatte seinen Spaß, als er den Hühnern auf dem Hof hinterherjagen konnte.

Selbst mit Ron verstand ich mich dieser Tage mehr als gut. Wir lachten viel zusammen und warfen Gnome durch den Garten – auch wenn ich das immer noch ein wenig grausam fand, aber nachdem mir einer einmal sehr in den Finger gebissen hatte, empfand ich nicht mehr so viel Mitleid mit diesen Kreaturen…

Doch weder Ginny noch Ron erzählte ich, was ich über Snapes Vergangenheit herausgefunden hatte. Ich schrieb auch Harry oder sonst wem nichts darüber in einem Brief. Ich behielt alles für mich. Über den Grund war ich mir selbst nicht einmal so sicher; vielleicht befürchtete ich, es würde einer dieses Wissen gegen Snape ausspielen und das wäre selbst für Snape viel zu gemein; vielleicht hatte ich auch das Gefühl, dass ich selbst eigentlich nichts über seine Vergangenheit wissen dürfte, da es mich nichts anginge, und dass ich zumindest dann den Kreis der Eingeweihten so klein wie möglich halten sollte.

„Guten Abend, Weasleys", grüßte Arthur Weasley fröhlich, als er eines Abends von der Arbeit kam. Das Essen stand schon auf dem Tisch, an den sich nun schnell alle setzten.

„Hey, Dad" oder „Hallo, Schatz" oder „Guten Abend, Mr Weasley" war als Antwort zu hören.

Ich wusste, dass ich bei der Begrüßung „Weasleys" miteinbezogen war – leider ebenso wie Fleur Delacour, die seit diesem Tag für einige Zeit zu Besuch war. Sie und Bill hatten beschlossen zu heiraten, und Bill hielt es für ratsam, dass seine Familie und seine Verlobte sich kennenlernten. Sowohl ich, als auch Ginny und ihre Mutter waren uns nach nur wenigen Stunden einig, dass wir nicht gerade gut mit Fleurs egozentrischer Natur klarkamen…

„Familie", adressierte Mr Weasley ein paar Minuten später alle. „Ich habe eine wichtige Ankündigung zu machen."

Wir hörten auf zu essen und sahen gespannt zu Mr Weasley.

„Ja? Was ist denn?", wollte seine Frau wissen.

„Ich", sagte er und machte eine dramatische Pause, „bin befördert worden."

Ein spitzer Schrei entwich Mrs Weasley. Sie stürmte auf ihn zu und gab ihm einen dicken Kuss. Der Rest am Tisch begann zu johlen und zu klatschen.

Mr Weasley grinste über das ganze Gesicht.

„Herzlichen Glückwunsch, Dad", sagte Ron. „Was machst du denn jetzt?"

„Rufus Scrimgeour hat wegen der aktuellen Lage ein paar neue und sehr wichtige Büros eingerichtet. Ich bin nun der Leiter", er betonte dieses Wort ganz besonders, „des Büros zur Ermittlung und Beschlagnahme Gefälschter Verteidigungszauber und Schutzgegenstände. Ich habe ganze zehn Leute unter mir!"

„Nicht schlecht", sagte ich.

„Das ist aber auch echt notwendig", pflichtete Bill bei. „Dauernd seh ich irgendwelches Pack, komisches Zeug verkaufen, wenn ich zu Gringotts muss… Gut, dass sich jetzt endlich jemand drum kümmert…"

Ich fand es irgendwie ironisch, dass das große Leid, das Voldemort in England verursachte, nun den Weasleys zu etwas mehr Geld und damit Glück verhelfen sollte…

„Auch wenn ich sagen muss, dass ich den ganzen Muggeldingen schon ein wenig hinterhertrauere", seufzte Mr Weasley.

Ich musste mir ein allzu großes Lächeln verkneifen.

„Also wirklich, Schatz!", schimpfte Mrs Weasley. „Du hast eine Beförderung! Das ist tausendmal besser als aller Muggelkrams zusammen!"

„Wenn du meinst", sagte Mr Weasley, wobei er aber immer noch ein wenig zerknirscht wirkte.

„Also isch finde auch, dass me'r Geld immer solsch seltsamen Seugs vorsusiehen ist", mischte sich nun Fleur ein.

„Nach deiner Meinung hat aber niemand gefragt", murmelte Ginny vor sich hin und starrte wütend auf ihren Teller.

Nach dem Essen wollten Ginny und ich gerade nach oben verschwinden – mit Fleur im Wohnzimmer zogen wir uns gerne in Ginnys Zimmer zurück –, als Mr Weasley uns aufhielt.

„Ähm, Hermine", fragte Mr Weasley. „Könnte ich dich kurz sprechen?"

„Ja, klar", erwiderte ich sofort, obwohl ich recht verwundert war – es war selten, dass Mr Weasley alleine mit mir sprach.

„Ich geh schon mal hoch", sagte Ginny fröhlich und lief nach oben in ihr Zimmer.

„Also, ähm." Mr Weasley sah sich um, ob uns jemand belauschte.

Ich zog die Stirn in Falten.

Als Mr Weasley sich versichert hatte, dass uns niemand hören konnte, sagte er: „Also, ähm… Ich trauere den Muggelsachen wirklich nach, und da wollte ich dich fragen, ob du mir eure Muggelsachen, die ihr nicht mehr braucht, das nächste Mal mitbringen könntest?" Es schien ihm peinlich zu sein, so etwas zu fragen, doch ich lachte erleichtert auf.

„Natürlich, Mr Weasley. Ich sag zu Hause Bescheid, dass keine Toaster oder so mehr weggeworfen werden sollen."

Mr Weasley lächelte. „Dankeschön. Aber", seine Miene wurde besorgt, „bitte kein Wort zu Molly."

„Okay", stimmte ich flüsternd zu.

„Was wollte er denn?", wurde ich noch auf der Türschwelle zu Ginnys Zimmer von dieser begrüßt.

„Er hat mich gefragt, ob ich ihm unseren alten Muggelkrams überlassen könnte", lachte ich.

Ginny schüttelte nur mit dem Kopf über ihren Vater, musste aber ebenfalls lachen.