Kapitel 6 – Dracos Abstecher
Die nächsten Wochen waren sehr schön im Fuchsbau – auch wenn Harry, Ron und Ginny mich immer wieder überreden konnten, mit ihnen Quidditch zu spielen. Ich war einfach richtig, richtig schlecht im Fliegen und hatte daher auch keine Freude daran. Aber was tut man nicht alles für seine Freunde…
Es wären so schöne Ferien gewesen, wenn nicht täglich im Tagespropheten die schlimmsten Geschichten gestanden hätten, oder Mr Weasley und Bill mit schrecklichen Nachrichten aus dem Ministerium zurückgekommen wären. Selbst Lupin, der zu Harrys 16. Geburtstag gekommen war, hatte nichts Schönes zu berichten.
„Es gab noch ein paar weitere Dementorenangriffe", sagte er düster. „Und man hat Igor Karkaroffs Leiche in einer Hütte oben im Norden gefunden. Sie haben das Dunkle Mal darüber aufsteigen lassen."
Mein erster Gedanke war: Snape! Nicht weil ich dachte, er hätte irgendetwas mit diesem Vorfall zu tun, sondern weil ich wusste, dass er ebenfalls ein ehemaliger Todesser war, der offen die Seiten gewechselt hatte. Was, wenn er der nächste war? Das war das erste Mal, dass ich um sein Leben fürchtete…
Und es ging weiter, denn auch Florean Fortescue, der nette Eisladenbesitzer aus der Winkelgasse, war offensichtlich entführt worden… Und Mr Ollivander…
Nachdem der Geburtstagskuchen im Stillen gegessen worden war, verliefen sich die Gespräche in andere Richtungen.
Lupin unterhielt sich mit Mr Weasley auf dem Sofa vor dem Kamin, und als Mr Weasley in die Küche ging, nutzte ich meine Chance, denn es gab etwas, das ich Lupin fragen wollte.
„Professor Lupin?", fragte ich vorsichtig und setzte mich neben ihn.
Er lachte. „Hermine, du bist die einzige, die mich noch so nennt. Da ich nicht mehr Professor bin, darf ich so auch nicht mehr genannt werden."
„Ähm… Mr Lupin?", versuchte ich es erneut.
„Wie wäre es mit Remus?", schlug er amüsiert vor.
„Gern", erwiderte ich erfreut. „Ähm, ich habe eine Frage, aber es wäre gut, wenn du niemandem davon erzählst und auch nicht weiter nachfragst. Ich bin einfach nur neugierig."
„Du hast mein Schweigen, Hermine. Wie lautet die Frage?"
Ich sah mich noch einmal um, doch wir waren alleine im Wohnzimmer. „Wie war Professor Snape in eurer Schulzeit?"
Remus sah mich verwundert an, antwortete dann aber wie versprochen, ohne sich über den Grund meiner Frage zu erkundigen. „Severus war schon immer sehr verschlossen und einzelgängerisch gewesen. Er hatte nie viele Freunde, zumindest keine echten. Er hat die erste Zeit in Hogwarts viel mit Lily Evans verbracht, aber nach einem Streit zerbrach diese Freundschaft für immer. Danach sah man ihn immer öfter mit Slytherin-Schülern, von denen vermutet wurde, dass sie zu Voldemort gehörten."
„Er war mit Harrys Mutter befreundet?", fragte ich verwundert.
„Ja, ich glaube, sie kamen aus der gleichen Stadt und kannten sich schon, bevor sie nach Hogwarts kamen."
„Und was war das für ein Streit?"
Remus sah mich unsicher an, als wöge er ab, ob er es mir verraten solle oder nicht.
„Bitte sag es mir, es ist wichtig", flehte ich. „Ich verspreche, ich werde dieses Wissen weder jemandem verraten noch gegen Professor Snape verwenden."
Das schien ihm als Antwort zu genügen und er fuhr fort: „James, Sirius, Peter und ich – und ich sage dir gleich, dass ich nicht stolz auf das bin, was wir getan haben – hatten Severus einmal wieder in die Enge getrieben. Lily kam ihm zu Hilfe, er wollte ihre Hilfe nicht und beschimpfte sie als… Schlammblut. Das hat sie ihm nie verziehen."
Meine Augen weiteten sich. „Schlammblut?", flüsterte ich geschockt. Das war der Name, den Draco Malfoy immer für mich benutzte, und der mich, obwohl ich es nicht zugab, immer noch hart traf.
Remus nickte.
Ich stand auf, erwiderte: „Danke" und ging trübselig in Ginnys Zimmer.
Schlammblut…
Am Samstag darauf besuchten wir die Winkelgasse (zum Glück ohne Fleur). Der Himmel war grau, doch ich freute mich trotzdem – die Winkelgasse war schon immer einer meiner liebsten Orte in der magischen Welt gewesen. Mit einem Spezialwagen des Ministeriums fuhren wir den weiten Weg nach London in nur wenigen Minuten. Ich hatte währenddessen nachdenklich aus dem Fenster geschaut und wie auch die letzten Tage schon an Snape gedacht – und an das Wort Schlammblut… Wenn Harry das wüsste, würde er Snape wohl noch mehr verabscheuen…
Erst der anhaltende Motor in der Charing Cross Road vor dem Tropfenden Kessel holte mich aus meiner Starre. Zur Freude aller trafen wir dort auf Hagrid, der uns noch mehr Schutz geben sollte – was ist nur aus der Zaubererwelt geworden, wenn man nicht einmal in Frieden einkaufen gehen kann?
Doch es kam noch schlimmer: Nicht nur war der Tropfende Kessel vollkommen leer, nein, die Winkelgasse war grau und einsam und unheimlich geworden. Keine bunten Schaufenster mehr, keine lachenden Hogwarts-Schüler, keine Sonderangebote für ein besonders großes Eis. Stattdessen Warnhinweise des Ministeriums, Suchposter von entflohenen Todessern (darunter Bellatrix Lestrange auffällig häufig), verbretterte Läden und kleine Stände von hinterhältigen Halunken, die einem allen möglichen Unsinn andrehen wollten.
Nach einer Weile trennte sich unsere Gruppe, um die Einkäufe schneller erledigen zu können: Harry, Ron, Hagrid und ich gingen zu Madame Malkin und Mr Weasley, Mrs Weasley und Ginny zu Florisch & Blotts. Ich wäre natürlich auch sehr gerne in den Buchladen gegangen, doch blieb lieber still – Mrs Weasleys Nerven waren sowieso schon zum Bersten angespannt.
Auf dem Weg zu Madame Malkin jedoch geschah etwas Unerwartetes: Während ich mich halb traurig, halb besorgt umsah und nach einer möglichen Gefahr Ausschau hielt, entdeckte ich Snape. Er befand sich in der Apotheke, am überwiegend zuplakatierten Schaufenster und hielt ein Glas mit irgendeiner dunkelroten Flüssigkeit in der Hand, vielleicht Drachenblut. In dem Moment, in dem ich an ihm vorbeiging, schaute er hoch und sah mich sofort. Den Blick, den er mir gab, konnte ich nur schwer einordnen – war er erschrocken, mich zu sehen? war er etwa… besorgt? – doch was immer es war, er würde mich in den nächsten Wochen in meinen Träumen verfolgen…
Ich erzählte den anderen lieber nichts von dieser halben Begegnung.
Als wir Madame Malkin's erreicht hatten, blieb Hagrid draußen, damit es drinnen nicht so voll werden würde. Zuerst dachten wir, wir wären die einzigen Kunden – doch sogleich ertönte Draco Malfoys arrogante Stimme: „… kein Kind mehr, falls dir das noch nicht aufgefallen ist, Mutter. Ich bin durchaus in der Lage, meine Einkäufe allein zu erledigen."
Ihn hatte ich ganz bestimmt nicht vermisst…
Er trat schließlich hinter einem Kleiderständer hervor, sah uns im Spiegel und höhnte: „Wenn du dich wunderst, was hier so komisch riecht, Mutter – eine Schlammblüterin ist gerade reingekommen."
Wie immer, wenn ich dieses Wort an den Kopf bekam, war es, als würde eine kleine, feine, spitze Nadel in meine Brust gestochen. Schlammblut… Wie konnte Snape Lily nur so beschimpfen?!
Oh nein, ich hatte Malfoy ganz sicher nicht vermisst!
Madame Malkin versuchte, die Situation zu deeskalieren, denn Harry und Ron hatten natürlich sofort ihre Zauberstäbe gezückt. Meine dummen, dummen Helden… Also schluckte ich meine Wut herunter und sagte ihnen leise und ruhig: „Nein, nicht, ehrlich, das ist es nicht wert…"
Doch Malfoy setzte noch einen drauf: „Wer hat dir ein Veilchen verpasst, Granger? Dem würd ich gern Blumen schicken."
Wie konnte man nur so gemein sein?! Aber sein Satz schien zu erklären, warum Snape mich vorhin so seltsam angesehen hatte – ich hatte ganz vergessen, dass ich ja ein großes, blaues Auge im Gesicht hatte…
Schließlich kam auch Malfoys Mutter dazu und drohte Harry und Ron: „Wenn ihr meinen Sohn noch ein Mal angreift, dann sorge ich dafür, dass es das Letzte ist, was ihr jemals tun werdet."
Harry ließ sich davon aber natürlich nicht beeindrucken: „Wirklich? Sie holen einfach ein paar von Ihren Todesserkumpels, um uns fertig zu machen, was?"
Dies ging noch ein paar Mal hin und her und ich überlegte, wie ich den Streit abbremsen könnte, doch mir fiel nichts Kluges ein. Schließlich drückte ich einfach seinen Zauberstabarm herunter. „Harry, nein!", rief ich panisch. „Überleg doch… du darfst nicht… du kriegst dermaßen Ärger…" Man konnte ihn so schnell reizen! Und dann zauberte er und dann würde er aus Hogwarts fliegen! Warum konnte der Junge nicht erst denken und dann handeln? Warum musste ich immer für ihn und Ron denken?!
Ich war sehr erleichtert, als die Malfoys den Laden bald verließen, weil Narzissa Malfoy nun wusste, welcher „Abschaum" hier einkaufen würde. Sie meinte natürlich mich…
Unser Besuch bei Madame Malkin dauerte nicht lange, denn die arme Frau war so durcheinander, dass wir ihren Laden bald wieder verließen.
„Habt ihr alles?", fragte Hagrid vergnügt, als wir wieder draußen waren. Kurz danach traten auch Ginny, Mr und Mrs Weasley zu uns und wir beschlossen, in die Apotheke, zu Eeylops Eulenkaufhaus und danach zu Freds und Georges Laden zu gehen.
Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, aber in der Apotheke hielt ich Ausschau nach Snape. Ich war mir nicht sicher, warum; vielleicht, weil ich diesen Blick noch einmal sehen wollte, dieser Blick, der mir das Gefühl gab, etwas wert zu sein, vielleicht aber auch nur, um eine Konfrontation zwischen ihm und Harry zu vermeiden. Doch ich blickte vergeblich – er war nicht mehr hier. Seltsamerweise enttäuschte mich dies.
Weasleys Zauberhafte Zauberscherze stach heraus wie ein Feuerwerk am Nachthimmel. Bunt, laut, auffällig – es war das genau Gegenteil zum Rest der Winkelgasse.
„Woah", machte Ron erstaunt und ich nickte zustimmend.
Doch das Beste war das Plakat auf der rechten Fensterseite:
Wen ängstigt noch Du-weißt-schon-wer?
Ihr solltet EHER Angst haben vor
DU-SCHEISST-NIE-MEHR –
der Verstopfungssensation, die die Nation in Atem hält!
Ich war hin und hergerissen zwischen schallendem Gelächter und angsterfülltem Tadel. Diese Werbung war genial – aber brachte die Zwillinge auch ganz nach oben auf die Liste der Todesserfeinde…
Im Laden selbst war es brechend voll. Ich hatte mich doch gefragt, wo all die Hogwartsschüler geblieben waren: Hier waren sie. In den unzähligen Regalen lagerten die verschiedensten Sortimente, die Fred und George entwickelt hatten. Plötzlich wurde ich auf etwas aufmerksam, drängelte mich zum Regal vor, nahm eine kitschig-romantische Schachtel hoch und las die Information auf der Rückseite: „Ein einfacher Zauberspruch, und schon versinkst du in einen hochwertigen, äußerst realistischen dreißigminütigen Tagtraum, der sich leicht in eine ganz normale Schulstunde einbauen lässt und so gut wie unaufspürbar ist (Nebenwirkungen unter anderem leerer Blick und leichtes Sabbern.) Kein Verkauf an Personen unter sechszehn Jahren." Ich wandte mich erstaunt an Harry. „Weißt du, das ist wirklich außergewöhnliche Magie." So etwas hätte ich den Zwillingen gar nicht zugetraut.
Und wie aufs Stichwort stand Fred plötzlich hinter uns und meinte strahlend: „Dafür kriegst du einen umsonst, Hermine."
Ich nickte dankend und steckte die Schachtel in meine Tasche. Wer wusste schon, wozu die noch gut sein würde…
Wir begrüßten uns alle, bis Fred mein Gesicht auffiel. „Was ist denn mit deinem Auge passiert?"
„Dein boxendes Teleskop", murmelte ich beschämt.
„Oh, verdammt, die hab ich ganz vergessen", erwiderte er schuldbewusst. „Hier-" Er drückte mir eine Dose in die Hand und ich verteilte die gelbe Paste, nachdem ich mich ihrer Ungefährlichkeit versichert hatte – wer ja noch schöner, wenn mein Gesicht vielleicht davon anschwellen würde oder etwas in der Art! – dünn auf meinem Gesicht.
Harry folgte Fred in den hinteren Bereich des Ladens und Ron verlor sich ebenfalls irgendwo. Ich stand ein Weilchen allein herum, bis Ginny mich fand.
„Mann, ist das voll hier!", stöhnte sie genervt. „Was ist denn das?" Sie deutete auf die Tagträume und ich erklärte es ihr.
Fred und Harry stießen danach ebenfalls wieder zu uns und Fred führte uns zu den speziellen Wunder-Hexen-Produkten, die selbstverständlich in rosa gehalten waren und von kichernden Mädchen umringt waren.
Ginny und ich hatten den gleichen angeekelten Ausdruck im Gesicht.
Natürlich wollten die Zwillinge uns ihre Liebestränke andrehen und nebenbei von Ginny erfahren, ob sie mit Dean Thomas ging. Sie bestätigte es gelassen und ich lächelte triumphierend in mich hinein, als ich Harrys erschrockenen Blick entdeckte. Unser Plan schien langsam aber sicher aufzugehen.
„Und was ist mit Michael Corner?", hakte George nach.
Ginny, vollkommen in die Minimuffs vernarrt, die zu verkaufen waren, gab beiläufig von sich, dass sie mit ihm Schluss gemacht habe. Er war auch ein wenig einfältig, fand ich.
„Wechselst du deine Freunde nicht ein bisschen arg schnell?", wagte Fred es zu wagen und Ginny explodierte.
„Das geht dich nichts an", fauchte sie. Und an Ron, der gerade vollbeladen mit bunten Päckchen zu uns stieß, gewandt, fügte sie hinzu: „Und dir wäre ich dankbar, wenn du diesen beiden hier keine Geschichten mehr über mich erzählen würdest!"
Das Thema wurde danach jedoch glücklicherweise gewechselt, als Ron darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er, obwohl er der Bruder der Zwillinge war, ebenfalls für die ganzen Sachen bezahlen musste, und sich sehr darüber aufregte.
Als Ginny danach Mrs Weasley die Minimuffs zeigte, wurde der Blick für Harry, Ron und mich auf die Winkelgasse frei, in der nun Draco Malfoy entlangeilte, sich einmal umschaute und dann in einer Seitengasse verschwand. Wir alle fanden dieses Verhalten äußerst auffällig.
„Wo wohl seine Mami ist?", meinte Harry.
„Wie's aussieht, ist er ihr entwischt", sagte Ron.
„Aber warum?", stellte ich die wohl aktuell wichtigste Frage.
Einen Augenblick sahen wir weiter nach draußen, bis Harry plötzlich seinen Tarnumhang herausholte und zischte: „Hier drunter, schnell."
Ich war zuerst nicht besonders angetan von dieser Idee, doch dann gab ich nach. Niemand hatte unser Verschwinden bemerkt, der Laden war viel zu bunt und aufgeregt dafür. Eilends, aber ohne die anderen Kunden anzurempeln, verließen wir den Laden, doch auf der Straße draußen konnten wir Draco nicht mehr sehen. Wir liefen einfach in die Richtung, in die er gegangen war, und blickten uns um, bis ich ihn entdeckte: Er ging in die Knockturngasse.
Harry beschleunigte unsere Schritte – und dabei war es ihm auch egal, dass man so unsere Füße sehen konnte, weil der Umhang nicht mehr lang genug für uns drei war.
Die Knockturngasse war noch ausgestorbener als die Winkelgasse, denn selbst in den Läden sah man niemanden. Aber wenn ich ein Schwarzmagier wäre, würde ich es auch nicht wagen, hier einzukaufen und Gefahr zu laufen, dabei vom Ministerium erwischt zu werden.
Wieder war ich es, die Malfoy entdeckte, und hauchte Harry ins Ohr: „Sieh mal! Er ist dadrin!" Es handelte sich um Borgin und Burkes, ein Laden, wie Harry einmal erzählt hatte, der allerlei schwarzmagische Gegenstände verkaufte. Ich wollte gar nicht so genau wissen, was Malfoy gerade Gefährliches kaufte, denn er würde es sicher gegen uns drei verwenden.
Draco schien angeregt mit dem Ladenbesitzer zu diskutieren und ich wünschte, wir könnten hören, worüber sie sprachen – schließlich müssen wir uns ja vorbereiten können auf Malfoys nächste Attacke – bis Ron plötzlich einfiel, dass er Langziehohren in der Tasche hatte, und schon eine halbe Minute später lauschten wir gespannt dem Gespräch zwischen Malfoy und Borgin.
„Sie wissen, wie man das repariert?", sagte Draco gerade.
„Vielleicht", erwiderte Borgin unsicher. „Ich muss es allerdings sehen. Warum bringen Sie es nicht mit in den Laden?"
„Das geht nicht. Es muss bleiben, wie es ist. Sie müssen mir nur erklären, wie es geht."
Borgin war sich nicht sicher, ob er in der Lage sein würde, Malfoy zu helfen. „Ich könnte für nichts garantieren", meinte er.
„Nein?", höhnte Draco. „Vielleicht wird Sie das hier zuversichtlicher stimmen."
Wir konnten leider nicht erkennen, was Draco Borgin genau zeigte, denn er stand hinter einem großen Schrank, doch was immer es war, der arme Verkäufer schien danach ziemlich verängstigt zu sein. Als wäre das nicht genug, drohte Malfoy ihm noch, dass er mit Fenrir Greyback, dem Werwolf, befreundet wäre und ihn zur Not vorbeischicken würde…
„Also ich geh jetzt besser", meinte Draco schließlich und Borgin wirkte erleichtert. „Und vergessen Sie nicht – geben Sie das hier bloß nicht weg, ich werde es noch brauchen." Was Draco mit das hier meinte, konnten wir jedoch ebenfalls nicht erkennen.
Borgin schlug ihm vor, er könne es doch jetzt schon mitnehmen, doch Draco fuhr ihn an, dass das auf keinen Fall ginge. Danach instruierte er ihn noch, niemandem etwas von diesem Handel zu verraten, auch seiner Mutter nicht, und er verließ den Laden.
Als er sehr dicht an uns vorbeiging, hielt ich erschrocken den Atem an, doch Mafoy schien uns nicht zu bemerken und verschwand.
„Was sollte das denn?", fragte Ron leise, während er das Langziehohr wieder aufwickelte.
Auch Harry und ich hatten natürlich keine Ahnung. Malfoy wollte irgendetwas reparieren und dass ein bestimmter Gegenstand im Laden nicht verkauft werden durfte. Das war nicht besonders viel Information, um sein Vorhaben zu entschlüsseln.
Daher entschied ich, der Sache nachzugehen. „Ihr bleibt hier", flüsterte ich und betrat mit klopfendem Herzen den Laden.
Auf das, was im Folgenden geschah, bin ich nicht besonders stolz, und meine schlechten Schauspielkünste beschämen mich bis heute. Kurz: Ich tat so, als sei ich eine Freundin von Draco, die ein Geburtstagsgeschenk für ihn kaufen wollte, und fragte deswegen, welche Gegenstände zu verlaufen seien und welche vielleicht schon reserviert waren. Dabei muss ich mich jedoch so ungeschickt angestellt haben, dass meine Tarnung sofort aufflog, und Borgin mich im hohem Bogen aus seinem Laden schmiss…
„Na ja", meinte Ron, als ich wieder draußen unter dem Tarnumhang war, und wir zurück zum Laden der Zwillinge gingen. „Einen Versuch war's wert, aber du warst leicht zu durchschauen –"
Ich war so wütend, dass ich ihn anfauchte: „Dann zeigst du mir eben nächstes Mal, wie man es macht, Meister der Mysterien!"
Ron ließ sich das natürlich nicht gefallen, und so lieferten wir uns ein hitziges Wortgefecht unter dem Tarnumhang. Manchmal machte dieser Junge mich einfach so wütend, dass ich mich fragte, wie ich überhaupt mit ihm befreundet sein konnte!
„Sch!", machte Harry da plötzlich und umfasste meinen Oberarm.
Ich schluckte den Kommentar herunter, den ich Ron gerade an den Kopf knallen wollte, und blickte Harry böse an. „Was?!"
Harry nickte unbeeindruckt auf Weasleys Zauberhafte Zauberscherze.
Zuerst sah ich nicht, worauf er hinauswollte – ja, wir hatten den Laden erreicht, na und? – doch dann entdeckte ich Mrs Weasley und Hagrid, die sich besorgt nach uns umsahen. Anscheinend hatten sie bemerkt, dass wir verschwunden waren.
Vollkommen leise tasteten wir uns an den beiden vorbei in den Laden und als wir ein paar Minuten später wieder sichtbar nach draußen kamen, behaupteten wir einfach, die ganze Zeit hinten im Laden gewesen zu sein.
„Dann können wir ja jetzt endlich wieder nach Hause", seufzte Mrs Weasley erleichtert und wir verließen die Winkelgasse und London, wie wir sie erreicht hatten – mit dem Spezialwagen des Minstieriums.
Auf dem Weg zum Fuchsbau blickte ich still aus dem Fenster, während ich den Besuch in der Winkelgasse Revue passieren ließ. Es fing nach einer Weile an zu regnen.
War es nicht seltsam, dass ich an dem einen Tag, den ich in der magischen Einkaufsstraße verbracht hatte, ausgerechnet den beiden Slytherins begegnet war, die mich am meisten hassten? Und dass ich nun über beide so viel mehr wusste, als vor dem Sommer – besonders über Snape?
