Kapitel 5 – Schleim im Überfluss

Am nächsten Morgen trafen Ron und ich zufällig gleichzeitig unten in der Küche ein.

„Oh, gut, dass ihr wach seid", begrüßte uns Mrs Weasley. „Harry ist doch schon letzte Nacht gekommen."

„Echt?", rief Ron verwundert. „Wo ist er jetzt?"

„Er sieht schon wieder ganz unterernährt aus… Ich bringe ihm gleich ein Tablett hoch."

„Mum", sagte Ron ungeduldig. „Wo ist Harry?"

„Oben, im alten Zimmer von Fred und George."

Auf der Stelle machten wir kehrt und rannten die Treppen nach oben, immer zwei Stufen auf einmal nehmend.

„Wollt ihr nicht erst etwas frühstücken?!", rief Mrs Weasley uns noch nach, doch uns war es wichtiger, Harry wiederzusehen, als zu frühstücken.

Ron war als erster da und riss erst die Tür und dann die Vorhänge auf. Strahlendes Sonnenlicht durchflutete den Raum.

Wasnlos?", murmelte Harry verschlafen.

Wir wussten nicht, dass du schon da bist!", rief Ron vergnügt und gab Harry einen Klaps auf den Kopf.

Ron, hau ihn nicht!", meckerte ich vorwurfsvoll.

Obwohl Harry sich dann die Brille aufsetzte, dauerte es noch einen Moment, bis er Ron und mich erkannte.

Nach einer Begrüßung, fragte Ron, der sich auf einen der vielen Kartons gesetzt hatte: „Wann bist du gekommen? Mum hat es uns eben erst gesagt!"

Heute Nacht, gegen eins", erwiderte Harry.

Ich betrachtete meinen besten Freund besorgt. Ich versuchte herauszufinden, ob ihm der Tod Sirius' sehr zugesetzt hatte oder ob es den Umständen entsprechend ging. Aber direkt fragen, wollte ich auch nicht, also erkundigte ich mich lieber nach seiner grauenvollen Verwandtschaft: „Waren die Muggel okay? Haben sie dich anständig behandelt?"

So wie immer", antwortete Harry leichthin.

Ich setzte mich auf seinen Bettrand.

Sie haben nicht viel mit mir geredet", meinte Harry weiter. „Aber das ist mir sowieso lieber. Wie geht's dir, Hermine?"

Oh, mir geht's gut", sagte ich – außer dass mich Snapes Vergangenheit traurig stimmte… Ich blickte Harry weiterhin sorgenvoll an, doch dieser wechselte einfach das Thema, indem er sich nach dem Frühstück erkundigte. Danach berichtete er, was er in der letzten Nacht mit Dumbledore erlebt hatte: Sie hatten einen ehemaligen Lehrer, Horace Slughorn, aus dem Ruhestand geholt.

Ein neuer Lehrer für Verteidigung gegen die Dunklen Künste – Snape bekommt wieder nicht sein Lieblingsfach…, dachte ich plötzlich. Aber warum dachte ich so etwas? Hatte ich etwa Mitleid mit Snape?

Oh", sagte Ron dann. „Wir dachten –"

Ich warf ihm blitzschnell einen warnenden Blick zu.

„– wir dachten uns schon, dass es um so was Ähnliches ging", sagte Ron eilig, wenn auch nicht gerade überzeugend. Er und ich hatten geglaubt, dass Dumbledore ihm irgendetwas Wichtiges für den Kampf gegen Voldemort zeigen würde…

Anscheinend schien auch Harry nicht auf Ron hereinzufallen, denn er fragte nur amüsiert: „Tatsächlich?"

Während Ron weiter plapperte, beobachtete ich Harry weiterhin ganz genau. Es konnte ihm nicht so gut gehen, wie er jetzt tat!

Dies blieb natürlich nicht unbemerkt. „Ist irgendwas, Hermine?", wollte Harry auf einmal wissen.

Ich setzte schnell mein bestes Lächeln auf, aber ich war noch nie eine gute Schauspielerin gewesen. „Nein, natürlich nicht!" Dann fragte ich, wie Slughorn wohl so sei.

Harry meinte nur, schlimmer als Umbridge könne er nicht sein.

In diesem Moment betrat Ginny das Zimmer und sagte wütend: „Ich kenn jemanden, der schlimmer ist als Umbridge." Dann begrüßte sie Harry.

Was ist mit dir?", wollte Ron wissen.

Es ist wegen ihr" meinte Ginny und ich wusste sofort, wer gemeint war… Fleur!

Ginny regte sich darüber auf, wie Fleur sie behandelte, und ich stand ihr mitfühlend bei. „Sie ist so was von eingebildet", sagte sie schließlich. Normalerweise sagte sie nichts Schlechtes über andere Leute, aber Fleur war wirklich anstrengend.

Doch natürlich musste Ron sie wieder verteidigen! „Könnt ihr beide sie nicht mal fünf Sekunden lang in Ruhe lassen?"

Während Ginny ihm daraufhin etwas entgegenpfefferte, sah ich in Harrys Blick, dass er nicht verstand, um wen es ging. Gerade als er begann zu fragen und ich ihm antworten wollte, kam der Gegenstand unseres Ärgers ins Zimmer und Harry zog so schnell die Bettdecke nach oben, dass Ginny und ich vom Bett fielen.

'Arry", rief Fleur mit einem Frühstückstablett in den Händen. „Es ist suu lange 'er." Dann gab sie ihm das Tablett und küsste ihn zum Gruß auf die Wangen.

Ich fand es ziemlich erbärmlich, wie anscheinend kein Junge ihrem Zauber widerstehen konnte – das konnte doch nicht nur an der Veela-Magie liegen, sondern vielmehr an den männlichen Genen…

Natürlich musste Fleur Harry auch gleich erzählen, dass sie und Bill nächsten Sommer heiraten würden… Arme Ginny – dann ist Fleur ihre Schwägerin…

Als Fleur endlich wieder verschwunden war, machte Mrs Weasley ein missbilligendes Geräusch – Fleur hatte ihr so eben ihre Haare ins Gesicht geschleudert.

Mum hasst sie", erklärte Ginny Harry.

Ich hasse sie nicht!", widersprach Mrs Weasley – sie meinte, die beiden würden es überstürzen.

Ron verteidigte die Hochzeit natürlich, obwohl er recht traurig zur geschlossenen Tür starrte – wie gesagt: erbärmlich…

Mrs Weasley war der Meinung, dass sie nur heiraten würden, weil sie Angst hätten, es gäbe kein Morgen mehr, wenn Voldemort erst einmal die Welt übernommen hätte. Im Stillen dachte ich, dass das eigentlich gar nicht so dumm war – wer wusste schon, wie lange man noch zu leben hatte?

Als Ginny Fleur jedoch „Schleim" nannte, mussten Harry und ich lachen – schön, dass er doch noch einigermaßen normal war, nicht so wie Ron…

Es ist erbärmlich", schimpfte ich, als Ron Harry geschildert hatte, wie seltsam es sei, wenn Fleur plötzlich da sei, ging zur Wand auf der anderen Seite des Betts und drehte mich dort mit verschränkten Armen um. Ist das alles bescheuert!, dachte ich erbost.

Zum Glück griff Ginny ebenfalls ein, um Ron den Kopf zu waschen. Außerdem erzählte sie, dass Mrs Weasley wohl versuche, Bill mit Tonks zu verkuppeln – deswegen war sie öfter in letzter Zeit beim Abendessen dabei. Und ebenso wie Ginny hätte ich Tonks auch sehr viel lieber bei den Weasleys als Schleim

Doch Ron machte ihren Hoffnungen den Garaus. „Kein Typ, der sie noch alle hat, wird sich in Tonks verknallen, solange Fleur in der Nähe ist", sagte er unter anderem.

Meine Gedanken rasten: War das der Grund, warum ich so gut wie nie auf die Aufmerksamkeit eines Jungen stieß? Weil ich im Vergleich zum Rest der Mädchen in meinem Alter hässlich war? Selbst in diesem Raum ging das mit Ginny schon los, denn solch lange, rote Haare standen außer Konkurrenz zu meinen braunen, buschigen. Früher hatte ich mir gesagt, dass Jungs mich nur vom Lernen abhalten würden, was natürlich auch stimmte, doch mittlerweile wünschte ich mir ab und zu jemandem, dem ich immer meine Ängste mitteilen könnte, der mich bei einem Unglück trösten würde, der sich um mich sorgte – und zwar nicht so wie eine beste Freundin, sondern ein richtiger Schatz.

Und sie ist intelligenter, sie ist ein Auror!", mischte ich mich schnell wieder mit in die Diskussion ein. Erst dann ging mir auf, dass zumindest der erste Teil auch auf mich zutraf…

Fleur ist nicht dumm", meinte Harry und ich musste ein genervtes Stöhnen unterdrücken – und ich dachte, er sei normal…

Du nicht auch noch!", rief ich.

Harry versuchte schnell, sich zu entschuldigen, doch Ginny überging ihn einfach.

Ich hätte viel lieber Tonks in der Familie", sagte sie, „sie ist wenigstens lustig."

Daraufhin meinte Ron nur, dass Tonks in letzter Zeit eher traurig sei, woraufhin ich behaupten wollte, dass dies an Sirius Tod läge. Gerade im letzten Moment konnte ich den Satz noch ein wenig beschönigen. Statt „Sirius Tod" druckste ich mit „Sie ist immer noch nicht über das weggekommen, was passiert ist… du weißt… ich meine, er war verwandt mit ihr!" ziemlich herum… Besorgt sah ich zu Harry.

Der jedoch begann gerade, sein Rührei zu essen.

Ron natürlich, der ungehobelte Kerl, fuhr einfach weiter fort. „Tonks und Sirius kannten sich kaum!"

Wir fuhren fort, über Tonks zu reden. Sie war nämlich der Meinung, verantwortlich für Sirius' Tod zu sein, da sie Bellatrix im Kampf vorher nicht besiegt hatte.

Zwischendurch wurden wir von Mrs Weasley unterbrochen, die wollte, dass Ginny ihr mit dem Mittagessen half.

Sie will mich nur unten dabeihaben, damit sie nicht mit Schleim allein sein muss!", sagte Ginny und ging in bester Fleur-Parodie aus dem Zimmer.

Während Harry weiterfrühstückte und Ron ihm half, schaute ich mir die vielen Kartons im Zimmer genauer an. „Was ist das denn?", fragte ich, als ich eine Art kleines Teleskop gefunden hatte.

Ron erklärte mir, dass es wohl etwas von Fred und Georges Scherzartikelladen sei. „Also sei lieber vorsichtig."

Ich sah ihn kurz verwundert an. Seit wann kümmerte Ron sich denn so offensichtlich um mein Wohlergehen?

Ron und Harry unterhielten sich daraufhin über das gute Geschäft von Fred und George und dass Percy immer noch ein Ministeriumsloyalist war.

Dumbledore meint, dass es den Menschen viel leichter fällt, anderen zu verzeihen, wenn sie sich geirrt haben, als wenn sie Recht hatten", sagte ich. „Ich hab gehört, wie er das zu deiner Mum gesagt hat, Ron."

Er will mir dieses Jahr Einzelunterricht geben", verkündete Harry da und ich atmete erstaunt ein. Das war doch die Neuigkeit, auf die Ron und ich gewettet hatten, dass Dumbledore Harry für den Kampf gegen Voldemort rüstet!

Und da erfuhren wir es schließlich – was Dumbledore über die Prophezeiung dachte. Harry hatte sie gehört, Dumbledore hatte sie Harry sagen können! Und das bedeutete, dass der Prophet Recht hatte: Harry war der Auserwählte… Ich wusste nicht, ob ich mich nun darüber freuen sollte. Bestimmt tat es Harry gut, nun endlich die Wahrheit zu kennen, aber wenn das bedeutete, dass sich mein bester Freund in Lebensgefahr begab…

Wir drei sahen uns einen Moment lang schweigend an, bevor es einen lauten Knall gab, ich einen Hieb auf mein rechtes Auge bekam und dann umgeben von schwarzem Rauch war. Ich hatte nervös mit dem Teleskop in meiner Hand gespielt und dabei wohl einen bestimmten Mechanismus in Gang gesetzt. Als der Rauch sich verzog, sah ich das eine Faust aus dem Teleskop gesprungen war.

Keine Sorge", versicherte mir Ron, der sich gerade das Lachen verkniff. „Mum kriegt das schon wieder hin, kleinere Verletzungen kann sie prima behandeln-"

Ach was, ist jetzt nicht so wichtig!", wehrte ich ab, denn es tat nicht wirklich weh. „Harry, oh, Harry…", rief ich und setzte mich wieder auf seinen Bettrand. „Nach dem, was im Ministerium passiert ist, haben wir uns schon so etwas gedacht." Weiter flüsterte ich: „Hast du Angst?" Ich hatte sie zumindest…

Er gab ganz untypisch für ihn zu, dass er am Anfang recht viel Angst gehabt hatte, sie aber jetzt abgeklungen war, da er es irgendwie schon immer gewusst habe, dass er Voldemort besiegen müsse.

Ron und ich machten ihm so viel Mut, wie wir nur konnten. Ich zählte diverse Zauber auf, die Dumbledore ihm beibringen könnte – da wurde ich fast neidisch. Aber Voldemort gegenübertreten wollte ich nicht wirklich… „Wann kommen eigentlich unsere ZAG-Ergebnisse?", fragte ich irgendwann.

Harry meinte, dass Dumbledore etwas von heute gesagt habe.

„Heute?", schrie ich. Heute? Aber warum hast du nicht – o mein Gott – das hättest du doch sagen müssen –" Ich sprang auf und lief nach unten, um nach Eulen zu sehen.

Ich fand Mrs Weasley, Ginny und leider auch Fleur in der Küche. Ein Duft von Essen lag in der Luft.

„Sind schon irgendwelche Eulen heute gekommen?!", schrie ich fast.

Die drei sahen mich erst verwundert und dann besorgt an.

„Hermine, was ist denn mit deinem Auge passiert?", wollte Mrs Weasley wissen.

„Das ist nicht so wichtig. Sind irgendwelche Eulen schon gekommen?"

„Nein", antwortete Ginny.

Ich machte ein frustriertes Geräusch und sah aus dem Fenster.

„Was ist denn nun mit deinem Auge passiert?", beharrte Mrs Weasley und ich erzählte ihr von dem boxenden Teleskop. „Also wirklich!", schimpfte sie und bat mich dann, mich zu setzen, während sie ein Buch über Heilung herausholte. Die nächsten Minuten versuchte sie alle möglichen Zaubersprüche, doch das blaue Auge wollte einfach nicht verschwinden! Selbst als Harry und Ron irgendwann herunterkamen, sah ich immer noch so aus wie vorher.

Aber es muss weggehen!", winselte ich. „Ich kann doch nicht bis in alle Ewigkeit so rumlaufen!" Ich hatte es ja so schon schwer bei Jungs…

Doch Mrs Weasley schien zuversichtlich, bald ein Gegenmittel zu finden.

Dann fielen mir wieder die ZAG-Ergebnisse ein. Nervös lief ich auf und ab und wusste ganz genau, dass ich Alte Runen nicht bestanden hatte! Genauso wie Verteidigung gegen die dunklen Künste und Verwandlung!

Hermine, halt mal den Mund, du bist nicht die Einzige, die nervös ist!", meckerte Ron mich an. „Und wenn du deine zehn Ohnegleichen-ZAGs hast…"

Aber ich unterbrach ihn schnell. „Hör auf, hör auf, hör auf!" Nein, ich hatte bestimmt keine zehn Ohnegleichen! Ganz im Gegenteil! „Ich bin ganz bestimmt überall durchgefallen!"

Daraufhin wollte Harry wissen, was passiert, wenn man durchfällt, und ich erklärte es ihm. Dann sah ich sie! Drei Eulen flogen auf uns zu! Ich schrie auf und stürzte mit Harry und Ron zum Fenster.

O nein… o nein", murmelte ich und klammerte mich an die Ellenbogen meiner beiden Freunde. Und dann war es plötzlich so weit: Ich entriss der Eule meinen Brief, öffnete ihn schnell und überflog ihn panisch:

ERGEBNIS DER ZAUBERGRAD-PRÜFUNGEN

Bestanden mit den Noten:

Ohnegleichen (O)

Erwartungen übertroffen (E)

Annehmbar (A)

Nicht bestanden mit den Noten:

Mies (M)

Schrecklich (S)

Troll (T)

HERMINE JEAN GRANGER hat folgende Noten erlangt:

Astronomie: O

Pflege magischer Geschöpfe: O

Zauberkunst: O

Verteidigung gegen die dunklen Künste: E

Alte Runen: O

Kräuterkunde: O

Geschichte der Zauberei: O

Zaubertränke: O

Verwandlung: O

Ich hatte den anderen den Rücken zugekehrt und den Kopf gesenkt. Konnte ich mit diesem Ergebnis zufrieden sein? Es war schließlich nicht perfekt… Ein Erwartungen übertroffen

Hermine?", sagte Ginny irgendwann vorsichtig. „Wie ist es bei dir gelaufen?"

Ich schluckte. „Ich – nicht schlecht", erwiderte ich leise.

Jetzt hör aber auf", rief Ron und entriss mir mein Zeugnis. „Jep – neun Ohnegleichen und ein Erwartungen übertroffen in Verteidigung gegen die dunklen Künste." Dann sah er mich an und meinte amüsiert und zornig zugleich: „Du bist tatsächlich enttäuscht, stimmt's?"

Ich schüttelte schnell mit dem Kopf, doch anhand von Harrys Lachen wusste ich, dass man mir meine Enttäuschung wohl ansah.

Ron gab mir mein Zeugnis wieder und meinte: „Also, jetzt sind wir UTZ-Schüler!"

Ich setzte mich an den Tisch und blickte auf dieses eine E. Wie auch immer dieser Horace Slughorn Verteidigung gegen die dunklen Künste unterrichten würde – ich war bereit, alles zu geben, um am Ende meine UTZ mit ausschließlich Ohnegleichens zu bestehen!