Kapitel 7 – Der Slug-Klub

„Was wollte Malfoy nur von Borgin?", murmelte Harry zum wiederholten Mal.

Ich atmete einmal tief durch und versuchte, ihn nicht anzumeckern. Ich saß auf dem Fenstersims in Fred und Georges altem Zimmer und las in Runenübersetzung für Fortgeschrittene, das mir Mr und Mrs Weasley aus Florish & Blotts mitgebracht hatten.

„Aber, Hermine, da stimmt doch was nicht."

„Ja, schon", gab ich zu. „Aber es gibt eine Menge anderer Erklärungen für sein Verhalten."

Harry konnte das Thema nicht ruhen lassen und fuhr fort.

Ron, der seinen Besen säuberte, stieg mit in die Diskussion ein und so las ich weiter und bemühte mich, ihre Ideen über Schrumpfarme und Rache auszublenden – bis Harry plötzlich abrupt stoppte.

Ich blickte ihn erschrocken an. „Harry. Ist irgendetwas nicht in Ordnung?"

Deine Narbe tut nicht wieder weh, oder?", fragte Ron das, was ich automatisch gedacht hatte.

Doch Harrys Antwort war viel absurder. „Er ist ein Todesser", meinte er. „Er hat den Platz seines Vaters als Todesser eingenommen!"

Ron und ich äußerten Laut unseren Unmut über diese Idee. Malfoy war viel zu jung und unerfahren und noch nicht einmal mit seiner Schulausbildung fertig!

Harry beharrte auf seiner Idee, meinte bei Madam Malkin sollte sie seinen linken Arm nicht berühren und dass Draco Borgin sein Dunkles Mal gezeigt hatte, um ihn einzuschüchtern, aber ich glaubte ihm trotzdem nicht. Es war viel zu unwahrscheinlich, dass Draco so ein junger Todesser sein sollte.

Doch dann kam mir plötzlich ein anderer Gedanke: Wie alt war Snape gewesen, als er sich den Todessern angeschlossen hatte? Ich wusste nur, dass er jung gewesen sein musste, aber so alt wie Draco, 16? Das konnte ich mir nicht vorstellen oder zumindest hoffte ich es nicht. Es wäre schrecklich, schon in so jungen Jahren solch Gräueltaten der Todesser miterleben zu müssen oder schlimmer selbst vollführen zu müssen. Ich hoffte für Snape, dass er mindestens 20 gewesen war…

Harry blieb dennoch bei seiner Theorie und verließ wütend das Zimmer.

Ich warf Ron einen besorgten Blick zu.

„Der kriegt sich schon wieder ein", versicherte er mir und fuhr fort, seinen Besen zu reinigen.

Ich nickte abwesend und wandte mich wieder meinem Buch zu, auch wenn ich nervös auf der Unterlippe kaute und mir Malfoy, Snape und die Todesser einfach nicht aus dem Kopf gehen wollten…


Am nächsten Morgen fuhren wir nach Hogwarts. Da wir unsere Koffer schon am Abend zuvor gepackt hatten, verlief unsere Reise zum Bahnhof Kings Cross geordneter als für gewöhnlich. Wir verabschiedeten uns von Bill und Fleur und als Ron in der Hoffnung auf einen Wangenkuss seiner Schwägerin auf sie loslief und Ginny ihm einen Fuß stellte, sodass er hinfiel, konnte ich mein Lachen nicht unterdrücken, denn ich fand, dass er es verdient hatte. Wenn er seine pubertären Hormone nicht unter Kontrolle hatte…

Erneut fuhren wir mit einem Spezialwagen des Ministeriums nach London und wurden von zwei grimmig dreinsehenden Auroren zum Gleis gebracht. Man hatte das beklemmende Gefühl, jeden Moment angegriffen werden zu können, und ich hielt die Augen nach möglichen Gefahren auf, während meine Hand sich in meiner Jackentasche um meinen Zauberstab klammerte.

Schnell liefen wir durch die Absperrung zwischen der Muggelwelt und der Zaubererwelt des Bahnhofs und ich war froh, dass der Zug schon da war, damit wir gleich einsteigen konnten.

„Kommt", sagte Harry genervt zu mir und Ron, anscheinend mochte er die extra Bewachung nicht besonders, „lasst uns ein freies Abteil suchen."

„Das geht leider nicht", erwiderte ich schnell, auch wenn es mir leidtat, ihn ausgerechnet jetzt allein zu lassen. „Ron und ich müssen erst in den Waggon mit den Vertrauensschülern und dann eine Weile die Gänge kontrollieren."

Harry nickte ein wenig enttäuscht und murmelte, das habe er vergessen.

Ron und ich gingen nach ganz vorne zum ersten Waggon, der ein besonders großes Abteil hatte, wo schon viele andere Vertrauensschüler saßen.

Ich gesellte mich zu Hannah Abbot und Padma Patil, mit denen ich bisher immer gut ausgekommen war. „Hey", grüßte ich fröhlich. „Wie war euer Sommer?"

Hannah erzählte, dass sie mit ihrer Familie in den Bergen Ski gefahren war, und Padma, dass sie allein mit ihrer Schwester eine Wanderung in Italien unternommen hatte.

Ich konnte zwar nur vom Fuchsbau berichten, aber das störte mich nicht.

Als der Zug losfuhr, kamen Anna Lesten, Ravenclaw, und Percival Greyhound, Slytherin, herein. Sie beide waren im letzten Jahr noch Vertrauensschüler gewesen und anscheinend zu den neuen Schulsprechern ernannt worden.

„Hallo", sagte Anna mit natürlicher Autorität, sodass ihr alle aufmerksam zuhörten. Sie stellte sie beide vor und meine Vermutung wurde bestätigt, dass sie unsere neuen Schulsprecher waren. Danach händigte sie uns den Dienstplan aus, wann welches Team welche Abteile patrouillieren sollte. Ron und ich waren bis zum Mittag an der Reihe für die hinteren drei Waggons.

„Pansy?", fragte da Percival. „Wo ist eigentlich Draco?"

Sie schüttelte besorgt mit dem Kopf. „Das weiß ich leider nicht."

„Hmm…", machte er verwundert. „Dann begleite ich dich bei deiner Schicht."

Als alles geklärt worden war, strömten wir in die uns zugewiesenen Abteile und begannen damit, die Schüler zu beaufsichtigen, dass sie keine Zauber ausführten oder anderen Unfug anstellten. Es gehörte ebenfalls zu unserer Aufgabe, Fragen zu beantworten; gerade die Erstklässler wussten vieles noch nicht.

Plötzlich fragte ich mich, ob Snape im Zug sein könnte. Bisher hatte ich nur Professor Lupin, ähm, Remus im Zug fahren sehen und das war in meinem dritten Schuljahr gewesen. Ich vermutete, dass die meisten Lehrer bestimmt direkt apparierten als sich die ewige Fahrt anzutun. Trotzdem hatte ich ständig die Befürchtung, Snape gegenüberzustehen, und ich wusste noch nicht, wie ich ihn ansehen sollte, nun da ich seine Geschichte kannte…

Normalerweise machte mir die Arbeit Spaß, doch heute erhielten wir so viele unnötige und nervige Fragen, dass mir langsam der Geduldsfaden riss.

„Stimmt es, dass Harry Potter der Auserwählte ist?"

„Ist es wahr, dass ihr im Ministerium gegen Ihr-Wisst-Schon-Wen gekämpft habt?"

„Entspricht es der Wahrheit, dass Potter genauso hirnverbrannt wie Dumbledore geworden ist?"

Das einzige, was Ron und ich daraufhin erwiderten, war jedes Mal ein immer gereizter werdendes: „Dazu geben wir keinen Kommentar!"

Ich war heilfroh, als unsere Schicht zu Ende war und wir uns auf die Suche nach Harry machten.

„Hey, sieh mal", hielt Ron mich plötzlich an und zeigte auf ein Abteil.

Sofort entdeckte ich Blaise, Pansy, Draco, Crabbe und Goyle – dies schien das Slytherin-Abteil unseres Jahrgangs zu sein.

Als Malfoy mich sah, blickte ich ihn vorwurfsvoll an – schließlich hatte er seinen Dienst vernachlässigt! – doch er grinste nur breit und zeigte uns dann den Mittelfinger! Bevor ich mich jedoch zu sehr darüber ärgern konnte, zog Ron mich weiter.

Ein paar Waggons weiter entdeckten wir das Abteil mit Harry, Neville und Luna. Nach der allseits freundlichen Begrüßung setzten wir uns dazu.

Wenn der Imbisswagen sich nur mal beeilen würde, ich verhungere noch", stöhnte Ron und blickte sehnsüchtig auf den Gang. Danach berichtete er Harry von Dracos Schwänzen.

Dieser war genau so verwundert über das Verhalten des Slytherins wie wir, auch wenn er es natürlich sofort wieder mit seiner neusten These verbinden wollte… Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Draco ein Todesser sein sollte und deswegen Wichtigeres zu tun hätte als seinen Job als Vertrauensschüler zu machen.

Doch bevor Harry richtig ins Diskutieren kommen konnte, kam eine Drittklässlerin herein und gab schüchtern Harry und Neville jeweils eine Pergamentrolle.

Was ist es?", fragte Ron, als Harry seine geöffnet hatte.

Eine Einladung", erwiderte Harry. Anscheinend wollte der neue Professor Slughorn mit den beiden zu Mittag essen.

Aber warum will er mich dabeihaben?", fragte sich Neville plötzlich nervös.

Keiner wusste es natürlich, doch ich wunderte mich ebenso. Dass ein neuer Professor den berühmten Harry Potter näher kennenlernen wollte, war verständlich, aber warum hatte er auch Neville eingeladen? Warum nicht Ron, Luna oder mich? Wir alle hatten doch im Ministerium gekämpft?

Doch den beiden blieb nicht viel übrig und so verabschiedeten sie sich von uns und suchten Slughorn auf.

Luna war in ihre Zeitschrift vertieft, während sie eine Art Gespensterbrille trug, die sie wie eine seltsame Eule aussehen ließ.

„Worum geht es in deinem Artikel gerade, Luna?", fragte ich so freundlich und unvoreingenommen wie möglich. Ich war noch nie besonders gut mit ihr zurechtgekommen, weil ich einfach nicht an den ganzen Kram glaubte, der im Klitterer stand, doch Ginny hatte mir erzählt, wie schlecht Luna von den meisten ihrer Mitschüler behandelt wurde, und daher versuchte ich, netter zu dem Mädchen zu sein.

Luna beäugte mich kurz skeptisch, bevor sie mir immer enthusiastischer von Schlickschlupfen erzählte. Was das für Wesen waren, verstand ich dennoch nicht.

„Und nur durch diese Brille kann man sie sehen", meinte sie nun. „Willst du es mal ausprobieren?" Mit großen Augen hielt sie mir das Stück Plastik entgegen.

„Klar", erwiderte ich unsicher, um nicht unhöflich zu sein. Ich setzte die Brille auf und alles verschwamm ein wenig und nahm rosa und blaue Farben an.

„Wenn du jetzt so kleine grüne Punkte siehst, sind das Schlickschlupfe. Meistens sind sie im Kopf. Schau mal Ron an!"

Ich tat ihr den Gefallen, doch ich konnte nichts erkennen. Gespielt enttäuscht schüttelte ich mit dem Kopf und nahm die Brille ab. „Ich kann leider keine finden." Ich gab ihr die Brille zurück. „Aber danke trotzdem."

Sie nahm die Brille entgegen und strahlte mich so aufrichtig glücklich an, dass ich das Gefühl hatte, alles richtig gemacht zu haben. „Gerne."

Ron wippte auf seinem Platz hin und her, bis endlich die Imbissdame kam und er sich etwas zu essen kaufen konnte.

Ich aß ebenfalls ein Sandwich und einen Schokofrosch (und schenkte Ron die Karte, weil er mehr damit anfangen konnte als ich – anscheinend sogar eine neue seiner Sammlung, denn er machte große Augen und bedankte sich überschwänglich) und holte ein Buch heraus, um zu lesen.

Ich war so vertieft in meine Lektüre (das neue Verteidigung gegen die Dunklen Künste Buch; ich hatte mir schließlich vorgenommen, mein Defizit in diesem Fach zu vernichten), dass ich erst wieder aufsah, als die Abteiltür sich öffnete und Neville hereinkam. Verwundert stellte ich fest, dass die Sonne schon unterging; bald würden wir da sein.

„Wo ist Harry?", fragte ich verwundert.

Neville zuckte mit den Schultern. „Kommt bestimmt gleich. Ich glaub, er wollte noch mal was nachsehen."

Ich runzelte die Stirn – hoffentlich tat er nichts Verbotenes!

„Und, was wollte Slughorn?", fragte nun Ron und Neville erzählte uns von Slughorns Mittagessen der begabten und berühmten Schüler.

Zum einen war ich neidisch, nicht auch dabei gewesen sein zu dürfen, denn anscheinend war es eine große Ehre, so auserlesen zu werden, andererseits fand ich es auch ungerecht, wenn allein dein Name oder deine Verwandtschaft dir Ruhm einbringt, denn dann hatte man ja keine Eigenleistung erbracht, auf die man stolz sein konnte. Nur wegen eines Netzes aus guten Kontakten sich Geld und Ämter zu beschaffen, empfand ich als Schummeln.

Als wir in den Bahnhof Hogsmeade hineinfuhren, war Harry noch immer nicht aufgetaucht.

„Er geht bestimmt durch ein anderes Abteil nach draußen und wartet dort auf uns", meinte Ron hoffnungsvoll. „Lass uns seine Sachen mitnehmen."

Ich nickte, doch ich hatte ein ganz ungutes Gefühl bei der Sache.

Wir betraten den Bahnsteig und hielten Ausschau nach Harry, doch ich konnte ihn nirgendwo entdecken…