Kapitel 4 – Horace Slughorn

„Und Sie sind sich ganz sicher, dass Harry erst morgen früh ankommt?", fragte ich Mrs Weasley über eine Woche später.

„Ja, doch", erwiderte sie, denn ich fragte nun schon zum dritten Mal. „Das hat Dumbledore so gesagt."

„Gut", sagte Ginny. „Dann werden wir mal ins Bett gehen."

„Jetzt schon?", fragte Mrs Weasley. „Es ist doch gerade einmal halb elf."

„Aber heute war so ein anstrengender Tag, ich bin hundemüde", sagte Ginny übertrieben. „Du doch auch, nicht wahr, Hermine?"

Ich brauchte nicht lange, um zu schalten. „Ja, doch sehr."

Dagegen konnte Mrs Weasley nichts mehr sagen und wir verschwanden nach oben.

„Ich glaub, Mum weiß, was der wahre Grund dafür ist, dass wir nicht mehr unten sein wollen", sagte Ginny, als sie sich aufs Bett schmiss.

„Ja, aber gehen lassen wollte sie uns trotzdem nicht", lachte ich.

„Bei dem ganzen Schleim da unten ist das auch kein Wunder…"

Als ich mich auf mein Bett setzte, hüpfte Krummbein auf meinen Schoß. Sofort kraulte ich meinem Kater hinter den Ohren, der daraufhin zufrieden schnurrte.

„Ach, ich hätte auch gern ein Haustier", seufzte Ginny. „Eine kuschelige Katze oder eine praktische Eule. Selbst eine Kröte oder eine Ratte würde ich nehmen – alles ist besser als jedes Jahr erneut haustierlos in Hogwarts auftauchen zu müssen…"

„Warum hast du denn kein Haustier?", wollte ich wissen.

Ginny zuckte nur mit den Schultern. „Zu teuer, was sonst."

„Aber Ron hatte doch erst Krätze und jetzt Pig."

„Krätze war ja ursprünglich Percys Ratte. Der hatte sie irgendwo gefunden und einfach mitgenommen. Heute wissen wir natürlich, warum die Ratte so zahm war…" Unsere Gesichter verfinsterten sich, als wir an Peter Pettigrew dachten. „Und Ron hat Pig ja als Geschenk von Sirius bekommen…" Ginny zupfte gedankenverloren an ihrer Bettdecke herum. „Arm sein ist nervig", sagte sie schließlich.

Darauf wusste ich nichts Gutes zu antworten. Ich selbst hatte nie in Geldnöten gesteckt, da meine beiden Eltern gut bezahlte Jobs ausübten. Ich hätte nun Snape erwähnen können – der eine weitaus schlimmere Kindheit hatte verbringen müssen als Ginny – aber etwas in mir sträubte sich weiterhin, es irgendjemandem zu erzählen. Daher wechselte ich einfach das Thema. „Sag mal, Ginny, kann es sein, dass eure Weasley-Uhr kaputt ist?"

„Wie meinst du das?", erwiderte sie verwundert.

„Jedes Mal, wenn ich sie sehe, stehen alle Zeiger auf tödliche Gefahr."

„Aber das sind wir ja auch", sagte Ginny ernst. „Seit Du-weißt-schon-wer sich in der Öffentlichkeit gezeigt hat und seine Schergen die magische Welt tyrannisieren, ist es unumgänglich, dass für uns alle größte Gefahr besteht. Vielleicht steuern wir auch wieder auf einen großen Krieg zu – wie damals." Ihr Gesicht zeigte, dass sie, falls es soweit kommen sollte, für den Kampf bereit war.

„Glaubst du wirklich, dass es so schlimm wird?" Ich dagegen wirkte ein wenig verängstigter. Vielleicht hätte ich ja doch besser nach Ravenclaw gepasst…

„Ich hoffe nicht, aber wenn der Kerl so weitermacht, muss man ihm doch das Handwerk legen!"

„Was dann Harrys Aufgabe wäre?"

„Glaubst du echt, dass er der Auserwählte ist?"

„Schwer zu sagen", gab ich zu. „Aber selbst wenn er es nicht ist, würde er es tun. Er ist Voldemort noch nie aus dem Weg gegangen."

Ginny hatte zwar bei dem Namen zusammengezuckt, aber nichts gesagt. Stattdessen meinte sie nun etwas froher: „Aber klar wird er das – sonst wäre er ja nicht unser Harry Potter."

Hier kam nun wieder ihr schwärmerisches Ich zum Vorschein, dass sie aufgrund meines Rats letztes Jahr abgelegt hatte – zumindest offiziell. Zeig ihm, was er verpasst, hatte ich damals geraten. Dass ausgerechnet ich Liebestipps gab, war meiner Meinung nach der Gipfel der Ironie…

Plötzlich sprang Krummbein von meinem Schoß und kratzte an der Zimmertür.

„Willst du etwa freiwillig zu Fleur?", lachte Ginny und öffnete ihm die Tür.

Krummbein stolzierte aus dem Zimmer, als wolle er genau das sagen.

Ginny schüttelte nur mit dem Kopf. „Selbst Kater sind vor ihrem Zauber nicht sicher."

Ich lachte nur.